Hegels Herr-Knecht- Dialektik. Wer ist der "wahre" Herr?

Theorie und Praxis am Beispiel des Theaterstücks "Die Wände" von Jean Genet


Hausarbeit, 2017

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. G.W.F. Hegel’s „Herr“ und „Knecht“

3. „Die Wände“
3.1. Said

4. Wer ist nun der „Herr“?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Phänomen der „Kolonialisierung“ ist geprägt von der Zweiteilung der Menschen in „Kolonialisten“ und „Ureinwohner“. Im allgemeinen Verständnis sind die „Kolonialisten“, die eine neue Kultur, eine neue Sprache und neue soziale Gefüge einbringen, die „Herren“. Sie besitzen Verfügungsgewalt und sehen sich selbst als sozial höher an, während die „Ureinwohner“ für gewöhnlich als „Knechte“ wahrgenommen werden.

Mit der Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels verändern sich die Verhältnisse im Laufe der Kolonialisierung, denn seine Definition der Beziehung zwischen einem Herrn und seinem Knecht zeigt, dass ebendiese keine dauerhafte Wirkung hat und schlussendlich immer zum Scheitern verurteilt ist, da sich das Verhältnis der beiden umkehrt und somit niemals kontinuierlich bestehen kann.

Um die Definition Hegels deutlicher zu veranschaulichen, wird im Folgenden zuerst auf die Theorie und danach auf die Praxis anhand des Theaterstücks „Die Wände“ von Jean Genet, eingegangen.

Jean Genets „Märchenspiel“, also ein Theaterstück, das märchenhafte bzw. phantastische Züge besitzt, war bei seiner Uraufführung 1961 in Berlin ein Skandal.1 Die Sprache und Figuren seines Stückes fand man zu der Zeit eher in zwielichtigen Kreisen oder schlicht und ergreifend auf der Straße. „Die Wände“ thematisiert die Zeit der französischen Kolonisten in Algerien. Der Zuschauer bzw. die Zuschauerin erhält Einblick in das Leben der Araber, vor allem in das eines Mannes namens Said, ein algerischer Arbeiter, der aufgrund seiner Armut gezwungen ist, Leila zu heiraten, die man als die „hässlichste Frau“2 weit und breit deklariert. Das Stück kann als ästhetische Umsetzung der Herr-Knecht-Dialektik Hegels angesehen werden: Genet wandelt Theorie in Praxis um. Ob er die Theorie Hegels bekräftigt oder widerlegt, soll im Laufe der vorliegenden Arbeit vor allem an der Figur des Saids untersucht werden.

Die „Gewalt“ spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle: sie tritt mehrmals sehr deutlich in verschiedenen Formen im Stück auf. Hinsichtlich des Verhältnisses zwischen „Herr“ und „Knecht“ ist die „Gewalt“ ein wichtiger Aspekt, den es zu untersuchen gilt: inwiefern trägt sie zum Bestehen oder zur Umkehrung der Strukturen bei?

Damit soll letztendlich eine Antwort auf die Frage nach dem „wahren“ Herren gefunden und ein Fazit daraus gezogen werden.

2. G.W.F. Hegel’s „Herr“ und „Knecht“

Das „Selbstbewusstsein“3 ist ein wichtiges Element der „Phänomenologie des Geistes“ von Georg Wilhelm Friedrich Hegel innerhalb der Rollenverteilung der Menschen. Um dieses zu erlangen, findet ein „Übergang vom Bewusstsein zum Selbstbewusstsein“4 statt. Allerdings kann ein Mensch sich nicht selbst bewusst sein, ohne sich nicht in einem anderen Menschen erkannt zu haben. Die Anerkennung spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Um Selbstbewusstsein zu erlangen, braucht es also immer mindestens zwei Menschen, die sich gegenseitig ihre Existenz zusprechen können.

Der Machtfaktor macht hierbei den entscheidenden Unterschied. Nur in Beziehungsgeflechten kann Macht entstehen, ein Mensch allein kann nicht mächtig sein, es braucht andere Menschen, über die er diese Macht ausüben kann. Eine solche Person wird im kolonialen Kontext als „Herr“ bezeichnet, man spricht allgemein vom Kolonialherr, der Macht über seine „Knechte“, die einheimische Bevölkerung, ausübt. Die Selbsterkenntnis ist in dieser Beziehung allerdings schwieriger zu erlangen. Der „Herr“, der sich dem „Knecht“ überlegen fühlt, erkennt dessen Wert als Mensch nicht an, gesteht ihm sein Selbstbewusstsein also nicht zu und nimmt dem Knecht damit die Möglichkeit auf Selbsterkenntnis. Der Knecht hat allerdings einen anderen Vorteil: durch seine Arbeit, die er für den Herrn verrichtet, hat er eine Beziehung zu den zu vollbringenden Dingen oder schlicht die Macht über die Natur. Auf diesem Weg bekommt der Diener die Möglichkeit, sich selbst zu erkennen und Selbstbewusstsein zu erlangen, da er nicht von sich selbst und der „Arbeit“ entfremdet ist. Er ist dem Herrn damit aber noch nicht überlegen. Hegel beschreibt die Beziehung zwischen den beiden als ein Kampf um Leben und Tod. Aus reinem Überlebensdrang entscheidet sich der Knecht, dem Herrn zu gehorchen. Dieser Überlebenswille und die damit verbundene Todesangst schränken den Knecht ein, sie nehmen ihm seine Freiheit, die eigentlich die höchste Bestimmung des Geistes ist. Er ist erneut unterlegen.

Doch der Knecht hat den entscheidenden Vorteil: durch seine körperliche Arbeit, die er für seinen Vorgesetzten tut, lernt er, seine Bedürfnisse zu kontrollieren, denn während der Arbeit muss er den Wünschen des Herrn nach Möglichkeit erfüllen und muss seine eigenen hinten anstellen. Damit ist der Knecht der Herr über seine menschlichen Bedürfnisse, der Herr aber Knecht derselben, da er sich von ihnen leiten lässt und durch sie Befehle erteilt. Die Rollenverteilung ändert sich. Auch lernt der „ehemalige“ Knecht, der sich nun von seiner Rolle befreit und ebendiese abgelegt hat, durch seine Herrschaft über die „Natur“, das heißt die Bearbeitung der Natur und damit ein Verfügen und Herrschen über sie, seine Todesangst abzulegen. Durch diese Befreiung und das Ablegen seiner vorherigen Rolle als Knecht erlangt er „Eigensinn“3. Der „vorherige“ Herr muss sein Selbstbewusstsein dagegen anzweifeln. Zwar wird er von seinem Knecht als Herr anerkannt und hat somit einen Schritt in die richtige Richtung getan, allerdings erwidert er diese Anerkennung nicht, das eigentlich überlegene Subjekt wird also von einer selbst nicht anerkannten Person anerkannt. Die Wertschätzung ist entwertet.

„Diese Dialektik lässt sich an einem prosaischen Beispiel verdeutlichen: Im Wettkampfsport scheint ein hoher Sieg auf den ersten Blick das selbstverständliche Ziel einer jeden Mannschaft zu sein. Fällt der Sieg aber zu hoch aus, verblasst paradoxerweise mit dem Sieg sogleich die Bedeutung dieses Sieges. Der Sieg gegen einen Gegner, den man nicht als gleichwertigen Gegner würdigen kann, schenkt auch dem Sieger kaum Prestige.“4

Die Frage, die sich nun stellt, ist: wie viel wert ist die Anerkennung des Herrn durch seinen Knecht? Beide begegnen sich zunächst nicht auf Augenhöhe. Hat der Knecht nun aber Selbstbewusstsein erlangt, ist die Herr-Knecht-Dialektik zum Einsturz gebracht. Die Anerkennung des Knechts, die dem Herrn seine ursprüngliche Position sichert, bringt ihn paradoxerweise im Laufe der Zeit auch wieder zu Fall. Der Herr kann seine Position nicht länger halten, der Knecht seine Erniedrigung nicht länger hinnehmen, die bestehende Ordnung kann nicht länger existieren.

3. „Die Wände“

Da das Werk als Theaterstück verfasst ist, bekommt der Leser bzw. die Leserin (oder Zuschauer/in) keinen direkten Einblick in die Gedanken und Gefühle der handelnden Personen. Er muss sich einzig und allein mit dem Gesagten und den Handlungen der auftretenden Figuren zufrieden geben. Auch sind die Personen im Stück nicht sehr individuell: die meisten geben nicht viel Preis und sind eher stereotypisch und dadurch leicht ersetzbar. Damit lässt sich das Werk auf nahezu jede mögliche Kolonialisierungssituation, unabhängig von Raum und Zeit, anwenden und übertragen. Die angeführten Persönlichkeiten dienen als eine Art Maske, in die verschiedene Menschen hineinpassen und eingesetzt werden können.

Im Folgenden soll das Verhältnis der beiden Seiten anhand einiger ausgewählter Szenen untersucht werden.

Das Theaterstück spielt zur Zeit des Algerienkriegs, der Krieg zur Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich zwischen 1954 und 1962. Im Vordergrund steht die Geschichte des Einheimischen Saids, ein junger Mann, der aufgrund seiner Armut gezwungen ist, eine Frau zu heiraten, die er eigentlich nicht will. Er arbeitet für einen französischen Kolonialisten und wird immer wieder des Diebstahls angeklagt. Seine Mutter, die namenlos bleibt, weicht die meiste Zeit nicht von seiner Seite und begleitet seine Schritte bis zum Ende des Stücks. Leila, seine Frau, ist ebenso wenig glücklich über ihre Ehe mit Said wie er mit ihr. Auch sie stiehlt hin und wieder verschiedene Dinge und muss zwischenzeitlich mit Said in eine Arrestzelle.

Im 10. Bild treten zwei Figuren der Kolonialisierung auf: Sir Harold, ein Ansiedler und Besitzer eines Zwergpalmenfeldes und Monsieur Blankensee, ebenfalls Farmer. Während die arabischen Männer schwer arbeiten müssen, unterhalten die beiden sich. Es kommt der Rassismus zum Ausdruck, eine generelle Abwertung der arabischen Männer wird ausgesprochen. Die „Gewalt“ kommt hier durch Sprache zum Ausdruck.

In einem der vorangegangenen Kapitel wird die überlegene Haltung der Kolonialisten gegenüber den Arabern deutlich dargestellt: um die Männer beim Arbeiten zu „überwachen“, füllt Sir Harold seinen Handschuh mit Stroh und hinterlässt ihn beim Weggehen mitsamt seiner Uniform am Feld. Ganz deutlich ist das Überlegenheitsgefühl des Kolonialisierers spürbar, der den Bildungsstand seiner Arbeiter für so niedrig hält, um ihnen weißzumachen, dass sie von seinen Kleidungsstücken überwacht werden.

Die Kleidungsstücke, die als Repräsentanten des Kolonialisierers gelten, werden zu Symbolen von Macht und Gewalt, die von den Franzosen auf die Algerier ausgeübt wird. Hierbei handelt es sich um eine eher symbolische Form der Gewalt, sie zeigt die „Apartheid“5 der Kolonialisierten, die durch solche unterdrückt werden, scheinbar keine Möglichkeit des Ein­oder Widerspruchs haben und solche Gesten hinnehmen müssen.

Während Sir Harold und Monsieur Blankensee den Arbeitern im 10. Bild zusehen, kommt heraus, dass die anderen Arbeiter Said beschuldigen, sie zu beklauen und ihn an einen anderen Ort geschickt haben, um dort alleine zu arbeiten. Der „Knecht“ Naceur verteidigt die anderen und versucht, Said schlecht zu machen, doch Sir Harold fühlt sich in seiner Autorität angegriffen und lässt ihn zurückrufen. Sobald es den Anschein macht, dass der Knecht Anspruch auf den Platz des Herrn erhebt, wird dies im Keim erstickt. Auch die Identität der Arbeiter wird verallgemeinert:,,[...]ob es euch paßt oder nicht, er ist Araber wie ihr auch. Die individuelle Identität der Männer wird durch die Sprache, die hierbei wieder der Ort ist, an dem Gewalt ausgeübt wird, aufgelöst.

Um die scheinbar „nahe“ Verbindung zwischen Arbeiter und Plantagenbesitzer zu unterstreichen, prahlt Sir Harold mit der Tatsache, dass er alle seine Arbeiter beim Namen kennt. Hier zeigt sich, dass die Kolonialisten nicht nur von ihrem Überlegenheitsgefühl überzeugt sind, sondern auch der Meinung sind, den Ortsansässigen etwas beizubringen und durch ihre „Erziehung“ eine gute Tat vollbringen.

Obwohl die Herren sich ihre Positionen immer wieder sichern, sind sie sich ebenso bewusst, dass die Arbeiter sich eines Tages gegen sie erheben könnten. MONSIEUR BLANKENSEE: (zu Sir Harold ) Das ist der richtige Ton. Zugleich energisch und doch familiär. Aber man muß auf der Hut sein. Sie könnten sich nämlich eines schönen Tages herausnehmen, bockig zu werden... Und zu antworten...

SIR HAROLD: Da liegt die Gefahr. Wenn sie sich angewöhnen, zu antworten, dann fangen sie nämlich an zu denken.6 7 8

Die Gefahr, die die beiden Herren wittern, ist die Gefahr des „eigenständigen Denkens“. Aufgrund dessen versuchen sie, keinen Raum dafür zu lassen. Allerdings impliziert das auch die Annahme, dass die Araber auch vor der Kolonialisierung noch nicht eigenständig gedacht haben und eigentlich auf die Hilfe der Kolonialisierer angewiesen waren, womit die beiden ihre Positionen gegenüber sich selbst moralisch rechtfertigen könnten. Frantz Fanon nennt die Sprache der Kolonialisten eine9 „[...] Sprache der reinen Gewalt. Der Agent erleichtert nicht die Unterdrückung und verschleiert nicht die Herrschaft. Er stellt sie zur Schau, er manifestiert sie mit dem guten Gewissen der Ordnungskräfte. Der Agent trägt die Gewalt in die Häuser und Gehirne der Kolonialisierten .“10.

[...]


1 vgl. Skasa, Michael: Tüchtiges Gewurstel, in: Zeit online. URL: http://www.zeit.de/2003/24/W_8ande_2fGenet Stand: 10.01.2017

2 vgl. Genet, Jean: Die Wände, Hamburg, 1960, S. 8

3 vgl. Pöggeler, Otto: Selbstbewusstsein als Leitfaden der Phänomenologie des Geistes, Berlin, 2006

4 Kuch, Hannes: Herr und Knecht, Anerkennung und symbolische Macht im Anschluss an Hegel, Frankfurt am Main, 2013, S. 27

5 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt am Main, 1986, S. 155

6 Kuch, Hannes: Herr und knecht, Anerkennung und symbolische Macht im Anschluss an Hegel, Frankfurt am Main, 2013, S. 57

7 Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt am Main, 1966, S. 43

8 Genet, Jean: Die Wände, Hamburg, I960, S. 61

9 ebd.S. 62

10 Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt am Main, 1966, S. 32

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Hegels Herr-Knecht- Dialektik. Wer ist der "wahre" Herr?
Untertitel
Theorie und Praxis am Beispiel des Theaterstücks "Die Wände" von Jean Genet
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Veranstaltung
"Was übrig bleibt ist ein toter Mensch und ein freier Mensch" – Text-Gewalt und Radikalismus in den 1970er Jahren (Europa/USA)
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V967990
ISBN (eBook)
9783346316400
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Genet, Hegel, Herr, Knecht, Dialektik, Die Wände
Arbeit zitieren
Sarah Eppinger (Autor), 2017, Hegels Herr-Knecht- Dialektik. Wer ist der "wahre" Herr?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/967990

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Hegels Herr-Knecht- Dialektik. Wer ist der "wahre" Herr?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden