Das Juwel im Morast? Humanismus vs. Krieg in Thomas Mores Utopia


Seminararbeit, 2000
13 Seiten, Note: 1,7

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Werkimmanente Betrachtung
2.1 Mores Idealstaat
2.2 Mores Kritik an der zeitgenössischen Außenpolitik
2.3 Außenpolitik Utopias
2.3.1 Außenbeziehungen
2.3.2 Krieg

3. Die Gegensätze
3.1 Kritische Betrachtung der Außenbeziehungen und des Krieges
3.2 Interpretationen
3.2.1 Die traditionelle und die sozialistische Sicht der Dinge
3.2.2 Die deutsche Annäherung
3.2.3 Das katholische Dilemma
3.2.4 Avineris Versuch

4. Schlussfolgerungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thomas Mores Staatsroman „De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia“ gilt als Entwurf einer idealen menschlichen Gesellschaft1. Formal ist das Werk in zwei Bücher aufgeteilt. Das erste gibt einen Dialog zwischen More und einem imaginären Reisenden, Raphael Hythlodäus, wieder, in dem die zeitgenössische englische Gesellschaft scharf kritisiert wird, das Zweite ist die romanhafte Beschreibung des „Nirgendortes“ Utopia und dessen sozialen, ökonomischen, politischen und religiösen Gegebenheiten.

Das Bild des idealen Staates wird jedoch getrübt: Utopia ist kein romantisches Paradies ohne Konflikte mit der Außenwelt, sondern ein Staat, von dem solche Konflikte ausgehen.

In dieser Arbeit soll der Versuch unternommen werden, zu erklären, wie es sich vereinbaren lässt, dass dieser innerlich friedfertige, von humanistischen Gedanken geprägte imaginäre Staat nach außen als imperiale Hegemonialmacht auftritt.

Hierzu soll zunächst anhand des Werkes die Situation dargestellt werden, bevor der Widerspruch aufgezeigt wird und verschiedene Interpretationen vorgestellt werden.

2. Werkimmanente Betrachtung

2.1 Mores Idealstaat

Wenn Ritter in „Die Dämonie der Macht“ fragt, ob More „ein Revolutionär, ein schwärmerischer Idealist“ sei, der „nur von der Wohlfahrt, den Rechten der Freiheit des Einzelnen weiß“; wenn er fragt ob More „die menschliche Natur für so edel, verträglich, wohlgesinnt“ hält und an die Möglichkeit glaube, es könne eine Gemeinschaftsordnung geben „in der es weder Kriege noch schwere Opfer für den Staat noch harte Gegensätze zwischen Armut und Reichtum zu geben braucht“2, so beschreibt er recht umfassend, was Utopia zu einem Idealstaat macht:

Der Entwurf ist revolutionär, ein humanistischer Staat, der auf „kompromissloser Vernunft“3 basiert. Die utopische Gesellschaft funktioniert durch gegenseitige Zusammenarbeit, Freundschaft und Frieden4. Für Mores Zeit neu sind beispielsweise eine (eingeschränkte) Demokratie sowie Freiheit der Arbeit und allgemeine Bildung oder auch das Fehlen von Privateigentum sowie (weitgehend) von Klassenunterschieden. Ebenfalls revolutionär ist die religiöse Toleranz der Utopier: Es gibt viele Religionen auf der Insel, wichtig ist nicht an wen geglaubt wird, sondern dass ein Glaube besteht - wer einen anderen Glauben schlecht macht, wird bestraft5. Wer keinen Glauben hat wird zwar toleriert, aber geächtet und kann keine hohen Ämter besetzen.6

2.2 Mores Kritik an der zeitgenössischen Außenpolitik

7 In Buch I lässt More Hythlodäus die zeitgenössische Außen- und Kriegspolitik kritisieren. Die Beweggründe und Vorgehensweisen werden als immoralisch dargestellt. Angeprangert wird die Macht- und Kriegsgier der Monarchen - indirekt, da geschildert wird, was deren Berater empfehlen - und das Vorgehen als solches: der Verrat an Bündnispartnern, das Söldnertum, Bestechung, Betrug und Heuchelei. Außerdem beklagt er, dass Kriege Staatsschätze erschöpfen und Völker zu Grunde richten. Diese Kritik geht laut Avineri an die direkte Adresse Heinrichs des Achten8.

Wie später gezeigt wird, ergeben sich daraus bereits Widersprüchlichkeiten, da der Idealstaat teilweise hier angeprangerte Methoden einsetzt.

2.3 Außenpolitik Utopias

In Buch II - welches More zuerst geschrieben hat - werden verschiedene Aspekte der utopischen Außenpolitik an mehreren Stellen, insbesondere im Kapitel „Vom Kriegswesen“ beschrieben. Wie die gesamte Außenpolitik, wird auch der Krieg dem rationalen unterstellt9.

2.3.1 Außenbeziehungen

Der Außenhandel ist der wichtigste Aspekt der utopischen Außenpolitik: er ist die Grundlage für den Reichtum des Staates, der dazu verwendet wird, die in Buch I kritisierten Kriegshilfen Söldnertum und Bestechung zu bezahlen10.

Der Staat Utopia ist relativ autark, wichtigste Handelsgüter außer Eisen sind Gold und Silber11. Edelmetalle dienen den Utopiern ausschließlich zur Bezahlung der Kriegsführung, aus diesem Grund werden daraus Nachtgeschirre und Sklavenfesseln hergestellt - würden sie daraus für die Bevölkerung wertvolle Gegenstände herstellen, könnten diese im Kriegsfall, wenn das Gold zur Bezahlung von Söldnern eingeschmolzen werden muss, sich davon nur ungern trennen12.

Außer Handelspartner unterscheiden die Utopier Bundesgenossen („Völker, die Personen der Staatsverwaltung bei ihnen entlehnen13 “) und Freunde (Völker „denen sie Wohltaten erwiesen haben“14 ) und nicht zuletzt ihre Kolonien - ungenutzte Gebiete auf fremdem Territorium, die sie für sich in Anspruch nehmen wenn die Bevölkerungszahl auf der Insel Utopia zu groß wird, sie also neuen Lebensraum benötigen.

Bündnisse, wie sie andere Völker kennen - Europa - gehen sie nicht ein, da diese nicht stabil sind, häufig gebrochen werden: „Wozu dient ein solches Bündnis? [...] Als ob die Natur nicht einen Menschen dem andern schon genügend durch freundliche Bande verbunden hätte?“15 Sie verachten den andernorts üblichen Vertragsbruch.

2.3.2 Krieg

In Mores Werk findet man das Konzept des „bellus iustum“ Augustins wieder16. Der ideale Staat Utopia kann nur „gerechte“ Kriege führen, die Begründung muss moralisch und rational sein.

Als solches versteht More den Schutz der Grenzen oder das Eingreifen, sollte ein befreundetes Volk angegriffen werden. Aus „purer Menschenliebe“ greift Utopia auch dann ein, wenn ein unterdrücktes Volk, „dessen sie sich erbarmen“, von der Tyrannei eines anderen befreit werden soll. Sie helfen auch, wenn ein befreundeter Staat um eine - in ihrem Verständnis - gerechte Sache kämpft. Besonders energisch reagieren sie, wenn befreundete Kaufleute übervorteilt worden sind. Werden eigene Bürger pekuniär geschädigt reagieren sie nur mit dem Abbruch der Beziehungen - Utopier verlieren kein Privat- sondern nur Gemeingut, welches im Überfluss vorhanden ist, es kommt also kein Gefühl eines Schadens auf. Wird ein Utopier jedoch verletzt oder getötet, erklären sie sofort den Krieg, wenn ihnen die Verantwortlichen nicht ausgeliefert wurden und sie diese also nicht nach ihrem Recht bestrafen können.17

Der Krieg selbst wird ebenfalls nach moralischen und rationalen Aspekten geführt. Er soll schnell und unter Schonung menschlicher Ressourcen (vornehmlich der eigenen) geführt werden. Eines blutigen Sieges schämen die Utopier sich, auf einen durch „Kriegskunst und List“ errungenen Triumph sind sie stolz18.

Krieg ist für die Utopier nur Mittel zum Zweck, die utopische Außenpolitik folgt auch hier dem Grundsatz nach Erhaltung von Ordnung und göttlichem Recht19 und dem entschiedenen Willen, die Grauen des Krieges von der Insel fern zu halten20.

3. Die Gegensätze

Im vorangegangen Abschnitt wurden zwei konträre Seiten Utopias aufgezeigt. Zum einen ist da dieser gute humanistische Staat, in dem zu leben sicher manch ein Zeitgenosse Mores sich gewünscht hätte. Zum anderen ist dieser Staat zwar innerlich friedliebend, zeigt jedoch durchaus aggressive Züge in der Außenpolitik.

More leitet das Kapitel „Zum Kriegswesen“ mit folgenden Worten ein:

„ Den Krieg verabscheuen die Utopier als etwas geradezu Bestialisches, womit sich gleichwohl keine Gattung wilder Tiere so häufig zu schaffen macht wie der Mensch; und entgegen den Sitten fast aller andern Völker halten sie nichts für so unrühmlich, als den im Kriege erstrebten Ruhm; nichtsdestoweniger jedochüben sie sich sehr eifrig in soldatischer Zucht [...] damit im Falle der Not auch sie zum Kriege nicht untüchtig sind. “

So entsteht zunächst der Eindruck, Utopia sei nur der äußerlichen Bedrohung gewahr - was man auch einem „guten“ und friedfertigen Staat sicherlich nicht absprechen möchte.

Im Folgenden zeigt sich jedoch, wie weiter vorne beschrieben, dass Krieg für Utopia nicht ausschließlich im Verteidigungsfall möglich ist.

3.1 Kritische Betrachtung der Außenbeziehungen und des Krieges

Man erkennt in Utopia durchaus das römische Konzept der „socii“ und „amicii“21: Ihre Bundesgenossen sind Völker, die sich von Utopiern regieren lassen - man könnte das auch Vasallen nennen. Ihre Freunde sind jene, denen sie Wohltaten erwiesen haben, also ebenfalls abhängige Völker, nicht gleichberechtigte Verbündete.

Nicht minder kritikwürdig ist das Vorgehen bei der Erweiterung des utopischen Lebensraums. Mag man in der Besetzung unbesiedelten, fremden Territoriums noch ein vernünftiges Vorgehen sehen, so erstaunt doch die utopische Arroganz, sich solches Territorium kriegerisch zu sichern, wenn sie auf - verständlichen - Widerstand der Einheimischen treffen.

Utopia erbittet nicht die Genehmigung zur Nutzung solcher Gebiete, es fordert hier sein - aus seiner Sicht - Recht ein und stellt dieses über das Recht der anderen.

Man erkennt hier also durchaus imperialistische und hegemoniale Züge an diesem innenpolitisch so guten und gerechten Staat. Avineri bescheinigt More hier, die kolonialen und imperialen Ansprüche seines Utopia zu einem Naturrecht zu erheben - wer gegen Utopia ist, ist auch gegen die Natur22.

In der utopischen Kriegsführung sieht er eine perfekte Adaption des Konzeptes „divide et impera“23: Haben die ersten strategischen Versuche einen Feind zu besiegen (Militärmacht und Meuchelmord des feindlichen Herrschers - zur Schonung der menschlichen Ressourcen der Utopier) nicht gegriffen, werden dessen Nachbarstaaten aufgehetzt; diesen wird alle nötige Hilfe zuteil.

Ein weiteres Paradoxon wirft ein dunkles Licht auf den Idealstaat. Durchaus humanistisch werden auch die natürlichen Ressourcen des Feindes - wie die Lebensmittelindustrie - nicht sinnlos zerstört, eine im 16. Jahrhundert sicher erstaunliche Handlungsweise, auch wenn hier der vernünftige Eigennutz des Siegers Vater des Gedankens ist. Gar nicht so menschenfreundlich ist jedoch die Behandlung der Besiegten: Die Soldaten werden versklavt, die Bevölkerung durch prunkvoll lebende (!!) Quästoren aus Utopia gedemütigt24.

Ebenfalls kritisch kann die Einstellung Mores gegenüber den Zapolethen - dem Söldnervolk - betrachtet werden. Sie werden recht deutlich als „Untermenschen“ (Averni: „Unmenschen“25 ) beschrieben26 und es ist den Utopiern ziemlich gleichgültig, wie viele dieser Söldner für sie im Krieg sterben.

3.2 Interpretationen

3.2.1 Die traditionelle und die sozialistische Sicht der Dinge

Die „traditionelle“ Sichtweise Utopias nimmt den Großmachtcharakter des Idealstaates nicht wahr; es wird sich darauf beschränkt, die humanistischen oder christlichen Aspekte des Werkes zu beleuchten: Toleranz, Anti-Absolutismus sowie die moralischen und religiösen Werte der Utopier. Das Kapitel „Zum Kriegswesen“ scheint auf seine Einleitung reduziert, nach der die Utopier den Krieg verabscheuen27.

Auch die sozialistische Interpretation des Werkes geht nicht weiter auf den Krieg in Utopia ein. More wird als kommunistischer Vordenker vereinnahmt, das Vorhandensein der Sklaverei fast entschuldigend beleuchtet, das Kapitel „Zum Kriegswesen“ zur Satire deklariert - ohne zu erklären, warum gerade diese Kapitel eine Satire sei und nicht irgend ein anderes.28

3.2.2 Die deutsche Annäherung

Erst in den 1920 er-Jahren wird diesem vorletzten Kapitel Utopias eine bedeutende, zentrale Stellung zuerkannt. Avineri bezweifelt, dass es ein Zufall ist, dass diese neue Sicht im Deutschland nach dem Versailler Vertrag entstand. Oncken versteht hier das zweite Buch Utopias als realpolitisches Programm des künftigen Ministers Heinrichs des VIII. Utopia ist für ihn das England der Tudors. Er stellt fest, dass More beim Lebensraumproblem wegen seiner Katholizität nicht auf die Platon‘sche Verhütungspolitik zurückgreifen konnte, Kolonialisierung also nicht im Widerspruch zum friedliebenden Staat zu sehen sei. Allerdings wirft er More vor, einen ethischen Code zu konstruieren, der es ihm ermöglicht Utopia als den idealen Staat darzustellen und zu proklamieren, dass ein von Utopia ausgelöster Krieg notwendigerweise ein „gerechter“ Krieg sei29.

Vom Zeitgeist geleitet, dient Utopia in diesen Jahren als Beweis für die kommunistische Gefahr wie auch für die englische Ur-Feindschaft gegen Deutschland. Die Versailler Verhandlungen seien die Inkarnation von Utopia: Eine selbsterklärte pazifistische Nation gewann mit Hilfe von Söldnern, Korruption, Verrat und Propaganda den Krieg und machte die Opfer zu einem Volk von Sklaven.30

Ritter - dessen „Dämonie der Macht“ 1940 weit andere Töne verbreitete als 1948 - schreibt:

„ Die Dämonie der Macht versteckt ihr wahres Antlitz hinter der Maske der Gerechtigkeit; die um ihre Macht kämpfenden Utopier treten nicht als Anwälte sondern als Richter auf. Von der Naturlehre Machiavellis her gesehen, wird ihre Sache dadurch nicht besser, sondern schlimmer: sie erscheinen den Machiavellisten als Heuchler und Pharisäer - als Raubtiere im Fell des Unschuldigen Lammes. Aber für Morus stellt sich der Sachverhalt völlig anders dar. “ 31

Er unterstellt More den Grundgedanken für englischen Imperialismus gelegt zu haben. Avineri sieht in Ritter - neben Oncken - einen der Protagonisten der anti-britischen Sichtweise von Utopia, attestiert aber, dass beide ebenfalls wichtige Vorreiter in der Frage der Interpretation des Krieges in Mores Werk sind.

„ Im Gegensatz dazu steht nun das verquälte Bemühen der Autors, auch die Kriegsführung, diese urtümlich-vitalsteäußerung staatlichen Machtwillens, in ein rationales System politischer Humanität hineinzupressen “ 32

Ob man es so drastisch ausdrücken muss, sei dahingestellt, der Gegensatz zwischen Humanität und imperialistischem Gebaren ist jedoch vorhanden und verlangt nach Interpretation.

3.2.3 Das katholische Dilemma

In den 1930er-Jahren erwacht das Interesse an More unter den Katholiken, die sich in der Gefahr sahen, einen machiavellistischen Heiligen zu verehren. Zudem propagierte dieser die Nichtigkeit des Besitzes, Scheidung und sogar Selbstmord, was ihm einen Platz auf dem Index gesichert hatte. So wird hier der Dialog zwischen More und Hythlodäus so verstanden, dass letzterer „Anwalt“ Utopias sei, More ein ursprünglich positiv beeindruckter Zuhörer, der mehr und mehr Abneigung gegen den Idealstaat verspüre. Die utopische Gesellschaft sei also nicht Mores eigenes, ultimatives Ideal; die religiöse Toleranz der Utopier stört das Bild des Heiligen Märtyrers. Katholisch interpretiert sind Werte wie Vernunft und Toleranz führend in Utopia, während der theologische Aspekt unperfekt ist; Utopia bedeute „nirgends“ also auch einen „unerwünschten“ Ort, sozusagen das 198433 des 16. Jahrhunderts34. More hätte demzufolge versucht zu beweisen, dass die Emanzipation der Politik und des Gesellschaftslebens von der Religion nicht möglich sei, „trying to prove the impossibility of achieving ultimate perfection without salvation.“35

Dieser Interpretationsversuch hat, schreibt Avineri, eine gewisse Attraktivität, jedoch unterstreicht er, dass dafür jegliche zeitgenössische Hinweise fehlen. Jene geben eindeutige Hinweise, dass More durchaus ein Ideal konstruieren wollte.

3.2.4 Avineris Versuch

36 Er versteht Utopia als das in Mores Sicht äußerst erreichbare politische Ideal - jeder positive Aspekt des menschlichen Wesens muss demnach maximiert werden, was eine steife Institutionalisierung erfordert und den Idealstaat zu einem totalitären System macht (Reglementierung des - monotonen und uniformen - Tagesablaufs, intellektuelle Indoktrination, die genaue Kontrolle von Heirat und Scheidung, die Notwendigkeit von Reisegenehmigungen...). Das utopische Denken geht nicht davon aus, dass das menschliche Wesen perfekt sei, im Gegenteil. Das Böse muss also aus dem Paradies vertrieben werden und das Paradies vor dem Bösen beschützt werden, was Utopus durch den Bau des Kanals erreicht hat.

„ Thus Utopia is the gem in the morass of human evil “ 37

Da More das Böse nicht aus der gesamten Welt verbannen konnte, trennte er es moralisch und geographisch vom Juwel Utopia, so dass dieses seine Reinheit und Perfektion bewahren kann.

Hierdurch erklärt Avineri das Paradoxon des Krieges. Per se sind alle außerhalb Utopias unrein, sonst wären sie ja Utopier. Wollen sie sich nicht unter den Einfluss Utopias stellen - sich dem Guten zuwenden - beweisen sie ihre Schlechtheit und können ausgerottet werden:

„ When it thus comes to a fight between the Sons of Light and the Sons of Darkness, no moral restraints are put on the Saints “ 38 Den Einsatz der Zapolethen erklärt Avineri dadurch, dass der Krieg korrumpiert und es dadurch nur logisch sei, diese bereits schlechten Söldner einzusetzen - ihr Tod sei daher auch kein Verlust. In dieser Interpretation stellt er die „tragische Seite des Paradoxons der Perfektion“ fest: Beginnt man mit der Annahme, eine Gruppe sei perfekt weil sie keine Verbrechen oder Sünden begeht, so schließe sich der Kreis bald wenn man sage, dass sie keine Sünde begeht weil sie perfekt ist.

4. Schlussfolgerungen

Warum der Konflikt zwischen der Machtorientiertheit und der humanistischen Perfektion erst ab etwa 400 Jahre nach der Veröffentlichung Utopias zur Diskussion kam, ist erstaunlich. Diese Diskussion folgte jedoch zunächst Doktrinen, zur einen der politischen im Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg, zum anderen der katholischen, die sich damit auseinandersetzen musste, dass ein Werk eines Heiligen auf dem Index steht.

Ist eine wirklich objektive Interpretation immer Problematisch - jeder Autor wird vom Zeitgeist seiner Generation mitgeprägt - kann man diesen beiden Ansätzen deutlich subjektive Einfärbungen vorwerfen:

- More hat mit Sicherheit nicht das Britisch Empire vorhergesehen und dieses wird sich bei seinem Entstehen und in seiner Politik mit Bestimmtheit nicht auf Mores Werk gestützt haben.
- Man kann davon ausgehen, dass der gebildete More sich nicht derart auf die Konstruktion eines Ideals konzentriert hat, welches er nicht gedanklich unterstützt hätte.

Das Anliegen Mores ausschließlich aus zeitgenössischen Dokumenten heraus zu ermitteln, hatte Jäckel in seiner Dissertation. Er kommt zu dem Schluss, dass es sich bei Utopia um mehr als ein jeu d’esprit handelt, sondern dass More „die experimentelle Vereinzelung und Verabsolutierung der menschlichen, natürlichen Vernunft für den staatlich-politischen Bereich“39 im Sinn hatte. Wenngleich Jäckel teilweise den vorgenannten Interpretationsversuchen - nicht kritiklos - folgt, ist es vorstellbar, dass diese Einschätzung der Realität sehr nahe kommt. Mit ihr Zusammen kann man Avineris teilweise vielleicht etwas romantisch anmutende Interpretation durchaus folgen. Zumindest erscheint seine Erklärung des Widerspruchs recht logisch. Das Bild des Juwels im Morast, der Söhne des Lichts und derer der Dunkelheit vermag am ehesten die arrogant erscheinende Diskrepanz zwischen der friedlichen Innen- und kriegerischen Außenpolitik Utopias verständlich zu machen.

Der Widerspruch bleibt bestehen, wird aber - versucht man nach fast 500 Jahren in Mores Gedanken zu blicken - plausibler.

Freiburg, den 7. Mai 2000

Jean-Christophe Haimb

Letzte Änderung dieser HTML-Version: 31.05.2000

5. Literaturverzeichnis

Text:

Morus, Thomas: Utopia, übersetzt von Kothe, Herrmann, Frankfurt / Main, Insel 1992 Literatur:

Avineri, S.: War and slavery in More’s Utopia, International Review of Social History, Vol. VII, S. 260 - 290, 1962

Caspari, F.: Humanismus und Gesellschaftsordnung im England der Tudors, Bern, Francke, 1988

Herz, D.: Thomas Morus zur Einführung, Hamburg, Junius, 1999

Jäckel, E.: Experimentum rationis, Christentum und Heidentum in der „Utopia“ des Thomas Morus, Inauguraldissertation, Freiburg, 1955

Präuer, A.: Zwischen Schicksal und Chance, Arbeit und Arbeitsbegriff in Großbritannien im 17. und 18. Jahrhundert auf dem Hintergrund der „Utopia“ des Thomas More, Berlin, Duncker und Humblot, 1997

Ritter, G.: Die Dämonie der Macht: Betrachtungen über Geschichte und Wesen des Machtproblems im politischen Denken der Neuzeit, 6. umgearb. Auflage, München, Leibniz, 1948

[...]


1 Der Brockhaus multimedial unter „More, Sir Thomas“

2 Ritter, S. 65

3 Präuer, S. 29

4 Caspari, S. 77

5 Utopia, S. 183ff.

6 Utopia, S. 188

7 Utopia, S. 72ff.

8 Avineri, S. 266

9 Herz, S. 68

10 Utopia, S. 123

11 Utopia, S. 122

12 Utopia, S. 124f.

13 Utopia, S. 163

14 Ebenda

15 Ebenda

16 Avineri, S. 273

17 Utopia, S. 167ff.

18 Utopia, S. 169

19 Herz, S. 69f.

20 Präuer, S. 229

21 Avineri, S. 261f.

22 Avineri, S. 264

23 Avineri, S. 263

24 Utopia, S. 180f.

25 Averni, S. 263

26 Utopia, S. 173f.

27 Averni, S. 266

28 Avineri, S. 268ff.

29 Avineri, S. 271ff.

30 Avineri, S. 274

31 Ritter, S. 81

32 Ritter, S. 83

33 Gemeint ist das gleichnamige Werk George Orwells

34 Avineri, S. 279f.

35 Avineri, S. 284

36 Avineri, S. 287ff.

37 Avineri, S. 288

38 Avineri, S. 289

39 Jäckel, S. 99

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Das Juwel im Morast? Humanismus vs. Krieg in Thomas Mores Utopia
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Seminar für wissenschaftliche Politik
Note
1,7
Autor
Jahr
2000
Seiten
13
Katalognummer
V97058
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Weitere Formate zum Download unter http://www.haimb.de/jc/hausarbeiten/pol3.html
Schlagworte
Juwel, Morast, Humanismus, Krieg, Thomas, Mores, Utopia, Seminar, Politik
Arbeit zitieren
Jean-Christophe Haimb (Autor), 2000, Das Juwel im Morast? Humanismus vs. Krieg in Thomas Mores Utopia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97058

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