Horkheimers Kritik an der marxistischen Orthodoxie


Seminararbeit, 2000

15 Seiten, Note: 2


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Gliederung:

1. Einleitung

2. Biographie von Max Horkheimer

3. Kritik am theoretischen Marxismus
3.1 Basis - Überbau
3.2 Telos der Geschichte
3.3 Rolle des Proletariats

4. Kritik am praktischen Marxismus
4.1 der Sowjetunion
4.2 der Kommunistischen Partei Deutschlands

5. Schlußbemerkung

6. Literaturangabe

1. Einleitung:

Die Publikationen von Max Horkheimer zwischen 1926 und 1940 verkörpern in vielen Momenten Horkheimers marxistische Grundeinstellung. Weder in seinen Schriften, Aufsätzen, noch in seinen Reden und Vorlesungen bezweifelt er die grundsätzliche Gültigkeit der marxistischen Theorie, bezüglich der Herrschaft der Warenform.

,,... diese Welt ist nicht die ihre [der Gesellschaft d. Verf.] , sondern die des Kapitals." 1

In seinem Hauptwerk Traditionelle und kritische Theorie stellt er fest, dass die grundlegende Struktur, das Klassenverhältnis in seiner einfachsten Gestalt identisch geblieben ist und er verweist in einer Fußnote darauf, dass er den Begriff >kritisch2 < im Sinne der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie versteht Dennoch bleibt festzustellen, dass der Gründer des Instituts für Sozialforschung und der Übervater der Kritischen Theorie sich vom Marxismus als allgemeingültige und umfassende Ideologie abwendet und an etlichen Grundpfeilern der theoretischen marxistischen Orthodoxie rüttelt, insofern er es ablehnt, aus der marxistischen Analyse der Ökonomie eine geschichtsphilosophische Rückversicherung für die Verbindung von Theorie und Praxis zu ziehen, welche somit zu einem Dogma ohne empirischen Beweis wird. Das Wesen der kritischen Theorie, besteht somit darin, theoretische Überlegungen mit empirischen Mitteln an der Praxis zu testen um diese zu belegen oder zu widerlegen.

,,Zeigen sich dagegen Widersprüche zwischen Erfahrung und Theorie, so wird man diese oder jene revidieren müssen. Entweder hat man schlecht beobachtet oder mit den theoretischen Prinzipien ist etwas nicht in Ordnung 3 ", Horkheimer und macht seine Einstellung deutlich, dass jede Theorie, egal ob man sie als falsch oder richtig bertachtet, praktisch zu überprüfen ist und somit auch der Marxismus und seine Ideologie empirisch zu überprüfen sind. Die kritische Theorie benutzt stets wechselseitig die gesellschaftliche Basis und den kulturellen Überbau als Schlüssel zur Analyse, insbesondere den Zusammenhang von Erkenntnistheorie und Realgeschichte. Horkheimer hat nicht den Anspruch die marxistische Theorie bloßzulegen, sondern er versucht sie mit der Wirklichkeit zu messen und Punkte, welche sich als überholt oder utopisch erweisen, weiter zu entwickeln. Max Horkheimer möchte nicht der Totengräber der marxistischen Idee sein, sondern deren Retter vor einer völligen Dogmatisierung durch die orthodoxen Marxisten mit ihrem Marxismus-Leninismus.

Diese Hausarbeit wird versuchen zum einen die inhaltlichen und theoretischen Differenzen zwischen dem traditionellen Marxismus und Max Horkheimer herauszustellen und zum anderen die Kritikpunkte Horkheimers am Marxismus - Leninismus darzustellen.

2. Biographie Horkheimers

4 Max Horkheimer wurde am 14. Februar 1895 in Stuttgart-Zuffenhausen als Sohn des jüdischen Textilfabrikanten Moriz Horkheimer geboren. Er verließ noch als Unterprimaner das Gymnasium, um in der väterlichen Fabrik eine Lehre zu beginnen. Im Jahre 1911 beginnt seine Freundschaft mit Friedrich Pollock, mit dem er von 1912 bis 1914 im Ausland verweilte, um ein Volontariat zu absolvieren und um praktische Erfahrung als Kaufmann zu gewinnen, schließlich sollte er, früher oder später, die väterlich Fabrik übernehmen. Nach der Rückkehr im Juli 1914 arbeitete er als Prokurist und Betriebsleiter bei seinem Vater und wurde deshalb vom Militärdienst verschont. Von der Kriegsbegeisterung ließ sich Max Horkheimer zu keiner Zeit anstecken und entwickelte gerade in den frühen Tagen des ersten Weltkrieges einen fundamentalen Pazifismus, welchen ihn sein ganzes Leben begleiten sollte. Im Jahre 1916 begann das Verhältnis zwischen Max Horkheimer und der Privatsekretärin seines Vaters, der neunundzwanzigjährigen Rose Christin Riekher, was zum Bruch zwischen Vater und Sohn führte. Kurz darauf wurde Horkheimer zum Militärdienst berufen, kam aber um eine Frontstellung herum und erlebt nur passiv die Niederlage Deutschlands vom Krankenbett eines Münchners Hospitals aus mit.

Im Jahre 1919 holte Max Horkheimer zusammen mit Pollock in München das Abitur nach und begann anschließend mit dem Studium der Psychologie, Philosophie und der Nationalökonomie in Frankfurt/Main. Im Jahr 1920 ging er für ein Semester nach Freiburg, um bei Hussler und Heidegger Philosophien zu hören. Nach seiner Rückkehr nach Frankfurt widmete er sich ausschließlich der Philosophie und promovierte im Januar 1923 unter Hans Cornelius, bei dem er auch anschließend als Assistent arbeitete. Im Jahre 1925 erfolgte Horkheimers Habilitation über Kants Kritik der Urteilskraft als Bindeglied zwischen theoretischer und praktischer Philosophie. Aus dieser Zeit datiert auch die Bekanntschaft mit Theodor W. Adorno, welche sich damals beide als Marxisten verstanden. Im Jahre 1926 heiratete Horkheimer Rose Christine Riekher und lehrte als Privatdozent an der Frankfurter Universität.

Im Jahre 1930 wurde er zum Ordinarius für Sozialphilosophie und zum Direktor des Instituts für Sozialforschung berufen. Im Jahre 1931 begann er mit der Herausgabe der Zeitschrift für S ozialforschung. 1933 flüchtete in die Schweiz und ein Jahr später in die USA, wo er Dämmerung unter dem Pseudonym Heinrich Regius veröffentlichte. Horkheimer und ein Großteil der Mitglieder seines Instituts blieben bis 1949 in den USA und gingen dort weiterhin ihren sozialwissenschaftlichen Arbeiten nach und auch die Zeitschrift für Sozialforschung wurde bis 1940 veröffentlicht.

Nach der Rückkehr nach Deutschland wurde im Jahr 1950 das Institut für Sozialforschung wieder eingerichtet und ein Jahr später wurde Max Horkheimer Rektor der Universität Frankfurt. 1959 fand die Emeritierung Horkheimers statt und im Jahr 1973 starb Horkheimer, der Begründer der Kritischen Theorie in Nürnberg

3. Kritik am theoretischen Marxismus

3.1 Basis - Überbau

Bereits in seiner Antrittsvorlesung am Institut für Sozialforschung im Jahre 1930 verdeutlicht Horkheimer seine Kritik am Basis - Überbau Modell des Marxismus, indem er das Verhältnis von Basis - Überbau und von Sein und Bewußtsein, als zentralen Forschungsbestand seines Instituts und das Verständnis der gegenwärtigen Epoche benennt und somit Abstand nimmt vom dogmatischen Gebrauch, vom uinversalistischen Glaube des Marxismus, dass das Sein das Bewußtsein bestimmt und die Basis den Überbau.

Das traditionelle Modell von Basis und Überbau, welches sich als starr und undialektisch, auf neue gesellschaftliche Veränderungen im 20. Jahrhundert zu reagieren, erwies, wird von Horkheimer durch ein neues Modell ersetzt, welches das Primat der materiellen Produktion und Existenz, für ausnahmslos jedes menschliche Handeln, in Frage stellt und die Überlegung aufwirft, ob nicht auch der Überbau, in Wechselwirkung mit der Basis, als Emanzipator in Erscheinung treten kann.

Der traditionelle Marxismus geht davon aus, dass der gesellschaftliche Überbau, die Gesamtheit der politischen, religiösen, philosophischen und wissenschaftlichen Vorstellungen beziehungsweise Verhältnisse, das Produkt der sozialökonomischen Basis darstellt. Diese Basis, die tragende Schicht der Gesellschaft, besitzt demnach das Monopol auf jede gesellschaftliche Veränderung. Diese These, das Fundament der marxistischen Philosophie, wird von Max Horkheimer an zwei Punkten kritisiert.

Zum Ersten bestimmt für Horkheimer zwar das Materielle, genauer gesagt das Ökonomische, Sein den Menschen, aber nicht ausschließlich und zum Zweiten sieht er die Notwendigkeit den Überbau, konkret die Wissenschaft, als Teil der potentiellen revolutionären Masse anzusehen.

Die materialistische Lehre, dass alle seelischen Vorgänge, zum Beispiel auch die Gefühle, materielle Bewegungsvorgänge seien, ist demnach falsch" 5

Horkheimer geht durch diese Aussage auf Distanz und löst sich von der Starrheit einer nur auf Materialismus aufgebauten Philosophie. In seinem 1932 vor der Frankfurter Kant- Gesellschaft gehaltenen Vortrag Geschichte und Psychologie erneuert er seine Kritik an einer Reduzierung des menschlichen Daseins auf Materie und führt die Psychologie als Faktum ein. Er geht zwar weiterhin von der Ökonomie als das ,,Umfassende und Primäre" 6 aus, aber die ,, Erkenntnis der Bedingtheit im einzelnen, die Durchforschung der vermittelnden Hergänge selbst und daher auch das Begreifen des Resultats hänge von der psychologischen Arbeit ab" 7

Die Psychologie wird von Horkheimer als Element für menschliches Handeln angebracht und das ideologische marxistische Haus bricht an zwei Stellen ein. Erstens ist nicht die Ökonomie für alles Handeln verantwortlich und daraus folgt zum Zweiten, dass das Sein nicht ausschließlich das Bewußtsein steuert. Die Rolle der Individuen lässt sich nicht in ,,bloße Funktionen derökonomischen Verhältnisse auflösen" 8

Der zweite Kritikpunkt von Max Horkheimer am marxistischen Basis - Überbau Modell betrifft die Rolle und Funktion des Überbaus. Horkheimer, geprägt durch die ,,Ohnmacht der deutschen Arbeiterklasse" 9 erkennt die Notwendigkeit, dass es eine gesellschaftliche Emanzipation nur geben kann, wenn sie von Oben und Unten getragen wird. Die Basis, das Proletariat, ,,besitzt keine Garantie der richtigen Erkenntnis" 10 und kann somit auch nicht ausschließlicher und einziger Träger einer revolutionären Bewegung sein. Horkheimer sieht einzig und allein in einem gesellschaftlichen Miteinander von Basis und Überbau, eine theoretische Möglichkeit auf Veränderung.

,,Der Intellektuelle, der bloßin aufblickender Verehrung die Schöpferkraft des Proletariats verkündigt und seine Genugtuung darin findet, sich ihm anzupassen und es zu verklären, , diese Massen blinder und schwächer macht, als sie sein müsse." 11

Horkheimer versucht die systematische Trennung von Basis - Überbau, welche oftmals in einer Glorifizierung der Arbeiter durch die marxistischen und progressiven Theoretiker zum Vorschein kommt aufzubrechen, indem er die Wissenschaftler und Intellektuellen auffordert selbst Teil der Bewegung zu werden.

,,Sein eigenes Denken [des Intellektuellen .d.V.] gehört als kritisches, vorwärtstreibendes Element zu ihrer Entwicklung mit hinzu" 12

Horkheimer sieht also die Aufgabe der Wissenschaft darin, ein Teil der Basis zu werden um dies nach vorne zu bringen. Er soll und darf die Basis nicht verherrlichen, sondern muss sich selbst und seine Theorien, ebenso wie das Proletariat und das bestehende Gesellschaftsmodell, kritisch hinterfragen.

,, In der Person des Theoretikers tritt dies deutlich zutage, seine Kritik ist aggressiv nicht bloßgegenüber den bewußten Apologeten des Bestehenden, sondern eben sosehr gegenüber ablenkenden, konformistischen oder utopischen Tendenzen in den eigenen Reihen." 13

3.2 Telos der Geschichte

Der Marxismus beruht auf der Erkenntnis, dass ,, die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen ist"14 und der Feststellung: ,, wir kennen nur eine Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte."15 Aus dieser Überlegung heraus entwickelten Karl Marx und Friedrich Engels die Behauptung, dass eine proletarische Revolution ein unumgängliches Naturgesetz darstellt.

,,Die geschichtliche Entwicklung macht eine solche Organisation [eine bewußte Organisation der gesellschaftlichen Produktion; d.Verf.] täglich unumgänglicher, aber auch täglich möglicher. Von ihr wird eine neue Geschichtsepoche datieren,..., der alles Bisherige in tiefen Schatten stellt." 16

Für Horkheimer ist diese Ansicht ein Fehler.

,,..nimmt er [Marx; d.Verf.] die Geschichte der paar europäische-amerikanischen Völker mit ihrer bürgerlich-fortschrittlichen Wirtschaft als die Gesellschaft, die Geschichte schlechthin." 17

Er sieht in der Verallgemeinerung von Geschichte auf Europa und einer Festlegung auf ausschließlich materialistische Handlungsgründe einen Schwachpunkt in der marxistischen Logik, welche versucht, die universelle Aufgabe einer partikularen Klasse ökonomisch und historisch zu begründen und somit rein spekulativ ist. Ebenso wie die propagierte Unabdingbarkeit des Wechsels von völliger Entmenschlichung zu völliger Menschwerdung, denn ein revolutionärer Ubergang, also der Untergang des kaptialismus, ist für ihn kein Selbstläufer, keine historische Unabdingbarkeit und er leht den mechanischen Materialismus ab. Die marxistische geschichtshypothese ist für ihn mit Metaphysik zu vergleichen. Die kritische Theorie von Horkheimer hat den Anspruch, Theorie und primär marxistische Theorie, an der Praxis, an der Realität zu überprüfen. Das marxistische Geschichtsbewußtsein verliert in dieser empirischen Untersuchung, in einer objektiven Analyse, an Glaubwürdigkeit und Logik.

Geschichte ist für Horkheimer nicht nur Klassenkampf und nicht ausschließlich die Folge von ökonomischen Ursachen. Der Verlauf der Menschheitsgeschichte ist für ihn auch durch kulturelle, religiöse und psychologische Merkmale ausgelöst.

,,Ist der Gegenstand der Psychologie solchermaßen in der Geschichte verflochten, so lässt sich doch andererseits die Rolle der Individuen nicht in bloße Funktionen derökonomischen Verhältnisse auflösen." 18

Es bleibt festzustellen, dass Horkheimer die Marx/Engels Analyse der Geschichte nicht primär widerlegt, sondern Quasi erweitert. Der Einfluß des ökonomischen Seins auf die Geschichte der Menschen ist auch für ihn erkennbar, aber es kommen für Horkheimer auch außerökonomische Auslöser hinzu. Man kann sagen, dass Horkheimer hier den theoretischen Marxismus kritisiert, aber gleichzeitig versucht ihn weiterzuentwickeln.

Sein eigentlicher Kritikpunkt betrifft die Auslegung der marxistischen Geschichtstheorie durch die Marxisten - Leninisten in der Sowjetunion und in den Kommunistischen Parteien Europas.

,,In den Augen der sogenannten Orthodoxen,..., welche sie mit Scheuklappen vor den Augen wiederholen, verliert die Lehre des Meisters durch die fortschreitende Veränderung derübrigen geistigen Welt ihren ursprünglichen Sinn" 19

Sie, die Marxisten-Leninisten, haben die praktisch-kritischen Theorie der bürgerlich- kapitalistischen Gesellschaft des Marxismus in ein totalisierendes Glaubenssystem verwandelt, welches auschließlich dem eigenen Machterhalt dient, welcher mit dem revolutionären Gehalt der ursprünglichen marxistischen Theorie nichts gemein hat. Lenin hat Marx inhaltlich auf den Kopf gestellt und seine Jünger haben aus dem Ziel einer freien und gerechten Gesellschaft einen billigen Staatskapitalismus gemacht, samt Sklaverei und Diktatur.

3.3 Die Rolle des Proletariats

Die Hoffnung, durch das Proletariat die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse revolutionär zu verändern, existiert für Max Horkheimer, angesichts der Spaltung der Arbeiterbewegung in Deutschland, das Land mit der am fortschrittlichsten organisierten Arbeiterschaft und Brutstätte der Arbeiterparteien, in KPD und SPD noch vor dem ersten Weltkrieg und angesichts der praktischen Erkenntnisse der Novemberrevolution, nicht mehr.

,, Auch die Situation des Proletariats bildet in dieser Gesellschaft keine Garantie der richtigen Erkenntnis 20 "

Zu diesem Ergebnis kommt Horkheimer angesichts der Wahlergebnisse Ende der 20er Jahre und Anfang der 30er Jahre, mit den Erfolgen der NSDAP und den Straßenkämpfen zwischen kommunistischer und sozialdemokratischer Arbeiterschaft, samt der Spaltung der deutschen Gewerkschaftsbewegung in mehrere Flügel. Dies bestätigte seine Behauptung, bezüglich der Unfähigkeit des Proletariats, sich selbst aus seiner Unmündigkeit zu befreien. Die Unfähigkeit der Arbeiter, sich selbst zu emanzipieren, steckt für Horkheimer in der ,, durchbrochenen Gegensätzlichkeit von persönlichem und klassenm äß igem Interesse" 21 , welche es verhindert, dass der Einzelne sein Schicksal als das Schicksal seiner Klasse empfindet und gegen diese Klassengesellschaft agiert. Der Einzelne ist primär auf sich selber und seine Rolle fixiert und ein fundamentaler Zusammenschluß von Gleichgesinnten, gleich Betroffenen fällt somit weg.

Max Horkheimer wendet sich in dieser Haltung von Marx und Engels ab, welche zum einem behaupten, dass ,, Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse" 22 und zum anderen von der Überzeugung geprägt sind, das eine gesellschaftliche Revolution, durchgeführt durch die Masse der Arbeiter eine historische Tatsache darstellt. Für Marx und Engels sind die Arbeiter, welche den einzigen Gegensatz zur herrschenden Klasse darstellen, das exekutive Element der Revolution.

Von dieser Glorifizierung der Arbeiter, als Ausführer der gesellschaftlichen Emanzipation und einer pauschalen Differenzierung der Menschheit in zwei sich bekämpfende Klassen, Arbeiter versus Bourgeoisie, nimmt Horkheimer, aufgrund seiner empirischen Erfahrungen, Abstand. Zum einem ist für ihn keine einzelne Klasse in der Lage das Geschick der gesamten Gesellschaft zu verändern und er sieht die einzig mögliche Alternative in einem kritischen Zusammenschluß von Proletariern und Intellektuellen und zum anderen existiert für ihn keine Einheit der einzelnen Klassen, weder auf der Seite des Kapitals, noch auf der Seite der Lohnabhängigen. Für ihn gibt es keine bipolare Gesellschaftsstruktur, sondern es existiert eine Gesellschaft mit vielen einzelnen Facetten und Individuen. Eine gesellschaftliche Veränderung kann somit nicht von einer Klasse angestiftet werden die es gar nicht gibt, sondern die der Marxismus gerne hätte. Das Märchen von der Arbeitereinheitsfront entblösst Horkheimer durch die praktische Erkenntnis der Unfähigkeit der Arbeiter geschlossen zu agieren und der Zerstrittenheit innerhalb des Proletariats.

4. Kritik am praktischen Marxismus

4.1 Kritik am Marxismus der Sowjetunion

Max Horkheimer und die anderen Mitglieder des Instituts für Sozialforschung hatten ein sehr gespaltenes Verhältnis zur Sowjetunion. Einerseits wurde dort unter Lenin und später unter Stalin eine menschenverachtende Politik betrieben, welche nicht mit den marxistischen Werten vereinbar war, anderseits sahen sie in der Sowjetunion den einzigen Gegenspieler des Faschismus, welcher überall in Europa Ende der 20er Jahre Anfang der 30 er Jahren einen enormen Zulauf verbuchen konnte. Eine öffentliche Kritik an der praktischen Politik der Sowjetunion blieb deshalb weitgehend aus. Inhaltlich hingegen kritisierte Horkheimer die Sowjetunion und deren unmenschliche Politik und deren Marxismus-Leninismus heftig. Horkheimer sieht in dieser Auslegungsform des Marxismus, das heißt der Reduzierung auf das Dogma des Marxismus - Leninismus, eine Entfremdung der eigentlichen kommunistischen Idee, mit dem Ziel einer wirklich emanzipierten und freien Gesellschaft.

"Trotzdem hat die Idee einer zukünftigen Gesellschaft als der Gemeinschaft freier Menschen, wie sie auf Grund der vorhandenen technischen Mittel möglich ist, einen Gehalt, dem bei allen Veränderungen die treue zu wahren ist." 23

Horkheimer nimmt durch eine solche Aussage deutlich Abstand von der Sowjetunion. Er sieht in der Freiheit des Einzelnen die größte Maxime der marxistischen Idee und alle praktischen Ausführungen müssen sich primär an dieser messen lassen. Er selbst lehnt jede Theorie, die zum Dogma wird, grundsätzlich ab und genau diese Tendenz sieht er in der Sowjetunion. Der Marxismus - Leninismus hat nichts mit der revolutionären Idee von Marx/Engels gemein, sondern dient der eigenen Selbstlegitimierung und der Personenkult um Stalin ist eher ein Rückfall in aristokratische Zeiten als Teil einer emanzipierten Gesellschaft.

,, Ob Revolutionäre die Macht wie den Raub oder den Räuber ergreifen, zeigt sich erst im Verlauf. Anstatt am Ende in der Demokratie der Räte aufzugehen, kann die Gruppe sich als Obrigkeit festsetzen." 24

4.2 Kritik an der Kommunistischen Partei Deutschlands

Der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), welche sich unter Ernst Thälmann nicht von der Politik Stalins distanzierte und auch der III. Internationalen angehörte, warf Horkheimer eine bewußte Spaltung der Arbeiterbewegung vor, aber vorallem deren Abkehr vom demokratischen Prinzip, welchem sie bei ihrer Gründung noch gefolgt war. Der innerparteiliche Aufbau der KPD, geprägt durch die Einfluß der KPdSU, widerte Horkheimer zutiefst an.

,, In der Organisation und Gemeinschaft der Kämpfenden erscheint trotz aller Disziplin, die in der Notwendigkeit, sich durchzusetzen, begründet ist, etwas von der Freiheit und Spontanität der Zukunft." 25 Horkheimer spricht durch diese Aussage der KPD quasi die Legitimation ab, marxistische Werte zu vertreten, da sie selbst nicht über einem marxistischen Aufbau verfügt. Eine starre, bürokratische und undemokratische Partei widerspricht Horkheimers Bild einer revolutionären Partei.

Das ideologische Festhalten der KPD an der dogmatischen Auslegung der Geschichtststheorie der orthodoxen Marxisten, führt zu einer isolierten und zerstreuten Tasachenerkenntnis und Klarheit.

,, Die Treue an der materialistischenLehre droht zum geist- und inhaltslosen Buchstaben- und Personenkult zu werden, sofern nicht bald eine radikale Wendung eintritt." 26

Die KPD besitz für Horkheimer keinen revolutionären Charakter und stellt somit sowohl in ihrem Aufbau, als auch in ihrer Politik, ein Paradoxon dar.

Literaturangabe.

A. Primärliteratur:

Engels, Friedrich: Dialektik der Natur, Berlin 1951

Horkheimer, Max: Notizen 1950 bis 1969 und Dämmerung: Notizen in Deutschland (1926- 1931), hrsg. von Werner Brede, Frankfurt a. M. 1974

Horkheimer, Max: Geschichte und Psychologie (1932), in: Kritische Theorie Band 1, hrsg. von Alfred Schmidt, Frankfurt a. M. 1977

Horkheimer, Max: Materialismus und Metaphysik (1933), in: Kritische Theorie Band 1, hrsg. von Alfred Schmidt, Frankfurt a.M. 1977

Horkheimer, Max: Traditionelle und kritische Theorie, in: Zeitschrift für Sozialforschung (ZfS), Jahrgang VI/1937

Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung und Schriften 1940-1950, in: Gesammelte Schriften Band 5, hrsg. Alfred Schmidt, Gunzelin Schmid, Frankfurt a. M. 1987

Marx, Karl und Engels, F: Manifest der Kommunistischen Partei

B. Sekundärliteratur

Asbach, Olaf: Kritische Gesellschaftstheorie und historische Praxis: Entwicklung der Kritischen Theorie bei Max Horkheimer 1930-1942743, Frankfurt a. M. 1997

Gmünder, Ulrich: Kritische Theorie, Stuttgart 1985

Gumnior, Helmut/ Ringguth, Rudolf: Horkheimer, Hamburg 1973

Würger, Wolfgang W.: Kritische Theorie und Weltveränderung: d. Praxisbegriff in d. Philosophie Max Horkheimers, Gießen 1987

Schlußbemerkung

Die Spannung zwischen Praxis und Theorie zu überwinden, diesem Ideal ist Max Horkheimer nachgeeifert, diese motivation hat ihn angetrieben. Er hat den Marxismus, von dem er nicht überzeugt, aber von dessen Zielen er begeistert war, kritisiert, um ihn wieder salonfähig zu machen, um ihn aus der Schulblade der Starrheit und Verblendung in welche er, durch die orthodoxen Marxisten, gesteckt wurde, herauszuholen.

Horkheimer zeigt Fehler des theoretischen Marxismus auf, setzt sich mit diesen Auseinander und versucht die alten Ideale und Ideen an der neuen Wirklichkeit auszutesten. Sein Anliegen ist es nicht den Gegnern des Kommunismus Zündstoff zu liefern, sondern sein Anspruch ist es, den Menschen, welche enttäuscht und verbittert über die Politik der Sowjetunion und über die Unfähigkeit der Arbeiter sich selbst zu berfreien sind, neue Hoffnung und Ideen für ein neues Konzept. marx in eine

[...]


1 Horkheimer, M.. Traditionelle und kritische Theorie: Seite 261

2 Horkheimer, M.: Traditionelle und kritische Theorie: Seite 261

3 Horkheimer, M.: Traditionelle und kritische Theorie:

4 Biographische Daten aus: Horkheimer; Hrsg.: Gumnior, H., Ringguth, R. Hamburg 1973

5 Norkheimer, M.: Materialismus und Metaphysik: Seite, 36

6 Horkheimer, M.: Geschichte und Psychologie

7 Horkheimer, M.: Geschichte und Psychologie

8 Horkheimer, M.: Geschichte und Psychologie, S. 18

9 Horkheimer, M.: Dämmerung: Seite 281, die Ohnmacht der deutschen Arbeiteklasse

10 Traditionelle und kritische Theorie: Seite 267

11 Traditionelle und kritische Theorie: Seite 268

12 Traditionelle und kritische Theorie: Seite 268

13 Horkheimer, M.: Traditionelle und kritische Theorie: Seite 269

14 Marx, K., Engels, F.: Manifest der kommunistischen Partei

15 Marx, K.: die deutsche Ideologie

16 Engels, F.: Dialektik der Natur, Seite 23

17 Horkheimer, M: Notizen 195-1969: Seite 75, Die drei Fehler von Marx

18 Horkheimer, M: Geschichte und Psychologie: Seite 18

19 Horkheimer, M.:Dämmerung: Seite 238, Kategorien der Bestattung

20 Horkheimer, M.: Traditionelle und kritische Theorie: Seite 267

21 Horkheimer, M.: Traditionelle und kritische Theorie: Seite 267

22 Marx, K, Engels, F.: Manifest der Kommunistischen Partei

23 Horkheimer, M.: Traditionelle und kritische Theorie: Seite 270

24 Horkheimer, M.: Dialektik der Aufklärung: Seite 297

25 Horkheimer, M.: Traditionelle und kritische Theorie: Seite 270

26 Hokheimer, M.: Dämmerung: Seite 281, Die Ohnmacht der deutschen Arbeiterklasse.

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Horkheimers Kritik an der marxistischen Orthodoxie
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Politikwissenschaftliches Seminar
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
15
Katalognummer
V97059
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Horkheimers, Kritik, Orthodoxie, Politikwissenschaftliches, Seminar
Arbeit zitieren
Jörg Heeskens (Autor), 2000, Horkheimers Kritik an der marxistischen Orthodoxie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97059

Kommentare

  • Gast am 12.3.2002

    Ungenau und unzulässig Zitiert.

    Es sind Zitat angeben die zwar in Horkheimers Büchern stehen aber wo er andere Zitiert. Und meines wissens kann man sowas nicht als Ausage von Horkhemer auszeichnen.

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Titel: Horkheimers Kritik an der marxistischen Orthodoxie



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