Die Anthropologie und ihre Relevanz für die Wissenschaft


Ausarbeitung, 1999

9 Seiten, Note: 1,7


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1. Einleitung

Ps 8, 5ff

was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst,

und des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst?

Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,

mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

"Was ist der Mensch?" - diese Frage stellt Kant in seiner Logik-Vorlesung als vierte hinter die Fragen der

Metaphysik: " Was kann ich wissen?"

Moral: "Was soll ich tun?"

Religion: "Was darf ich hoffen"

und fügt gleich hinzu: "Im Grunde könnte man aber alles dieses zu der Anthropologie rechnen, weil sich die ersten drei Fragen auf die letzte beziehen." Das Problem beginnt damit, daß nicht klar ist, was der Fragende überhaupt mit der Frage "Was ist der Mensch?" hören möchte.

Kant spricht von einem Dualismus, der die anthropologische Fragestellung charakterisiert, der physiologischen und der pragmatischen Hinsicht. Die physiologische geht auf die Forschung dessen, was die Natur aus dem Menschen macht, die pragmatische auf das, was er als frei handelndes Wesen aus sich selber macht oder machen kann oder machen soll.

Gibt es eine Brücke zwischen diesen beiden Menschenkenntnissen?. Kann ein frei handelndes Wesen überhaupt als Hervorbringung der Natur gedacht werden? Kann Freiheit als Naturprodukt verstanden werden, oder muß Natur umgekehrt als Freiheitssubstrat gedacht werden, wenn wir überhaupt Freiheit denken wollen. Was ist der Mensch?

- Der aus der Natur freigelassene. Herder
- Der menschliche Geist als ewiger Protestant der Natur. Scheler
-Der Mensch als exzentrisches Wesen. Pleßner
- Der Mensch ist weltoffen. Der Mensch als Mängelwesen. Gehlen
- D

Ist Anthropologie also eine naturwissenschaftlich oder eine geisteswissenschaftliche Disziplin?

Sie ist beides und das ist ein großes Problem.

Als erstes möchte ich auf eine fundamentale biologische Aspekte eingehen und im zweiten Teil dann geisteswissenschaftliche Strömungen skizzieren.

2. Die biologische Sonderstellung des Menschen

Daß der Mensch eine Sonderstellung im Tierreich einnimmt, ist unbestritten. Auch wenn wir eine über 98% genetische Ähnlichkeit mit Affen und Schweinen besitzen, so existieren einige Merkmale, die ganz entscheidend die Sonderrolle erklären: Sprachgebrauch (wobei Affen aus anatomischen Gründen nicht in der Lage sind, zu sprechen, nicht aus Intelligenzgründen); Anatomie der Hand, der opponierte Daumen; das vergrößerte Gehirn.

Letzteres ist die entscheidende evolutionäre Entwicklung. Das Tier ist optimal seiner Umwelt angepaßt, es besitzt eine selektive, d.h. eine subjektive Wahrnehmung. Diese Wahrnehmung muß richtig sein, damit das Tier überleben kann.

Ein Affe der einen Ast nicht richtig erkennt, ist ein toter Affe und gehört evolutionär gesehen nicht zu unseren Vorfahren.

Nur der Mensch ist zu objektiver Wahrnehmung fähig. Im Gegensatz zum Tier, das nur Umwelt hat, hat der Mensch Welt.

Bei ihm finden wir einen hypertrophierten ratiomorphen Apparat (Riedl), also ein vergrößertes Gehirn, das nicht nur Wirklichkeit wahrnimmt, sondern darüber hinaus denken kann. Damit ist nicht nur eine quantitative Steigerung der Gehirnleistungen verbunden, sondern mit der Vernunft eine neue Qualität: Die Möglichkeit der Freiheit, als positiver Aspekt und damit verbunden als negative Aspekte die Möglichkeit des Irrtums und der Perversion (ein Leben gegen die Natur) und der Grausamkeit.

Das Böse existiert erst mit dem Menschen.

Dank der Ratio besitzt der Mensch Wirklichkeitserkenntnis, er kann die der Natur zugrunde liegende Logik, also die Naturgesetze erkennen.

Im Menschen kommt die Natur zur Erkenntnis ihrer selbst. Die Natur hat also mit dem Menschen ein Organ ihrer Selbsterkenntnis geschaffen. Eine Ration, die sich selbst ermächtigt und die natürlichen Selektionsgrenzen überschreitet. Im Menschen vollendet sich die Natur.

Ist der Mensch also das Ziel der Evolution?

Evolution verläuft teleologisch und zwar in Richtung höhere Komplexität.

Höhere Komplexität funktionell gesehen bedeutet größere Arbeitsteilung. Das verlangt eine größere Koordination, also eine höhere Sinneswahrnehmung. Es entwickeln sich also größere Informationssysteme. Die Informationsgesellschaft ist ein Produkt der biologischen Evolution. Die höhere Informationsverarbeitung bedeutet höhere Erkenntnis. Die evolutionistische Erkenntnistheorie besagt, daß Evolution in Richtung höherer Erkenntnis läuft. Der Organismus entwickelt sich in Richtung größerer Abkopplung von seiner Umgebung, das System gewinnt höhere Autonomie und Freiheit. Der Mensch als Geistwesen besitzt die höchste Freiheit, er ist als einziger in der Lage, sich gegen die Natur, die ihn hervorgebracht hat, zu stellen. Das eigentliche Ziel der Natur ist damit die Selbstaufstufung der Natur und möglciherweise in Form des Menschen die Selbstaufhebung der Natur..

Ab dem Menschen ist die kulturelle Evolution die bestimmende und nicht mehr die biologische. Die Ratio hat den Menschen aus der Natur gerissen, er kann nur noch in einer künstlichen Welt leben, die Kultur ist seine zweite Natur geworden. Weil er ein biologisches Mängelwesen ist, paßt nicht er sich der Umwelt an, sondern paßt die Umwelt ihm an.

Der Mensch kann als einziges Wesen durch die Folgen der o.g. Hypertrophierung des Gehirns zugrunde gehen. Riedl weist darauf hin, daß wir schneller klug werden müssen, als wir handeln.

3. Die philosophischen Menschenbilder

3.1 Konstituierung der Anthropologie als eigene Wissenschaft

Wie eingangs erwähnt besteht die Anthropologie aus einer gedoppelten Natur, einer physischen und einer moralischen. Foucault sprach in diesem Zusammenhang von einer empirisch-transzedentalen Doublette. Nach Kant genügt sie nicht den strengen Kriterien der philosophischen Wissenschaft, ist aber zugleich mehr als eine bloße Ansammlung dessen, was die Natur aus dem Menschen macht. Kant vermeidet es Ethik und Anthropologie gleichzusetzen, weil die Ethik sonst Gefahr laufen könnte, das Gesollte aus einer metaphysischen Wesensnatur des Menschen abzuleiten. Die Anthropologie ist darauf angewiesen, sich bei anderen Wissenschaften Anleihen zu verschaffen, sie hegt einen Symbioseappetit in bezug auf Einzelwissenschaften.

Die Befreiung der Anthropologie aus der Metaphysik bedeutet besonders für die theologische Anthropologie ein Problem:

In der Metaphysik fand die unterstellte Erkenntnis des Seins ihre Entsprechung in einer umfassenden und totalisierenden Theorie des Handelns. Es wurde eine abstrakte Wesensnatur des Menschen einfach postuliert. Eine Konfrontation mit der Pluriformität menschlicher Daseinsweisen fand nicht statt. Der Mensch wurde rein vergeistigt. Damit wurde der Mensch als solcher in seiner Gesamtheit und in seiner Wirklichkeit nicht berücksichtigt. Linsemann bezeichnete dieses Vorgehen als spekulative Anthropologie.

Kulturelle und ethnische Unterschiede, also empirische Maßgaben fanden keine Berücksichtigung. Die vergleichende Kulturmorphologie beschäftigt sich mit der Heterogenität von Lebensbedingungen. Diese sind Ausgangspunkt der ethischen Entwicklung des Menschen und bilden die Rahmenbedingungen der ethischen Urteilsbedingung.

Zum Beispiel ist unser Menschenbild durch die abendländische Philosophie geprägt. Die Anthropologie müßte sich erst aus dieser Vorgabe befreien, um menschliche Vielfalt beschreiben zu können.

3.2 Elemente der Anthropologie-Geschichte

Vom Sophisten Protagoras stammt der Satz: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Darin drückt sich das skeptische Bewußtsein aus, daß der Mensch sich keiner vorgegebenen Ordnung der Dinge anvertrauen kann. Die Sonderstellung des Menschen beschreibt schon Aristoteles folgendermaßen: Aufrechter Gang, Gebrauch der Hände als Zeichen seiner Vernunftbegabtheit und die Sprache. Die physiologischen Mängel des Menschen wurden als Bedingung seiner potentiellen Vollkommenheit interpretiert. Dieses scheint eine Paradoxon, aber ich habe ja im biologischen Teil dieses aufgelöst. Nämlich, daß die Mangelsituation ihn zur Anpassung seiner Umwelt, nicht seine Anpassung an die Umwelt, zwingt.

Ein Problem was zu allen Zeiten die Philosophen beschäftigt hat ist das Leib-Seele Problem. Es ist die Seele, die den Menschen vom Tiere trennt. In welcher Relation steht nun der Leib zur Seele.

Platon sah den Leib als Gewahrsam der Seele.

Die Patristiker hatten eine soteriologische Betrachtungsweise. Erst im Horizont einer Heilsgeschichte bzw. unter dem Gesichtspunkt der Erlösungsbedürftigkeit bekommt der Mensch seine Kontur. Der Leib als Metapher der Heilsbedürftigkeit des Menschen:

1 Kor 6,13 Die Speisen sind für den Bauch da und der Bauch für die Speisen; Gott wird beide vernichten. Der Lein ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn, und der Herr für den Leib.

Röm 1,24 Darum lieferte Gott sie durch die Begierden ihres Herzens der Unreinheit aus, so daß sie ihren Leib durch ihr eigenes Tun entehrten. Gal 5,24 Alle die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.

Bei Augustinus findet sich der Dualismus zugespitzt, er krönt in einer völligen Degradierung des Leibes, in einer Leibesfeindlichkeit. Vielleicht stützt sich seine Betrachtung auf

Gal 5,17 Denn das Begehren des Fleisches richte sich gegen des Geist, das Begehren des Geists aber gegen das Fleisch; beide stehen sich als Feinde gegenüber, so daß ihr nicht imstande seid das zu tun, was ihr wollt.

Als Verdienst des Augustinus können wir aber festhalten, daß er den selbstreflexiven Charakter jeglicher Betrachtung des Menschen hervorgehoben hat. Im Rahmen der Disziplinierung des Körpers fragt Augustinus nach der Struktur des Gedächtnisses. Insofern sich das Gedächtnis seiner erinnern kann und sogar noch das Vergessen in die Erinnerung rufen kann, ist das Gedächtnis selbst-reflexiver Art.

Da der Mensch den Grund seines Selbst nicht ausschöpfen kann, ist er auf Gott als Woher und Wohin angewiesen.

Augustinus formuliert das Wissen um die unabgeschlossene Natur des Menschen. Dieses Problem prägt die weitere Geschichte der Anthropologie. Will der Mensch sich beobachten, ist er zugleich selber Subjekt und Objekt der Beobachtung. Er steht sich also selber im Weg. Die Lupe, durch die er betrachtet ist gleichzeitig die Lupe, die er betrachten will.

3.4 Die Subjekt-Objekt-Identität der Anthropolgie: Kulturelle Konsequenzen eines sogenannten Mangels

Da, wo der Mensch sich selbst fassen möchte, kann er eine reflexiv uneinholbare Kluft nicht überwinden. Das ist nicht nur ein reflexionstheoretisches Problem, sondern auch ein kulturelles.

In der französischen Aufklärung galt das Axiom, daß hinter den historischen Ereignissen eine transhistorische, universelle Vernunft bzw. Natur am Werke ist. Montesquieu dagegen wies nach, daß verschiedene Staatsformen geprägt werden durch geopolitischen Bedingungen und nur im Zusammenhang mit kulturell geprägten, unbeliebigen Faktoren verstanden werden können. Es gibt also kein abstraktes Ideal transkultureller Universalität, sondern Differenzen und Eigenheiten, die die Natur und Vernunft eines Menschen prägen. Die Natur hat sehr viele Erscheinungsformen. Wir urteilen über die Dinge immer nur mit dem unbewußten Rückbezug auf uns selbst.

Der Mensch kann seine historische Identität als solche nur wahrnehmen, wenn er sich in Differenz zu anderen setzt. Im Fremden muß das Eigene und im Eigenen das Fremde gesehen werden. Falsch ist es, das Fremde auf das Eigene zu reduzieren. Das Anliegen der Kulturanthropologie ist, die Vielfalt und die Differenz von Lebensformen und menschlicher Selbstbedeutung zu respektieren bzw. dieser keiner imaginären wie auch gewalttätigen Monomanie eines vermeintlichen Humanums zu opfern.

Diese Pluralisierung hat sich praktisch in eine Auffächerung verschiedener Anthropologien vollzogen.

Scheler sah in der Geistbegabtheit des Menschen kein Gewährleistung seiner Einheit, sondern daß diese den Menschen vervielfältige: "Der Mensch ist ein so breites, buntes, mannigfaltiges Ding, daß die Definitionen alle ein wenig zu kurz geraten. Er hat zu viele Enden."

3.5 Konsequenzen und Ausblick

Die Möglichkeit einer Anthropologie wird heute skeptisch beurteilt. Die Entwicklung eines universellen Menschenbildes wird leicht der Verdacht angehaftet, das Ergebnis einer bürgerlich-abstrakten Emanzipation oder einer die übrige Welt totalisierende europäische Ethnozentrik zu sein.

Anthropologie ist aber insofern wichtig, als daß eine Ethik ohne Anthropologie die Orientierung für die Gewinnung inhaltlicher Normen verliert.

Für einen zukünftige Anthropologie leitet Wils vier Postulate ab

1. Das Postulat der Reflexivität: Anthropologie muß um den Grundsatz wissen, daß die Subjekt-Objekt-Identität nicht hintergehbar ist. Alle Theorien, die die Reflexivität als Epiphänomen degradieren, sind abzulehnen.
2. Postulat des Kontrastes: Der Sinn des Menschen läßt sich nur über den sinnlosen Abgründen seiner Verkennung gewinnen.
3. Postulat der Wechselseitigkeit des Fremden und Eigenen: Anthropologie ist ein Reflex auf eine das Andere und das Fremde einbeziehende Horizonterweiterung.
4. Postulat der Analogie: Die Lehre von Gnade und Rechtfertigung muß vor den Erkenntnissen und teilweise widersprüchlichen Ergebnissen der Anthropologie interpretiert werden. Dort, wo der Mensch in seinem Wesen Ähnlichkeiten zwischen sich und anderen, zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem entdeckt, ist die Unähnlichkeit immer größer. Der Mensch bleibt sein Wesen ein immer noch unentdecktes, auf den anderen geöffnetes. Die theologische Ethik muß den Menschen zwischen Identitätserfahrung und Differenz- bzw. Fremdheitserfahrung auslegen.

TEXTE

T 1

"Was ist mir näher als ich mir selbst? Und siehe, ich kann die Kraft meines Gedächtnisses nicht begreifen, obwohl ich doch zugeben muß, innerhalb seines Bereiches zu liegen."

Augustinus, Confessiones X, 16,24

Der Mensch kann den Grund seines Selbst nicht ausschöpfen und ist auf Gott als woher und wohin, als die unanschauliche Präsenz des Grundes des Selbstbewußtseins, als Ursprung einer unüberwindlichen Differenz im Menschen angewiesen.

T 2

"Der Mensch ist ein so breites, buntes, mannigfaltiges Ding, daß die Definitionen alle ein wenig zu kurz geraten. Er hat zu viele Enden."

M. Scheler, Zur Idee des Menschen

Scheler sah in der Geistbegabtheit des Menschen kein Gewährleistung seiner Einheit, sondern daß diese den Menschen vervielfältige.

T 3

„ Der Mensch ist weltoffen heißt: er entbehrt der tierischen Einpassung in ein Ausschnitt-Milieu. Seine physische Unspezialisierung oder Mittellosigkeit ist genauso ein Gegenbegriff der Weltoffenheit, wie umgekehrt beim Tier Organspezialisierung und Umwelt einander entsprechen... die Weltoffenheit ist ... grundsätzlich eine Belastung. Der Mensch unterliegt einer durchaus untierischen Reizüberflutung, der unzweckmäßigen Fülle einströmender Eindrücke, die er also irgendwie zu bewältigen hat. Ihm steht nicht eine Umwelt instinktiv nahegebrachter Bedeutungsverteilung gegenüber, sondern eine Welt - richtig negativ ausgedrückt: ein Überraschungsfeld unvorhersehbarer Struktur, das erst in Vorsicht und Vorsehung durchgearbeitet, das heißt erfahren werden muß ... aus eigenen Mitteln und eigentätig muß der Mensch sich entlasten, d.h. die Mängelbdingungen seiner Existenz eigentätig in Chancen seiner Lebensfristung umarbeiten ... Der Inbegriff der von ihm ins Lebensdienliche umgearbeiteten Natur heißt Kultur, und die Kulturwelt ist die menschliche Welt ... Die Kultur ist also die zweite Natur ... die unnatürliche Kultur ist die Auswirkung eines einmaligen, selbst unnatürlichen, d.h. im Gegensatz zum Tier konstruierten Wesens in der Welt.“

Arnold Gehlen. Der Mensch. Seine Natur und Stellung in der Welt. 1941

T 4

Rousseaus Vorstellung des Heraustretens aus der Natur, die noch heute den anthropologischen Dualismus charakterisiert:

Der Mensch ist von Anfang an in einem negativen Sinn „frei“, nicht durch instinktives Eingelassensein in seine Umwelt determiniert, und so kann es dem natürlichen Menschen im Laufe der Geschichte des Planeten irgendwann aus kontigenten Gründen zustoßen, daß er in eine Entwicklung gerät, die ihn zum Menschen im Sinn eines geschichtlichen, sittlichen und religiösen Wesen werden läßt. Dieser Zustand ist und bleibt jedoch ein Zustand der Entfremdung von der Natur. Geschichte und Natur werden inkommensurabel. Der anfängliche Homme naturel ruht in sich, und es gibt keinen Grund und kein Recht, ihn aus dem Befangensein in der Natur herauszuholen. Umgekehrt aber gibt es keinerlei „natürliche“ Maßstäbe, um die Lebensweise und Lebensformen des Menschen, der einmal zu geschichtlich-personalem Dasein gelangt ist, irgendwie beurteilen zu können. Person und Natur sind schlechthin inkommensurabel geworden.

Robert Spaemann. Über den Begriff einer Natur des Menschen

T 5

Wäre nämlich der intellectus agens eine substantia seperata, so wäre der Mensch „von Natur“ nicht hinreichend ausgestattet... Er besäße nicht in sich selbst die Prinzipien, durch die er die Tätigkeit des Erkennens ausführen könnte, ... darum verlangt die Vollkommenheit der menschlichen Natur, daß beide - aktive und passive Vernunft - etwas im Menschen sind.

Thomas v. Aquin

T 6

Die Spitze des Geistes sei nicht Gott, sondern ein Vermögen des Menschen, aber sie sei etwas in der Seele von der Art, daß, wenn die Seele ganz wäre, die Seele ungeschaffen und unerschaffen wäre. Meister Eckhart. Pred. 14

T 7

Die Natur versagt dem Menschen gegenüber nicht im Bereich des Notwendigen, obgleich sie ihm nicht, wie den Tieren, Waffen und Schutzwehren verliehen hat; denn sie hat ihm Vernunft und Hände gegeben, mit denen er sich diese Dinge selbst verschaffen kann. Ebenso versagt sie nicht dem Menschen gegenüber hinsichtlich des Notwendigen, wenn sie ihm kein Prinzip verlieh, durch das er die Seligkeit erreichen kann. Das wäre nämlich unmöglich. Dafür gab sie ihm den freien Willen, durch den er sich zu Gott bekehren kann, daß dieser ihn selig mache.

Thomas v. Aquin

Der Mensch, indem er die Natur übersteigt, bringt diese gewissermaßen erst zu sich selbst. Ihn ihm erst wird das, was Natur eigentlich und von sich her ist, sichtbar, weil ihre Um-willen-Struktur erst in ihm aus der Zweideutigkeit des Als-ob heraus und als freies Wollen und freie Anerkennung des nicht selbstgesetzten Grundes und Zieles hervortritt.

Gegenposition von Sylvester von Ferrara: „Wenn Gott das natürliche Ziel wäre, d.h. das Ziel, zu dem die Natur strebt, , wenn er jedoch andererseits nur auf übernatürliche Weise erreichbar wäre, dann hieße das, daß die Natur ihr Subjekt auf einen Zustand anlegte, den hervorzubringen diesem Subjekt doch unmöglich wäre. Ein in allen Naturen vorhandenes Streben aber, das auf keine Weise von Natur erfüllbar wäre, würde in der Natur vergeblich vorkommen... Es ist sinnlos, daß etwas durch einen Naturtrieb - eine einzige natürliche Neigung -erstrebt wird und daß der Mensch dennoch zu diesem Ziel nicht durch natürliche Fähigkeit gelangen kann. Denn die Natur hat von sich her nur Neigung innerhalb der Grenzen der Natur.

Der Mensch definiert sich nicht mehr durch ein ihn selbst übersteigendes Um-willen. Das ist eine Wende zum cartesianischen Weltbild, weg von der ekstatisch-teleologischen Bewegung.

T 8

Der normative Naturbegriff der Stoa.

"Ein tugendhaftes Leben ist gleichbedeutend mit einem Leben auf Grund der Erfahrung von dem, was natürlicherweise geschieht. Denn unsere eigene Natur ist ein Teil der Gesamtnatur. Darum ist das höchste Gut ein naturgemäßes Leben, d.h. ein Leben, gemäß unseren eigenen und der Gesamtnatur, so daß wir nicht tun, was das allgemeine Gesetz zu verbieten pflegt, nämlich die richtige, alles durchdringende Vernunft, die nichts anderes ist als Zeus der Lenker der Weltregierung. Eben darin besteht die Tugend des Glücklichen..., daß alles getan wird gemäß der Übereinstimmung der individuellen Persönlichkeit des Einzelnen mit dem Willen des Weltlenkers."

Chrysippos, Über das höchste Gut.

Referat: Anthropologie 04.05.99

Seminar: Grundzüge christlicher Ethik Leiter: Dr. Trzaskalik

Referent: Christoph Schmitz Matr. Nr.: 167783

1. Einleitung

Grundfrage: "Was ist der Mensch?"

Kants Dualismus der Anthropologie: physiologische und pragmatische Hinsicht Anthropologie Geistes- und Naturwissenschaft

2. Die biologische Sonderstellung des Menschen

Sonderposition durch: Sprachgebrauch (ermöglicht kulturelle Evolution), Anatomie der Hand, Vernunft

Nur Mensch zu objektiver Wahrnehmung fähig, kann Naturgesetze, also Logik der Natur erkennen. Evolution verläuft teleologisch in Richtung höherer Komplexität, höherer Informationsverarbeitung => größeren Abkopplung von der Umwelt

Ziel der Natur ist die Selbstaufstufung der Natur

Im Menschen vollendet sich die Natur -> Ist der Mensch das Ziel der Natur?

3.1 Konstituierung der Anthropologie als eigene Wissenschaft

Befreiung der Anthropologie aus der Metaphysik => Abkehr von der abstrakten Wesensnatur des Menschen, Berücksichtigung empirischer Daten, wie kulturelle und ethnische Unterschiede.

3.2 Elemente der Anthropologie-Geschichte

Protagoras: Der Mensch ist das Maß aller Dinge

Paradoxon: Die physiologischen Mängel des Menschen wurden als Bedingung seiner potentiellen Vollkommenheit interpretiert. Auflösung: Die Mangelsituation zwingt ihn zur Anpassung seiner Umwelt, nicht seine Anpassung an die Umwelt.

Patristik: Soteriologische Betrachtung, Leib als Metapher für die Heilsbedürftigkeit

Augustinus: Leibesfeindlichkeit. Sein Verdienst: Herausarbeitung des selbstreflexiven Charakters menschlicher Betrachtungsweisen. Mensch kann den Grund seines Selbst nicht ausschöpfen, darum ist er auf Gott als Woher? und Wohin? angewiesen.

3.4 Die Subjekt-Objekt-Identität der Anthropolgie: Kulturelle Konsequenzen eines Mangels

Da, wo der Mensch sich selbst fassen möchte, kann er eine reflexiv uneinholbare Kluft nicht überwinden. Nicht nur ein reflexionstheoretisches Problem, sondern auch ein kulturelles. Da, wo der Mensch sich selbst fassen möchte, kann er eine reflexiv uneinholbare Kluft nicht überwinden. Das ist nicht nur ein reflexionstheoretisches Problem, sondern auch ein kulturelles. Es existiert kien abstraktes Ideal transkultureller Identität, sondern Eigenheiten, die die Natur des Menschen prägen

Kulturanthropologie: Im Fremden das Eigene und im Eigenen das Fremde entdeckt werden

3.5 Konsequenz und Ausblick

Ist eine einheitliche Anthropologie möglich?

Eine Ethik ohne Anthropologie verliert die Orientierung für die Gewinnung inhaltlicher Normen.

4 Postulate für eine zukünftige Anthropologie:

- Postulat der Reflexivität
- Postulat der Kontrastes
- Postulat der Wechselseitigkeit des Fremden und Eigenen · Postulat der Analogie

8 von 9 Seiten

Details

Titel
Die Anthropologie und ihre Relevanz für die Wissenschaft
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,7
Autor
Jahr
1999
Seiten
9
Katalognummer
V97041
Dateigröße
347 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anthropologie, Christliche Ethik
Arbeit zitieren
Christoph Schmitz (Autor), 1999, Die Anthropologie und ihre Relevanz für die Wissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97041

Kommentare

  • Gast am 10.3.2002

    Ausdruck echt schwach; die Überarbeitung lohnt sich.

    Ich kann ja nich riechen wo der Junge zur Schule ist. Aber solch eine im "Ausdruck niedersten Bereich" Arbeit lohnt es sich wirklich nicht im Internet zu veröffentlichen. ZUM KUPFERN VIEL ZU SCHADE!!!

  • Gast am 29.10.2002

    Anthropologie.

    Schließe mich der Vorrednerin NICHT an; zum Inspirieren lassen sehr gut; gerade, wenn man das Thema in der Schule erst anfängt zu behandeln.

  • Gast am 26.9.2008

    Ausdruck schwach?.

    "die, dies besser weis" ist wohl der richtige Name. Ich weiß ja nicht, wo dieser Text im Ausdruck schwach ist. Bevor man sich über andere erhebt und so sinnlose Kommentare abgibt, sollte man es erstmal besser machen und vorallem seine Rechtschreibung kontrollieren. Schade "die, dies besser weis", aber dein Kommentar war etwas daneben.

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