Nicht-pronominale Anreden in Shakespeares Julius Caesar


Seminararbeit, 1998

17 Seiten, Note: Bestanden


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Inhalt

A. Nicht-pronominale Anreden im allgemeinen
1. Was ist eine Anrede?
1.1 Ein Beispiel
1.2 Definition einer Anrede
1.3 Situationsbezogene Anreden im Englischen
1.4 Verschiedene Formen der nicht-pronominalen Anrede
1.5 Funktionen nicht-pronominaler Anreden
1.6 Die Wahl der richtigen Anrede
2. Die nicht-pronominale Anrede bei Shakespeare
2.1 Die Betrachtung der nicht-pronominalen Anreden in Shakespeares Dramen
2.2 Die sozialhistorische Basis Shakespeares nicht-pronominaler Anreden

B. Empirische Analyse nicht-pronominaler Anreden in Shakespeares JC
1. Der Gebrauch nicht-pronominaler Anreden in JC
1.1 Vorgehensweise
1.2 Der Anredegebrauch in JC in einem Soziogramm
1.3 Untersuchung bestimmter nicht-pronominaler Anreden in JC

c. Ergebnisse der Analyse
1. Der Zusammenhang zwischen Textinterpretation und Sozialgeschichte
1.1 Die Wichtigkeit dieses Zusammenhangs in bezug auf Shakespeare

D. Literaturangaben

A. Nicht-pronominale Anreden im allgemeinen

1. Was ist eine Anrede?

1.1. Ein Beispiel

Um einen Einstieg in das Thema der nicht-pronominalen Anreden in Shakespeares Julius Caesar zu bekommen, halte ich es für nützlich, zunächst Probleme, die im Umgang mit nicht- pronominalen Anreden im allgemeinen auftauchen können, anhand von drei Beispielen zu verdeutlichen:

(1) John, I want you.
(2) It`s a lovely day, Mrs. Johnson
(3) And you, my friends, will have to work harder.(Quirk, Greenbaum, Leech, Svartvik 1972:372)

Die nicht-pronominalen Anreden in diesen Sätzen sind John, Mrs. Johnson und my friends. Die Fragen, die sich aus diesen drei unterschiedlichen Anreden ergeben sind vielfältig, und ich werde versuchen, sie im folgenden zu beantworten.

1.2. Definition einer Anrede

Eine Anrede ist ein nominales Element, das einem schon bestehenden Satz hinzugefügt wird, um klarzustellen, daß der Sprecher eine bestimmte Person oder Personengruppe direkt anspricht, es also zu keinen Mißverständnissen kommt. Darüber hinaus gibt es noch viele andere Funktionen von Anreden, auf die ich aber erst später eingehen werde.

Die oben verwendeten drei Sätze zeigen die Stellen im Satz, an denen eine Anrede stehen kann, nämlich am Anfang, am Ende oder in der Mitte, also quasi überall. Außerdem kann sie einem Satz hinzugefügt oder weggelassen werden. Der Gebrauch ist also weitestgehend optional. Aufgrund dieser Variabilität kann man im Hinblick auf die Satzstruktur sagen, daß sich Anreden wie Adverbien oder ,um es noch genauer zu sagen, wie Disjunkte verhalten, die ebenfalls am Anfang, am Ende oder in der Mitte eines Satzes stehen können.

Wenn man sich die Betonung der Anreden ansieht, erkennt man, daß sie vom Rest des Satzes getrennt sind, indem sie eine eigene Toneinheit bilden, oder daß sie direkt nach dem Kern einer Toneinheit stehen. Für jeden Platz einer Anrede innerhalb eines Satzes, also Anfang, Mitte oder Ende gibt es Regelmäßigkeiten bei der Betonung. Steht eine Anrede am Anfang eines Satzes so ist ihre Betonung dadurch gekennzeichnet, daß sie zuerst fällt und dann wieder steigt, wohingegen sie in der Mitte oder am Ende eines Satzes nur steigt.(vgl. Quirk, Greenbaum, Leech, Svartvik 1972:372f.)

1.3. Situationsbezogene Anreden im Englischen

Wie sicher jedem einleuchtet, gibt es mannigfaltige Varianten eine Person anzusprechen, die von den Beziehungen des Sprechers zu dem Angesprochenen abhängen.(Soziale Positionen, Grund der Anrede etc.). Generelle Regeln aufzustellen, die immer zutreffen, ist also schwierig, da selbst eine Person von einer anderen in verschiedenen Situationen häufig unterschiedlich angesprochen wird. In dem nun folgenden imaginären Beispiel möchte ich versuchen, dieses deutlich zu machen. Nehmen wir an, es gibt eine englische Familie, die einen Sohn namens John hat der im folgenden von seinem Vater in verschiedenen Situationen immer unterschiedlich angesprochen wird:

(1) Come here, John.
(2) Would you please close the curtains, my little one.
(3) Son, I have to tell you something.

Im ersten Satz wird der Sohn neutral, im zweiten Satz mit einer Wendung, welche die Verbundenheit ausdrücken soll und im dritten Satz förmlich angeredet. Diese verschiedenen Anreden haben ihren Ursprung in den unterschiedlichen Situationen, in denen sie auftreten. „It would be foolhardy to try to predict exactly what address form will be used at any given time, even if you know exactly what the relationship is between the speaker and the person he or she is talking to.“(Fasold :16)

Im folgenden möchte ich anhand einer Tabelle die verschiedenen Formen von Anreden im Englischen verdeutlichen.

1.4 Verschiedene Formen der nicht-pronominalen Anrede

(1) Ein Einzelname mit oder ohne Titel : John, Mr. Johnson, Dr. Smith etc.

(2) Standardanreden, meistens Substantive :

a.) Familienanreden: mother, father, uncle etc.

Oder umgangssprachlicher : mummy, daddy, auntie etc.

b.) Kosenamen : darling, dear, love etc.

c.) Respekttitel : sir, madam, ladies and gentlemen etc.

d.) Berufstitel : doctor, Mr. President, Bishop etc.

Die letztgenannten können auch als Respekttitel verwendet werden

(3) Ein Nominalsatz (tritt aber sehr selten auf) : Whoever that said, come out here.

(4) Pronominale Anreden, die uns hier aber nicht weiter beschäftigen

(5) Verbindungen aus mehreren Elementen der oben genannten Kategorien :

a.) My dear Mr. Johnson; young John

b.) You with the red hair

c.) Old man; young woman

(vgl. Quirk, Greenbaum, Leech, Svartvik 1972:373)

Diese Tabelle ist natürlich bei weitem noch nicht vollständig, und sie kann es auch gar nicht sein, da es quasi unbegrenzte Möglichkeiten der Anrede gibt. Dennoch halte ich es für sinnvoll, diese Tabelle hier aufzunehmen, da sie zwischen fünf Hauptfeldern der Anrede differenziert und durch ihre Beispiele deutlich zeigt, wie reich die Auswahl an Anreden in einer Sprache ist.

Da bisher nur über die äußere Form von Anreden gesprochen worden ist, wird nun im folgenden der soziolinguistische Aspekt von Anreden, nämlich ihre Funktion, von Bedeutung sein.

1.5. Funktionen nicht-pronominaler Anreden

Wie bereits oben erwähnt, gibt es eine klare Funktion einer Anrede, nämlich die Aufmerksamkeit der angesprochenen Person zu erlangen und diese aus einer möglichen Gruppe, in der sie sich befindet, herauszuheben.

Darüber hinaus aber sind noch weitere, nicht so offensichtliche, dafür aber genau so wichtige Funktionen von Bedeutung. Diese machen die sozialen Beziehungen des Sprechers und des Angesprochenen untereinander deutlich, ordnen jeden von ihnen einer sozialen Gruppe und zeigen deutlich die Redesituation, in der sich die Gesprächspartner befinden.

1.6. Die Wahl der richtigen Anrede

Beispiele hierfür lassen sich zahlreich im ersten Kapitel des Buches „Sociolinguistics of Language“ von Ralph Fasold finden. So spricht ein verheirateter Mann über seine Frau in der Regel, indem er ihren Vornamen verwendet. In anderen Redesituationen mit jeweils unterschiedlichen Gesprächspartnern nennt er sie jedoch „mom, my wife, Mary, Mrs Harris, or Tommy`s mother“ (Fasold :3). Hieran läßt sich erkennen, daß diese Synonyme davon abhängig sind, mit wem er spricht.

Direkte Anreden an einen Gesprächspartner hängen von den gleichen Faktoren ab. So gibt es zwei große Beziehungen in Gesprächen, nämlich entweder respektvolle Distanz oder Vertrautheit. Der obigen Tabelle folgend kann man jemanden, den man mit Namen kennt, entweder mit Mr Jones oder mit John anreden, was alleine mit der oben erwähnten Vertrautheit zu tun hat. Redet man ihn allerdings trotz fehlender Vertrautheit mit John an, so kommt dies einer Unhöflichkeit gleich.

Weitere Probleme bei der Wahl der richtigen Anrede treten auf, wenn man denjenigen, den man ansprechen möchte, überhaupt nicht mit Namen kennt. So kann man zwar zu erkennbar älteren und höher gestellten Personen Sir bzw. Madam sagen, man hat allerdings ein Problem, wenn man das gleiche mit etwa Gleichaltrigen tun würde, da es zu formal klingen würde. Mister und Missis hingegen sind als Anreden unter dem normalen Standard und werden als unhöflich empfunden.

Zusammenfassend kann man also sagen, daß die Wahl der richtigen Anrede größtenteils von den oben erwähnten Faktoren abhängig ist, die jedoch auch mit Ausnahmen behaftet sind, so daß es in der Praxis einfacher ist, die passende Anrede zu finden, als in der Theorie zu fragen, warum dies so ist.

2. Die nicht-pronominale Anrede bei Shakespeare

2.1. Die Betrachtung der nicht-pronominalen Anreden in Shakespeares Dramen

Da Shakespeares Dramen alle in einer Zeit entstanden sind, in der verschiedene Anreden eines der Hauptkriterien für die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Ständen ausmachten, lassen sich in seinen Werken auch weit mehr Anreden finden, als heute im Gebrauch sind, um Vertreter verschiedener Stände deutlich voneinander abzugrenzen.

So lassen sich alle von Shakespeare verwendeten nicht-pronominalen Anreden in acht verschiedene Kategorien einteilen, die ich nun im folgenden vorstellen werde:

a.) Rang- und Funktionstitel wie prince, thane, lady oder knight.

b.) Respekts- und Höflichkeitsanreden wie my lord, my lady oder master.

c.) Styles und Würdetitel wie your Majesty, your Worship oder your Honor.

d.) Berufs- und Amtsbezeichnungen wie captain, sergeant oder priest.

e.) Namensanreden wie Cassius, Antonius oder Brutus (JC).

f.) Verwandtschaftsanreden wie father, cousin oder son.

g.) Gewohnheitsanreden wie fellow, knave oder friend.

h.) Emotionale Anreden (Kosenamen, Schimpfnamen etc.) wie villain, rogue oder rascal.(vgl. Stoll 1989:89ff.)

Da Shakespeare die elisabethanische Gesellschaftsordnung seiner Zeit auf beinahe jedes seiner Dramen übertragen hat, werde ich im nächsten Unterpunkt die acht verschiedenen Kategorien der Anreden in Shakespeares Dramen auf die Gesellschaft der elisabethanischen Zeit beziehen und somit näher erläutern.

2.2. Die sozialhistorische Basis Shakespeares nicht-pronominaler Anreden

Wenn man sich das England des ausgehenden 16. und beginnenden 17.Jahrhunderts, also die Zeit in der Shakespeare wirkte, ansieht, so erkennt man im Vergleich zum europäischen Festland, auf dem sich das mittelalterliche starre Kastensystem noch verhärtete, eine Gesellschaft mit „einer relativen Durchlässigkeit und Flexibilität der sozialen Rangordnung“(Stoll 1989:10), in der jedoch gerade deshalb auf Klassen- und Rangunterschiede Wert gelegt wurde. Um nun Shakespeares Anredeverhalten zu verstehen, muß man sich dieser Gesellschaftsstruktur bewußt sein.

Da nun Shakespeares Charaktere schon laut Goethe „eingefleischte Engländer“(Stoll 1989:11, zitiert nach Schlösser 1969:12f.) sind, läßt sich dieses Gesellschaftssystem auf seine Dramen übertragen, egal zu welcher Zeit sie spielen. So gab es vier soziale Faktoren, die das Anredeverhalten der damaligen Zeit und somit auch das Anredeverhalten bei Shakespeare beeinflußten.

Der erste war das Geschlecht, welches das Anredeverhalten insofern beeinflußte, als es in Mitteleuropa nahezu kein geschlechtsspezifisches Sprachverhalten gab. Ob jedoch die Überhöflichkeit gegenüber den Damen der elisabethanischen Zeit in den fehlenden weiblichen Entsprechungen der Anreden zu suchen ist, und ob diese Höflichkeit auf die Entwicklung des weiblichen Titel- und Anredesystems Einfluß hatte, ist nicht endgültig zu klären.

Der zweite Faktor ist das Alter. Da der Respekt vor dem Alter in Shakespeares Zeit sehr viel ausgeprägter war als heute, findet sich dies auch in den Anreden jüngerer Personen an Ältere wieder.

Der dritte Punkt ist der Beruf, an dem wohl am deutlichsten das ständeübergreifende Anredeverhalten festzumachen ist. So gab es im damaligen Berufsleben Berufe, die lediglich von Vertretern ihrer Klasse ausgeführt werden konnten. Somit gab es eine klare Hierarchie, die das Anredeverhalten reglementierte. Wurde ein Vertreter eines höheren Berufes von einem Vertreter eines Berufes einer niederen Klasse mit Vornamen angeredet, so kam dies einer Beleidigung gleich, wohingegen es umgekehrt jedoch geduldet wurde.

Das vierte und letzte Kriterium für das Anredeverhalten, das für nicht ganz so wichtig wie die drei vorangegangenen Punkte gehalten wird, liegt in den verschiedenen Nationalitäten in Shakespeares Dramen begründet. Obwohl oben bereits gesagt wurde, daß eigentlich alle Charaktere Shakespeares im Grunde Engländer ihrer Zeit sind, so gibt es vereinzelt aber auch Charaktere mit den von den Engländern so gesehenen stereotypen Verhaltensweisen anderer Nationen wie den affektierten Spanier, den übermütig unüberlegten Italiener und düstere, kühle Schotten, um nur einige zu nennen. Diese verschiedenen Charaktereigenschaften schlagen sich auch im Anredeverhalten nieder.

Neben diesen vier sozialen Faktoren gibt es noch drei Beziehungsarten von Gesprächspartnern untereinander, auf die ich allerdings nicht näher eingehen werde, da ihre Funktion im Hinblick auf das Anredeverhalten allein schon durch ihre Nennung deutlich wird.

Die erste sind die Verwandtschaftsbeziehungen (Vater-Sohn), die zweite sind die Herrschaftsbeziehungen (Herr-Diener) und die dritte sind die Freund-Feind-Beziehungen (Brutus-Cassius (Freund), Brutus-Antonius (Feind) in JC).

Im folgenden werde ich nun versuchen, anhand von empirischen Untersuchungen am Beispiel des Dramas „Julius Caesar“ die Funktionen bestimmter Anreden verschiedener Personen zu verschiedenen Anlässen anhand der unter diesem Punkt beschriebenen Kriterien zu untersuchen.

B. Empirische Analyse nicht-pronominaler Anreden in Shakespeares JC

1. Der Gebrauch nicht-pronominaler Anreden in JC

1.1. Vorgehensweise

Bevor ich nun zur Analyse komme, werde ich noch kurz erläutern, wie ich mich dem Untersuchungsgegenstand genähert habe.

Bereits beim ersten Lesen des Dramas „Julius Caesar“ von William Shakespeare habe ich Anreden, egal welcher Person, die mir wichtig erschienen, unterstrichen, um so bei der zweiten Durchsicht auf bereits vorhandenes Wissen zurückgreifen zu können. Die Analyse beschränkt sich auf außergewöhnliche Anreden, die einen Zweck und einen tieferen Sinn haben, wohingegen einfache Namensanreden ausgespart werden, da sie für eine Analyse nicht genug hergeben. Zunächst wird nun eine Liste aller in JC auftretenden Anreden folgen, um einen gewissen Überblick zu erhalten.

1.2. Der Anredegebrauch in JC in einem Soziogramm (aus Stoll 1989:48ff.)

Um einen Einstieg zu bekommen, wird im folgenden der Anredegebrauch in JC in Form eines Soziogramms dargestellt. In diesem Soziogramm sind alle Anreden, die innerhalb des Dramas verwendet werden, verzeichnet, so daß man einen guten Überblick gewinnt.

1.3.Untersuchung bestimmter nicht-pronominaler Anreden in JC

Da es sicherlich den Rahmen sprengen würde, jede verwendete Anrede zu untersuchen, beschränke ich mich im folgenden, wie oben bereits erwähnt, auf die Untersuchung meiner Meinung nach wichtiger Anreden, an denen man gut die Funktionen derselbigen nachweisen kann.

Viele dieser sogenannten wichtigen Anreden lassen sich in Akt III, Szene 2 finden, auf welche ich mich nun beziehen werde, da dort die beiden äußerst gegensätzlichen Charaktere Brutus und Antonius nach der Ermordung Caesars zum Volk sprechen, um dieses hinter sich zu bringen.

So versucht Brutus, der als erster spricht, die Ermordung Caesars durch kühle Logik zu rechtfertigen, indem er sagt, daß die Ermordung zum Wohle Roms begangen wurde und nicht aus fehlender Liebe zu oder sogar Haß gegen Caesar: „Not that I loved Caesar less, but that I loved Rome more.“(III,2 Z.21f.). Wenig später wird er noch etwas genauer, als er sagt, daß Rom vor Caesars Ehrgeiz gerettet werden mußte: „As Caesar loved me, I weep for him; as he was fortunate, I rejoice at it; as he was valiant, I honour him; but, as he was ambitious, I slew him.“(III,2 Z.24ff.).

Antonius hingegen, der mit seiner Rede versucht, das Volk gegen die Mörder Caesars aufzuhetzen, argumentiert nicht sachlich, sondern er benutzt welt- und wortgewandt rethorische Figuren wie die ständige Wiederholung von Phrasen wie honourable men: „For Brutus is an honourable man, So are they all, all honourable men“(III,2 Z.84f.), die jedoch in krassem Gegensatz zur Intention seiner Rede stehen und letztendlich nur dazu dienen, das Volk von der seiner Meinung nach verachtenswerten Haltung der Mörder Caesars zu überzeugen.

Und genau diese beiden Arten der Argumentation finden sich auch in den von beiden verwendeten Anreden an das Volk wieder. So beginnen zwar beide mit ähnlichen Floskeln (Brutus: friends und Romans, countrymen and lovers; Antonius: You gentle Romans und Friends, Romans, countrymen) aber nur um danach völlig unterschiedliche Anreden zu gebrauchen, die beim Volk höchst unterschiedliche Gefühle hervorrufen.

Brutus, dessen Verstand von Logik geprägt ist, bleibt in seiner Rede größtenteils bei der von ihm schon am Anfang verwendeten Anrede. Die einzigen Unterschiede bestehen in der einmaligen Hinzufügung des Possessivpronomens my vor countrymen, sowie der einmaligen Hinzufügung des Adjektivs Good, und zwar wiederum vor countrymen (III,2 Z.54ff.).

Durch diese relativ neutralen Anreden des Brutus an das Volk liegt zwar mehr Betonung auf der Argumentation seiner Rede und den Gründen für die Ermordung Caesars, es ist aber letztendlich, trotz der zuerst herrschenden Begeisterung in den Reihen der Zuhörer, nicht das, was das Volk hören will, wie wenig später bei der Rede des Antonius deutlich wird.

Dieser benutzt emotionale Anreden, die auch besser zu seinem rethorischen Stil passen, als die von Brutus verwendeten Anreden. Wie oben bereits erwähnt, beginnen beide mit ähnlichen Floskeln, die trotz ihrer anscheinenden Übereinstimmung vom Volk völlig unterschiedlich aufgenommen werden müssen. So ist friends bei weitem neutraler als You gentle Romans. Romans, countrymen and lovers und Friends, Romans, countrymen hingegen sind offensichtlich emotional relativ gleich, der Unterschied besteht jedoch in dem, was direkt im Anschluß daran gesagt wird.

So sagt Brutus in seinem nüchternen Redestil hear me for my cause, wohingegen Antonius den Zuhörern mit der Floskel lend me your ears schmeichelt.

Diese Schmeicheleien ziehen sich durch seine gesamte Rede und spiegeln sich in seinen Anreden wieder. So ist die nächste direkte Anrede an das Volk das nicht standesgemäße masters(III,2 Z.123), da er derjenige ist, der von seinem Rang her höher anzusiedeln ist als das größtenteils einfache Volk, das ihm zuhört. Eigentlich könnte er erwarten, vom Volk masters genannt zu werden. Der Grund für die Wahl dieser Anrede ist sicherlich in dem von ihm verfolgten Zweck, sich mit dem Volk zu solidarisieren, zu suchen. Dieser Effekt wird noch durch den emotional Verzweiflung ausdrückenden Ausruf O verstärkt, der direkt vor der Anrede masters steht und Antonius und das Volk noch näher zusammenbringt, da es so wirkt, als wolle er Hilfe von ihnen erbitten, da er es so scheinen läßt, als ob er selbst nicht mehr weiter weiß.

Die nächste Anrede dient wiederum dem gleichen Zweck. Es ist die Anrede gentle friends in Zeile 142, bei der man wiederum denken könnte, daß sie sich nicht sonderlich von der ersten

Anrede des Brutus unterscheidet. Aber Brutus benutzte die Anrede friends ohne das schmeichelnde gentle des Antonius, der aufgrund seiner Anreden und natürlich der Form seiner Rede an sich, wenig später das Volk davon überzeugt hat, daß die Mörder Caesars umzubringen sind.

Aber obwohl er sein Ziel bereits erreicht hat, folgen noch weitere schmeichelnde Anreden wie Good friends, sweet friends(III,2 Z. 211) im weiteren Verlauf seiner Rede, die ihm schließlich von Seiten des Volkes höchste Anerkennung verschaffen, was sich in Zeile 216 äußert, als er vom Volk mit der Anrede most noble Antony bedacht wird.

Diese Beispiele zeigen, wie wichtig richtig benutzte Anreden sein können, wenn es darum geht, jemanden von seiner Meinung zu überzeugen. Sie sind jedoch bei weitem noch nicht die einzigen Beispiele, die untersuchungswürdig sind. Darüber hinaus gibt es weit mehr, die nun im folgenden betrachtet werden.

Diese stehen in der 3.Szene des IV.Aktes und werden in erster Linie von Brutus und Cassius benutzt, nachdem sie beschlossen haben, am nächsten Morgen gegen die Legionen von Octavius und Antonius zu marschieren. Diese Anreden fallen nun in einer gewissen Entspannung nach einem Streit zwischen Brutus und Cassius, da sie sich wieder vertragen haben und außerdem für den morgigen Tag alles geklärt ist. Es ist Abend, und alle sind kurz davor, ins Bett zu gehen.

Um Cassius zu zeigen, daß zwischen ihnen wieder alles in Ordnung ist, behandelt Brutus Cassius mit einer leicht übertriebenen Höflichkeit, indem er ihn mit Noble, noble Cassius(IV,3 Z.231) anredet, was er vorher noch nie getan hat, es war eher andersherum. Die Anrede verfehlt jedoch bei Cassius nicht seine Wirkung. Er antwortet nämlich mit O my dear brother(IV,3 Z.233), was nicht der Wahrheit entspricht, da er ja nicht wirklich sein Bruder ist. Dies ist aber ein gutes Beispiel einer Anrede, die etwas bezweckt. Durch die verwendete nicht zutreffende Verwandtschaftsanrede demonstriert Cassius seine tiefe Verbundenheit zu Brutus, die er gleich einem Bruder empfindet, obwohl sie körperlich nicht verwandt sind.

In der nächsten Gesprächssituation dieser beiden kehrt sich dieses Verhalten um. So nennt Cassius Brutus in Zeile 235 my lord, um in der darauffolgenden Zeile von Brutus good brother tituliert zu werden. Diese beiden Situationen zeigen, wie durch Anreden ein Zusammenhalt zwischen Gesprächspartnern aufgebaut werden kann.

Es ist jedoch auch möglich, daß bei der Wahl von beleidigenden Anreden genau das Gegenteil eintreten kann, was von Brutus schon vorher in der gleichen Szene demonsriert wird, als er einen Dichter, der ihn und Cassius durch seine Verse in ihrem Streit erheitern will, unter wüsten Beschimpfungen davonjagt. Obwohl der Dichter sie in Zeile 129 standesgemäß mit you generals anspricht, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, will Brutus ihn loswerden, was er mit den beleidigenden Anreden sirrah, Saucy fellow und Companion(IV,3 Z.133ff.) auch schafft.

Um nun jedoch noch einmal zu der ruhigen Situation innerhalb des Lagers zurückzukommen, in dem alle kurz vor dem zu Bett gehen sind, möchte ich noch auf weitere bemerkenswerte Anreden des Brutus verweisen, die mit seiner gelösten Stimmung zusammenhängen. So redet er seinen Diener Lucius zuerst noch standesgemäß, jedoch äußerst freundlich mit Poor knave(IV,3 Z.240) an. Kurze Zeit später, als er alle drei Diener, Lucius, Varro und Claudius gebeten hat, in seinem Zelt zu schlafen, was sicherlich nicht selbstverständlich ist, redet er sie sogar unstandesgemäß mit sirs, und wenig später sogar mit good sirs(IV,3 Z.245ff.) an, um seine Nähe zu ihnen zu demonstrieren. Diese Bekundung steigert Brutus im folgenden ab Zeile 254 sogar noch, indem er Lucius mit Anreden wie good boy, my boy, gentle knave und wiederum good boy bedenkt.

Natürlich gibt es in JC noch weitere Anreden mit weiteren Funktionen, jedoch haben die oben ausgewählten eine gewisse Wichtigkeit im Hinblick auf die zahlreichen Funktionen, die eine Anrede haben kann und der man sich ohne nähere Beschäftigung mit dem Thema nicht ohne weiteres bewußt wird. Auch haben die obigen Beispiele noch andere Funktionen als die besprochenen. Die Betrachtung aller würde aber, wie bereits oben erwähnt, den Rahmen sprengen.

C.Ergebnisse der Analyse

1. Der Zusammenhang zwischen Textinterpretation und Sozialgeschichte

1.1. Die Wichtigkeit dieses Zusammenhangs in bezug auf Shakespeare

Die sprachwissenschaftliche Form der nicht-pronominalen Anrede ist eine sehr wichtige Komponente im Hinblick auf die Interpretation von Texten im allgemeinen, und schon älteren Texten wie den Dramen Shakespeares im besonderen, da an ihnen Stimmungen, Intentionen und das Verhalten einzelner Figuren festgemacht werden können, die der Interpretation von Gesprochenem nicht unerheblich dienen.Dies alles darf jedoch nicht ohne den Hintergrund der bestimmten geschichtlichen Epoche geschehen, in welcher der Text entstanden ist.

Würde man beispielsweise die Anreden aus JC mit heutigen Maßstäben messen, so würde man schnell den Eindruck gewinnen, daß viele der Anreden übertrieben, oder sogar überflüssig sind, da sie im heutigen Sprachgebrauch so nicht mehr verwendet werden.

Vor dem Hintergrund des ausgehenden 16. bzw. des beginnenden 17.Jahrhunderts jedoch, also des elisabethanischen Zeitalters, in dem Shakespeare schrieb, wirken die verwendeten Anreden keineswegs mehr überflüssig, sondern sind eine große Verständnishilfe sowohl für das gesamte Stück, als auch, wie bereits oben erwähnt, für das Wesen einzelner Charaktere.

Dies hängt damit zusammen, daß Shakespeare in seinen Dramen regelmäßig das zu seiner Zeit bestehende Gesellschaftssystem auf seine Stücke übertrug, so daß man mit der Kenntnis dieses Systems viel dazu beitragen kann, Shakespeare besser zu verstehen.

Man erkennt Beleidigungen, wenn ein Charakter einen anderen nicht standesgemäß anredet, die man vorher nicht erkannt hätte, aber auch Ausdrücke von Zuneigung, die sich häufig schon in den Anreden manifestieren, die man sonst in der Interpretation nicht berücksichtigt, oder sogar einfach überlesen hätte.

Zusammenfassend kann man also sagen, daß das nähere Betrachten nicht-pronominaler Anreden bei Shakespeare sehr sinnvoll ist, da es hilft, den tieferen Sinn zu erschließen, der einem sonst vielleicht verborgen bleibt.

D. Literaturangaben

Quirk, Randolph; Greenbaum, Sidney; Leech, Geoffrey; Svartvik, Jan, 1972: A Grammar of Contemporary English. London: Longman Group Ltd.

Fasold, Ralph, : Sociolinguistics of Language. :

Stoll, Rita, 1989: Die nicht-pronominale Anrede bei Shakespeare. Franfurt/M.: Peter Lang GmbH.

Quirk, Randolph; Greenbaum, Sidney, 1973: A University Grammar of English. London: Longman Group Ltd.

Quirk, Randolph

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Nicht-pronominale Anreden in Shakespeares Julius Caesar
Veranstaltung
Sprachwissenschaftsproseminar "Die Sprache Shakespeares" (Boeder)
Note
Bestanden
Autor
Jahr
1998
Seiten
17
Katalognummer
V96963
Dateigröße
362 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nicht-pronominale, Anreden, Shakespeares, Julius, Caesar, Sprachwissenschaftsproseminar, Sprache, Shakespeares
Arbeit zitieren
Oliver Buchholz (Autor), 1998, Nicht-pronominale Anreden in Shakespeares Julius Caesar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96963

Kommentare

  • Gast am 10.12.2000

    Nicht-pronominale Anrede in Shakespeares....

    Hi Oliver!

    Hab leider kein Kommentar zu Deiner HA aber dennoch eine Frage. Ich bin nämlich auch jetzt bei Boeder in einem Hauptseminar gelandet und schreibe eine HA über die Bereicherung des Wortschatzes bei Shakespeare. Wollte wissen, ob Du die Unterlagen zu dem Seminar noch hast und mir evtl. zukommen lassen könntest?

    Wäre echt super!
    Meine Adresse:
    Annika Schwartz
    Pferdemarkt 16
    4/13
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