Education in Hard Times


Seminararbeit, 2000

14 Seiten, Note: 2.0


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Education in ‘Hard Times’

0. Gliederung

1. Einleitung

2. Die Viktorianische Epoche

3. Die utilitaristische Philosophie

4. Education in Hard Times
4.1. Die Schule in Hard Times
4.1.1. Der Musterschüler Bitzer
4.1.2. Der Kontrast Sissy Jupe
4.2. Education im Elternhaus
4.2.1. Louisa Gradgrind
4.2.2. Tom Gradgrind
4.3. Education bei Sir Thomas Gradgrind

5. Zusammenfassung

6. Bibliographie
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

Einleitung

Kritiker sagen, Hard Times wäre eines der düstersten Werke von Charles Dickens. In der Tat malt dieser Roman ein finsteres, bitteres Bild der aufkommenden Industrialisierung und des emporstrebenden Kapitalismus im England des 19. Jahrhunderts. Dickens beschreibt die elenden Lebensverhältnisse der Arbeiter in den neu entstandenen Städten, deren Ausbeutung durch die neu entstandene Klasse der Fabrikanten, der Bourgeoisie genauso wie die Auswüchse von neu entstandenen philosophischen Denkrichtungen und deren negative Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen.

Der Roman Hard Times erschien vom 1.4.1854 bis zum 12.8.1854 als wöchentliche Fortsetzung in der Zeitschrift Household Words. Diese Zeitschrift, von Dickens herausgegeben, verstand sich als Organ für Reformpropaganda und beschäftigte sich mit solchen sozialkritischen Themen, wie Erziehung, dem Verhältnis von Arbeit und Kapital, dem Rechtssystem, dem Armenrecht oder den Wohnbedingungen. Die Veröffentlichung des Romans in dieser Zeitschrift sollte helfen, ihre Auflage zu steigern und stellte außerdem eine gelungene Symbiose zwischen den harten Fakten der Artikel und der Fiktion des Romans dar.

Diese Arbeit soll sich besonders mit dem Thema Education befassen, wobei der englische Begriff weiter gefaßt ist, als das deutsche Wort Erziehung, wie man im weiteren Verlauf noch sehen wird.

Grundlage für Education im viktorianischen Zeitalter war der Utilitarismus, eine philosophische Denkrichtung, die vor allem in der neuen Klasse der Bourgeoisie zu großem Einfluß gelangte. Diese Philosophie und die viktorianische Epoche soll im folgenden näher vorgestellt werden.

1. Die viktorianische Epoche

„British history is two thousand years old, [...] and yet in a good many ways the world has moved farther ahead since the Queen [Viktoria, d.A.] was born than it moved in all the rest of the two thousend put together.“ (Abrams 1993: 891). So beschrieb der Schriftsteller Mark Twain bei einem Besuch in London 1897 das Viktorianische Zeitalter. In der Tat waren die rund 60 Jahre, in denen Queen Victoria über England herrschte, eine Zeit großer Veränderungen und großen technischen Fortschritts. Es war die Epoche der Industrialisierung.

Dampfmaschine, Eisenbahn und Telegraphie sind nur einige der Neuerungen, die diese Periode mit sich brachte. Damit verbunden waren allerdings auch große soziale Probleme. England war weltweit das erste Land, in dem Industrialisierung stattfand, es fehlten also sämtliche Erfahrungen. Die Folge war eine ungezügelte Entwicklung verbunden mit sozialen Problemen (der Entstehung und Ausbeutung der Arbeiterklasse) und ökologischen Problemen (wenn zu dieser Zeit auch noch niemand diesen Terminus verwendete, war es einigen, wie zum Beispiel Dickens, durchaus klar, daß die Industrieabgase, die über den Städten schwebten nicht gesund sein konnten). Eng verbunden mit der Entwicklung neuer Klassen, wie der Bourgeoisie und dem Proletariat waren auch Umwälzungen und Reformen im Gesellschaftssystem. So ist der „Reform Bill“ von 1832 zu erwähnen, der das Wahlrecht von Grund auf änderte, was zu einem politischen Erstarken der Bourgeoisie führte. Ebenfalls von großer Bedeutung und für den weiteren Verlauf dieser Arbeit besonders wichtig waren die zunehmenden Kontroversen zwischen Wissenschaft und Religion. Diese kann man im großen und ganzen auf zwei Kontrahenten reduzieren: die Utilitaristen mit ihrem Vorreiter Jeremy Bentham und die „philosophical conservatives“ (Abrams 1993: 896), an der Spitze Samuel Taylor Coleridge. Die Kritik an der utilitaristische Philosophie zieht sich durch den ganzen Roman Hard Times und soll deshalb im nächsten Abschnitt in ihren Grundzügen erläutert werden.

2. Die utilitaristische Philosophie

Der Grundansatz des Utilitarismus ist folgender: Jede Gesellschaft braucht allgemeingültige Regeln, um überleben und zusammenleben zu können. Nach Meinung der Utilitaristen sollen diese Regeln streng nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten aufgestellt werden. Eine richtige Entscheidung soll also nicht von Gefühlen, sozialen Konventionen oder von religiösen oder politischen Autoritäten abhängen, sondern einzig und allein durch das Abwägen der verschiedenen Handlungsalternativen nach rationalen Aspekten erfolgen. Dabei gelten folgende vier Regeln:

1. Die Richtigkeit einer Handlung bestimmt sich aus deren Folgen.
2. Die Folgen werden an ihrem Nutzen (lat. utilitas) gemessen.
3. Der höchste Nutzen ist der, der das höchste menschliche Glück hervorruft. Dieser soll mathematisch berechnet werden aus der Differenz des Maßes der Lust (pleasure), die von der Handlung hervorgerufen wird und des Maßes der Unlust (pain), die aus der Handlung folgt.
4. Es zählt allein das Wohlergehen aller, die von der Handlung betroffen sind (also nicht Einzelpersonen, bestimmte Schichten oder Klassen).

Also sind nach dem utilitaristischen Prinzip die Handlungen moralisch richtig, die das größte Glück für die meisten Beteiligten hervorbringen - „The Greatest Happiness Principle“ (Mill 1987: 278).

Dieses Prinzip wurde als erstes von Jeremy Bentham (1748-1832) in seinem Buch The Principles of Morals and Legislation formuliert und dann weiter verfeinert und ausgebaut von J.S. Mill (1806-1873). Sein Werk Utilitarianism erschien 1863 und relativierte einige der Aussagen von Bentham.

Wichtig für die weiteren Betrachtungen ist allerdings, daß eine unterschiedliche Bewertung der Lust vorgenommen wird. Demzufolge stehen geistige Freuden höher als körperliche Freuden.

3. Education in Hard Times

Wie schon angeführt, umfaßt der englische Begriff education mehr als nur das deutsche Wort Erziehung. In Hard Times vollzieht sich education demnach nicht nur im Elternhaus, dem Ort der klassischen Erziehung von Kindern durch ihre Eltern, sondern auch in der Schule und selbst bei Thomas Gradgrind Sr., einen erwachsenen Mann.

Auf diese drei Punkte soll im folgenden eingegangen werden.

3.1. Die Schule in Hard Times

Der Roman beginnt mit einer wahrlich eindringlichen Demonstration utilitaristischer Schulvorstellungen: „Now, what I want is, Facts. [...] Plant nothing else, and root out everything else.“ (Dickens, Hard Times: 1). Diese Worte werden von Mr. Thomas Gradgrind Sr. gesprochen, dem Begründer der „model school“ und fanatischem Verfechter der utilitaristischen Philosophie. Die kurze Rede wird untermalt und bekräftigt von der

Beschreibung des Raumes, in dem sie gehalten wird und vor allem von der Beschreibung des Mannes, der sie hält. Diese Beschreibung von Sir Thomas Gradgrind soll nun einer näheren Betrachtung unterzogen werden: Seine Figur ist quadratisch, eckig, kantig: „...the speakers square forefinger emphasized his observations...“( Hard Times: 1), „...square wall of a forehead...“ (Hard Times: 1), „The speakers obstinate carriage, square coat, square legs, square shoulders,...“ (Hard Times: 1). Sein Mund ist „wide, thin and hard set.“ (ebd. S.1), seine Stimme „inflexible, dry and dictatorial“ (Hard Times: 1). Wie leicht zu sehen ist, entsprechen die physischen Attribute von Gradgrind genau seiner geistigen Einstellung. Dickens beschreibt Gradgrind allerdings nicht nur mit der Sprache der Fakten, sondern er konterkariert Gradgrinds kurze, knappe Sprache der Fakten durch ausschweifende Beschreibungen und blumige Vergleiche von körperlichen Details. Das beste Beispiel hierfür ist wohl die Darstellung des Haares von Gradgrind: „...which bristled on the skirts of his bald head, a plantation of firs to keep the wind from its shining surface, all covered with knobs, like the crust of a plum tie, as if the head had scarcely warehouse-room for the hard facts stored inside.“ (Hard Times: 1).

Ein kleiner, unscheinbarer Satz am Ende des Ersten Kapitels zeigt die Art und Weise, wie das Gradgrind´sche Konzept durchgeführt werden soll. Dickens stellt hier nämlich die Kinder als „little vessels then and there arranged in order“ (Hard Times: 2) dar, die bereit sind „to have imperial gallons of facts poured into them until they were full to the brim“ (Hard Times: 2). Wie Dickens selbst zu dieser Art Erziehung steht, macht der Titel des Zweiten Kapitel klar „Murdering the Innocents“ (Hard Times: .2). Getötet werden soll die Unschuld der Kinder, ihre Phantasie, ihr Spieltrieb, ihre Vorstellungskraft, ihre Spontaneität. Kurz, all das, was Kindheit an sich ausmacht. Ersetzt werden soll dies durch „facts“, denn „in this life, we want nothing but Facts, Sir; nothing but Facts!“ (Hard Times: 2). Ein bildhaftes Beispiel, wie solche „Facts“ aussehen, bringt uns Dickens im Verlauf des Zweiten Kapitels. Die korrekte Beschreibung eines Pferdes lautet demnach wie folgt: „Quadruped. Graminivorous. Forty teeth, namely, twenty-four grinders, four eye-teeth, and twelve incisive. Sheds coats in the spring; in marshy countries, sheds hoofs, too “ (Hard Times: 4).

3.1.1. Der „Musterschüler“ Bitzer

Ein „Musterprodukt“ dieser Erziehung, das den Leser durch das ganze Buch begleitet, ist Bitzer. Die beispielhafte Definition eines Pferdes, die oben im Text schon angeführt worden ist, stammt von ihm. Er entwickelt sich zum perfekten Utilitaristen nach Bentham´scher Manier und wendet das im Klassenzimmer Erlernte auch außerhalb der Schule in seinem weiteren Leben an. Er schiebt seine Mutter ins Armenhaus ab und verzichtet auf eine Familie, da dies sein Einkommen schmälern würde. Ironie des Schicksals: Als der am Ende des Buches gewandelte Grandgrind Bitzer um Nachsicht bittet und ihn fragt, ob er denn kein Herz hätte, antwortet dieser seiner Erziehung gemäß: „The circulation, Sir...couldn´t be carried on without one.“ (Hard Times: 257) und macht ihm anschließend eine volkswirtschaftliche Rechnung auf, in der er erklärt, daß er seinen Nutzen maximieren kann, wenn er Gradgrinds Sohn Tom ausliefert.

Mit der Figur Bitzer zeigt Dickens eine mögliche Variante der Entwicklungen aus dem utilitaristischen Erziehungsprinzip auf und stellt diese als nicht gesellschaftsfähig dar. Denn es geht im gesellschaftlichen Zusammenleben eben nicht nur um Nutzenmaximierung.

3.1.2. Der Kontrast Sissy Jupe

„Girl number 20“ (Hard Times: 2) Sissy Jupe ist das genaue Gegenteil zu Bitzer. Sie kann mit Fakten, Mathematik und Volkswirtschaftslehre nichts anfangen und ist auch „unable to define a horse“ (Hard Times: 3). Der Kontrast zwischen Sissy und Bitzer wird von Dickens sehr anschaulich in Kapitel 2 dargestellt. Mit Hilfe eines „ray of sunlight“ (Hard Times: 3) in dessen Licht beide zufällig saßen, stellt Dickens die physischen Unterschiede dar: „...she [Sissy, d. A.] seemed to receive a deeper and more lustrous colour from the sun“ (Hard Times: 3f.), Bitzer dagegen war so blaß und farblos, daß „the rays appeared to draw out of him what little colour he ever possessed.“ (Hard Times: 4). Diese Beschreibung körperlicher Merkmale läßt sofort auch auf deren Charaktereigenschaften schließen. Der farblose Bitzer ist, wie oben schon beschrieben, der eiskalte Rechner ohne Herz; Sissy hingegen ein Mädchen, dem Gefühle und Emotionen wesentlich wichtiger sind als Zahlen und Fakten. Und trotz dessen, daß sie in der Schule versagt, ständig falsche Antworten gibt und sich die Regeln der Mathematik und der Volkswirtschaft nicht einprägen und verinnerlichen kann, ist in ihr viel mehr Weisheit (wenn auch eher im naiven Sinn) als selbst in ihrem Lehrer

M´Choakumchild. Ganz deutlich wird das in einem Dialog mit Louisa in Stonelodge, in dem auch Dickens´ Utilitarismuskritik klar zum Ausdruck kommt. Sissy klagt Louisa ihr Leid und beschreibt die Fehler, die sie in der Schule gemacht hat: Auf die Frage „What is the first principle of this [Volkswirtschaftslehre, d.A.] science?“ (Hard Times: 49) antwortete sie: „To do unto others as I would that they should do unto me“ (Hard Times: 49). Dickens greift das utilitaristische Prinzip „the greatest good for the greatest number“ von John Stewart Mill direkt an, wenn er Sissy auf die Frage wie sie das Verhältnis beurteile, wenn in einer Stadt mit einer Million Einwohner 25 an Hunger sterben, antworten läßt: „...I thought it must be just as hard upon those who were starved, whether the others were a million or a million million.“( Hard Times: 50)

Im Gegensatz zu Bitzer, dem Musterschüler, ist Sissy Jupe, die in den Augen von Thomas Gradgrind Sr. versagt hat, so daß er sie aus der Schule nahm, diejenige, die mit ihrer Emotionalität Louisa hilft, mit ihrer Barmherzigkeit Tom rettet und mit ihrer Liebe und Fürsorge Gradgrinds weiteren Nachkommen eine glückliche Kindheit bietet.

Das Ergebnis dieser „Model School“, der neuen, modernen utilitaristischen Erziehung sind also kalte, berechnende Gestalten, denen durch die Schule die Farbe der Menschlichkeit entzogen worden ist. Auch das könnte man der Beschreibung Bitzers und dem schon erwähnten Vergleich mit Hilfe des Sonnenstrahls entnehmen. Wenn man dazu noch den unterschiedlichen Entwicklungsverlauf von Bitzer und Sissy betrachtet und die Rollen, die beide im weiteren Verlauf spielen, kann man mit völliger Sicherheit formulieren, daß Charles Dickens dieses Erziehungsmodell kategorisch ablehnt. Aber er begnügt sich nicht damit sondern greift unmittelbar in das Geschehen ein, wendet sich direkt an die Leser: „Ah, rather overdone, M´Coakumchild. If he had only learnt a little less, how infinitively better he might have taught much more!“ (Hard Times: 7).

3.2.Education im Elternhaus

Da Thomas Gradgrind Sr., wie schon erwähnt, ein eifriger Verfechter der „Hard Facts“Theorie war, erzog er natürlich auch seine eigenen Kinder auf diese Weise. Vor allem die beiden ältesten Kinder, Tom und Louisa, spielen im weiteren Verlauf des Romans eine große Rolle, denn ihre Entwicklung zeigt einmal mehr, daß das utilitaristische Erziehungsmodell keine gesellschaftsfähigen Menschen hervorbringen kann.

Die stattfindende Erziehung stellt Dickens wie folgt dar:

„No little Gradgrind had ever seen the face in the moon;...No little Gradgrind had ever learnt the silly jingle, Twinkle, twinkle little star; how I wonder what you are!...No little Gradgrind had ever associated a cow in a field with that famous cow...who tossed the dog...“( Hard Times: 8).

All das, was Kindheit ausmacht, nämlich Phantasie, Spielen, Lachen, Vorstellungskraft wird bei den Gradgrind-Kindern unterdrückt. Dickens streicht diesen Abschnitt und seine Aussage durch die ständige Wiederholung des Satzanfanges „No little Gradgrind had ever...“ (Hard Times: 8) besonders heraus. (Das stilistische Mittel der Wiederholung bestimmter Phrasen wird von Dickens sehr häufig angewendet.)

Auch Tom und Louisa sind für Gradgrind Sr. also „little vessels then and there arranged in order...“( Hard Times: 2). Die Auswirkungen dieser Art von elterlicher Erziehung stellt sich im weiteren Verlauf sehr dramatisch dar.

3.2.1. Louisa Gradgrind

Louisa Gradgrind begegnet dem Leser zum ersten Mal, als sie neugierig durch ein Loch die Vorstellung eines Zirkus beobachtet. Diese Szene ist symbolisch für ihr Verlangen nach mehr als nur mathematischen Fakten, ihrem Verlangen nach Romantik, Ausgelassenheit und ungetrübter, naiv kindlicher Freude.

„There was a light with nothing to rest upon, a fire with nothing to burn, a starved imagination keeping life in itself somehow...“ (Hard Times: 11). So beschreibt Dickens ihre Gemütsverfassung und deutet schon an, daß Erziehung, wie auch immer geartet, die Einbildungskraft und die Phantasie nicht ausmerzen sondern höchstens verkrüppeln kann. „A fire with nothing to burn“ (Hard Times: 11). Das Feuer ist ein immer wiederkehrendes Symbol für Louisa, ihren Gemütszustand, ihre verkümmerten Emotionen. Ob es die verglühenden Funken des Kaminfeuers sind, die ihre schwindende Hoffnung auf Glück symbolisieren oder die Feuer, die Nachts aus den Schornsteinen von Coketown sprühen, bei Tag aber durch den Rauch und Qualm verborgen bleiben.

Den Fabrikanten Bounderby heiratet sie nur, um ihrem Bruder Tom, der in Bounderby´s Bank tätig ist, einen besseren Stand zu verschaffen. Als sie dann später den Offerten von James Harthouse ausgesetzt ist, der mit großer Hartnäckigkeit versucht sie zu verführen, ist sie unfähig, den inneren Konflikt zu lösen, der in ihr ausgelöst wird. Nichts in ihrer utilitaristischen Erziehung hatte sie auf so etwas vorbereitet, sie war zwar in der Lage, komplizierte mathematische oder volkswirtschaftliche Berechnungen durchzuführen, konnte aber nicht mit den Gefühlen und Emotionen umgehen, die Harthouse in ihr auslöste. Im letzten Kapitel des zweiten Buches öffnet sie sich ihrem Vater: „What have you done, O father, what have you done, with the garden that should have bloomed once, in this great wildernis here?“ (Hard Times: 193). Sir Thomas Gradgrind wurde konfrontiert mit dem Ergebnis seiner Philosophie, seiner Erziehung, seiner Weltanschauung: „...and saw the pride of his heart and the triumph of his system, lying, an insensible heap, at his feet.“ (Hard Times: 196).

Die tiefe Symbolik, die Dickens hier anwendet, spricht eine sehr deutliche Sprache und ist extrem ausdrucksstark. Seine Bilder machen den „lebensvernichtenden Charakter des pädagogischen Systems deutlich“ (Maack 1991: 150). Alles, wofür Thomas Gradgrind gelebt hatte, wofür er sich eingesetzt hatte und was er gelehrt und gepredigt hatte, wurde in diesem einen Augenblick zunichte gemacht. Mit einem Mal stand er vor den Trümmern seiner Philosophie, die seine Tochter Louisa so ins Verderben gestürzt hatte.

3.2.2. Tom Gradgrind

Wie bei Louisa, so versagt Gradgrinds Erziehung auch bei seinem ältesten Sohn Tom. Er wird schon von Anfang an als egoistisch und unsensibel dargestellt. Ähnlich wie Bitzer stellt er seinen eigenen Vorteil über alles, selbst über das Wohlergehen seiner Schwester. Skrupellos begeht er einen Diebstahl in der Bank um seine Spielschulden zahlen zu können, schiebt die Schuld einem armen, unschuldigen Arbeiter, Steven Blackpool, in die Schuhe und macht sich damit indirekt an seinem Tod mitschuldig. Leichtfertig erzählt er Harthouse über Louisas Gemütszustand und gibt ihm damit die nötigen Instrumente an die Hand, die er braucht.

Am Ende, als ihn der Vater wegen des Einbruchs zur Rede stellt, macht ihm Tom, ganz im Zeichen seiner utilitaristischen Erziehung, eine statistische Rechnung auf: „So many people are employed in situations of trust; so many people, out of so many, will be dishonest. I have heard you talk, a hundred times, of its being a law. How can I help laws? (Dickens, Hard Times: 255).

Ähnlich wie beim Zusammenbruch Louisas, spricht Dickens bei der Beschreibung Toms, der in einem lächerlichen Clownskostüm steckt, in einer sehr bildlichen, symbolreichen Sprache: „anything so grimly, detestably, ridiculously shameful as the whelp in his comic livery, Mr.

Gradgrind never could...have believed in...“ (Hard Times: 254). Und wiederum die gleiche Schlußfolgerung: „And one of his model children had come to this!“ (Hard Times: 254).

Thomas Gradgrind muß am Ende des Romans einsehen, daß seine Erziehungsmethoden, so gut sie auch gemeint gewesen sein mögen, vollständig gescheitert sind, daß aus seinem „Modell-Sohn“ ein gewissenloser Dieb, Spieler und Betrüger geworden ist; daß seine „Modell-Tochter“ ihr ganzes Leben schon unglücklich war und daß sein „Modell-Schüler“ Bitzer zwar hundertprozentig nach seinen statistischen und volkswirtschaftlichen Methoden arbeitet, es allerdings an jeglichem Mitgefühl missen läßt und nur seinen eigenen Vorteil sieht.

Damit schließt sich unmittelbar der dritte Punkt an, der schon weiter oben angesprochen wurde:

3.3. Education bei Sir Thomas Gradgrind

Auch Thomas Gradgrind Sr. macht im Laufe des Romans eine Entwicklung durch, die man durchaus in den Bereich education einordnen kann. Er beginnt als ein „eminent practical man“, für den nur Fakten wichtig sind. So ist Kapitel 1 des ersten Buches mit „The one thing needful“ überschrieben. Diese eine Sache sind die facts, die gepredigt werden, die, zumindest nach Gradgrinds Philosophie, das einzig Wahre sind. Er predigt die utilitaristische Philosophie und er lebt sie auch. So wird von Dickens im zweiten Kapitel des ersten Buches dargestellt, wie Gradgrind sich in der Regel selbst vorstellt: „Thomas Gradgrind, Sir. A man of realities. A man of facts and calculations...“ (Hard Times: 2). Im Kontrast zur vorangegangenen blumigen und ausschweifenden Beschreibung der körperlichen Gestalt von Gradgrind (erwähnt wurde weiter oben im Text schon die „plantation of firs to keep the wind from its shining surface“ (Hard Times: 1)) schreibt Dickens hier in knappen, unvollständigen Sätzen, um die faktenorientierte und phantasielose Denkweise Gradgrinds noch mehr zu verdeutlichen.

Weiter heißt es : „With a rule and a pair of scales, and the multiplication table always in his pocket, Sir, ready to weigh and measure any parcel of human nature, and tell you exactly what it comes to.“ (Hard Times: 2). Dies ist Gradgrinds Grundsatz, dies ist der Grundsatz der utilitaristischen Bewegung Englands. Alles ist meßbar und in Zahlen ausdrückbar. Selbst ein so komplexes Lebewesen wie ein Mensch, mit Gefühlen, Hoffnungen und Ängsten, ist nach deren Auffassung meßbar wie ein Paket. Das macht Dickens in diesem eben zitierten Satz sehr deutlich. Jeder Mensch ist ein Paket, das sich in bestimmte Formeln, Schablonen und Muster pressen läßt und dessen weitere Entwicklung anhand von Statistiken exakt vorherbestimmbar ist. Das ist Sir Thomas Gradgrind am Anfang des Romans.

In den folgenden Jahren allerdings muß er erkennen, wie wenig recht er mit seinen Ansichten hatte. Seine beiden eigenen „model children“ haben sich keineswegs so entwickelt, wie er es vorausberechnet hatte. Im Gegenteil. Durch seine Methoden hat er ihre Kindheit und auch ihr späteres Leben zerstört. So ist ihm nach dem Zusammenbruch Louisas klar, daß es auch noch „Another thing needful“ geben muß. Er beginnt zu erkennen, „that there is a wisdom of the head, and that there is a wisdom of the heart...“ (Hard Times: 199) und „I have supposed the head to be all-sufficient. It may not be all-sufficient;...“ (Hard Times: 200).

Am Ende des Romans wird also auch dem eifrigsten Verfechter der utilitaristischen Theorie gewahr, daß es mehr im Leben braucht als nur Fakten und Vernunft. Er erkennt, wenn auch spät, daß die Weisheit des Herzens, Liebe und Mitgefühl dem Verstand gleichberechtigt zur Seite stehen müssen.

4. Zusammenfassung

Dickens stilisiert Faktenwissen und utilitaristische Philosophie seiner Figuren quasi zur Religion: „...what you couldn´t state in figures, or show to be purchaseable in the cheapest market and saleable in the dearest, was not, and never should be, world without end, Amen.“ (Hard Times: 20) und zeigt damit die Abstrusität und Abnormalität dieser doch angeblich so wissenschaftlichen Denkrichtung, die sich durch das Erheben zur Religion selbst methodischen und nüchternen Angriffen gegenüber unerreichbar macht.

Eine deutliche Sprache spricht auch das Ende: der Fabrikant Bounderby, ein Vertreter der utilitaristischen Ökonomie wird von einem Herzinfarkt hinweggerafft, der egoistische „Musterutilitarist“ Tom stirbt einsam und verlassen im Exil. Demgegenüber steht Sir Thomas Gradgrind, der seiner utilitaristischen Philosophie abschwört, „making his facts and figures subservient to Faith, Hope, and Charity; and no longer trying to grind that Heavenly trio in his dusty little mills“ (Hard Times: 266). Mit den Begriffen „Faith“, „Hope“, „Charity“ und „Heavenly trio“ entläßt Dickens Gradgrind aus dem Religionsersatz Utilitarismus zurück in die Lehren des Neuen Testaments, in eine menschliche - nicht mechanische - Religion, die auch Gefühle und Emotionen zuläßt. Insofern kann man den geläuterten und gewandelten

Gradgrind als den eigentlichen „Gewinner“ des Romans ansehen, da er in einem zwar schmerzhaften und mit Leiden verbundenen Prozeß den richtigen Weg, die richtige Mischung aus Fact und Fancy gefunden hat. Gleichzeitig stellt Dickens ihn als Beispiel heraus, dem andere folgen können und folgen sollen, was er im letzten Absatz des Romans nochmals deutlich macht, indem er sich mit einem diesbezüglichen Aufruf direkt an den Leser wendet: „Dear reader! It rests with you and me, whether, in our two fields of action, similar things shall be or not. Let them be!“ (Hard Times: 268).

5. Bibliographie

5.1. Primärliteratur

Dickens, Charles (19941854 ). Hard Times. London: Penguin Books Ltd.

5.2. Sekundärliteratur

Abrams, M.H. (general editor) (1993). The Norton Anthology Of English Literature. 6th ed. New York: W.W. Norton & Company.

Maack, Annegret (1991). Charles Dickens: Epoche-Werk-Wirkung. München: Beck.

Mill, John Stuart (19871863. „Utilitarianism“. In Ryan, Alan (1987: 272-338)

Ryan, Alan, ed (1987). Utilitarianism And Other Essays: John Suart Mill And Jeremy Bentham. London: Penguin Books Ltd.

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Education in Hard Times
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Veranstaltung
Proseminar "Charles Dickens"
Note
2.0
Autor
Jahr
2000
Seiten
14
Katalognummer
V96961
Dateigröße
359 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Education, Hard, Times, Proseminar, Charles, Dickens
Arbeit zitieren
Ralf Renner (Autor), 2000, Education in Hard Times, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96961

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