Célestin Freinet und die Schulbücher


Seminararbeit, 1998
14 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Freinets Ansichten über Schulbücher

III. Alternativen zum Schulbuch

IV. Sind heutige Schulbücher Freinet-gerecht? Ein Vergleich

V. Thesenpapier zum Referat

VI. Praktische Anleitung des Seminars

VII. Literaturangaben

I. Einleitung

In meinem Referat möchte ich untersuchen, welche Meinung Célestin Freinet eigentlich über Schulbücher hatte. Außerdem möchte ich an heutigen Schulbüchern exemplarisch untersuchen, ob und inwiefern sich die Prinzipien der Freinet-Pädagogik darin wiederfinden lassen.

Als Beispiele wähle ich die beiden folgenden Lehrbücher (beide für die 5. Klasse):

1.) „Startklar 5 - fit in Wort und Schrift“

Herbert Allerheiligen u.a. (Hrsg.)

Hannover (Schroedel) 1996

2.) „Mittendrin 5 - Sprachbuch“

Werner Broders u.a. (Hrsg.)

Stuttgart (Klett) 1995

II. Freinets Ansichten über Schulbücher

Célestin Freinet vertrat keine gute Meinung über Schulbücher. Er war der Ansicht, daß das Schulbuch alleine schon durch seine Monotonie sowohl den Schüler als auch die Lehrkraft ermüden würde. Die Routine führt dazu, daß auch der Lehrer das kindliche Interesse auszunutzen nicht mehr in der Lage ist. Die Schulbücher sind nach Freinet die Ursache des kollektiven Schulunterrichts, der keinerlei Rücksicht auf die Individualität des einzelnen Kindes nimmt. Schulbücher werden geschrieben von Erwachsenen für Kinder - das bedeutet, daß der Schüler vorgeschrieben bekommt, wann er was im Schulbuch lesen und lernen muß. Ihnen wird einheitliches, sorgfältig gefiltertes Wissen serviert. Dadurch werden die Schüler den Zielen und Methoden der Erwachsenen unterworfen; sie verstumpfen total. Die Entwicklung eigener Fragestellungen und eigener Antworten wird völlig verhindert. So werden die Schüler in keinster Weise auf ihr eigenes Leben vorbereitet. Stattdessen bekommen sie fortwährend fremde Gedanken und Ideen eingetrichtert: „Man bildet das Kind vollständig nach den Vorstellungen der anderen und tötet nach und nach sein eigenes Denken.“ (Freinet: Befreiende Volksbildung, S. 57) Dieses mechanische Lernen hat ein mechanisches Lehren zufolge und dieses wieder mechanisches Lernen - ein Teufelskreis.

Zwar soll den Schülern durch das Schulbuch das Lernen erleichtert werden, aber der Schüler verliert jegliches Interesse am Stoff des Lehrbuches. Das Schulbuch „trägt dazu bei, die Vergötzung der gedruckten Schrift zu fördern.“ (s.o., S. 56)

Jeglicher kritischer Sinn des Schülers wird zerstört, denn er wird an alles glauben, was in seinen Schulbüchern steht. Deshalb wird er nicht in der Lage sein, gedruckte Texte kritisch zu hinterfragen. Er lernt nicht, daß auch seine Texte es wert sind, gedruckt und damit beachtet zu werden.

Der Pädagoge sollte „sich der intellektuellen und moralischen Gefahr bewußt werden, die in der nahezu vollständigen Verwendung des Schulbuches liegt.“ (s.o., S. 59)

Der Schulunterricht müßte viel mehr von den Interessen und Bedürfnissen des Kindes ausgehen; und nicht von den eigenen Überzeugungen und Wünschen der Erwachsenen - insbesondere der Schulbuchautoren und Lehrkräften. Diese sollten den Schülern ermöglichen, „von den Ergebnissen der Erfahrung der Erwachsenen ganz frei zunächst diejenigen auszuwählen, die sie selbst für sich als angemessen empfinden, und dann diejenigen, die sie für begründet, wahr und gut halten.“ (s.o., S. 60)

An dieser Stelle möchte ich noch einen Originaltext von Célestin Freinet anfügen, der die bezeichnende Überschrift “Plus de manuels!“ (dt: „Keine Schulbücher mehr!“) trägt.

Célestin Freinet: “Plus de manuels !“ - „Schluß mit den Schulbüchern !“

„Schulbücher sind ein Instrument der Verdummung. Sie dienen lediglich den offiziellen Lehrplänen - und auch das manchmal sehr schlecht. Manche vergrößern sogar noch die Stoffülle dieser Lehrpläne, ich weiß nicht, aufgrund welchen Irrsinns, und stopfen den Unterricht voll bis zum äußersten. Ganz selten jedoch sind Schulbücher für die Kinder gemacht. Sie behaupten, die Arbeit des Lehrers zu erleichtern und zu ordnen, sie rühmen sich, Schritt für Schritt vorzugehen, im Rhythmus... der Lehrpläne. Der Schüler wird ihnen schon folgen, wenn er kann. Um ihn geht es hier aber gar nicht.

Schulbücher dienen also de facto in erster Linie der Unterwerfung des Kindes unter den Erwachsenen und, noch genauer, unter die gesellschaftliche Klasse, die durch Lehrpläne und Finanzen das Unterrichtswesen beherrscht.

Sicherlich gibt es einige wohlmeinende Pädagogen, die sich im Gegensatz dazu auf die Bedürfnisse und Wünsche des Kindes beziehen und zu einer weniger orthodoxen Auffassung des Unterrichts gelangen. Die großen Verlage jedenfalls denken nicht daran, sich mit ihnen zu belasten, und nur die allerschädlichsten Schulbücher haben wirklich hohe Auflagen.

Selbst wenn die Schulbücher gut wären, wäre es am besten, sie so wenig wie möglich zu benutzen. Denn das Schulbuch - vor allem wenn es schon in den ersten Klassen benutzt wird - trägt dazu bei, die blinde Anbetung des gedruckten Wortes zu verbreiten.

Das Buch ist dann eine Welt für sich, fast etwas Göttliches, dessen Behauptungen man kaum noch in Frage stellt. „Es steht doch im Buch...“, heißt es dann, wogegen es doch gerade wünschenswert wäre zu lehren, daß im Buch auch nur Gedanken stehen, die dem Irrtum unterliegen können und denen man widersprechen kann, wie man auch jemandem widerspricht, der redet.

So töten die Schulbücher jede Kritikfähigkeit; und wahrscheinlich verdanken wir ihnen diese Generationen von Halbgebildeten, die jedes einzelne Wort glauben, das in der Zeitung steht. Wenn das stimmen sollte, dann ist der Krieg gegen die Schulbücher wirklich notwendig.

Aber die Schulbücher unterwerfen auch die Lehrer. Sie gewöhnen sich daran, das immer gleiche Wissen auf immer gleiche Art wiederzugeben, ohne sich darum zu kümmern, ob das Kind es aufnehmen kann. Die schädliche Routine bemächtigt sich des Erziehers.

Was bedeuten schon die Interessen der Kinder, wenn doch auf hundert Seiten alles erstrebenswerte Wissen in einen Text gepreßt ruht, der Stoff, der genügt, um die Examen zu bestehen!

Es ist unbedingt notwendig, daß die Lehrer sich von dieser mechanischen Vermittlung freimachen, um sich der Erziehung des Kindes zu widmen.“

(Hering und Hövel: Immer noch der Zeit voraus. S. 117f.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Célestin Freinet und die Schulbücher
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die Freinet-Pädagogik
Autor
Jahr
1998
Seiten
14
Katalognummer
V9693
ISBN (eBook)
9783638163248
ISBN (Buch)
9783656564010
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freinet, Reformpädagogik, Schulbuch, Schulbücher, Freinet-Druckerei
Arbeit zitieren
Hanna Beyer (Autor), 1998, Célestin Freinet und die Schulbücher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9693

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