Als schlösse sich die Welt zu - Zur Entwicklung der Beziehung Peter Schlemihls zur Gesellschaft


Seminararbeit, 2000
15 Seiten

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Inhalt

1. Einleitung: Schlemihl als Sonderling

2. Schlemihl und die Gesellschaft vor dem Schattenverkauf
2.1 Schlemihls Vorgeschichte
2.2 Johns Party
2.3 Der Schatten
2.4 Die Macht des Teufels

3. Schlemihl und die Gesellschaft nach dem Schattenverkauf
3.1 Reaktionen auf die Schattenlosigkeit
3.2 Unterschiedliche Wertehierarchien bei Schlemihl und der Gesellschaft
3.3 Bendel und Mina
3.4 Moral und Gewissenhaftigkeit Schlemihls
3.5 Schlemihls Gesellschaftsproben

4. Schlemihl ohne die Gesellschaft

5. Weitere mögliche Fragestellungen

6. Verwendete Literatur

1. Einleitung: Schlemihl als Sonderling

Sonderlinge sind seit der Antike ein beliebtes Motiv der Weltliteratur. Meist treten sie auf als von Natur aus andersartige Wesen, deren Konfrontation mit der „normalen Gesellschaft“ und die sich daraus ergebenden Probleme oft zu komischen Effekten führen.

Der Protagonist in E.T.A. Hoffmanns „Abenteuer der Silvesternacht“ begegnet Peter Schlemihl als einem solchen auf den ersten Blick komisch wirkenden Sonderling. „In der niedrigen Tür vergaß er sich zu bücken und stieß sich den Kopf recht derb; eine barettartige schwarze Mütze, die er trug, verhinderte jedoch Beschädigung. Er drückte sich auf ganz eigene Weise an der Wand entlang und setzte sich mir gegenüber, indem die Lichter auf den Tisch gestellt wurden. [...] Er forderte verdrießlich Bier und Pfeife und erregte mit wenigen Zügen einen solchen Dampf, dass wir bald in einer Wolke schwammen.“1 Auch die über die Stiefel gezogenen Pantoffeln und das wohlgefällige Betrachten seltener Alpenpflanzen, die aus einer Kapsel gezogen werden, mögen auch schon zu Hoffmanns und Chamissos Zeiten ungewöhnlich gewesen sein, mithin das Klischee des komischen Sonderlings bedient haben. Dass Peter Schlemihls als wundersam bezeichnete Geschichte eher tragisch ist, erfährt der Leser schon in den Vorworten zur eigentlichen Geschichte, in denen dem „armen Schlemihl“2 das Wort geredet wird.

Das Interessante an Chamissos Version des Sonderlings ist, dass Schlemihl nicht von Anfang an als Sonderling gezeigt, sondern vielmehr sein Weg vom durchaus funktionierenden Gesellschaftsmitglied zum (fast) gesellschaftsunfähigen Außenseiter dargestellt wird. Diesen Weg in seinen wesentlichen Abschnitten zu beleuchten, ist Anliegen der vorliegenden Arbeit. Dabei soll besonders untersucht werden, ob Schlemihl tatsächlich eine „frühe Schuld“3 aus der Gesellschaft treibt oder ob er nicht eher als ein Opfer starrer Konventionen, Vorurteile und anderer Einflussnahmen der Gesellschaft, die ihn aktiv ausstößt, gesehen werden sollte.

In den Vorworten zur eigentlichen Geschichte wird der Leser vermittelst eines fiktiven Briefwechsels auf das Auftreten Schlemihls vorbereitet. Mit der Bemerkung „Es trügt mich alles, oder in unserm lieben Deutschlande schlagen der Herzen viel, die den armen Schlemihl zu verstehen fähig sind und auch wert“4 wird der Leser auf eine mitfühlende Haltung gegenüber Schlemihl eingestellt. Bemerkenswert ist, dass die Annahme des fiktiven Fouques, viele Herzen würden Schlemihl verstehen können, in krassem Widerspruch zu dem steht, was die Geschichte selbst erzählt. Wenn der „Herausgeber“ Chamisso Fouque vorwirft „So wenig galt er bei Euch. - Ich hatte ihn lieb.“1, wird erneut des Lesers Sympathie auf Schlemihls Seite bewegt.

Da in der den Vorworten folgenden Erzählung Schlemihls Sichtweise angenommen, mithin vom Autor vorgegeben wird, werde ich in der vorliegenden Arbeit dieser Sichtweise folgen und andere weitgehend außer Acht lassen.

2. Schlemihl und die Gesellschaft vor dem Schattenverkauf

2.1 Schlemihls Vorgeschichte

Schlemihl betritt den Rahmen der Erzählung keineswegs aus dem gesellschaftlichen Nichts heraus, sondern führt sich selbst von Anfang an als anerkanntes Mitglied der Gesellschaft vor: „Nach einer glücklichen, jedoch für mich sehr beschwerlichen Seefahrt, erreichten wir endlich den Hafen.“2 Freilich wird auch unmittelbar zu Beginn der Geschichte auf Schlemihls Armut ausdrücklich hingewiesen, doch er ist im Besitz des Empfehlungsschreibens von Johns Bruder, das ihm zu „bescheidenen Hoffnungen“3 Anlass geben kann. Schlemihl selbst sagt über seine Vorgeschichte nichts, man kann sie nur als Vorgeschichte der Armut erahnen, da Schlemihl die Last einer „sehr beschwerlichen Seefahrt“4 auf sich nimmt, um zum Ort des Geschehens zu gelangen. Diese weitgehende Vergangenheitslosigkeit erweckt den Eindruck eines sehr jungen Mannes. Dieser Eindruck kontrastiert stark zu dem, der sich am Ende der Erzählung von Schlemihl einstellt: Man sieht dann einen alten, gebrochenen, grauhaarigen Mann.

2.2 Johns Party

Das Empfehlungsschreiben ist neben der später in der Erzählung wieder auftauchenden schwarzen Kurtka die einzige Verbindung von Schlemihls Vergangenheit zur erzählten Zeit. Gleichzeitig stellt es den ersten bedeutsamen Einfluss der Gesellschaft auf Schlemihl dar, bewirkt es doch, dass er sich auf eine Reise in ein ihm völlig fremdes Gebiet begibt.

Da Schlemihl so jung und offensichtlich arm ist, nimmt man ihm auch ohne Zweifel seine Unfähigkeit ab, sich innerhalb Johns High Society zu bewegen:

„Die Gesellschaft war sehr aufgeräumt, es ward getändelt und gescherzt, man sprach zuweilen von leichtsinnigen Dingen wichtig, von wichtigen öfters leichtsinnig, und gemächlich erging besonders der Witz über abwesende Freunde und deren Verhältnisse. Ich war da zu fremd, um von alledem Vieles zu verstehn, zu bekümmert und in mich gekehrt, um den Sinn auf solche Rätsel zu haben“1

Obwohl die Gesellschaft und ihre Verhältnisse hier offensichtlich vom Autor ironisiert werden, müssen sie einen großen Eindruck auf Schlemihl machen, da sie stark zu seiner eigenen Verfassung kontrastieren: Seiner Armut wegen hat sich Schlemihl zu John begeben und erlebt eine Gesellschaft, der im Grunde alles egal ist, sogar der unbekannte Gast: „Ich schlich hinterher, ohne jemandem beschwerlich zu fallen, denn keine Seele bekümmerte sich weiter um mich“2

Schlemihls Versuch, sich der Gesellschaft gefällig zu machen, indem er John „mit vollem, überströmendem Gefühl“3 zustimmt, als dieser sagt: „Wer nicht Herr ist wenigstens einer Million [...], der ist, man verzeihe mir das Wort, ein Schuft“4, scheitert nach anfänglichem scheinbaren Erfolg. So muss sich Schlemihl überflüssig vorkommen, sozusagen als Außenseiter bestaunen, was die anderen für selbstverständlich halten, ja gar nicht wahrzunehmen scheinen: Der graue Mann, der, wie sich -für Schlemihl zu spät- herausstellen wird, der Teufel persönlich ist, zieht Wunder über Wunder aus der Tasche. Verunsichert, weil er der einzige ist, der sich darüber wundert, wendet sich Schlemihl an ein Mitglied der Gesellschaft, um erneut ausgestoßen zu werden: Der Angesprochene gibt eine knappe, nicht zufriedenstellende Antwort, wendet sich ab und spricht „von gleichgültigen Dingen mit einem anderen“5.

Solchermaßen im freien Raum der reichsten Gesellschaft schwebend, zu der er ja auch gern gehören würde („Ich wollte [...] am andern Morgen mein Glück bei Herrn John wieder versuchen“1 ), ist Schlemihl höchst empfänglich für jegliche Zuwendung aus der Gesellschaft, selbst wenn sie gerade von dem Mitglied kommt, das ihm am unangenehmsten ist.

2.3 Der Schatten

Der Schatten ist ein rein physikalisches Phänomen. Manche Pflanzen brauchen ihn zum Leben, Menschen und Tiere suchen vor der brennenden Sonne Schutz im Schatten der Bäume. Ihren eigenen Schatten beachten die Menschen höchstens als Kinder. Weil der Schatten des Menschen wie die der meisten Tiere beweglich ist, hat er keinen Nutzen. Er wird von erwachsenen Menschen kaum wahrgenommen, er ist wertlos.

Auch Schlemihl betrachtet seinen Schatten auf diese Weise als unwichtig und entbehrlich und ist deshalb höchst erstaunt, als er jemanden seinen Schatten loben hört. Es ist verständlich, dass Schlemihl in seiner Lage als armer Schlucker unter lauter Reichen kaum zögert, den ihm unwichtig erscheinenden Schatten gegen ein Glückssäckel einzutauschen, das nie Goldes leer wird, waren doch die „bescheidenen Hoffnungen“ Schlemihls vordergründig monetärer Art.

Das Interessante und Überraschende an der Schattenverkaufs-Szene ist nicht der Teufel und nicht der Schattenverkauf, sondern die Veränderung des Wertes , der dem Schatten beigemessen wird. Diese Veränderung wirkt sich auf den gesamten Rest der Erzählung aus und sogar darüber hinaus. Angefangen bei zeitgenössischen und späteren Dichtern, die das Schattenmotiv aufgriffen oder variierten, bis hin zu heutigen Literaturwissenschaftlern und anderen Interpreten des „Schlemihl“ hat der Schatten die Gedanken beschäftigt und nur Rätsel hinterlassen. Viel ist allein darüber geschrieben worden, wofür der Schatten steht, was für eine Bedeutung er in dieser Erzählung oder allgemein hat, und schließlich darüber, was über den Schatten geschrieben wurde.2

Der Schatten ist ein rein physikalisches Phänomen, das darüber hinaus keinerlei Bedeutung hat. Er hat nur eine besondere Eigenart, was aber auch schon invers ausgedrückt ist: Alle haben ihn, sofern eine Lichtquelle vorhanden ist

2.4 Die Macht des Teufels

Der erste, der dem Schatten überhaupt einen Wert beimisst, ist der Teufel: „für diesen unschätzbaren Schatten halt ich den höchsten Preis für zu gering.“1 Diese Beobachtung führt zu der Frage, ob nicht der Teufel die ganze Erzählung steuert, wenn nicht sogar den Erzähler, der dem Leser in genialer Weise den Über-Wert des Schattens nahe bringt.

Dafür, dass der Teufel zumindest den größten Teil der Gesellschaft im Griff hat, spricht nicht nur sein nachlässiges Aus-Der-Tasche-Ziehen des John als Repräsentant der Reichen, sondern auch eine auffällige Eigenart der Erzählung, die man auf den ersten Blick Schlemihls Unaufmerksamkeit anrechnen möchte: Die Gesichtslosigkeit der meisten Gesellschaftsmitglieder. Versteht man die Sonne im religiösen Sinne als „Licht Gottes“ (wie man ja auch den grauen Mann nur im religiösen Sinne als Teufel verstehen kann), so ist die Abwesenheit dieses Lichtes der Bereich der Dunkelheit, der Macht des Teufels. Dass alle in der Erzählung auftretenden Figuren mit Ausnahme derer Bendels und Minas dem Schlemihl als gesichtslos erscheinen, könnte ein Hinweis darauf sein, dass diese dunklen Gesichter im Schatten von „Gottes Licht“ liegen, mithin ihre Träger vom Teufel beherrscht werden. Dem entspricht die ausnahmslos positive Zeichnung der beiden Bendel und Mina, die für Schlemihl sichtbare Gesichter haben, also von „Gottes Licht“ beschienen werden.

Die Schatten, die jeder Mensch wirft, sind dann seine sogenannten „dunklen Seiten“, und nun wird verständlich, was den Teufel gerade an Schlemihls Schatten interessiert. Der Schatten ist die Stelle des Menschen, an welcher der Teufel nach ihm greifen kann.2 Wer keinen Schatten hat, ist also schon vom Teufel gegriffen worden, was wiederum einige Reaktionen auf Schlemihls Schattenlosigkeit erklärt.

Wenn man sich nicht für die religiöse Sicht auf den Schatten und den grauen Mann entscheidet, bleibt dennoch festzuhalten, dass der Schatten seinen Wert dadurch erhält, dass eine machtvolle Figur, die offenbar sogar zaubern kann, ihn für wertvoll hält. Das aber überhört Schlemihl, und die Vorstellung vom Tauschwert seines Schattens versetzt ihn in eine Art Rauschzustand: Als der Graue das Glückssäckel erwähnt, schwindelt ihn, und es flimmert ihm „wie doppelte Dukaten vor den Augen“3. Als der zudringliche Mann ihm das Säckel auch noch „zu besichtigen und zu erproben“4 einhändigt, schließt Schlemihl den Handel kurzentschlossen, gedankenlos und mechanisch ab, als ob er fürchtete, seinen Entschluss in der nächsten Minute verwerfen zu wollen.

3 Schlemihl und die Gesellschaft nach dem Schattenverkauf

3.1 Reaktionen auf die Schattenlosigkeit

Die Gesellschaft, in die sich Schlemihl zurückbegibt, als er Johns Haus verlässt, ist eine gesichtslose geldorientierte Gemeinschaft, die nicht den Menschen ansieht, sondern zuerst seinen Schatten, so als wäre dieser nicht das Unwichtigste, sondern gerade das Wichtigste am Menschen.

Erst als Schlemihl in die Stadt zurückkommt und die ersten Reaktionen auf seine Schattenlosigkeit erlebt, wird ihm und auch dem mitfühlenden Leser bewusst, was es bedeutet, keinen Schatten zu haben: Weil der Schatten normalerweise höchstens unbewusst wahrgenommen wird, ist es für den Leser auch nicht schwer, sich einen schattenlosen Schlemihl vorzustellen: Das Bild ändert sich vor des Lesers Augen nicht. Schlemihl ist ja derselbe Mensch geblieben, nur dass er jetzt mehr Gold hat als vorher. Das vollständige Erkennen der Schattenlosigkeit Schlemihls wird der Gesellschaft überlassen. Der Leser und Schlemihl sind gleichermaßen überrascht, als ein altes Weib ruft: „Sehe sich der Herr doch vor, Sie haben Ihren Schatten verloren.“1

Doch auch jetzt stört es Schlemihl noch nicht, ohne Schatten zu sein, vielmehr ist es die Reaktion der Gesellschaft, die ihn ärgert: „Das fing an mich zu verdrießen, und ich vermied sehr sorgfältig, in die Sonne zu treten.“2 Diese Textstelle kann allegorisch verstanden werden als das Abwenden von Gott, sofern man die Sonne wieder als Symbol für Gott betrachtet. Mit ihrer Reaktion auf die Schattenlosigkeit zwingt die Gesellschaft Schlemihl aus der Sonne zu gehen, d.h., sie veranlasst Schlemihl, „Gottes Weg“ zu verlassen.

Die Reaktionen der Gesellschaftsmitglieder ähneln denen heutiger Bürger auf behinderte oder anderswie offensichtlich benachteiligte Mitmenschen, auch wenn sie heutzutage zum Glück meistens nicht laut ausgesprochen werden: „Sehen sich der Herr doch vor, Sie haben Ihr Bein verloren.“

Während für Schlemihl die Schattenlosigkeit nur die Folge eines Tausches von etwas Wertlosem gegen etwas Wertvolleres ist, fallen die Interpretationen der Mitmenschen immer so aus, dass Schattenlosigkeit ein großes Übel ist. Auf dieses Übel wird in unterschiedlicher Weise, aber fast immer unmittelbar und heftig, reagiert: Mit Überraschung und lehrerhafter Zurechtweisung (altes Weib, S138), mit Strenge und Überlegenheitsgefühl (Schildwacht, S.138), mit Mitleid (ein paar Frauen, S.138, vgl. auch S.139), mit Aggressionen (Straßenjugend, S.139), mit Verachtung (Rascal, S. 154 f.) oder mit Infragestellen der gesellschaftlichen Solidität (Minas Vater, S. 156).

3.2 Unterschiedliche Wertehierarchien bei Schlemihl und der Gesellschaft

Am Anfang wirken die Begegnungen Schlemihls mit der Gesellschaft durchaus noch komisch, da der Leser jedes Mal überrascht ist, was ja Bedingung für Komik ist. Das ändert sich aber, als Peter einsieht, dass er ohne Schatten in der Gesellschaft nicht geachtet wird. Am Morgen hat Schlemihl „das schlechte Dachzimmer“1 zu Fuß als armer Schlucker verlassen, am selben Tag kommt er als reicher Mann in einer Kutsche2 In an dieselbe Stelle zurück und ist gesellschaftlich weniger wert als vorher. In der Kutsche sitzend geht ihm auf, dass seine und die Wertehierarchie der anderen Menschen in offenbar reziprokem Verhältnis zueinander stehen: Während für ihn Verdienst, Tugend und Gewissen wertvoller sind als das Gold, der Schatten jedoch wertlos ist, scheint für die Gesellschaft der Schatten mehr Wert zu haben als das Gold, das seinerseits noch wichtiger ist als Verdienst, Tugend und Gewissen.3 So sieht es Schlemihl, und so muss er es sehen, da der Verkauf des Schattens für ihn keine tadelnswerte Handlung ist. Schon als er in der Kutsche sitzt, ist sein Leben mit den Menschen beendet, und sein Leben zwischen den Menschen beginnt. Dieses versteht Schlemihl aber immer wieder als Versuch mit den Menschen zu leben: Nur um wieder Zugang zu ihnen zu haben (was ihm offenbar sehr wichtig ist), arrangiert er aufwendige Kerzenlichtprojektionen, die seine Schattenlosigkeit verbergen sollen4, verteilt er Gold unter die Menschen5 und versucht sogar, das Säckel gegen den Schatten zurückzutauschen.6

3.3 Bendel und Mina

Was Schlemihl in der Kutsche sitzend und danach vor Wut das Gold in seinem Zimmer herumwerfend außer Acht lässt, ist: Es gibt noch Menschen, für die eine Wertehierarchie ähnlich der seinen gilt. Diese Menschen sind für ihn ohne weiteres zugänglich, und sie begegnen ihm in Gestalt von Bendel und Mina. Es sind diese beiden die einzigen Menschen, zu denen Schlemihl nach dem Schattenverkauf noch eine tiefergehende Beziehung erhalten kann, wenn man vom „Herausgeber“ Chamisso absieht, an den Schlemihls Beichte gerichtet ist.

Bendels Aufopferung für Peter geht weit über die hinaus, die von einem Knecht für seinen Herrn erwartet wird. Er begibt sich auf die Suche nach dem grauen Mann, den er nicht erkennen kann, als er ihm begegnet1, er steht zu Schlemihl, selbst als er erfährt, dass er „geboren ward, einem schattenlosen Herrn zu dienen“2.

Bendel ist es, der ermöglicht, dass Schlemihl wieder beginnt, „eine Rolle in der Welt zu spielen“3. Indem er Schlemihl auf Schritt und Tritt begleitet und ihn mit seinem Schatten überdeckt, sobald es nötig ist, verhält er sich zu Schlemihl wie ein großer Bruder zu seinem kleineren schwächeren Bruder. Diese Konstellation steht in eigenartigem Widerspruch zu der für der Rest der menschlichen Gemeinschaft sichtbaren Beziehung Peters zu Bendel: Peter ist der Herr, Bendel der Diener.

Schlemihls Verhältnis zu Bendel ist geprägt von Dankbarkeit und Verwunderung „ob solcher ungewohnten Gesinnung“4. Wo er Bendel erwähnt, fließen Worte des Lobes und des Dankes in die Sätze ein. Bendels und auch Minas Aufopferung und Uneigennützigkeit enden auch nicht in der Erzählung, sondern werden mit ihrer Arbeit im Schlemihlium gleichsam über den Rahmen der Erzählung hinaus erhalten.

Die Gestaltung Minas ist die Fortsetzung einer Reihe von Reminiszenzen an Goethes „Faust“, die mit dem Teufelspakt beginnt und sich bis zum Ende der Erzählung erstreckt , an dem der einzige Begleiter Schlemihls ein Pudel ist.

Wie Gretchen ist Mina gesellschaftlich niedriger gestellt als der von ihr demütig und hingegeben geliebte Mann5, und auch sie fühlt das dunkle Geheimnis ihres Geliebten.

Schlemihl sieht in ihr von Anfang an eine „himmlische Erscheinung“6 und steht vor ihr „wie ein abgescholtener Knabe da“1. Die Liebe, die Schlemihl für Mina empfindet, ist tiefer und ernsthafter als die Beziehung zu schönen Fanny, bei der es ihm nicht gelungen war, „den Rausch aus dem Kopf in Herz (zu) zwingen“2. Das sieht man an den Gedanken, die sich der zeitlich distanzierte Schlemihl über seine Entscheidungen macht, und an den inneren Konflikten, die Schlemihl ihretwegen austrägt. Um sie davor zu bewahren, mit Rascal verheiratet zu werden, ist er sogar fast bereit, seine Seele zu verkaufen. Die Beziehung zu Mina ist Schlemihls letzter Versuch, menschliche Nähe herzustellen. Auch dieser scheitert an der gesellschaftlichen Inakzeptanz der Schattenlosigkeit.

3.4 Moral und Gewissenhaftigkeit Schlemihls

Sich selbst und seine Seele als unwert und verdorben bewertend, verurteilt sich Schlemihl aber selbst als „mit tückischer Selbstsucht, diesen Engel verderbend, die reine Seele an (s)ich gelogen und gestohlen“3 habend. Hiermit übernimmt er die Meinung der übrigen Gesellschaft über ihn gerade an dem Punkt, an dem Vertrauen in die eigene Gewissenhaftigkeit und Moral nötig wären. Diese erkennt man nicht nur am wiederholten Selbstreflektieren und Selbstverurteilen Schlemihls, sondern auch am Versuch, einen „wohlangepassten Schatten“4 wiederzuerlangen, mithin selbst ein wohlangepasstes Gesellschaftsmitglied zu sein, um mit Mina eine gesellschaftlich anerkannte Beziehung eingehen zu können. Nicht zuletzt spricht für Schlemihl, dass er sich auch in der größten Bedrängnis nicht entschließt, seine Seele zu verkaufen, während andere, übrigens wohlangepasste Gesellschaftsmitglieder wie John, sogar ohne Vertrag dem Teufel und der „Macht des Geldes“ (Winfried Freund)5 ergeben sind. Überdies deuten Veränderungen der Gesichtsfarbe von blass zu rot und umgekehrt, welche außer bei Schlemihl auch bei wenigen anderen Figuren auftreten, klar auf Scham und Gewissen hin.

Als zeitlich distanziert erscheinender Erzähler erkennt Schlemihl den Schattenverkauf als „übereilten Fehltritt, der den Fluch auf mich geladen“6. Später wird er sogar davon als von „frühe(r) Schuld“7 reden. Allerdings bleibt unklar, worin denn die Schuld genau besteht, hatte doch Schlemihl weder Zeit, über seinen Entschluss nachzudenken, noch Gelegenheit, ihn rückgängig zu machen.

3.5 Schlemihls Gesellschaftsproben

Peter Schlemihl, der es lange nicht glauben kann, wegen des fehlenden Schattens „von der Gesellschaft ausgeschlossen“1 worden zu sein, macht im Verlauf der Erzählung mehrere Proben, die des grauen Mannes Worte „Ein Reicher muß in der Welt einen Schatten haben“2 bestätigen sollen. Die erste dieser Proben, „die öffentliche Meinung noch einmal zu prüfen“3, findet am zweiten Abend nach dem Schattenverkauf statt, als Schlemihl „zitternd wie ein Verbrecher“4 in das Mondlicht tritt. Die Reaktionen aller gesellschaftlichen Schichten gleichen denen vom Vortag, so dass Schlemihl „mit durchschnittenem Herzen“5 den Heimweg antritt und am nächsten Tag sofort nach dem grauen Mann suchen lässt, um den Handel rückgängig zu machen6.

Es ist die Zeit, zu der Schlemihl von Bendel geschützt wird, als ihm einfällt, er müsse in Johns Gesellschaft „Probe halten, um anderswo leichter und zuversichtlicher auftreten zu können.“7 Die Probe gelingt auch zunächst, und zwar so gut, dass die schöne Fanny Peter „einige Aufmerksamkeit“8 schenkt. Das Entdecken der Schattenlosigkeit Schlemihls durch Fanny wird der Grund für seine überstürzte Abreise in eine andere Stadt sein, wo er dann dank Bendels Witz als vermeintlicher König empfangen wird.

Die dritte Probe findet statt, indem Schlemihl sich mit seinem eigenen vom Teufel zurückgeborgten Schatten in der Welt der Reichen bewegt. Mit Geld und Schatten wird er natürlich überall geachtet: „[...] so lange die Wahrheit nur verborgen blieb, genoß ich alle der Ehre und Achtung, die meinem Golde zukam.“9 Es ist dies die Zeit, als Schlemihl äußerlich am glücklichsten zu sein schein, aber „den Tod im Herzen“10 hat. Die ununterbrochene Anwesenheit des grauen Mannes, die eine beständige Aufforderung zum endgültigen Seelenverkauf sein soll, ist für Schlemihl eine immer quälende Erinnerung an die Unrechtmäßigkeit seines Besitzes. Um sich aus der Bedrängnis zu befreien und den Teufel loszuwerden, wirft er „den klingenden Säckel in den Abgrund“1 Thomas John, dessen Gesicht erst im Tod die bleiche Färbung der erkannten Schuld annimmt, bewirkt zweimal entscheidende Veränderungen der Lebensverhältnisse Schlemihls: Johns Leben und Verhalten gegenüber Schlemihl hatten dazu geführt, dass dieser mit dem grauen Mann in Kontakt kam. Johns Tod und seine letzten Worte zu Schlemihl bewirken, dass er sich vom Teufel wieder trennt. Unmittelbar darauf verkauft ein Engel ihm die Siebenmeilenstiefel.

4 Schlemihl ohne die Gesellschaft

Nach dem Verlust Minas an seinen ehemaligen Diener Rascal beschließt Schlemihl, sich von der Gesellschaft zu trennen. Er verabschiedet Bendel, macht sich einsam auf den Weg und hat „weiter auf Erden kein Ziel, keinen Wunsch, keine Hoffnung“2. Die Unmöglichkeit, seinen Schatten wiederzuerlangen, ohne dabei sein Gewissen noch mehr zu beschädigen, veranlassen Schlemihl, sich vom Teufel und dem machtvollen Gold zu trennen. Der Knabe, der ihm fast unmittelbar nach der Trennung vom Teufel die Siebenmeilenstiefel verkauft, ist durchaus als Engel zu verstehen, gibt er doch Peter mit den Siebenmeilenstiefeln ein Werkzeug in die Hand, das es ihm ermöglicht, seiner wahren Bestimmung nachzugehen.

Außerdem trägt er auch äußerlich typische Engelmerkmale: „Ich begnügte mich also mit alten, die noch gut und stark waren, und die mir der schöne blondlockige Knabe, der die Bude hielt, gegen gleich bare Bezahlung, freundlich lächelnd einhändigte, indem er mir Glück auf den Weg wünschte.“3

So erhält Schlemihl im Tausch gegen seinen Schatten, der ihn an die Gesellschaft band, ein paar Stiefel, die ihn von der Gesellschaft unabhängig machen. Peter ist nun in der Lage, ganz ohne Geld zu leben, von dem die Gesellschaft so abhängig ist. Überdies hat er mit seinen Naturforschungen die Möglichkeit, etwas zum Wohl der Menschheit zu tun, die ihn gerade verstoßen hat. Sein indirektes Wirken in Form des Schlemihliums verstärkt diesen Gegensatz noch. Das einsame Wandern auf der Erde ist also weniger als Buße zu verstehen als als Gnade Gottes4.

Schlemihl befindet sich nun in einer Art Paradies, in das er nach Abwurf der Sünde zurückgekehrt ist: „Durch frühe Schuld von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir zu einem reichen Garten gegeben, das Studium zur Richtung und Kraft meines Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft.“1 Das für Schlemihl Wundersame an seiner Geschichte ist die schließliche Rettung nach früher Schuld.

Am Ende seiner „Beichte“ gelangt Schlemihl zu einer Erkenntnis, die angesichts seiner ursprünglichen Ziele (Fuß fassen in der Gesellschaft, Geld erwerben) durchaus überrascht:

„Du aber, mein Freund, willst du unter den Menschen leben, so lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld. Willst du nur dir und deinem besseren Selbst leben, o so brauchst du keinen Rat.“2 Die Menschen achten Scheinwerte, wie z.B. Schatten und Geld, und um mit Ihnen leben zu können, muss man sich ihnen anpassen, da man sonst verstoßen wird. Das ist aber nicht wichtig, denn wenn man seiner wahren Bestimmung folgt, seinem „besseren Selbst“ lebt, ist die ganze Gesellschaft wertlos. Man braucht keinen Rat, da man nichts falsch machen kann, wenn man nicht von Menschen bewertet wird.

5 Weitere mögliche Fragestellungen

Das Verzweifeln an der Unerreichbarkeit einzelner Teile der Erde, das angesichts der unglaublichen Möglichkeiten Schlemihls nun schon fast wieder komisch wirkt, rückt Schlemihl einmal mehr in die Nähe von Goethes „Faust“, der auch, im Studierzimmer sitzend, daran verzweifelt, nicht alles wissen zu können, obwohl er mehr weiß als alle anderen3. Es fällt aber auf, dass das faustische Verzweifeln in der Schlemihl-Erzählung gegen Ende stattfindet, während es bei Goethes „Faust“ am Anfang alles Geschehens steht. Es wäre interessant zu untersuchen, wie die dem „Faust“ entnommenen Elemente im „Schlemihl“ eingesetzt und neu verknüpft werden.

Auch interessant und hier nur angedeutet worden ist die Frage, wie christliche Symbole und Anspielungen in den Text einfließen und welche Funktion sie darin erhalten. Gänzlich unbeachtet musste das Märchenhafte dieser Erzählung bleiben, obwohl die Erzählung voll von märchenhaften Elementen ist.

Dass ich weitestgehend Schlemihls Sichtweise gefolgt bin, war eine Entscheidung, die man nicht nachvollziehen muss. Es gibt sogar vielmehr die interessante Möglichkeit zu untersuchen, wie der Autor mit dem Leser und verschiedenen Sichtweisen spielt. Möglicherweise würde das eine völlig andere Sicht auf die Gesellschaft und Schlemihl und den „herben Scherz, den das Leben mit ihm treibt“1, ergeben.

6.Verwendete Literatur

Adalbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. In: Erzählungen der deutschen Romantik, 2., überarbeitete Auflage, München 1998

E.T.A. Hoffmann: Abenteuer der Silvesternacht. In: E.T.A. Hoffmann: Phantasiestücke in Callots Manier, Berlin und Weimar 1994, S.323

Johann Wolfgang Goethe: Faust, München 1977, S.17

Ernst Weber: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. In: Erzählungen der deutschen Romantik, 2., überarbeitete Auflage, München 1998

Gero von Wilpert: Der verlorene Schatten. Varianten eines Motivs, Stuttgart 1978, S. 20-50

Winfried Freund: Die Novelle und die Macht des Geldes. In: Winfried Freund (Hrsg.): Die Macht des Geldes, Paderborn 1980

Hans-Ulrich Treichel: Der Schatten des Verschwindens. In: Winfried Freund (Hrsg.): Deutsche Novellen, München 1993

[...]


1 E.T.A. Hoffmann: Abenteuer der Silvesternacht. In: E.T.A. Hoffmann: Phantasiestücke in Callots Manier, Berlin und Weimar 1994, S.323

2 Adalbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. In: Erzählungen der deutschen Romantik, 2., überarbeitete Auflage, München 1998, S.130. Im Folgenden wird aus dieser Ausgabe zitiert.

3 Chamisso S.176

4 Chamisso S.130

1 Chamisso S.131

2 Chamisso S.133, Hervorhebung von mir

3 Chamisso S.133

4 Chamisso S.133

3 Chamisso S.133

1 Chamisso S.134

2 Chamisso S.134

4 Chamisso S.133

5 Chamisso S.135

1 Chamisso S.136

2 Gero von Wilpert: Der verlorene Schatten. Varianten eines Motivs, Stuttgart 1978, S. 20-50

1 Chamisso S. 137

2 vgl. den Spruch des grauen Mannes (Chamisso S.170)

3 Chamisso S.138

4 Chamisso S.138

1 Chamisso S.138

2 Chamisso S.138

1 Chamisso S.139

2 vgl. Chamisso S.139

3 vgl. Chamisso S.139

4 vgl. Chamisso S.140, S.149

5 vgl. Chamisso S.145, 146,147,148

6 vgl. Chamisso S.158

1 Chamisso S.142

2 Chamisso S.144

3 Chamisso S.145

4 Chamisso S. 144

5 vgl. Brief S.152

6 Chamisso S.147

1 Chamisso S.149

2 Chamisso S.145

3 Chamisso S.151

4 Vgl. Chamisso S.156

5 Winfried Freund: Die Novelle und die Macht des Geldes. In: Winfried Freund (Hrsg.): Die Macht des Geldes, Paderborn 1980

6 Chamisso S. 165

7 Chamisso S.176

1 Chamisso S.176

2 Chamisso S.170

3 Chamisso S.140

4 Chamisso S.140

5 Chamisso S.141

6 vgl. Chamisso S.141

7 Chamisso S:145

8 Chamisso S.145

9 Chamisso S.145

10 Chamisso S:170

1 Chamisso S.172

2 Chamisso S.168

3 Chamisso S.174

4 Vgl. Chamisso S.180

1 Chamisso S.176

2 Chamisso S.182

3 Johann Wolfgang Goethe: Faust, München 1977, S.17

1 Chamisso S.130

14 von 15 Seiten

Details

Titel
Als schlösse sich die Welt zu - Zur Entwicklung der Beziehung Peter Schlemihls zur Gesellschaft
Veranstaltung
GK Erzählungen der Romantik
Autor
Jahr
2000
Seiten
15
Katalognummer
V97081
Dateigröße
361 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Welt, Entwicklung, Beziehung, Peter, Schlemihls, Gesellschaft, Erzählungen, Romantik
Arbeit zitieren
Stefan Weise (Autor), 2000, Als schlösse sich die Welt zu - Zur Entwicklung der Beziehung Peter Schlemihls zur Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97081

Kommentare

  • Gast am 8.8.2002

    Naja.

    Ich finde diese Arbeit nicht schlecht aber sehr informativ auch nicht.es gibt einige strittge punkte über die man disskutieren kann.Ich würde diese Arbeit nochmal überarbeiten...es wäre meines erachtens zu oberflächlich.

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