Strittmatter, Eva - Trauer und Else Lasker-Schüler - Ein Lied - Gedichtvergleich


Referat / Aufsatz (Schule), 2000

11 Seiten, Note: 1-


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Persönliche Gedanken von Seiten des Rezensenten

Seit Anbeginn der Zivilisation ist die Liebe eine der Emotionen, die den Menschen am meisten beschäftigt und ihn in seinem Lebenslauf zu großen Teilen beeinflusst. Sicher nicht zuletzt aus diesem Grund, hat sich auch die Literatur und insbesondere die Lyrik zu jeder Zeit immer wieder mit diesen Thema beschäftigt.

Auch die beiden vorliegenden Gedichte beinhalten das Liebesmotiv. Sowohl die Expressionistin Else Lasker-Schüler, als auch die Gegenwartsautorin Eva Strittmatter beschreiben in ihren Gedichten die Gefühle eines lyrischen Ichs, das über eine gescheiterte Partnerschaft reflektiert.

"Ein Lied" von Else Lasker-Schüler entstand 1917. Trotz der Tatsache, dass die Autorin als eine der bedeutensden Schriftstellerinnen der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts angesehen wird und insbesondere im Rahmen der expressionistischen Literaturströmung tätig war, entspricht das vorliegende Werk, wie fast alle ihre Liebesgedichte nicht den typischen Merkmalen des Expressionismus. Dies wird nach einem ersten Lesen bereits deutlich, wenn der Leser die Grundstimmung des Gedichts zu erfassen versucht. Im Gegensatz zu der, in der expressiven Kunst sehr weit verbreiteten pessimistischen und oft sogar teilweise apokalyptischen Stimmung, schwingt hier neben Melancholie auch Optimismus mit. Das lyrische Ich macht seine Trauer um den verlorenen Partner zwar immer wieder deutlich, jedoch deuten insbesondere die letzten beiden Strophen daraufhin, dass es seine Lebensfreude nicht verloren hat.

Bezüglich der formalen Aspekte ist zu sagen, dass es sich um ein neunstrophiges Gedicht handelt, wobei jede Strophe zwei Zeilen umfasst, was das Werk als gleichmäßig gebaut ausweist. Auffällig werden die zahlreich vertretenden Enjambements, z.B in Zeile 5 und 6 oder 11 und 12.

In Zeile 12 und 13 verbindet ein Enjambement sogar zwei Strophen miteinander. Aufgrund dieser Gestaltung wirkt der Rhythmus dieses Gedichts eher fließend. Die Metrik ist sehr frei angelegt, wobei man jedoch eine Dominanz vom Trochäus entdecken kann.

Bezüglich der Bauform handelt es sich um die dialektische Bauform, weil Lasker-Schüler den Wunsch nach einem Ende des Liebeskummers, dem Schmerz und der Trauer selbst gegenüberstellt. Dieser Gegensatz ist so lange nicht aufzuheben, wie das lyrische Ich die Trauer um den verlorenen Partner nicht überwunden hat. In der letzten Strophe wird dem Leser jedoch der Eindruck vermittelt, dass das lyrische Ich nun sehr optimistisch in die Zukunft schaut, was als Synthese der beiden Gegensätze gedeutet werden kann.

Diese Trauer des lyrischen Ich wird bereits in der ersten Strophe sehr deutlich, wenn dort zu lesen ist, dass "[h]inter [seinen] Augen [...] Wasser [stehen],/ Die [es] alle weinen [muß]." (Z.1/2) Die Beschreibung der "stehenden Wasser" kann als Hyperbel gedeutet werden, da man eine solche Wortwahl eher mit einem See oder einem anderen Gewässer assoziieren würde. Diese Hyperbel zeigt auf, wie groß der Schmerz und die Trauer des lyrischen Ich sein müssen. Der Leser weiß an dieser Stelle allerdings noch nicht, worum es geht. Somit könnte man auch davon ausgehen, dass diese erste Strophe dazu dient, bereits zu Beginn des Gedichts eine gewisse Spannung aufzubauen, die den Leser dazu anhalten soll, das Gedicht weiter zu verfolgen, um hinter den Grund für das Leid des lyrischen Ich zu gelangen. Das Verb "müssen" in der zweiten Zeile unterstreicht den Eindruck des tief trauernden Ichs, da es darauf hinzuweisen scheint, dass es für das Ich kein Entkommen vor seinen eigenen Emotionen gibt, weil ihm keine andere Möglichkeit zu bleiben scheint, als sich mit seinen Gefühlen auseinander zu setzen.

In der zweiten Strophe kommt bereits die Sehnsucht des lyrischen Ich nach einer Befreiung von Kummer und Schmerz zum Vorschein. Es träumt davon, mit den Zuvögeln davon zu fliegen. Die Vögel könnten hier als Metapher für Freiheit und Unbeschwertheit stehen, wobei das Verb "möchten" aufzeigt, dass das Lösen des lyrischen Ich von seinem Kummer vorerst nur eine Wunschvorstellung bleibt. Das Adverb "immer" (Z. 3) könnte so ausgedeutet werden, dass das lyrische Ich schon länger unter seinem Liebesschmerz leidet und dass es ihm einfach nicht gelingt, den Partner zu vergessen.

Die dritte Strophe geht noch weiter auf die Sehnsucht des lyrischen Ich ein. Der Neologismus "buntatmen" (Z. 5) macht dies besonders deutlich. Wenn das Ich von einem "Buntatmen mit den Winden/ In der großen Luft" (Z.5/6) spricht, kommt auch hier wieder der verstärkte Wunsch nach Freiheit und Ausgelassenheit zum Vorschein. Der Wind wird ebenso wie die Vögel oft als Symbol für die absolute Losgelöstheit gesehen. Er ist überall und nirgendwo. Er "fliegt", wohin er will, ohne auf Konventionen, Normen oder Grenzen achten zu müssen. Der Ausdruck "In der großen Luft" unterstreicht noch zusätzlich den enormen Wirkungsbereich des Windes. Aufgrund der Verwendung des Attributs "groß" wird dem Leser der Eindruck vermittelt, dass sich das lyrische Ich im Gegensatz zu den mächtigen Naturgewalten, wie z.B. dem Wind, ganz klein und hilflos vorkommt. Dies ist jedoch eine Frage der Auslegung.

In den nächsten vier Strophen geht das lyrische Ich nicht mehr auf seine Sehnsüchte ein, sondern es verdeutlicht dem Leser, wie groß sein Schmerz ist. Der Ausspruch in Zeile 7 "O ich bin so traurig ... " ist ein gutes Beispiel dafür, wobei die Interjektion "O" am Anfang der eben zitierten Zeile ein Ausdruck für die tiefe Emotionalität dieser Äußerung sein soll. Die drei Punkte am Ende der Zeile könnten darauf hin weisen, dass es sich bei dem hier beschriebenen Gefühl der Trauer nur um einen Bruchteil des Kummers handelt, in dem sich das lyrische Ich befindet. Wahrscheinlich könnte es noch viel mehr über sein Leid schreiben. Ebenso könnten die Punkte andeuten, dass das lyrische Ich droht, sich in seinem Kummer zu verlieren, wenn nicht bald etwas Positives geschieht. "Das Gesicht im Mond weiß es." (Z. 8) Das Mondmotiv wird in der Literatur oft verwendet, um dem Leser zu verdeutlichen, dass das lyrische Ich sich einsam fühlt und niemanden hat, der bei ihm ist und ihm zuhören könnte - außer dem Mond. An dieser Stelle des Gedichts ist nun von einem Gesicht im Mond die Rede. Auch hier bekommt der Leser den Eindruck vermittelt, dass das lyrische Ich in dieser Nacht allein und hilflos ist. Nur der Mond, der durch sein Gesicht personifiziert wird, ist da, um sein Klagen zu hören. Und nur der Mond scheint von seinem Kummer zu wissen und das Ich zu verstehen.

Vielleicht ist es gerade diese Einsamkeit - das lyrische Ich, allein mit dem Mond - das es so sehr zum Nachdenken anregt. Der Leser kann sich direkt in die Lage des Ich hineinversetzen - wie es da sitzt oder liegt und bis zum Morgengrauen wach ist, weil es vor Kummer und Schmerz keinen Schlaf findet. Deshalb heißt es in der nächsten Strophe wohl auch, dass "[...] viel sammtne Andacht/ Und nahender Frühmorgen um [das Ich ist]." (Z.9/10) Das Adverb "drum" (Z. 9) mach diesen Zusammenhang deutlich. Mit dem Substantiv "Andacht" assoziiert der Leser ruhige meist religiöse Handlungen wie z.B. Gebete. Nun ist die Schlussfolgerung möglich, dass das lyrische Ich hiermit ausdrücken will, dass keineswegs wütend ist. Vielmehr leidet es unter seiner Situation, was sich in einem tiefen aber stillen Bedauern ausdrückt. Das Attribut "sammtend" suggeriert ein einen weichen, angenehmen, aber auch festen und gesetzten Stoff. Bezieht man diese Assoziationen auf die Andacht, wird der Eindruck von dem tiefen aber ruhigen Kummer des lyrischen Ich noch untermauert.

Die nachfolgenden beiden Strophen müssen als eine Einheit betrachtet werden, da sie durch ein Enjambement miteinander verbunden sind. Die fünfte Strophe beinhaltet das Symbol des "[...]steinernen Herzen[s]" (Z. 11), wobei das Herz selbst ja als Zeichen für Liebe und andere Emotionen steht. Wenn das lyrische Ich von dem "[...] steinernen Herzen [...]" seines Partners spricht, zeigt diese metaphorische Wendung an, dass der Partner des Ich dieses höchstwahrscheinlich nicht mehr liebt. Es deutet auf eine Gefühlskälte hin, die für das Ich so nicht zu verkraften ist. Deshalb "[...] brachen [s]eine Flügel" (Z. 12) daran. Die Flügel stehen hier erneut als bildhafte Umschreibung für den Wunsch des lyrischen Ich nach Freiheit. Also könnte man diese Stelle so interpretieren, dass der ehemalige Partner, in den Augen des Ich ihm seine Unbeschwertheit und vielleicht auch einen Teil seines Lebensmutes genommen hat, indem er ihm mit seiner Gefühlskälte das Herz brach. In diesem Moment - so das lyrische Ich - "Fielen die Amseln wie Trauerrosen/ Hoch vom blauen Gebüsch" (Z. 13/14) Dieses Chiffre ist für den Leser kaum zu entschlüsseln. Mit Sicherheit läßt sich aber sagen, dass hiemit ausgedrückt werden soll, dass für das Ich nichts mehr so ist, wie es einmal war. Die Amseln sind ein typisches Element der expressionistischen Literatur.

Die Vögel tauchen auch in der vorletzten Strophe wieder auf, wo es heißt: "Alles verhaltene Gezwitscher/ Will wieder jubeln" (Z. 15/16) An dieser Stelle kann man, wie es bereits in der zweiten Strophe der Fall war, das lyrische Ich mit einer Vogelgestalt in Verbindung bringen, wobei man das "verhaltene Gezwitscher " als Rückzug zum Selbstmitleid verstehen könnte. Das lyrische Ich will aber nicht länger Nacht für Nacht über den verlorenen Partner nachgrübeln müssen, es will sich in seinem Liebeskummer nicht weiter quälen, nicht mehr trauern. Sein Wunsch ist es, den Geliebten endlich vergessen zu können und wieder "rauszugehen", um sein Leben zu genießen. Das lyrische Ich sehnt sich nach Unbeschwertheit und danach, endlich wieder Spaß am Leben haben zu können, ohne ständig an den verlorenen Partner denken zu müssen.

Auch die letzten Zeilen des vorliegenden Gedichts sind noch einmal Ausdruck dieses Wunsches. Hier wiederholt die Autorin in ähnlicher Form die Worte aus der zweiten Strophe. Der einzige Unterschied ist, dass an Stelle des temporalen Adverbs "immer" nun die kopulative Konjunktion "und" steht, was dieser letzten Strophe einen optimistischeren Grundton verleiht, da das "und" viel entschlossener klingt als das etwas verzweifelt anmutende "immer". Das lyrische Ich scheint an dieser Stelle den Entschluss gefasst zu haben, nicht weiter im Selbstmitleid versinken zu wollen. Der Leser bekommt den Eindruck vermittelt, dass das Ich nun nach vorn schaut, um sich mit einer optimistischeren Lebenseinstellung von seinem Liebeskummer zu befreien.

Das zweite vorliegende Gedicht birgt einen weniger positiven Abschluss. Eva Strittmatter ist in erster Linie als Frau des bekannten DDR-Autoren Erwin Strittmatter bekannt. Besonders in westlichen Literaturenzeklopien findet sie so auch kaum oder gar kein Gehör. Trotzdem zählt sie mit Sicherheit zu den besten Autorinnen der ehemaligen DDR.

Das vorliegende Gedicht "Trauer" entstand 1975 und beschäftigt sich ebenfalls mit dem Thema Liebe. Es ist anzunehmen, dass es sich auch hier um eine zerbrochene Beziehung handelt. Das lyrische Ich beschreibt seinen Umgang mit Trauer und Selbstmitleid.

Auffällig wird, dass das Gedicht zwar aus zwanzig Zeilen besteht, jedoch nur eine Strophe umfasst. Die relativ gleiche Zeilenlänge und der druchgehende Kreuzreim lassen allerdings auf einen regelmäßigen Aufbau schließen. Die Metrik betreffend, dominiert ein vierhebiger Jambus, der jedoch teilweise gebrochen wird. Daraus resultierend, ergibt sich ein fließender Rhythmus, der durch die zahlreichen Enjambements noch unterstützt wird. Die Bauform des vorliegenden Gedichts würde ich als antithetisch bezeichnen, wobei das lyrische Ich seine innersten Gefühle und Gedanken seinem Auftreten bzw. Umgang mit seiner Umgebung gegenüberstellt.

Mit dem Satz :"Vor andern schützen mich die Lügen, [...]" (Z.1) beginnt die Autorin ihr Gedicht, wobei sie auf die Lügen abzielt, die das lyrische Ich über sich selbst und seinen Gemütszustand verbreitet. Es wird erst am Ende richtig deutlich, dass damit die gespielte Heiterkeit des Ich gemeint ist, in der es sich zwar seiner Umwelt präsentiert, die jedoch in keiner Weise mit seinen wahren Emotionen übereinstimmt.

Das lyrische Ich benutzt diese Lügen als Schutz. Es läßt sich nun vermuten, dass damit eventuell der Schutz vor mitleidigen Bemerkungen oder anderen unangenehmen Reationen von Seiten der Umwelt des lyrischen Ich gemeint ist. Wie vielen oder fast allen Menschen ist dieses - nicht immer wirklich ernst gemeinte - Mitleid - auch dem lyrischen Ich äußerst unangenehm. Deshalb wartet es mit Lügen auf, die "[...] nur gut genug [...]" (Z. 2) sein müssen, so dass das Ich seine Ruhe hat. Der Grund für die negative Gefühlslage des lyrischen Ich kann der Leser nur vermuten. Da das Gedicht den Titel "Trauer" trägt, könnte man mutmaßen, dass das Ich vielleich durch einen Todesfall oder eine einfache Trennung aus verschiedenen Gründen einen geliebten Menschen verloren hat, um den es nun trauert.

Die adversative Konjunktion "aber" zu Beginn der dritten Zeile macht bereits deutlich, dass so etwas wie ein Gegensatz oder ein Widerspruch angedeutet wird. Dieser Gegensatz äußert sich darin, dass das lyrische Ich nun aufzuzeigen versucht, dass die oben genannten Lügen vielleicht im Umgang mit der Umwelt ihre Wirkung zeigen. Wenn es jedoch darum geht, sich selbst mit seiner Trauer auseinander zu setzen, hilft es nicht, die eigene Person zu betrügen, denn "[die Trauer] ist untäuschbar." (Z. 6) Das lyrische Ich vergleicht seine Trauer mit einem Polypen, "[d]er tausend Arme hat und siegt." (Z. 8). Dies könnte man so interpretieren, dass das Ich in seinem tiefsten Inneren versucht, die Trauer und den Schmerz zu unterdrücken, diese sind jedoch stärker und kehren immer wieder in das Bewusstsein des Ich zurück. Bereits die Hyperbel der "tausend Arme", die der Polyp hat, macht die Übermacht dieser Emotion deutlich, denn gegen ein Wesen mit tausend Armen kann man sich nur schwer zur Wehr setzen. Auch die Beschreibung des "Auf-der-Lauer-liegens" scheint nichts gutes zu verheißen, da man diese Floskel gewöhnlich mit einem Angriff aus dem Hinterhalt assoziiert, in dem Moment, in dem man am wenigsten damit rechnet und wenn man am verwundbarsten ist. Das lyrische Ich zeigt dem Leser also anhand der bisherigen Ausführungen, dass es im Eigentlichen völlig allein und hilflos seiner Trauer gegenübersteht, die es als Feind betrachtet.

In Zeile 9 heißt es dann: "Ich zwing sie nieder für zwei Stunden [...]". Wenigstens für eine kurze Weile gelingt es dem Ich, die Oberhand über seine Emotionen zu bekommen. Das Verb "zwingen" deutet jedoch darauf hin, dass es dem Ich sichtlich schwer zu fallen scheint, seine Gefühle in dieser Art und Weise zu unterdrücken.

"Und das verfluchte Selbstmitleid/ Verjage ich mit scharfen Hunden." (Z. 10/11) Zu der Trauer des lyrischen Ich kommt also noch das Selbstmitleid, was ebenso die Oberhand über das Ich zu haben scheint, wobei die "scharfen Hunde[.]" als metaphorische Umschreibung für die Schwierigkeiten zu verstehen sind, die das lyrische Ich hat, die negativen Gedanken aus seinem Geist zu verbannen. Das Attribut "verflucht" im Zusammenhang mit dem Selbstmitleid des lyrischen Ich weist darauf hin, wie sehr es dieses Gefühl verabscheut und wie sehr sich das Ich wünscht, diese Emotion vertreiben zu können. Dies scheint jedoch nur mit der Hilfe von äußerst agressiven Mitteln möglich zu sein, was den bildhaften Einsatz von "scharfen Hunden" erklären würde.

Die adversative Konjunktion "doch" zu Beginn von Zeile 12 verdeutlicht, dass den vohergehenden Aussagen des lyrischen Ich nun etwas entgegengesetzt wird. Das lyrische Ich vermittelt dem Leser nun, dass "[...] die beiden niemals weit [fliehn]." (Z. 12) Es gelingt dem Ich also nicht, seine Trauer und sein Selbstmitleid für eine längere Zeit zu vertreiben, denn "[...] [s]ie kehrn versteckt zurück und springen/ [es] aus dem Dunkel wieder an." (Z. 13/14) An dieser Stelle wird die Assoziation, die bereits bei der Verwendung der Floskel "auf der Lauer liegen" hervorgerufen wurde, erneut beabsichtigt. Auch hier spielt der Angriff aus dem Hinterhalt eine Rolle, vor dem sich das lyrische Ich kaum erwehren mag. Unerwartet kehren Trauer und Selbstmitleid zurück, um das Ich weiter zu quälen.

Welche Angst das Ich vor diesem Emotionen hat, deuten die nächsten Zeilen an: "Ich helfe mir mit lautem Singen/ Wenn ich mir nicht mehr helfen kann." (Z. 15/16) Dieses Wortspiel mittels des Verbs "helfen" drückt erneut die Hilfloskeit und Ohnmacht des lyrischen Ich gegenüber seinen Emotionen aus. Es will sie so gern vergessen und ein normales Leben weiterführen. Jedoch ist dies nicht möglich, weil es durch Trauer und Selbstmitleid daran gehindert wird, das Leben zu genießen. Diese beiden Emotionen scheinen sich wie ein Schatten über das Ich gelegt zu haben, um es in all seinen Aktivitäten zu hemmen. Das "laute Singen" taucht im Alltag oft im Zusammenhang mit Angst auf. Es soll Mut machen und Kraft geben, sich seiner Angst zu stellen. In Anbetracht der Übermacht der Emotionen des Ich scheint diese Methode jedoch nur wenig wirkungsvoll.

In den letzten vier Zeilen des vorliegenden Gedichts geht das lyrische Ich erneut auf sein Auftreten, der Umwelt gegenüber, ein. Es beschreibt, wie es nach außen hin heiter und glücklich erscheint. Der Leser weiß an dieser Stelle, dass dies keineswegs der Wahrheit entspricht, denn die vorhergehenden Zeilen des Gedichts geben Aufschluss über eine völlig gegensätzliche Gefühlslage des lyrischen Ich. In Wirklichkeit ist es am Boden zerstört und so unglücklich wie man es kaum sein kann. Doch diese Tatsache gibt das Ich seiner Umwelt nicht preis. Die rhetorische Frage "Warum auch nicht?" (Z. 18) zeigt jedoch an, dass es dem Ich nichts auszumachen scheint, dass es seine wahren Gefühle seiner Umwelt nicht offenbaren kann, denn wie bereits von Beginn des Gedichts hervorgeht, will das Ich vermeiden, dass man es mit falschem Mitleid oder anderen unangenehmen Reaktionen überhäuft.

Anscheinend findet sich das Ich früher oder später mit seiner Lage ab, denn "[d]as Leben zieht/ Mit [ihm] als Vorspann ruhig weiter." Auch hier scheint nach der Verzweiflung, die in den vorhergenhenden Zeilen zum Ausdruck kommt, eine optimistische Stimmung leise anzuklingen. Das lyrische Ich weiß, dass das Leben trotz Trauer und Selbstmitleid, auch nach noch so großen Schicksalschlägen weiter gehen wird. Das Adjektiv "ruhig" unterstreicht die Bedeutung dessen, weil es auszusagen scheint, dass der Lauf des Lebens nicht aufzuhalten ist und dass man das Schicksal nicht aus der Ruhe bringen kann, zu vollenden, was es begonnen hat. Vielleicht soll diese vorletzte Zeile auch dem Leser bedeuten, dass es sich hier "nur" um das Schicksal eines einzelnen handelt, und dass für alle anderen, die wahrscheinlich auch gar nicht wissen, was in diesem Menschen vorgeht, das Leben seinen normalen Lauf nimmt. Die anderen können kaum in die Lage des lyrischen Ich versetzten, was nicht zuletzt an der Verschlossenheit des Ich liegt. Jedoch würden wahrscheinlich nur sehr wenige tatsächliches Mitgefühl entwickeln, weil ein Großteil der Menschen viel zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt ist. Man könnte es also so betrachten, dass das lyrische Ich nur eines von vielen ist, und dass seine Trauer und sein Schmerz das gesellschaftliche Leben nicht großartig beeinflussen.

"Und keiner weiß, was mir geschieht." (Z. 20) ist der letzte Satz des vorliegenden Gedichtes von Eva Strittmatter. Hier verdeutlicht das lyrische Ich nocheinmal den Gegensatz zwischen seinen Gefühlen und seinem Auftreten in der Öffenlichkeit. Im Inneren des Ich brodelt tiefe Trauer, die das Ich ständig zu bekämpfen versucht, um am Ende nicht völlig im Selbstmitleid zu versinken. Doch für seine Umgebung miemt das Ich den fröhlichen und heiteren Menschen. Doch dieser letzte Satz erweckt auch den Eindruck von Einsamkeit. Es scheint, als fühle sich das Ich allein gelassen und hilflos seiner Situation gegenüber, wobei man vermuten könnte, dass es nicht nur dem lyrischen Ich so ergeht, sondern noch vielen anderen auch - wie zum Beispiel dem lyrischen Ich bei Else Lasker-Schüler.

Sowohl bei Strittmatter wie auch bei Lasker-Schüler reflektiert das Ich über seinen Umgang mit der Trauer. Beide Autorinnen stellen zunächst einen Gegensatz in ihren Werken auf (s. Bauform). Bei dem ersten vorliegenden Gedicht besteht dieser Gegensatz aus der Gegenüberstellung der Emotionen des lyrischen Ich mit dem Wunsch, der Trauer und dem Schmerz zu entfliehen. Ähnlich gestaltet Strittmatter ihr Werk: Auch hier werden die Gefühle des Ich verwendet, um dem Verhalten des Ich und dem eventuell versteckten Wunsch nach Offenbarung gegenüber gestellt zu werden.

Das Ich scheint gegen den Schmerz und den Kummer nicht anzukommen und vermittelt den Eindruck von Einsamkeit und Hilflosigkeit. In beiden Werken stellt die Trauer eine Übermacht dar, der das Ich nicht gewachsen ist. Bei Strittmatter ist dieser Aspekt jedoch deutlicher ausgeprägt als bei Lasker-Schüler. Eine wichtige Gemeinsamkeit beider Werke ist jedoch, dass das Ich jedesmal von seinen Emotionen in irgendeiner Weise gehemmt wird. Beide hegen den Wunsch endlich wieder frei von ihren negativen Gefühlen zu sein und wieder so leben zu können, wie so es wollen, ohne eine ständige Belastung ertragen zu müssen, die ihre Trauer für sie darstellt. Beide sehen für den Moment jedoch keinen Ausweg aus ihrer Situation, vobei das Ich bei Lasker-Schüler zur Lösung dieses Problems mit einem größeren Optimismus aufwartet als es bei Strittmatter der Fall ist.

Beide Ich ziehen sich jedoch vorerst mit ihrer Trauer und ihrem Selbstmitleid zurück. Das Ich bei Lasker-Schüler scheint für eine Zeit am gesellschaftlichen Geschehen nicht mehr teilzunehmen, während das Ich bei Strittmatter seine Gedanken und Gefühle der Gesellschaft nicht offenbaren möchte. Beide sind somit hinsichtlich der Bewältigung des erlittenen Verlustes auf sich selbst gestellt und müssen allein mit ihren Emotionen fertig werden.

Zu den auffälligsten Unterschieden zählt ohne Frage der äußere Aufbau der Gedichte. Während Lasker-Schüler ihr Werk in neun Strophen à zwei Zeilen aufbaut, besteht Strittmatters Gedicht aus lediglich einer Strophe, die dafür aber 20 Zeilen umfasst. Auch die Zeitpunkte der Entstehung sind sehr verschieden, da 58 Jahre zwischen beiden Gedichten liegen. Das erste Gedicht ist also der Strömung des Expressionismus zuzuordnen, während Eva Strittmatter zu den Autorinnen der Gegenwart gehört. Angesichts dieser Tatsache erscheint es um so interessanter, dass beide Werke das Liebes - bzw. das Trauermotiv auf fast gleiche Art und Weise behandeln. Es zeigt sich also, dass Gefühle wie Trauer oder Liebe einem festen Platz in der Natur des Menschen einnehmen und somit auch in Literatur als zeitlose Motive anzusehen sind. Jedoch ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass gerade das Liebesmotiv Gefahr läuft, immer mehr entleert zu werden. Deshalb ist es, meiner Ansicht nach, wichtig, die Liebe als etwas nicht selbstverständliches anzusehen, sondern sich ihrer Besonderheit und Stärke bewusst sein, ebenso wie Trauer zu Leben und zur Liebe dazu gehört.

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Strittmatter, Eva - Trauer und Else Lasker-Schüler - Ein Lied - Gedichtvergleich
Note
1-
Autor
Jahr
2000
Seiten
11
Katalognummer
V97030
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Strittmatter, Trauer, Lasker-Schüler, Lied, Gedichtvergleich
Arbeit zitieren
Madlen Jannaschk (Autor), 2000, Strittmatter, Eva - Trauer und Else Lasker-Schüler - Ein Lied - Gedichtvergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97030

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