Wer glaubt denn heute noch an Gott?


Ausarbeitung, 2000

8 Seiten


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Wer glaubt denn heute noch an Gott?

Gedanken zu einem Talkshow-Thema

I Ein Kurzes Frage-Antwort-Gespräch zur Erläuterung des Themas:

1 Sabine: Glaubst Du an Gott?

Andreas: ich denke zunächst, daß es ein göttliches Wesen, einen Ursprung für das gibt, was wir wahrnehmen, aber vorstellen kann ich es mir nicht; Ob ich deswegen anders lebe? - denn das meine ich mit „glauben“. Dazu muß ich eingestehen, daß ich, wie wohl die meisten Menschen, den Tag lebe, ohne es mir bewußt zu machen, eher kraftlos und nicht aus einer Kraft, die daraus kommt, daß man davon lebt, angenommen zu sein von diesem Urgrund.

2 Sabine: Was bedeutet es für Dich genauer, angenommen zu sein von „Gott“?

Andreas: Es wäre oder es ist eine Kraft, die mich befähigt, das was uns „nach unten zieht“- den Egoismus, die Angst, zu kurz zu kommen, die Gier, jetzt Befriedigung zu haben, zu bewältigen; sie sind die Grundlage von Machtterror, Besitztgerror, Betrugsterror. Angenommen zu sein von diesem Urgrund trotz des eigenen Egoismus gibt mir Kraft zu leben mit Belastungen, Mängeln, Leid, gibt mir Selbstsicherheit, Kampfkraft, auch wenn es mir gut geht. Es befreit mich von Ängsten, zu kurz zu kommen, zu wenig beliebt zu sein, zu wenig zu gelten, es hält mich in bitterer Not, im Abgrund, in Verzweiflung; es gibt „Durst“ nach Recht und Gerechtigkeit auch wenn es mir gut geht. Wir brauchen diese Kraft, die daraus kommt, daß man sich „die Sonne auf den Buckel scheinen läßt“, daß man sich der Möglichkeit aussetzt, angenommen und aufgefangen zu sein in der eigenen egoistischen Lebensweise

3 Sabine: Von „Gott“ angenommen zu sein, ist das nicht nur eine subjektive Konstruktion, eine Einbildung? Wenn es den „Gott“ vielleicht doch nicht gibt.

Andreas: O.k. Ich bilde es mir zunächst ein, wie die unbekannte X in einer mathematischen Gleichung. Wir wissen nichts von und über Gott und können uns Gott nicht vorstellen. Wir sind zunächst biologisch begrenzte Lebewesen. Ein Gott braucht uns nicht und wir können auch entscheiden, wie biologische Wesen zu enden. Aber ich kann mit einer Möglichkeit X zu leben versuchen, ob dies Sinn macht, sich bewahrheitet, sich „offenbart“, wie es biblisch heißt. Wir können, biologisch begrenzt eigentlich nicht uneigennützig, selbstlos lieben. Wir können uns aber auf das Angebot einlassen, das uns in dieser endlichen Lebensweise auffängt. Wenn wir diese Unbekannte, X, einsetzen, führt es uns den Weg, auf dem wir unser Ziel, zu Hause finden können. Der Jesus in der christlichen Botschaft sagt, daß wir, wenn wir dem Geringsten unserer Mitmenschen helfen, am Ende ihn selbst erkennen werden; daß es uns erst befähigt, „Gott“ zu erkennen.

4 Sabine: Einerseits hat man den Eindruck, daß Glauben etwas für einfache, naive oder auch ideologisch verbohrte Menschen ist, andererseits mutet es etwas kompliziert an, einen Glaubensweg zu finden.

Andreas: Die Art „Glauben“, wie ich es eben versucht habe, zu deuten, ist nicht etwas, das ungebildeten Leuten von Obrigkeiten vorgegeben wird. Es ist auch nicht unwissenschaftlich naiv. Es geht nicht darum, was ich für wahr halte. Es geht auch nicht um einen Trost für die in dieser Welt zu kurz Gekommenen. Die Frage ist, was führt aus der biologischen, egoistischen Begrenzung und Verstrickung? Ich kann entscheiden, diese Möglichkeit, diesen Weg zu gehen. D.h. wir können darauf eingehen, daß wir inmitten unseres egoistischen Lebens angenommen sind und daß wir dadurch, daß wir probieren und akzeptieren, angenommen zu sein, Kraft bekommen, unserere Unfreiheiten zu bewältigen, unser Leben füreinander zu riskieren, ohne zu kurz zu kommen. Wir riskieren auf diese Karte zu setzen, daß aus dieser Kraft wir und die Welt „nach Hause“ finden.

Dieser Weg ist nicht kompliziert, es ist ein Weg „von unten“, wir brauchen nicht naiv Wahrheiten von anderen einfach zu übernehmen, wir stehen selbst mitten drin und erhalten den „Gottesbeweis“ daraus, wie wir von diesem Angebot her leben (der Dankbarkeit, Freude, Kraft, angenommen zu sein), uns einsetzen füreinander. Wir werden durch das, was wir wagen, erkennen, wie es sich erfüllt. Der Weg ist jedem Menschen prinzipiell zugänglich, unabhängig von einer Konfessionszugehörigkeit.

5 Sabine: Nimmt das Interesse an den christlichen Kirchen, und auch am christlichen Glauben nicht ständig ab?

Andreas: So zumindest belegen es sozialwissenschaftliche Umfragen (z.B. die Shell-Studie), wenn sie danach fragen, ob Menschen noch an Gott glauben oder beten. Die Zahl derer, die angeben, dies zu tun, nimmt ab. Aber es kommt sehr darauf an, wonach und wie gefragt wird und was wir unter den Begriffen „glauben“, „Gott“, „beten“ usw. verstehen. Die kirchlichen Autoritäten werden nicht mehr so umfassend anerkannt und widerspruchslos hingenommen. Abhängig auch davon funktioniert auch die religiöse Erziehung im Elternhaus nicht mehr so automatisch. Es ist kaum verwunderlich, daß in einer Zeitphase nach einem Zusammenbruch traditionsgetragener Religiosität, zunächst ein gewisses „Glaubensloch“ eintritt. Aber die individualisierten Menschen sind durchaus auf der Suche nach Grundlagen der Sinn- und Lebensgestaltung. So gesehen, gibt es durchaus neue große Chancen für eine Glaubenssuche, die sich allerdings eher namenlos und unvermittelt zu den weiter praktizierten kirchlichen Institutionen entwickeln kann. Ich denke, daß gerade die Grundlage für „Glauben“ aus der Jesus-Botschaft in die modernen Lebensrealitäten paßt. Anders sieht es vermutlich mit den kulturellen Traditionen, den kirchlichem Ämtergebäude, den kirchlichen Riten usw. aus.

II Argumente für zeitgemäße Formen des Glaubens

1. Weggebrochene Traditionen. Die persönliche Entscheidung des Glaubens

Woran erkennt man gläubige Menschen? · Daß sie in Notsituationen beten?

- Daß sie Gottesdienste besuchen?
- Daß sie meinen, daß ein göttliches Wesen existiert?
- Daß sie, ohne eigenen Vorteil zu suchen, anderen helfen?
- Daß sie belastbarer, vielleicht froh sind?
- Gar nicht?

Innerhalb voll institutionalisierter Religionsgemeinschaften (mit Ämtern, Verwaltungsapparaten, Glaubenlehren und Moralvorschriften und Riten) kann Gläubigkeit von Menschen zugeordnet werden. Diese Religionsgemeinschaften binden aber ihre Gläubigen immer weniger. Immer mehr aber leben wir in einer medienbestimmten, globalisierten Welt

- Im Sozialen: in Informationen, Meinungen, Konsumverhalten, Problemverhalten
- Im Politischen: Medien entscheiden Wahlen
- Im Religiösen: die Positionsträger religiöser Gruppen haben nicht mehr Autorität aus Tradition. Ein über Medien ausgestrahlter Rosenkranz, Vater-unser des Papstes wirkt anders als die Ausstrahlung einer Glaubensgemeinschaft „von unten“.

Traditionen sind weggebrochen. Wir erlernen nicht mehr den Beruf fürs Leben, eine partnerschaftliche Beziehung muß nicht mehr ein Leben lang halten. Moralische Autoritäten (z.B. Pfarrer) waren mit Traditionen und lebendigen Institutionen verbunden; Die Kirche kann heute nicht mehr wirksam Verhütung, Scheidung, Abtreibung etc verhindern. Aber Grundelemente religiöser Kultur spielen heute noch für viele Menschen eine wichtige Rolle . z.B. im katholischen Bereich strukturieren kirchliche Taufe, Erstkommunion, Firmung, Hochzeit, Beerdigung nicht selten unabhängig von persönlichen Glaubensentscheidungen das persönliche und familiale Leben. Persönliche Sinnsuche als bewußter Glaubensweg war in dem von Traditionen gestützten Lebensalltag nur etwas für philosophische Geister.

Heute ist ein persönliches Lebens- und Sinnkonzept Grundlage für persönliches Wohlbefinden, Zufriedenheit, Lebensbewältigung. Umfragen zur Gläubigkeit und zu Sinnfragen lassen vermuten, daß die Masse der Menschen die meiste Zeit wenig bewußt lebt.

Im Individualisierten Leben muß/kann jeder einzelne entscheiden (unter neuen oder veränderten realen Zwängen). Oft erleben wir uns dabei isoliert und mit dem Gefühl

- Gegen Strukturen nichts bewirken zu können
- Gemeinsamkeiten für unsere Interessen nicht/nur sehr schwer herstellen zu können
- in der Erfahrung, daß jeder im sozialen Umfeld seine eigenen Interessen im Auge hat

Die individualisierten Menschen sind traditionsbefreit. Wir nutzen globale, nicht mehr durch eine Institution kanalisierte Informationen. Wir wissen um das Alter des Kosmos, die anatomischen und biologischen Gesetze, die elektronischen und genetischen Bausteine unserer Welt.

Aber Gott können wir nicht logisch/wissenschaftliche begründen, es sei denn dogmatisch/fanatisch. Wir verstecken uns hinter wissenschaftlichen Erkenntnissen rund um die Grundfragen einer religiösen Orientierung der Menschen. Wir können nicht den Sinn von unverschuldet zu ertragendem Leid aus Krankheit, Naturkatastrophen, Gewalt, Unrecht ergründen. In der Aufklärung der sozialen Gesetze unserer Welt sind wir vergleichsweise hilflos.

Religionen erscheinen uns heute eher als kulturelle Produkte. Die Lehrgebäude von Religionen können nicht der Wahrheitsgegenstand sein, sie sind Interpretationshilfen für eine kollektive Geschichte und die persönliche Lebensentscheidung. An etwas glauben bleibt zunächst unverbindlich, ideologisch, legitimatorisch.

2 Glaube, eine Erziehungsfrage?

Die marxistische Kritik, daß Religion „Opium für das Volk“ ist, indem es die Menschen davon ablenkt und abhält, Probleme selbst zu lösen, bestätigt sich in christlich-religiösen Lebenshaltungen über Jahrhunderte. Wir haben häufig einen Gott konstruiert, der in persönlicher Not helfen soll, der belohnt und bestraft oder der zumindest die Zu - Kurz - Gekommenen im Jenseits entschädigt.

Die Themen „Gott“, „Glaube an Gott“ und an ein „Leben nach dem Tod“, „Lebenssinn“ finden auch bei jungen Menschen im Jahr 2000 großes Interesse, wie z.B. Diskussionsbeiträge und Chats in Internet-Archiven zeigen. Aber viele dieser jungen Menschen lehnen das ihnen vermittelte Gottesbild weithin ab: dieser Gott, wie sie ihn vermittelt bekommen haben, erscheint ihnen ein Produkt meschlicher Vorstellungen, Wünsche und Ängste Philosophische, soziologische und theologische Ansätze, einen Gott „von unten“ zu konzipieren, führten zu Vorstellungen von einer sich selbst erlösenden „göttlichen“ Welt; in der die Grundlage für ein Gegenüber von Gott und Welt/Mensch abhanden gekommen war. Versuche, ein Zueinander von Gott und Welt/Mensch einer menschlichen Logik zugänglich zu machen, bleiben „menschliche Spielereien“.

Mein soziales Engagement kann Produkt von Erziehung und Bildung/Information sein. Aber auch, wenn es humanistisch begründet ist (aus der Einsicht, daß es sozial richtig und notwendig ist) stellt der reflektierende Mensch (etwas anders als das fürsorgliche Tier) die Frage, was habe ich davon? Brauche ich es für mein Selbstbewußtsein, aus dem Bedürfnis eigener Nützlichkeit, tue ich es zwangsweise aufgrund meiner Sozialisation? suche ich Anerkennung, Prestige, Lohn? Dabei entwickelt sich vor allem leicht eine Ideologie, selbst den richtigen Weg eingeschlagen zu haben und daß man andere Menschen zu ihrem eigenen Wohl dahin bringen soll. In diesem ideologischen Trend waren sich christlich-kirchliche und marxistische Ansätze erstaunlich ähnlich.

3 Glauben: Nicht „für wahr halten“, nicht eigene Leistung

Als menschliche Wesen reagieren wir nach den biologischen und sozialen Gesetzen.

Zu glauben, würde bedeuten, aus einer Kraft zu leben, die von woanders herkommt, die mich frei macht von Angst (nichts für meinen Einsatz zu bekommen) und vom Bedürfnis, andere für meine Ideologien und Interessen zu gebrauchen.

Nicht, was ich für wahr halte, sondern wofür ich lebe, auf welche Seite der sozialen Auseinandersetzung unter uns Menschen ich mich stelle, auf welche Karte der Auseinandersetzung ich mit meiner Lebensgestaltung setze, ist die Glaubensentscheidung.

Glaube heißt für mich, wofür bzw. woraus ich mein Leben einsetze, es bedeutet nicht zu meinen, daß es ein Wesen im Himmel gibt, das mir hilft, wenn es mir schlecht geht.

Es stellt sich sofort die Frage, mit welchem Interesse, aus welcher Kraft ich mein Leben einsetzen, vergeben, aufs Spiel setzen will: für Recht zwischen Menschen, für die mit weniger Schönheit, Kapital, Bildung, sozialer Bedeutung und Position ausgestatteten Menschen.

4 Was passiert, wenn man glaubt?

Es klingt logisch, daß wir nur ermitteln können, ob es ein „göttliches Wesen“, ein „zu Hause“ für uns jenseits des biologisch begrenzten Lebens nur geben kann, wenn wir erst einmal eine unbekannte X (eine Kraft außerhalb der biologisch begrenzten Welt, ein „göttliches Wesen“) in unsere Lebensgestaltung einsetzen: nämlich, daß wir die Kraft, uns selbstlos, uneigenützig einzusetzen, nur haben, wenn wir selbst alles haben, von Angst frei sind, uns voll geliebt und getragen wissen.

Es ist dann zuerst die Frage, ob wir dieses X einsetzen wollen. Wir müssen nicht. Wir können auch innerhalb der biologischen-sozialen Gesetze bleiben. Die religiöse Botschaft sagt ja nur: es ist ein Angebot, von dieser Kraft her zu leben. Das Angebot anzunehmen, würde unser Leben auf eine andere Grundlage stellen. Wenn wir diese Möglichkeit in unsere Lebens-Gleichung, in unser tägliches Leben einsetzen, erhalten wir daraus den Sinn: lieben, uneigennützig uns vergeben zu können aus dieser Kraft, die frei macht. Daraus folgt auch: wenn ich liebe, mich vergebe, dann ist es nicht mehr mein Verdienst, meine Leistung.

Aber auch dieser Weg funktioniert nicht wie eine Erkenntnis, ein Für-wahr-halten, sondern als Handeln: Eine Freude, selbst versorgt zu sein und in dieser Verfassung/aus dieser Kraft zu sehen und wahrzunehmen, daß mich jemand braucht. Die erlebte Freude, die Kraft daraus ist entscheidend, nicht unsere moralische oder soziale Anstrengung und Leistung.

5 Glauben: bildliche Deutungen

Wie auch immer die Gleichnisse, Wundererzählungen und Unterweisungen, die von Jesus berichtet werden, zustandegekommen sein mögen: sie bieten eine Menge informativer Hinweise zu unseren Fragen nach Glauben:

Das Reich Gottes, sagt Jesus, ist vergleichbar mit einem König, der zum Hochzeitsfest seines Sohnes ein großes Gastmahl gibt. Er lädt seine Freunde und Bekannten ein. Sie haben keine Zeit. Dann läßt er die Leute „von der Straße“ einladen. Sie kommen und das Haus ist voll. Aber der Hausherr entdeckt einen Gast ohne hochzeitliches Kleid. Er läßt ihn binden und hinauswerfen.

Es war eine Einladung. Der Gast hatte vom Festanlaß, dem Anlaß der Freude keine Notiz genommen.*

Oder Jesus sagt:

Die Welt Gottes ist mit einem Schatz zu vergleichen, der in einem Acker vergraben war. Ein Mensch fand ihn und deckte ihn schnell zu. In seiner Freude verkaufte er alles, was er hatte und kaufte dafür den Acker mit dem Schatz.**

Von Jesus sind in den „Evangelien“, dem „Neuen Testament“ der Bibel eine große Zahl von Äußerungen erwähnt, wo er sagt, was passiert, wenn jemand glaubt.

Weit in nicht-christliche Kulturkreise hinein bekannt ist die sogn. Bergpredigt von Jesus. In „Seligpreisungen“ beglückwünscht er die Menschen, die nicht aus eigener Kraft, sondern „von Gott her“ im Einsatz sind für Frieden, Barmherzigkeit, Recht, Ehrlichkeit: sie werden, so sagt er, „Gott erkennen“, in ihm zu Hause sein.

Freuen dürfen sich alle, die nur von Gott etwas erwarten die unter dieser heillosen Welt leiden die auf Gewalt verzichten die Frieden stiften : mit Gott werden sie leben in seiner neuen Welt...***

Dann wird berichtet, daß Jesus vom Gericht geredet hat. Darin heißt es, daß nur die „gerettet werden“, von denen er Hilfe erhalten hat, weil er in den Hilfebedürftigen gelebt hat:

Der Menschensohn er wird die Menschen in zwei Gruppen teilen...er wird zu denen auf seiner rechten Seite sagen: ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben : was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.****.

Rabindranath Tagore, der große indische Schriftsteller, erzählt in einer Parabel, etwas, das einen Aspekt der Glaubensentscheidung zu deuten hilft: durch das Füreinander, so wenig das im einzelnen Leben auch sein mag, werden wir erst befähigt, „Gott“ zu finden, zu erkennen.

„Ich ging als Bettler von Tür zu Tür die Dorfstraße entlang. Da erschien in der Ferne dein goldener Wagen wie ein schimmernder Traum und ich fragte mich, wer dieser König der Könige sei. Hoffnung stieg in mir auf: die schlimmen Tage schienen vorüber; ich erwartete Almosen, die in den Sand gestreut wurden. Der Wagen hielt an, wo ich stand. Dein Blick fiel auf mich, und mit einem Lächeln stiegest du aus. Endlich fühlte ich mein Lebensglück gekommen. Dann strecktest du plötzlich die rechte Hand aus und sagtest: „Was hast du mir zu schenken?“ Welch königlicher Scherz war das, bei einem Bettler zu betteln! Ich war verlegen, stand unentschlossen da, nahm schließlich aus meinem Beutel ein winziges Reiskorn und gab es dir. Doch wie groß war mein Erstaunen, als ich am Abend meinen Beutel umdrehte und zwischen dem wertlosen Plunder das kleine Korn wiederfand - zu Gold verwandelt. Da habe ich bitterlich geweint, und es tat mir leid, daß ich nicht den Mut gefunden hatte, dir mein Alles zu geben“.

Die bisherigen Äußerungen zur Glaubensfrage lassen viele Fragen offen. Für viele Menschen ist die Vorstellung, daß wir in freiem Willen Gutes oder Böses tun, das ein Gott belohnt und bestraft, vertrauter und einfacher nachzuvollziehen. Eigentlich ist es ja eine wirklich erfreuliche Sache, wenn wir glauben können, daß wir im und neben dem biologischen Leben auch noch angenommen sind von göttlicher Liebe. Allerdings handelt es sich bei all dem nicht nur um einen frommen Gedanken, sondern wir können nur herausfinden, was real ist, wenn wir riskieren, mit dieser Möglichkeit des Angebotes zu leben. Es drängt sich weiter die Frage auf, ob nicht die Chancen, dieses Angebot wahrzunehmen, total ungleich verteilt sind. Die Menschen haben in der Tat ungleiche Entfaltungschancen: durch soziale Herkunft, Geburtsort, Bildung, Gesundheit usw.. In rein weltlicher und in religiöser Perspektive erkennen wir, daß wir Menschen nicht nur eine individuelle sondern auch eine soziale Existenz haben: wir erben und vererben, erhalten und geben Belastendes und Vorteilhaftes. Wie ungleich sind oft Chancen in einer Geschwisterkonstellation verteilt, um nur ein Bespiel zu nennen! Wir können Schuldigkeiten, Verpflichtungen und Ansprüche nur auf einer groben Oberfläche politisch umsetzen oder regeln. Wer soll die Last anderer mittragen, wer sollte erwarten können, von anderen getragen zu werden?

Ausblick.

Das Interesse an Fragen zu Lebenssinn und Gott scheint heute mindestens so stark wie vor 100 Jahren. Sie stellen sich aus stark veränderten Lebenssituationen. Die religiösen Institutionen sollten aufhören, das moralische Leben diktieren zu wollen und Lehrgebäude als Glaubenswahrheiten vermitteln zu wollen. In allen religiösen Bekenntnissen müßte man sich auf die (ohnehin ähnlichen) religiösen Grundfragen konzentrieren. Der Weg des einzelnen Menschen müßte in den Mittelpunkt gestellt werden. Kirchgänger und Amtspersonen müßten aufhören, sich gläubiger zu wissen als die Kirchgänger. Die christliche Botschaft in ihren Kernelementen könnte gerade den modernen, aufgeklärten Menschen, in ihrer individualisierten Situation und angesichts der Anforderungen zur Sinnbestimmung ihres Lebens Kraft geben

*NT/Matthäus 22,1-10 ** 13,44 ***5,1-12 ****25,31-46

8 von 8 Seiten

Details

Titel
Wer glaubt denn heute noch an Gott?
Autor
Jahr
2000
Seiten
8
Katalognummer
V97036
Dateigröße
345 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das hier sind Gedanken von Alois Weidacher vom Deutschen Jugendinstitut (DJI). Er beschäftigt sich viel mit den Themen Jugend und Glauben, Leben und Lebensentwürfe von Jugendlichen usw.
Schlagworte
Gott, Theologie, Glaube, Hoffnung, Lebenssinn, Lebenskonzept, Partnerschaften, Erziehung, Grundlagen
Arbeit zitieren
Lena Friedrich (Autor), 2000, Wer glaubt denn heute noch an Gott?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97036

Kommentare

  • Gast am 3.3.2004

    gut und böse gehört halt zusammen....

    also. da die meisten menschen doch an das böse,also an den teufel denken,müssen sie doch auch an das gute ,also gott denken.denn es gibt immer einen gegensatz zu allem. ich selber glaube schon an gott und hoffe ihm irgendwann man näher treten zu können.
    Regina

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