Die frühe Arbeiterbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Vereinigung in Gotha 1875


Hausarbeit, 2002

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Arbeiterschaft vor der Revolution von 1848/49
2.1. Soziale Strukturen
2.2. Die Arbeitsverhältnisse vor der Revolution
2.3. Die „Arbeiterverbrüderung“ und die Entstehung erster Gewerkschaften

3. Die Konsolidierung der „Arbeiterbewegung“
3.1. Ferdinand Lassalle und der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein“
3.2. Die „Eisenacher“ und die Arbeitervereine
3.3. Die Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung
3.4. Die Vereinigung der Arbeiterparteien in Gotha 1875

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Geschichte der frühen „Arbeiterbewegung“ in Deutschland kann als gut erforscht bezeichnet werden. Bis auf die Lokalebene hinunter sind die Zeitungen der unterschiedlichen Arbeitervereine, Sitzungsberichte und Briefwechsel ausgewertet und dokumentiert. Schriften der Führungspersönlichkeiten wie Karl Marx, Ferdinand Lassalle, August Bebel, Wilhelm Liebknecht und vieler anderer sind weitestgehend wissenschaftlich untersucht. Kontrovers diskutiert wird in der Forschung die Frage, ob oder ab wann von einer „Arbeiterbewegung“ im Sinne einer „Massenbewegung“ gesprochen werden kann und ferner, ob überhaupt von einer Arbeiterbewegung auszugehen ist. Die vorliegende Arbeit steht unter der Fragestellung: Welche Ziele und Ausrichtungen die organisierte Arbeiterschaft in ihrer Frühphase bis ins Jahr 1875 entwickelten?

Die Gliederung ergibt sich auf Grund der zeitlichen Betrachtung. Im ersten Kapitel bis zur Revolution von 1848/49. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf einer Untersuchung der Struktur innerhalb der sich herausbildenden Arbeiterschaft, sowie deren sozialer Problematik. Das Kapitel endet mit einer verkürzten Analyse der Gewerkschaftsbewegung im Zuge der Revolution und der „Arbeiterverbrüderung“. Im zweiten Kapitel liegt der Schwerpunkt auf den sich herauskristallisierenden Arbeiterparteien unter Ferdinand Lassalle, sowie unter August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Hierbei sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Ideologie und Agitation herausgestellt werden. In einem Nebenaspekt wird zusätzlich die Entwicklung der parallel auftretenden Gewerkschaften geschildert. Ausgeklammert bleibt die Entwicklung der kirchlichen Arbeiterfürsorge. Die liberalen Arbeitervereine können ebenso nur am Rande mit in die Ausarbeitung einfließen. Die Kommunistische Bewegung wird auf Grund der überlasteten ideologischen Debatte seitens der Forschung ebenfalls nur am Rande behandelt.

Die Schwierigkeit, sich einem Thema wie der Arbeiterbewegung zu stellen, liegt in der kontroversen ideologischen Auseinandersetzung. Da das Thema eng mit der Geschichte der Sozialdemokratie sowie der Gewerkschaftsgeschichte verbunden ist, sind die Hauptwerke sehr nahe mit den entsprechenden heutigen Stiftungen und Organisationen der SPD und den Gewerkschaften verbunden. Liberale und konservative Autoren neigen bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts dazu, die unterschiedlichen Entwicklungen zu eng mit der kommunistischen Weltanschauung zu verbinden.

Für die vorliegende Arbeit dienen als ältestes Werk die Ausarbeitung von Bernhard Harms über Ferdinand Lassalle.[1] Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist als Überblickswerk am Besten beschrieben von Arno Klönne[2] und Klaus Tenfelde, wobei letzterer mehr die Entstehung der Gewerkschaften im Blickpunkt hat.[3] Ein weiterer aktueller Überblick zur Gewerkschaftsgeschichte liegt von Michael Schneider vor.[4] Die Geschichte der Sozialdemokratie wird in einem Überblickswerk von Heinrich Potthoff und Susanne Miller prägnant und neu überarbeitet zusammengefasst.[5] Eine sehr detaillierte Abhandlung über die Arbeiterbewegung zwischen 1850 und 1863 verfasste Toni Offermann, wobei hier sehr stark regionale Aspekte geschildert werden.[6] Als Quellengrundlage dient das Buch von Shlomo Na’aman, der sehr umfangreich Quellen aus der Konsolidierungsphase der Arbeiterbewegung zwischen 1862 und 1863 zur Verfügung stellt.[7]

2. Die Arbeiterschaft vor der Revolution von 1848/49

2.1. Soziale Strukturen

Schon der Begriff „Arbeiter“ ist in seiner Verwendung irreführend, da er im zeitgenössischen Sprachgebrauch eher synonym zum Begriff „Handwerker“, bestenfalls noch für gelernte Fabrikarbeiter verwendet wird.[8] In die gleiche falsche Richtung führt die Tendenz im so genannten „Vormärz“, also der Zeit vor der Revolution von 1848/49, von einer „Arbeiterklasse“ zu sprechen. Klaus Tenfelde beschreibt den Prozess, in dem sich die „Arbeiterbewegung“ befindet, als Phase der „Klassenbildung“. Im Gegensatz zur Einschätzung von Karl Marx besaß die Arbeiterschaft zu diesem Zeitpunkt kein einheitliches Klassenbewusstsein und handelte auch nicht im Bewusstsein einer eigenständigen Klasse.[9] Zur Vereinfachung und mangels eines treffenden Alternativbegriffes, werden die Begriffe „Arbeiter“ und „Arbeiterklasse“ trotz der begrifflichen Unschärfe weiterhin in einem allgemeinen Verständnis für Fabrikarbeiter, Handwerker oder Tagelöhner verwendet. Begriffe wie „Pöbel“ oder „Proletariat“ sind zu stark ideologisch überbaut. Abseits dieser theoretischen Schlussfolgerungen muss an dieser Stelle angeführt werden, welche gesellschaftliche Entwicklung in der Zeit vor der „Industriellen Revolution“ in Deutschland stattfand. Als ersten Aspekt kann in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ein enormes Bevölkerungswachstum nachgewiesen werden. Die Ursache liegt hierbei in der verbesserten Ernährungslage der Landbevölkerung. Zwar kann diese Entwicklung hier nicht tiefgreifender aufgegriffen werden, doch die Auswirkungen dieses Bevölkerungswachstums waren der Motor für eine immer größer werdende mittellose Landbevölkerung und ein Anschwellen der städtischen Unterschichten.[10] Zur gleichen Zeit änderten sich im Zuge politischer Reformen die Arbeitsbedingungen für die wachsende Bevölkerung. Die „Agrarreform“ 1807 in Preußen setzte eine hohe Zahl an Landarbeitern frei, die auf dem Land keine Arbeit mehr fanden. Die Abschaffung des Zunftzwanges im Handwerk versperrte vielen Gesellen die Aussicht, in Meisterberufe vorzudringen. Zudem verspürte das Handwerk einen stetig wachsenden Konkurrenz- und Preisdruck, ausgehend vom Verlags- und Manufakturwesen.[11] Betroffen waren besonders Tuchmacher und Schneider. Bei weitem konnte diese Masse an Arbeitskräften in den sich erst entwickelnden Fabriken nicht beschäftigt werden. Wie bereits anfangs erwähnt, muss an dieser Stelle der Begriff der „Arbeiterklasse“ genauer untersucht werden. Tatsächlich waren die Unterschiede größer, als das Bewusstsein einer Klasse anzugehören. Vor der Revolution 1848/49 gab es in den deutschen Staaten 170.000 Fabrikarbeiter.[12] Die Unterscheidung innerhalb der „Arbeiterklasse“ in Meister, Gesellen, ungelernte Arbeiter, Tagelöhner, sowie Fabrik- oder Manufakturarbeiter ist für den Grad ihrer Politisierung wesentlich. Auf die Gefahr hin, dass diese Trennung künstlich erscheint, zeigt sie dennoch, dass die Arbeiterschaft an sich keineswegs als homogene Masse zu verstehen ist. Während die Handwerker versuchten, sich in den Kleinbetrieben an die Ideale des Bürgertums anzulehnen, waren die Landarbeiter, aber auch die Fabrikarbeiter, noch sehr im agrarischen System verwurzelt. Teilweise wechselte die Betätigung saisonal zwischen landwirtschaftlicher Arbeit oder Manufaktur- und Fabrikarbeit.[13] Unterschiedlich waren zudem das Ansehen und der Verdienst. Während sich die Bergarbeiter bis weit nach der Revolution als sozial homogene Einheit vom Rest der Industriearbeiter absetzten, waren die Unterschiede im Verdienst zwischen gelernten und ungelernten Arbeitskräften signifikant und differierten in den verschiedenen Branchen. Ein gelernter Arbeiter verdiente in der Maschinenbauindustrie fast das Dreifache eines Arbeiters in der Textilindustrie. Hinzu kamen regionale Unterschiede, Konfessionen und die Binnenwanderung, die alles in allem mehr Unterschiede innerhalb der „Arbeiterklasse“ beinhalteten, als Gemeinsamkeiten. Schon allein auf Grund dieser Unterschiede stellt Helga Grebing treffend fest, dass in Deutschland vor 1848 keinesfalls von einer einheitlichen politischen Arbeiterbewegung gesprochen werden kann.[14]

2.2. Die Arbeitsverhältnisse vor der Revolution

Ohne auf Details genauer eingehen zu können, ist es für das Verständnis einer langsam aufkommenden Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung wichtig, die Lebensbedingungen der „Arbeiter“ und ihrer Familien kurz darzustellen. Fabrikarbeit sprengte den traditionellen Familienverband.[15] Kinder- und Frauenarbeit waren notwendig, um das Auskommen der Familie zu sichern. So stellten in Sachsen 1830 Kinder unter 14 Jahren ⅓ der Beschäftigten in der Textilindustrie.[16] Erst eine Intervention seitens des Militärs brachte eine spürbare Verminderung der Kinderarbeit. Dies geschah keineswegs aus sozialen Aspekten, sondern auf Grund eines auffallenden schlechten Gesundheitsbildes bei Rekruten.[17] Die Entlohnung erfolgte oftmals im so genannten „Trunksystem“, sprich einer Entlohnung durch Naturalien oder Gutscheine.[18] Zusammengefasst waren es vor allen Dingen die Arbeitsplatzsituation, Lohnhöhe, Arbeitszeit und die Wohnungssituation, die langsam zu vereinzelten Protesten führte.[19] Hinzu kam eine unzureichende soziale Absicherung, welche die Risiken von Krankheiten, Unfällen, Invalidität, Tod oder Arbeitslosigkeit in irgendeiner Form berücksichtigte. Abgesehen von Armenspeisungen der Kirche, führten die zuvor genannten Risiken zwangsläufig zur Verelendung ganzer Familien. Ein Überangebot an Arbeitskräften führte zudem zum Lohndumping.[20] Der Aufstieg durch Bildung, wie es bürgerlich-liberale Kreise propagierten, war auf Grund der Klassenschranken und der Abschottung der bürgerlichen Kreise nahezu ausgeschlossen. Zwar erkannten Intellektuelle und Teile der Kirche die grassierenden Missstände, ohne allerdings Reformen gegen oder mit der Obrigkeit durchsetzen zu können. Seitens der „Arbeiter“ führte dies zum sozialen Protest. Streiks und Arbeitsniederlegungen traten regional auf, konnten aber nie großflächig organisiert werden.[21] Das Wort „Streik“ muss in der Zeit des „Vormärzes“ vorsichtig verwendet werden, da Proteste gegen Brotteuerung, Holzdiebstahl oder Wilderei in Notzeiten nicht mit unserm heutigen Verständnis von „Streik“ gleichzusetzen sind.[22] Nach Tenfelde war nicht Not, sondern das Interesse an strukturellen Veränderungen, z. B. der Lohnverhältnisse, ausschlaggebend für gewerkschaftliche Organisation.[23] Diese Argumentation mag für einen Gewerkschaftler aus heutiger Sicht richtig sein, doch im behandelten Zeitraum sind an dieser Argumentation erhebliche Zweifel angebracht. Zum „Arbeitskampf“ fehlte es zunächst an einer entsprechenden Tradition, aber noch viel wesentlicher am Selbstbewusstsein. Vor allem der „unteren“ Schicht der „Arbeiterklasse“, also Tagelöhnern und Heimarbeitern fehlte es an einem eigenen Selbstverständnis.[24] Das Bewusstsein, Arbeiterinteressen kollektiv zu vertreten, war schwach entwickelt.[25] In Umkehr zur These von Tenfelde waren es gerade die Not und die sozialen, alltäglichen Missstände, welche zur Notwendigkeit von Reformen und erst im weiteren Schritt zur Organisationsbildung führten.

[...]


[1] Harms, Bernhard: Ferdinand Lassalle und seine Bedeutung für die deutsche Sozialdemokratie, Jena 1919.

[2] Klönne, Arno: Die deutsche Arbeiterbewegung. Geschichte – Ziele – Wirkungen, Düsseldorf und Köln 1980

[3] Tenfelde, Klaus: Die Entstehung der Deutschen Gewerkschaften vom Vormärz bis zum Ende des Sozialistengesetzes in: Borsdorf, Ulrich (Hg.): Geschichte der deutschen Gewerkschaften. Von den Anfängen bis 1945, Köln 1987, S. 15–163.

[4] Schneider, Michael: Kleine Geschichte der Gewerkschaften. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bonn 2000.

[5] Potthoff, Heinrich/ Miller, Susanne: Kleine Geschichte der SPD, 8. aktualisierte und erweiterte Auflage, Bonn 2002.

[6] Offermann, Toni: Arbeiterbewegung und liberales Bürgertum in Deutschland 1850-1863, Bonn 1979.

[7] Na’aman, Shlomo: Die Konstituierung der deutschen Arbeiterbewegung 1862/63, Amsterdam 1975.

[8] Offermann, Toni: (1979) S. 25.

[9] Tenfelde, Klaus: (1987) S. 71f.

[10] Grebing, Helga: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Ein Überblick, 4. Auflage, München 1974, S. 22.

[11] Füllberth, Georg: Die Entwicklung der deutschen Gewerkschaftsbewegung von den Anfängen bis 1873, in: Deppe, Frank/ Georg Füllberth/ Jürgen Harrer (Hg.): Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung, Köln 1977. S. 15–2, ebd. S. 16.

[12] Wehler, Hans–Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte Band 2. Von der Reformära bis zur industriellen und politischen „Deutschen Doppelrevolution“ 1815–1848/49, 3. Auflage, München 1996, S. 244.

[13] Grebing, Helga: (1974) S. 25.

[14] Ebd.: S. 40.

[15] Wehler, Hans–Ulrich: (1996) S. 254.

[16] Schneider, Michael: (2000) S. 20.

[17] Tenfelde, Klaus: (1987) S. 47.

[18] Klönne, Arno: (1980) S. 19.

[19] Offermann, Toni: Die frühe Arbeiterbewegung und die Revolution von 1848, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, Jahrgang 49, Nr. 4/98, S. 240–24,. ebd. S. 241.

[20] Schneider, Michael: (2000) S. 23.

[21] Grebing, Helga: (1974) S. 41.

[22] Tenfelde, Klaus: (1987) S. 41.

[23] Ebd.: S. 42.

[24] Schneider, Michael: (2000) S. 25.

[25] Klönne, Arno: (1980) S. 19.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die frühe Arbeiterbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Vereinigung in Gotha 1875
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Lehrstuhl für Sozial und Wirtschaftsgeschichte)
Veranstaltung
Wirtschaft und Gesellschaft in der Reichsgründungszeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V9703
ISBN (eBook)
9783638163330
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeiterbewegung, Deutschland, Anfängen, Vereinigung, Gotha, Wirtschaft, Gesellschaft, Reichsgründungszeit
Arbeit zitieren
Tilo Maier (Autor), 2002, Die frühe Arbeiterbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Vereinigung in Gotha 1875, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9703

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