Das Phänomen der „Kolonialisierung“ ist geprägt von der Zweiteilung der Menschen in „Kolonialisten“ und „Ureinwohner“. Im allgemeinen Verständnis sind die „Kolonialisten“, die eine neue Kultur, eine neue Sprache und neue soziale Gefüge einbringen, die „Herren“. Sie besitzen Verfügungsgewalt und sehen sich selbst als sozial höher an, während die „Ureinwohner“ für gewöhnlich als „Knechte“ wahrgenommen werden.
Mit der Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels verändern sich die Verhältnisse im Laufe der Kolonialisierung, denn seine Definition der Beziehung zwischen einem Herrn und seinem Knecht zeigt, dass ebendiese keine dauerhafte Wirkung hat und schlussendlich immer zum Scheitern verurteilt ist, da sich das Verhältnis der beiden umkehrt und somit niemals kontinuierlich bestehen kann.
Um die Definition Hegels deutlicher zu veranschaulichen, wird im Folgenden zuerst auf die Theorie und danach auf die Praxis anhand des Theaterstücks „Die Wände“ von Jean Genet, eingegangen. Das Stück kann als ästhetische Umsetzung der Herr-Knecht-Dialektik Hegels angesehen werden: Genet wandelt Theorie in Praxis um. Ob er die Theorie Hegels bekräftigt oder widerlegt, soll im Laufe der vorliegenden Arbeit vor allem an der Figur des Saids untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. G.W.F. Hegel’s „Herr“ und „Knecht“
3. „Die Wände“
3.1. Said
4. Wer ist nun der „Herr“?
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit der hegelsche Herr-Knecht-Dialektik auf Jean Genets Theaterstück „Die Wände“. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie sich Machtverhältnisse in kolonialen Kontexten darstellen, ob die Dialektik Hegels in diesem künstlerischen Werk Bestätigung findet oder widerlegt wird und wer letztlich als „wahrer Herr“ identifiziert werden kann.
- Analyse des hegelsche Herr-Knecht-Modells
- Untersuchung der Machtstrukturen im algerischen Kolonialkrieg
- Die Figur des Said als ambivalenter Grenzfall
- Die Rolle von Gewalt und Sprache in Unterdrückungsmechanismen
- Vergleich zwischen theoretischem Modell und literarischer Praxis
Auszug aus dem Buch
3. „Die Wände“
Da das Werk als Theaterstück verfasst ist, bekommt der Leser bzw. die Leserin (oder Zuschauer/in) keinen direkten Einblick in die Gedanken und Gefühle der handelnden Personen. Er muss sich einzig und allein mit dem Gesagten und den Handlungen der auftretenden Figuren zufrieden geben. Auch sind die Personen im Stück nicht sehr individuell: die meisten geben nicht viel Preis und sind eher stereotypisch und dadurch leicht ersetzbar. Damit lässt sich das Werk auf nahezu jede mögliche Kolonialisierungssituation, unabhängig von Raum und Zeit, anwenden und übertragen. Die angeführten Persönlichkeiten dienen als eine Art Maske, in die verschiedene Menschen hineinpassen und eingesetzt werden können.
Im Folgenden soll das Verhältnis der beiden Seiten anhand einiger ausgewählter Szenen untersucht werden.
Das Theaterstück spielt zur Zeit des Algerienkriegs, der Krieg zur Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich zwischen 1954 und 1962. Im Vordergrund steht die Geschichte des Einheimischen Saids, ein junger Mann, der aufgrund seiner Armut gezwungen ist, eine Frau zu heiraten, die er eigentlich nicht will. Er arbeitet für einen französischen Kolonialisten und wird immer wieder des Diebstahls angeklagt. Seine Mutter, die namenlos bleibt, weicht die meiste Zeit nicht von seiner Seite und begleitet seine Schritte bis zum Ende des Stücks. Leila, seine Frau, ist ebenso wenig glücklich über ihre Ehe mit Said wie er mit ihr. Auch sie stiehlt hin und wieder verschiedene Dinge und muss zwischenzeitlich mit Said in eine Arrestzelle.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Kolonialisierung und Vorstellung der Fragestellung zur Herr-Knecht-Dialektik anhand des Werks von Jean Genet.
2. G.W.F. Hegel’s „Herr“ und „Knecht“: Erläuterung des philosophischen Konzepts Hegels bezüglich Selbstbewusstsein, Anerkennung und der Dynamik zwischen Herrschaft und Abhängigkeit.
3. „Die Wände“: Literarische Analyse des Theaterstücks von Genet unter Berücksichtigung des kolonialen Kontextes und der symbolischen Bedeutung der Figuren.
3.1. Said: Detaillierte Betrachtung der Figur des Said, der als ambivalente Grenzfigur zwischen den algerischen und französischen Fronten agiert.
4. Wer ist nun der „Herr“?: Synthese der Ergebnisse zur Frage, ob das hegelsche Modell auf die Akteure des Stücks übertragbar ist und wer tatsächlich Herrschaft ausübt.
5. Fazit: Zusammenführende Betrachtung der Ergebnisse und Beantwortung der Ausgangsfrage zur Dauerhaftigkeit und Umkehrbarkeit von Machtverhältnissen.
Schlüsselwörter
Herr-Knecht-Dialektik, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Jean Genet, Die Wände, Kolonialisierung, Algerienkrieg, Machtverhältnisse, Selbsterkenntnis, Gewalt, Said, Abhängigkeit, Rassismus, Identität, Herrschaft, Widerstand
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Übertragung der hegelsche Dialektik von Herrn und Knecht auf das koloniale Setting des Theaterstücks „Die Wände“ von Jean Genet.
Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Philosophie Hegels zur Anerkennung, die Dynamiken im Algerienkrieg, die Rolle von Gewalt als Unterdrückungsinstrument und die Analyse spezifischer literarischer Figuren.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, inwieweit die Theorie Hegels in der Praxis des Theaterstücks Bestand hat und wer im Kontext der kolonialen Unterdrückung als wahrer Herr gelten kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine hermeneutische Textanalyse angewandt, die philosophische Theorie mit literaturwissenschaftlicher Interpretation und historischem Kontext verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in Hegels Konzept, eine Analyse des Theaterstücks und eine vertiefende Charakterstudie der Figur Said.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Herr-Knecht-Dialektik, Kolonialisierung, Macht, Gewalt, Selbsterkenntnis, Identität und Widerstand.
Wie ist die Rolle der Figur Said einzuschätzen?
Said wird als ambivalente Grenzfigur dargestellt, die zwischen den Kulturen steht und selbst Herr-Knecht-Strukturen in seinem Privatleben reproduziert.
Welche Bedeutung kommt der Gewalt im Stück zu?
Gewalt wird sowohl als physisches Mittel der Auflehnung als auch als strukturelles Instrument der französischen Kolonialmacht interpretiert, welches zur Aufrechterhaltung der Ordnung dient.
Kommt die Arbeit zu dem Schluss, dass ein Einzelner das System verändern kann?
Nein, die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass ein einzelner Mensch, auch ein „Grenzgänger“ wie Said, das koloniale System nicht grundlegend verändern kann.
Was ist die Antwort auf die Frage nach dem wahren Herrn?
Nach den Überlegungen der Arbeit ist der wahre Herr nur als ein Herr ohne Knecht zu definieren, was in dem untersuchten System jedoch nicht realisiert wird.
- Arbeit zitieren
- Sarah Eppinger (Autor:in), 2017, Hegels Herr-Knecht- Dialektik. Wer ist der "wahre" Herr?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/967990