Der literarische Salon der Berta Zuckerkandl


Seminararbeit, 2000
24 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Salon - ein Phänomen und seine Merkmale
2.1 Der literarische Salon

3. Wien und seine Salons

4. Die Salonnière Berta Zuckerkandl
4.1 Der Salon
4.2 Die Gäste im internationalen Netz der Salons
4.3 Die Themen im Salon

5. Schlußwort

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der "Salon" gehört zu den faszinierendsten Formationen der europäischen Kulturgeschichte. Obwohl weder die genaue Zuordnung zu einer bestimmten historischen Periode noch eine kulturgeographische Einordnung möglich scheint, liegen seine Wurzeln im Italien der Renaissance. In der Folgezeit lassen sich jedoch in den verschiedensten Kulturen "Salons" nachweisen, ob im Rußland der Zarenzeit oder in Südamerika, Prag oder Berlin des 19. Jahrhunderts.

Im folgenden soll zunächst der Begriff "Salon" näher erläutert und die Rahmenbedingungen dieser Gesellschaftsform und ihre gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung herausgestellt werden.

Anhand des Zuckerkandl-Salons in Wien wird die vielgestaltige und anregende Verbindung von Kunst, Literatur und Politik aufgezeigt. Im Vordergrund steht dabei die Salonnière Berta Zuckerkandl selber, deren Persönlichkeit und Engagement weit über die Grenzen Wiens bekannt waren und auch nach der eigentlichen Blütezeit der Salonkultur im 19. Jahrhundert Gäste unterschiedlichster Art zusammentreffen ließ.

2. Der Salon - ein Phänomen und seine Merkmale

Obgleich in den relevanten Texten immer wieder betont wird, daß es keine festumrissene und allgemein verbindliche Definition des Begriffes "Salon" geben kann, da das Phänomen als solches zu vielgestaltig und nicht immer eindeutig von anderen Formen der Geselligkeit abzugrenzen ist, lassen trotzdem sich einige formale Kriterien für den Salon herausstellen.

Der Salon bezeichnet "einen Ort weiblicher Kultur"1 ; er "kristallisiert sich um eine Frau"2. Diese Eingrenzung ist entscheidend, um den Salon von anderen Geselligkeitsformen von Schriftstellern, Aristokraten oder Gelehrten abzugrenzen.

Die sogenannte "Salonnière" stellt die Räumlichkeiten, durch die der Ort der Begegnung an ein bestimmtes Haus gebunden bleibt. Die Räumlichkeiten an sich, waren dabei aber stets sekundär. Ob die Konversation nun in der Dachstube der Rahel Varnhagen oder einem Palais stattfanden, ist zweitrangig. Entscheidend ist der freundschaftliche Umgang im Gespräch, unabhängig vom sozialen Status oder Lebenskreis der Gäste. Unter der Regie der Salonnière finden sich regelmäßig an einem jour fixe Gäste zu gebildeter Konversation ein. Die Gäste, die ohne Aufforderung regelmäßig erscheinen, werden im Gegensatz zu einmaligen Besuchern als Habitués bezeichnet. Für jeden Salon stellen die Habitués die Garanten für einen vertrauten oft beinahe familiären Umgang dar. Zur Blütezeit der Salonkultur um 1800 war der Kreis der Habitués in den Salons einer Stadt oft identisch:

"Zum Gespräch zwischen 18 und 20 Uhr ging man also zu Julie de Lespinasse, zum Souper in den späteren Abendstunden zu Madame du Deffand, montags zu Madame Geoffrin, dienstags zu Madame de Tencin und so fort."3

Nähere Bekannte und die regelmäßigen Gäste des Hauses waren "ein für alle mal" eingeladen. Ihnen stand es auch zu, neue Gäste zu empfehlen und sie in den Salon einzuführen. Daneben war es durchaus üblich, daß durchreisende Gelehrte oder Künstler die Salons während ihres Aufenthaltes besuchten. Sie stellten neben den Habitués eine Bereicherung der Salongesellschaft dar. Keinesfalls ist der Salon mit einem Club, der rigiden Regeln und Mitgliedsstatuten unterworfen ist, vergleichbar, da es weder finanzielle Anreize für die Salonnière gab, noch Mitgliederlisten geführt wurden. Im Salon herrschte eine zwangfreie Geselligkeit. Die Persönlichkeit der Salonnière ist es in erster Linie, deren Gesellschaft die Gäste immer aufs Neue suchen. Ihr Charme und ihre Klugheit sind gefragt, ob es sich nun um literarische Themen oder zwischenmenschliche Beziehungen handelt. Sie ist durchaus wandlungsfähig und weiß die Konversation zu lenken, wenn es einmal notwendig sein sollte. Für die Frauen ist der Salon das Tor zur gelehrten Welt und zur Öffentlichkeit. Denn außerhalb dieses Kreises sind ihre Entfaltungsmöglichkeiten zu gering. Bildung und Politik sind zur Blütezeit der Salons um 1800 nach wie vor das Privileg der Männer.

Der Erfolg der Salons ist keineswegs selbstverständlich. Petra Wilhelmy-Dollinger weist in ihrer umfangreichen Arbeit zu den Berliner Salons darauf hin, "daß auch der Männerwelt an der Salongeselligkeit, ihrer gesellschaftrevolutionären "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", gelegen war und die Männer an dieser speziellen Art von Begegnung mit dem weiblichen Geschlecht und den gebildeten und geistreichen Vertreterinnen desselben Gefallen fanden."4

Der im Salon übliche gemischtgeschlechtliche Umgang läßt die Frau aus ihrer sonstigen Randstellung innerhalb der Gesellschaft heraustreten, obgleich ihre Rolle abhängig von den Gesprächsthemen war. So wirkten oftmals die Schranken außerhalb der Salongesellschaft weiter, wenn die Konversation zu politischen Themen wechselte. Die Stellung des Salons zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre erklärt auch in gewisser Hinsicht das Phänomen der Gleichberechtigung. Der Ort des geselligen Zusammenseins ist der Bereich in dem, der Aristokratin repräsentative Aufgaben zuerkannt werden und der bürgerlichen Frau als ihr eigentlicher Lebens- und Wirkungsrahmen galt. Der private Rahmen bot darüber hinaus gewisse Schutzfunktionen; ohne sich dabei der Öffentlichkeit gänzlich zu entziehen.

An diesem Ort können sowohl Berühmtheiten als auch unbekanntere Personen einander im Gespräch bereichern. Die Salonniére "..stiftet eine kultivierte Atmosphäre, in die eine leicht erotische Note einfließt, provoziert amüsante Gespräche, gleicht Gegensätze aus und erzeugt seelisches Behagen wie geistige Bewegung."5

Die Halböffentlichkeit des Salons stellt im Gegensatz zu den sonstigen gesellschaftlichen Bedingungen eine ungewöhnliche und riskante Konstellation dar, die oft genug zum Anlaß genommen wurde, den Salon als solches zu kritisieren, ihn der Lächerlichkeit preiszugeben oder abzuwerten. Hugo von Hofmannsthal gibt eine ironische Beschreibung der besonderen Atmosphäre in einem der Wiener Salons, die hier nicht fehlen sollte:

"(...) Gespräche über die Hand kleiner Kreis, ein paar junge Frauen, ein paar lächerliche Figuren, ein paar rührende, Verläumdung, Klatsch, hübsche Worte, Reisen (...)

Ihre Gedanken schwimmen langsam und schön wie Goldfische In einem stillen grünen crystallhellen Teich (...)"6

Gerade diese Spannung, beruhend auf der Mischung von Unterhaltung, Bildung, Anspruch, Öffentlichkeit und Privatspäre, bildet den entscheidenden Spielraum für geistreiche Konversation. Gäste und Gastgeberin vergnügen sich nicht nur, sondern bereichern und bilden sich auch, "daß der Geist das Leben und das Leben den Geist befruchtete."7

Die heterogene Zusammensetzung der Gäste stellt besondere Ansprüche an die Kommunikationsfähigkeiten der Teilnehmer. Ihr auf Harmonie bedachtes Verhalten in dieser besonderen Situation zeichnet die Salongäste als salonfähig aus. Jede(r) der Anwesenden erkennt die Gleichrangigkeit der anderen an und versucht diese zu realisieren. Idealerweise werden von allen Gästen alle außerhalb des Salons vorhandenen Privilegien, sozialen Differenzen und geschlechts- und berufsspezifische Unterschiede beiseite gelassen und ein gleichberechtigter Dialog angestrebt.

Dem Charakter des Gesprächs als essentiellem Bestanteil einer jeden Salongesellschaft ist noch hinzuzufügen, daß kulturelle Ereignisse die Konversation bestimmen, aber weder Übereinstimmung angestrebt wird, noch Randthemen wie gemeinsame Bekannte, ausgespart bleiben. Die Aufzeichnungen des Grafen Salm am Beispiel des Salons von Rahel von Varnhagen bieten ein repräsentatives Beispiel für den Ablauf einer solchen stilvollen Konversation:

"Das Gespräch wurde sehr lebhaft und wogte, zwischen den Personen wechselnd, über die mannigfachsten Gegenstände hin. Ich wäre nicht fähig, die raschen Wendungen und den verschiedenartigen Inhalt wiederzugeben und wage den versuch nicht. Man sprach vom Theater, von Fleck, dessen Krankheit und wahrscheinlich nahen Tod man allgemein beklagte, von Righini, dessen Opern damals den größten Beifall hatten, von Gesellschaftssachen, von den Vorlesungen August Wilhelm Schlegels, denen auch Damen beiwohnten. Die kühnsten Ideen, die schärfsten Gedanken, der sinnreichste Witz, die launigsten Spiele der Einbildungskraft wurden hier an dem einfachen Faden zufälliger und gewöhnlicher Anlässe aufgereiht. Denn die äußere Gestalt der Unterhaltung war, wie in jeder anderen Gesellschaft, ohne Zwang und Absicht, alles knüpfte sich natürlich an das Interesse des Augenblicks, der Person, des Namen, deren gerade gedacht wurde."8

Neben den Gesprächen als Hauptbestandteil der Salonunterhaltung, gab es durchaus noch andere Formen der Geselligkeit, wie Musikaufführungen, Rezitationen, Theater und Vorträge, die je nach den Präferenzen der Gastgeberin und der Gäste, zum Tragen kamen.

2.1 Der literarische Salon

Abgrenzungen zu musikalischen, politischen, künstlerischen und sonstigen Mischformen der Salons lassen sich in der Realität nur schwer durchführen. Allerdings gingen Literatur und Salon eine "natürliche" Verbindung ein, denn alle Teilnehmer der Gesellschaft zeigten Interesse an literarischen Themen. Dagegen führte eine Konzentration zu wirtschaftlichen und politischen Gegenständen erneut zur Marginalisierung der Frau.

Literarische Salons bildeten den Hauptbestandteil der Salongeselligkeiten und sind von den Kaffeekränzchen und politischen Salons abzugrenzen, da sich die kommunikativen Inhalte auf literarische und ästhetische Themen konzentrierte. Peter Seibert weist in seiner Untersuchung über die Literarischen Salons der Aufklärung bis zum Vormärz darauf hin, daß eine strenge Eingrenzung der Kommunikationsinhalte auf literarische Gegenstände problematisch ist. Er schlägt daher vor, "eher von einem dominant Literarischen Salon als von einem exklusiv Literarischen Salon"9 zu sprechen.

Der literarische Salon fungiert meist "als Bereich unmittelbarer, d.h. personaler Kommunikation zwischen Literaturproduzenten und -rezipienten"10: Er ist quasi die Kontaktstelle für Autor, Verleger und Rezipient. Dabei ist der Salon wiederum klar von den reinen Autorenvereinigungen und den Lesegesellschaften als ausschließlich publikumsbildende Instanz abzugrenzen. Im Salon ist die Kommunikation zwischen Autor und Publikum institutionalisiert. Das Publikum selbst erlangt damit Einfluß auf die Entstehung von Literatur und ist nicht mehr nur auf rein passives Rezipieren oder auf die Rolle des Rezensenten und Kritikers beschränkt. Unmittelbarer Einfluß auf die Literatur wird in diesem Rahmen möglich: Es werden Erwartungshaltungen geschaffen und auf beiden Seiten abgeglichen. Desweiteren hat dies Einfluß auf das Rezeptionsverhalten und dient der Entfaltung literaturkritischer Fähigkeiten.

War der Salon vor der Etablierung des Buchmarktes noch Ort des Mäzenatentums, an dem vielfach der Grundstock für den Erfolg von Künstlern gelegt wurde; z.B. lernte Beethoven seine Mäzene Fürst Lichnovsky und Fürst Andreas Rasumoffsky im Salon der Gräfin Thun kennen11, so nehmen im Laufe der Entwicklung "die Beziehungen der Schriftsteller zum Salon und in erster Linie zur Salondame allenfalls den Charakter fakultativ eingegangener Interdependenzen an".12

3. Wien und seine Salons

Undenkbar wäre Wien im 19. und anbrechenden 20. Jahrhunderts ohne seine Vielzahl von Salons gewesen. Im Gegensatz zu anderen europäischen Metropolen der Salonkultur grenzten sich jedoch die verschiedenen Gesellschaftskreise untereinander stark voneinander ab. Wie Richard Coudenhouve-Kalergi berichtet, verhielten sich die Diplomatie, Wiener Adel und jüdische Hochfinanz in ihren Kreisen noch bewußt international13, obgleich die nationalen Bestrebungen innerhalb der Donaumonarchie den Vielvölkerstaat bereits stark erschütterten. Gerade jedoch die Habsburgermonarchie hatte nach Ansicht von Berta Zuckerkandl eine besondere Umgebung für „[p]ittoreske Menschen, Menschen von unnachahmlicher Eigenart, geniale Exemplare, die sich ihre eigenen Gesetze zimmerten“14 geboten. Derart unkonventionelle und exotische Gäste waren gern gesehen in den Salons der Stadt, trugen sie doch zu dem besonderen Flair der Salongeselligkeiten in der Hauptstadt bei.

Wien bot wie kaum eine andere Stadt zu dieser Zeit, die Möglichkeit ein unbehindertes und unkonventionelles Dasein zu führen. Selbst ein auch in Gesellschaft nicht mit Worten zimperlicher Hofrat wie Paul Schulz, von dem Berta Zuckerkandl in ihren Erinnerungen festhält, daß gerade „sein kaustischer Witz, seine große Unverschämtheit, die er besonders in noblen Salons zur Schau trug“15 zu seiner bevorzugten Stellung beitrug , waren gern gesehene Gäste, obgleich sie sich natürlich wie alle anderen weniger exzentrischen Gäste an gewisse Umgangsformen von Maß und Zurückhaltung zu halten hatten, um dem im Salon angestrebten harmonischen Verhalten gerecht zu werden.

Literarische Salons wie sie beispielsweise in Berlin zu finden waren, bildeten sich in Wien jedoch kaum aus. Künstlerische und literarische Themen besprach man eher in den zahlreichen Cafés wie dem Griensteidl:

„Es wurde ein Kaffeehaus der Künstler und Literaten...

Im letzten, gegen den Ballplatz zu gelegenen Stübchen, Im „Sanktissimum“, versammelten sich täglich die Mitglieder des nahen Burgtheaters, und zu ihnen gravitierte alles, was zur Kunst in Beziehung stand. Hier erzählte Beckmann seine berühmten Anekdoten, denen Sonnenthal mit gut zurechtgelegter Neugierde in der erstaunten Miene lauschte, als wären es bare Offenbarungen; [...]der Theaterschriftsteller R. v. Seyfried las sie alle auf und druckte sie am selben Tage in seiner „Hühnersteige“ (so nannte man die von ihm geschriebene Theaterrubrik des „Wanderer“) ab. Heinrich Laube erschien gern mit seinem Hund [...] und ließ sich von Meixner einiges über das elende Leben, diese „raffinierte Bestie“, vordeklamieren.“16

Zu den wichtigsten literarischen Geselligkeiten zählte ohne Zweifel der Salon der Josephine von Wertheimstein, zu deren regelmäßigen Gästen Hugo von Hofmannsthal, Eduard von Bauernfeld und Ferdinand von Saar gehörten. Doch in zunehmenden Maße kritisierte Hofmannsthal und andere Zeitgenossen die Tendenz in den Wiener Salons die realen und vor allem politischen Verhältnisse der Zeit ganz außer acht zu lassen Hofmannsthal wurde später ein gern gesehener Gast in Berliner Salons, deren Konversationsstil er besonders schätzte. Über den Umgang im Salon Cornelie Richters hielt er fest, daß dort ein Gespräch möglich war, „wo fünf ruhig zuhören, während je einer spricht und wobei nicht nur jeder seine eigene Ansicht auskramt“17. Kritisch stand er auch der Zusammensetzung der Salongäste gegenüber, deren „Wahllosigkeit“18 er ebenso beklagte.

Berta Zuckerkandls Salon, in dem er ein oft gesehener Gast war stellte in seinen Augen offenbar eine gelungene Ausnahme dar.

4. Die Salonnière Berta Zuckerkandl

Nur wenige Salons überdauerten den Niedergang der Salonkultur nach dem ersten Weltkrieg. Berta Zuckerkandls Wiener Salon, den sie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis zu ihrer Emigration 1938 zuerst in einer Döblinger Biedermeiervilla in der Nußwaldgasse, dann in der Oppolzergasse führte. Der Kreis um Berta Zuckerkandl gehörte zu einem der bedeutendsten Wiens um die Jahrhundertwende. Allerdings beschränkt sich wie bei den meisten europäischen Salons die Quellenlage beinahe ausschließlich auf Briefe, Tagebuchnotizen u.a. von Arthur Schnitzler, einer der Habitués, und autobiographische Aufzeichnungen der Salonnière. Im Hinblick darauf ergibt sich eine eindeutige Konzentration auf die Sichtweise Berta Zuckerkandls, deren Neigung zur Verklärung und der Selbstdarstellung nicht außer acht gelassen werden sollte.

Kritische Stimmen gab es. Berta Zuckerkandl geriet als Anhängerin Hermann Bahrs, dessen Österreichertum sie besonders schätzte - sie selbst war eine überzeugte Verfechterin der Einheit des Vielvölkerstaates - in die Kritik von Karl Kraus, der sie als "Hebamme der Kultur" attackierte, in deren Haus "die Generationen ein- und ausgegangen sind. Der Ausblick auf die Wechselbeziehungen, die sich da zwischen Leben und Literatur ergeben haben, ist keineswegs erfreulich."19 Bemerkungen solcher Art sind jedoch eine Seltenheit. Dafür wird in den Schilderungen vieler Habitués ihre Kunstfertigkeit, Gesellschaft zu inszenieren, Menschen unterschiedlichster Interessen und Professionen zusammenzuführen und sie anzuregen einige Stunden gemeinsamen Gedankenaustauschs zu verbringen, hervorgehoben.

Berta Zuckerkandl entstammt einer wohlhabenden, jüdischen Familie aus Galizien, die von einer Vielzahl an internationalen Verbindungen und kosmopolitischen Kontakte geprägt war. Wie ihr Vater Moriz Szeps, der Begründer und Chefredakteur des „Liberalen Wiener Tagblatts“ und Freund und Berater des Kronprinzen Rudolf, setzte sie sich Zeit ihres Lebens für die Verständigung zwischen Österreich und Frankreich ein. Moriz Szeps pflegte nicht nur Verbindungen zu französischen Politikern wie Ernest Renan, Charcot, Jules Ferry, Georges Clemenceaus und Léon Gambetta, ihm lag ebenso wie seiner Tochter in späteren Jahren, der Austausch der Künste zwischen den beiden Ländern am Herzen. So folgte der französische Schauspieler Constant Coquelin 1883 der Einladung zu einem Gastspiel nach Wien und trat dort zusammen mit Adolf von Sonnenthal auf. Im Palais Szeps wurde anläßlich des Besuches aus Frankreich eine glanzvolle Soirée veranstaltet. Doch nicht nur an diesem Abend empfing ihre Mutter Gäste in diesem Rahmen. Ihr Salon gehörte nach Ansicht der Tochter zu einem „der belebtesten Wiener Salons“20, der ein beliebter und vielbesuchter Treffpunkt der jüdischen Intelligenz Wiens, Schauspieler, Aristokraten, Staatsmänner, Dichter, Schauspieler und Damen von Welt war. Berta Zuckerkandl begegnete im Hause ihrer Eltern schon als junges Mädchen so bedeutenden Persönlichkeiten wie dem Komponisten Jaques Offenbach, dem britischen Premier Benjamin Disraeli und Georges Clemenceaus. Dieser beriet sie bei vielen gemeinsamen Museumsbesuchen in Fragen der modernen Kunst.

Das frankophile Milieu und das europäisch ausgerichtete Salonleben ihres Elternhauses übten großen Einfluß auf die spätere Salonnière aus. Nach der Hochzeit ihrer Schwester Sophie mit Paul Clemenceau intensivierten sich die Kontakte nach Frankreich; es wurde ihr zur zweiten Heimat. Ihre spätere Übersetzertätigkeit spiegelt ebenso wie ihr ständiges Bemühen um den kulturell-geistigen Austausch zwischen Österreich, Frankreich und Deutschland ihre Verwurzelung jenseits aller nationalen Grenzen wider. Sie trat als Vermittlerin der Kulturen und Nationen auf und stand damit ganz in der Tradition ihrer Vorgängerinnen wie Caroline Pichler, die sich bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts in ihrem Salon für die Vermittlung der neuesten französischen Literatur und der Förderung deutschsprachiger Autoren in Frankreich einsetzte.21 Gleichwohl hatte das Interesse an der französischen Kultur in den Gebildeten Kreisen Wiens eine lange Tradition. Denn auch hier orientierte man sich an der französischen Salonkultur.

4.1 Der Salon

Als junge Journalistin hatte sie mit kämpferischen Artikeln in den führenden Zeitungen Wiens immer wieder das konservative Bürgertum attackiert und sich gemeinsam mit ihrem Vater für die politischen Belange des Kronprinzen Rudolf eingesetzt. Nach dessen Tod wandte sie sich bewußt von der Politik ab und widmete sich desto intensiver den kulturellen und sozialen Belangen, denen neben der Politik ihr größtes Interesse galt. In dieser für ihre Familie und das ganze Land äußerst tristen Situation sah Berta Zuckerkandl, zu diesem Zeitpunkt schon Gattin des berühmten Anatomen Emil Zuckerkandl, einen geistigen Neuanfang, an dem sie in ihrem neuerworbenen Haus in der Nußwaldgasse Anteil haben wollte:

„Der gewaltsame Tod des Kronprinzen, das vollständige Versickern des Liberalismus, eine immer stärker auftretende Reaktion in allen Dingen, die mit Kunst und Kultur zusammenhingen, ja ein gewisses Schildbürgertum, das den Menschen Scheuklappen anlegte und jeden geistigen Aufschwung verhinderte, gab Wien für eine kurze Zeitspanne das alternde, leere Antlitz einer verblühten Schönen. Aber es erwies sich, wie immer erst im Rückblick, daß es eine Übergangszeit war. Unter der Decke dieser Antipathie sprießten bereits kostbare Keime. Und wie das herrliche Schauspiel der Natur Europa einen gemeinsamen Frühling schenkt, so gibt es auch - und dies ist eine wunderbare Erkenntnis - stets einen gemeinsamen Frühling geistiger Wiedergeburt.“22

Von ihrem Elternhaus geprägt, führte Berta Zuckerkandl seit 1888 einen Salon in ihrer neuerworbenen Villa in Döbling, die bald zum Treffpunkt der künstlerischen und literarischen Avantgarde Wiens und zudem von Freunden ihres Mannes besucht wurde. So weiß die Salonniére stolz zu berichten:

„Bald war unser Haus das Zentrum einer Gruppe von Freunden; Künstlern, Wissenschaftlern, Musikern. Seit meiner frühesten Jugend war ich gewohnt gewesen, Gäste zu empfangen. Ich tat dies in einer oft unkonventionellen Art, aber man kam gerne und oft in unser Traumhaus.“23

Zu den häufigsten Gästen der Hofrätin zählten in diesen ersten Jahren ihres Salons Mediziner aus dem Kollegenkreis ihres Mannes wie Julius Wagner Jauregg, Richard Krafft-Ebing, der Schriftsteller Hermann Bahr und Alexander Girardi. Nach dem Tod ihres Mannes bewohnte sie seit 1916 eine Vier-Zimmerwohnung in der Oppolzergasse ganz in der Nähe des Burgtheaters.

Bis zu ihrer Emigration 1938 empfing sie ihre Salongäste im Bibliothekszimmer, dessen Mittelpunkt ein überdimensionaler Diwan bildete, auf dem bis zu zehn Personen Platz fanden:

„Er war in einem schwer definierbaren Schwarz-Grün gehalten und mit einem Blumenmotiv im Jugendstil geschmückt“.24

Diesem Prachtstück aus der Wiener Werkstätte galt „Tante Bertas“ ganzer Stolz. So ist es nicht verwunderlich, daß sie ihn im Rückblick mit allen Tugenden des idealen Habitués ausstattet25 „Diese Diwanecke ist ein Hauptbestandteil meines geselligen Lebens. Seit vielen Jahren treffe ich hier mit Freunden zusammen, erwarte meinen Sohn, die Schwiegertochter und den Enkel, versuche zu trösten, muß aber wohl als all zu temperamentvolle Journalistin auch hie und da jemand kränken. Politikern lauscht der erfahrene Diwan mit Verständnis, er kennt viele Dichter, die hier ihre Klage laut werden lassen. Er mißbilligt die Absicht einer Ehefrau, sich von dem großen Schriftsteller, dem Mann, der sie liebt, scheiden zu lassen - aber er weiß, daß ich solche Vertraulichkeiten niemals mit der Arroganz des Bewußtseins eigener Tugend aufnehme, vielmehr immer zu verstehen suche. Er bemitleidet die neuen Armen, wenn sie mir fassungslos den Verlust ihrer seit Generationen erworbenen Vermögen klagen. Er lächelt über die neuen Reichen, die sich manchmal bei mir versammeln und erstaunt erfahren, daß es Dinge gibt, wie Geist und Ideale, die nicht zu kaufen sind. Er unterhält sich königlich, selbst wenn der Schauspieler und Schriftsteller Egon Friedell mit dem Gewicht seiner Hünengestalt ihm zwei Rippen bricht. Auf meinem Diwan wird Österreich lebendig.“26

4.2 Die Gäste im internationalen Netz der Salons

Mittlerweile war der Salon der Hofrätin zu einer echten Wiener Institution geworden. Die Gästeliste liest sich dann auch wie eine Aufzählung von Rang und Namen der künstlerischen und politischen Kreise Österreichs. Neben den bereits erwähnten Medizinern aus dem Umkreis ihres Mannes gehörten Schauspieler wie Alexander Moissi und Alexander Girardi, zeitweilig Max Reinhardt und Erwin Piscator und die Direktoren der Wiener Theater zu den regelmäßigen Besuchern. Aus dem Bereich der bildenden Kunst sind vor allem Künstler der Wiener Secession zu nennen, so beispielsweise Oskar Kokoschka, Hermann Bahr, Gustav Klimt und Josef Hoffmann. Letzterer zeichnet sich auch für die Gestaltung ihres ganzen Wohnmobilars verantwortlich.

Der Bereich der Musik war in erster Linie durch Josef Strauß und Gustav Mahler , aber auch Julius Bittner und Oskar Fried vertreten. Darüber hinaus gehörte eine Vielzahl von Sängerinnen und Pianisten zu ihren Salongästen. Unter den Schriftstellern, die wohl zu den regelmäßigsten Teilnehmern zu zählen waren, befanden sich zahlreiche Autoren aus der Gruppe Jung Wien. Arthur Schnitzler, Peter Altenberg, Hugo von Hofmannsthal und Richard Beer-Hofmann, aber auch Stefan Zweig, Franz Werfel, Jacob Wassermann, Felix Salten, Fritz von Unruh konnte man am Sonntagnachmittag, dem jour fixe, bei Berta Zuckerkandl antreffen.

Politiker, wie auch Beamte und Diplomaten prägten ebenso das Bild des Salons. Trotz der angespannten politischen Verhältnisse nach dem Zusammenbruch der Großen Koalition und der anhaltenden Konflikte zwischen den Politikern der beiden großen Parteien, begegneten sich der Sozialist Julius Tandler und Bundeskanzler Prälat Seipel an diesem neutralen Ort mit „gegenseitige[r] Achtung und Höflichkeit“27. Hier ruhten die erbitterten Rededuelle zugunsten der harmonischen Konversation.

Den internationalen Charakter ihres Salons prägten darüber hinaus eine Vielzahl von französischen Gästen. Ihre Schwester Sophie Clemenceau führte in Paris einen Salon, dessen Geselligkeiten die Hofrätin bei ihren Besuchen oft beiwohnte. Vielen interessanten Gästen aus Kunst und Politik begegnete Berta Zuckerkandl im Kreis um Sophie. Einige davon gehörten später ebenso zu Ihren Salongästen, allen voran Paul Painlevé, der Maler Eugéne Carrière, der Modeschöpfer Paul Poiret, ebenso der Bildhauer Auguste Rodin und der Komponisten Maurice Ravel28. Die französischen Gäste schätzten es in österreichische Künstlerkreise eingeführt zu werden und nicht zuletzt auch die Bewirtung mit österreichischen Spezialitäten. Neben den bereits erwähnten Besuchern, pflegte die Hofrätin auch Kontakte zu französischen Schriftstellern wie Henri René Lenormand und Paul Géraldy, Journalisten, u.a. René Payot und Marcel Dunant, der Schauspielerin Marie Piérat und Repräsentanten des französischen Theaters, etwa Firmin Gémier und Lucien Besnard.

Der rege Austausch zwischen den beiden europäischen Weltstädten Wien und Paris beschränkte sich nicht nur auf Besuche; gern waren die Gäste aus dem Zuckerkandl-Kreis auch bereit, Konzerte, Ausstellungen oder Gastspiele der Franzosen in Österreich zu vermitteln.

„Es knüpften sich Fäden von Kunst zu Kunst. Klimt’sche Farbakkorde, Formen und Linien der Hoffmann‘schen Innenkunst, phantasievolle Dekoreinfälle - reisten von der Donau an die Seine.

Dort wurden sie heimisch, paßten sich dem französischen Empfinden an.“29

Eugène Carrière, der großes Interesse für die Autoren der Gruppe Jung Wien zeigte, erhielt z.B. ein Manuskript Peter Altenbergs, um sich mit dessen Arbeit vertraut machen zu können. Für Rodin stellte Berta Zuckerkandl Kontakte zum Kreis der Künstler um Klimt her. Die Liste der unterschiedlichsten Verbindungen, die die Hofrätin zwischen den Gästen ihres Kreises und dem ihrer Schwester herstellte, umfaßte auch den Modeschöpfer Poiret, der 1911/12 in Wien seine Modekollektion zeigte. Sein Aufmerksamkeit galt der zeitgenössischen österreichischen Kunst, weswegen ihn die Zuckerkandl mit ihren Habitués aus der Secession bekannt machte.

Zahlreiche Habitués, die sowohl im Salon von Sophie Clemenceau als auch im Zuckerkandl-Salon verkehrten, knüpften ein enges Netz zwischen den verschiedensten europäischen Salons und führten zu einem regen kulturellen und geistigen Austausch.

Sogar die entschiedene nationale Abgrenzung in Blick auf den Ersten Weltkrieg führte nicht zu einer Abschottung der einzelnen Salonkreise. Es zeigt sich vielmehr, daß sie in ein „spezifisches europäisches Kommunikationsgeflecht“30 verankert blieben. Die angespannte politische Lage hatte sogar ein gesteigertes Interesse der beiden Salonniéren zur Folge. Sie setzten alles daran, die vielgestaltigen Formen „französisch-österreichischer Seelengemeinschaft“31 zu fördern, und damit auch die politische Verständigung zwischen den beiden Staaten.

Anbetracht dessen galten Berta Zuckerkandls Hoffnungen noch bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges einem „dritten Vaterland“, daß die Menschen ungeachtet ihrer Nationalität auch weiterhin vereinen sollte:

„Als der Krieg ausbrach, erlebten meine Schwester und ich den tiefsten Schmerz einer scheinbar unüberbrückbaren Trennung. Doch wir verloren einander nicht. Niemals! Sie hing mit ganzer Seele an Frankreich, sie war Französin. Ich hatte Österreich sozusagen in meinem Blut. Aber beide besaßen wir ein drittes Vaterland. Dort gab es keinen Krieg, keinen Haß, keinen Brudermord. Es ist nicht von dieser Welt. Nur wer den Glauben, die Liebe zu den Menschen niemals, auch nicht während des wüstesten Blutrauschs ringsum verloren hat, weiß wo dieses Land liegt.“32

Ungeachtet aller nationalen Grenzen wollten die beiden Schwestern alles ihnen Mögliche tun, um den Krieg so schnell wie möglich zu beenden.

Voraussetzung für einen Separatfrieden zwischen Österreich und Frankreich war die Loslösung von Deutschland. Berta Zuckerkandl setzte sich besonders für die geistige Individualität und Unabhängigkeit Österreichs ein, indem sie ihre Kunstpropaganda forcierte. Darüber hinaus nutzte sie ihre Kontakte zu anderen Frauen, Habitués oder Salonniéren, mit denen sie in engem Kontakt stand. Sophie, indessen, nutzte ihre Kontakte zu den politischen Kreisen Frankreichs und Englands, um eine Annäherung an Österreich zu erreichen.33 Dabei gingen zahlreiche Berichte der Hofrätin für die österreichische Regierung über Interessenlage und Stimmung in Frankreich hauptsächlich auf Sophie Clemenceau zurück, die Informationen ihrer Pariser Gäste nach Wien weiterleitete.

Konkrete politische Ergebnisse kamen bei all den Bemühungen der Salonniére Berta Zuckerkandl und ihrer miteinander vernetzten Kontaktpersonen selten zustande. Jedoch läßt sich am Beispiel des Zuckerkandl-Kreises shr genau beobachten, wie die europäische Salongesellschaft oftmals auf privat-inoffiziellem Terrain in der Lage war, Türen zu öffnen und Stimmungen zu befördern, die durchaus Einfluß auf die Politik hatten oder ihr zumindest Vorarbeit leisteten. Ein Beispiel dafür stellt die Vermittlungstätigkeit zwischen den Vertretern der ehemaligen Kriegsgegner Bundeskanzler Seipel und Painlevé dar, deren Besuche in Wien 1928 bzw. in Paris 1926 von zahlreichen Soireen in den Salons begleitet wurden und einen nicht geringen Anteil an der politischen Harmonisierung zwischen den beiden Staaten leistete.34

Die Sonderstellung des Salons zwischen Öffentlichkeit und Privatheit förderte den fließenden Übergang zwischen privater Salongesellschaft und öffentlichem, politischen Leben.

4.3 Die Themen im Salon

Wie schon aus der Zusammensetzung der Gästeliste zu erahnen ist, läßt sich der Zuckerkandl-Salon kaum einem rein politischen, musikalischen oder literarischen Salontypus zuordnen.

Die große Zahl der internationalen Gäste und ihres vielfältigen beruflichen Hintergrunds bestimmten oftmals die Gesprächsthemen im Salon. So läßt sich in den Tagebüchern des Habitués Arthur Schnitzler im November 1923 folgender Eintrag finden:

"Zum Thee zur Hofrätin (aus Paris zurück). Viele Menschen. (Zu Ehren Mme.Piérat.) - Sprach den Schauspieler, der in Paris den Rademacher gespielt hat. Dr. Szeps (über seine politischen Artikel);- Schönherr, Werfel, Richard B.-H., Auernheimer (über die ev. Action gegen die Anrechnungen der Intendanz), Graf Mensdorff (politisches - er betont seine Einflußnahme gegen die derzeitige Anschlußbewegung) u.a.-."35

In besonderem Maße gehörte die Aufmerksamkeit der Salonniére und ihrer Gäste der Literatur, insbesondere den zeitgenössischen französischen und österreichischen Schriftstellern. Aus den Erinnerungen und zahlreichen Briefen der Habitués wird deutlich, daß im Zuckerkandl-Salon Literaturlesungen ebenso wie gelegentliche Musik- und Tanzaufführungen dargeboten wurden. So nutzte Hugo von Hofmannsthal die Geselligkeit, um "seine Neufassung von Calderons Großem Welttheater vorzulesen".36 Dabei hatte Hofmannsthal wesentlichen Einfluß auf die Auswahl der Anwesenden an diesem Abend:

"Unter den Geladenen durfte keiner sein, der die beinahe krankhafte Empfindsamkeit des Dichters reizen konnte. Hofmannsthal stellte eine Liste auf, ich fügte noch einige Namen hinzu. Schließlich hatten wir hundert Gäste zusammen. In der Ecke der Bibliothek saß Hofmannsthal, um ihn blieb ein weiter Raum frei. Die Zuhörer drängten sich bis an die hintere Wand des zweiten Zimmers. Ganz vorn saßen die Freunde: Hermann Bahr, BeerHofmann, Arthur Schnitzler, Felix Salten.37

Angesichts des begrenzten Raumes, der der Salonniére in der Oppolzergasse zur Verfügung stand, drohte die Zahl der oftmals bis zu zweihundert Gäste, den Rahmen der traditionellen Salongeselligkeit zu sprengen. Schnitzler merkte jedoch in seinen

Aufzeichnungen an, daß sich die Gesellschaft nach einer gewissen Zeit auf den kleineren Kreis der Habitués, den "Intimere[n]"38 konzentrierte.

Neben der Literatur spielte die Bildende Kunst im Salon eine große Rolle. Allen voran natürlich die Wiener Secession, für deren Verbreitung der Salon nicht nur als Kommunikationsort genutzt wurde, sondern Berta Zuckerkandl sich regelmäßig in ihrer Eigenschaft als Journalistin in zahlreichen Artikeln der Wiener Allgemeinen Zeitung einsetzte. Die Entstehungsgeschichte der Secession läßt die Verknüpfung zwischen Salongeselligkeit, innovativer Kunst und internationalen Kontakten deutlich werden. Habitués ihres Salons waren an sie herangetreten:

"Sie müssen [...] mittun. Sie sind durch Ihre Beziehungen mit Frankreich Vorkämpferin einer Bewegung, die Wien aus seinem Schlaf rütteln soll. Wir wissen, daß Sie mit Carrière, mit Rodin befreundet sind. Sie können unserer Sache wertvolle Pionierdienste leisten."39

In ihrer Doppelfunktion als Salonnière und Journalistin folgte Berta Zuckerkandl einem seit dem 19. Jahrhundert verbreiteten Phänomen. Wirkung mit Gesprächen im Salon zu erreichen, genügte nicht mehr, immer wieder rückte die Zeitung als meinungsbildender Multiplikator in den Vordergrund, mit der eine breitere Öffentlichkeit erreicht werden konnte, um die vielfältigsten Ideen nach außen zu tragen. Berta Zuckerkandl erhielt die Möglichkeit, in der Wiener Allgemeinen Zeitung für die "große Evolution"40 in den Künsten einzutreten. Im Vorwort der 1908 erschienen Sammlung ihrer wichtigsten Zeitungsartikel und Kommentare zu kulturpolitischen und kulturellen Ereignissen unter dem Titel "Zeitkunst 1901-1907",in dem sie sich für die Neue Sachlichkeit in Architektur und Kunstgewerbe einsetzte, hob Ludwig Hevesi die Bedeutung ihres Engagements für die Künste hervor:

"Es war in dem Salon der Verfasserin [Berta Zuckerkandl], daß der Gedanke der Wiener Secession zum erstenmal ausgesprochen wurde. Da trafen sich die paar modernen Menschen, die ihm Gestalt gaben und in Wien den Kampf um die Kunsterneuerung begannen. Dieser Geist der Initiative hat die Verfasserin auch später nicht verlassen. So manchesmal hat sie das erste Wort in wichtiger Sache gesprochen, so manchesmal auch das Wort gebracht, das kein anderer gesagt hätte."41

Schließlich standen im Kreis der Hofrätin Theater und immer wieder politische Themen im Vordergrund. Im Bereich des Theaters kreisten die Gespräche hauptsächlich um Burgtheaterfragen und die Salzburger Festspiele, deren Anfänge die Salonnière aus nächster Nähe miterlebte und in ihren Erinnerungen einen aufschlußreichen Bericht darüber gibt.

"[P]olitisches wie gewöhnlich"42 notiert Arthur Schnitzler nach einem Besuch bei der Hofrätin in seinen Tagebüchern. Besonders in den Vorkriegszeiten rückten die Ereignisse in den Nachbarländern immer wieder in den Mittelpunkt der Gespräche: Neben den österreichisch-französischen Beziehungen und dem angestrebten Separatfrieden wurde die Anschlußdiskussion an Deutschland thematisiert. Darüber hinaus standen der aufkommenden Faschismus in Italien und Deutschland ebenso wie der politische Umbruch im Osten im Vordergrund. Den deutsch-nationalen Kreisen erschien der Salon der Hofrätin gar als "Kulturbolschewistentreff"43. Der befreundete österreichische Dichter Theodor Csokor charakterisierte ihn 1933 in einem Brief an seinen Freund Ferdinand Bruckner wie folgt:

"Literarisch radikaler (als der Salon der Alma Mahler-Werfels) ist schon der Salon der 'Hofrätin', der Bertha Zuckerkandl, deren Schwester mit Paul Clemenceau, dem Bruder des 'Tigers', verheiratet ist, wie Du weißt. Hier hört man Marcel Dunant orakeln, der um die Führung Frankreichs in Zentraleuropa besorgt scheint, hier taucht umschwärmt Fritz von Unruh auf und das Faß Theodor Däubler und vor allem und immer wieder unser köstlicher Egon Friedell! Gott gebe, daß das hier so bleibt, in beiden Häusern - denn hier ist noch Europa."44

Politisch gesehen, hatte dieser Radikalismus jedoch kaum Auswirkungen. Vielmehr lag ihr besonders viel daran zwischen den Sozialdemokraten und der Christlichsozialen Partei zu vermitteln, um die Unabhängigkeit Österreichs zu sichern.

5. Schlußwort

Die Salonkultur ist ein bedeutendes Phänomen des 17. bis 20. Jahrhunderts, das der Initiative von Frauen zu verdanken ist. Es war der Anfang der Frauenemanzipation. Das eigenständige Bemühen um Bildung und Unterhaltung schuf dieses Gegenstück zu der von Männern dominierten Gesellschaft. Für die Gesamtgesellschaft leisteten Salons eine überaus integrierende und wertvolle Kulturarbeit. Eingebettet in ein sich über ganz Europa erstreckendes Netz wurden Informationen ausgetauscht; es entstanden vielfältigste Verbindungen von Kunst, Literatur, Musik, Theater und Politik, die sich gegenseitig bereicherten und unabhängig von nationalen Grenzen, Orte der Weltoffenheit, Verständigung und Freundschaft entstehen ließen.

Berta Zuckerkandls Salon bot ein ideales Umfeld für Begegnungen zwischen Menschen der unterschiedlichsten Einstellungen, Ansichten und Berufe.

Über ihren Salon hinaus engagierte sie sich als Journalistin und Übersetzerin für die Verbreitung von französischer und österreichischer Literatur und trat für zahlreiche (junge) Künstler ein.

Ihr Salon repräsentiert in einem krisengeschüttelten Europa eine Stätte des geistigen Weltbürgertums. Obwohl sie beständig für den Erhalt des Vielvölkerstaats Österreich eintrat, wollte sie über geographische Grenzen hinaus in "einem zerrissenen Europa wenigstens die Einheit des Geistes und Kunstlebens wiederherstellen"45. Literarische Salons sind ein Phänomen, das gerade in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt; und das nicht nur in der mehr oder weniger traditionellen Form, wie die Salons von Monika Döring und Nicolaus Sombart in Berlin, sondern vielmehr auch als virtuelle Salons oder Literaturcafés im Internet.46 Fraglich scheint in diesem Zusammenhang allerdings inwieweit sich diese an die einstigen literarischen Salons als Orte der Literaturvermittlung und des geistigen Austauschs anzunähern vermögen.

6. Literaturverzeichnis

Coudenhouve - Kalergi, Richard: Kampf um Europa. Aus meinem Leben. Zürich 1949.

Csokor, Franz Theodor: Zeuge einer Zeit. Briefe aus dem Exil. München, Wien 1964.

Dollinger, Petra: Ästhetische Kultur. Salons um 1900 zwischen Tradition und Moderne. München 1995.

Dubrovic, Milan: Veruntreute Geschichte. Die Wiener Salons und Literatencafés. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1987.

Heyden-Rynsch, Verena von der: Europäische Salons. München: Artemis & Winkler Verlag 1992.

Meysels, Lucian O.: In meinem Salon in Österreich. Berta Zuckerkandl und ihre Zeit. Wien, München: Herold Verlag 1984.

Redl, Renate: Berta Zuckerkandl und die Wiener Gesellschaft. Ein Beitrag zur österreichischen Kunst- und Gesellschaftskritik., [Diss. Masch.], Wien 1978.

Salm, Graf: Rahel Levin und ihre Gesellschaft. Gegen Ende des Jahres 1801, In: Karl August Varnhagen von Ense: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften, Bd. 8, Leipzig 1859.

Schnitzler, Arthur: Tagebuch 1913-1916, hg v. Werner Welzig, Wien 1983.

Schnitzler, Arthur. Tagebuch 1920-1922. hg. v. Werner Welzig, Wien 1993.

Schnitzler, Arthur: Tagebuch 1923-1926, hg. v. Werner Welzig, Wien 1995.

Seibert, Peter: Der Literarische Salon. Literatur und Geselligkeit zwischen Aufklärung und Vormärz. Stuttgart, Weimar: Metzler 1993.

Simanowski/Roberto, Turk/Horst, Schmidt/Thomas: Europa - ein Salon?. Beiträge zur Internationalität des literarischen Salons. Göttingen: Wallstein-Verlag 1999.

Szeps-Zuckerkandl, Berta: Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte. Stockholm: BermannFischer Verlag 1939.

Veigl, Hans: Lokale Legenden. Wiener Kaffeehausliteratur. München: Hanser 1991.

Wilhelmy-Dollinger, Petra: Die Berliner Salons: mit kulturhistorischen Spaziergängen. Berlin, New York: de Gruyter 2000.

Zuckerkandl, Bertha: Österreich intim. Erinnerungen 1892-1942. Frankfurt am Main, Berlin: Verlag Ullstein 1970.

[...]


1 Simanowski, Roberto (Hrsg): Europa - ein Salon?. Beiträge zur Internationalität des literarischen Salons. Göttingen: Wallstein-Verlag, 1999. S. 9.

2 Wilhelmy-Dollinger, Petra: Die Berliner Salons: mit historisch-literarischen Spaziergängen. Berlin/ New York: de Gruyter, 2000. S.38.

3 Heyden-Rynsch, Verena von der: Europäische Salons. München 1992. S.17.

4 Wilhelmy-Dollinger, Petra (wie Anm. 2), S.2.

5 Heyden-Rynsch, Verena von der (wie Anm. 3), S. 18.

6 Dollinger, Petra: Ästhetische Kultur. Salons um 1900 zwischen Tradition und Moderne. München 1995, S.30.

7 Wilhelmy-Dollinger, Petra (wie Anm. 2), S. 6.

8 Salm, Graf: Rahel Levin und ihre Gesellschaft. Gegen Ende des Jahres 1801, In: Karl August Varnhagen von Ense: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften, Bd. 8, Leipzig 1859, S. 563-594. (zitiert nach Seibert, Peter: Der Literarische Salon. Literatur und Geselligkeit zwischen Tradition und Moderne. Stuttgart, Weimar: Metzler 1993, S. 330.)

9 Seibert, Peter: Der Literarische Salon. Literatur und Geselligkeit zwischen Tradition und Moderne. Stuttgart, Weimar: Metzler 1993, S. 6.

10 Ebd.

11 vgl. Simanowski, Roberto (Hrsg. u.a.): Europa - ein Salon?. Beiträge zur Internationalität des literarischen Salons. Göttingen: Wallstein-Verlag 1999, S. 28.

12 Seibert, Peter (wie Anm. 9), S. 7.

13 vgl. Coudenhouve - Kalergi, Richard: Kampf um Europa. Aus meinem Leben. Zürich 1949, S.48.

14 Szeps-Zuckerkandl, Berta: Ich erlebte 50 Jahre Weltgeschichte. Stockholm: Bermann-Fischer 1939, S.307.

15 Zuckerkandl, Bertha. Österreich intim. Erinnerungen 1892-1942. Frankfurt am Main, Berlin: Ullstein 1970, S. 110.

16 Veigl, Hans: Lokale Legenden. Wiener Kaffehausliteratur. München: Hanser 1991, S.66.

17 von Hofmannsthal, Hugo: Briefe 1900-1909. Wien 1937, S. 317. (zitiert nach Simanowski, Roberto (Hrsg.): Europa- ein Salon?. Beiträge zur Internationalität des literarischen Salons. Göttingen: Wallstein Verlag 1999, S.194)

18 Simanowski, Roberto (Hrsg.) (wie Anm. 11), S. 195.

19 Kraus, Karl: Winke für die Schwangerschaft, in: Die Fackel 743 (1926), S. 81. (zitiert nach Simanowski, Roberto (Hrsg.), S. 191)

20 Zuckerkandl, Bertha: Österreich intim. Erinnerungen 1892-1942. Frankfurt am Main, Berlin: Ullstein 1970, S. 100.

21 vgl. Seibert, Peter (wie Anm. 9), S. 387.

22 Meysels, Lucian O.: In meinem Salon in Österreich. Berta Zuckerkandl und ihre Zeit. Wien, München: Herold Verlag 1984., S.59.

23 Szeps-Zuckerkandl, Berta (wie Anm. 14 ), S.164.

24 Meysels, Lucien O. (wie Anm. 22), S. 217.

25 vgl. Simanowski, Roberto (Hrsg.) (wie Anm. 11), S. 196.

26 Meysels, Lucian O. (wie Anm. 22), S.217.

27 Ebd., S 216.

28 vgl. Simanowski, Roberto (Hrsg.) (wie Anm. 11), S. 201.

29 Zuckerkandl, Bertha (wie Anm. 20), S. 101

30 Seibert, Peter (wie Anm. 9), S. 386.

31 Zuckerkandl, Bertha (wie Anm. 20 ), S. 116.

32 Szeps-Zuckerkandl, Berta (wie Anm. 14), S. 216.

33 Ebd., S. 216 f.

34 vgl. Ebd., S. 292 ff.

35 Schnitzler, Arthur: Tagebuch 1923-1926, hg. v. Werner Welzig, Wien 1995, S.97.

36 Zuckerkandl, Berta (wie Anm. ), S. 147

37 Ebd., S. 147.

38 Schnitzler, Arthur. Tagebuch 1920-1922. Hg. v. Werner Welzig, Wien 1993, S.370.

39 Szeps- Zuckerkandl, Berta (wie Anm. 14), S. 176.

40 Ebd., S. 178.

41 Ebd., S. 178.

42 Schnitzler, Arthur: Tagebuch 1913-1916, hg v. Werner Welzig, Wien 1983, S. 187.

43 Meysels, Lucian O. (wie Anm. 22), S. 216.

44 Csokor, Franz Theodor: Zeuge einer Zeit. Briefe aus dem Exil. München, Wien 1964, S.44 f.

45 Zuckerkandl, Berta: Manuskripte. Maurice Ravel. (zitiert nach Redl, Renate: Berta Zuckerkandl und die Wiener Gesellschaft. Ein Beitrag zur österreichischen Kunst- und Gesellschaftskritik., [Diss. Masch.], Wien 1978, S. 180.

46 vgl. Simanowski, Roberto (wie Anm. 11), S. 8.

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Der literarische Salon der Berta Zuckerkandl
Autor
Jahr
2000
Seiten
24
Katalognummer
V97074
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Salon, Berta, Zuckerkandl
Arbeit zitieren
Annett Oertel (Autor), 2000, Der literarische Salon der Berta Zuckerkandl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97074

Kommentare

  • Gast am 9.2.2001

    der literarische Salon der Berta Zuckerkandl.

    Ein sehr interessante Arbeit; ich möchte die Adresse von Annet Oertel um Ihnen zu schreiben; ich arbeite über dem französischen Maler Eugène Carrière der ein Portra¨t von Berta Zuckerkandl gemalt hat. Ich möchte Ihnen einige Fragen stellen. Viele Danke für Ihre Antwort.Sylvie Le Gratiet von Frankreich

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