Orthographiereform des Englischen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

18 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung
0.1 Merkmale von Orthographie

1 Ziele einer Rechtschreibreform
1.1 Unterschiede zwischen der deutschen und einer englischen Reform
1.2 Die Problematik der englischen Schreibung

2 Sichtweisen über die englische Schreibung
2.1 Die Tiefenstruktur (Chomsky und Halle)
2.2 Polysystemischer Ansatz (Albrow)
2.3 Logographischer Ansatz (Sampson)
2.4 Der Leseprozeß (Uta Frith)

3 Verschiedene Reformvorschläge
3.1 Initial Teaching Alphabet (Sir James Pitman, 70er Jahre)
3.2 Shavian (Bernard Shaw, Kingsley Read, 1962)
3.3 Cut Spelling (Christopher Edwards, 1992)
3.4 Regularized English (Axel Wijk, 1959)
3.5 Spelling Reform One (Harry Lindgran, 1969)

4 Fazit

Literatur

Anhang

0 Einleitung

Die Orthographie der englischen Sprache wird von vielen mutter- und fremdsprachigen Benutzern als unregelmäßig, schwierig und unsystematisch wahrgenommen. Deshalb gab es immer wieder Ansätze zu einer Rechtschreibreform. Im Unterschied zu den meisten Ländern, auch den meisten europäischen Ländern, hat im englischsprachigen Raum seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als das erste Mal eine einheitliche, relativ verbindliche Orthographie festgelegt wurde, nie eine Reform stattgefunden, die dauerhaft etabliert worden ist.

In dieser Hausarbeit über Orthographiereform des Englischen kann deshalb keine real durchgeführete Reform erörtert werden. Stattdessen sollen verschiedene Aspekte diesbezüglich dargestellt werden. Leitfragen dazu sollen sein: Was soll eine Reform bezwecken? Was werden die Vor- bzw. Nachteile sein und wer wird sie tragen? Nach welchen Kriterien soll ein neues Rechtschreibsystem gestaltet werden? Wie sehen die verschiedenen Vorschläge dazu aus? Warum sind bisher alle Reformvorschläge gescheitert? Dabei werden hier im ersten Teil die außerlinguistischen, dh. die soziolinguistischen Faktoren genannt. Dazu gehören die Anliegen der Reformer und die gesellschaftlichen Widerstände. Kurz, warum Reformen immer wieder geplant, aber nie durchgeführt werden.

Der zweite Teil wendet sich der Mikroebene, der linguistischen Seite zu. Dort werden einige linguistische Theorien zur englischen Orthographie und zum Leseprozeß vorgestellt. Darunter finden sich Argumente für eine Rechtschreibreform und andere, v.a. die der Transformationsgrammatiker Chomsky und Halle, die gegen die englische Rechtschreibung wie sie ist keine Einwände haben. Im dritten Teil werden einige konkrete Reformvorschläge aufgezeigt und anhand der vorher festgestellten Befunde diskutiert.

0.1 Merkmale von Orthographie

Die Orthographie moderner Nationen existiert als eine kodifizierte Norm mit hohem Verbindlichkeitsgrad und geringer Variabilität. Ihre Regeln sind festgelegt und passen sich nur in sehr geringem Maße dynamisch den Veränderungen der Sprache an. Deshalb kann eine festgelegte Orthographie sich nur mittels einer geplanten, absichtlich herbeigeführten Reform weiterentwickeln. Bei einer Reform werden nicht nur Einzelfälle, sondern auch systematische Regelungen in die Änderungen einbezogen.1

1 Ziele einer Rechtschreibreform

Die Motive und Ideen für eine Rechtschreibreform der englischen Sprache umfassen nicht nur linguistische, sondern vor allem auch außerlinguistische Faktoren. Diese sind so vielfältig wie die Gesellschaft selbst. Primär linguistische Überlegungen müssen "im Zusammenhang mit außerlinguistischen Argumenten für oder gegen eine Orthographiereform gesehen werden, die nicht selten die Möglichkeiten und Grenzen der Änderungen von Schreibungsnormen weit stärker prägen als die linguistischen Gesichtspunkte. Auch die linguistisch beste Orthographieänderung ist nicht durchsetzbar, wenn nicht das Umfeld der außerlinguistischen Faktoren sie ermöglicht oder begünstigt."2 Auffällig ist, daß sich die Argumente und Einwände der Reformbewegungen in jeder Sprache und zu jeder Zeit nahezu gleichen, daß also ein allgemeingültiger Dekalog zur Rechtschreibreform schlechthin gelten kann.3 Das linguistische Hauptziel einer Reform ist die größere Eindeutigkeit und Übersichtlichkeit der geschriebenen Sprache. Für das Englische wird bei den allermeisten bisherigen Vorschlägen eine Veränderung hin zu einer engeren Phonem-Graphem-Beziehung angestrebt (wie bei allen europäischen Reformen auch). Sollte dieses Anliegen realisiert werden, würde sich u.a. die Frage stellen, welcher dialektalen Variante, bzw. ob eher britisches, amerikanisches (die als gleichwertig anerkannt werden) oder australisches Englisch berücksichtigt werden sollte.4 Auch ist es durchaus von der Perspektive des Benutzers, dh. zB. ob er Schreiber oder Leser, Anfänger oder geübter Benutzer ist, abhängig, ob der jeweilige Reformvorschlag wirklich eine Vereinfachung bei der Schriftverwendung darstellt. Da die meisten Reformbefürworter jedoch keine Linguisten sind und Sprache im allgemeinen ein Mittel zum Zweck darstellt, ist die Vereinfachung der Orthographie kein Selbstzweck, sondern soll anderen, außerlinguistischen Zielen dienen. In erster Linie dem pädagogischen Ziel, aber auch anderen, die hier erörtert werden. Die Reformbefürworter mit pädagogischem Ziel fordern einfacheres Lesen- und Schreibenlernen für Schüler durch vereinfachte Handhabung der Schrift, dh. Erhöhung der Systematik, Beseitigung von Sonderregeln, Ausnahmen und Widersprüchen. Zu diesen Befürwortern gehören v.a. Lehrer und Eltern. Ihr Argument ist, daß die Zeit des Schulunterrichts für andere Dinge genutzt werden soll und nicht dazu benötigt werden soll, eine unnötig wirre Rechtschreibung einzupauken. Außerdem soll eine einfachere, offenkundig systematischere Orthographie dem Analphabetismus entgegenwirken, der besonders in den USA ein gesellschaftliches Problem darstellt. Ob jedoch diese Probleme mit der Art der Rechtschreibung zusammenhängen und besonders, ob sie durch eine phonographische Reform zu beheben sind, bleibt zweifelhaft. Es bleibt auch die Frage offen, ob ein gewisses Maß an funktionellem Analphabetismus bei Erwachsenen nicht zB. auf mangelhafte Übung und Motivation zurückzuführen ist, was auch mit einer Rechtschreibreform nicht zu bekämpfen wäre.

Als sozialen Nutzen einer Reform erhoffen sich die Befürworter eine größere Chancengleichheit für alle Mitglieder der Sprachgemeinschaft, breiteren Zugang zur Schriftlichkeit und damit eine Erhöhung der Sprachkultur insgesamt. Die Großbritannier betrachten das phonographische Prinzip als höherwertig gegenüber dem logographischen. Ablehnung erfährt die Reform zB. von denen, die die aktuelle Orthographie beherrschen und nicht umlernen wollen. Es könnte ihnen auch unterstellt werden, daß sie eventuell gar keine Demokratisierung, sondern den Erhalt ihres Privileges im Sinne haben. Eine Reform mit zu großen Veränderungen vorzuschlagen könnte einen Bruch zwischen alter und neuer Schreibung erzeugen und psychologisch abschreckend wirken, dh. die Akzeptanz könnte darunter leiden.

Außerdem sollen die wirtschaftlichen Kosten der Uneinheitlichkeit und Vielfalt verringert werden, was der Gemeinschaft zugute kommt. Dabei geht der American Literacy Council (ALC) davon aus, daß zwischen 25-30 Billionen $ jährlich durch versäumte Produktivität, Fehler oder Unfälle, die auf Analphabetismus zurückzuführen sind, verloren gehen.5 Bei einer Rechtschreibreform müßte die gesamte Literatur neu aufgelegt werden, was sowohl als pro- Argument als auch contra-Argument angeführt werden kann. Allerdings werden die meisten erfolgreichen Werke alle paar Jahre neu aufgelegt, was dann in der neuen Schreibung geschehen würde und wenn man sich als Fachmann für etwas spezielles Seltenes interessiert, muß man sich das Verständnis der alten Schreibung aneignen. Bei nur leichten Reformveränderungen, wie zB. der kürzlich durchgeführten deutschen würde auch das kein Problem darstellen.

Das kulturpolitische Argument der Befürworter hat in gewisser Weise emanzipatorischen Charakter. Ihr Wunsch ist die Ablegung fremdsprachlicher, dh. französischer und lateinischer Einflüsse. Diese Einflüsse haben häufig Unregelmäßigkeiten in der Schreibung zur Folge, zB. <b> in debt, <gh> in ghost. Das kulturpolitische Gegenargument ist, daß die Kontinuität der Schrifttradition erhalten bleiben soll, daß also die Herkuft eines Wortes an der Schreibung zu erkennen bleibt, zB. debt wurde von lateisch: debitum abgeleitet. Im übrigen wird die Unregelmäßigkeit der englischen Schreibung von vielen als besonders ästhetisch empfunden. Diejenigen, die auf diese Weise argumentieren, nehmen den fremdländischen Einfluß (sprachlich und gesellschaftlich) eher als eine kulturelle Bereicherung wahr, bzw. wollen sich der Geschichte erinnern. Die Haltung fremdsprachigen Einflüssen gegenüber hat sicherlich etwas mit der Haltung gegenüber fremdkulturellen Einflüssen generell etwas zu tun. Hier sieht man, wie sehr Sprache ein gesellschaftliches Produkt und eine gesellschaftliche Ausdrucksform ist.6

1.1 Unterschiede zwischen der deutschen und einer englischen Reform

An einem Kontrast zwischen den themabezüglichen Gegebenheiten in Deutschland und den englischsprachigen Ländern sollen nun die spezifischen Schwierigkeiten für eine Reform des Englischen dargestellt werden.

Im Englischen hat es seit Festlegung einer verbindlichen Orthographie im frühen 18. Jahrhundert noch keine Reform gegeben. Da durch eine Fixierung die Rechtschreibung die Sprache sich nicht, bzw. nur in geringem Maße, den phonologischen Veränderungen dynamisch anpassen konnte, beruht die heutige englische Schreibung auf der spätmittelenglischen Lautung von vor fast 600 Jahren. Seitdem hat ein Schwund von Lauten wie /k/ und /x/ in <knight> und /w/ in <write> und v.a. die Great Vowel Shift stattgefungen.7 Dazu kam noch die Bildung von fehlerhaften Etymologien und Analogien. In Deutschland dagegen fanden die letzten beiden Reformen 1901 und 1998 statt.

Deutsch hat durch die andere Entwicklung zwischen Schrift und Sprache eine relativ enge Phonem- Graphem-Beziehung, Englisch dagegen ist in seinen möglichen Aussprachevarianten wesentlich vielfältiger. Diese sprachimmanenten Unterschiede machen eine englische Reform schwieriger als eine deutsche. Bewegungen zu einer Reform hin kehrten immer wieder, der erste Reformer war um 1200 herum Herr Orm, dann war es eine Weile still, später bemühten sich zB. Daniel Jones, Mark Twain, Bernard Shaw (s.u.), Sir James Pitman, Andrew Carnegie und Noah Webster darum. 1908 schlug die Simplified Spelling Society das 'Nue Speling-System' vor. Der einzige Reformvorschlag, der eine dauerhafte Veränderung bewirkt hat, ist der von Noah Webster vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Dieser jedoch wurde nur für sehr wenige Wörter akzeptiert. Er hat zu den Unterschieden zwischen britischem und amerikanischem Englisch geführt, zB. der Standardisierung von <-ize> im Amerikanischen, während im britischen Englisch <-ize> und -<ise> Varianten von Verbendungen sind; von <-or> im Amerikanischen wie in color anstatt colour und sowohl im britischen als auch amerikanischen Englisch <-ic> anstatt <-ick> wie in heroic, public usw. Ein weiterer Gesichtspunkt, der eine englische Reform erschwert, ist sicherlich die Lage der Nationen. Deutsch wird in nur drei Ländern gesprochen, die direkt beieinanderliegen. Die englischsprachigen Nationen dagegen sind über mehrere Kontinente verteilt und liegen damit nicht nur geographisch und politisch, sondern auch kulturell weit voneineinder entfernt. Die Tatsache, daß Englisch eine Weltsprache ist, macht eine Reform nicht leichter. Außerdem wird Englisch nicht wie Deutsch gesetzlich beschlossen. Die Tradition der englischsprechenden Nationen geht dorthin, die Rolle des Staates für kulturelle Angelegenheiten zu minimieren. Dh., Spelling Reform wäre mehr als in den übrigen Ländern auf den "Popular Demand" angewiesen. Da es kein kulturelles englischsprachiges Zentrum gibt, ist es ein Unding, alle englischsprachigen Bürger von einer Rechtschreibreform zu begeistern. Einige Stimmen besagen, daß es wegen Unsympathie in der Bevölkerung und Traditionsliebe nie zu einer englischen Reform kommen wird.

Um sich zusammenzuschließen, wurden zwei Organisationen gegründet, die für eine Reform eintreten: die Simplified Spelling Society in Großbritannien, die seit 1908 besteht und der American Literary Council in den USA. Diese rufen zB. per Internet u.a. dazu auf, neue Rechtschreibvarianten zu benutzen und zu veröffentlichen. Sie finden, es solle ein "Board" gegründet werden, das über eine Reform entscheidet.8

1.2 Die Problematik der englischen Schreibung

Der Hauptkritikpunkt der Reformer an der heutigen englischen Schreibung ist der zu wenig enge Zusammenhang in der Phonem-Graphem-Beziehung: Es wird angeführt, daß es verschiedene phonemische Realisierungen eines Graphen oder "spelling patterns" gibt, zB. <w> in word, aber: gown, two, wrinkle; <ea> in dear, aber: dead. Andererseits gibt es auch verschiedene graphische Realisierungen eines Phonems: deer, dear, thief, mere oder: moon, group, fruit, glue, two, flu, rule, neuter, blew, do, lose usw . 9 Einige Reformer möchten die "silent letters" abschaffen, zB. alle <e> in have, alternative; <h> in honour, hour; <k> in knight; <b> in numb, usw . Die Gründe für die Vielfalt der Schreib- und Aussprechmöglichkeiten liegen in der Geschichte der Schreibung, denn die heutige englische Schreibung beruht auf der spätmittelenglischen Lautung des Ende 15. Jahrhunderts. Seitdem hat sich die Lautung verändert, die Schreibung im Gegensatz dazu hat sich nur wenig verändert. Während der Besatzungszeiten kamen fremdsprachliche Einflüsse aus dem Französischen und Romanischen hinzu, zB. der Gebrauch von <c> statt <s> wie in ice; statt dem mittelenglischen <cw> wurde nach französischer Manier <qu> geschrieben. Verschiedene Realisierungen eines Phonems zeigten sich zB. in der mittelenglischen Schreibung von <ee> wie in deed, heel, wobei dieser Laut aus dem Französischen als <ie> wie in fiend, thief übernommen wurde. Das <gh> wie in ghost zeugt von einem Einfluß aus dem Dänischen.

In einer Phase im frühen 16. Jahrhundert bewegten sich die Schreiber aus Enthusiasmus dem "Classical learning" entgegen und dabei absichtlich vom phonemischen Prinzip weg. Dadurch kamen sie zu (teilweise fehlerhaften) Etymologien und Analogien, wie zB. foreign, das fälschlicherweise von reign=regieren, lateinisch: foranum abgeleitet wurde. Das Wort det=Tat wurde durch Ableitung von lateinisch: debitum zu debt, samon (lateinisch: salmonem) wurde zu salmon, septre (lateinisch: sceptrum) wurde zu sceptre. Wir können einige solcher Beispiele nur noch schwer erkennen, da in manchen Fällen die Aussprache der Schreibung angepaßt wurde, wie zB. in absolve (früher: assoil), captive (früher: caitiff), copse (früher: corse).

Ca. 1650, ein paar Jahrzehnte nach der Einführung des Drucks, wurde die englische Rechtschreibung fixiert. Doch welche der vorher nebeneinander akzeptierten Varianten dabei als die einzige gültige festgelegt wurde, blieb dem Zufall überlassen. ZB. wurde pity mit einem <t> zum Standard, ditty mit zweien, obwohl vorher bei beiden Wörtern beide Varianten gleichrangig verwendet wurden. An diesen

Beispielen kann man erkennen, wie es zu den Unregelmäßigkeiten der heutigen Schreibung gekommen ist.10

2 Sichtweisen über die englische Schreibung

Die Frage nach einer Rechtschreibreform hängt im wesentlichen mit den Anforderungen an eine Schreibung und damit, ob man sie für eingelöst hält, zusammen. Es scheint jedoch allgemeines Einverständnis darüber zu herrschen, welche Stellung die englische Rechtschreibung in einer Typologie der Schriftsysteme einnimmt: Die Stellung eines ungeordneten Alphabetensystems.11 Diese Sichtweise bezieht sich auf die Erwartung an ein phonemisches Alphabet. Dabei wird von der vereinfachten Annahme ausgegangen, daß es die Eigenschaft einer Alphabetschrift ist, durch Buchstaben Laute (und hier ist der springende Punkt: in eins-zu-eins-Relation) abzubilden.

"Alphabetschrift [Auch: Buchstabenschrift]. Verschriftungssystem, das auf phonetischphonologischen Kriterien beruht, d.h. auf einer Zuordnung von graphischen Zeichen zu Lauten oder Lautsegmenten. Durch dieses >>phonographische<< Prinzip [...]" unterscheidet sich die Alphabetschrift von Piktographie, Ideographie, Logographie.12

Dies jedoch ist der Idealfall einer Alphabetschrift und ist in kaum einer Schrift, die aus der lateinischen entstanden ist, außer dieser selbst, vollständig realisiert.

"Die Übertragung des lat. Alphabets auf europäische Sprachen führte nach der je verschiedenen einzelsprachlichen phonologischen Struktur zu unterschiedlichen Anpassungsschwierigkeiten und häufig daraus resultierenden Inkonsequenzen, was die Relation von Laut zu Zeichen (und umgekehrt) betrifft. Solche Problemfälle, durch historischen Wandel oder Zufall häufig noch verstärkt, resultieren vor allem aus der unsystematischen Zuordnung von Laut/Phonem und Zeichen/Graphem."13

Carny dagegen nennt die englische Schreibung morphophonemisch bzw. morpholexikalisch. Im Folgenden werden einige theoretische linguistische Ansätze vorgestellt, die zu einer Stellungnahme bezüglich Spelling Reform führen.

2.1 Die Tiefenstruktur (Chomsky und Halle)

Der erste ist der Ansatz der Transformationsgrammatiker Chomsky und Halle. Sie beschreiben das englische Schriftsystem als ein System von größerer inherenter Einfachheit, indem sie hinter die Oberfläche schauen. Wie viele andere, argumentieren sie, (dies ist der radikalste Ansatz in diese

Richtung, der während der 70er/80er Jahre auch sehr einflußreich war) daß die englische Schreibung nicht chaotisch oder willkürlich sei, sondern sehr wohl phonologisch orientiert. In The Sound Pattern of English beschreiben Chomsky und Halle, daß die englische Phonologie abstrakte Ebenen in der Wortrepräsentation enthält und schließen auf die Regeln, wie es von der abstrakten zugrundeliegenden Form innerhalb des syntaktischen Kontexts zu der phonetischen Realisierung an der Oberfläche kommt.14 Der große Unterschied zu nahezu perfekt phonographischen Schriftsystemen wie dem Spanischen oder Finnischen besteht darin, daß diese an der Oberfläche phonographisch sind, während Englisch in den Tiefenstrukturen phonographisch ist, denn Englisch besitzt eine Tiefenstruktur, Spanisch dagegen eine flache Struktur (Oberflächenstruktur). Tiefenstruktur bedeutet, daß es syntaktisch zugrundeliegende Ebenen (Basisstruktur) lexikaler Speicherung gibt, und drückt sich hier im morphemischen Prinzip aus. In der Tiefenstruktur besitzt Englisch eine fast vollstänig phonographische Orthographie. Tief bedeutet dabei, daß in bestimmten Fällen das Stammorphem im Schriftlichen stabil bleibt, obwohl sich die Aussprache verändert. zB. sign - signature. Die Unterscheidung zwischen tiefer und flacher Struktur bezeichnet dabei die übergeordnete Beziehung des morphemischen über das phonemische Prinzip, bzw. des phonemischen über das morphemische Prinzip. Läge eine Oberflächenstruktur vor, wie bei dem phonemischen Prinzip, würde sich die Schreibung der Aussprache anpassen (sich also verändern), das Basismorphem also nicht stabil bleiben, zB. *sine - signature,

*sereene - serenity, physical - *physition, *medisin - medical, usw. Durch die Stabilität des Morphems in der Schrift bleiben Ableitungsbeziehungen und Verwandschaften zwischen Lexemen durchsichtig. Das trägt zur einfacheren Sprachverarbeitung bei. Chomsky sagt, im Zusammenhang mit der abstrakten lexikalischen Repräsentation, die er 1968 in seinem Buch beschreibt, repräsentiert die konventionelle Orthographie "ein nahezu optimales System für die englische Sprache". (N. Chomsky 1970) Diese Theorie impliziert für das Lesen, daß ein geübter Leser nicht liest, indem er die Phonem-Graphem- Beziehung erkennt, sondern die Korrespondenz von geschriebenen Symbolen zur abstrakten lexikalischen Ebene der Wörter, die er gespeichert hat. Geht zB. ein Kind beim Lesenlernen davon aus, daß es sich phonologisch orientieren kann, muß es seine Hypothese revidieren. Schlechte Leser haben diese Umstellung wahrscheinlich nicht geschafft. Chomskys Ansatz hatte ohne Zweifel Einfluß auf die Psycholinguistik, zB. die Theorie des Leseprozesses.

Kritiker der generativen Theorie wenden ein, daß Beziehungen zwischen Wörtern in der Praxis für Laien nicht immer sicher bestimmbar sind. Ein 12jähriges Kind erkennt nicht unbedingt die Beziehung zwischen sign und signature, andererseits können auch falsche Rückschlüsse gezogen werden. Das morphophonemische Prinzip des Englischen hat darüberhinaus für viele Fälle keine Erklärung: zB. für das <kn> oder <gn> bei anfänglichem /n/, in knee, know, gnash. Auch kommt es vor, daß der gleiche Stamm verschiedene Abwandlungen hervorbringt: wie zB. bei sp ea k - sp ee ch, pala ce - pala tial, jo k e - jo c ular, colli d e - colli s ion.

2.2 Polysystemischer Ansatz (Albrow)

Einen anderen Ansatz bietet K. H. Albrow an. Er findet ebenfalls die englische Phonem-Graphem- Beziehung regelgeleitet. Es ist jedoch nicht ein einziges, sondern eine Reihe von Prinzipien, die eine recht regelmäßige Phonem-Graphem-Korrespondenz herstellen ("polysystemisch"). Die Aussprache richtet sich einerseits danach, ob ein Morphem ein lexikales oder ein grammatisches ist, andererseits hängen Aussprache und Schreibung auch vom etymologischen Ursprung eines Wortes ab. Muttersprachler besitzen ein sicheres (eher unbewußtes) Gefühl dafür, welchem Ursprung ein Wort angehört und welche Regeln (auch Ableitungsregeln) dafür gelten. Dadurch, daß Albrow versucht, die englische Beziehung zwischen Schreibung und Lautung aufzuschlüsseln und zu systematisieren, spricht er ihr die von vielen Seiten vermißte Regelhaftigkeit zu. Er erklärt auch, daß Muttersprachler das System besser beherrschen, als ihnen vielleicht bewußt ist. (Was eine bloße Behauptung ist.) Damit rechtfertigt er das Prinzip der englischen Schreibung implizit. Doch finden sich in diesem polysystemischen System viele Ausnahmefälle bzw. Fälle, die durch die aufgestellten Regeln nicht erklärt werden können. Bei näherer Betrachtung findet Sampson, daß Albrows polysystemischer Ansatz nicht zu den ernstzunehmenden Theorien über englische Orthographie gezählt werden kann.

2.3 Logographischer Ansatz (Sampson)

Ein weiterer Ansatz, den Sampson15 erläutert, ist der Ansatz, der die englische Schreibung als partiell logographisch, bzw. einen Kompromiß zwischen logographischem Prinzip und phonographischem Prinzip beschreibt, wobei der größere Anteil auf der phonographischen Seite liegt. Logographisch wäre Englisch, wenn zB <crgszh> für door, <qpgeyq> für cat oder ähnlich willkürliche Buchstabenaneinanderreihungen stehen würden. Es ist nicht zu bestreiten, daß gewisse, wenn auch nicht immer zuverlässige Beziehungen zwischen Phonemen und Graphemen bestehen, dabei aber verschiedene Aussprachevarianten für einen Buchstaben und Schreibvarianten für einen Laut nebeneinander existieren. Ähnlich wie im Japanischen kann die Schreibung englischer Wörter nicht durch die Aussprache abgeleitet werden, sondern jede Schreibung muß einzeln gelernt werden. Der Vorteil des logographischen Anteils ist die visuelle Hilfe beim Lesen: Wörter, v.a. Homophone, haben ein anderes Schriftbild und können so leichter unterschieden werden, zB. right, rite, write, wright. (Einzelne Homophonpaare jedoch werden nicht schriftlich unterschieden, zB seal=Seehund, seal=Siegel, es handelt sich damit sowohl um einen Homophon als auch um einen Homographen.) Der geringe Anteil der Homophone in europäischen Sprachen rechtfertigt jedoch die Ausrichtung nach dem logographischen Prinzip noch nicht. Vielmehr helfen auffällige Schriftbilder dem Leser beim schnellen Erkennen der Worte. Aus welchem Grunde eine Abweichung von einer phonetischen Schreibweise existiert, kümmert den Leser dabei nicht. Warum zB. right mit <gh> und nicht *riite oder *qurite geschrieben wird, rührt von der historischen Schreibentwicklung her da das Wort mit einem <x>-Laut ausgesprochen wurde. Dieser Sachverhalt, sagt Sampson, ist aber für die heutige Benutzung des Englischen ohne Bedeutung. Für den Leser ist das Bedürfnis nach visueller Distinktivität damit erfüllt. Dabei widerspricht der logographische Ansatz bei der Diskussion über die Abweichungen von der Oberflächenstruktur der generativ-phonologischen Theorie. Dort, wo die Generativisten historisch geprägte zugrundeliegende Formen zur Erklärung heranziehen, gibt sich der logographische Ansatz mit der Begründung von partiell willkürliche Buchstabenkombinationen zufrieden bzw. zeigt sich an der Entstehung dieser Schreibweisen nicht interessiert.16 Die Betonung der positiven distinktiven Effekte der oberflächlich unregelmäßigen Schreibung wirkt als Gegenargument zu einer phonographischen Orientierung. Damit wendet sich Sampson implizit gegen eine solche Reform.

2.4 Der Leseprozeß (Uta Frith)

Bei der Frage, ob eine phonographische Rechtschreibreform den Zielen der enthusiastischen Befürworter nachkommen kann, wollen wir uns auch an die Psycholinguistik werden. Die Psychologie des Lesens und Schreibens ist ein relativ neues und erkenntnisreiches Feld. Uta Friths Modell (1979, 1980a) über den Worterkennungsprozeß zeigt, daß die Prozesse von Schreiben und Lesen weniger eng miteinander verbunden sind, als man früher angenommen hat. Uta Frith stellt fest, daß es für die Schreiber von Alphabetschriften natürlich ist, nach dem Gehör zu schreiben ("write by ear"), daß also die Buchstabierung nach dem phonographischen Prinzip erfolgt. Gut geübte Schreiber dagegen können allerdings auch logographisch schreiben ("write by eye"), da sie die Buchstabenkombinationen verinnerlicht haben. Dies ist besonders notwendig bei Wörtern mit Abweichung von der Oberflächenstruktur, wie zB. knight, write usw.

Das Lesen andererseits, wie oben schon erwähnt, richtet sich normalerweise nach dem logographischen Prinzip, erfolgt also ohne Phonemisierung ("read by eye"). Dabei bewegt man sich von der sichtbaren Gestalt des Wortes direkt zu dem in der Erinnerung gespeicherten Lexem, ohne phonetischem Dekodieren. Nur ungeübte Leser, wie zB. Anfänger, phonemisieren beim Lesen, oder stückeln sich die Buchstaben bei einem graphisch unbekannten Wort zusammen, zB. bei einem fremdartigen Namen oder einem Wort was sie zwar gehört, aber noch nicht geschrieben gesehen haben. Jeden einzelnen Buchstaben in einen Laut zu dekodieren, dann zusammenzufügen um schließlich die Bedeutung zu erfassen ist eine langwierige und ineffektive Methode, die man sich ersparen möchte. Jedoch beherrschen geübte Leser und Schreiber beide Strategien und können, je nach Situation, hin- und herwechseln.

Diese Feststellung führt uns zu dem Schluß, daß eine phonographisch orientierte Spelling Reform einem kompetenten Benutzer der englischen Sprache höchstens nutzen würde, wenn er schreibt. Doch jeder

Mensch liest mehr als er schreibt, wieso also nicht die Interessen der Leser favorisieren? Das zentrale Interesse des Lesers ist die visuelle Distinktion des Geschriebenen, wie zB. in debt, knight, science, und bei Homophonen, zB night - knight.

Ob eine mehr phonographisch orientierte englische Rechtschreibung den Kindern wirklich das Schreiben erleichtern würde, ist kaum festzustellen. Vergleiche mit chinesischen (Chinesisch ist eine Schrift ohne Buchstabenprinzip, dafür nach logographischem Prinzip) oder spanischen (Spanisch hat eine nahezu perfekte Phonem-Graphem-Beziehung) Kindern können nicht als valide betrachtet werden, da zu viele Faktoren aus dem Umfeld eine Rolle spielen. Zu diesen Faktoren gehören Schulsystem, Einschulungsalter, Klassengröße, kultureller Wert der Sprache, aber auch nicht nur die Orthographie selbst, sondern auch die gesprochene Sprache.17

Die Nachteile einer phonographischen Reform liegen auf der Hand: Zum ersten müßten soviele Einzelveränderungen stattfinden, daß das Schriftbild sich deutlich verändern würde. Solch ein starker Eingriff wird jedoch auf Akzeptanzprobleme bei den Benutzern stoßen. Ein zweiter wichtiger Gesichtspunkt ist die Auswahl der Aussprachenvariante. Eine phonemisch festgelegte Schreibung muß zwangsläufig ihre Universalität einbüßen, was zu sozialer Benachteiligung führt. Linguistisch betrachtet fallen Distinktionshilfen bei sonst ähnlichen Wörtern für das Lesen weg. Für Lesende wäre eine phonemische Reform nachteilhaft, ihrem Bedürfnis nach Distinktion kann am besten mit einer logographischen oder zumindest stark differenzierenden Schrift nachgekommen werden. Schreibenden ist bestenfalls geholfen, wenn sie phonemisch schreiben, was nicht alle tun. In diesem Fall haben wir einen Interessenkonflikt zwischen Lesenden und Schreibenden. (Das heißt, daß man sich im Falle einer Reform gerechterweise für einen Kompromiß entscheiden sollte.) Das morphemische Prinzip kann in einigen Fällen nicht eingehalten werden, dadurch wird die Verwandschaft zwischen einzelnen Morphemen schwerer erkennbar. Allerdings ist es wahrscheinlich, daß Kinder eine phonographischere Schrift schneller lesen lernen (was aber wahrscheinlich durch die Nachteile des Lesens wieder aufgehoben wird). Welches Ausmaß und Gewicht diese Veränderungen tatsächlich hätten, bzw. wie groß die erhofften Ergebnisse wären, läßt sich schwer theoretisch feststellen oder quantifizieren. Angesichts dieser Feststellungen kann eine phonographisch orientierte Spelling Reform sowohl aus linguistischer als auch aus psycho- und soziolinguistischer Sicht nicht empfohlen werden.

3 Verschiedene Reformvorschläge

Zum Schluß wollen wir uns einige ältere und neuere Reformvorschläge anschauen. Auffällig ist, daß die meisten bisherigen Reformvorschläge versucht haben, eine engere Phonem-Graphem-Beziehung herzustellen. Problemfelder wie Zeichensetzung oder die Abgrenzbarkeit von Wortarten (Syntax) werden nicht thematisiert. Einige der heute noch zitierten Reformvorschläge sind in einer Zeit entstanden, bevor Chomksy seine Theorie über Tiefenstruktur veröffentlicht hat. Auch die Psycholinguistik hat erst später Fuß gefaßt und deren Erkenntnisse können noch nicht in den Vorschlag eingegangen sein. Daher kann man drei der folgenden Reformvorschläge als veraltet betrachten. Trotzdem können an diesen Vorschlägen die Chancen und die Schwierigkeiten eines Verbesserungsversuchs studiert werden. Außer dem Shaw-Alphabet behielten alle das lateinische Alphabet bei. Die Reformvorschläge unterscheiden sich teilweise stark voneinander, deshalb wurden sie in einer Systematik in drei dichotomen Gegensatzpaaren aufgeteilt.18 Das erste beschreibt die abgestrebte Dauerhaftigkeit der eingeführten Orthographie. Dabei kann ein Schriftsystem entweder endgültig eingeführt werden oder es soll nur eine Vorstufe darstellen und später von der endgültigen Orthographie ersetzt werden. Das kann zB. sinnvoll sein als Lernhilfe für Schüler oder beim Erlernen einer fremden Sprache. Die Reform kann das System der Orthographie grundlegend beibehalten, nur einige Regulierungen vornehmen, zB. verschiedene Schreibungen angleichen, Systematisieren vornehmen, (normative Reform), oder das System der Phonem-Graphem-Korrespondenz gezielt verändern, was im Falle des Englischen eine Phonemisierung bedeutet und zu den radikalen Ansätzen zählt. Das dritte Gegensatzpaar trifft Aussage über die Eingriffstiefe der Reform, es benennt den Reformvorschlag als radikal bzw. moderat.

3.1 Initial Teaching Alphabet (Sir James Pitman, 70er Jahre)

Als Beispiel für einen übergangsweisen Reformvorschlag kann das Initial Teaching Alphabet (i.t.a.) angeführt werden. Sie wurde während der 70er Jahre von Sir James Pitman eingeführt. Diese Schrift war kein eigentlicher Reformvorschlag, hatte jedoch viel damit zu tun. Vielmehr diente sie in Großbritannien als Eingangsschrift für Schüler, und stellte einen Kompromiß zwischen phonemischen Prinzip und traditioneller Orthographie dar. Dabei wurden für Phoneme, deren Schreibung variiert oder durch Digraphe repräsentiert wird, neue Grapheme, also neue Buchstabenzeichen entwickelt. Durch diese Orientierung am phonographischen Prinzip sollten die Schüler bewußter gegenüber den Lauten ihrer Sprache werden. Wenn sie die Übergangsschrift beherrschten, mußten sie jedoch auf die traditionelle Orthographie umlernen. Die Schüler, die an diesem Projekt teilnahmen, lernten schneller lesen und schreiben als die, die gleich die traditionelle Orthographie lernten und es wurde eine sehr niedrige Rate langanhaltender schwerwiegender Leseschwäche festgestellt. Obwohl das Experiment als erfolgreich angesehen werden kann und aus pädagogischer Sicht sinnvoll ist, wird es aus anderen Gründen nicht mehr praktiziert. 1975 wurde es in einer von zehn britischen Grundschulen gelehrt, was jedoch rapide abnahm.19

3.2 Shavian (Bernard Shaw, Kingsley Read, 1962)

Das Beispiel für den sicher radikalsten Reformvorschlag ist das Shavian Alphabet, das von George Bernard Shaw in Auftrag gegeben und finanziert, und 1962 von Kingsley Read entwickelt wurde. Dieses rein phonemisch orientierte Alphabet umfaßt 48 Grapheme, die allesamt keine Verwandschaft mit dem romanischen oder einem anderen existierenden Alphabet aufweisen. (Ein Schaubild dazu befindet sich im Anhang.20 ) Shaws Plan für die Entwicklung dieses neuartigen Alphabets war nicht durch pädagogische Gründe, sondern durch wirtschaftliche Argumente geleitet. Seiner Meinung nach sollte es zeitliche Einsparungen beim Lesen und Schreiben bringen, besonders jedoch dem Schreibenden Vorteile verschaffen. Die Bezeichnungen 'Tall', 'Deep' und 'Short' bezeichnen dabei die Positionierung innerhalb der zentral dargestellten Linien. In dem System ist jedem Buchstaben ein Phonem (und jedem Phonem ein Buchstabe) zugeordnet. Dabei sollen phonetisch ähnliche Zeichen ähnliche Formen haben. In den meisten Fällen bilden zwei Buchstaben ein Paar mit einer Lenis-Fortis-Kombination verwandter Konsonanten oder ähnlicher Vokalen, wobei der eine Buchstabe das Spiegelbild des anderen darstellt. Zusätzlich hat Shaw für die Funktionswörter the, of, to und and Abkürzungen vorgesehen, die aus nur einem Zeichen bestehen. Hier wird die Widersprüchlichkeit der verschiedenen Interessen zwischen Schreibenden und Lesenden besonders deutlich: Die meist graphisch einfachen Buchstaben haben meist wenige Strichrichtungen und können geschrieben werden, ohne den Stift abzusetzen. Sie sind also für den Schreibenden mit größtmöglicher Einfachheit zu produzieren. Der Leser hingegen stößt auf teilweise schwer unterscheidbare Formen, er muß also große Einbußen bei der Distinktion machen. Schon das wäre ein triftiger Grund gewesen, diese Schrift nicht zu akzeptieren. Der Hauptgrund jedoch, warum dieses Schriftsystem bei all seiner Wohlüberlegtheit zum Scheitern, das heißt zum Abgelehntwerden verurteilt war, zeigt sich auf den ersten Blick: es ist zu fremdartig vom gewohnten romanischen Alphabet. Durch diesen radikalen Traditionsbruch disqualifiziert es sich von vornherein.

3.3 Cut Spelling (Christopher Upward, 1992)

Ein weiterer Vorschlag, von Christopher Upward aus dem Jahr 1992, versucht, alle für die Aussprache redundanten Buchstaben zu streichen. Dieses Schriftsystem wird dementsprechend 'Cut Spelling' genannt. Hier in Kurzform die Regeln und ein Textbeispiel:

1 Cut letters irrelevant to pronunciation, as the obvious de b t, autum n, sa l mon; A in head > hed, B in doubt > dout, C in except > exept, D in adjust > ajust, E in are > ar, GH in caught > caut, H in when > wen, ...
2 Cut vowels which represent post-accentual schwa, which means any before trailing l, m, n and r, and e before inflections (past tense forms normally just -d). problem > problm; washed > washd, washes > washs, washing > washng
3 Simplify double consonants, thus acomodate, and dinner becomes dinr, though diner is unchanged. Cut Spelng also introduces three substitution rules:
4 Respell ph, gh as f when so pronounced (as laf, filosofy).
5 Spell soft g with j, as brij, juj 'judge'.
6 Substitute y for -ig- as in flyt, syn 'sign'.

"Economy of efrt, time, space, mony

CS not only asists readng and ritig skils, but also speeds up th production of text. Th loss of redundnt letrs shortns riting by around 10%, and so saves time and efrt for evryone engajed in creating ritn text, wethr scoolchildren, novlists, printrs, jurnlists, secretris, advrtisers, grafic desynrs [...]"21

Obwohl dieser Reformvorschlag das romanische Alphabet beibehält, kommen die Schreibungsabweichungen so häufig vor und weichen so stark von der traditionellen Orthographie ab, daß man ihn als Beispiel für einen radikalen Vorschlag vorstellen muß. Außerdem kann man diesen Vorschlag als normativ bezeichen: Er orientiert sich zwar stark an der Aussprache, indem er für die Aussprache irrelevante Buchstaben streicht (v.a. Vokalbuchstaben in unbetonten Silben), doch wird dadurch nicht die Phonem-Graphem-Beziehung reguliert. In diesem Vorschlag werden außer Auslassungen und wenigen Ersatzregeln keine Änderungen vorgegeben. Die Auslassung der als schwa ausgesprochenen Vokale führt dazu, daß die grammatischen Morpheme <-ed> und <-es> zu einem Buchstaben verkürzt werden, was erstens für den Benutzer sehr ungewöhnlich ist, zweitens das morphematische Prinzip verletzt und drittens, strenggenommen, auch das Silbenprinzip, dh. eine Silbe ohne Vokal geschrieben wird. (Es ist zu überlegen, ob Upward problem und washes als einsilbig betrachtet.) Der Vorteil dieses Systems liegt in der 9% höheren Ökonomie beim Schreiben und Lesen.22 Eine Veränderung, die keine Folgen für das morphematische Prinzip hat und damit die Schreibung wirklich systematisieren würde, ist die Weglassung der "silent letters" in wie in debt, doubt, subtle. Bei näherer Betrachtung scheint das Cut Spelling in sich nicht völlig konsequent: Wieso wird nicht auch der unbetonte Vokal in of und in *engajed gestrichen? Nomen wie tea oder key werden zu *<te> und *<ke>, womit sie die gleiche Länge wie die Funktionswörter be, me, we haben und vom Leser nicht mehr auf den ersten Blick unterschieden werden können. Auch Konsonantenhäufungen wie in *<forwrdly> für forwardly oder *<regmntd> für regimented stellen hohe Anforderungen an den Leser. Das Cut Spelling System wäre ein möglicher Reformvorschlag, wenn er weniger radikal aber systematischer vorgehen würde. Die Einwände vieler Benutzer, daß es zu viele mögliche Schreibungen und Aussprachevarianten der Vokale gibt, räumt er nicht aus. Auch ist es eher unwahrscheinlich, daß er für Kinder, die Lesen und Schreiben lernen, eine Erleichterung darstellt. Bei diesem Vorschlag werden zwar Buchstaben eingespart, ob die Schrift dadurch effektiver wird, sei dahingestellt.

3.4 Regularized Inglish (Axel Wijk, 1959)

Ein normativer, halbwegs moderater Vorschlag ist das 'Regularized Inglish' von Axel Wijk aus Schweden aus dem Jahr 1959. Dieser Vorschlag behält die meisten englischen Phonem-Graphem-Beziehungen der traditionellen Orthographie bei, reguliert dafür die Ausnahmen. Er hat dabei ein System entwickelt, bei der verbindliche durchgängige Regeln gelten. In seinem Buch findet man lange Listen, welcher Buchstabe in welchem Fall zu verwenden ist.23 Primär soll dieser Vorschlag kein neues englisches Schriftsystem anbieten, sondern das vorhandene vorsichtig in sich regulieren. Dabei behalten über 90% der Wörter ihre traditionelle Schreibung. In einigen Fällen ist der Vorschlag allerdings an der Aussprache orientiert, zB. in der Verwendung des <z> für den stimmhaften, und des <s> für des stimmlosen Laut wie in *woz bzw. smart ( aber : ice). Hier ein Textbeispiel:

"The sport woz at its hight, the sliding woz at the quickest, the laafter woz at the loudest, when a sharp smart crack woz herd. Thare woz a quick rush tordz the bank, a wilde scream from the ladies, and a shout from Mr. Tupman. A large mass ov ice disappeared; the wauter bubbled up over it; Mr. Pickwick's hat, gluvs and hankerchif wer floating on the surface and this woz aul ov Mr. Pickwick that enybody cood see. (Wijk 1959:335)"

Die Vorschlag besitzt mehr Stärken als der vorige, obwohl er über dreißig Jahre vorher entstanden ist und die Entwicklung in dieser Zeit große Schritte gemacht hat. Seine Stärken liegen zum einen in seiner verbindlichen Regelmäßigkeit und zum andern darin, daß die Schreibungsänderungen auf den ersten Blick wenig auffallen. Das macht ihn eher akzeptabel als den letzten. Seine Schwächen liegen darin, daß einige Änderungsregeln schwer nachvollziehbar scheinen, wie zB. die unterschiedliche Schreibung des gleichen Lautes in scream und see.24

3.5 Spelling Reform One (Harry Lindgren, 1969)

Ein Vorschlag, der sowohl übergangsweise als auch normativ einzuordnen ist, ist die Spelling Reform One (SR1) von Harry Lindgren (im Jahre 1969 veröffentlicht). Dabei soll im Abstand von jeweils ca. 10 Jahren die Sprache in insgesamt 50 kleinen Stufen reformiert, "modernisiert", wie die Simplified Spelling Society sagt, werden. Der Vorteil davon ist, daß kleine Veränderungen am leichtesten verstanden und damit am ehesten akzeptiert werden. Die einzige Regel der SR1 ist, das Phonem / / regelmäßig als <e> zu schreiben wie in hed, lepard, frend, gess. Diese einfache Regel wurde zeitweise in weiten Teilen Australiens durchgeführt und akzeptiert. Zeitungen benutzten diese Schreibweise und sogar das australische Ministerium "of Helth". Nach einem Regierungswechsel ist diese Änderung allerdings wieder rückgängig gemacht worden. Ein Nachteil dieser Veränderung liegt in der Veränderung (Destabilisierung) des Morphems wie in read (präsens)- read (past), was als * red geschrieben wird und damit vom Homographen mit verschiedener Lautung zum zwittrigen Homographen mit gleicher Lautung wird. Bei der Veränderung von zB. guess zu *gess stellt sich eine Unregelmäßigkeit in der Aussprache des Initialkonsonanten ein; mit <ge-> beginnende englische Wörter werden meist als / / wie in gesture ausgesprochen (Ausnahme: get).25 Außerdem bleibt der etymologische Bezug nicht mehr erkennbar. An diesem einfachen Beispiel kann man gut die Argumente der Reformgegner anwenden. Sie ergänzen sich mit Venezkys Aussage über eine phonemische Spelling Reform:

"To argue that the existing orthography is irregular and then to propose a phonemic alphabet for English as a cure is to present a non-sequitur. The existing irregularities are in the systactic and morphological patterns as much as in the phonological ones, so a phonemic alphabet, while presumably correcting the phonological deviations, creates even greater irregularities in the other patterning systems."26

4 Fazit

Die Reformvorschläge mögen auf den ersten Blick unzugänglich und unzweckmäßig erscheinen. Richtig beurteilen kann man sie wahrscheinlich erst, wenn man sich an die veränderte Schreibweise gewöhnt hat und ihr Schriftbild verinnerlicht hat. Nach näherer Untersuchung zeigen sich bei jedem einzelnen Vorschlag auch einige Nachteile, wegen denen sie nicht unbedingt als besser als das vorhandene System beurteilt werden können. Sie sind also nicht imstande, zu überzeugen. Nach den hier dargestellten Argumenten, nach denen das phonographische Prinzip als Leitziel für eine Orthographiereform des Englischen in Frage gestellt worden ist und mit den Zielen, Morpheme zu erhalten und visuelle Distinktion für den Leser sicherzustellen, teilweise einen Widerspruch darstellt, kann man abschließen, daß eine Reform nach phonographischen Prinzipien nicht unbedingt zu empfehlen ist. Würde ein vollständig phonographisches Schriftsystem eingesetzt werden, wäre das so abweichend von dem jetzigen, daß es mit Sicherheit auf Ablehnung stoßen würde. Die Frage, wessen Aussprache man dazu auszuwählen hätte, bliebe ungeklärt. Diejenigen, die solch ein Schriftsystem fordern, scheinen sich nicht der positiven Seiten des englischen Schriftsystems bewußt zu sein. Die erhofften Vorteile einer phonographischen Reform, daß Kinder in der Schule weniger Probleme beim Lesen und Schreiben haben, würden dadurch nicht sicher eintreten und das englische Schriftsystem, wie man an den Reformvorschlägen sehen kann, weder systematischer noch einfacher anwendbar werden. Der große Vorteil der Alphabetschrift, nämlich die relativ kleine Anzahl von Zeichen, hat den Preis der Formalisierung, die mit Mühe erarbeitet werden muß. Daher ist das Erlernen der Schrift in jedem Falle, gleichwohl, wie sie organisiert ist, eine aufwendige Sache, die nicht jedem gleich leichtfällt. Eine Reformierung der Orthographie wird das nicht unbedingt ändern.27

Literatur:

Bußmann, Hadumod. Lexikon der Sprachwissenschaft. Kröner, Stuttgart, 1990. S. 72f.

Carney, Edward. A Survey of English Spelling. Routledge, London, 1994.

Fishman, Joshua. Advances in the Creation and Revision of Writing Systems. Mouton, The Hague, 1977. S. XI-XXVIII, 3-35.

Friedrich, Bodo. Rechtschreiberwerb: Widersprüche und Trugschlüsse. In: Ewald, Petra; Sommerfeld, Karl-Ernst (Hrsg.). Sprache System und Tätigkeit. Peter Lang, Frankfurt a. M., 1995. S. 109.

http://www.les.aston.ac.uk/sss/ (vom 29.12.1999)

http://www.under.org/alc/alc6.html (vom 29.12.1999)

Leisi, Ernst; Mair, Christian. Das heutige Englisch: Wesenszüge und Probleme. Universitätsverlag

C. Winter, Heidelberg, 1999. 8. Aufl.

Sampson, Geoffrey. Writing Systems. Hutchinson & Co, London, 1985.

Steger, Hugo; Wiegand, Ernst. Schrift und Schriftlichkeit. Walter de Gruyter, Berlin, 1994. Band 10.1. S. 720-739

Venezky, Richard L. The Structure of English Orthography. Mouton, The Hague, 1970.

Wijk, Axel. Regularized English. Almquist & Wiksell, Stockholm, 1959

[...]


1 Steger, Hugo; Wiegand, Ernst. Schrift und Schriftlichkeit. Walter de Gruyter, Berlin, 1994. Band 10.1

2 Steger, Hugo; Wiegand, Ernst. S. 729.

3 Steger, Hugo; Wiegand, Ernst. S. 736.

4 Leisi, Ernst; Mair, Christian. Das heutige Englisch: Wesenszüge und Probleme. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg, 1999. 8. Aufl.

5 http://www.under.org/alc/alc6.html

6 Sampson, Geoffrey. Writing Systems. Hutchinson & Co, London, 1985.

7 Leisi, Ernst; Mair, Christian. Das heutige Englisch: Wesenszüge und Probleme. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg, 1999. 8. Aufl.

8 http://www.les.aston.ac.uk/sss/

9 Wijk, Axek. Regularized English. Almquist & Wiksell, Stockholm, 1959. S. 44.

10 Sampson, S 198ff

11 Carny, S. 24ff.

12 Bußmann, Hadumod. Lexikon der Sprachwissenschaft. Kröner, Stuttgart, 1990. S.72.13 Bußmann, Hadumod. S.72f.

14 Berry, Jack. 1977. 'The Making of Alphabets' Revisited. In: Fishman, S. 3-16.

15 Sampson, S. 203

16 Sampson, S. 200ff

17 Sampson, S. 211.

18 http://www.les.aston.ac.uk/sss/13typology.htm 19 Sampson, S. 195f.

20 Carney, S. 485.

21 http://www.les.aston.ac.uk/sss/cutspelng.htm

22 Carney, Edward. A Survey of English Spelling. Routledge, London, 1994.

23 Wijk, S. 91ff, 303.

24 Carny, S. 481ff.

25 http://www.les.aston.ac.uk/sss/13typology.htm

26 Venezky, Richard L. The Structure of English Orthography. Mouton, The Hague, 1970. S. 123.

27 Friedrich, Bodo. Rechtschreiberwerb: Widersprüche und Trugschlüsse. In: Ewald, Petra; Sommerfeld, Karl-Ernst (Hrsg.). Sprache System und Tätigkeit. Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M., 1995. S. 109.

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Orthographiereform des Englischen
Hochschule
Universität Stuttgart
Veranstaltung
Seminar "Soundsystems and their (Ortho-)graphic Representation in the History of English"
Autor
Jahr
2000
Seiten
18
Katalognummer
V96974
ISBN (eBook)
9783638096492
Dateigröße
381 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Orthographiereform, Englischen, Seminar, Soundsystems, Representation, History, English
Arbeit zitieren
Ester Hoehle (Autor:in), 2000, Orthographiereform des Englischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96974

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