Die Frage nach dem "Ich" im Tagebuch von Max Frisch

Selbstreflexion /-fiktionalisierung zwischen fiktiven Texten


Bachelorarbeit, 2019

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einordnung des Tagebuch Max Frischs in den Kontext der Tagebuchliteratur
2.1 Überblick Tagebuchliteratur
2.1.1 Journal intime, Künstlertagebuch oder literarisches Tagebuch?
2.1.2 Privates versus öffentliches Tagebuch

3. Analyse des Tagebuchs
3.1 Einteilungskriterien und grundsätzliche Beobachtungen
3.2 Faktische Passagen
3.3 Beschreibende Passagen
3.4 Schriftsteller Passagen
3.5 Reflexive Passagen
3.6 Fiktionale Passagen
3.7 Mischformen
3.8 Auswertung

4. Das diaristische „Ich“: Selbstreflexion versus Selbstfiktionalisierung
4.1 Fiktion und Reflexion
4.1.1 Problematisierung innerhalb der Tagebuchliteratur: Autofiktion
4.1.2 Gegenüberstellung im Tagebuch von Max Frisch
4.1.3 Die Figur Marion - eine Projektion?

5. Fazit

6. Quellen

1. Einleitung

Innerhalb der Literaturwissenschaft ist dem Tagebuch lange keine Aufmerksamkeit geschenkt worden. Sei es wegen der zunächst oberflächlich anmutenden Banalitäten des Alltags, die im Tagebuch Erwähnung finden oder sei es dem Umstand geschuldet, dass jeder Mensch in der Lage ist, ein solches Buch zu verfassen und der literarische Wert dementsprechend auf den ersten Blick gering sein mag. Jedoch hat sich das Interesse an diesem Alltagsgegenstand im Laufe der Zeit, genauer gesagt im 19. Jahrhundert, geändert: Man erkannte, dass das Tagebuch ganz neue literarische Perspektiven ermöglicht. Durch seine multimedialen Möglichkeiten ist es universell gestaltbar und erlaubt dem Leser eine scheinbare Nähe zum Autor, der sein In­nerstes, seine Gedanken, Wünsche und Hoffnungen in diesem Buch festhält. Doch bei näherer Betrachtung muss vorsichtig mit dieser These umgegangen werden, da dies nicht ausnahmslos auf alle Arten von Tagebüchern zutrifft.

Eben die bezeichnende Offenheit des Tagebuchs macht es schwer, normative Thesen über diese Art von Literatur aufzustellen. Dazu gehört auch die Frage nach dem Sprecher-Ich: Bildet sich das „Ich“ im Laufe des Schreibprozesses erst heraus oder reflektiert es sich bereits selbst im Geschriebenen? Dies soll in der vorliegenden Arbeit am Beispiel des ersten Tagebuchs von Max Frisch, welches in den Jahren 1946 bis 1949 verfasst wurde, untersucht werden. Dieses ist besonders interessant, da es neben autobiographischen Fakten, Beschreibungen und reflexiven Passagen unter anderem über allgemeine Themen wie Sprache, Schriftstellerei, Theater, Mari­onetten und Marionettenspielern, zwischenmenschliche Schwierigkeiten, auch aus narrativen, fiktionalen Teilen besteht. Diese sind in die Tagebucheinträge eingebettet und sollen Max Frisch als Vorlage für viele seiner weiteren Werke, darunter unter anderem „Homo Faber“, „Graf Öderland“ und „Andorra“, gedient haben. Deswegen soll das Tagebuch zunächst in den Kontext der Tagebuchliteratur, auch im Hinblick auf die unterschiedlichen Forschungspositio­nen, gestellt werden und eine Einordnung bzw. Klassifizierung durchgeführt werden. Im An­schluss daran soll eine formale und inhaltliche Analyse der Einträge vorgenommen werden, um festzustellen, in welchem Verhältnis die Einträge zueinander stehen, ob Muster erkennbar sind und falls ja, wie diese interpretiert werden können mit Bezug auf die Fiktion, die Reflexion und die autobiographischen Passagen im Hinblick auf das Sprecher-Ich. Im weiteren Verlauf sollen dann verschiedene Forschungspositionen zur Problematisierung des Tagebuchs hinsichtlich des Sprecher-Ichs aufgezeigt und auf das Tagebuch I übertragen werden. Dabei soll im Speziellen auf die Figur des Puppenspielers Marion eingegangen werden, der eine wichtige Funktion im ersten Jahr des Tagebuch einnimmt. Der ursprüngliche Titel des Tagebuchs lautete sogar „Tagebuch mit Marion“. Diese Funktion wird in der Forschung unterschiedlich bewertet und es wird ihr unterschiedlich viel Gewicht gegeben. Abschließend soll darauf aufbauend ein Fazit hinsichtlich des Sprecher-Ichs, seiner Fiktion und/oder Reflexion gezogen werden.

2. Einordnung des Tagebuch Max Frischs in den Kontext der Ta­gebuchliteratur

2.1 Überblick Tagebuchliteratur

Das folgende Kapitel soll der Einordnung und Klassifizierung des Tagebuchs von Max Frisch in den größeren Kontext der Tagebuchliteratur dienen. Dafür werden die verschiedenen Un­terarten der Kategorie Tagebuch aufgeführt und mit dem „Tagebuch 1946-1949“ abgegli­chen. Dies wird zur Grundlage der Untersuchung des Sprecher-Ichs.

2.1.1 Journal intime, Künstlertagebuch oder literarisches Tagebuch?

Die grundlegendste Form des Tagebuchs geht auf den Kalender zurück, in den die Termine des alltäglichen Lebens eingeschrieben wurden. Es lassen sich schon früh Aufzeichnungen von Ge­danken und Gefühlen finden, oftmals auch von Geistlichen als Ansprache oder Dialog an und mit Gott. Das Tagebuch als literarische Form wird aber erst im 19. Jahrhundert auch für die Wissenschaft interessant. „Mit der Entstehung und Verstärkung von Subjektivität, Selbstrefle­xion und Selbstanalyse [...] kommen die Tagebuchaufzeichnungen [...] zunehmend in Mode.“1 Wie bereits einführend erwähnt, ist es bei dieser Art der Literatur schwierig, normative Krite­rien zu finden, um eine scharf voneinander abgetrennte Einteilung vorzunehmen, da das Tage­buch aufgrund seiner Offenheit gegenüber Gestaltung, Form und Inhalt äußerst vielfältig erscheint. Oftmals wird das Tagebuch als eine Unterform der Autobiographie bezeichnet. Phi­lippe Lejeune spricht in seinem Aufsatz „Der autobiographische Pakt“ von „Übergänge[n] [der Autobiographie] zu anderen Gattungen der intimen Literatur (Memoiren, Tagebuch, Es- say)“2. Im Unterschied zur Autobiographie wird das Tagebuch nicht so sehr rückgewandt ge­führt. Es kann sich zwar auch auf Vergangenes beziehen, legt den Fokus allerdings eher auf gegenwärtige Ereignisse und Gefühle. „Das Tagebuch [...] verleiht dem Alltäglichen eine Bedeutung, die ihm von anderen autobio­graphischen Gattungen [...], in denen das Leben als einheitliches Ganzes konfiguriert wird, so nicht zugestanden wird.“3

Es gibt im Tagebuch im Gegensatz zur Autobiographie keinen Anspruch auf unbedingte Kohä­renz. Das fällt auch im Tagebuch Max Frischs auf: Zunächst scheint ein Großteil der Einträge nicht zusammenhängend verfasst zu sein, auch wenn sich einige der Überschriften innerhalb der vier Jahre wiederholen. Auf diese Verhältnisse und Zusammenhänge soll im nächsten Ka­pitel näher eingegangen werden.

Unter den Begriff „Journal intime“ fallen die im allgemeinen Sprachgebrauch als „klassische“ Tagebücher empfundenen: Jene, in denen Gefühle und Gedanken festgehalten werden, eine Abbildung der Innenwelt eines Menschen. Der Verfasser eines solchen Journal intimes verwen­det dieses meist als Ersatz für einen Gesprächspartner, was auf eine isolierte Lebenssituation des Schreibenden hinweist. Ein besonders bekanntes Beispiel dafür ist das Tagebuch der Anne Frank, die sich in ihrem Versteck vor den Nationalsozialisten in ihr Tagebuch flüchtet und sich in diesem an ihre erfundene Freundin Kitty wendet. Ein solches Tagebuch wird im Generalfall nicht von vornherein für ein Publikum geschrieben, was bei anderen Tagebüchern durchaus der Fall sein kann, sondern dient eher dem Selbstzweck und einem Festhalten von Gefühlen. Inte­ressant hierbei ist, dass das Sprecher-Ich sich selbst beobachtet: Es ist Subjekt und Objekt zu­gleich. „Der Zwiespalt zwischen Bewußtsein und Empfindung, Selbstbezogenheit und Hingabefähig­keit führt zu einer besonderen Form der Selbstbeobachtung, in dem das Ich Subjekt und Objekt zugleich ist [.].“4

Es gibt sehr wenige Passagen im Tagebuch Max Frischs, die einem Journal intime nahekom­men. Im Jahr 1947 gibt es einen Eintrag „Zur Schriftstellerei“5 in dem er sich ebenfalls einen Dialogpartner zum titelgebenden Thema ausdenkt. Hierbei geht es um die Rolle der Schriftstel­ler, zu denen er selbst auch zählt, in der Gesellschaft. Er reflektiert, gemeinsam mit seinem imaginären Gesprächspartner, „[e]r ist vielleicht Arzt oder so“6, somit auch seine eigene Stel­lung innerhalb der Gesellschaft. Insgesamt enthält das Tagebuch nicht viele private Details des Autors. Auch geheime Gedanken, Wünsche oder Hoffnungen sucht man im Tagebuch vergeb­lich. Deswegen wäre eine Einordnung als Journal intime nicht sinnvoll.

Die zweite große Unterkategorie der Tagebücher trägt den Namen „Künstlertagebuch“. Dieses ist dem Journal intime ähnlich und sie sind daher nicht immer eindeutig voneinander zu unter­scheiden. Kennzeichnend für ein Künstlertagebuch ist, dass neben autobiographischen Passa­gen auch Reflexionen über Literatur, bildende Kunst und Studien dazu vorhanden sind. Es existiert eine Form der Selbstbeobachtung im Künstlertagebuch, allerdings ist diese weniger gefühlsbetont als im Journal intime. Der Schreibende sieht sich im Tagebuch nicht mehr als Zentrum der Welt, sondern im Verhältnis zu den Dingen der Außenwelt. Die hier angeführten Merkmale lassen sich zu einem Großteil im Tagebuch Frischs finden, in dem es viele Einträge gibt, die sich mit der Schriftstellerei und dem Theater als Kunstform auseinandersetzen und sentimentale Äußerungen von Gefühlen nur sehr selten zu finden sind. Die Selbstbeobachtung ist allerdings nicht immer offensichtlich, deswegen ist auch eine Klassifizierung als Künstler­tagebuch nicht komplett zutreffend.

Ferner spricht man von einer Form des Tagebuchs, die sich das „literarische“ Tagebuch nennt: „Ansatz der jüngeren Forschung ist es, zwei gegensätzliche Tagebuchformen, nämlich die au­tobiographische Zweckform und das literarische Tagebuch, zu unterscheiden. Doch fehlt es an Kriterien, mit denen die beiden Formen gegeneinander abgegrenzt werden können. Ein zentrales Problem der Tagebuchtheorie stellt deshalb auch die Frage nach einer Grenzziehung zwischen autobiographischer und fiktionaler Verwendung dar.“7

Auch hier fehlt es an normativen Kriterien, um eine eindeutige Einteilung durchzuführen. Das eben angesprochene Problem zwischen Fiktion und Autobiographie stellt sich vor allem bei Tagebüchern, bei denen der Inhalt nicht überprüfbar ist oder die Angaben nicht genau sind: Einige Tagebücher lassen sich problemlos als rein fiktiv und damit auch als grundsätzlich lite­rarisch einordnen, zum Beispiel durch Buchtitel, Untertitel oder das Nicht-Übereinstimmen des Autors und des Sprecher-Ichs. Das gilt jedoch nicht für alle: Es gibt Tagebücher, bei denen es nicht klar hervorgeht, ob es sich um ein fiktives oder tatsächlich existierendes Sprecher-Ich handelt, da das Tagebuch dem Schreibenden ermöglicht, ein Ich zu konstruieren, das ihm ähn­lich ist, aber jedoch nicht komplett mit seiner Persönlichkeit übereinstimmt.

Das Tagebuch Frischs wird in der Forschung überwiegend als ein solches literarisches Tage­buch klassifiziert. Horst Steinmetz erkennt innerhalb der Forschung eine „Neigung [...] Tage­bücher dann als literarisch zu bezeichnen, wenn Dichter oder Schriftsteller ihre Verfasser sind.“8 Dieses Kriterium erfüllt das Tagebuch Frischs. Für eine Klassifizierung als literarisches Tagebuch spricht die Zusammensetzung der unterschiedlichen Einträge, die Frisch festhält: Ne­ben den Reflexionen und Beschreibungen treten häufig auch klar als fiktiv identifizierbare und damit literarische Passagen auf und das nicht mit den für das Tagebuch typischen Datumsan­gaben als Gliederungshilfe, sondern mit einzelnen Überschriften, die wie kleine Titel wirken. Es ist jedoch kein rein literarisches Tagebuch im Sinne einer reinen Fiktion, da große Teile des Tagebuchs reflexiven Inhalt besitzen und auch autobiographische Elemente enthalten sind. Die Frage nach der Literarizität der reflexiven und autobiographischen Parts des Tagebuchs wird zu einer Frage der Authentizität ebendieses, die das Thema der vorliegenden Arbeit zum Teil ausmacht. Klärt man also die Frage nach dem literarischen Tagebuch, erhält man die Selbstfik­tion betreffend, eine Richtung.

2.1.2 Privates versus öffentliches Tagebuch

Ein weiteres Kriterium bei dem Versuch, Tagebücher zu klassifizieren und einzuordnen, ist das zunächst nur privat angelegte gegenüber dem für die Veröffentlichung angelegtem Tagebuch, das eher zum Begriff des „literarischen Tagebuchs“ gehört. Hierbei muss desweitern unter­schieden werden, ob es sich um eine reine Fiktion handelt oder ob auch autobiographische Ele­mente Schreibenden enthalten sind, was sich bereits im Vorausgegangenen als nicht immer leicht und eindeutig zu unterscheiden herausgestellt hat und im Kapitel vier der vorliegenden Arbeit noch einmal genauer thematisiert wird. Die Möglichkeit der Kombination aus Fiktion und Autobiographie prägt den hybriden Charakter des Tagebuchs und erschwert die Untersu­chung.

Bei einem privaten Tagebuch ist es schwer bis unmöglich festzustellen, ob der Schreibende seinen Text allein zu eigenen Verwendungszwecken oder im Hinblick auf eine mögliche Le­serschaft geschrieben hat. In dem Aufsatz „Montag Ich. Dienstag Ich. Mittwoch Ich. Versuch einer Phänomenologie des Diaristischen“ gibt Christiane Holm der „Erinnerungsfunktion des Tagebuchs“9 die Schuld daran. Diese führe „fast zwangsläufig zu Verwirrungen in der Adressierung, eben weil die Schreibenden sich selbst auf den Verdacht hin, es später einmal zu vergessen, Zusammenhänge erklären, die ihnen doch gegenwärtig geläufig sind.“10

Hans Werner Richter kritisiert in seinem Aufsatz mit dem plakativen Titel „Warum ich kein Tagebuch schreibe“ die Form und die Unaufrichtigkeit des literarischen Tagebuches: „Verfälsche ich nicht den Sinn des Tagebuchs? Ich will aufschreiben, was der Tag gebracht hat, Tag für Tag. Ich will notieren, was für mich wesentlich ist, nicht, was für andere interessant erscheint. Wenn ich aber meine eigenen Erlebnisse unter dem Gesichtspunkt sehe, ob sie auch für andere interessant sind, befinde ich mich bereits in einem Verfälschungsprozeß. Ich verfäl­sche nicht nur mein eigenes Leben [...] ich verfälsche auch mein Tagebuch. Indem ich versuche, auch mit den Augen der anderen, der Leser von Morgen, zu sehen, gerate ich in einen Zweispalt zwischen Objektivität und Subjektivität.“11

Den Konflikt zwischen Subjekt und Objekt, den Wuthenow, wie bereits erwähnt, als eine Be­sonderheit des Journal intimes ansieht, also die Betrachtung des Ichs als Subjekt und aber eben auch als Objekt, wird hier im Hinblick auf die Haltung und Hinwendung des Schreibenden in Richtung des Lesers negativ bewertet und als Verfälschung des ursprünglichen Sinnes des Ta­gebuchs abgewertet, da nach Richter hierbei die Authentizität des Ichs verloren geht und statt­dessen ein Ich konstruiert wird, das einem Leser gerecht werden soll. Die Subjektivität wird also verfälscht und geht damit in gewisser Weise verloren.

Max Frisch selbst hat sich in einem Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold über die Veröffentli­chungsabsicht seines Tagebuchs geäußert: „[A]lles, was in diesem ersten Tagebuch steht, ist für die Veröffentlichung geschrieben worden.“12 Auch im Vorwort seines ersten Tagebuchs wendet sich Frisch an einen potentiellen Leser, „einmal angenommen, daß es ihn gibt“13 mit der Bitte, das Tagebuch als ein Ganzes zu sehen und zu lesen. Man kann also ohne jeden Zwei­fel sagen, dass das Tagebuch von Max Frisch mit der festen Absicht einer Veröffentlichung verfasst wurde. Das unterstützt die Einordnung des Werks als ein literarisches Tagebuch, zählt man nach dem bereits zitierten Steinmetz „alle Tagebücher dazu, die für eine Veröffentlichung bestimmt sind“14. Dies muss bei der weiteren Untersuchung des Sprecher-Ichs berücksichtigt werden.

3. Analyse des Tagebuchs

3.1 Einteilungskriterien und grundsätzliche Beobachtungen

Die folgende Analyse des Tagebuchs soll zunächst auf formaler Ebene durchgeführt werden. Es werden äußerliche Merkmale, Muster und strukturale Elemente des Tagebuchs herausgearbeitet und untersucht. Da auch die thematischen Zusammenhänge nicht unerheblich sind, werden auch diese analysiert und mit Bezug auf das Sprecher-Ich interpretiert.

Eine Einteilung der Einträge wurde bereits von einigen Wissenschaftlern vorgenommen: So schlägt beispielsweise Gerhard P. Knapp eine Unterteilung in fünf Kategorien vor: „[1.] Texte, die ihrer Herkunft nach faktische Texte, bzw. Dokumentation der Zeitgeschichte sind; [...] [2.] Eintragungen, in denen faktische Eindrücke oder allgemeine Sachverhalte vom Tagebuch-Ich registriert und reflektiert werden; [...] [3.] Eintragungen, die den persönlichen Bereich des diaristischen Ich betreffen; [.] [4.] die Notate, die sich mit poetologischen Fragen oder der Rolle des Schriftstellers dieser Zeit befassen; [und 5.] [.] fiktionale Notate“15.

Um das Tagebuch im Hinblick auf das Sprecher-Ich zu untersuchen, werden diese Kategorien ein wenig verändert: Die zweite Kategorie Knapps wird die Notate mit poetologischen Frage­stellungen aus Kategorie vier unter dem Begriff „Reflexionen“ beinhalten. Dafür werden die Notate über die Rolle des Schriftstellers in einem eigenen Teil untersucht, da es sich dabei wie bereits erwähnt auch um eine Form der Selbstreflexion des Schriftstellers Frischs handelt und für die Untersuchung des Tagebuch-Ichs relevant ist. Kategorie eins findet sich unter „fakti­schen Passagen“ wieder. Auch die fünfte Kategorie wird übernommen, zusätzlich wird in der nachfolgenden Untersuchung auch auf die Mischformen im Tagebuch eingegangen: Es gibt einige Einträge, in denen sich Reflexionen, allgemeine Beobachtungen und oder Fiktionen ne­beneinander oder miteinander vermischt auftreten und sich daher nicht eindeutig in eine der genannten Kategorien einordnen lassen.

Zum „Tagebuch 1946-1949“ lässt sich grundsätzlich sagen, dass ein genauer Schreibrhythmus aufgrund der zum Großteil fehlenden Datumsangaben nicht festgestellt werden kann. Einzig die Anzahl der Einträge pro Jahr kann genannt werden: Im Jahr 1946 sind es 41, im darauffol­genden Jahr sind es 34, 1948 sind es ebenfalls 34, danach zählt man 25 Einträge, fasst man die literarischen Passagen, die oft in mehrere Teile unterteilt sind, zu einem zusammen. Das erste Jahr des Tagebuchs war also das produktivste, die Anzahl der Einträge ist in den anderen Jahren insgesamt relativ ausgeglichen. Die Jahreszahlen unterteilen das Tagebuch in vier verschiedene Teile, die wiederrum in Überschriften gegliedert sind.

Zu den Einträgen, die sich eindeutig durch inhaltliche Kohärenz in eine Kategorie einordnen lassen, lässt sich feststellen, dass es insgesamt fünf faktische Einträge, 48 autobiographische und beschreibende Einträge, 36 Reflexionsbeiträge, darunter fünf Einträge über die Schriftstel­lerei, 16 fiktionale Passagen und 28 Mischformen sind.

[...]


1 Sepp, Arvi: “Alltäglichkeit und Selbstverschriftlichung: Kulturwissenschaftliche und gattungshistorische Über­legungen zum Tagebuch.“ In: Gymnich, Marion/ Neumann, Birgit/ Nünning, Ansgar (Hg.): Gattungstheorie und Gattungsgeschichte. Trier 2007, S. 207.

2 Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt. Frankfurt am Main 1994, S. 15.

3 Sepp, Arvi: “Alltäglichkeit und Selbstverschriftlichung: Kulturwissenschaftliche und gattungshistorische Über­legungen zum Tagebuch.“ In: Gymnich, Marion/ Neumann, Birgit/ Nünning, Ansgar (Hg.): Gattungstheorie und Gattungsgeschichte. Trier 2007, S. 210.

4 Wuthenow, Ralph Rainer: „Journal intime“ in: Europäische Tagebücher. Eigenart - Formen - Entwicklung. Darmstadt 1990, S. 70.

5 Frisch, Max: Tagebuch 1947-1949, Berlin 1985, S. 182-183.

6 Ebd., S. 183.

7 Heinrich-Koryps, Meike: Tagebuch und Fiktionalität. Signalstrukturen des literarischen Tagebuchs am Bei­spiel der Tagebücher von Max Frisch. St. Ingbert 2003, S. 30.

8 Steinmetz, Horst: Max Frisch: Tagebuch, Drama, Roman. Göttingen 1973, S. 14.

9 Holm, Christiane: „Montag Ich. Dienstag Ich. Mittwoch Ich. Versuch einer Phänomenologie des Diaristi- schen.“ In: Gold, Helmut/ Holm, Christiane/ Bös, Eva/ Nowak, Tine (Hg.): Absolut privat?! Vom Tagebuch zum Weblog. Heidelberg 2008, S. 34.

10 Ebd.

11 Richter, Hans Werner: „Warum ich kein Tagebuch schreibe“. In: Schulz, Uwe (Hg.): Das Tagebuch und der moderne Autor. Günther Anders, Heinrich Böll, Elias Canetti, Marie Luise Kaschnitz, Wolfgang Koeppen, Hans Werner Richter, Arno Schmidt, Ulrich Sonnemann. München 1965, S. 102.

12 Arnold, Heinz Ludwig: Gespräche mit Schriftstellern. Max Frisch, Günter Grass, Wolfgang Koeppen, Max von der Grün, Günter Wallraff. München 1975, S. 42.

13 Frisch, Max: Tagebuch 1946-1949. Berlin 1985, S. 8.

14 Steinmetz, Horst: Max Frisch: Tagebuch, Drama, Roman. Göttingen 1973, S. 14.

15 Knapp, Gerhard P.: „,Das Weisse zwischen den Worten‘. Studien zur Entwicklung und zur Ästhetik des litera­rischen Tagebuchs der Moderne“. In: Sprachkunst, 28 (2). Wien 1997, S. 299-300.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Frage nach dem "Ich" im Tagebuch von Max Frisch
Untertitel
Selbstreflexion /-fiktionalisierung zwischen fiktiven Texten
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
25
Katalognummer
V967936
ISBN (eBook)
9783346316486
ISBN (Buch)
9783346316493
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Max Frisch, Sprecher-Ich, Selbstfiktionalisierung, Tagebuch, Tagebuchliteratur, Komparatistik
Arbeit zitieren
Sarah Eppinger (Autor), 2019, Die Frage nach dem "Ich" im Tagebuch von Max Frisch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/967936

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