The Chicago School of Architecture - form follows function - eine Hausarbeit über Henry Louis Sullivan und das Wainwright Building


Seminararbeit, 1999

14 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

THE CHICAGO SCHOOL OF ARCHITECTURE

Einleitung

Das Ende des 19. Jahrhunderts

Die Schule von Chicago

‚Vater der modernen Architektur‘, ‚Vater des Funktionalismus‘, ‚Vater der

Wolkenkratzer‘

Das Wainwright Building
Der erste Eindruck
Die tragende Struktur
Die Außenhaut
Theorien des ‚Lieben Meisters‘

Ende einer Ära

Bildnachweis

The Chicago School of Architecture

form follows function

eineq Hausarbeit über Henry Louis Sullivan und das Wainwright Building

Einleitung

Bild1: Wainwrhight Building

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Hausarbeit befaßt sich mit einem der größten Architekten und einem seiner gelungensten Bauwerke. Zur Entstehung des Entwurfs sagte Frank Lloyd Wright: „This was Louis Sullivan´s greatest moment - his greatest effort. The ‚Skyscraper‘ as a new thing beneath the sun, an entity with virtue, individualitiy and beauty was born.“1

Die Ideen, die hinter dem ‚Wainwright Building‘ stecken, die Neuerungen, die es enthält, und die signifikanten Merkmale und Theorien, die aus der ‚Chicago School of Architecture‘ stammen, will ich anhand des Gebäudes veranschaulichen. Dabei werde ich auch auf die äußeren Umstände zur Zeit des Entstehens eingehen, da sie nach Sullivans Theorie eine besondere Bedeutung haben, denn „form follows function“ bedeutet mehr, als landläufig hinein interpretiert wird ...

Das Ende des 19. Jahrhunderts

Außer in unserer heutigen Zeit hat sich die Gesellschaft nie in so kurzer Zeit so schnell verändert wie in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts. Die Industrielle Revolution stellte die gewohnte Ordnung binnen weniger Jahrzehnte auf den Kopf. Große Fabriken entstanden, in denen am Fließband produziert wurde, die Landflucht ließ die Dörfer zu Städten und die Städte zu Metropolen heranwachsen. Eine neue Schicht bildete sich mit viel Geld und progressiven Ideen: Die Großindustriellen. Der Konsum erhielt Einzug in die Zentren. Eisen wurde zum Symbol der Zeit. Dieses Material brachte viele neue Eigenschaften mit und drang in alle Lebensbereiche ein. Zum Beispiel das Verkehrswesen begann es in der Mitte des 19. Jahrhunderts in revolutionärer Weise zu verändern.

Aber gerade wegen seiner physikalischen Eigenschaften verwundert es nicht, daß es auch oder besonders in der Architektur neue Triebe zu initialisieren vermochte. Das Eisen mit seiner hohen Zugfestigkeit erlaubte ganz neue Konstruktionen im Hausbau. Die Grenzen setzte anfangs mehr die Tradition als die Möglichkeiten des neuen Materials.

Das ‚höher, schneller, weiter‘, das wir heute gerne als Attribut für die USA benutzen, ließ die Gedanken der Architekten fliegen. Besonders ‚höher‘ war gefragt, da durch den Zuzug von außerhalb das Bauland in den Stadtzentren teuer wurde. Erst mit 6, 8, 10 Stockwerken (für uns heute kaum als Höhenflüge nachvollziehbar), dann mit 13, 15 ... strebten die neuen von Eisen und Stahl getragenen Bauwerke gen Himmel.

Die Schule von Chicago

Der Name ist eigentlich irreführend. Im Gegensatz zum Bauhaus gibt es bei der amerikanischen Bewegung keine Schule oder sonstige Institution, an der sie sich festmachen ließe. Es gibt auch keine Doktrin einer amerikanischen Gruppe von avantgardistischen Architekten aus dieser Zeit. Man kann nicht einmal behaupten, daß es wirkliche Vorreiter dieses Stils gibt. Das heißt aber nicht, daß es keine herausragenden Baumeister gab, an denen sich die neue Baurichtung festmachen ließe und die die Schule von Chicago in Theorie und Praxis zu dem entwickelt haben, was sie für die nachfolgenden Generationen bedeutet.

Die neue Bauweise entstand in dem, was vom Zentrum Chicagos nach dem großen Brand 1871 noch übrig geblieben war. Beim Wiederaufbau verstanden sich viele Bauherren und Architekten darauf, die neuen, zeitgemäßen Materialien einzusetzen und aus ihnen mit modernen Techniken Bauwerke zu schaffen, die sich vom Historismus deutlich distanzierten. Die zu großen Teilen zerstörte Stadt bot dazu beste Gelegenheit. Chicago wurde zu einer ‚Boom-Town‘, obwohl sie sich natürlich der Depression in den USA 1873 nicht entziehen konnte. Der Aufschwung danach war dafür um so intensiver. Hier galt es in kurzer Zeit einen attraktiven, neuen, modernen Stadtkern entstehen zu lassen, hier galt es für viele Architekten der Zeit ihre Ideen in die Tat umsetzen zu können.

Anderorts war die Akzeptanz des Neuen niedriger. Der Leipziger Hauptbahnhof zum Beispiel, ein Bauwerk, prädestiniert für eine Konstruktion aus Eisen, mußte dies noch 1915 hinter dem wuchtigen, historisierenden Kopfbau verstecken. Auch viele andere Konstruktionen aus dem deutschen und englischen Jugendstil konnten die Neuerungen des Materials nicht in dem Maße nach außen tragen.

Anders hingegen in Chicago. Hier schuf man Gebäude, deren Konstruktion aus einem feuerfest ummauerten Eisenskelett bestand (erstmals angewendet bei dem ‚Home Inshurance Building‘ von William Le Baron Jeanney). Diese relativ zierliche Struktur zeigte sich im Laufe weniger Jahre immer häufiger. Große Fensterflächen wurden möglich und veränderten das Antlitz eines Hauses beträchtlich. Die Fassade blieb nicht so, wie sie einmal war. Sie hatte schlichtweg ihre ‚tragende Rolle‘ verloren und bot dem amerikanischen Architekten der Jahrhundertwende die Möglichkeit, sie variabler als Ausdrucksmittel zu benutzen. Herausragende Akzente setzten in diesem Zusammenhang Büros wie Burnham & Root, Hollabird & Roche und Adler & Sullivan oder Architekten wie William Le Baron Jeanney oder Peter B. Wight.

Wie groß die Möglichkeiten waren, mit den neuen, für die Konstruktion wenig bedeutenden Fassadenelementen, die Architektur zu beeinflussen, verdeutlichen die oben genannten Partnerschaften. Während sich einer der beiden um die Konstruktion eines Gebäudes verdient machte, überließ er dem so genannten ‚designing partner‘ die Gestaltung. Und gerade zwischen den Letzteren der konkurrierenden Büros entbrannte eine Rivalität, die nicht selten in Gentleman-Faustkämpfen ihren Höhepunkt fand. Besonders Louis Henry Sullivan und John Root stritten in gegenseitiger Hochachtung um die schöneren Bauwerke.

‚Vater der modernen Architektur‘, ‚Vater des Funktionalismus‘, ‚Vater der Wolkenkratzer‘

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 2: Portrait L. H. Sullivan

Dies sind wohl drei der beeindruckendsten Beinamen, die man Louis Henry Sullivan gegeben hat. Übertroffen wird dies wohl nur noch von der Anrede, die Frank Lloyd Wright zeitlebens verwendet hat: ‚Mein lieber Meister‘.

Geboren wurde Henry Louis Sullivan am 3. September 1856 in Boston, Massachusetts. Wie um jedes Genie, so gibt es auch um Sullivan Gerüchte über Schlüsselerlebnisse in seiner Kindheit, die ihn zu dem werden ließen, was er geworden ist. In seiner Autobiographie erwähnt er das erste Mal, daß er eine Brücke sah und sie für ein Monster hielt, bis der Vater ihm Sinn und Zweck dieses Bauwerks erklärte. Das andere ist seine erstaunte Reaktion, als ihm ein Vorarbeiter von den Fähigkeiten eines Architekten erzählte. Dieser Herr könne ein Bauwerk aus seinem Kopf heraus erschaffen. Darauf hin soll sich Sullivan entschlossen haben, selbst solch ein Architekt zu werden.

Was dagegen sicherer erscheint ist, daß schon der junge Louis eine Aversion gegen Autorität hatte. Er bewunderte nur wenige seiner Lehrer und Professoren und hielt Institutionen nicht für gut. So kam es auch, daß er an dem ‚Massachusetts Institut of Technologie‘ (MIT), der ältesten Architekturschule Amerikas, lediglich ein Jahr blieb und Respekt nur vor einem gewissen Professor William R. Ware hatte. Dieser war als Baumeister nicht mehr als konventionell und modisch zu nennen, hatte aber eigenständige und progressive Architekturtheorien, die er seinen Studenten lehrte. Das MIT führte er nach dem Vorbild der weltweit angesehenen ‚École des Beaux-Arts‘ in Paris. Zu dieser Institution für die Lehre der Architektur ging Sullivan im Jahre 1872.

Die ‚Beaux-Arts‘ war bekannt für das progressive Denken ihrer Professoren. Thesen von diesen, die den Klassizismus angriffen, lösten in Frankreich handfeste Skandale aus. Obwohl Sullivan das Studium dort viel zu theoretisch war und er die Schule nach weniger als einem Jahr wieder verließ, kann man davon ausgehen, daß sie einen starken Eindruck bei dem jungen Amerikaner hinterlassen hat. „Es war bestimmt an der Schule und wegen der Lehre an der Schule, daß dort der Keim zu jenem Gesetz sich in meinem Kopf festsetzte und zu entwickeln begann, welches ich später nach vielen Beobachtungen in der Natur im Satz darlegte: Die Form folgt der Funktion.“2

Sullivan wollte aber lieber praktische Erfahrungen sammeln und verließ Europa in Richtung seiner Eltern, die inzwischen nach Chicago gezogen waren. Die Stadt, deren Aufschwung nach dem großen Brand nur noch durch die Depression 1873 aufgehalten wurde, begeisterte Louis Henry Sullivan sofort. Daß ihn das Gefühl nicht getrügt hatte, zeigte sich, als nach fünf Jahren freier Mitarbeit in diversen Büros bei Dankmar Adler sein steiler Aufstieg begann. Nach nur einem Jahr in dessen Büro wurde er zum Juniorpartner ernannt. Und schon in seinem dritten Jahr wurde er im Mai 1883 zum Partner von Dankmar Adler. Das Architekturbüro (nun Adler & Sullivan genannt) entwickelte sich zu einem der Eckpfeiler der Chicagoer Architektur. Es wuchs in Spitzenzeiten auf über 50 Mitarbeiter an. Unter ihnen ein so bekannter Name wie Frank Lloyd Wright.

Das Büro lief sehr gut. In den 15 Jahren mit Sullivan erhielt es etwa 180 Aufträge. Vom Privathaus über Bürogebäude und Warenhäusern bis hin zu ihrer Spezialität, den Auditorien, errichteten sie in und um Chicago, aber auch vereinzelt in anderen amerikanischen Städten, ihre Gebäude und wurden zu Vorreitern für die moderne Architektur.

Das Wainwright Building

Der erste Eindruck

Bild 3: Wainwright Building

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das ‚Wainwright Building‘ entstand in den Jahren 1890 bis 1892 an der Nordwestecke 7th und Chestnut Streets in St. Louis. Bauherr war ein Brauer und Bierhändler namens Ellis Wainwright und dessen Mutter Catherine. Es ist ein zehngeschossiges Bürogebäude im Zentrum der Stadt.

Der Baukörper ist von schlichter Form und ist klassisch horizontal dreigeteilt in Sockel (EG & 1.OG), Schaft (2.-8. OG) und Kapitell (DG). Die Fassade wirkt ruhig und regelmäßig. Auch die Ornamentierung ordnet sich ihr unter und tritt nur in Dachgeschoß mit seiner weit auskragenden Traufkante besonders hervor.

Das Erdgeschoß wird von den großen Schaufensterflächen und der darüber liegenden Reihe von Öffnungen mit tiefer Leibung beherrscht. Der Sockel, als unterer Abschluß, beeindruckt durch schlichtes Auftreten. Trotz der immensen Fensterflächen in diesem Geschoß, bleibt noch genug Baukörper zurück, der durch schlichte Masse einen ganz anderen Charakter hat als Schaft und Kapitell. Für eine klare Trennung sorgt unter anderem ein recht weit auskragendes Gesims über der 2. Ebene, deren Vorderkante mit kleinteiligen Motiven verziert ist. Bei Sonnenschein wirft der Vorsprung zudem eine dunkle Schattenlinie an die Wand. Dekoration findet sich hier, außer der Borte um die Eingänge, keine. Die Quader aus hellem, beigem Sandstein, die an den unteren beiden Geschossen verbaut wurden, heben den Sockel deutlich von den Obergeschossen mit ihrem roten Klinker ab. Bild 4: Wainwright B., Detail

Die Geschosse drei bis neun strecken das ‚Wainwright Building‘ durch ihre schmalen und hohen Fenster. Der Schaft ist stark gegliedert und zwar sowohl in vertikaler, wie auch in horizontaler Richtung. Die Reliefplatten mit Motiven aus der Flora treten weniger einzeln in Erscheinung, sondern schaffen vielmehr einen Zusammenhang zwischen ihnen und lassen somit die waagerechte Linie erst entstehen. Besonders sticht das Dachgeschoß hervor, das sich mit den reichlichen Verzierungen vom Rest des Gebäudes absetzt. Die winzigen runden Fenster sind quasi unsichtbar, und daher wirkt es wie ein geschlossener Fries, der als eine mächtige dunkle Kante, unterstützt durch den ausladenden Dachüberstand, das Haus nach oben hin abschließt. Bild 5: Wainwright Building, Kapitell Das Gebäude zerfällt nun nicht in seine drei Teile. Die Zusammengehörigkeit schafft die Aufnahme des horizontalen Rasters des Schafts im Sockel und ein starker Rahmen. Dieser wird gebildet durch die Eckpfeiler und das Dachgeschoß. Sie verschweißen das Haus zu einer homogenen Komposition á la Sullivan.

Man betritt das ‚Wainwright Building‘ von der 7th oder der Chestnut Street durch zwei zentral gelegene, in das Gebäude zurückgesetzte Türen. Die Arbeitsräume im dritten bis neunten Geschoß des U-förmigen Gebäudes erreicht man über ein etwas außermittig liegendes Treppenhaus und innen liegende Flure, an denen rechts und links die kleinen Bürozellen liegen. Das ‚Wainwright Building‘ ist der erste wirkliche Wolkenkratzer von Adler & Sullivan.3

Die tragende Struktur

Bild 6: Wainwright Building, Bauphase

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Photo, das während der Bauphase aufgenommen wurde, läßt einen Blick auf die Konstruktion zu. Während im unteren Teil der Baustelle die Fassaden den Stahl schon verbergen, erkennt man bei den oberen Geschossen die Eisenskelettstruktur. Es ist ein feines und gleichmäßiges Gerippe, welches später die Lasten in den Baugrund leiten wird. Es besteht ausschließlich aus vertikalen Pfosten und horizontalen Riegeln. Die Aussteifung des Skeletts wird die Decken, Wandscheiben und Fassaden herstellen.

Im konstruktiven Gebilde dieses Hauses ist die Dimension aller Stützen bzw. aller Träger gleich gewählt. Dadurch wirkt schon das reine statische System so feingliedrig und homogen, wie später das fertige Gebäude. Allerdings - ohne den gerade beschriebenen Effekt widerlegen zu können

- wird die Fassade der Konstruktion nicht strikt folgen. Sie weicht in einigen Aspekten bewußt davon ab, nur die Konturen des Gerüstes nach außen darzustellen.

Die Außenhaut

Wie schon im Vorfeld erwähnt, hatte die neue amerikanische Bewegung die Intention, das Innere eines Gebäudes nach außen zu kehren. Das heißt, daß sich das statische Tragwerk an der Fassade abzeichnen sollte. Dazu sollte man das Bild vom unfertigen Gebäude noch einmal eingehend betrachten. Deutlich ist zu erkennen, daß die Fassade des Bauwerks mehr vertikale Elemente besitzt, als die tragende Konstruktion. Ebensowenig wird die Dimensionierung der einzelnen Stahlstützen in ihrer Verkleidung aufgenommen. Während die Stützen unabhängig von ihrer Position im Tragwerk gleich dimensioniert sind, wird die Hausecke wesentlich massiger dargestellt.

Trotz all dieser ‚Kleinigkeiten‘ kommt das Stahlgerüst zu seinem Anspruch auf Ausdruck. Die gleichmäßige Aneinanderreihung der schmalen und hohen Fenster schafft genau den homogenen Eindruck, den auch die Konstruktion mit ihren gleichberechtigten Pfosten und Riegeln im Bauwerk verbirgt. Die vertikalen Pfeiler der Fassade sind schlicht gehalten, dafür aber durchgehend und vor die Flächen der Brüstungen gehoben. Diese dagegen gehen wegen ihrer geringen Höhe und dem floralen Schmuck, den sie tragen, nicht unter. Ganz im Gegenteil wird dadurch bewirkt, daß die Horizontale fast gleichberechtigt dargestellt wird. Somit kann man sagen, daß Konstruktion und Fassade wie ein feines, geometrisches Netz wirken.

Des weiteren stellt der ganze Baukörper einen Quader, gebildet aus Pfosten und Riegeln, dar. Die massiven, glattflächigen Ecken stellen dabei die Pfosten dar. Die entsprechenden Riegel werden durch das reichhaltig verzierte Kapitell und die Fensterreihe des 1. Obergeschosses gebildet. Sullivan entscheidet sich beim ‚Wainwright Building‘ auch nicht für den großflächigen Einsatz von Glas, um die statischen Möglichkeiten des Eisenskeletts auszuloten und auszudrücken. Die gleichmäßig verteilten,etwas eingeengt erscheinenden Fenster symbolisieren die Eigenarten der Bürozellen, die sich dahinter verbergen. Die Funktion des Gebäudes als Bürohaus ist also schon von weitem eindeutig zu erkennen. Um dies deutlicher zu sehen, sollte man das ‚Wainwright Building‘ mit dem ‚Second Leiter Building‘ von William Le Baron Jeanney vergleichen. Es entstand in den Jahren 1889 bis 1891 in Chicago. Hier erkennt man deutlich einen anderen Weg: den Wunsch, die filigrane Tragstruktur direkt auf die Form der Fassade zu übertragen. Bild 7: 2nd Leiter Building Damit zeichnet die Außenhaut nicht die statische Funktion der Konstruktion nach, sondern drückt sie durch ihre individuelle Gestaltung aus, Sullivan beschreibt sie also mit seinen Fassadenelementen.

Theorien des ‚Lieben Meisters‘

„Form follows function.“

Diese These gehört zu den bekanntesten der Architektur ... und wird wohl zugleich die am häufigsten fehl interpretierte Formel bis heute sein. Aber man kann nicht mit erhobenem Zeigefinger auf alle deuten, die es nicht besser wissen. Louis Henry Sullivan hat selbst unzählige Ausführungen darüber von sich gegeben. Eine der blumigsten ist wohl diese: „Whether it be the sweeping eagle in his flight or the open apple-blossom, the toiling work-horse, the blithe swan, the branching oak, the winding stream at its base, the drifting clouds, overall coursing sun, form ever follows function, and that is the law.“4

In diesem lebhaft beschriebenen Zusammenhang wird die üblich vertretene Annahme, daß die sich Form den funktionellen Bedingungen anpassen muß, fragwürdig. Gemeint sein dürfte damit eher, daß die Formfindung auch von ästhetischem Empfinden und damit ebenso von der Umgebung abhängig ist. Ein Gebäude ist also nicht als gelungen zu betrachten, nur weil es seine Funktion erfüllt, sondern weil es sich in seine Nachbarschaft einbettet. Es soll sich der umgebenden Landschaft und den umgebenden Menschen anpassen. Es muß ihnen gefallen. Es ist daher abhängig von der Gesellschaft und der Zeit. Erst so interpretiert macht ein weiterer seiner Aussprüche Sinn: „As you are, so are your buildings.“5

Was bedeutet dies nun für seine Architektur? Stimmt seine These, so bringt die neue Art, Häuser mit einem Eisenskelett zu bauen, mehr Freiheiten für die Anpassung des Gebäudes an seine Umgebung durch die Gestaltung der Fassade. Dieses Element eines Gebäudes verliert durch den Skelettbau fast alle seiner statischen Aufgaben und ist hervorragend geeignet, um es für die Formgebung zu verwenden. Auch die reichliche Verzierung der entstehenden Gebäude ist nach Sullivan eine Möglichkeit, ein Haus zu gestalten. Die Entfernung des Ornaments hat somit nichts mit der Entwicklung der Architektur zu tun. Hier steht er in krassem Widerspruch zu seinem Kollegen Adolf Loos.6

Zieht man dies in Betracht, erkennt man, daß der ‚Vater der modernen Architektur‘ mit dem ‚Wainwright Building‘ andere Wege ging, als die meisten seiner Kollegen. Philipp Johnson meinte dazu: „Sullivan´s interest was not in structure, but in design.“

Ende einer Ära

Zu guter Letzt will ich auch noch das Ende dieses Denkers der amerikanischen Architektur anreißen.

Das so erfolgreiche Büro Adler & Sullivan wurde durch den Ausstieg Dankmer Adlers 1895 aufgelöst. Nach der Trennung war für beide Architekten die gute Zeit vorbei. Sullivan bekam in den folgenden Jahren immer weniger Aufträge, nicht nur wegen der schlechteren wirtschaftlichen Situation. Auch privat lief es für den Architekten nicht gut. Mit kleineren Aufträgen und Essays für Zeitschriften konnte er sich über Wasser halten, seinen hohen Lebensstil aber nicht mehr weiter führen. Doch auch bei knapper Kassenlage ließ er sich nicht von seinen Vorstellungen abbringen - auch wenn dies den Verlust eines Bauherren bedeutete. Zu seinen letzten Werken gehört eine Autobiographie, die er Freunden zu liebe schrieb und die als Kolumne im ‚Journal of the American Institute of Architects‘ erschien. Kurz vor seinem Tod am 14. April 1924 wurde ‚The Autobiography of an Idea‘ als Buch herausgebracht.

Bildnachweis

Bild 1: Wainwright Building

Quelle: Internet http://www.middlebury.edu/~ac400c/selover.html

Bild 2: Portrait L. H. Sullivan

Quelle: Hans Frei: Louis Henry Sullivan, Artemis-Verlag-AG, Zürich 1992, Cover

Bild 3: Wainwright Building

Quelle: Internet http://www.middlebury.edu/~ac400c/selover.html

Bild 4: Wainwright B., Detail

Quelle: Hans Frei: Louis Henry Sullivan, Artemis-Verlag-AG, Zürich 1992, S. 88

Bild 5: Wainwright Building, Kapitell

Quelle: Hans Frei: Louis Henry Sullivan, Artemis-Verlag-AG, Zürich 1992, S. 88

Bild 6: Wainwright Building, Bauphase

Quelle: Hans Frei: Louis Henry Sullivan, Artemis-Verlag-AG, Zürich 1992, S. 87

Bild 7: 2nd Leiter Building

Quelle: Hans Frei: Louis Henry Sullivan, Artemis-Verlag-AG, Zürich 1992, S. 87

[...]


1 Frank Lloyd Wright: Louis Henry Sullivan - His Work In: Architectural Record, New York, Ausg. 56, Juli 1924, Nr. 1, S. 29

2 aus dem Brief Louis Henry Sullivans vom 25.04.1904 an Claude Bragdon vgl. Hans Frei: Louis Henry Sullivan, Artemis-Verlag-AG, Zürich, 1992, S. 20

3 vgl. Hans Frei: Louis Henry Sullivan, Artemis-Verlag-AG, Zürich, 1992, S. 86

4 Louis Henry Sullivan: The Tall Office Building Artistically Considered, in: Lippincotts, Ausg. 57, 1896 (reprinted in: Twombly, 1988) S. 111

5 Louis Henry Sullivan: A System of Architactural Ornament According with a Philosophy of Man´s Power (in Louis Henry Sullivan: Ornament und Architektur, The Art-Institute of Chicago (ed.), Tübingen) Chicago, 1924, S. 137

6 vgl. Adolf Loos: Ornament und Verbrechen, 1908 (Reprint in: Adolf Loos: Sämtliche Schriften, 2 Bände, Wien, München, Vol. 1, 1962) S. 227

14 von 14 Seiten

Details

Titel
The Chicago School of Architecture - form follows function - eine Hausarbeit über Henry Louis Sullivan und das Wainwright Building
Autor
Jahr
1999
Seiten
14
Katalognummer
V96999
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chicago, School, Architecture, Hausarbeit, Henry, Louis, Sullivan, Wainwright, Building
Arbeit zitieren
Lukas Mertens (Autor), 1999, The Chicago School of Architecture - form follows function - eine Hausarbeit über Henry Louis Sullivan und das Wainwright Building, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96999

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