Kant, Hermann - Die Aula


Referat / Aufsatz (Schule), 2000

10 Seiten


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Gliederung der Problematik:

A EINLEITUNG

Hermann Kant - ein Vertreter der DDR-Literatur

B HAUPTTEIL

1 Analyse nach Inhalt und Form
1.1 Kurze Fabel des Auszugs, kurze Einordnung in das Gesamtwerk
1.2 Inhaltlicher Aufbau und Struktur des Textes
1.3 Gedankengang im Zusammenhang mit der Untersuchung der sprachkünstlerischen Mittel und deren Wirkung auf den Leser

2. Gedankliche Auseinandersetzung mit der Problematik
2.1 Charakteristik Schikas
2.2 Argumente für und gegen den Standpunkt Schikas
2.3 Beurteilung der Auffassungen Schikas im Zusammenhang mit der Zusammenfassung der Analyseergebnisse

C SCHLUSS

Die Problematik des Auszuges aus heutiger Sicht

Hermann Kant wurde 1926 in Hamburg geboren und avancierte in seinem Leben zu einem der bedeutendsten Vertreter der DDR-Literatur. Dies beweisen nicht zuletzt seinen zahlreichen Literaturpreise wie der Heinrich-Heine-Preis (1962), der Heinrich-Mann-Preis (1967) oder der Literaturpreis des FDGB (1963), sondern auch seine Romane, die immer wieder zu Bestsellern wurden. Einer dieser Romane ist "die Aula", in dem Kant die Probleme aus der Anfangszeit der DDR beschreibt. Die Geschichte um Robert Iswall und seine Studienkollegen erzählt, wie schwer es war, innerhalb kürzester Zeit eine neue Intelligenz für den Arbeiter- und Bauernstaat aufzubauen. Kant versteht es, dieses Stück DDR-Geschichte so in kurze Episoden und Anekdoten zu kleiden, dass sie fast wie lebendig wirkt.

Robert Iswall, ehemaliger Student an der ABF Greifwald, bekommt den Auftrag, eine Rede anläßlich zur Schließung der ABF zu halten. Bei seinen Vorbereitungen zu dieser Laudatio erinnert sich Iswall an seine alten Freunde, an seine damaligen Probleme und an die Schwierigkeiten, die die Studienzeit an der ersten Arbeiter-und-Bauern-Fakultät Deutschlands mit sich brachte. Robert erinnert sich an zahlreiche einzelne Episoden, die fast immer komisch wirken. Auch die Episode mit dem Physiklehrer Schika gehört dazu. Seiner Meinung nach, sind der Mensch und die Menschlichkeit die Wissenschaft betreffend zu vernachlässigende Größen und der Wissenschaftler selbst ein Nicht-Mensch. Die Forschung sollte "außerhalb politischer, ideologischer oder ethnischer Kraftfelder" (S. 327 Z. 20/21) erfolgen. Der Wissenschaftler hat als nur der Wissenschaft eine Verantwortung gegenüber, jedoch nicht gegenüber seinen Mitmenschen. Mit dieser These beschäftigen sich die Schüler des Physikunterrichts, wobei sie versuchen, sie mit verschiedensten Argumenten zu widerlegen, was ihnen letztendlich aber doch nicht gelingt, da der Lehrer das letzte Wort hat

Inhaltlich kann man den Text in vier gedankliche Abschnitte teilen. Der erste befaßt sich mit der Situation, in der die Physikstunde stattfindet: Schika ist gerade dabei, mit einigen Drähten, Spulen und Magneten zu hantieren, als er sich über die Beziehung zwischen der Mathematik und der Physik ausläßt. Er tut der Klasse seine Meinung kund, dass Physik eine Wissenschaft sei, die der Mathematik nicht im geringsten "das Wasser reichen" könnte.

Die ersten beiden Sätze des Textauszuges fungieren als Einleitung. Sie klären den Leser darüber auf, um wen es geht und in welcher Situation sich die handelnden Personen befinden. Die Hauptperson, die hierbei erwähnt wird ist der Physiklehrer Schika und der Leser erfährt, dass er, wenn er mit Magneten und Spulen hantierte, unausstehlich war. Diese Tatsache weist auf den Unmut des Lehrers hin, Physik zu unterrichten und diese Annahme wird durch die folgende indirekte Rede bestätigt: "Das Fach läge jenseits seiner Bestimmung, sagte er, [...]" (S. 322). Schika sieht sich nicht geschaffen für den Physikunterricht. Seine Sympathien gelten der Mathematik, denn um sie zu beherrschen, bedarf es einer bestimmten Höhe an Intelligenz während die Physik eine Wissenschaft der Gebrauchsgegenstände ist, also etwas für Handwerker. Er sieht sich selbst also als einen höher gebildeten Menschen an, womit er nicht ganz unrecht hat, denn es gab bzw. gibt sicher Menschen, die seinen Bildungsstand nicht erreichen. Trotzdem spricht er in einer sehr abwertenden Art über die Wissenschaft der Physik. Sofort nach der indirekten Rede, in der der Erzähler die Worte Schikas wiedergibt, setzt die direkte Rede ein. Dies ruft eine Steigerung der Spannung hervor. Zuerst wird der Gemütszustand Schikas durch den Erzähler geschildert, dann beginnt die indirekte Rede, in der der Leser genaueres über Schikas Ansichten erfährt und dann spricht Schika selbst aus, was er denkt. Am Ende seines Monologes über die Beziehungen zwischen Mathematik und Physik, stellt er die Frage, ob noch jemand eine Frage zu dem Elektromagneten hat und kommt damit wieder auf das eigentliche Unterrichtsgeschehen zurück.

Der nächste Absatz blickt auf die vorherigen Physikstunden zurück und erzählt von der Begebenheit, dass sich stets ein Schüler meldet um etwas zu erfragen.

Besonders auffällig sind die häufigen Vergleiche im Text. So wird der Lehrer Schika in dem Absatz z.B. mit einem Tiger verglichen, der knurrend die Fragen der Schüler beantwortet und "der nicht einzusehen vermag, warum er auf die alberne Wippe klettern soll, wenn jenseits des Gitters so viele rosig-appetitliche Gesichter leuchten". Er will also nicht einsehen, warum er seinen Schüler die Physik näher bringen soll, wenn die Mathematik doch viel 'schöner' ist. Die Rolle des Tigers wird durch das Verb "fauchen" in der letzten Zeile dieses zweiten Abschnittes noch einmal verdeutlicht.

Ein anderer Vergleich ist der zwischen einem Mathematiker und einem Kunstmaler und in dem Zusammenhang der Vergleich zwischen einem Physiker und einem Anstreicher. Dem Leser wird Schikas Abneigung der Physik gegenüber also unmißverständlich klar gemacht. Nicht nur der Vergleich mit dem Anstreicher, sondern auch der mit der Kuhmagd tragen dazu bei. Schika meint, dass selbst eine Kuhmagd, die ja mit einem Physiker für gewöhnlich sehr wenig gemein hat, sogar die Funktionsweise eines Thermometer kennt. Verallgemeinert man diese Ansicht, kommt man zu dem Ergebnis, dass die Physik von jedem X-Beliebigen erforscht und verstanden werden könne, während Mathematiker intelligente Menschen sein müssen. Die Physik ist in seinen Augen ja nur zur Wissenschaft avanciert, weil sie von der Mathematik unterstützt wurde. Physik und Mathematik gehören aber nun einmal zusammen.

Im nächsten Absatz, den ich als den Beginn des zweiten gedanklichen Abschnittes einordnen würde. Wird der Leser wieder zurück zur Ausgangssituation geführt, und der Fischer Timborn stellt Schika an diesem Tag eine Frage, die der Beginn des Gespräches zwischen den Schülern und Schika ist, denn nun kommt zum ersten Mal ein Student ins Spiel, wo vorerst nur von dem Lehrer die Rede war und der Fischer Timborn stellt genau die Frage, deren Inhalt Schika die ganze Zeit versucht hat zu vertuschen und zu ignorieren. Er stellt die Frage danach, ob Physik und Mathematik nicht ursprünglich in einer Hand gelegen haben. Schika antwortet darauf vorerst mit Ausflüchten: "So absolut könne man das nicht sagen". Auch hier fällt wieder der Wechsel von der indirekte Rede zur direkten Rede auf. Der Erzähler gibt auch hier vorerst nur das wieder, was Schika sagt und läßt ihn dann schließlich zu Wort kommen, was dem Leser anzeigt, dass nun die eigentliche Beantwortung der Frage folgt. Schika verwendet hierzu das Beispiel des Physikers und Chemikers Michael Faraday und im Zusammenhang mit diesem ein Zitat des Physiologen Helmholtz: " Er zeigte mir all das, was sehenswert war. Doch war es nicht viel, dieweil ihm alte Stückchen Draht, Holz und Eisen anscheinend genügten, um große Entdeckungen zu machen" (S. 323, Mitte). Anhand dieses Zitates beantwortet Schika nun auch Timborns Frage nach dem Zusammenhang zwischen Mathematik und Physik. Er meint, dass der Draht, das physikalische Element an Faradays Entdeckungen, nur die Mathematische Leistung in Faradays Kopf unterstützen sollte, dass die eigentliche Erfindung also nur der Mathematik zu verdanken und die Physik nur eine Nebensache dabei gewesen sei. Doch diese Tatsache reicht Schika noch nicht, er "geh[t] noch weiter, meine Damen und Herren, [...]"(S. 323) Schließlich behauptet er sogar, dass die Nebensache der Physik den Forscher sogar noch bei seinen mathematischen Berechnungen durcheinanderbringt und verwirrt. Um diese These zu unterstreichen führt er auch gleich noch ein weiters Beispiel an: Das des Kernphysikers Enrico Fermi, der an der Entwicklung der amerikanischen Atombombe beteiligt war und angeblich vor kurzem die Isolierung eines Doppelfensters berechnen wollte, was ihm allerdings nicht gelang, weil er sich verrechnete. Schika begründet dies damit, dass es bei dem Doppelfenster im Gegensatz zur Atombombe um ein "plumpes Nichts" ging. Auch hier fällt dem aufmerksamen Leser wieder ein Vergleich auf. Und zwar vergleicht Schika den Versuch Fermis, das Doppelfenster zu berechnen, mit dem Versagen eines Ballettänzers bei einem Gepäckmarsch. An dieser Stelle komm auch wiederum die Abneigung Schikas zur Physik zum Vorschein: Während er die mathematische Leistung mit der eines Ballettänzer gleich setzt, der es versteht, sich elegant und graziös zu bewegen, wird die Physik mit einem Gepäckmarsch verglichen, der ja bekanntlich nicht viel von der Leichtigkeit und Anmut eines Ballettänzers hat. An einigen Stellen bekommt der Leser das Gefühl, dass Schika sich als jemanden den anderen gegenüber sehr erhabenen sieht. Dies kommt schon allein durch seine Sprache zum Ausdruck. So benutzt er beispielsweise Wörter wie das Adjektiv "exzellent" oder Substantive wie "der Gelehrte", die im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr so häufig auftreten. Ebenso auffällig ist seine Wortwahl im Bezug auf die beiden Wissenschaften (Physik und Mathematik). Sein vorgezogenes Fach belegt er mit Adjektiven wie "bedeutend", oder "genial", die Physik bekommt hingegen Adjektive wie "plump", das übrigens mehrmals auftaucht. Auch der letzte Satz Schikas, das Ende seines zweiten Monologs in diesem Textauszug, zeugt von Überheblichkeit: "Sie können mir hoffentlich folgen?" Besonders das Adverb "hoffentlich" 'sticht' hier heraus und läßt den Satz bewertend klingen.

Nun schaltet sich Trullesand ein, dessen Sprache einen Kontrast zur Sprache Schikas bildet, da Trullesand sich durch eine sehr umgangssprachliche Rhetorik auszeichnet. Seiner Meinung nach sind Doppelfenster weitaus nützlicher als eine Atombombe, womit er höchstwahrscheinlich auch die Meinung des Lesers trifft. Zum zweiten wird die Sympathie des Lesers durch Trullesands komischen Zusatz, dass er schon allein als Zimmermann diese Meinung vertreten muß, angeregt.

An dieser Stelle beginnt meiner Ansicht nach der dritte gedankliche Abschnitt des Textes, denn nun kommt zum ersten Mal ein Schüler in der direkten Rede zu Wort. Außerdem wird mit Trullesands Einwurf die Diskussion um das eigentliche Thema des Abschnittes 'angekurbelt'. Dem Einwurf Trullesands folgt auch zugleich ein Kommentar von Schika, in dem seine gehobene Sprache ganz besonders betont wird. Zuerst weist er Trullesand zurecht, da dieser sich nicht ordnungsgemäß gemeldet hat, um seinen Kommentar abzugeben und außerdem "mißbillig[t] [er] [seine] Sprechweise nach wie vor." (S. 303, oben). Hier kommt abermals seine Überheblichkeit den Schülern gegenüber zum Vorschein. Letztendlich beantwortet er Trullesands Einwurf mit einer rhetorischen Gegenfrage, danach, ob es denn eine Atombombe geben würde, wenn der Wissenschaftler stets über die Nützlichkeit seiner Erfindungen nachdenke. Hier stellt sich dem Leser die Frage, ob es denn überhaupt nötig war, die Atombombe zu erfinden, denn schließlich hat sie ja bis jetzt nur Elend und Leid angerichtet und wird wohl auch in Zukunft nicht anders einsetzbar sein. Diese Frage stellt sich wohl auch Trullesand, denn er läßt sich mit Schikas Antwort nicht 'abspeisen'. Um einen weiteren Kommentar abzugeben, hebt er diesmal die Hand, was signalisieren soll, dass er seinen Lehrer und dessen Worte durchaus achtet. Diesmal lautet sein Einwurf: "Na eben!", womit weder Schika, noch der Leser im ersten Moment etwas anfangen können. Also fragt Schika nach, was dieses "Na eben!" zu bedeuten hat, was auch sicherlich den Leser interessiert. Doch der Autor macht ebenso deutlich, dass Schika langsam die Geduld verliert, was vielleicht darauf zurückzuführen ist, dass er der felsenfesten Überzeugung ist, dass seine Ansichten die Richtigen sind und es daran nichts mehr zu diskutieren gibt. Trullesand erklärt sich nun auch bereit, sein "Na eben!" zu erklären und auch hier wird wiederum der Kontrast zwischen der Sprache Trullesands und der des Lehrers sehr deutlich herausgearbeitet. Verben wie "vertun" oder "rauskommen", die Trullesand benutzt sprechen für diese These. Trullesand erklärt nun, dass Fermi sich lieber bei der Erfindung der Atombombe hätte verrechnen sollen, anstatt bei der Berechnung des Doppelfensters, denn dann wäre die Atombombe vielleicht nicht erfunden worden. Schika legt sich daraufhin seinen Zeigestock unter die Nase und beugt sich zu Trullesand hinab. Diese Gestik, paßt eigentlich gar nicht zu einem Lehrer wie Schika, der zuvor in einer sehr gehobenen Sprache gesprochen und als sehr erhaben aufgetreten ist, und wirkt deshalb lächerlich, was bei dem Leser den Eindruck erweckt, dass Schika doch ein nicht so über den Dingen zu stehen scheint, wie er vorgibt. Doch sofort wird dieser Verdacht wieder abgeschwächt, denn Schika drückt sich nun in einer extrem gehobenen Sprache aus: "Die grammatische Konfusion in ihrem Satzgebilde entspricht dem denkerischen Durcheinander" (S, 303). Und nun spricht er den Kerngedanken des Auszuges aus: "Wo auf die Folgen gesehen wird, kommt nicht Wissenschaft zustande" (S.303). Der Wissenschaftler sollte also seine Forschungen betreiben, ohne an die Folgen seiner Entdeckungen für Menschheit und Umwelt zu denken. Diese Meinung begründet er mit der These, dass die "Probleme der Wissenschaft [...] außerhalb der Gesellschaft und schon gar außerhalb der Politik [wohnen]", womit er im Grunde auch recht hat. Aus dieser Ansicht heraus schlußfolgert er, dass Wissenschaftler, die sich mit der Politik befassen meistens gescheiterte Existenzen seien.

Nun beginnt der vierte gedankliche Abschnitt des Textauszuges, denn jetzt schaltet sich ein weiterer Schüler in das Geschehen ein: Robert Iswall, die Hauptperson des Romans. Er führt nun das Beispiel Albert Einsteins an, um die vorhergehende Behauptung Schikas zu widerlegen. Doch bevor Iswall sein Beispiel erklärt, wird die Spannung durch vier Fragen, von Iswall und Schika abwechselnd, erhöht bis Iswall endlich die Erklärung abgibt, dass sich Einstein auch mit Politik befaßt habe. Zuerst gibt er seine Quelle an: der Kreissekretär Haiduck und dann beginnt er zu erzählen, dass Einstein, um die Kriegführung der Alliierten zu finanzieren die Relativitätstheorie noch einmal zu Papier gebracht habe, um sie dann zu versteigern. Und um seinem Beispiel Nachdruck zu verleihen fügt er noch an: "Und das war doch wohl Politik, Herr Doktor!". Und auch Quasi Riek, gibt noch ein anderes Beispiel. Und auch alle anderen Schüler steuern noch Beispiele von bedeutenden Forschern bei. An dieser Stelle ist abermals eine Steigerung der Spannung nachzuvollziehen. Zuerst läßt der Autor Iswall ausführlich in der Form der wörtlichen Rede sein Beispiel erläutern, anschließend, schildert Quasi das seinige in einer weniger ausführlichen Form und im nächsten Absatz sieht der Autor völlig von der direkten Rede ab und faßt nur noch die nachfolgenden Einwürfe der anderen Studenten zusammen bis sich Schika wieder einschaltet: "Hier geht alles durcheinander" lautet seine Feststellung und er beginnt sogleich, die Fragen der Studenten zu ordnen , indem er sie numeriert und nacheinander mit seiner gewohnten gehobenen Sprache beantwortet. Erstaunlicherweise gelingt es ihm zu jeder Frage eine passende Antwort zu finden, die einigermaßen einleuchtend klingt. So begründet er die Sache mit der Atombombe damit, dass die in zwei Aspekte aufzuteilen ist: in einen moralischen und in einen wissenschaftlichen, wobei sie im Moralischen als negativ und wissenschaftlich als positiv zu werten wäre. Doch diese Antwort ist keine auf die Frage, ob man trotz der wissenschaftlichen Höchstleitung nicht den Bau der Bombe hätte unterlassen sollen, weil vielleicht der moralische Aspekt überwiegt. Und genau an dies ist der Streitpunkt: Was ist wichtiger: Die Moral oder die wissenschaftliche Errungenschaft? Für Schika ist der Fall klar definiert: Die Wissenschaft steht für ihn über der Moral. Um weiteren Diskussionen auszuweichen, kommt Schika wieder auf den Stoff der eigentlichen Physikstunde zurück.

Doch Trullesand ist mit diesem Ausgang der Diskussion nicht einverstanden: Dieses Mal steht er sogar auf, um noch eine Frage zu stellen. Doch schon durch den Anfang der Antwort Schikas: "Werter Herr Trullesand" (326), der sehr förmlich klingt, aber ebenfalls die wachsende Ungeduld Schikas zum Ausdruck bringt, bemerkt der Leser, dass Schika sich schon ziemlich zusammenreißen muß, um noch in einer höflichen Art und Weise mit Trullesand zu kommunizieren. Doch auch hier wird dieser Eindruck durch die Aussage des Autors, dass Schika nuschelt, weil er sich mit dem Zeigestock die Nase zu hält, abgeschwächt. Diese Stelle erscheint dem Leser einfach nur als komisch. Und auch der Ausruf in der für Schika ziemlich ungewöhnlichen Umgangssprache "Was zu Kuckuck, wollen Sie noch?" zeigt dessen Unruhe und Ungeduld. Auch die nächste Formulierung, mit der beschrieben wird, wie sich Trullesand bemüht, seine Frage in einer gepflegten Sprache zu formulieren, dürfte bei dem Leser ein Schmunzeln hervorrufen. Doch trotz der vielen Komik, die in diesem Absatz steckt, stellt Trullesand die entscheidende Frage: "Muß nicht jeder Mensch [...] immer daran denken, was [..] aus seinen Handlungen für andere entstehen kann?"

Hier zeigt sich, dass der scheinbar weniger gebildete eine objektivere und menschlichere Auffassung hat als der höher gebildete Pädagoge, der sehr von sich und seiner Meinung überzeugt ist, obwohl man den Sachverhalt dieser Meinung eigentlich von zwei Seiten beurteilen sollte. Und so kommt es, dass der Lehrer den Studenten, der eben eine so wichtige Frage gestellt hat nicht ernst nimmt und seine Frage mit der Gegenfrage danach, ob er immer an die Menschlichkeit gedacht habe, wenn er einen Dachbalken eingesetzt habe, indirekt verspottet. Dieser Spott tritt auch in einer der nächsten Textstellen auf, als Schika meint, dass es "geringfügige Unterschiede zwischen der Arbeit eines Zimmermann und der eines Wissenschaftlers". Hier kommt eindeutig eine Ironie in den Worten Schikas zum Tragen und obwohl er mit seiner Feststellung recht hat, klingt seine Aussage sehr abwertend, was sicher nicht zuletzt durch die Ironie verursacht wird. Schließlich beendet Schika die Diskussion endgültig, indem er seine Meinung noch einmal zusammenfaßt und schließlich ein Schlußwort spricht. "Ende der Debatte."

Wie es bereits aus der Analyse des Textes hervorgeht, ist Schika ein Mensch, der sehr von sich selbst und seiner Meinung überzeugt ist. Der Leser bekommt teilweise sogar den Eindruck vermittelt, dass er sich nicht auf eine Diskussion mit weniger gebildeten Menschen einlassen will, was seine wiederholten ungeduldigen Reaktionen auf die Fragen der Studenten belegen. Erstaunlich ist auch seine Gabe, alle Fragen so zu beantworten, dass ihre Antworten logisch klingen und in den Sachverhalt seiner Ansichten passen, obwohl die Fragen sehr kritisch sind und der Leser vielleicht im ersten Augenblick den Eindruck hat, dass der Student nun mit seiner Frage ein Argument gegen die Meinung Schikas gefunden hat. Auffällig ist auch, dass er während des Gesprächs mit den Studenten mehrmals versucht, die Diskussion abzubrechen und dann auf eine erneute Frage eines Studenten zum Diskussionsthema um so gereizter reagiert. Wahrscheinlich will er nicht akzeptieren, dass es eventuell auch Argumente gegen seine Meinung, Wissenschaft müsse losgelöst von politischen, ideologischen und ethnischen Kraftfeldern betrieben werden, gibt.

Wie schon einmal angesprochen, stellt sich bei einer Stellungnahme zu Schikas Meinung die Frage nach der Wichtigkeit von Moral oder wissenschaftlichem Durchbruch. Zweifellos sind beide Aspekte nicht zu vernachlässigen, doch ist Schika sogar der Ansicht, dass die Wissenschaft gar keine moralische Seite haben sollte, was in meinen Augen sehr unvernünftig klingt, da es unverantwortlich ist, Erfindungen wie die der Atombombe zu machen, ohne über ihre Folgen und ihren eventuellen Mißbrauch nachzudenken. Wenn sich der Mensch durch solche Erfindungen irgendwann selbst ausrottet, nutzen auch die besten Entdeckungen niemandem mehr, auch nicht einem Wissenschaftsfanatiker wie Schika. Auf der anderen Seite ist auch seine Meinung nicht zu vergessen, denn wenn es immer nur Wissenschaftler gegeben hätte, die stets über die Folgen ihres Tuns nachgedacht hätten, wären wir wahrscheinlich nicht da, wo wir heute sind. Trotzdem sind Erfindungen wie beispielsweise die Atombombe "moralisch [...] zu ächten" (S. 326). Doch auch mit der Aussage, dass die Lösung einer Rechenaufgabe weder menschlich noch unmenschlich sein kann entspricht der Wahrheit. Trotzdem könnte der Mißbrauch dieser Lösung unmenschliche Zustände verursachen und der Wissenschaftler sollte sich genau überlegen, ob er seine Entdeckung der Öffentlichkeit preisgibt oder darüber nie ein Wort verliert.

Schika hat meiner Ansicht nach eine sehr subjektiv gefärbte Meinung. Man kann nicht einfach behaupten, dass die Wissenschaft ohne politische, ideologische oder ethnische Hintergründe ausgeübt werden sollte. Ich glaube nicht, dass alle Wissenschaftler ihre Forschungen nur der Wissenschaft wegen betreiben und dass nicht einmal persönliche Gründe dahinterstehen sollen. Ich denke, dass es wichtig ist, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Moral und der wissenschaftlichen Höchstleitung zu finden und in diesem Sinne zu handeln um der Menschheit den Fortschritt und nicht die Vernichtung zu bringen.

Und dies war nicht nur vor 30 Jahren der Fall, sondern seitdem es die Wissenschaften gibt. Also kann man die Thematik, die in dem zu analysierenden Textauszug steckt, ohne weiteres auch auf die heutige Zeit übertragen, denn erst die jüngsten Ereignisse im nahen Osten zeigen, wie problematisch die Erfindung der Atombombe heute geworden ist - in einer Zeit, in der es genug Waffen gibt, um die Erde in die Luft zu sprengen. Und die Atombombe ist nur ein Beispiel für Entdeckungen, die uns heute mehr Kummer als Nutzen bereiten und genau aus diesem Grunde, ist der Inhalt dieses Auszugs heute aktuell wie je her und ist die Meinung Schikas entschieden von allen Seiten äußerst kritisch zu betrachten..

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Kant, Hermann - Die Aula
Autor
Jahr
2000
Seiten
10
Katalognummer
V96965
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Analyse
Schlagworte
Kant, Hermann, Aula
Arbeit zitieren
Madlen Jannaschk (Autor), 2000, Kant, Hermann - Die Aula, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96965

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