Das Andere, das Fremde bei Baudrillard - Wie fremd sind wir uns und wie fremd begegnen wir dem Anderen?


Seminararbeit, 2000
14 Seiten

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Inhalt

1. Einleitung

2.1. Geschlechter und Geschlechtslosigkeit
2.2 Differenz als Unterscheidung
2.3 Begegnung der Kulturen
2.4 Umgehen der Entfremdung

3. Schluss

4 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es existieren über 140 Länder auf der Erde, es gibt mehr als 6000 Sprachen, wir unterscheiden uns in Hautfarbe, Körperform und Bewegungen und doch sind es alles Menschen. Wir leben im 21. Jahrhundert, dem Zeitalter der voranschreitenden Globalisierung, dem verschwimmen von Staatengrenzen und der Vermischung verschiedenster Kulturen, denen es möglich ist, zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort der Welt zu sein. Die Erde ist in ihrer Ausdehnung endlich geworden. Laut Baudrillard müssen wir nun die ,,Reise auf einem anderen Stern" wagen. Baudrillard, Soziologe und Philosoph, verweist uns auf Probleme der Postmoderne. Die Thematiken von der Simulation verschiedenster Ereignisse bis hin zum massenhaft produzierten Objekt versucht er zu ergründen. Das sind aber nur zwei Themen seiner Philosophie. Das Thema dieser Arbeit ist es, sich mit Baudrillards Schriften über die Andersheit gegenüber uns Selbst und gegenüber anderen zu beschäftigen. Im Vordergrund soll dabei der Begriff der Differenz stehen, sowie die Möglichkeiten die Baudrillard aufzeigt, ein Entfremden der Völker zu umgehen. Um dieses Thema zu beleuchten, versuche ich passende Beispiele zu finden, vor allem aus Roland Barthes Buch ,,Das Reich der Zeichen" und Parallelen zu den Schriftstellern Bruce Chatwin und Marlo Morgan zu ziehen. Dabei erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Reise zum anderen Stern wird also notwendig, um von da aus gesellschaftliche Rituale und Gewohnheiten zu abstrahieren und sie verstehen zu versuchen. Gerade was das Zusammenleben der Menschen untereinander betrifft, versuchen wir uns anzugleichen und entfernen uns trotzdem voneinander, was noch später erläutert wird. Wie können wir uns den anderen Kulturen stellen, wie schaffen wir es die über 140 Nationen in ihrer Vielfalt der Kulturen zu erhalten? Auf der Grundlage der Texte von Baudrillard soll diese Arbeit Denkanstösse für ein Umgehen mit dem Anderem dem Fremden geben. Wir begeben uns auf eine Reise in unser scheinbar bekannten Welt, um dem radikal Fremden zu begegnen, wie auf einem anderen Stern.

2.1 Geschlechter und Geschlechtslosigkeit

Das Schaf haben sie geklont, die Kuh auch. Demnächst erscheint das Mammut wieder auf der Erde? So eine Frage ist nicht zu negieren, weil es sich um Forscheraufgaben handelt, welche die heutige Gesellschaft bewegen. Mit Genen eines vor Millionen Jahren im Eis eingeschlossenen Mammuts soll der Urgigant wiederauferstehen, ausgetragen von einer Elephantenkuh möchten Genforscher eine ausgestorbene Rasse, aus einer Zeit unvergleichlich der heutigen, importieren.

Das ganze überspitzt betrachtet, stellt sich doch die Frage, welche Frau in nächster Zeit den Neandertaler wiedergebiert? In jedem Fall geht es darum das Aussterben einer Art zu besiegen, es zu verhindern, indem man den Code eines jeden Lebewesens erfasst, um ihn zu kopieren. Der Mensch vermehrt sich um zu überleben, sein Fortbestehen auf die Ewigkeit auszudehnen. Laut Baudrillards ,,Hölle des Gleichen" reicht das dem modernen Individuum nicht mehr, es will ein gänzliches Ebenbild von sich schaffen, ohne einen zufälligen Teil davon dem Geschlechtspartner bei der Zeugung zu überlassen.

,,Während die Klonung radikal die Mutter, aber auch den Vater, die Verbindung ihrer Gene, die Verwicklung ihrer Differenzen, aber vor allem den duellistischen Zeugungsakt abschafft. Wer klont, zeugt nicht: seine Keime sprießen an jedem Segment." 1

Es wird demzufolge keine Zufälligkeit mehr geben keine ,,Andersheit", sondern einfach nur noch das Gleiche. Während die Fortpflanzung ein Kompromiss zwischen Mann und Frau ist, eine Synthese, bei der sich trotzdem ein anderer Mensch entwickelt, während die Klonung ein Industrieprodukt darstellt -- eine Wiederholung des Gleichen, sie ist nur noch eine mathematische Formel. Die Individuen sind eine Wucherung gleichartiger Krebszellen.2 Das was Baudrillard in der Pop Art bei Warhol erkannte, lässt sich bald problemlos übertragen auf den Menschen? Das Abbild vom Abbild zu erschaffen und somit die grenzenlose Reproduzierbarkeit zu forcieren, um am Ende das Objekt vom Subjekt zu haben, widerspricht aber jeglicher Natur. Der sexuelle Trieb ist keinesfalls zu unterdrücken, er allein macht noch die natürliche Erfahrung eines Weiterbestehen aus, freilich sichtlich verklärt und am Ende verhindert, was aber in Zeiten von Aids nicht wegzudenken ist. Erst wenn das gezielte Einsetzten von genetischen Codes in das Erbgut eines Menschen erfolgt dann erst befinden wir uns im Zeitalter der ,,...genetischen und mentalen Software."3 Baudrillard geht davon aus, dass Klonung noch eine schlimmere Form des Inzests darstellt, da der Inzest mit sich selbst ein gleiches erschafft, mit dem man sich auseinander zusetzen habe. Das Problem welches hieraus resultiert ist, dass es nicht mehr dazu kommt etwas anderem zu begegnen, dem Anderen zu begegnen, es würde keinen Bezugspunkt mehr geben und keine Gegenüberstellung von kontroversen Meinungen, Ansichten und Kulturen -- eine reine Masse Desselben. Im folgenden versuche ich die schwindende ,,Andersheit" bei gleichbleibender Differenz zu beleuchten und dabei Baudrillards Standpunkte zu erläutern.

2.2 Differenz als Unterscheidung

Was uns Menschen als Vorreiter der Evolution ausmacht ist

,,...dass sich die Kraft, die Unverw ü stlichkeit und die Kreativität unserer Spezies gerade auf ihre ethnische und kulturelle Vielfalt gr ü ndet, auf die Unterschiede in Sprache, Bräuchen und Religionen." 4

Doch das ,,Melodram der Differenz"5 ist das diese Vielfalt verschwindet. Wir sind laut Baudrillard nicht in der Lage uns dem Vorkommen des Anderen bewusst zuwerden und ihn als den Anderen anzusehen. Aber gerade der Austausch mit dem anderen bringt uns doch voran und nicht das Angleichen der Kulturen. Der Begriff der Differenz verdeutlicht die Denkstrukturen Baudrillards. Er unterscheidet zwischen der Andersheit und der Differenz. Die Andersheit ist das Vollkommene. Der eine ist so, der andere anders, das schließt aber nicht aus, dass der andere so ist und der eine anders. Der Begriff steht hier also für zwei völlig verschiedene Personen, die ihre Andersheit besitzen und der eine dem anderen sie nicht streitig macht.

Nur scheint der Mensch sich nicht damit zufrieden zu geben. Er kann diese Andersheit nicht ertragen und versucht sie seiner anzugleichen, sei es in Form von Ausrottung. Gleichzeitig will er seinem Gegenüber seine vermeintliche Überlegenheit demonstrieren und einen Abstand gewinnen. Dieser Abstand ist die Differenz. Ausgehend von diesem Stadium tritt der paradoxe Versuch auf den anderen zu verstehen. Mit einem Beispiel verdeutlicht, erst wurden die Indianer verfolgt und bis auf eine verschwindende Minderheit ausgerottet und nun möchte man, mehr oder weniger, von ihnen lernen spirituelle Bräuche in eine völlig entgegengesetzte Lebensgemeinschaft zu integrieren. Die Bräuche haben aber nur in ihrer Vollständigkeit eine Gültigkeit. Das Melodram der Differenz spiegelt sich sehr deutlich in dieser Form der Unfähigkeit des Umganges damit wieder.

,,Denn die Differenz ist eine Utopie, in ihrem Wunsch, die Begriffe aufzuteilen und sie - ihr letzter Traum - wieder zusammenzuf ü hren." 6

Ableitend aus diesen Erkenntnissen verarbeitet sich die Differenz leicht zum Rassismus. Er lässt sich darin so eingliedern das er ein Wesen der Differenz ist. Ausgehend von dem Abstand der ,,Westlichen Kultur" befremden wir uns, gemessen an unserem Lebensstandard und unserer Ideologie, an anderen Denkweisen. Dieser Rassismus ist also alltäglich so Baudrillard, da er nicht als solcher wahrgenommen wird, weil wir ihn mit dem ,,Recht auf Differenz"7 legitimieren.

,,Rassismus existiert nicht, solange der andere anders ist, solange der Fremde fremd bleibt. Seine Existenz beginnt, wenn der andere different wird, d.h. gefährlich nahe kommt. Da beginnt man aufzupassen, dass er auf Distanz bleibt." 8

Bei aller größter Anstrengung des Verständnisses für den anderen bleiben wir trotzdem immer auf Distanz. Baudrillard erklärt es an zwei Beispielen, welche Vorstellung zum Beispiel unter moderner humaner Hilfe verstanden werden im Endeffekt aber eine absurde, durchaus logische Konsequenz haben. Eine französische Hilfsorganisation schickte Medikamente nach Afghanistan, die aber nicht eingenommen sondern weiteverkauft wurden. Es wurde hingenommen als eine ,,Differenz der Kulturen" und weiterhin lieferte man Medikamente. Den Sudanesen sollte per Videokassette der Anbau von Hirse beigebracht werden, statt dessen dienten die Wiedergabegeräte als Medium für einen Handel mit Pornovideos. Missverständnisse auf beiden Seiten, die aus einer Missdeutung von Kommunikation und Bedürfnissen resultieren.

Der Respekt den man diesen vermeintlich primitiven Völkern entgegenbringt, ist einzig der, dass man ihre Armut und ihrer Folklore akzeptiert, eine recht überhebliche und arrogante Meinung. Dadurch, dass wir sie zu hinterfragen versuchen, verstehen wir sie nur teilweise aber wir belassen sie nicht in ihrem eigenen Wertesystem sondern versuchen sie anzugleichen. Die meisten Naturvölker haben sich nicht vollständig angeglichen. Ihre Einzigartigkeit bewahrten sie dadurch, aus ihrer Lebensweise ein Geheimnis zu machen, das mit ihnen ausstirbt. Sie haben nie differenziert, sie lebten und leben nach der Weise

,,...der eine kann der andere des andern sein, ohne das der andere der andere des einen wäre. Ich kann ein anderer f ü r ihn sein und er kann kein andere f ü r mich sein." 9

Auf diese Art und Weise existieren die Aborigines. Sie nehmen sich des westlichen Fortschritts an ohne jemals ihre eigene Art zu verkaufen und zu verleugnen. Marlo Morgans ,,Traumfänger" zeigt die Gradwanderung der australischen Ureinwohner zwischen traditioneller Lebensweise in Einklang mit der Natur und McDonalds-Lifestyle. Sie wissen um ihren Schatz einer humanen Lebensweise die den ,,Weißen" verborgen bleibt. Der einzige Ausweg den sie sehen, sie wollen keine Kinder mehr gebären und somit von der Erde verschwinden in der Hoffnung die Lebensweisen, die sie an die Autorin weitergaben in aller Welt publik zu machen und damit den Menschen der ,,Ersten Welt" ihren Lebenssinn zu offenbaren, der ihnen durch Fortschritt und Technik verklärt, simuliert wird. Der Zweck alles zu erforschen und zu hinterfragen, ohne Rücksicht auf die Natur, die Lebensgrundlage jedes Menschen, entzieht uns die Mystik der Anderen. Wer ist eigentlich primitiv? Wir die nach den Urkräften der Erde forschen oder diejenigen, die sie als gegeben akzeptieren und mit ihrer Lebensweise vereinbaren und sie nicht zerstören.

Europa-Erfahrungen des Häuptlings Tuiavii aus Polynesien halten dem ,,Papalagi"10 seinen Spiegel vor. Der Autor des ,,Papalagi" Erich Scheurmann schrieb die Reden nieder, die Tuiavii seinem Volk hielt und den Weißen aus Sicht eines Vertreters einer scheinbar unterentwickelten Kultur darstellt. Mit einfachen Begriffen, die unsere Umwelt darstellt und umschreibt eröffnet er uns was Geld ist, nämlich rundes Metall; die Zeit in ihrer Unterteilung nur das, was zwischen Sonnenaufgang und -untergang ist und der Geist mit seinem Denken

,,...vielfach im Wege wie ein großer Lavablock, den er nicht forträumen kann" 11

ist. Der Gott, der den Südseeeinwohnern von den Weißen gepredigt wurde, existiert für sie nur noch als Institution und nicht mehr als Maßgabe.

Grenzen sind zum differenzieren sehr beliebt. Nur als Beispiel von dem europäischen Festland aus betrachtet, ist alles was außerhalb (der EU- Grenze) liegt nicht mehr relevant, außer der Blick wendet sich weiter nach Westen, nach Amerika. Dennoch ist das, was innen, zentral, Mitte, oben, Westen (rechts) ist , dem Begriff positiv zuzuordnen und was sich außen, peripher, am Rand, unten im Osten und links befindet hinterlässt einen negativen Eindruck. Diese kognitive Karte ist trotz der politischen Umwälzung 1989 noch immer in den Köpfen der Menschen eingehämmert. 12

Für Baudrillard scheinen dies unüberwindbare Hindernisse zu sein, die sich durch alle Kulturen ziehen. Für ihn steht fest, dass

,,Marokko, Japan, der Islam ... nie westlich werden. Europa wird nie den Graben der Moderne, den es von Amerika trennt, ü berwinden. Der kosmopolitische Evolutionismus ist eine Illusion, die ü berall zerplatzt" 13

Der Konfliktbewältigung beizukommen bedarf es demnach eines gegenseitigen Achtens und nicht eines Abstufens von Ideologien. Um diese Versöhnlichkeit soll es im nächsten Abschnitt gehen, was die Schwierigkeiten des Begegnens der unterschiedlichsten Kulturen so diffizil macht und das ,,Aufeinanderzugehen" so erschwert.

2.3 Begegnung der Kulturen

Die Aufnahme des Anderen mit seiner Andersheit scheint ein einfaches zu sein, jedoch Baudrillard vertritt die Ansicht, das die Kulturen sich nie begegnen, da ihre Fremdheit zu radikal ist. Die 6000 Sprachen die es auf der Welt gibt, von denen die Hälfte vom Aussterben bedroht sind, lassen sich trotz ihrer Verminderung nicht auf einen gesamten Nenner reduzieren. Nicht nur Sprachen, auch Bräuche. Die Inuits bieten einem Reisenden für die Übernachtung nur ein Lager, die Partnerin wird ebenso feilgeboten als zusätzliche Wärme, während ein Berber demjenigen das Messer an die Kehle setzt, der seine Frau unverschleiert ansieht. Der gravierende Unterschied ist nicht mit Verständnis zu lösen.

,,Wenn der Unterschied die Gr öß e des Reizes ausmacht, was könnte dann reizvoller sein als der Gegensatz zweier unvereinbarer Begriffe, der Zusammenprall unvergänglicher Kontraste?" 14

meint Baudrillard und verweist damit auf den radikalen Exotismus. Jeder Mensch unterliegt ihm und man sollte sich mit ihm abfinden, denn er ist eine Konstante im weltlichen Geschehen. Exotismus ist die Erfahrung einer anderen Kultur, sie zu ertasten und zu erfühlen. Die Begegnungen erfolgen meistens oberflächlich. Ausgerüstet mit Fotoapparat und Karte wird sich auf Sehenswürdigkeiten gestürzt und diese angekratzt, soviel wie möglich mitnehmen und so wenig wie möglich Zeit verlieren, das sind die Devisen der meisten Reisenden. Der Exotismus wird ihnen sicherlich verwehrt bleiben, wenn überhaut wird er nur gestreift. Kurt Tucholsky meinte einmal, dass Amerikaner in den Urlaub fahren um im Ausland ihrer eigenen Kultur zu begegnen und andere Amerikaner zu treffen um mit ihnen ihrer glorreichen Nationen zu huldigen. Doch Exotismus zu begreifen, heißt sich ihm hinzugeben und ihn ohne Wertungen hinzunehmen. Eine Japanreise von Roland Barthes basiert auf dieser Methode. Er gibt sich voll der Kultur Nippons hin und schlussfolgert genauso wenig wie er sie mit Europa vergleicht. Kommunikation mit der Sprache ist für ihn zwecklos, in einem Land voller Zeichen sind diese sein Anhaltspunkt eine Gemeinschaft zu erfassen. Er relativiert Baudrillards Anschauung von Radikalismus des Exoten und seiner Unverständlichkeit. Über Bilder und Symbole erfährt er das Japan des Alltags nicht das des Tourismus oder des Photoapparates denn

,,Japan hat ihn mit vielfachen Blitzen erleuchtet; oder besser noch; Japan hat ihn in die Situation der Schrift versetzt" 15

So ist das Phänomen der namenlosen Straßen und unbezifferten Häuser für Barthes keinesfalls ein Ausdruck von Chaos und anarchischen Strukturen. Wer nach dem Weg fragt bekommt vom Gefragten eine handgezeichnete Skizze auf der sich der Ort beschreibt. Dabei geht der Zeichner immer von städtebaulichen Dominanten und markanten Gebäuden aus - eine Art von Gespräch zu führen, was kommunikativer sein kann, als eine langweilige Wegbeschreibung, in strenger Ordnung nach Straßenname und Hausnummer. Es geht darum immer wieder etwas Neues zu kreieren und neue Wege im wahrsten Sinne des Wortes zu erfahren. Barthes Hauptaugenmerk liegt vor allem auf der literarischen Form der Haikus. Jene abgeschlossenen Handlungen, basierend auf dem Eindruck einer flüchtigen Situation, offenbaren dem Leser einen weiten Einblick in die Sichtweise und den Gefühlszustand des Schreibers. Sein Wesen liegt in seiner Einfachheit und komprimierten Darstellung von drei Zeilen der Situation.

,,Mit einem Stier an Bord Ü berquert ein kleines Boot den Fluss Durch den Abendregen." 16

Szenische Miniaturen aus Japan, die Barthes im Vergleich zu Europas Romanliteratur wie eine Offenbarung erscheinen. Barthes hatte nicht die Absicht den Lebensweg der Japaner zu seinem werden zu lassen und damit ein Japaner zu werden. Durch seine Beobachtungen hat er erfahren dürfen und nicht gleichzeitig daran teilgenommen. Er verfolgte stets die Zeichen die ihm gegeben wurden und sich auf anderen Zeichen gründen, ein Spiel zwischen Zeigen und Gezeigtem:

,,Das Zeichen ist ein Riß, der sich stets nur auf dem Gesicht eines anderen Zeichensöffnet" 17

Die Begegnung der Kulturen findet in der heutigen Zeit mehr über mediale Träger seien es Fernsehen (Dokumentationen), Zeitung etc. statt. Diese Begegnung wird verklärt durch den Filter, den Medien einer Information aufsetzten. Es kommt nicht zu einem Austausch, es kommt zu einer Desillusionierung ferne Länder, ferne Mentalitäten zu begreifen. Schon allein die Ausdrucksvielfalt der einzelnen Länder und dazu erschwerend hinzukommend ihre mehrdeutigen Inhalte und Verständnisse erweisen sich in ihrer Kombination als gering vereinbar. Zusammenfassend gesehen ist sicherlich das beste geeignetste Mittel zur Verständigung die Musik. Eine einfache Gabe zu kommunizieren und nicht zu vergessen. Die Aborigines verstehen sich darauf besonders gut. In ,,Traumpfade" von Bruce Chatwin, erläutert der Autor, auf welche Weise die Ureinwohner ihr Land besingen und deutet daraus im Vergleich mit anderen Naturvölkern, dass der Gesang in seinen Eigenschaften Rhythmus, Melodielinie, Tonart und Sprache ein Speicher für Geschichte ist. Treffen wir eine Kultur ist ihre Musik eines der ersten Dinge, die wir erfahren und das Phänomen greifbar macht, wenn wir diese Melodien später wieder hören. Einen Einfluss darauf zu gewinnen und Melodien verfremden oder einfacher zu strukturieren, verletzt jedoch die Einzigartigkeit der Lieder. Die Frage wieweit man gehen kann, dem Anderen zu begegnen und in sein Leben einzudringen, seine Geheimnisse zu offenbaren, ohne seine Identität und Individualität zu beeinträchtigen und ihm am Ende trivial aufzutreten, vermag ein Fingerspitzengefühl und eine Feinfühligkeit an der Grenze zwischen dem eigenen und dem fremden Ich.

,,Man muss den anderen in seiner Fremdheit erhalten oder belassen. (...) Nicht versuchen, es in seiner Differenz zu erfassen" 18

Wie soll man dem Anderen begegnen, wenn das eigene Ich sich der Entfremdung bedient und versucht sie auf andere zu projizieren? Jean Baudrillard bietet dafür Lösungsansätze, die im nächste Abschnitt erläutert werden sollen und Beispiele, sie umsetzbar zu machen.

2.4 Umgehen der Entfremdung

Von Baudrillard werden zwei Möglichkeiten vorgeschlagen das Begegnen zwischen den Kulturen zu fördern:

,,Es gibt zwei Arten, die Entfremdung hinter sich zu lassen: entweder ü ber Aufhebung der Entfremdung und ü ber Wiederaneignung des Selbst - langweilig, und ohne große Hoffnung heutzutage. Oder ü ber den anderen Pol, den des absolut Anderen, des absoluten Exotismus" 19.

Schon die erste Lösung verwirft Baudrillard nach seiner Aussage über sie, da sie seinen Anschauungen und Erfahrungen nicht gerecht wird. Der Mensch kann sich seiner Umgebung nicht verwehren, er genießt den Luxus des Fortschritts und seine Bequemlichkeiten. Die banale Unterhaltung des Fernsehens hat er sich zu eigen gemacht und den Täuschungen und der Vorgaukelei der Presse kann er sich nicht entziehen, was soll er auch glauben. Zu sich selbst findet er nicht zurück, er kann nicht mehr seine Ursprünge nachvollziehen und ein Leben auf natürlichen Grundlagen und minimalsten, einfachsten Bedürfnissen führen. Baudrillard spricht damit vorrangig die Bevölkerungsgruppen der Industrienationen an. Außerdem befürchtet er ein mangelndes Interesse an dieser Wiederaneignung des Selbst, da sie vom allgemeinen Verständnis her einen Rückschritt im Fortschritt bedeutet. Also muss die Entfremdung getilgt werden durch den, der sie noch nicht erfahren hat, der nicht differenziert und noch Geheimnisse bewahrt. Es soll nicht dazu kommen, dass der Eine dem Anderen ähnlich wird. Geheimnisse aufzudecken, beschreibt Baudrillard in der ,,Venezianischen Folge". Eine Frau folgt einem willkürlich ausgewählten Mann und fotografiert ihn auf Schritt und Tritt. Sie möchte nichts von ihm Wissen sondern ihm nur folgen und damit das Geheimnis seiner Person nicht erforschen sondern nur beobachten. Sie erfährt nicht wohin es geht, welche Richtung er einschlägt. Das Spannende für sie ist es, den willkürlichen Augenblick festzuhalten.

,,Man sollte nicht sagen: ,Der andere existiert, ich habe ihn getroffen', man sollte sagen: ,Der andere existiert, ich bin ihm gefolgt'. " 20

Verführung soll es sein, die Baudrillard damit schildert, sich dem Anderen zu näheren, aber ihm nie zu Nahe zu kommen. Das Modell der ,,Venezianischen Folge" soll demzufolge auch auf die Begegnung von Kulturen anwendbar sein. Den Anderen nur beobachten und sich von seinen Gewohnheiten lenken lassen, keine vorgefertigten Positionen einnehmen, die sich abhängig machen von eigenen Erfahrungen, sondern sich verführen lassen. Verdeutlicht wird es im Versuch von Roland Barthes Reisebeschreibungen aus Japan. Er stellt nie die Frage nach dem Sinn der Lebensgewohnheiten der Japaner, sondern er ergibt sich ihnen und durch reine Beobachtungen, durch Aufnahme von Zeichen zeigt sich ihm das Leben in Japan. Beispielsweise das Paschinko Spiel, ein Spiel für einen allein, der sich nicht veranlasst fühlt mit seinem Spiel andere zu beeindrucken. Eine Kugel wird geschleudert, beim richtigen Abschuss erlangt man zu mehr Kugeln, mit denen weitergespielt werden kann, oder man tauscht sie gegen eine gering naturelle Belohnung (Orange, Schokolade, etc.), was selten der Fall ist, da sie meist gespielt werden bis sie aufgebraucht sind. Für einen Europäer ein sichtlich sinnloses Spiel, aber es hat seine Gültigkeit als eines der meistgespieltesten Spiele in Japan, denn es trägt im Unterschied zu einem Flipperautomaten nicht dazu bei einem illusionsgeladenen Gewinn hinterher zuhaschen, sondern sich mit der Klarheit des Spieles auseinander zusetzen, es als ,,Spiel mit der Kugel" zu betrachten. Für Menschen die in westlichen Gefilden aufgewachsen sind -- eine Idiotie. Das Freimachen von dem Gedanken, dass es banal erscheint, ist schon ein Weg in diese Richtung. Wir können nicht ohne den Anderen, er ist die Quelle unserer Vielfalt, wenn es das Spiel Paschinko nicht gäbe, würden wir nie auf unsere Geilheit nach Gewinn und Profit aufmerksam gemacht werden. Wenn nicht ein Südseehäuptling aus Tuiavii, mit seiner vermeintlich vorschulartigen Beschreibung, unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhält, würden wir, die unseren Fortschritt und unsere Überlegenheit so gern prahlen, nicht merken das uns zum reich sein noch eine Menge fehlt. Doch nur beobachten ist bestimmt nicht der richtige Weg, ein gegenseitiges Ineinandergreifen auf der Ebene eines gleichgewichtigen Austausches könnte genauso erfolgen, ohne Nachteile des Anderen auszukosten. Sinnlos wie Baudrillard meint und sich damit auf den radikalen Exotismus beruft. Auf der anderen Seite sieht er das Zusammenspiel zwischen uns und dem Anderen wie das Verhältnis zwischen einem Wurm und der Alge:

,,...der Wurm nährt in seinem Magen eine Alge, ohne welche er nichts verdauen kann. Alles geht gut bis zu dem Tag, wo dem Wurm einfällt, seine Alge aufzuzehren: er verzehrt sie und stirbt daran (ohne sie verdaut zu haben, da sie ihm dabei nicht mehr helfen kann)." 21

Eine Parabel die nicht nur auf wirtschaftliche Abhängigkeiten zwischen der Dritten Welt und den Industrienationen hinweist, sondern genauso die zwischenmenschlichen Probleme unserer Zivilisation betont. Wenn Baudrillard sagt, dass gegenseitiges Sterben vom Entzug der Lebensgrundlage ausgeht, geistig oder physisch, verspricht er eine schon längst begründete Wissenschaft. Da er indessen mehr Beachtung dem Verschwinden des geistigen Nährbodens widmet, scheint dies ein mehr geachtetes Aussterben zu sein.

Beides hat seine Gültigkeit, doch könnte die Beobachtung des Anderen, seine Verführung ebenfalls dazu dienen, keinesfalls nur Denkstrukturen nachzuvollziehen, sondern den Versuch zu wagen, ökologische Probleme zu lösen und für alle Völker wieder ein Gleichgewicht ihrer naturellen Umgebung zu schaffen. Detaillierte Ausführungen von unwichtigen Kleinigkeiten vernebeln alltäglich die Verwaltungsstuben unserer Kultur. Wir drehen uns im Kreis. Mit dem letzten Satz aus ,,Reise zu einem anderen Stern" macht Baudrillard darauf aufmerksam, dass wir uns den Anderen bewahren müssen als eine ständige Quelle mentalen Fortschritts:

,,Der Andere ist jener , der mir erlaubt, mich nicht endlos zu wiederholen." 22.

3. Schluss

Mit der Geschichte der Menschheit hat sich selbige untereinander entfremdet, doch trotz genetischer Forschung und Manipulation gerät sie in Konflikt mit ihrer Vielfalt, anstatt von ihr zu profitieren. Marlo Morgan hat von ihr profitiert, genauso wie Bruce Chatwin, Tuiavii und Roland Barthes. Sie haben ihren geistige Erweiterung aber nur durch eine gemeinsame Sache erwirkt. Sie haben andere Länder bereist und haben sich der anderen Kultur ergeben und sie beobachtet. Deshalb scheint die Reise der einzige Weg zu sein, sich von der anderen Kultur verführen zu lassen. Dennoch ist es noch so, dass der Andere zu uns kommt und wir von vornherein uns ihm nicht ergeben wollen, denn er kommt meist als Asylant als Vertriebener oder Verfolgter. In dieser Situation ist er nicht mehr für die Industriegesellschaft ,,profitabel" sondern nur noch ein Anhängsel, dessen Kultur nicht mehr zählt und das sich unterzuordnen hat. Wir brauchen nicht zu reisen, wir haben alles in- und außerhalb unserer vier Wände, dass wir meinen zu brauchen. Doch einmal braucht uns der Andere und wir sind der Meinung, das sei ein Dauerzustand und er wird für uns zum Parasiten, wenn er unsere Steuern frisst. Dass er aber unser soziales Umfeld prägt und unser Wohlbefinden genauso mitgestaltet, wie jeder andere Bürger, das wird von den meisten nicht bedacht. Der andere ist schon längst ein Teil von uns und wir möchten das mit allen Mitteln verleugnen.

Die Entwicklung der Menschheit

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.

Sie jagen und z ü chten Mikroben.

Sie versehn die Natur mit allem Komfort.

Sie fliegen steil in den Himmel empor und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung ü brigl äß t, das verarbeiten sie zu Watte.

Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.

Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest, daßCäsar Plattf üß e hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der Menschheit geschaffen.

Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet sind sie im Grund noch immer die alten Affen.

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt, behaart und mit böser Visage.

Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt und die Welt asphaltiert und aufgestockt, bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn, in zentralgeheizten Räumen.

Da sitzen sie nun am Telefon.

Und es herrscht noch genau derselbe Ton wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.

Sie sind mit dem Weltall in F ü hlung.

Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.

Die Erde ist ein gebildeter Stern mit sehr viel Wassersp ü lung.

Erich Kästner

[...]


1 Vgl. Baudrillard (1996), S.133.

2 ebenda, S.138-139.

3 Vgl. Baudrillard (1996), S.138.

4 Vgl. Borges (1998), S.8.

5 Vgl. Baudrillard (1996), S.143

6 Vgl. Baudrillard (1996) S.147.

7 ebenda, S.149.

8 ebenda, S. 148

9 ebenda, S.154.

10 Vgl. Scheurmann (1997), S.5. (sprich: Papalangi) polynesischer Begriff für der Weiße, der Fremde, wörtlich der Himmelsdurchbrecher

11 ebenda, S.117.

12 Vgl. Großklaus (1995), S.104

13 Vgl. Baudrillard (1996), S.161.

14 ebenda, S.169.

15 Vgl. Barthes (1981), S.14.

16 ebenda, S.105.

17 ebenda, S.76.

18 Vgl. Baudrillard (1996), S.171.

19 ebenda (1996) , S. 199

20 Vgl. Baudrillard (1996), S.182

21 Vgl. Baudrillard (1996), S.188.

22 Vgl. Baudrillard (1996), S.200.

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Das Andere, das Fremde bei Baudrillard - Wie fremd sind wir uns und wie fremd begegnen wir dem Anderen?
Veranstaltung
Seminar Nach der Orgie - Das Denken Jean Baudrillards
Autor
Jahr
2000
Seiten
14
Katalognummer
V97156
Dateigröße
367 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Andere, Fremde, Baudrillard, Anderen, Seminar, Nach, Orgie, Denken, Jean, Baudrillards
Arbeit zitieren
Stephan Schmidt (Autor), 2000, Das Andere, das Fremde bei Baudrillard - Wie fremd sind wir uns und wie fremd begegnen wir dem Anderen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97156

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