Soziale Verortung und religiöser Hintergrund des westfälischen Adels


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

16 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

BEGRIFFSBESTIMMUNGEN

DER ANSPRUCH DES ADELS
DAS FÜRSTBISTUM MÜNSTER
PREUßEN
FRANZOSENZEIT
KÖNIGREICH PREUßEN

AUSBILDUNG UND ERZIEHUNG
IM FÜRSTBISTUM MÜNSTER
DIE AUSBILDUNG IN MÜNSTER
DIE KAVALIERSTOUR
KÖNIGREICH PREUßEN
VORUNIVERSITÄRE AUSBILDUNG
UNIVERSITÄT

ÄMTER UND BERUFE
IM FÜRSTBISTUM MÜNSTER
KIRCHLICHE UND WELTLICHE
REIN KIRCHLICHE
REIN WELTLICHE
ÜBERGANGSZEIT
KÖNIGREICH PREUßEN

RELIGION, KIRCHE UND HIERARCHIE
IM FÜRSTBISTUM MÜNSTER
KÖNIGREICH PREUßEN
DIE KÖLNER WIRREN
DIE HEILIG-ROCKFAHRT 1844

DER RÜCKZUG INS FAMILIÄRE

DAS FEINDBILD: BEAMTE

FAZIT

Einleitung

Der westfälische Adel war vor 1803 die führende Schicht im Fürstbistum Münster. Er besetzte fast alle wichtigen Positionen und stellte mehrfach den Fürstbischof, das heißt den Landesherrn. Er verlor durch die Mediatisierung und Säkularisierung, während der Münster erst preußisch, dann französisch und anschließend wieder preußisch wurde, viel seiner Macht und seines Einflusses. Deswegen stand er diesen Erneuerungen sehr kritisch und ablehnend gegenüber. Er entwickelte einen Beharrlichen Konservatismus, der auch an der Katholischen Kirche ausgerichtet war. Diese war eine konstante Komponente und spielte durch die Einheit von Kirche und Staat vor 1803 eine wichtige Rolle im adligen Selbstverständnis. Zum einen stellte sie wichtige Versorgungsmöglichkeiten nachgeborener Kinder bereit, zum anderen aber auch wichtige Aufgabenfelder und Führungspositionen. Letztere waren durch den unangefochtenen, durch eine unterstellte besondere Adelsqualität begründeten, dem Adel vorbehalten und teilweise erblich. Die Kirche war ein Ort der adligen Selbstdarstellung und des Führungsanspruches auf allen Ebenen.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Verknüpfungen zwischen Staat, Hierarchie, Kirche, Religion, Politik und Verhalten des Adels und die historischen Auswirkungen dieser Verknüpfung in den Zeitabschnitten Fürstbistum Münster, Preußen, Franzosenzeit und Königreich Preußen aufzuzeigen. Dabei stütze ich mich auf die Arbeit „Westfälischer Adel 1770 -1860. Vom Herrschaftsstand zur regionalen Elite.“ von Heinz Reif, Göttingen 1979

Begriffsbestimmungen

Da sich der Adel in jedem der 4 Staatssystem Fürstbistum Münster, Preußen als Teil des Reiches, unter französischer Besetzung und Preußen als unabhängiger Staat den Begebenheiten anpassen mußte, und dies auch in Kirchlicher Hinsicht tat, ist eine Trennung der Begriffe notwendig, um Doppeldeutigkeiten zu vermeiden. Es dauerte bis 1803, danach fiel das Fürstbistum an Preußen, das noch Teil des Reiches war. Ich bezeichne diesen Staat hier als zur Vereinfachung als Preußen, den Staat ohne offizielle Bindung an das Reich als Königreich Preußen, obwohl dieser Begriff im engeren Sinne nur auf Ost- und Westpreußen zutrifft, dessen König in Personalunion noch andere Gebiete, unter anderem Westfalen regierte. Trotzdem wurde auch in der hier untersuchten Zeit alle in dieser Personalunion vereinten Gebiete als Königreich Preußen bezeichnet, der Begriff ist also zeitimmanent. Die Zeit zwischen der ersten und der zweiten preußischen Besetzung bezeichne ich in Anlehnung an Reif zusammenfassend als Franzosenzeit, unabhängig von einer formalen Zugehörigkeit zum Großherzogtum Berg oder zum Königreich Frankreich.

Der Adel engagierte sich auf allen Ebenen der katholischen Kirche. Die zeitabhängige, vom jeweiligen Staatskirchenrecht geprägte Kirchenverwaltung und religiösen Ämter bezeichne ich als Hierarchie, die Gesamtheit der Angehörigen der katholischen Kirche als Bevölkerungsgruppe, deren Kennzeichen eben diese Kirchenzugehörigkeit ist, bezeichne ich hier als Kirche, die Auswirkungen auf das jeweilige Leben, Erziehung, soziale Kompetenzen und andere, die Persönlichkeit beeinflussende Faktoren als Religion.

Mit dem Wort Rat bezeichne ich alle Verwaltungsbeamten im höheren Dienst, ohne zwischen Wirklichen, Geheimen, Hof- und anderen Rangstufen zu differenzieren.

Der Anspruch des Adels

Das Fürstbistum Münster

Das Fürstbistum Münster war ein Staat, der in Personalunion mit dem Kurfürstentum Köln regiert wurde. Die Einheit von Staat und Hierarchie war in der Person des Landesherrn und seiner Regierung gewährleistet, da beide sowohl staatliche als auch kirchliche Funktionen hatten. Diese Funktionen setzen aber nur die niederen Weihen voraus, die Domherren und andere Verantwortlichen waren also trotz ihres geistlichen Amtes keine Priester im allgemeinen Sinne. Der Adel schloß sich durch das Kriterium der Stiftsfähigkeit, welches mindestens 16 Adlige Ahnen in oberster Reihe, das heißt Zughörigkeit zum Adel seit mindestens 4 Generationen, gegen andere Gruppen ab. Damit sicherte er sich seine Privilegien gegen aufsteigende Bürger oder Konkurrenz aus anderen Ländern, verhinderte aber auch ein Nachwachsen oder Neurekrutierungen für die eigene Gruppe. Er bewegte sich nur in engen Zirkeln dieser Gruppe. Dies führte zur Gefahr des Aussterbens des Adels, Oligarchie und mangelnder Reformbereitschaft, ja zur Ablehnung allen Neuen. Der Adel behielt Den Zugriff auf alle Stellen der Verwaltung und Staatsführung. Bürgerliche,. ausgebildete erhielten nur dann eine Anstellung oder Beförderung, wenn der Adel verzichtete. Sie erledigten zwar denn Großteil der Geschäfte und der Arbeit, waren meist auch kompetent in die Sache eingearbeitet, die Führung behielt sich aber der Adel vor. Dieser erschien nur unregelmäßig zu den Sitzungen, der Kommissionen und Gremien, welche die Verwaltungsarbeit anstelle einzelner Sachbearbeiter machten. Durch diese unregelmäßige Teilnahme kam es zu mangelnder Kompetenz und Sachstandskenntnis. Dennoch fühlte der Adel sich durch die Geburt zur Führung berufen und übte diese unangefochten aus.

Preußen

Nach der Auflösung des Fürstbistums wurde Westfalen eine Preußische Provinz. Die rechte des Adels wurden hinterfragt und in den meisten Fällen abgelehnt. Der Adel versuchte, dies durch Interventionen bei Reichinstitutionen wie dem Reichkammergericht oder dem Kaiser zu kompensieren und erinnerte an den Reichsdeputationshauptschluß von 1806, welcher im seine Rechte garantierte. Einzelne altadlige Beamte und Funktionsträger wurden aber in fast allen Fällen übernommen. Lediglich die Mitglieder der Hierarchie wurden, da in Preußen eine strikte Trennung von Staat und Kirche herrschte, auf ihre rein kirchliche Funktion beschränkt. Der Adel sah sich zunehmender Kritik ausgesetzt und mußte seine Kompetenz beweisen, statt sie zu erben.

Franzosenzeit

Die Entwicklungen, die in der preußischen Zeit begannen, setzten sich verstärkt fort. Die Beamten wurden nur noch in seltenen Fällen übernommen. Es gab keine übergeordneten Instanzen mehr, auf die sich der Adel berufen konnte. Die Klöster und Stifte wurden säkularisiert und zum Teil an den Adel verkauft, um die Staatskasse zu fühlen. Der Adel wurde dabei zum Kauf gezwungen. Die Trennung zwischen Staat und Kirche wurde durch diese kirchen- und hierarchiefeindliche Maßnahme, die dem Selbstverständnis des Adels als Beschützer und wahrer der Stifte diametral entgegengesetzt war, noch verstärkt. Damit wurde auch die Ablehnende Haltung des Adels gegen die Machthaber gestärkt.

Königreich Preußen

Die Veränderungen, die schon die erste preußische Besatzungszeit geprägt hatten, setzten sich fort. Da es zu keinem Wechsel im System mehr kam, wurden sie um so deutlicher und konsequenter in der alltäglichen Erfahrung. Der westfälische Adel wurde nun Teil des Adels eines Staates, der wesentlich von der Aufklärung getragen wurde. So wurde auch der Adel zunehmend hinterfragt. während der altpreußische Adel diese Kritik aber annahm und sich zunehmend zu einem Funktionsadel entwickelte, zog sich der westfälische auf seine angestammten Recht zurück und forderte deren Wiederherstellung. Er zeigte sich zwar durchaus bereit, Funktionen im neuen Staat zu übernehmen, nicht aber, die dafür erforderlichen Voraussetzungen zu schaffen oder gar in Konkurrenz mit den bürgerlichen Beamten zu treten. Dies galt besonders im Bereich der Ausbildung und Erziehung, auf den ich unten eingehen werde. Deswegen blieben die führenden Positionen im Heer und Verwaltung blieben damit den altpreußischen Beamten und Offizieren überlasen. Deren Bevorzugung war zwar nicht rechtlich, aber faktisch durch deren bessere Ausbildung abgesichert. Der Adel war ihnen wegen der Konkurrenz, der Zugehörigkeit zur evangelischen Konfession und der nichtwestfälischen Herkunft, das heißt als Landesfremde, gegenüber feindlich eingestellt und bekämpfte sie auf den Provinziallandtagen und durch Petitionen beim König. Beide Mittel blieben aber erfolglos.

Ausbildung und Erziehung

Im Fürstbistum Münster

Die Ausbildung in Münster

Lediglich amtierenden oder werdenden Stammherren war eine standesgemäße Heirat möglich, deswegen waren auch nur sie Väter. Sie übten diese Rolle als übergeordnete, strenge Instanz aus und warten die Distanz zu den Kindern. Als pater familias entschieden sie frühzeitig, meist schon mit der Namengebung, über den zukünftigen Beruf ihrer Kinder. Dadurch war auch die Ausbildung vorgegeben. Der älteste Sohn als zukünftiger Stammherr wurde von seinem Vater in diese Rolle eingeführt. Er begleitete den Vater bei dessen Amtsgeschäften. War der Vater Droste, also ein Vorsteher eines der 12 Münsteraner Ämter, vergleichbar unserem heutigen Landrat, wurde der Sohn bei entsprechendem Alter adjugiert, das heißt als Nachfolger designiert.

Andere Söhne bekamen den Namen eines Onkels, dem sie nacheifern sollten. Dementsprechend war auch das Studium ausgerichtet, entweder Jura für weltliche Ämter oder Theologie, wenn ein Domherrenamt angestrebt wurde. Meist wurde aber wohl beides im Rahmen eines studium universale alles, was irgendwie nutzen konnte, studiert. Die Vorbereitung auf ein Studium erfolgte im Rahmen des Hausunterrichtes.

Die Töchter wurden meist früh zur Erziehung in ein adliges Damenstift gegeben. Dort lernten sie alles, was für eine Stiftsdame an Kenntnissen nötig war, aber auch die Grundlagen der Hauswirtschaft. Die meisten Töchter blieben auch im Stift, da durch den eingeschränkten Heiratskreis meist ein zölibatäres Leben erzwungen wurde, wie es die Stiftsdamen führten. Deswegen wurden die Töchter auch früh an ein solches Leben als Normalfall herangeführt, aber auf die Alternative einer Heirat und damit eines eigenen Hausstandes, vorbereitet.

Die Kavalierstour

Die Ausbildung der Söhne wurde durch die Kavalierstour, eine etwa zweijährige Reise durch Europa, abgeschlossen. Diese dient auf der unter anderem der Horizonterweiterung des Sohnes, dem weiteren Studium an einer ausländischen Universität, wie es für Domherren zwingend vorgeschrieben war, aber auch der Kontaktpflege zu europäischen Höfen, auf die man angewiesen war. Dazu gehörte der Kaiserhof in Wien, aber auch der päpstliche Hof in Rom. Kontakte zum Kaiser dienten dem Prestige einer Familie, auch wenn meist auf eine Erhöhung des Adelstitels verzichtet wurde. Desweiteren dient er als juristische Instanz, weshalb gute Beziehungen zum Hof als Erfolgsgarantie gesucht wurden. Der Papst hatte ähnliche Funktionen, nahm aber auch Einfluß auf die Besetzung der Domherrenstellen. Darauf werde ich unten eingehen.

Königreich Preußen

Das Königreich Preußen setzte in den Verwaltungsaufgaben ein Fachstudium voraus. Dafür war aber zunehmend ein Gymnasiumsbesuch erforderlich, da Ausnahmegenehmigungen immer seltener erteilt wurden. Auch ein Studium an einer nichtpreußischen Universität wurde nicht anerkannt. Da der Adel sich aus verschiedenen Gründen weigerte, an diesem System teilzunehmen, senkte er seine Chancen auf beruflichen Erfolg zusehends.

Allgemein gab es drei Erziehungsziele:

1. Man erwartete eine gesteigerte Religiosität, um „der Gefährdung von katholischer Kirche und Religion durch den protestantischen Staat und areligiöse ...Bewegungen entgegenzuwirken, auf diese Weise die Position des Adels in der Kirche erhalten ...und dazu beitragen, daß der alte Stand wieder als Ordnung sichernde und Orientierung vermittelnde Führungsschicht von Kirche und Staat anerkannt würde.“1
2. „Gesteigerte und kontinuierliche Bereitschaft zum lernen und disziplinierten Arbeiten.“2
3. Vorbereitung auf den Vorbestimmten Beruf, auch wenn die Illusion einer freien Berufswahl erhalten bleiben sollte.

Voruniversitäre Ausbildung

Der Adel kümmerte sich im Königreich Preußen verstärkt selbst um die Erziehung seiner Kinder und deren theoretische Grundlage. Ein Beispiel ist der Kreis um die Fürstin Gallizin, der alle Fragen erörterte und stark Korrespondierte.

In den Alterstufen vor der Universität dominierte nach wie vor die Hauserziehung über das Gymnasium. Dies lag an dem schwachen Stellenwert, den die preußischen Lehrpläne dem Fach Religion zumaßen. Diesem Fach waren nur 2 Wochenstunden vorbehalten und „erst auf Intervention des Kölner Erzbischofs von Spiegel, wurde das Fach Religion unter die Prüfungsfächer aufgenommen“3 Der Adel sah so den Erwerb sozialer Kompetenzen, den er weit über das bloße Fachwissen stellte, gefährdet. Desweiteren fürchteten die Eltern den Kontakt ihrer Söhne mit bürgerlichen, aufgeklärten Beamtensöhnen, da diese die Adelswerte und die unterstellte Adelsqualität zweifelten und so die Autorität der Eltern und des Standes untergruben. Werte wie persönliche Freiheit und Leistung, Fachwissen und alles, was Individualität bedeutete und auf dem Gymnasium, das mündige Staatsbürger erziehen wollte, gelehrt wurde, standen dem an Gruppenleistung und Solidarität orientiertem Adelsideal entgegen. Dieser sah Fachwissen nur als notwendiges Übel an, dem rein soziale Kompetenzen wie Fürsorge für Untergebene, gute Umgangsformen, Glauben, Bescheidenheit, Familiensolidariät und andere weit überlegen waren. Reines Fachwissen galt als charakterlos. Das diese ganzen Kompetenzen ohne Fachwissen oder beruflichen Erfolg nichts nützen, sondern dies nur unterstützen können, übersah der Adel. Er glaubte, der Erfolg sei durch Geburtsrecht garantiert und protestierte beim König, als die Preußen andere Qualitätsmaßstäbe anlegten.

Der Hausunterricht war dem gymnasialem weit unterlegen. Dies lag unter anderem daran, das die Lehrer nach ihren Wertvorstellungen und ihrem Glauben, nicht aber nach ihrem Fachwissen ausgesucht wurden. So unterrichteten in den meisten Fächern inkompetente Lehrer, meist Theologen, alle Fächer. Sie konnten aber die anderen Fächer schlecht vertreten und gaben so ihr Nichtwissen weiter. Die ausgebildeten Lehrer unterrichteten am Gymnasium, so daß der Arbeitsmarkt nicht gesättigt werden konnte. Ein weiterer Nachteil war die Tatsache, das der Hausunterricht allen anderen kindlichen und familiären Bedürfnissen untergeordnet war. Sein Anteil am Zeitbudget wurde immer weiter zurückgefahren, wobei auch der Unterricht selbst die dadurch notwendigen Kürzungen meist auf die sogenannten harten Fächer legte um weiter die Religion zu fördern. Damit konnte weniger als auf dem Gymnasium gelehrt und gelernt werden. Dies wirkte sich bei einem spät vorgenommenen Wechsel auf das Gymnasium oder die Universität durch einen Rückstand von teilweise mehreren Jahren aus. Durch diese Unterordnung unter alle anderen Bedürfnisse konnte sich der Schüler auch nicht an einen geregelten Unterricht oder Arbeitsstil gewöhnen. Da im Adel Arbeit und Freizeit ineinander übergingen, lernte der Schüler die wichtigsten sozialen Kompetenzen, nicht. Er lernte weder, zu lernen, noch konsequent zu arbeiten, was im späteren Beruf, sei es in der Verwaltung, sei es im Heer, absolute Voraussetzung für den Erfolg war. Auch das bürgerliche Ideal der griechischen Sprache an der Schule sah er als Wegbereiter der Demokratie. In diesem Sinne stimmte ihm das Bürgertum zu, das die griechische Polisverfassung als Ideal sah. Die griechische Sprache war aber auch ein Spezifikum der evangelischen Theologie, die lediglich die Schrift gelten ließ und damit auf das griechische Original angewiesen war, während die katholische Kirche bei der lateinischen Sprache blieb und erst in unserem Jahrhundert auf die jeweilige Volkssprache einging und erst in den 80er Jahren eine textliche Reform der Vulgata, der lateinische Bibel anhand des griechischen Textes einführte. Der Adel sah sich also auch durch die Einführung des Faches Griechisch am Gymnasium bedroht und wich deswegen auf andere Schulformen aus. durch die Einführung des Faches Griechisch am Gymnasium bedroht und wich deswegen auf andere Schulformen aus.

Der Adel versuchte, dieses Manko auszugleichen, in dem er seine Söhne auf ausländische, das heißt nichtpreußische, Jesuitenschulen schickte. Die dortigen Lehrer waren kompetent, der Schüler war an regelmäßigen Unterricht gebunden und unter Standesgenossen. Ein Problem war die Trennung von der Familie, die viele Adelsfamilien abschreckte. Diese Schulen hatten auch den Nachteil, das ihr Curriculum veraltet war und ihr Abschluß in Preußen nicht als Hochschulzugangsberechtigung anerkannt wurde. Dies ist auch mit Blick auf den Lehrplan, der eben nicht auf das Studium vorbereitete, verständlich.

Ein weitere Versuch, die Nachteile des Hausunterrichts für die Kariere und des Gymnasiums für die Standessolidarität zu vermeiden, war die 1842 eingerichtete Ritterakademie Bedburg. an dieser Schule waren anfangs nur Söhne aus stiftsfähigem Adel zugelassen, später aber auch bürgerliche. Diese dienten Adligen Erziehungsidealen, wollte aber auch das staatlich geforderte Pensum Vermitteln. Dabei galt das adlige Leitbild: „Für den Adel, der wegen seiner Stellung durch Geburt und Besitztum imstande ist, durch gutes oder übles Beispiel günstig oder nachteilig zu Wirken, der bestimmt ist, in den höheren Kreisen der Gesellschaft zu wirken, und für höhere Stellen im Staate fähig zu sein, der ferner berufen ist, dem Wandelbaren und dem materiellen Interesse gegenüber das Bestehende, das Prinzip der Nationalität und der Ehre ... zu pflegen und geltend zu machen, dessen Bestehen zugleich durch den Verband besonderer Familieneinrichtungen und durch eine ihnen entsprechende Standes- und Familiengesinnung bedingt ist, bedarf einer Erziehung, welche außer der allgemeinen Bestimmung aller Menschen auch die besonderen seiner Verhältnisse und der Anforderungen an ihn entspricht.“4

Universität

Allgemein gab es auch damals die Probleme, die auch heute noch mit der universitären Ausbildung verbunden werden: Die Universitäten waren überfüllt, es gab zu wenig Dozenten für zu viele Studenten, die Ausbildung galt als Praxisfern und es drohte Arbeitslosigkeit nach dem Studium. Ein Problem für den Adel war der Kontakt mit Bürgerlichen und deren Wertvorstellungen, der sich nun nicht mehr verhindern lies und auch noch außerhalb des elterlichen Kontrollbereiches lag. Dennoch schloß sich der Adel meist mir anderen Adligen zu Landsmannschaften zusammen, verkehrte also meist unter Seinesgleichen. Manche Adligen nahmen zwar die bürgerlichen und studentischen Ideale an, legten diese aber wieder ab, nachdem sie die Universität verlassen haben.

Die zukünftigen Stammherren besuchten die Universität als Stufe ihrer Ausbildung, ohne ein bestimmtes Fach im Auge zu haben. Ihre Stelle und ihr Auskommen war gesichert, so daß sie sich auf die neue Freiheit von den Eltern und damit die Feiern freuten. Sie studierten nicht, sondern besuchten eine Universität.

Für die nachgeborenen Söhne war eine gute Ausbildung als Karrieremotor wichtig. Aber sie wollten ihren älteren Brüdern nicht nachstehen und verbummelten ihr Studium wie diese. Das nichtvorhande Examen konnte zwar in der Frühzeit noch durch königliche Ausnahmegenehmigungen ersetzt werden, diese wurden aber immer seltener. Die große Staatsprüfung war aber nicht für den Beamtentitel, aber für ein Beamtengehalt eine conditio sine qua non.

Die Kavalierstour wurde zwar beibehalten, aber den neuen Gegebenheiten angepaßt. Auf ihr sollte zum Beispiel ein zukünftiger Stammherr alles Notwendige zur Verbesserung der Landwirtschaft lernen.

Ämter und Berufe

Im Fürstbistum Münster

Kirchliche und Weltliche

Eine der wichtigsten Führungspositionen war die Mitgliedschaft im Domkapitel. Es wählte den Fürstbischof, das heißt den Landesherren, half diesem bei der Verwaltung des Landes und war mit großen Pfründen ausgestattet. In geraden Monaten wurden diese Mitgliedschaft zwar von den Domherren selbst vergeben, das bei dieser Aufgabe wöchentlich wechselte, in ungeraden aber vom Papst. Da der Tod eines Domherren nicht abzusehen war, die Domherren aber ein Verbleiben ihrer Stelle innerhalb der eigenen Familie wollten, mußte ein andere Weg zur Besetzung gefunden werden. Deswegen resignierte der Domherr zu Händen des Papstes, dem damit das Recht der Neubesetzung zufiel. Die Resignation geschah „in favorem tertii, nämlich des gewünschten Familienmitglieds.“5 Dies war meist erfolgreich, da Rom den Nepotismus unterstützte. 2 der 40 Stellen waren außerdem als Familienpräbenden auch im rechtlichen Sinne erblich.

Die Minister des Fürsten waren immer auch Domherren. Ebenso sicherten sich die Domherren auch noch niedere Dignitäten und leiteten so Teile des Stiftes oder waren Räte.

Rein kirchliche

Der Adel sicherte sich auch, wie oben schon erwähnt, auch rein kirchliche Ämter, die unterhalb des Domherren angesiedelt waren, wie Dechant oder Stiftsprobst. Auch diese Stellen waren mit Pfünden besetzt, sorgten also für den Reichtum der Familie.

Das weibliche Äquivalent zu einer Domherrenstelle war, wenn auch nicht vom Einkommen, sondern nur vom Ansehen her, die einer Äbtissin. Diese ist kirchenrechtlich den juridiktiven und protokollarischen Rechten eines Bischofs gleichgestellt. Eine Äbtissin war durch die Güterverwaltung des Klosters auch durchaus einem Stammherren zu vergleichen, konnte also selbständig und emanzipiert handeln, was Frauen sonst unmöglich war.

Viele Töchter wurden auch von ihren Vätern zu Stiftsdamen, also einem rein kontemplativen Beruf, bestimmt. Eine innere Berufung oder Frömmigkeit spielten dabei nach der Zeitmeinung keine Rolle, sondern lediglich die Familieninteressen.

Rein weltliche

Neben dem Hofdienst und den Positionen als Rat, in der Verwaltung sicherte sich der Adel noch die Drostenstellen, das Heißt er verwaltete die Ämter, die Mittelebene des Fürstbistums. 9 dieser 12 Stellen waren erblich, die restlichen drei wurden vom Landesherren an den stiftsfähigen Adel vergeben.

Desweiteren diente der Adel im Heer und sicherte sich die Offizierstellen.

Übergangszeit

sowohl in der ersten preußischen wie der französischen Besatzungszeit wurden die alten Beamten übernommen, wenn sie es denn wollten Einige wollten sich aber vom Verwaltungsstil der Kollegien nicht auf das Saschbearbeitersytem umstellen und nahmen ihren Abschied.

Königreich Preußen

Die Stammherren beschränkten sich auf den Beruf des Landwirts und verwalteten ihre Güter. „Der Grundherr, der sich aus der pilitischen Sphäre auf Eigenwirtschaft Haus und Familie zurückgezogen hatte, fand in der Reorganisation seines landwirtschaftlichen Betriebes eine neue, sinnvolle Aufgabe.6 “ Dies war auch Aufgrund des herrschenden Schlendrians und der mangelnden Motivation der Verwalter notwendig. Diese Rückbesinnung auf das Gut hatte auch eine verstärkte Ausrichtung auf den Markt zur Folge. Unrentable Nebenbetriebe wurden geschlossen. Es kam aber auch zu einem Landkäufen. Dies lag zum einen an testamentarischen Verpflichtungen, aber auch an dem Bemühen um Standeserhalt. 1826 „hatten 38% der ehemals Landtagsfähigen Rittergüter im Regierungbezirk Münster ...ihre Rittergutsqualität aufgrund eines zu niedrigem Steuersatz eingebüßt; durch Zukauf von Land bis zu einer Steuerleistung von 75 RT war es aber möglich, dem Gut diese verlorengegangene „Qualität zurückzugewinnen.“7 Außerdem mußten die Adligen zur Neugründung von Fideikommissen ein Einkommen von 2500 Reichstalern erreichen. Auch dazu war Landzukauf notwendig, da diese Grenze an ostelbischen Verhältnissen orientiert waren. Auch in diesem Falle wurden also altpreußische Gesetzte und Regelungen unangepaßt und unreflektiert übernommen. Der Adel hatte zwar zwischen 1811 und 1814, also in der Übergangszeit, Einahmeverluste zu verzeichnen, „spätestens aber seit Beginn der 30 Jahre“8 stieg das Einkommen wieder.

Daneben machten sie im Provinziallandtag Politik, sahen dies aber nicht als Beruf an. in Dieser Rolle bekämpften sie alle Reformen, scheiterten aber meist. Lediglich bei den Landratsstellen wurden sie bevorzugt, nahmen dies aber als Selbstverständlichkeit und nicht allzu ernst. Eine Landratsstelle brachte ihrem Inhaber „ bei gestiegenen Lebenshaltungskosten ein Gehalt von 800 bis 1 000 Tlr.“9

Da sich der Adel dem preußischen Qualifikationssytem verweigerte, blieben ihm zwar weiterhin die Verwaltungs- und Offizierslaufbahnen offen, allerdings blieb eine solche Karriere meist erfolglos und kurz. Sie wurde auch fast nur von Nachgeborenen ergriffen. Kaum einer erhielt den Rang eines Majors. Dies war eine Problem, da erst höhere Ränge ein Recht auf Rente beinhaltete. Auch war das Gehalt unterhalb diese Ranges sehr gering. Hofämter gab es nicht mehr. Viele wechselten nach dem Scheitern in den geistlichen Stand, der nun eine innere Berufung voraussetzte. Aber auch hier waren durch die Säkularisierung keine hohen Gehälter, die den Familien zugute kamen, mehr zu erwarten. Besonders traf diese Einschränkung der Berufswahl die nachgeborenen Söhne, „da sie ihre Lebenserhaltung stark Einschränken mußten. An Familiengründung war erst - standesgemäßer Lebensstil vorausgesetzt - bei einem nahezu unerreichbar hohen Gehalt von 2000 Tlr pro Jahr zu denken.“10

Während das Ämtersystem des Fürstbistums die Ämterhäufung voraussetzte, war im preußischen System nur ein Beruf auszuüben.

Seit Beginn der zwanziger Jahre belohnten und förderten die Väter „zunehmend stärker das fleißige Lernen und Studieren, den Eintritt der Söhne in einen tätigen und nützlichen Beruf und das Fortkommen in einer neuen staatlichen oder kirchlichen Berufskarierre ... Wohl kaum etwas wünschten sich die Väter ... so sehr wie den Berufserfolg im neuen Staat; doch der wollte sich nicht einstellen.“11

Religion, Kirche und Hierarchie

Im Fürstbistum Münster

Die Einheit von Kirche und Staat wirkte sich auf den Adel bis ins letzte Detail aus. Die Hierarchie galt als Versorgungsanstallt, die nur ein Minimum an Religion voraussetzte. Viele wurden nur Geistliche, weil der zölibatäre Lebensstil die Familie klein hielt. Um ein eventuelles resignieren und Reaktivierung für den Fortbestand der Familie zu ermöglichen, hatten die meiste Domherren nur die niederen Weihen, standen also rein kirchlich unter ihren Untergebenen.

Die Stammherren und ihre Familien sahen ihre Religion als Teil ihres repräsentativen Lebensstils und gingen mit gutem Beispiel voran. Dabei fällt die Unterscheidung zwischen einem Unreflektierten Lebensstil und religiösen Handlungen, die eben dazugehören, ohne das man den Sinn übernimmt und Handlungen, die man auch aus innerem Glauben macht schwer. Viele der Adligen haben diesen Unterschied wohl nicht gesehen und reflektiert, so selbstverständlich war die Religion. Besonders die Caritas war ein wichtiger Teil adligen Selbstverständnisses und diente dazu, sich mit weltlichen Gütern himmlische Schätz zu sichern. Der Adel hatte auf seinen Gütern das Präsentationsrecht, konnte also den Pfarrer vorschlagen und damit faktisch bestimmen. Man sah sich, ob Teil der Hierarchie oder nicht, als ein Stand, der zur Leitung der Kirche, die mit dem Volk identisch war, berufen. Dabei gab es eine tiefe religiöse Verwurzelung des Einzelnen und der Familie, die sich auch im Totenkult als Betonung der communio sanctorum niederschlug. Man sah nicht nur die Lebenden, sondern auch die Toten Familienmitglieder als Teil der Familie.

Königreich Preußen

Hier führte die Trennung zwischen den Bereichen zu einer verstärkten Besinnung auf die Religion und ihre Werte. Besonders die Notwendigkeit, zum Allgemeinwohl statt zum persönlichen Nutzen zu handeln. wurde religiös begründet. Darin sah man einen Gegensatz zum weltlichen, das Individuum betonenden Staat. Der Glauben galt als einziges Mittel zur Rettung vor den modernen Zeiten. Der Adel zog sich verstärkt auf diese Funktion der Religion zurück. Dabei wurde besonders das Katholische betont. Eine Herausragende Rolle übernahm dabei das sakramentale Verständnis von der Ehe und der Heiligen- und Reliquienkult ein. Die Caritas wurde verstärkt, solange die finanziellen Mittel dazu ausreichten. Die meisten adligen Geistlichen kämpften um eine innere Berufung und wollten nicht die Kirche beherrschen, sondern ihr dienen.

Die Hierarchie war die einzige verblieben Möglichkeit einer Standesgemäßen Karriere ohne Konkurrenz durch altpreußische Eliten.

Problematisch war, das es nicht nur eine Trennung zwischen Staat und Kirche gab, sondern es zu einem Gegensatz zwischen dem protestantischen Preußen und dem katholischen Westfalen kam. Die rationelle protestantische Arbeitsethik stieß bei den Katholiken, die ihre Ethik eher im Miteinander sahen, auf Unverständnis und alle katholischen und konservativen Bedürfnisse wurden von der preußischen Beamtenschaft nicht weiter differenziert und als rückständig und überholt bekämpft. Es gab keinen Versuch der Verständigung, sonder die protestantische Einheit von Thron und Altar wurde zwar nicht zur offiziellen Politik einer Staatskonfession, aber schimmerte immer wieder durch. Katholiken galten als weniger staatstreu und papsthörig, das heißt ultramontan eingestellt und dessen Interessen verfolgend. Dies war mit ein Grund, warum Katholiken im preußischen Staatsdienst benachteiligt wurden. Diese Haltung und Unverständnis für wesentliche Inhalte des Katholizismus führte dazu, daß

Die Kölner Wirren

stattfanden. Nach einem Erlaß des Königreichs Preußen sollten in konfessionsverschiedenen Ehen die Söhne die Konfession des Vaters, die Töchter jene der Mutter übernehmen. Dies stieß in katholischen Kreisen auf Widerstand, da die katholische Kirche solche Ehen ablehnte. Dies besonders, da die Protestanten die Ehe nicht als Sakrament sehen und eine religiöse Spaltung und Indifferenz innerhalb der Familien befürchtete und ablehnte. Des weiteren sah die Hierarchie einen Feindlichen Akt in diesem Erlaß, da er die Protestanten, die als Preußen in das besetzte Rheinland und Westfalen kamen bevorzugte. Diese Bevorzugung lag in der Tatsache, daß er über die Soldaten und Beamten mehr für evangelische Söhne sorgte, während ein Ausgleich durch katholische Väter in protestantischen Gebieten nicht gab. Frauen waren damals noch wenig mobil.

Zu den eigentlichen Wirren kam es, als der Erzbischof von Köln öffentlich dagegen protestierte und deswegen verhaftet und in eine Festung deportiert wurde. Dies war ein Angriff auf die katholische Kirche und ihr Verständnis vom Hirtenamt

Während der Kölner Wirren übernahm der Adel sowohl im Rheinland wie in Westfalen die Führung der antipreußischen Opposition und bewies so seine Leitungsfunktion innerhalb der Kirche. Es waren allerdings nicht nur die geistlichen Adligen, sondern vor allem die Stammherren, die diese Sprachrohrfunktion übernahmen. Um den Zusammenhang innerhalb der katholischen Kirche zu stärken, unterstützte de Adel auch

Die Heilig-Rockfahrt 1844

An dieser Wallfahrt nahmen besonders Mitglieder der bäuerlichen Schicht und katholische Eliten, die in die Hierarchie eingebunden waren oder dies wollten, teil. Verehrt wurde das ungenähte Gewand Christi, um das die Soldaten unter dem Kreuz würfelten. Viele Zeitgenossen belächelten dies als Aberglaube. Die Pilger sahen sich starkem Spott und Kritik durch die aufgeklärten Zeitgenossen ausgesetzt. Zum einen bezweifelten diese die Echtheit der Reliquie, zum anderen den Wunderglauben im allgemeinen. Dies führte zu einem Trotz- und Solidarisierungseffekt, der nicht nur den Vormärz überdauerte, sondern in der Folge zum politischen Katholizismus führte und damit bis in die Zeitgeschichte reicht. Dieser Solidarisierungseffekt wurde vom Adel bewußt genutzt und gesteuert, um seine alte Führungsrolle zurückzuerhalten.

Der Rückzug ins Familiäre

In der Umbruchszeit kam es innerhalb der Familien zu Konflikten. Diese wurden vor allem von den zum Verzicht gedrängten Nachgeborenen getragen. Die Stammherren versuchten, diese Konflikte zu vermeiden. Dies wurde aber seit 1803 zunehmend Schwieriger, was auch der Adel erkannte. Dies lag vor allem am Wandel beziehungsweise Wegfall des geistlichen Staates, der das alte System stützte. „Man erkannte die sich fortwährend steigernde Distanz zwischen den Anforderungen und Normen der adligen Familien und des Adelsstandes auf der einen, gesamtgesellschaftlich relevanter und erfolgreicher, von konkurrierenden Eliten vertretener Verhaltensweisen auf der anderen Seite und sah ... in dieser Entwicklung die Ursache für das von der Familiennorm abweichende Verhalten der zum Verzicht bestimmten Familienmitglieder.“12 Dies führte zu einer verstärkten Aktivität der Familienhäupter in der Familie. Dies wurde noch dadurch verstärkt, das diese Stammherren ihre politische Funktion ganz verloren hatten, also auch mehr Zeit hatten.

Es kam auch zu einer dualistischen Weltsicht, in der die Familie idealisiert wurde, alles andere aber als zunehmend unerträglich angesehen wurde. So kam es zu einem „deutlich intensivierten Ausbau der Familiensphäre zu einem erholsamen, emotional bestimmten, sehr eng begrenzten Intimbereich.“13 Besuche und Besucher wurden stark eingeschränkt, gemeinsame Freizeitbeschäftigungen dagegen ausgebaut. Gesellschaftlicher Kontakt innerhalb des Adels wurde aus der Familie in Vereine, zum Beispiel den „adligen Damenverein“ verlagert.

Eine Aufwertung fand auch die Rolle der Frau und Mutter statt. Diese übernahmen die Erziehung ihrer Kinder selbst, statt sie wie früher Bediensteten zu überlassen. Das galt in besonderem Maße für das Stillen, das die Mütter nun selbst übernahmen. Deswegen wurden auch die Töchter, das heißt zukünftigen Ehefrauen besser ausgebildet. „Die Pflege des emotionalen Bereichs war seit jeher eine Aufgabe der Frau.“14 Dies führte auch zu einem Idealbild der Frau, von dem sich viel Adelstöchter überfordert fühlten. Dieses Idealbild beinhaltete Natürlichkeit, „Wahrhaftigkeit, Festigkeit des Charakters, tiefe des Gefühls, Phantasie, Bescheidenheit, Heiterkeit, tiefe Religiosität und ... umfassende Bildung.“15 Es kam seltener zur Wiederheirat des überlebenden Ehepartners, da diese jetzt im Gegensatz zum anciene regime negativ bewertet wurde.

Die Kinder rückten nun in den Mittelpunkt der Familie und bestimmten mit ihrem Spiel, an dem sich die Erwachsenen beteiligten, das Familienleben. Kinder wurden auch auf Familienpotraits als individuelle Personen dargestellt. In der Kindererziehung wurde auch der Rat bürgerlicher Pädagogen eingeholt, da sie als zunehmend schwieriger Erfahren wurde. Der Funktionsverlust der Väter wirkte sich auch auf das Lernen der Kinder aus: „Nur in geringem Maße konnten die Väter und Onkel noch geeignetes Verhaltensvorbild für imitierendes Lernen der Kinder sein; die meisten ihrer gewohnten Verhaltensweisen waren für ein bestehen in der neuen Zeit nicht geeignet.“16 Diese Verstärkung der Familie verhinderte die Auflösung der Familienordnung. „Sich aus der Familie ausgrenzende Geschwisterbindung, Freundschaft und Ehe, drei Sozialformen, die eine Orientierung an den im preußischen Staat relevanten, allgemeinen Normen hätten erleichtern, die partikularen altständisch und regional bestimmten Einstellungs- und Verhaltensmuster hätten auflösen können, wurden sukzessive durch die Familie als grundlegenden Vertrauenskreis ersetzt bzw. durch fortdauernde elterliche Kontrolle an der Entfaltung innovativer Wirkung gehindert.“17

1824 gab es auch eine Initiative zur Neugründung eines adligen Damenstiftes zur Versorgung der Töchter. Dieser Plan scheiterte aber.

Das Feindbild: Beamte

„Am Ende des 18. Jahrhunderts hatte man die Angriffe durch konkurrierende, neu aufkommende Sozialgruppen, z. B. der bürgerlichen Beamten noch weitgehend als unwesentlich beachtet und ignoriert.“18 Als der Adel sah, daß er nach 1803 dies nicht mehr tun konnte, versuchte er, in der jeweiligen Zentrale mitzuarbeiten, um „ möglichst schnell einen blockierenden oder sogar umorientierenden Einfluß gewinnen.“19 Diese Phase endete 1810/11, als es zu einem Rückzug ins Private kam.

1815 übernahmen altpreußische Beamte viele der vorher vom westfälischen Adel gehaltenen Positionen. Sie führten das preußische Qualifikationssystem mit den Stufen Gymnasium und Universität und die Verwaltungsorganisation ein. Dies stand dem bisherigen System des Adels diametral entgegen. Die Leistung Einzelner für das Ganze war dem Adel, der in Kollegien entschied und immer nur Gruppen sah, fremd und suspekt. er sah darin Egoismus und die Gefahr, durch Überarbeitung zu Fehlern zu neigen.

Alle Reformen der Beamten wurden als adelsfeindlich motiviert angesehen, obwohl sie nicht gegen eine Gruppe, sondern für alle anderen war.

Da die aufgeklärten Beamten die Religion nicht so in den Vordergrund stellten, wie es der Adel tat, galt er als atheistisch und allen religiösen Werten gegenüber feindlich. Dies wurde auch durch seine rationelle Sichtweise und der Versuch, alle diesseitigen Problem im Diesseits zu lösen, bestärkt. Der Adel sah weltliche Probleme nur als Chance, seinen „Schatz im Himmel“20 zu vermehren, nicht aber die Notwendigkeit, sie zu lösen. Bei Reformen achteten die Beamten nicht wie der Adel auf Traditionen, sondern auf die beste Lösung. Dadurch machte er sich die meisten Adligen, die 100 Jahre ohne Reformen als Ewigkeitsgarantie sahen und auch die Notwendigkeit von Reformen nicht glaubten, zum Feind. Der Adel predigte zwar Verzicht und Disziplin, wie es auch zum preußischen Beamtenbild paßt, aber er sah in repräsentativen Konsum eine Pflicht, die er erfüllen mußte. Dieses Verständnis von Arbeit und Aufgabenerfüllung war den Beamten unverständlich und führte zur Adelskritik, die der Adel aber nicht zur Kenntnis nahm. Besonders hart traf den Adel die Auflösung der Fideikomisse und seine Erbrechtliche Gleichstellung mit allen anderen. Dies führte nach seiner Meinung zur Verarmung und Verschwendungssucht. Der Unterschied zwischen repräsentativem Konsum und Verschwendung blieb aber ungeklärt.

Ähnliches galt auch für die Offiziersstellen. Auch hier hatte der Adel durch Nichtteilnahme am Qualifikationssystem Probleme, obwohl im Militär geringere Ansprüche las in der Verwaltung herrschten. Desweiteren gab es eine starke Konkurrenz durch altpreußische Adlige. Im per se zu Auseinandersetzungen neigenden Militär traten auch die Konfessionsunterschiede deutlich hervor: die meisten Offiziere hielten das Duell für eine Voraussetzung jeglicher Ehre, die katholischen Adligen in Westfalen lehnten es aber aus religiösen Gründen ab. Dies führte nicht nur zu Spott und Hohn, sondern auch zu - widerrechtlichen - unehrenhaften Entlassungen. Hier spielte sicherlich mangelndes Verständnis auf protestantischer Seite, wies es sich auch auf anderen Ebenen in der Duellfrage zeigte, eine große Rolle und sorgte für eine zunehmende Verbitterung des Westfälischen Adels, der sich, in diesem falle zurecht, wegen seine, Glauben Benachteiligungen ausgesetzt sah.

Fazit

Der westfälische Adel sah sich unter der preußischen Besatzung vielen Änderungen ausgesetzt. Diese wurden von ihm zumeist abgelehnt, da sie nicht in das traditionelle Wertesystem paßten. Dadurch sah sich der Adel großen Problem bei der Erfüllung seines Anspruches auf eine Führungsrolle ausgesetzt. Er erhielt weder noch die Anzahl an Führungspositionen vom Landesherrn, noch konnte er denen, die er noch innehatte, gerecht werden. Dies lag an der mangelnden Vermittlung berufsqualifizierender sozialer und fachlicher Kompetenzen durch die Erziehung und Schule, und der fehlenden Bereitschaft, die geforderte Leistung zu erbringen. Der Adel lehrte zwar Leistung und Verzicht des Einzelnen zum Wohle des Ganzen, setzte aber andere Prioritäten als die restliche Gesellschaft und besonders die nun führende Schicht der Beamten. Dies lag im fehlenden Verständnis beider Gruppen füreinander begründet. Beide hatten die gleichen Ideale und Zielvorstellungen, brachten aber unterschiedliche Voraussetzungen mit und lehnten die jeweils andere als unliebsamen Konkurrenz ab. Diesen Kampf konnte der Adel nicht gewinnen, weil die Beamten das preußische System schon seit langem prägten und eventuelle neutrale Personen wie Standesgenossen oder der König, keine Alternativen kannten und nicht aus Verständnis oder gemeinsamen Interessen dem Adel zuhörten, sondern nur aus höflicher Solidarität und wenn es dem System nicht wirklich schadete. Ansonsten erhielten die Beamten, die auch eine Vielzahl von Argumenten für ihre Sichtweise, statt nur die Tradition, auf ihrer Seite hatten, recht.

Der Adel begründete diesen Gegensatz oft mit den Konfessionsunterschieden, beziehungsweise mangelnder Religion der Beamten. Eine Kirchenzugehörigkeit war damit nicht gemeint. Allerdings erkannte der westfälische Adel die protestantische Konfession nicht an und negierte ihre Wertvermittlung.

Das Verhältnis zum Landesherrn wandelte sich von sehr gut und Gemeinschaftsgefühl im Fürstbistum zu einem immer zweckloseren Apellieren im Königreich Preußen. So wurde die Identifikation mit dem Staat untergraben. Während im Fürstbistum der Adel so eng mit dem Staat verbunden war, das er jedes Problem des Staates persönlich spürte und der Staat war, war er dem preußischen Staat entfremdet, dachte aber, er wäre immer noch das Maß aller Dinge und Reformen, die dem Adel schadeten, schadeten dem ganzen Staat. Das Fehlen der Transferleistung, daß dies nicht so war, sorgte für die Probleme des Adels als Stand, die er erst nach 1848, das heißt fast 2 Generationen nach dem Machtverlust, anfing, zu lösen. Es „blieb innerhalb des ehemaligen Standes das Bewußtsein erhalten, daß der preußische Staat, vor allem die staatliche Normen folgte, die mit den eigenen unvereinbar waren. Am deutlichsten waren dies Unterschiede zur Zeit des zweiten Übergangs des Münsterlandes an Preußen. Die traditionell enge Bindung des Adels an die katholische Kirche hat sich trotz de Positionsverluste in diesem Bereich nicht etwa abgeschwächt, sondern im Verlaufe des Vormärzes noch intensiviert.“21

Im Landtag versuchte der Adel, die Reformen und Änderungen aufzuhalten. Er schränkte nicht nur die anderen Gruppen in ihrer Wählbarkeit ein, sondern brachte auch eigene, den Status quo ahnte herstellende Anträge ein, die aber nicht den gewünschten Erfolg brachten.

Literatur

Reif, Heinz, Westfälischer Adel 1770 - 1860. Vom Herrschaftsstand zur regionalen Elite, Göttingen 1979

[...]


1 Reif, S. 335

2 ebd.

3 ebd., S. 348

4 Programm der Ritterakademie aus dem Jahre 1850, zitiert nach Reif, S. 352

5 Reif, S. 164

6 ebd. S. 221/222, Herv. i. Org.

7 ebd. S. 225

8 ebd. S. 235

9 ebd.

10 ebd. S. 236

11 ebd. S. 294

12 ebd. S. 279

13 ebd. S. 280

14 ebd. S. 281

15 ebd. S. 283

16 ebd. S. 287

17 ebd. S. 293

18 ebd. S. 279

19 ebd.

20 Luk 12, 33b

21 Reif, S. 294

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Soziale Verortung und religiöser Hintergrund des westfälischen Adels
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Veranstaltung
Hauptseminar: Soziale Ursprünge und religiöse Wurzeln des frühen deutschen Konservatismus
Autor
Jahr
2000
Seiten
16
Katalognummer
V96932
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale, Verortung, Hintergrund, Adels, Hauptseminar, Soziale, Ursprünge, Wurzeln, Konservatismus
Arbeit zitieren
Philipp Kampfmann (Autor:in), 2000, Soziale Verortung und religiöser Hintergrund des westfälischen Adels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96932

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