Hänsel und Gretel-Analyse eines zeitlosen Märchens unter Berücksichtigung der besonderen Wirkung auf Kinder


Seminararbeit, 2000

31 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Märchen
2.1.1. Der Märchenbegriff
2.1.2. Das Volksmärchen
2.2. Hänsel und Gretel
2.2.1. Inhaltsangabe Hänsel und Gretel
2.2.2. Analyse einiger Sequenzen des Originaltextes

3. Schluß

4. ANHANG
4.1. Literaturliste
4.2. Originaltext

1. Einleitung

„Das Anhören eines Märchens und das Aufnehmen seiner Bilder kann mit dem Ausstreuen von Samen verglichen werden, von dem nun ein Teil im Gemüt des Kindes Wurzeln schlägt. Einige Samenkörner fallen unmittelbar in sein Bewußtsein, andere setzen unbewußte Vorgänge frei. Weitere müssen lange Zeit ruhen, bis das kindliche Gemüt soweit ist, das sie keimen können, viel bleiben ganz ohne Wirkung. Die Samenkörner aber die auf fruchtbaren Boden fallen, wachsen zu schönen Blumen und kräftigen Bäumen - sie bestärken wichtige Gefühle, vermitteln Einsichten, nähren Hoffnungen und bewältigen Ängste -, und damit bereichern sie das Leben des Kindes in der jeweiligen Zeit und für immer.“1

Diese Zeilen hat Bruno Bettelheim vor mehr als zwanzig Jahren geschrieben, dennoch sind wir der Meinung, daß sie heute noch genauso aktuell sind wie damals. Der zeitlose Charakter des Märchens ist faszinierend und wohl auch ein Grund, weshalb wir dieses Thema gewählt haben.

Zuerst wollten wir uns mit dem Märchen im allgemeinen beschäftigen, da dieses Thema jedoch sehr umfangreich ist, haben wir beschlossen uns auf ein Märchen zu beschränken und dieses näher zu beleuchten.

Hänsel und Gretel empfinden wir als einen Klassiker unter den Volksmärchen. Da dieses Märchen auch eines unserer Lieblingsmärchen ist, haben wir uns dazu entschlossen, es näher zu analysieren und seine besondere Bedeutung für Kinder herauszufinden.

Unter dem Thema:

„Hänsel und Gretel - Analyse eines "zeitlosen" Märchens unter Berücksichtigung der besonderen Bedeutung für Kinder“

beschäftigen wir uns im ersten Teil unserer Hausarbeit mit Märchen im allgemeinen. Die Märchen haben einen unschätzbaren Wert, weil sie der Phantasie des Kindes neue Dimensionen eröffnen, die es selbst nicht erschließen könnte. Was noch wichtiger ist: Form und Gestalt der Märchen bieten dem Kinde Bilder an, nach denen es seine Tagträume ausbilden und seinem Leben eine bessere Orientierung geben kann.2

Da es sich bei dem Märchen von Hänsel und Gretel um ein sogenanntes Volksmärchen handelt, gehen wir anschließend näher auf den Begriff des Volksmärchens ein.

"In vielerlei Hinsicht ist sowohl für Kinder als auch für Erwachsene - von wenigen Ausnahmen abgesehen- in der gesamten "Kinderliteratur" nichts so fruchtbar und befriedigend wie das Volksmärchen.“3

Nachdem wir die grundlegenden Begrifflichkeiten geklärt haben, möchten wir kurz den Inhalt des Märchens von Hänsel und Gretel wiedergeben.

Im Anschluß daran beginnen wir mit der Analyse einiger Textstellen aus dem Originaltext der Gebrüder Grimm. Hierbei bedienen wir uns keiner speziellen Methode, sondern deuten zunächst die zentralen Begriffe in den einzelnen Sequenzen, untersuchen diese und berücksichtigen dabei die besondere Bedeutung für Kinder. Darauf folgt der Schluß, in dem wir ein Fazit aus unserer Arbeit ziehen.

2. Hauptteil

Zu Beginn möchten wir uns mit dem Märchen an sich beschäftigen. Hier versuchen wir zunächst den Märchenbegriff zu klären. Anschließend wollen wir näher auf das Volksmärchen eingehen

2.1. Märchen

2.1.1. Der Märchenbegriff

Der Begriff "Märchen" wird im etymologischen Wörterbuch wie folgt erklärt:

" 'Märchen': "Erzählung (ohne Bindung an historische Personen oder an bestimmte Örtlichkeiten), phantastische Dichtung; erfundene Geschichte, Lüge": Das seit dem 15.Jh. bezeugte Wort ist eine Verkleinerungsbildung zu dem heute veralteten Substantiv Mär(e) "Nachricht, Kunde, Erzählung". Bis ins 19. Jh. war die aus dem Mitteld. stammende Ver-Kleinerungsbildung, die das oberd. Märlein verdrängt hat, im Sinne von "Nachricht,Gerücht, kleine (unglaubhafte) Erzählung" gebräuchlich. Das Grundwort Mär(e) (mhd. maere, ahd. mari) ist eine Bildung zu dem Nhd. untergegangenem gemeingerm. Verb mhd. maeren, ahd. maren "verkünden, rühmen, usw.", das von einem alten Adjektiv für "groß, bedeutend, berühmt" abgeleitet ist. Dieses Adjektiv, das im germ. Sprachbereich nur noch als zweiter Bestandteil in PN bewahrt ist (beachte z.B. Dietmar Reinmar, Volkmar), ist z. B. Verwandt mit air. mar "groß" und gr. -moros "groß, bedeutend". Zugrunde liegt die idg. Wurzel *me-, mo- "groß, ansehnlich" zu der auch die unter -> mehr -> meist behandelten Formen gehören."4

Aus dieser Begriffsklärung geht hervor, daß der sprachliche Ursprung des Märchens durch die Eigenschaften 'groß und bedeutend' gekennzeichnet wird. Die wahre Größe und Bedeutung des Märchens wird in der heutigen Zeit jedoch nicht mehr erkannt. Oft wird es als "Kinderkram" bezeichnet, da die meisten Erwachsenen sich nicht mehr mit diesen Texten beschäftigen. Über Wert oder Unwert der Märchen machen sich nur noch Eltern, Psychologen oder Pädagogen Gedanken. Das Märchen ist heute ein vieldeutiger Begriff, weshalb es wohl auch keine allgemeine Definition für dieses Wort gibt. Unter Erwachsenen wird der Ausspruch "Erzähl mir keine Märchen!" oft gebraucht, wenn eine Lüge vorausgesetzt wird. Häufig wird der Märchenbegriff auch mit etwas Schönem, Prachtvollem oder Wunderbarem verbunden, was man sich selbst ersehnt (beispielsweise den persönlichen Märchenprinz zu treffen). Von Pessimisten wird das Märchen meist als etwas Unmögliches, Unerreichbares oder von das jeder Realität Fernliegende beschrieben.

Trotz alledem besitzen Märchen auch heute noch eine ungebrochene Faszination,wodurch selbst der moderne Mensch auf irgendeine Art und Weise angesprochen wird.

2.1.2. Das Volksmärchen

Da wir uns in unserer Arbeit mit dem Märchen 'Hänsel und Gretel' beschäftigen und es sich hierbei um ein Volksmärchen handelt, möchten wir zunächst den Begriff des Volksmärchens näher erläutern.

Unter Volksmärchen versteht man die Märchen, deren Ursprung im mythischen Dunkel eines Volkes weilt. Im Gegensatz zum Kunstmärchen, das vom einen Autor zu einem bestimmten Zwecke verfaßt worden ist, ruht die Genese des Volksmärchen in den tiefen Seelenschichten eines ganzen Volkes. Ein ganzes Volk hat zu seiner Entstehung beigetragen. Es ist ein sogenanntes "volksläufiges" und "namenloses" Märchen.5

Ursprünglich sind die Volksmärchen für Erwachsene "erfunden" und erzählt worden und wurden seit Jahrhunderten von Generation zu Generation mündlich weitergereicht.

Vorallem die Gebrüder Grimm haben im deutschem Sprachraum in einer groß angelegten Arbeit 1812 mündlich tradiertes Erzählgut zusammengefaßt und fixiert. "Es war vielleicht gerade Zeit, diese Märchen festzuhalten, da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer seltener werden."6

Max Lüthi, der im Jahre 1991 verstorbene große schweitzer Märchenkundler sagt von diesen Märchen, daß sich hierbei um eine "poetische Kunstform“ handelt, die nicht „nur gute Unterhaltung bietet".

„Zu den Volksmärchen gehören mit steigendem Recht die ätiologischen Märchen, die phantasievoll und märchenhaft nachträglich die Ursprünge von etwas Gewordenem und etwas Bestehendem erklären wollen. Dann sind die mythischen Märchen in denen über die Anfänge des Kosmos , von Gott und der Welt, über die Entstehung von Mensch, Tier und Pflanze berichtet wird, da sind die Lügen- und Schwankmärchen, da sind die Novellen- und Tiermärchen. Schließlich sind darin auch die Zaubermärchen, die von vielen Wissenschaftlern und Märchenliebhabern als die eigentlichen, die Märchen im eigenen Sinne bezeichnet haben. In ihnen sind- wie zwar auch in den Sagen- lebende und tote Menschen, Feen, Zauberer, Hexen, Riesen, Zwerge, Trolle, Teufel, Tiere und helfende Geister die handelnden Personen; es geschehen darin Wunder wie zwar auch in den Legenden-, aber in Symbolen und Bildern werden Weisheiten von Generation, seelische Erlebnisse, esoterische Geschehnisse dargestellt, und allgemein menschliche Probleme guten Lösungen zugeführt und Lebenshilfen geboten.“7

"In vielerlei Hinsicht ist sowohl für Kinder als auch für Erwachsene- von wenigen Ausnahmen abgesehen- in der gesamten "Kinderliteratur" nichts so fruchtbar und befriedigend wie das Volksmärchen."8

2.2. Hänsel und Gretel

Unter diesem Gliederungspunkt möchten wir uns näher mit dem Volksmärchen Hänsel und Gretel befassen. Hier werden wir zunächst den Inhalt dieses Märchens wiedergeben und uns anschließend näher mit dem Text beschäftigen.

2.2.1. Inhaltsangabe Hänsel und Gretel

Das Märchen "Hänsel und Gretel", das von den Gebrüdern Grimm verfaßt wurde,behandelt das Schicksal eines Geschwisterpaares, welches durch die ärmlichen Verhältnisse der Eltern in eine mißliche Lage gerät. Durch eine märchenhafte Begebenheit nimmt das Geschehen jedoch ein glückliches Ende.

Das Märchen führt uns zu einer Holzhackerfamilie, die in Armut lebt. Da ihre Nahrung bis auf einen halben Laib Brot restlos aufgebraucht ist, beschließen die Eltern auf Initiative der Stiefmutter hin, die Kinder im Wald auszusetzen. Die Kinder belauschen die Eltern jedoch bei diesem Gespräch. Daraufhin sammelt Hänsel Kieselsteine, welche er als Markierung benutzt, um den Weg nach Hause zu finden. Nachdem die Familie im Wald angekommen ist, zünden die Eltern ein Feuer an, geben den Kindern das letzte Stück Brot und fordern sie auf, sich schlafen zu legen, während der Vater Holz schlägt. Um das Geräusch der Holzaxt nachzuahmen, bindet der Vater einen Ast an einen dürren Baum, der vom Wind hin und her geschlagen wird. Dadurch sind die Kinder im Glauben, der Vater sei in der Nähe.

Nach einiger Zeit schlafen Hänsel und Gretel am Feuer ein. Als die Nacht eingebrochen ist finden sie mit Hilfe der Kieselsteine, die im Mondlicht leuchten, den Weg nach Hause zurück.

Wenige Zeit später tritt wieder eine Notsituation ein und die Kinder sollen diesmal noch tiefer im Wald ausgesetzt werden.

Nun verschließt die Stiefmutter jedoch die Tür, so daß keine Kieselsteine gesammelt werden können. Daraufhin streut Hänsel Brotkrümel aus, die von den Vögeln des Waldes aufgefressen werden.

Die Kinder sind nunmehr im Wald verlassen und vollständig auf sich selbst gestellt. Nach drei Tagen erfolgloser Suche folgen sie einem weißen Vogel, der wunderschön singt. Dieser führt sie zu einem Häuslein "aus Brot gebaut und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker". Als die Kinder beginnen von diesem Haus zu essen und die Hexe sie fragt, wer an ihrem Haus knabbert, antworten die Kinder: "Der Wind, der Wind, das himmlische Kind". Zunächst ist die Hexe sehr freundlich zu den Kindern, gibt ihnen reichlich zu essen und ein weiches Bett. Hänsel findet sich jedoch am darauffolgenden Morgen in einem Stall wieder, in den die Hexe ihn gesperrt hat, um ihn zu mästen. Währenddessen muß Gretel kochen und putzen. Da Hänsel die Hexe überlistet, indem er statt seines Fingers immer ein Knöchelchen hinhält, verhindert er zunächst, daß er von ihr gefressen wird. Als Gretel dann doch den Ofen heizen muß, stößt sie mit Hilfe einer List die Hexe selbst hinein, die infolgedessen elend verbrennen muß. Die geretteten Kinder bereichern sich mit den Schätzen der Hexe und treten den Heimweg an. Dabei kommen sie an ein großes, unüberschreitbares Wasser, das sie nur mit Hilfe einer Ente überqueren können. Als die Kinder zu Hause ankommen, ist die Stiefmutter gestorben. Dank der erbeuteten Schätze können Vater und Kinder in Glück und Zufriedenheit ohne Not leben.

2.2.2. Analyse einiger Sequenzen des Originaltextes

"Vor einem großem Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er auch das tägliche Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: " Was soll aus uns werden ? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns selbst nichts mehr haben?" - "Weißt du was, Mann",antwortete die Frau, wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist - da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los."

Zu Beginn des Märchens wird die Familienstruktur vorgestellt. Der Vater, die Mutter und die beiden Kinder. Die meisten Märchen beginnen mit der Vorstellung bestimmter Eltern und führen dann zu der eigentlichen Hauptperson der Handlung, zu meist der Sohn oder die Tochter der Familie, die dann jeweils auch die Helden der Geschichte sind.

So wird auch dieses Märchen eingeleitet. In unseren ersten Sequenz läßt sich eine Verstärkung der Hauptdarsteller erahnen, da sie zunächst als die zwei Kinder des Holzhackers vorgestellt werden, zuletzt aber nicht namenlos bleiben, sondern die Namen Hänsel und Gretel erhalten.

Das Märchen beginnt realistisch. Der Vater von Hänsel und Gretel geht einem forstwirtschaftlichem Beruf nach, er ist Holzhacker, der mit seiner Familie - wohl auch seines Berufes wegen - vor einem großen Wald wohnt.

Durch eine große Teuerung stellt sich die Ernährung der Familie für ihn als ein großes Problem dar. In den damaligen Verhältnissen war der Mann alleine für die Versorgung der Familie "zuständig".

Die Frau kümmerte sich um den Haushalt und die Erziehung der Kinder. Eines Nachts macht der Vater sich große Sorgen und weiß nicht, wie er seine Kinder weiter versorgen soll.

Nun ergreift die Stiefmutter die Initiative und schlägt vor, die Kinder im Wald auszusetzen. Hier vermittelt das Volksmärchen eine wichtige Erkenntnis: "Armut und Not machen den Menschen nicht besser, sondern eher egoistischer und weniger mitfühlend für die Leiden anderer, so daß er leicht auf Abwege geraten kann."9 Dramatisch für die Kinder wirkt sich der Egoismus der Eltern aus, die gar nicht erst versuchen wollen, es gemeinsam zu schaffen, sondern sich entscheiden, ihre Kinder auszusetzen. Dieses Aussetzen beinhaltet einen der schlimmsten Angstphantasien von Kindern, die, gerade wenn sie klein sind, sich ein Leben ohne Eltern überhaupt nicht vorstellen können, weil sie sonst verhungern müßten. Als solche lebensbedrohliche Angst erlebt ein Kind die Abweisung. Neben der Armut liefert das Märchen durch die Tatsache, daß es sich bei der Frau des Holzhackers nicht um die leibliche Mutter, sondern um die Stiefmutter handelt, noch eine weitere Erklärung für die grausame Handlung der Eltern.

Die zwei Kinder hatten vor Hunger nicht einschlafen können und hatten gehört, was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte. Gretel weinte bittere Tränen und sprach zu Hänsel: "Nun ist's um uns geschehen." - "Still, Gretel", sprach Hänsel, "gräme die nicht, ich will uns schon helfen."

"Ein kleines Kind, das in dunkler Nacht hungrig aufwacht, hat schreckliche Angst, verschmäht und im Stich gelassen zu werden, was es als Angst zu verhungern erlebt."10

Diese Angst können alle Leser des Märchens gut nachempfinden, da die Hauptangst von Kindern darin besteht, von ihren Eltern verlassen oder gar ausgesetzt zu werden. Hänsel und Gretel haben Angst von ihren Eltern verstoßen zu werden und glauben deshalb, daß diese sie verhungern lassen werden.

Das Märchen erzählt, daß die Eltern bis dahin in der Lage waren, die Kinder zu versorgen, daß nun jedoch magere Zeiten angebrochen sind. Für die Kinder repräsentiert die Mutter von Geburt an die Quelle aller Nahrung und genau aus diesem Grund ist es hier auch die Stiefmutter, die darauf beharrt die Kinder im Wald auszusetzen.

Ist die Mutter nicht länger bereit, alle oralen Wünsche des Kindes zu erfüllen, werden in ihm Gefühle, wie Angst und tiefe Enttäuschung wach, die es glauben lassen, seine Mutter sei plötzlich lieblos, egoistisch und ablehnend geworden.

Da die Kinder genau wissen, daß sie um zu überleben auf ihre Eltern angewiesen sind,denkt sich Hänsel eine Strategie aus, wie sie, nachdem ihre Eltern sie allein gelassen haben, wieder nach Hause zurückfinden. Er bleibt Herr der Lage und setzt seinen Plan in die Tat um. Gretel jedoch weint "bittere Tränen" und verliert sofort den Mut. "Nun ist's um uns geschehen" klagt sie und gibt sich ihrem Schicksal hin. Hänsel tröstet Gretel: "Still, Gretel - gräme dich nicht, ich will uns schon helfen".

"Ganz klar: Er, der Junge, ist aktiv, einfallsreich, stark und dominant, sie, das Mädchen, hingegen passiv, weinerlich und schwach."11

Auch an dieser Textstelle wird die Dominanz von Hänsel deutlich:

Da wollen wir uns dranmachen", sprach Hänsel,

" und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom Fenster essen, das schmeckt süß."

Er bestimmt- sie tut, was er sagt.

Das Blatt wendet sich jedoch gegen Ende des Märchens, als Hänsel von der Hexe im Stall gefangen wurde, übernimmt Gretel die Initiative. Sie täuscht die Hexe durch kluges Verhalten, und stößt sie mutig in den Ofen. Gretel begeht also die entscheidende Tat.

Durch die Gefangenschaft ihres Bruders lernt Gretel autonom zu handeln, was sich später auch wieder zeigen wird - mal ist der eine Herr der Lage, mal der andere.

Hänsel und Gretel sind, wie es für Geschwister typisch ist, verschieden, und genau das ist ihre Stärke. Geschwister kennen ihre gegenseitigen Stärken und Schwächen meist in- und auswendig.

Dies zeigt den Kindern, daß man mit anderen Charakteren umgehen lernen muß und wie man seine eigenen Stärken am besten zur Geltung bringt. Sich mit den Charakter- eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmalen der Geschwister auseinanderzusetzen, sie akzeptieren und als gleichberechtigt, sowie gleichwertig anerkennen zu lernen und mit ihnen zu leben, das ist eine wichtige Charakterschulung für den Heranwachsenden.

Hänsel und Gretel überleben, weil sie sich ergänzen und geben dadurch auch ein hervorragendes Beispiel für die männlich - weibliche Kooperation, die in der heutigen Zeit so im Argen liegt.

Sie fingen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald, und wenn nicht bald Hilfe kam, so mußten sie verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, daß sie stehenblieben und ihm zuhörten.

Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nah herankamen, da sahen sie, daß das Häuslein aus Brot gebaut war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker.

Das Märchen "Hänsel und Gretel" weist eine sehr deutliche Trennung zwischen zwei Welten auf. Es gibt zunächst die reale Welt des Alltags, in der ein einfacher Holzfäller mit seiner Familie lebt und dann gibt es im geheimnisvollen Dunkel des Waldes eine andere, magische Welt, in der hilfreiche Vögel, Hexen, unermeßliche Schätze und vieles mehr existieren.

Wird dieses Motiv in den Bereich der Seele übertragen, so könnte die reale Welt des Alltags als Bewußtsein und die wunderbare magische Welt als Unbewußtes beschrieben werden.

Alle merkwürdigen und unwahrscheinlichen Dinge, die sich im Märchen zu tragen, können ganz genau so in unseren Träumen und Phantasien vorkommen. Innerhalb dieses Bereiches regiert im Hänsel-und-Gretel-Märchen die Hexe, eine der wichtigsten Hauptgestalten des magischen Reiches, die später noch ausführlicher behandelt werden soll.12

In unserem Märchen ist der Übergang zwischen den beiden beschriebenen Welten der Wald.

Der Wald stellt in der Tiefenpsychologie eine Allegorie des Unbewußten- dem Reich des ES - dar. Etymologisch meint der Begriff "Wald" das "nicht bebaute Land".13

Im Lexikon der Symbole findet sich folgende Erklärung wieder: "Wald, spielt in den religiösen Vorstellungen und im Volksaberglauben zahlreicher Völker eine bedeutende Rolle, als heiliger und geheimnisvoller Bereich, in dem gute und böse Götter, Geister und Dämonen, wilde Männer, Holz-, Moos- und Waldweiblein, Feen usw. wohnen. Heilige Haine, die Asylschutz gewähren finden sich in vielen Kulturen. Darstellungen des Waldes oder der Wälder als Schauplatz dramatischer Handlungen weisen daher häufig symbolisch auf Irrationales, aber auch auf Geborgenheit. - Als Ort der Abgeschiedenheit vom Treiben der Welt ist der Wald (...) bevorzugter Aufenthaltsort von Asketen und Eremiten und insofern auch ein Symbol für geistige Konzentration und Innerlichkeit. - Besonders im deutschem Sprachgebrauch begegnet uns der geheimnisbergende dunkle Wald im Märchen, Sagen, in der Dichtung und im Lied. - Die Psychoanalyse sieht im Wald oft ein Sinnbild des Unbewußten, eine Symbol- Beziehung, die sowohl in Traumbildern wie in realer Angst vor dem dunklem Wald manifest werden kann; verschiedent. wird er auch als Symbol der Frau gedeutet (besonders der bewaldete Hügel)."14

In der aussichtslosen Situation im dunklen Wald, stellt der weiße Vogel mit dem lieblichem Gesang ein Wandlungssymbol dar. "Vögel stehen sehr oft im Traum für Gedanken, Phantasien, intuitive Ideen oder geistige Inhalte. Weiß ist nun die Farbe der Gläubigkeit, des Heils, des Friedens und der Freude.“15

Nun könnte das Symbol des weißen Vogels als unangebracht empfunden werden, da er die Kinder verführt und verlockt ihm zum Haus der Hexe, wo sie Böses erwartet, zu folgen. Dies scheint eine negative, dunkle und böse Idee zu sein. Dem ist jedoch nicht so.

"Das Märchen ist mit recht der Ansicht, das es eine glänzende, gute Idee ist, der Pfefferkuchenhexe zu begegnen und sich mit ihr auseinanderzusetzen (...)."16

Da sich die weitere Handlung am und im Häuschen der Hexe zuträgt, möchten wir näher auf diesen Begriff eingehen.

Im Orginalmärchen ist von zwei Häusern die Rede. Zu Beginn des Märchens wird beschrieben, daß ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern vor einem großem Walde wohnte. Bei diesem Haus handelt es sich vermutlich um das Elternhaus von Hänsel und Gretel. Desweiteren wird von einem Häuschen im Wald berichtet, daß aus Brot gebaut und mit Kuchen gedeckt war und von der Hexe bewohnt wurde.

Bruno Bettelheim schreibt hierzu: "Nachdem sie mit "Hänsel und Gretel" vertraut geworden sind, verstehen die meisten Kinder - wenigstens unbewußt -, daß das was in deren Elternhaus und im Haus der Hexe geschieht, nur getrennte Aspekte von etwas sind, was in Wirklichkeit eine Gesamterfahrung darstellt.(...) So sind das Elternhaus "vor einem großem Walde" und das verhängnisvolle Haus in der Tiefe desselben Waldes auf einer unbewußten Ebene nur die beiden Aspekte des Elternhauses: des zufriedenstellenden und des frustrierenden."17

"Das Lebkuchenhaus repräsentiert ein Leben auf der Stufe primitivster Befriedigung, (...) es symbolisiert die orale Gier und wie gern man ihr nachgeben möchte.“18 Hänsel und Gretel haben in der Nahrung Sicherheit gesucht (indem sie den Weg mit Brotkrumen markieren wollten), da dieses Vorhaben jedoch nicht geglückt ist, fallen sie nun ganz in die orale Regression zurück. Obwohl sie aus ihrer Erfahrung mit den Vögeln, die ihre Brotkrumen aufpicken, eigentlich gelernt haben sollten, geben sie sich ihrer eigenen Gier hin und essen bedenkenlos vom Haus, das ihnen Schutz und Sicherheit bieten könnte. Ohne zu überlegen, wem das Haus wohl gehört, geben die Kinder ihrem Hunger nach und überhören die warnende Stimme.

Manche Situationen, in die man sich begibt sehen zunächst so verlockend aus, daß auf den ersten Blick die drohende Gefahr dahinter nicht erkannt wird.

Die Kinder wollten sich an dem Haus nur laben, was ihnen später jedoch zum Verhängnis wurde.

Die Alte hatte sich nur so freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbei zu locken.

An dieser Textstelle wird die Hexe zu ersten Mal als solche bezeichnet.

Der Begriff "Hexe" kommt von dem althochdeutschen Wort "hagazussa". "Das war einst die im Hag lebende weise Frau, die prophetische Seherin, noch früher auch die hellsichtige Hüterin und Priesterin des Stammes. Mit der Zeit erlosch die Fähigkeit hellsichtiger Führung, und dämonische Einflüsse wurden wirksam. Echte Magie wurde zu niederer Magie und das ehemals heilige Urwissen verfälscht. Die haga-zussa wurde zum Gegenteil dessen, was sie ehemals war."19

Die Hexe ist die Zentralfigur des Geschehens. Zwei Charakteristika der Hexe lassen sich besonders hervorheben. Einerseits ist die Hexe durch und durch böse, im Gegensatz zu anderen Märchenfiguren, wie etwa die Königin im Märchen von Schneewittchen, die nur gegenüber Schneewittchen ihren bösen, hexenhaften Aspekt zeigt.

Andererseits hat sie offensichtlich und eindeutig etwas mit dem Essen zu tun. Sie ist Inhaberin eines eßbaren Häuschens, in dem sie den halbverhungerten Kindern reichlich zu Essen gibt. Die Kinder vertrauen der Hexe zunächst, doch als sie Hänsel in einen Stall sperrt, ahnen sie, daß sie sie kochen, braten und essen möchte.20 "Diese Hexe ist eine böse, eine dämonische Mutterfigur, die den Hunger der Kinder dazu benutzt, um sie in ihre Gewalt zu locken, sie gefangenzuhalten, ihre Arbeitskräfte wie die Gretels für höchst egoistische Zwecke auszunutzen und sie zum Schluß aufzufressen."21

Vergleichbar ist dies mit der Situation, in der die Mutter die Bedürfnisse und Wünsche der Kinder nicht mehr befriedigen kann und Forderungen an das Kind stellt. Nun bildet sich das Kind ein, daß die Mutter, als sie es stillte und in Zufriedenheit wog - es nur zum Narren gehalten hat - genau wie die Hexe im Märchen.22

"Nachdem sie mit "Hänsel und Gretel" vertraut geworden sind, verstehen die meisten Kinder - wenigstens unbewußt -, daß das was in deren Elternhaus und im Haus der Hexe geschieht, nur getrennte Aspekte von etwas sind, was in Wirklichkeit eine Gesamterfahrung darstellt.(...) So sind das Elternhaus "vor einem großem Walde" und das verhängnisvolle Haus in der Tiefe desselben Waldes auf einer unbewußten Ebene nur die beiden Aspekte des Elternhauses: des zufriedenstellenden und des frustrierenden."23

Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte und sprach: " Ich weiß nicht, wie ich's machen soll; wie komm ich da hinein?"- "Dumme Gans", sagte die Alte, "die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein", krabbelte heran und stecke den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, daß sie weit hineinführ, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselig; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.

An dieser Textstelle beweist Gretel, daß sie auch in schwierigen Situationen ohne ihren Bruder Hänsel eine Lösung finden kann.

Etymologisch bezeichnet "Ofen", "nicht eine Vorrichtung zum Heizen, sondern ein Gefäß zum Kochen oder bewahren der Glut. Auch in germ. Zeit muß das Wort zunächst, noch ein zum Kochen dienendes Gefäß bezeichnet haben, beachte die Bildung aengl. ofnet "Gefäß" (zu aengl. ofen "Ofen")."24

"Ofen, steht symbolisch im Zshg. mit dem Feuer; vorallem in der Alchimie bedeutsam für Verwandlungsprozeße v. Metallen, v. Wasser, Luft, Erde usw. u. die damit verbundenen myst. u. moral. Prozesse. - Bes. der Backofen ist ein Symbol des weibl. Schoßes; das In-den-Ofen-geschoben-Werden kann daher als Symbol für eine Rückkehr in den Embryonalzustand, das Verbrennen im Ofen als Symbol für Tod u. Neugeburt gedeutet werden."25

26 In dem Gretel sich dagegen ausspricht in den Ofen zu krabbeln, und dann die Hexe selbst in den Ofen stößt, wird deutlich, daß sie Gretel einen wichtigen Reifeschritt unternommen hat. Es gilt hier der Grundsatz, daß wenn eine Wandlung geschehen soll, dies zunächst nur über das Tun selbst geht. Gretel wird aktiv, zeigt Autonomie und Selbstbewußtsein.

Nach dem Erzählen des Märchens von Hänsel und Gretel wird das Kind von einer Hexe, die aus seinen eigenen Angstphantasien geboren ist, verfolgt werden; hierbei handelt es sich allerdings um eine Hexe, die man in ihren eigenen Ofen stoßen und verbrennen kann, eine Hexe, von der sich das Kind befreit glauben darf.27

Was die Kinder - und damit auch die kleinen Zuhörer - im Hexenhaus erlebt haben, war ihnen eine Lehre. Sie haben erfahren, daß jedes Ding, mag es noch so harmlos aussehen, zwei Seiten hat und das es gefährlich sein kann, seinen Gelüsten zu folgen.

Der Backofen ist also ein Mutterleib-Symbol, aus dem Brote knusprig und braun geboren werden. Auf dem Weg von der Gewinnung des Getreides bis zur Herstellung des Brotes verwandelt sich ein Naturprodukt in eine spezifisch menschliche Nahrung. Der Backofen ist also auch ein Wandlungsymbol, in dem der ungenießbare Teig in ein wohlschmeckenden Brotlaib verwandelt werden soll.

Die Verbrennung der Hexe könnte also bedeuten, daß die negativ- dämonische Seite des mütterlichen Triebgrundes eine Wandlung erfahren sollte.

Typischerweise verschwindet die Stiefmutter genau in dem Moment, in dem die Hexe verbrennt. Dies weist auf den geheimen Zusammenhang dieses Problems im Bewußten und Unbewußten hin. Wenn keine neuen Erfahrungen mehr gemacht werden und die Bewußtseinssituation verarmt ist, dann stagniert das Leben und hungert. In diesen Situationen ist es wichtig, daß Antriebe, wie die der Stiefmutter auftreten, wodurch die Kinder in den Reichtum der unbewußten Welt gestoßen werden.

Hänsel und Gretel haben beide auf durchdachte Weise dazu beigetragen, daß sie überleben konnten.

Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie an ein großes Wasser. " Wir können nicht hinüber", sprach Hänsel, "ich seh' keinen Steg und keine Brücke." - "Hier fährt auch kein Schiffchen", antwortete Gretel, "aber da schwimmt eine weiße Ente; wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber."

Hänsel und Gretel kommen also an ein Wasser und es gibt weder Steg, noch Brücke und auch kein Schiff. "Wir können nicht hinüber" stellt Hänsel mit seinem jungenhaften Verstand fest und weiß keinen Ausweg. Gretel ruft eine Ente herbei.

Sie kann mit Tieren sprechen, eine Fähigkeit, von der Hänsel gewiß nichts ahnt, aber die er mit größter Selbstverständlichkeit für sich nutzt: er nimmt zuerst zwischen den weichen Federn Platz, bittet dann aber großmütig sein Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen.

Auffällig an dieser Textstelle ist, daß Hänsel und Gretel auf dem Hinweg kein großes Wasser überqueren mußten. Die ganze Landschaft hat sich scheinbar geändert. Vorher gab es keine Grenze zwischen der realen Welt, der Holzhackerfamilie und dem magischem Bereich des Waldes. Nun trennt ein "großes Wasser" diese beiden Reiche.

Psychologisch kennzeichnet dieser Zustand einen Fortschritt, da jetzt eine Trennung zwischen dem Bewußtsein und dem Unbewußten möglich ist.

Diese klare Grenze kann erst entstehen, wenn die magische, böse und negative Seite des Unbewußten, die Hexe, überwunden ist.

Das Überqueren des Wassers symbolisiert ein Übergang und einen Neubeginn.

Die Ente ist das geeignete Symbol für den Vermittler zwischen den beiden Welten, da sie in der Lage ist in zwei Bereichen, der Luft und dem Wasser, zu leben. So wird sie zum passenden Transportmittel für das, was hinüber kann und darf und für das vom Bewußtsein abgewiesen werden muß.28

Die Kinder haben sich bis zu dem Zeitpunkt an dem sie das Wasser überqueren müssen nicht getrennt. Daß die Kinder beim Überqueren des Wassers nicht zusammen bleiben können, symbolisiert, daß sich ein Kind in diesem Alter seiner Individualität bewußt werden sollte, d.h. nicht länger alles mit anderen teilen kann und selbständig werden muß.29

Durch die Erlebnisse im Hexenhaus wurden die Kinder von ihren oralen Fixierungen befreit. "Nachdem sie das Wasser überquert haben, kommen sie als reifere Kinder am anderen Ufer an, die bereit sind, sich bei dem Lösung ihrer Probleme auf ihren eigenen Verstand und ihre eigene Initiative zu verlassen."30

Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, daß die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der anderen aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, sie lebten in lauter Freude zusammen.

Als abhängige Kinder waren Hänsel und Gretel für ihre Eltern eine Last. Mit den Schätzen aus dem Hexenhaus, dem Selbstvertrauen und der Unabhängigkeit, die sie gewonnen haben, sind sie zu freien Menschen geworden. So werden sie zur Stütze der Familie.

Die Perle ist u.a. ein Symbol der Vollkommenheit." wegen ihrer Härte und Unveränderlichkeit (...) auch Sinnbild der Unsterblichkeit. (...) Ihre tiefsinnigste (und zugleich weitverbreitete) symbolische Deutung verdankt die Perle jedoch die Tatsache, daß sie, in der Muschel (d.h. in der Dunkelheit) verborgen, am Meeresgrunde heranwächst. Sie ist damit ein Symbol für das im Mutterleib entstehende Kind, vorallem aber ein Sinnbild des in die Finsternis scheinenden Lichtes (...)."31 Edelsteine stehen auf Grund ihrer Härte und ihres Leuchtens in Verwandtschaft zum strahlenden Licht himmlischer Mächte. Sie symbolisieren das himmlische Licht auf Erden und die Wahrheit. "Mit Bezug auf diesen Symbolgehalt wurden beispielsweise Königskronen, der Brustschild der Hohenpriester des AT, vorallem aber auch Vorstellungen utop. Gebäude und Städte, wie Märchen- und Himmelsschlösser oder das himmlische Jerusalem (...) mit zahlreichen Edelsteinen ausgestattet."32

Durch das Auffinden besonderer Steine und Perlen drücken Märchen in der Regel den Gewinn von besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten aus.

Gretel hat gelernt, aktiv die Welt anzugehen. Dies ermöglichte ihr die "alte Mutterwelt" ein Stück weit hinter sich zu lassen. Dafür wird sie zunächst mit Perlen und Edelsteinen belohnt.

"Hänsel und Gretel“ schließt damit, daß die Helden der Geschichte wieder ins Elternhaus zurückkehren, von dem sie ausgegangen sind, und sie dort ihr Glück finden.

Das ist psychologisch richtig, weil ein kleines Kind, das durch orale und durch ödipale Probleme ins Abenteuer getrieben wird, nicht hoffen kann, das Glück außerhalb des Elternhauses zu finden. Wenn bei seiner Entwicklung alles gut geht, muß es mit seinen Problemen fertig werden, solange es noch von den Eltern abhängig ist. Nur durch gute Beziehungen zu seinen Eltern kann ein Kind erfolgreich zur Adoleszenz heranwachsen."33

3. Schluß

In der heutigen Zeit werden Märchen immer mehr von Kinderbüchern, Hörspiel - und Videokassetten und dem Kinderprogramm im Fernsehen verdrängt. Manchen Eltern erscheint es leichter, ihre Kinder vor den Fernseher zu setzen, in dem in über zwanzig Programmen von morgens bis abends verschiedene „Kindersendungen“ gezeigt werden, als sich Zeit zu nehmen und ihnen in einer ruhigen Atmosphäre ein Märchen vorzulesen.

Durch das Erzählen von Märchen kommen Eltern und Kinder miteinander ins Gespräch. Beim Vorlesen der Bilderbücher lernt das Kind, daß es mit jemanden über diese Inhalte sprechen kann. So werden die „Rätsel der Welt“ gemeinsam von dem Vorleser und dem Kind zu entschlüsseln versucht. Je größer das Kind wird, desto größer wird auch sein Wortschatz und sein Bedürfnis nach Geschichten. Da Märchen die Sprache der Kinder sprechen, bereitet das Lernen von Wörtern und Wortbedeutungen den Kindern Freude und überfordert sie nicht. Oft bleiben sie ein Leben lang in Erinnerung und bilden einen festen Bestandteil des Erfahrungsschatzes. Nicht zuletzt schafft das Erzählen eine ganz eigene, verschworene Bindung zwischen Erzähler und Zuhörer, zwischen Eltern und ihren Kindern.

Im Märchen von Hänsel und Gretel handelt es sich um ein Märchen, indem sich zwei Geschwister gegenseitig retten, indem sie sich zusammentun. Das Kind soll lernen seine Abhängigkeit von den Eltern zu überwinden, um die nächste Entwicklungsstufe zu erreichen, auf der es auch die Hilfe der Altersgenossen zu schätzen weiß. Statt sich gänzlich auf die Eltern zu verlassen, soll das Kind sich mit Gleichaltrigen zusammentun, um bestimmte Lebensaufgaben zu bewältigen. Im Schulkindalter scheint es den Kindern unmöglich, ohne die Eltern mit der Welt fertig zu werden, deshalb versucht es sich so lange wie möglich an die Eltern zu klammern. Kinder können durch Märchen lernen, darauf zu vertrauen eines Tages die Gefahren der Welt meistern zu können. Das Märchen von Hänsel und Gretel macht ihm Mut auch die Phantasieprodukte seiner unreifen Angst (wie z.B.: die kinderfressende Hexe) zu überprüfen.

Solche Märchen schenken dem Kind das Vertrauen, daß es nicht nur mit realen Gefahren fertig werden kann, sondern sogar mit den stark übertriebenen, die nur in seiner Angst existieren.34

„Hänsel und Gretel“ beschreibt den Weg, zweier Kinder, zur Identität und wie sie Autonomie und Selbstvertrauen erlangen.

Die beiden Kinder wurden im Wald ausgesetzt, um ihren eigenen Weg nach Hause zu finden. Auf diesem Weg lernten sie, ohne ihre Eltern mit schwierigen Situationen fertig zu werden.

Märchen „beschreiben in zeitlosen Bildern den mühsamen Weg, den es kostet, von einem Kind zu einem Erwachsenen zu werden; sie schildern die Belastungen und Schwierigkeiten, die jemand aus den Eindrücken seiner Kindheit ins Leben mitnimmt und in irgendeiner Weise überwinden muß, sie zeigen, wie das ICH eines Erwachsenen sich aus seiner seelischen Einseitigkeit und Starre lösen und zu sich selbst finden kann; und in all dem vermittelten Mut, trotz aller Angst und Schuldgefühle an die Berechtigung des eigenen Lebens zu glauben und bedingungslos der Wahrheit des eigenen Herzens zu folgen.

So sind Märchen in sich selbst Wegweiser und Richtmarken des Unterbewußten; (..)“35

Auch Hänsel und Gretel machen sich auf den Weg...

„Die meisten Märchen sind Weggeschichten. Wer die Welt erkennen will, der muß sich auf den Weg machen, um das Unbekannte zu entdecken. Die Welt ist größer als man zunächst gedacht hat. Wer zu bequem ist und den Abschied scheut, wer nur bei dem bleiben will, was er vorgefunden hat, der trägt nichts zur Entfaltung der Schöpfung bei. Ohne innere Anteilnahme und einen Schuß Begeisterung, ja, eine vibrierende Lust am Experiment, ist nichts in Gang zu bringen. Wer aber loszieht ins Unbekannte, muß auch damit rechnen, daß sich mancher Weg als Irrweg oder jedenfalls Umweg herausstellt.

Oder er trifft auf warnende und mahnende Gestalten, die ihn zur Umkehr auffordern, weil der eingeschlagene Pfad ins Verderben führen kann...

Es ist immer mißlich, in vereinfachenden Formeln zu sagen, welche Intensionen „das Märchen“ hat, aber vielleicht kann man doch sagen, daß der Großteil der Märchen darauf abzielt, dem Glück und der Verwirklichung des menschlichen Potentials Raum zu geben: es soll besser herauskommen, was alles im Menschen steckt. Und die Zuversicht, das auch die hemmenden Schwierigkeiten überwunden werden können, steht hinter den Erzählungen.36

4. ANHANG

4.1. Literaturliste

Bettelheim, B.: „Kinder brauchen Märchen“, München, 1984

Betz, O., in: Lukas, E.: „ Quellen sinnvollen Lebens“, München, 1998

Dieckmann, H.: „Gelebte Märchen. Lieblingsmärchen der Kindheit“, Zürich, 1991

Drewermann, E.: „Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter.“

Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet, München, 1993

DUDEN, Band 7: Das Herkunftswörterbuch, Mannheim; Wien; Zürich, 1989

Grimm, J./Grimm, W.: „Die Märchen Der Brüder Grimm“, Augsburg ,1984

Herder - Lexikon: Symbole, Freiburg im Breisgau, 1993

Kahn, W.: Vorwort. „Märchen - was ist das?“, in: Märchenstifung Walter Kahn (Hrg.): „Die Volksmärchen in unserer Kultur. Berichte über Bedeutung und Weiterleben der Märchen“, Frankfurt/Main, 1993

Lenz, F.: „Die Bildsprache der Märchen“, Stuttgart, 1980

Lüthi, M.: „Das eurpäische Volksmärchen“, Tübingen, 1985

Wardetzky, K./Zinzlsberger, H.: „Märchen in Erziehung und Unterricht heute.“ Band 1, Baltmannsweiler,1997

4.2. Originaltext

"Vor einem großem Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er auch das tägliche Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herum- wälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: " Was soll aus uns werden ? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns selbst nichts mehr haben?"- "Weißt du was, Mann", antwortete die Frau, wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist - da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los."- "Nein, Frau", sagte der Mann, "das tu ich nicht; wie sollt ich's übers Herz bringen, meine Kinder im Walde allein zu lassen; die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen." - "O du Narr", sagte sie "dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für die Särge hobeln", und ließ ihm kein Ruhe, bis er einwilligte. " Aber die armen Kindern dauern mich doch", sagte der Mann. Die zwei Kinder hatten vor Hunger nicht einschlafen können und hatten gehört, was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte. Gretel weinte bittere Tränen und sprach zu Hänsel: "Nun ist's um uns geschehen." - "Still, Gretel", sprach Hänsel, "gräme die nicht, ich will uns schon helfen." Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf, zog sein Röcklein an, machte die Hintertüre auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz helle, und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte sich und steckte so viel in sein Rocktäschlein, als nur hinein wollten. Dann ging er wieder zurück, sprach zu Gretel: "Sei getrost, liebes Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen", und legte sich wieder in sein Bett.

Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder: " Steht auf, ihr Faulenzer, wir wollen in den Wald gehen und Holz holen."

Dann gab sie jedem ein Stückchen Brot und sprach: "Da habt ihr etwas für den Mittag, aber eßt's nicht vorher auf, weiter kriegt ihr nichts." Gretel nahm das Brot unter die Schürze, weil Hänsel die Stein in der Tasche hatte. Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg in den Wald. Als sie ein Weilchen gegangen waren, stand Hänsel still und guckte nach dem Haus zurück und tat das wieder und immer wieder. Der Vater sprach: "Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück, hab acht und vergiß deine Beine nicht." - " Ach, Vater", sagte Hänsel, "ich sehe nach meinem weißem Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will mir ade sagen."

Die Frau sprach: " Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint." Hänsel hatte aber nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.

Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater: " Nun sammelt Holz, ihr Kinder ich will ein Feuer anmachen, damit ihr nicht friert." Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch. Das Reisig ward angezündet, und als die Flamme recht hoch brannte, sagte die Frau: " Nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder, und ruht euch aus, wir gehen in den Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab."

Hänsel und Gretel saßen am Feuer und als der Mittag kam aß jedes sein Stücklein Brot. Und weil sie die Schläge der Holzaxt hörten, so glaubten sie, ihr Vater wäre in der Nähe. Es war aber nicht die Holzaxt, es war ein Ast, den er an einen dürren Baum gebunden hatte und den der Wind hin und her schlug. Und als sie so lange gesessen hatten, fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und sie schliefen fest ein. Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht. Gretel fing an zu weinen und sprach: "Wie sollen wir nun aus dem Wald kommen!"

Hänsel aber tröstete sie: " Wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden.

" Und als der volle Mond aufgestiegen war, nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und ging den Kieselsteinen nach; die schimmerten wie neu geschlagene Batzen und zeigten ihnen den Weg. Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopften an die Tür und als die Frau aufmachte und sah, daß es Hänsel und Gretel waren, sprach sie: "Ihr bösen Kinder, was habt ihr so lange im Wald geschlafen; wir haben geglaubt, ihr wolltet gar nicht wiederkommen." Der Vater aber freute sich, denn es war ihm zu Herzen gegangen, daß er sie so allein zurückgelassen hatte.

Nicht lange danach war wieder Not in allen Ecken, und die Kinder hörten, wie die Mutter nachts im Bette zu dem Vater sprach: " Alles ist wieder aufgezehrt, wir haben noch einen halben Laib Brot, hernach hat das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort, wir müssen sie tiefer in den Wald hineinführen, damit sie den Weg nicht wieder heraus finden; es ist sonst keine Rettung für uns ." Dem Mann fiel's schwer aufs Herz, und er dachte: es wäre besser, daß du den letzten Bissen mit deinen Kindern teiltest. Aber die Frau hörte auf nichts was er sagte, und schalt ihn und machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt muß auch B sagen, und weil er das erstemal nachgegeben hatte so mußte er es auch zum zweitenmal.

Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch mit angehört. Als die Alten schliefen , stand Hänsel wieder auf, wollte hinaus und Kieselsteine auflesen, wie das vorige Mal , aber die Frau hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht heraus. Aber er tröstete sein Schwesterchen und sprach: "Weine nicht, Gretel, und schlaf nur ruhig, der liebe Gott wird uns schon helfen."

Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bette. Sie erhielten ein Stückchen Brot, das war aber noch kleiner als das vorige Mal. Auf dem Wege nach dem Wald bröckelte es Hänsel in der Tasche, stand oft still und warf ein Bröcklein auf die Erde. " Hänsel, was stehst du und guckst dich um", sagte der Vater, " geh deiner Wege." - " Ich sehe nach meinem Täubchen, das sitzt auf dem Dache und will mir ade sagen", antwortete Hänsel.

"Narr", sagte die Frau, "das ist dein Täubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein oben scheint." Hänsel aber warf nach und nach alle Bröcklein auf den Weg.

Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren. Da ward wieder ein großes Feuer angemacht und die Mutter sagte: " Bleibt nur da sitzen, ihr Kinder, und wenn ihr müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen - wir gehen in den Wald und hauen Holz und abends, wenn wir fertig sind, kommen wir und holen euch ab."

Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel, der sein Stück auf den Weg gestreut hatte. Dann schliefen sie ein, der Abend verging, aber niemand kam zu den armen Kindern. Sie erwachten erst in der finstern Nacht, und Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte: "Wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg nach Haus." Als der Mond kam, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr, den die viel tausend Vögel, die im Walde und im Felde umherfliegen, die hatten sie weggepickt. Hänsel sagte zu Gretel: " Wir werden den Weg schon finden", aber sie fanden ihn nicht. Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber sie kamen aus dem Wald nicht heraus und waren so hungrig, denn sie hatten nichts als die paar Beeren die auf der Erde standen. Und weil sie so müde waren, daß die Beine sie noch mehr tragen wollten, so legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein .

Nun wars schon der dritte Morgen, daß sie ihres Vaters Haus verlassen hatten. Sie fingen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald, und wenn nicht bald Hilfe kam, so mußten sie verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, daß sie stehenblieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nah herankamen, da sahen sie, daß das Häuslein aus Brot gebaut war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker.

" Da wollen wir uns dranmachen", sprach Hänsel, „und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom Fenster essen, das schmeckt süß."

Hänsel reichte in die Höhe und brach ein wenig vom Dach ab, um zu versuchen wie es schmeckte, und Gretel stellte sich an die Scheiben und knusperte daran. Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus:

" Knusper, knusper, kneischen,

Wer knuspert an meinem Häuschen?"

Die Kinder antworteten:

"Der Wind, der Wind, Das himmlische Kind",

Und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das Dach sehr gut schmeckte, riß ein großes Stück davon herunter, und Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder und tat sich wohl damit. Da ging auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau die sich auf eine Krücke stützte, kam heraus geschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, daß sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe und sprach: " Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid." Sie faßte beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da ward gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannekuchen mit Zucker, Äpfel und Nüsse. Hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt, und Hänsel und Gretel legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.

Die Alte hatte sich nur so freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbei zu locken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es und aß es und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben feine Witterung wie die Tiere und merken`s, wenn Menschen herankommen.

Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach höhnisch: " die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen." Frühmorgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so murmelte sie vor sich hin: "Das wird ein guter Bissen werden." Da packte sie die Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre ein; er mochte schreien, wie er wollte, es half ihm nichts. Dann ging sie zur Gretel, rüttelte sie wach und rief: "Steh auf, Faulenzerin, trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes, der sitzt draußen im Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, so will ich ihn essen." Gretel fing an, bitterlich zu weinen, aber es war alles vergeblich, sie mußte tun, was die böse Hexe verlangte.

Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel bekam nichts als Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief: "Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich fühle, ob du bald fett bist." Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen und meinte es wären Hänsels Finger und verwunderte sich, das er gar nicht fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und Hänsel immer mager blieb, da überkam sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten. " Heda, Gretel!" rief sie dem Mädchen zu. " Sei Flink und trag Wasser - Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen." Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als es das Wasser tragen mußte und wie flossen ihm die Tränen die Backen herunter! " Lieber Gott, hilf uns doch!" rief sie aus. " Hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben." - "Spar nur dein Geplärre", sagte die Alte, " es hilft dir alles nichts."

Frühmorgens mußte Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer anzünden.

" Erst wollen wir backen", sagte die Alte, " ich habe den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknetet." Sie stieß das arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen schon herausschlugen. "Kriech hinein", sagte die Hexe, " und sie zu, ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hinschieben können."

Und wenn Gretel darin war , wollte sie den Ofen zu- machen, und Gretel sollte dann braten, und dann wollte sie's auch aufessen. Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte und sprach: " Ich weiß nicht, wie ich's machen soll; wie komm ich da hinein?"- " Dumme Gans", sagte die Alte, " die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein", krabbelte heran und stecke den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, daß sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselig; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.

Gretel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief: "Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot." Da sprang Hänsel heraus wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Türe aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut, sind sich um den Hals gefallen, sind herumgesprungen und haben sich geküßt! Und weil sie sich nicht mehr fürchten brauchten, so gingen sie in das Haus der Hexe hinein, da standen in allen Ecken Kasten mit Perlen und Edelsteinen. " Die sind noch besser als Kieselsteine", sagte Hänsel und stecke in seine Taschen, was hinein wollte, und Gretel sagte: " Ich will auch etwas mit nach Hause bringen", und fühlte sich sein Schürzchen voll. " Aber jetzt wollen wir fort", sagte Hänsel, " damit wir aus dem Hexenwald herauskommen." Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie an ein großes Wasser. " Wir können nicht hinüber", sprach Hänsel, "ich seh' keinen Steg und keine Brücke." - "Hier fährt auch kein Schiffchen", antwortete Gretel, "aber da schwimmt eine weiße Ente; wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber." Da rief sie:

"Entchen, Entchen ,

Da steht Gretel und Hänsel. Kein Steg und keine Brücke,

Nimm uns auf deinen weißen Rücken."

Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und bat sein Schwesterchen,sich zu ihm zu setzen. " Nein", antwortete Gretel, " es wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nach einander hinüberbringen."

Das tat das gute Tierchen, und als sie glücklich drüben waren und ein Weilchen fortgingen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und vielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, daß die Perlen und Edelsteine in der Stube herum sprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der anderen aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, sie lebten in lauter Freude zusammen. - Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große, große Pelzkappe daraus machen.“37

[...]


1 Bettelheim, B., 1980, S.177

2 vgl. a.a.O., S.13

3 Bettelheim, B., 1980, S.11

4 DUDEN Band 7, 1963, S.422

5 vgl. Lüthi, M., 1985, S.5

6 Grimm, J./Grimm, W., 1984, S.9

7 Kahn,W.,1993,S. 8f.

8 Bettelheim, B., 1980, S.11

9 Bettelheim, B., 1980, S.183

10 a.a.O., S.183

11 Wardetzky, K./Zinzlsperger, H., 1997, S.155

12 Dieckmann, H., 1991, S.62

13 vgl. DUDEN Band 7, 1989, S.798

14 Herder- Lexikon Symbole, 1993, S.178ff.

15 Dieckmann, H., 1991, S.65

16 Dieckmann, H., 1991, S.65

17 Bettelheim, B., 1980, S.187ff.

18 a.a.O., S.185

19 Lenz, F., 1980, S.68

20 vgl. Dieckmann, H., 1991, S.60

21 Dieckmann, H., 1991, S.60

22 vgl. Bettelheim, B., 1980, S.188

23 a.a.O, S.188

24 DUDEN Band 7, 1989, S.476

25 Herder Lexikon, 1993, S.119

26 vgl. Dieckmann, H., 1991, S.64f.

27 vgl. Bettelheim, B., 1980, S.191

28 vgl. Dieckmann, H., 1991, S.67

29 vgl. Bettelheim, B., 1980, S.188f.

30 a.a.O., S.189

31 Herder Lexikon Symbole, 1993, S.123

32 a.a.O., S. 39

33 Bettelheim, B., 1980, S.189ff.

34 vgl Bettelheim, B., 1980, S.190f.

35 Drewermann, E., 1992, S.7

36 Betz, O., In: Lukas, E., 1998, S.76f.

37 Grimm, J./Grimm, W., 1984, S.67 ff.

31 von 31 Seiten

Details

Titel
Hänsel und Gretel-Analyse eines zeitlosen Märchens unter Berücksichtigung der besonderen Wirkung auf Kinder
Autoren
Jahr
2000
Seiten
31
Katalognummer
V97010
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hänsel, Gretel-Analyse, Märchens, Berücksichtigung, Wirkung, Kinder
Arbeit zitieren
Melanie Mautes (Autor)Nikola Schädler (Autor), 2000, Hänsel und Gretel-Analyse eines zeitlosen Märchens unter Berücksichtigung der besonderen Wirkung auf Kinder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97010

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