Der Idealstaat bei Thomas Hobbes und Baruch de Spinoza


Seminararbeit, 2000

16 Seiten


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Inhalt

0. Einleitung

1. Philosophenstreit
1.1. Biographien
1.1.1. Thomas Hobbes
1.1.2. Baruch (Benedikt) de Spinoza
1.1.3. Verhältnis zwischen Hobbes und Spinoza
1.2. Menschenbild
1.2.1. Menschenbild von Thomas Hobbes
1.2.2. Menschenbild von Baruch de Spinoza

2. Gesellschaftsvertrag und Staatsutopien
2.1. Gesellschaftsvertrag
2.1.1. Gesellschaftsvertrag nach Thomas Hobbes
2.1.2. Gesellschaftsvertrag nach Baruch de Spinoza
2.2. Modell des perfekten Staates
2.2.1. Staatsform
2.2.2. Souverän und Frieden der Bürger

3. Schluss

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Der Gegenstand meiner Arbeit ist ein Vergleich der Staatsmodellen von zweier großen Philosophen des 17. Jahrhunderts, Thomas Hobbes und Baruch de Spinoza vergleichen.

Als Erstes werden die biographischen Daten beider Philosophen dargestellt, um zu zeigen, dass Thomas Hobbes und Baruch de Spinoza Zeitgenossen gewesen sind und ähnlichen kultur-politischen Einflüssen ausgesetzt waren, Spinoza und Hobbes studierten die antiken Philosophen, begeisterten sich für Ideen der Rene Descartes, wurden von Zeitgenossen für gottlos erklärt und hatten ein Leben lang Repressalien zu befürchten. Beide erlebten die blutigen Bürgerkriege. Ihre Erfahrungen aus dieser Situation führten sie zu Gedanken, wie man das sinnlose Blutvergießen in der Zukunft verhindern könnte.

Dann werden ihre Vorstellungen vom Naturzustand und die Ideen zu deren Überwindung verglichen. Es soll gezeigt werden, dass aus ähnlichen Prämissen völlig verschiedene Lösungsvorschläge entstehen. Dabei sollen die Ähnlichkeiten der Menschenbilder und die große ,Schere' zwischen den Staatsvorstellungen beider Philosophen herausgearbeitet werden.

Im Schlussteil sollen die Ergebnisse des Vergleiches zusammengefasst und erläutert werden, in wieweit die Begründung unterschiedlicher Staatsideen gelang, mit dem Hintergrundwissen, dass der fünfzig Jahre jüngerer Spinoza sicher das Werk von Hobbes genau kannte und sein Traktat als einer Art Gegenschrift zur ,,Leviathan" verfasste. Auch auf die Frage in wieweit die beide Staatsmodelle realitätstauglich sind, soll eingegangen werden.

1. Philosophenstreit

1.1 Biographien

1.1.1. Thomas Hobbes (1588-1679)

Thomas Hobbes wurde in Jahre 1588 als Sohn einen Geistlichen geboren. Nach dem Besuch der Privatschule, setzte Thomas Hobbes sein Bildungsweg als Student am Magdalen College fort, welches er 1607 als Baccalaureus artium abschloss.

Ab 1608 arbeitete Thomas Hobbes als Hofmeister beim Hofe des Barons Cavendish, dabei kam es zur ausführlichen Beschäftigung mit der Geschichte der Peleponnesischen Krieges und der ,Entdeckung' der euklidischen Geometrie. 1640 berief König Karl I das erste Parlament (Long Parliament) ein, Thomas Hobbes publizierte des Pamphlet "The Elements of law natural and politic". Dort stellte er die absolute Monarchie als einziges Mittel dar um den Frieden zu sichern und den Bürgerkrieg zu vermeiden. Das Traktat provozierte das Parlament so sehr, dass der Philosoph nach Frankreich fliehen musste.

Während des zehnjährigen Exils in Frankreich, kam es in England 1649 zur Machtergreifung Cromwells. Als Folge davon wurde das Parlament von neuem Herrscher entmachtet und König Karl I hingerichtet. 1651 begnadigte Oliver Cromwell Thomas Hobbes, er kehrte nach England zurück. Im dieselben Jahr erschien das Hauptwerk des Philosophen - ,,Leviathan".

Neun Jahre später wurde England durch Restauration wieder zur Monarchie, der neue König war Karl II. Thomas Hobbes setzte seine naturwissenschaftlichen Studien fort. Die politischen Gegner griffen sein Hauptwerk stark an. 1679 starb Thomas Hobbes, drei Jahre danach wurden ,,Leviathan" und ,,De cive" während einer großangelegten Zeremonie verbrannt, ihr Verbot erfolgte schon zur Lebzeiten Hobbes1.

1.1.2. Baruch (Benedikt) de Spinoza (1632-1677)

Baruch Spinoza kam 1632 als Sohn einer, aus Portugal wegen religiöser Unterdrückung geflüchteten, jüdischen Familie im Amsterdam zur Welt. Im Jahr 1656 war Baruch de Spinoza aus der jüdischen Gemeinde der Niederlande wegen seines Pantheismus verbannt. Er fand Aufnahme in der liberalen Lateinschule des Franciscus van den Enden, seine Hauptbeschäftigung dort war die Studie der Philosophen der Antike.

1660 verfasste der Gelehrte das ,,kurze Traktat über Gott, den Menschen und seine Glückseeligkeit", diese Schrift war nur für den kleinen privaten Kreis der Philosophen bestimmt. Drei Jahre danach, erschien ,,Renati Descartes principie philosophiae", das einzige Buch welches unter Spinozas eigenen Namen zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde.

Von 1665 bis ca. 1670 arbeitete Baruch de Spinoza am ,,Theologisch-politischen Traktat". Nach dem Fertigstellung des Werkes, publizierte der Autor es anonym. Das Werk stieß auf heftige Kritik. Vier Jahre danach verbot Wilhelm III von Oranien das ,,Theologisch- Politischen Traktat". Noch ein Jahr später vollendete Baruch de Spinoza sein Hauptwerk ,,Ethik". Er entschied sich gegen die Veröffentlichung des Werkes, da im herrschenden politischen Klima das Buch sofort verboten worden wäre und der Autor mit Repressalien hätte rechnen müssen.

1677 starb Baruch de Spinoza. Seine Nachlaßverwalter veröffentlichten die ,,Opera posthuma", dort u.a. ,,Die Ethik", ,,Der Theologisch- Politischer Traktat" usw. Im nächsten Jahr kam es zum Verbot der ,,Opera posthuma", das Buch wurde auch in den Index der verbotenen Schriften der katholische Kirche aufgenommen2.

1.1.3. Verhältnis zwischen Hobbes und Spinoza

Sowohl Hobbes wie auch Spinoza lebten in unruhigen Zeiten, der eine sah die Schrecken des zerstöririschen Bürgerkrieges, der andere wurde Zeuge der Konfrontation zwischen freisinnigen Republikaner und absolutistischen Oranier.

Auch ihre Stellung zu kirchlichen Angelegenheiten zeigt gewisse Parallelen. Thomas Hobbes war Atheist3 und sah die Kirche dem Staat untergeordnet, d.h. zum absoluten Souverän darf es keine gleichstarke Konkurrenz geben. Baruch de Spinoza gehörte, nach seinem Ausschluß aus der jüdischer Gemeinde Amsterdams keiner Konfession an und wurde des Atheismus bezichtigt, was er aber heftig bestritt4. Er unterstützte die Republikaner und teilte deren Auffassung, welche die Trennung von der Kirche und Staat bejahten.

Trotz dieser Gemeinsamkeiten bezüglich ihrer Ausgangspositionen kamen die beide Philosophen zu verschiedene Schlussfolgerungen.

Thomas Hobbes plädiert für die absolutistische Monarchie, ein Staatsmodel, welches auf den Verzicht der Bürger auf ihre Mitbestimmungsrechte und der Autorität des Souveräns basiert.

Sein ,Opponent' hingegen zieht einen demokratischer Staat vor. Ein Staat, in dem alle mündige Bürger angeleitet durch die Vernunft, mit der Mehrheitsbeschlüssen, selber regieren.

Baruch de Spinoza, welcher ein halbes Jahrhundert junger als Thomas Hobbes war, nahm höchstwahrscheinlich das Staatsmodell von Thomas Hobbes als Ausgangsbasis an und entwickelte daraus ein ,Gegenmodell'5.

Da der absolute Staat seiner Meinung nach gegen die Natur des Menschen verstößt, dadurch sich als nicht lebensfähig erweist und so keine reale Alternative zum Naturzustand darstellt. Der demokratische Staat hingegen, wo die Bürger die Machthaber sind, ist realitätstauglicher, da die Menschen als vernünftige Wesen, wohl sich selber nicht schaden werden wollen.

1.2. Das Menschenbild und der Naturzustand

1.2.1. Menschenbild von Thomas Hobbes

Für Hobbes sieht die Menschheit im Naturzustand folgendermaßen aus: Jedes Individuum ist egoistisch und hat nur sein eigenes Überleben im Sinn. Wenn mehrere solche Individuen aufeinander treffen, kommt es unwiderruflich zum Konflikt, da keine allgemein-verbindlichen Regeln existieren bzw. nur Naturgesetze und Mittelknappheit herrschen.

Die geltende Naturgesetze besagen folgendes:

1. ,,Suche den Frieden und jage ihm nach 6 "

2.,, Sobald seine Ruhe und Selbsterhaltung gesichert ist, muss auch jeder von seinem Rechte auf alles - vorausgesetzt, dass andere dazu auch bereit sind - abgeben und mit der Freiheit zufrieden sein, die er denübrigen eingeräumt wissen will" 7

3. ,,Die vertragliche Abkommen sind zu halten" 8 Zwar können theoretisch auch diese Naturgesetze das friedliche Zusammenleben der Menschen sichern, da aber keine höhere Gewalt vorhanden ist, welche deren Einhaltung sichert, werden sie je nach der Situation überschritten. Was alternativlos zum ,,Krieg aller gegen alle" 9 führt.

Nach Thomas Hobbes Auffassung ist der Mensch nicht nur mit dem Egoismus sonder auch mit großer Vernunft ,gesegnet', d.h. jedes Individuum erkennt was sich positiv oder negativ auf seine Überlebenschancen auswirken kann.

Und genau diese Fähigkeit kann die Menschheit aus dem Naturzustand, in dem das Leben ,,einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz" 10 ist, befreien. Da es jedem vernünftigen Wesen klar sein muss, dass nur im Friedenszustand sein Überleben gesichert ist. ,,Und die Vernunft legt die geeigneten Grundsätze des Friedens nahe, aufgrund deren die Menschen zurübereinstimmung gebracht werden können" 11

1.2.3. Menschenbild von Baruch de Spinoza

Baruch de Spinoza nahm genauso wie Hobbes die Anwesenheit von bestimmten Naturgesetzen an, sein Menschenbild sieht zwar ähnlich aus, wird aber von ihm ganz anders beurteilt12.

Für Spinoza ist die Natur eine Gesamtheit aller Objekte bzw. ein hochkomplexes System, welches alles in sich einschließt. Dieses System ist grenzenlos, sowohl materiell als auch temporär unendlich und ist ein Resultat seiner selbst (der Schöpfer und die Schöpfung gleichzeitig). So gesehen ist (für Spinoza) die Natur mit Gott analog13.

Das oberste ,Gesetz' der Natur ist ihre Selbsterhaltung in der vollen Gesamtheit, folglich hat auch jedes ihrer ,Elemente' von ihr das eigene Überleben als oberste Priorität.

Der Mensch ist nur ein Teil dieser Natur, weder besonders privilegiert noch irgendwie anders ausgezeichnet, sondern genauso ein ,Element' wie alles Andere. Er kämpft für sein Überleben nicht weniger brutal als andere Spezies.

Das Individuum ist frei in dem Maße, in dem es seine Freiheit vor andern zu schützen vermag, d.h. man kann sich alles ohne Rücksicht auf andere erlauben aber nur solange sich niemand findet, der stärker ist als man selber. Und nur (physische) Überlegenheit des Gegners beschränkt die Freiheit eines Individuums, keine moralische Überlegungen oder Skrupel. Ein Leben in diesem Naturzustand ist ,,ohne Religion und ohne Gesetze und folglich auch ohne Sühne und Unrecht" 14

Dieser Naturzustand wird bei Spinoza anders interpretiert als bei Hobbes, es ist kein ,,Krieg aller gegen alle" 15 , sondern ,,das Recht der Natur soweit, wie ihre Macht reicht. Denn die Macht der Natur ist Gottes Macht selber, der das höchste Recht zu allem hat" 16 . Man kann das in folgenden Weise erklären: Der Naturzustand ist unerfreulich für den Menschen als einzelnes Individuum; für Fortbestehen der Menschheit als ein Ganzes bzw. für die Natur als Gesamtheit genügt der Naturzustand völlig.

Das Leben im Naturzustand ist sehr beschwerlich für das einzelne Individuum, jeder versucht sich auf Kosten der anderen durchzusetzen, so dass jeder Einzelne Angesicht der Überzahl der Feinden sehr geringe Überlebenschancen besitzt. ,,Der Naturzustand ist so der menschlich noch nicht organisierte, friedlose grüne Dschungel- aber als außen- undübervernünftige Ordnung der Natur." 17

Eine Gesellschaft bzw. ein Staat kann nach Ansicht Spinozas nur dann funktionieren, wenn er im Einklang mit dem Naturrecht existiert, so ,,dass niemand seines natürlichen Rechts ohne Einschränkung beraubt" 18 wird. Jede Politik, welche wider die Natur des Menschen zu handeln versucht und so die Preisgabe der Naturrechte fordert, ist nicht existenzfähig.

2. Gesellschaftsvertrag und Staatsmodelle

2.1. Gesellschaftsvertrag

2.1.1. Gesellschaftsvertrag nach Thomas Hobbes

Um sich aus dem Naturzustand zu befreien, sollen die Menschen, nach Hobbes Auffassung, auf ihre absolute Freiheit verzichten; dieses unter der Voraussetzung, dass sich keiner dieser Vereinbarung entzieht. Aber der alleinige Verzicht reicht nicht aus, um die Situation zu bessern: ,,Gesetze und Verträge können an und für sich den Zustand des Krieges aller gegen alle nicht aufheben; denn sie bestehen in Worten, und bloße Worte können keine Furcht erregen, daher fördern sie die Sicherheit der Menschen allein und ohne Hilfe der Waffen nicht" 19

Es folgt, dass man einer Art Kontrollgewalt benötigt, die die Einhaltung des Vertrages kontrolliert. Um diese zu erzeugen, beschließen alle Kontrahenten, sich dieser neueerschaften Macht unterzuordnen, ,,... wie wenn ein jeder zu einem jeden sagte : Ichübergebe mein Recht mich selbst zu beherrschen, diesem Menschen oder dieser Gesellschaft unter der Bedienung, dass du ebenfalls dein Rechtüber dich ihm oder ihr abtrittst..." 20.

Nach der Entstehung der neuen Kontrollgewalt, kommt es zur Gründung des Staates und der Gesellschaft, diese beide Elemente (Etablierung von Herrschaft und Gründung der Gesellschaft) sind untrennbar miteinander verbunden und werden durch den gleichen Vertrag ins Leben gerufen.

Dem Gesellschaftsvertrag entsprechend lautet die hobbes'sche Definition des Staates: ,,Staat ist eine Person, deren Handlungen eine große Menge Menschen kraft der gegenseitigen Verträge eines jeden als ihre eigenen ansehen, auf dass diese nach ihren Gutdünken die Macht aller zum Frieden und zur gemeinschaftlichen Verteidigung anwende" 21.

2.2.2. Gesellschaftsvertrag nach Baruch de Spinoza

Baruch de Spinoza entwirft ein sehr ähnliches, beinah gleiches Modell des absoluten Staates. Alle Handlungen des Staates sind rechtmäßig, da der Staat die alleinige Macht hat zu entscheiden was Recht ist. Wenn es um das Wohl des Staates geht, darf den Untertanen jede Forme der Gewalt angetan werden, sie selbst ( die Untertanen) haben hingegen in diesem Fall nicht mal die Erlaubnis, die Legimitation der Staatshandlungen zu bezweifeln, geschweige denn ein Wiederstandrecht22.

Jegliche Mitbestimmungsrechte werden den Bürger (natürlich) vorenthalten. Nur materielle/ physische Sicherheit wird den Bürger garantiert, und das nur in den Falle von dem absoluten Gehorsam und wenn es den globalen Interessen des Staates nicht widerspricht.

Gleich danach merkt er an, dass dieser Entwurf bloß eine Theorie ist, welche sich nicht mit der Realität deckt und so eigentlich unbrauchbar ist. Da dieser absolutistische Staat wider die Natur der Menschen wäre, welche besagt, , dass keiner sein Recht in den Ma ß, auf einen anderenübertragen kann, dass er aufhöre Mensch zu sein' 23.

Der absolute Staat wäre, metaphorisch ausgedrückt, ein Koloss auf tönenden Füßen. Ein funktionierender Staat kann hingegen nur auf der Basis der Vernunft bestehen. Der alte humanistischer Grundsatz ,tu niemanden etwas an, was du selber auch nicht wünschen würdest' soll die moralische Basis des Vernunftstaates sein.

,,Der Zweck des Staates ist in Wahrheit die Freiheit" 24 und nur ein , auf freien Willen und nicht auf der Unterdrückung gegründeter Staat kann sicher und stabil sein bzw. seinen Bürger die Sicherheit und die Stabilität ermöglichen25

2.2. Das Modell des perfekten Staates

Sowohl Thomas Hobbes als auch Baruch de Spinoza sehen nur einen Ausweg um den unsicheren Naturzustand zu entkommen- nämlich ein Zusammenschluss einzelnen Individuen zu einem Staat.

Hier enden ihre Gemeinsamkeiten. Obwohl ihre Prämissen relativ ähnlich sind, kommt jeder zu verschiedenen Schlussfolgerung.

2.2.1. Staatsform

Für Baruch de Spinoza ist die beste Staatsform die Demokratie, denn dort wird der höchste Rat nicht mit einzelnen Bürgern besetzt, sondern jeder Bürger, der ,, unter eigenem Recht"26 lebt und sich gesetztreu verhält, hat das Recht auf Mitbestimmung im Höchsten Rate und die Zulassung zu den Staatsämter.27

Das sichert die Rechtsgleichheit aller Bürger, was mit dem Naturrecht übereinstimmt und bewirkt, dass die ganze Gesellschaft an Regieren teilnimmt.

Die Entscheidungen werden durch die Mehrheitsbeschlusse getroffen, keinem kann aber auf diesen Weg sein Mitbestimmungsrecht entzogen werden. So wird das Volk nur durch seine Gesamtheit regiert, und da es am meistem um sein Erhalt und Wohlergehen besorgt ist, wird es alles tun um den Krieg zu vermeiden. Um den Autor zu zitieren: es gibt das ,, allgemeingültige Gesetz der menschlichen Natur, unter zwei Güter dasjenige [ zu wählen, die Verfasserin], das er für gr öß ere hält, und unter zweiübeln, was ihm als das kleinste erscheint." 28 Deswegen wird sich die Mehrheit der Bürger nur dann für den Krieg entscheiden, nur wenn sie wirklich in ihrer materiellen Existenz bedroht wird und nicht um hehren Werten oder Idealen wegen.

Baruch de Spinoza gibt zu, dass die Demokratie keineswegs unfehlbar sei, sie kann sich sowohl zur Anarchie als auch Oligarchie (Plutokratie) wandeln. Aber im Vergleich mit anderen Staatsformen ( die ,schlechten` und ,guten` Monarchie und Aristokratie) ist die Freiheit (höchstes Gut für Spinoza) dort am besten gewährleistet29.

Thomas Hobbes erscheint eine völlig andere Staatsform am attraktivsten. Alle Mitglieder der Gesellschaft verzichten auf ihr ,,ius in omnia et ommes" um ihre Überlebenschancen zu maximieren. Um die Sicherheit der Vertragspartner zu gewährleisten wird von Hobbes folgendes vorgeschlagen:

,,Um aber eine allgemeine Macht zu gründen, unter deren Schutz gegen auswärtige und innere Feinde die Menschen bei dem ruhigen Genuss der Früchte ihres Fleißes und der Erde ihren Unterhalt finden können, ist der einzig mögliche Weg folgender: jeder muss alle seine Macht oder Kraft einem oder mehren Menschenübertragen, wodurch der Willen aller gleichsam auf einem Punkt vereinigt wird... und jeder die Handlungen jener so betrachte, als habe er sie selbst getan..." 30

Die Individuen übertragen ihren Souveränität, ihr Recht auf die Selbstbestimmung auf den Souverän. Dabei geht Hobbes davon aus, dass der schlechteste Staat erträglicher ist als der Naturzustand.

Der Souverän steht über den Vertrag, d.h. er was Recht ist, ist aber selber keinerlei Recht unterworfen (außer dem Umstand, dass der Souverän ein Untertan Gottes sei). Der Herrscher ist zwar verpflichtet das Wohl seiner Untergegebenen zu beachten, unterliegt aber so überhaupt keiner Kontrolle oder Beschränkungen, außer der freiwilligen Selbstbeschränkungen.

Anhand seines Menschenbildes lehnte Thomas Hobbes jegliche Gewaltenteilung (und hiermit die Demokratie) ab, nach seiner Ansicht besäße die Gewaltenteilung eine geringe Effizienz, da es zur unvermeidlichen Konkurrenzkampf zwischen einzelnen Gewalten kommen würde.

Thomas Hobbes stellte fest, dass es keine Institutionen zur Kontrolle oder Mäßigung des absoluten Herrschers geben darf, denn sollte es eine Macht geben, welchen den Souverän Befehle erteilen bzw. zur irgend etwas zwingen könnte, wäre der Souverän kein Souverän mehr (sondern ein Untertan)31.

2.2.2. Souverän und Frieden der Bürger

Dem Souverän steht das Recht zu befehlen, nach Spinozas Absicht ,,nur solange zu, wie er oder sie wirklich die höchste Gewalt haben. Entgleitet sie ihnen, so verlieren sie zugleich das Recht, alles zu befehlen, Es fällt nun dem oder denen zu, die dieses Recht errungen haben und zu behaupten wissen." 32, d.h. sollte ein Herrscher seinen Pflichten nicht nachkommen, darf bzw. muss er ersetzt werden.

Ferner beschreibt Baruch de Spinoza die Alternativen zur Demokratie, das sind die schlechte und gute Monarchie und die schlechte und gute Aristokratie. Dabei kritisiert er, dass die Macht auf die Wenigen verteilt wird und so ihnen Machtmissbrauch möglich wird, da jeder Herrscher genauso schwach und verführbar sei wie jeder einzelne Mensch. Nur durch Verteilung von Macht auf alle mündige Bürger des Staates, wird die Möglichkeit des Machtmissbrauches (u.a. Krieg wegen bloßer Ruhmsucht) verhindert.

Der Krieg als Machtmittel wird von Spinoza nur dann tolerier wenn er ,,nur um Friedenswillen"33 begonnen wird, d.h. Baruch de Spinoza ist kein Pazifist um jeden Preis, der Krieg ist erlaubt, wenn es gilt fremder Unterdrückung zu entgehen. Jeder anderer Grund widerspricht der Vernunft. Der Frieden wird nicht nur als Abwesenheit des Krieges verstanden, sondern als ein Miteinader der verschiedenen Völker nach Gesetzen der Gleichheit, Freiheit und Vernunft.34

Für Thomas Hobbes ist nur ein starker und mächtiger Souverän ein Garant für den Frieden. Und um dieses imaginären Friedens willens (welches meiner Meinung nach bei Hobbes für bloßes Nichtvorhandensein des Krieges darstellt35 ) wird der Souverän mit möglichst großer Macht ausgestattet.

Zwar ist die Friedenssicherung die oberste Legimitatsgrundlage des Souveräns, aber wegen des Nichtvorhandensein der Kontrollinstanzen, ist es dann unmöglich ihn zur Ausführung seiner Pflichten zu ,zwingen`, wenn er sie jemals vernachlässigen sollte36.

Da er die alleinige Instanz des Rechts darstellt, ist jede Handlung von ihn, unabhängig von dem Resultat gerecht, anders gesagt: egal was der Herrscher tut, er tut immer das Richtige.

Der ganze ,äußere' Bereich des Gesellschaftslebens ist dem Souverän unterworfen, die Bürger sind verpflichtet sich so zu verhalten wie der Herrscher es befiehlt. Der innere (private) Bereich gehört nicht zum Geltungsbereich der Verordnungen, die Entscheidungen hinsichtlich der Kindererziehung, Berufswunsches usw. bleiben den Bürger selber vorbehalten. Das gilt auch in bezug auf den Glauben.37

3. Schluss

Was mich an Hobbes und Spinozas Staatstheorien gereizt hat, war die Vorstellung, dass die Staatsideen eine Wissenschaft sind; eine Wissenschaft, welche nach einer optimalen Lösung, wie man die Menschen am besten vor sich selber schützt, sucht. Da jeder Staat eine Schutzvorrichtung ist, welche seine Insassen daran hindern sich gegenseitig zu vernichten.

Die beiden Philosophen hatten oft die Gelegenheit die schlimmsten Seiten des Menschengeschlechtes zu erleben und beide sahen ein, dass das Zerstörungspotential der Menschheit ( einfach um ihres Überlebens willen) gebändigt werden muss.

Thomas Hobbes stellt das so vor: die gleiche Machtlosigkeit aller Bürger einerseits und die absolute, unteilbare und unkontrollierbare Macht des Souveräns andererseits. Um Bert Brecht zu paraphrasieren: erst kommt die Sicherheit und dann die Freiheit. Thomas Hobbes entwickelt die Idee der starken, unfehlbaren Macht, einer Art säkularen Äquivalentes des Papstes, dabei vergißt er offensichtlich, dass ein Herrscher genauso ein unvollkommener Mensch, wie alle anderen, ist. Und so den Machtmissbrauch und Fehlurteilen nicht abgeneigt ist.

Wahrscheinlich waren die Bürgerkriegerlebnisse für Thomas Hobbes so traumatisch, dass für ihn jegliche geregelten Machtverhältnisse ( auch die Tyrannei) erträglicher als die Anarchie (das Machtvakuum) erschienen.

Baruch de Spinoza, ein völlig zur Unrecht in der Politikwissenschaft vernachlässigter Staatstheoretiker, der seiner Zeit weit voraus war, entwirft ein erstaunlich modernes Staatsideal. In seinem Staat erhält jeder Bürger ( außer Frauen, Kinder und Knechte) eine Mitbestinnungsrecht und so die Gelegenheit, durch die Ausübung eines Staatsamtes die Verantwortung für die Regierung des Staates. Spinoza hofft, dass durch die Erweiterung der an Machtbesitz beteiligten Gruppe ( nicht einer wie bei Monarchie und nicht wenige wie bei Aristokratie, sondern alle Bürger) sich die Vernünftigsten durchsetzen werden und so den Staat zum Vorteil von allen regieren.

Baruch de Spinoza begeht hier, meiner Meinung nach, den fatalen Fehler, anzunehmen dass die Vernünftigen die Mehrheit der Menschen ausmachen. Es sind aber nur wenige, die sich von Vernunft und nicht von Emotionen leiten lassen, und so kann Spinozas Demokratie in einen, der in Ray Bradbury Roman "Fahrenheit 451" beschriebenen Amerika ähnlichen Staat verwandeln.

Und die Frage bleibt offen: was ist schlimmer die Herrschaft eines Tyrannen oder die Herrschaft des grauen Mittelmaßes?

Literaturverzeichnis

Fetscher, Iring und Münkler, Herfried (Hrsg.): Pipers Handbuch der Politischen Ideen. Neuzeit: Von den Konfessionskriegen bis zur Aufklärung, Band 3. München 1985.

Heger, Rainer: Die Politik des Thomas Hobbes, Frankfurt am Main 1981. Hobbes, Thomas : Leviathan. Stuttgart 1980.

Seidel, Helmut: Spinoza zur Einführung. Hamburg 1994.

Spinoza, Baruch de: Tractatus Theologico-Politicus/ Theologisch-politischer Traktat (Lateinisch/Deutsch). Hrsg. Günter Gawlik und F. Niederwöhner, Darmstadt 1979.

Weiß, Ulrich: Das philosophische System von Thomas Hobbes. Stuttgart - Bad Cannstatt 1980.

Endnoten

[...]


1 Vgl. Euchner, Walter: Thomas Hobbes, in: Pipers Handbuch der politischen Ideen, Band 3. Hrsg. von Fetscher, Iring und Münkler, Herfried. München 1985.

2 Vgl. Seidel, Helmut: Spinoza zur Einführung. Hamburg 1994, S. 138ff.

3 Vgl. Goldie Mark: Absolutismus, Parlamentarismus und Revolution in England, in: Pipers Handbuch der politischen Ideen, Band 3. Hrsg. von Fetscher, Iring und Münkler, Herfried. München 1985, S. 339.

4 Vgl. Seidel: Spinoza zur Einführung, S. 102.

5 Vgl. Saner, Hans: Baruch de Spinoza, in: Pipers Handbuch der politischen Ideen, Band 3. Hrsg. Von Fetscher, Iring und Münkler, Herfried. München 1985, S. 369-370.

6 Hobbes, Thomas: Leviathan. Stuttgart 1980, S. 119.

7 Hobbes: Leviathan, S. 119.

8 Hobbes: Leviathan, S. 129.

9 Hobbes: Leviathan, S. 115.

10 Hobbes: Leviathan, S. 118.

11 Hobbes: Leviathan, S. 113.

12 Vgl. Seidel: Spinoza zur Einführung, S. 113 ff.

13 Spinoza, Baruch de: Tractatus Theologico-Politicus/Theologisch-politischer Traktat. Hrsg. von Gawlik, Günter und Niewöhner, Friedrich. Darmstadt 1979, Kapitel 16.

14 Spinoza: TTP (=Tractatus Theologico - Politicus), S. 493.

15 Hobbes: Leviathan, S. 115.

16 Spinoza: TTP, Kapitel 16.

17 Spinoza: TTP, S. 373.

18 Spinoza: TTP, S. 21.

19 Hobbes: Leviathan, S. 215.

20 Hobbes: Leviathan, S. 155.

21 Hobbes: Leviathan, S. 155 ff.

22 Vgl. Spinoza: TTP, Kapitel 16.

23 Saner: Baruch de Spinoza , S 375.

24 Spinoza: TTP, S. 605.

25 Vgl. Saner, Hans: Baruch de Spinoza, S. 376 ff.

26 Spinoza: TTP, S. 173, damit werden Frauen, Kinder und Knechte von den Entscheidungen ausgeschlossen, da sie nicht unter eigenem Recht leben.

27 ebenda

28 Spinoza: TTP, S. 493.

29 Vgl. Spinoza: TTP, Kapitel 18.

30 Hobbes: Leviathan, S. 155.

31 Vgl. Heger, Rainer: Die Politik des Thomas Hobbes. Franfurt am Main 1981, S.99 ,,Da als Souverän per Definitionen diejenige Person oder Körperschaft gilt, welche die höchste Gewalt innehat, ist sie entweder unbeschränkt und 'legibus absolutus' oder sie ist nicht Souverän".

32 Spinoza: TTP, Kapitel 5

33 Vgl. Saner, Hans: Baruch de Spinoza, S 379 ff.

34 ebenda

35 Vgl. Hobbes: Leviathan, S. 115 ,,Die Zeit aber, in der kein Krieg herrscht, heißt Frieden.".

36 Vgl. Euchner: Thomas Hobbes, S. 366 ff.

37 Weiß, Ulrich: Das philosophische System von Thomas Hobbes. Stuttgart - Bad Cannstatt 1980, S. 220 ff.

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Der Idealstaat bei Thomas Hobbes und Baruch de Spinoza
Autor
Jahr
2000
Seiten
16
Katalognummer
V97060
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Idealstaat, Thomas, Hobbes, Baruch, Spinoza
Arbeit zitieren
Julia Fukelmann (Autor), 2000, Der Idealstaat bei Thomas Hobbes und Baruch de Spinoza, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97060

Kommentare

  • Tiz Heinrich am 16.8.2000

    souveraene Arbeit.

    Hallo,

    Ich habe soeben deine Arbeit ueber deb Vgl. zw. Hobbes und Spinoza gelesen...!!!

    Eines meiner Abschlussthemen am philosophischen Institut in Bern (CH) war ein Vgl. zwischen Hobbes-Spinoza-Machiavelli.

    Zur Zeit bin ich hier in Amsterdam auf Spurensuche Spinozas und versuche ein Drehbuch fuer einen Dokumentarfilm ueber ihn zu schreiben...

    Hast du sonst noch irgendwie mit Spinoza etwas zu tun gehabt?

    Greetges onaiziT

  • Gast am 23.8.2000

    naja.

    nette zusammenfassung, keine eigenen erkenntnisse, hoellisch viele grammatikfehler

  • Gast am 19.4.2001

    recht oberflächlich, nur gymnasialer Gebrauch....

    Ich denke dem Titel ist nichts mehr hinzuzufügen.
    Ist definitiv für die gymnasiale Oberstufe eine schöne Arbeit, aber im universitären Bereich eher zum einlesen zu gebrauchen.

  • Gast am 20.4.2008

    denkfehler.

    Spinoza hatte etwas gegen ideale Verhältnisse, vorallem gegen Utopien. Deswegen ist ein Titel wie Idealstaat... unpassend. Naturzustand und Affektenlehre sind Ausgangsidee bei Hobbes und Spinoza, das sollte eher im Titel auftauchen

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