Die theoretischen Grundlagen der objektiven Hermeneutik und des narrativen Interviews


Seminararbeit, 2000

26 Seiten, Note: bestanden


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung zum Thema

2. Die Erzählung als sozialwissenschaftliche Methode

3. Das narratives Interview
3.1 Voraussetzung
3.2 Vorgehensweise
3.3 Anwendungsgebiete
3.4 Bewertung
3.5 Kritik

4. Die objektive Hermeneutik
4.1 Methoden der Datenerhebung und der Datenauswertung
4.2 Vorgehensweise
4.3 Anwendungsgebiete
4.4 Kontextwissen
4.5 Bewertung
4.6 Kritik

5. Vergleich zwischen narrativen Interview und objektiver Hermeneutik

6. Literaturverzeichnis

Anhang:

Inhaltsverzeichnis mit Arbeitsaufteilung

Erklärung: Rike Mühlbauer

Erklärung: Marcel Baumgärtler

1. Einleitung zum Thema

Die verschiedensten Methoden der Auswertung, Analyse und Interpretation in der qualitativen Sozialforschung reichen von der Explikation nach Baron und Lazarsfeld über inhaltsanalytisch verfahrende Techniken bis zum narrativen Interview und der objektiven Hermeneutik. Auf diese beiden letzten Auswertungsverfahren, deren Vergleich, Anwendungsbereich, Kritik sowie einer praktischen Analyse werden wir in dieser Arbeit eingehen.

Um einen gedanklichen Einstieg in die folgende Arbeit zu geben möchten wir vorweg stellen, dass ein Grundgedanke der Auswertung qualitativer Sozialforschung die Erfassung und Rekonstruktion von grundlegenden Interaktionsmuster, so genannter Kommunikationsstrukturen oder Regeln sozialen Handelns ist. Hierbei wird besonders viel Wert darauf gelegt, die Originalität und Individualität der einzelnen Untersuchten zu waren. Da der Gegenstand von Analyse und Interpretation zumeist Texte sind, sprechen Lamnek und andere Autoren in diesem Zusammenhang von einer Sozialwissenschaft als „Textwissenschaft“ in der qualitativen Sozialforschung. Diese zu erforschenden Texte entstehen über niedergeschriebene Erfahrungen und Erzählungen. Was verbirgt sich also hinter diesen Erzählungen in der Sozialwissenschaft?

2. Die Erzählung als sozialwissenschaftliche Methode

Wiedemann versteht unter Erzählungen „natürliche, in der Sozialisation eingeübte Diskursverfahren, mit denen sich Menschen untereinander der Bedeutung von Geschehnissen ihrer Welt versichern“ (Wiedemann 1986, S. 24).

Da es schon immer Erzählungen gab, die aufgezeichnet und ausgewertet wurden, hat die Verwendung von Erzählungen zu sozialwissenschaftlichen Forschungszwecken bereits eine lange Tradition. Durch Erzählungen werden übergreifende Handlungs- zusammenhänge und -verkettungen sichtbar und sie dienen auch der Verarbeitung, der Bilanzierung und Evaluierung von Erfahrungen die im Alltag eine herausragende Rolle spielen.

Die Soziologie begreift den Erzählbegriff im Sinne einer „Erfahrung von der Welt“. Der Erzählbegriff wird als retrospektive Interpretation des Handelns angesehen (Lamnek, 1989). Das Wesen der Erzählung wird durch Zeichen, Ursachen und Zufälle bestimmt (Veyne, 1990). Nach Bude (1993, S. 415) beruht eine Erzählung auf der Konstruktion einer Serie, der Einführung eines Subjekts und der Figuration eines Zusammenhangs. Die erzählten Ereignisse müssen demnach in eine Serie von Ereignissen, die davor und danach geschehen sind, gebracht werden. Es muss mindestens ein Protagonist in die Geschichte eingebracht werden und zwischen den einzelnen Geschehnissen muss ein Zusammenhang für den Zuhörer erkennbar sein. Zusätzlich muss sich der Erzähler entscheiden, welche Ereignisse er aus der Vielzahl seiner Erlebnisse auswählt, welche Ereignisse unbedingt für den Aufbau der Geschichte benötigt werden und welche er auslassen kann (darstellerisches Ökonomieprinzip). Der Erzähler muss eine sinnvolle Reihenfolge entwickeln und sich dabei entscheiden, wie viel der Geschichte er in der jeweiligen momentanen Erzählstruktur preisgeben will und welche Informationen er aus Gründen der dramaturgischen Gestaltung erst später einfließen lässt (Spannungsaufbau). In diesem Sinne ähnelt der Soziologe einem Detektiven, der versucht die latenten Sinnstrukturen des Alltäglichen in den individuellen Erzählungen aufzudecken (Bude, 1993). Hierbei interessiert den Soziologen die Spezifizität des jeweiligen Falles.

Mit der Entwicklung des narrativen Interviews hat Fritz Schütze eine neu Art der Vorgehensweise entwickelt. Hierbei entstand eine explizite und grundlagentheoretisch ausgearbeitete Variante des Hervorlockens von Erzählungen und deren sozialwissenschaftliche Verwendung. Die Interviewsituation soll dabei möglichst nahe an den Bedingungen natürlicher und situativer Erzählung heranreichen, was bedeutet, dass sich der Eingriff des Forschers auf ein Minimum beschränkt.

3. Das narratives Interview

Zur Definition des narrativen Interviews möchten wir Lamnek zitieren. Nach seinen Worten handelt es sich um eine „Form des Interviews, das darauf abzielt, den Befragten seine selbsterlebten Erfahrungen erzählen zu lassen, wobei es besonders auf die Erfassung seiner Relevanzgesichtspunkte ankommt. Der Interviewer soll dabei möglichst wenig, besonders in der Phase der Haupterzählung, eingreifen“(Lamnek ,1988, S. 252).

Wie bereits angesprochen wurde diese spezielle Technik des offenen Interviews, genannt narratives Interview, von dem Bielefelder Soziologen Schütze entwickelt. Der von ihm vertretene konversations- und narrationsstrukturelle Ansatz vertraut alleine auf den Text, der sich als Dokumentation etwa eines Interviewgesprächs niederschlägt. Schütze und seinen Mitarbeitern geht es bei dieser Vorgehensweise, auf die später noch genauer eingegangen wird, primär um eine Rekonstruktion von Zugzwängen und Ablaufmustern des Gesprächs, sozusagen um die Strukturen der Erzählung (deshalb auch „narrationsstruktureller Ansatz“). Seiner Meinung nach, können die damals aktuellen Erfahrungs-, Erleidens- und Handlungsstrukturen rekonstruiert und langfristige Prozesse und ihre Strukturformen mit Mitteln des zeitraffenden narrativen Interviews erfasst werden. Hierbei sind Soziologen an den Handlungs- und Deutungsmustern interessiert. Von Bedeutung sind dabei typische Handlungs- und Entscheidungsprozesse.

Bei der schwach strukturierten, wenig standardisierten, also offenen qualitativen Interviewtechnik handelt es sich um Einzelerhebungen. Dies bedeutet, dass ausschließlich Einzelpersonen befragt und zum erzählen animiert werden. Das narrative Interview will durch freies Erzählen lassen von Geschichten somit zu den subjektiven Bedeutungsstrukturen gelangen, die sich einem systematischen Abfragen versperren würden.

3.1 Voraussetzung

Narrative Interviews lassen sich sinnvoll nur dann einsetzen, wenn es zum Thema der Untersuchung etwas zu erzählen gibt. Ebenso ist die Grundvoraussetzung für diese Interviewform, dass man Interviewpartner hat, bei denen man sicher sein kann, dass sie eine Geschichte präsentieren können. Was somit bedeutet, dass nur dort, wo ein Informant als Akteur oder Betroffener auf die Verstrickung in einen lebensgeschichtlichen oder historischen Ereigniszusammenhang, sprich eine “Geschichte“ zurückblicken kann, die Formulierung eines narrativen Themas möglich ist. D.h. dass die Interviewten die zu erzählenden Geschehnisse selbst erlebt haben müssen und diese nicht aus zweiter Hand nacherzählen dürfen, da sonst die Zugzwänge der Erzählung nicht entstehen würden.

Zwischen Interviewer und Erzähler sollte sich eine vertrauliche Atmosphäre aufbauen, die sich durch eine freundschaftliche nicht autoritäre und permissive Beziehung auszeichnet (vgl. Lamnek, 1989). Die Interviewpartner werden schließlich aufgefordert, zu einem bestimmten Thema eine typische Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen, ein für das Thema wichtiges Ereignis, ein Schlüsselerlebnis, einen typischen Geschehensablauf. Das Ziel des narrativen Interviews ist es, dass der Erzähler eine lange ununterbrochene Geschichte aus seinem Leben wiedergibt. Daher muss das jeweilige Thema für den Erzähler von Bedeutung und Interesse sein.

3.2 Vorgehensweise

Das Interview selbst teilt sich dann in drei Phasen:

Die Anfangsphase:

Eine zentrale Anfangsthemenstellung hat die Funktion, eine längere Haupterzählung hervorzulocken. Zunächst geht es um die Erzählstimulierung. Dem Interviewpartner wird in einer Eingangsfrage das Thema vorgestellt und begründet. Anschließend wird ihm der Sinn des Interviews und der Ablauf des Interviews erklärt. Es wird versucht, eine Vertrauensbasis herzustellen, um schließlich den Interviewpartner aufzufordern, sich eine Erzählung zum Thema zurechtzulegen. Hier hat die erzählgenerierende Eingangsfrage einen zentralen Stellenwert. Durch sie entstehen die Zugzwänge der Erzählung1.

Die Hauptphase:

Der Interviewer beschränkt sich strikt auf die Rolle des Zuhörens und greift während der Erzählung nicht ein, es sei denn, der rote Faden der Geschichte geht verloren. Unterstützend können paralinguistische Signale des Verstehens, wie „mm-hmm“, nonverbale Gesten wie Kopfnicken usw. und verbale Kommentare, wie „das ist schlimm“ usw. eingesetzt werden. Der Interviewer sorgt dafür, dass der Erzähler immer wieder zur Geschichte mit ihrer universellen Struktur zurückfindet, bis dieser schließlich eindeutig zu erkennen gibt, dass seine Erzählung abgeschlossen ist. Wie gesagt, die Strukturierung des Gesprächs geschieht durch den universellen Ablaufplan der Erzählung, den der Interviewer nur unterstützt2.

Die Phase des narrativen Nachfragens:

Die anschließend einsetzenden Fragen des Interviewers sollen neue narrative Sequenzen zu Darstellungsbereichen hervorlocken, die bisher nicht genügend oder überhaupt nicht ausgeführt wurden. Dabei kommt es darauf an, durch einen gezielten Erzählanreiz möglichst auch Äußerungen über heikle Themen und Erzählungen über Geschichten anzuregen, in die der Befragte nicht immer vorteilhaft involviert ist oder um unklare Punkte zu klären. Nachdem die narrativen „Wie-Fragen“ ausgeschöpft sind, können „Warum- Fragen“ gestellt werden, um zu den, vom Erzähler intendierten, subjektiven Bedeutungsstrukturen zu gelangen. Warum-Fragen sollen erst nach den Wie-Fragen gestellt werden, weil sonst die Rekonstruktion der Handlungsabläufe des jeweiligen Erzählers verzerrt werden könnte. Allerdings argumentiert Witzel (1982), dass Warum-Fragen auch schon vor den Wie-Fragen gestellt werden könnten, da durch mangelnde Plausibilität und Vagheiten von Anfang an Verzerrungen vorliegen, denen durch Warum-Fragen nachgegangen werden kann.

3.3 Anwendungsgebiete

Zum einen eignen sich narrative Interviews für Thematiken mit starken Handlungsbezug und sie sind sicherlich für eher explorative Fragestellungen einsetzbar. Des Weiteren lässt sich anmerken, dass in unserem sozialen Miteinander Meinungen und Einstellungen im allgemeinen stark an soziale Zusammenhänge gebunden sind. Dies bedeutet, das sie am besten in sozialen Situationen, sprich Gruppen, erhoben werden können. In der Gruppe können bekanntlich psychische Sperren durchbrochen werden, um auch zu kollektiven Einstellungen und Ideologien zu gelangen.

Hierzu folgendes Beispiel: Fragt man heute im Einzelinterview Menschen beispielsweise nach ihren rassistischen Vorurteilen, so wird man wenig fündig. Lässt man jedoch eine Gruppe über ihre Erfahrungen mit Ausländern in der Nähe eines Asylantenheims, über ihre persönliche Einstellung zu der aktuellen Situation in ihrem Wohnviertel diskutieren, so geschieht es leicht, dass sich das Gespräch hochschaukelt und die Vorurteile und Ideologien offenbart werden.

3.4 Bewertung

Aus diesen vorangegangenen Beschreibungen wird rasch deutlich in welchen Situationen sich das narrative Interview sinnvoll einsetzen lässt.

Zum einen kann diese qualitative Technik nur angewandt werden, wenn Erzählungen stimuliert werden können, d.h. das Thema muss somit einen starken Handlungszusammenhang aufweisen, dramatische Sequenzen beinhalten oder sich zumindest in solchen Sequenzen äußern. Zum anderen ist diese Technik immer dann angezeigt, wenn es um schwer abfragbare subjektive Sinnstrukturen geht, die sich nicht einfach direkt erfragen lassen. Auch unerforschte Gebiete, Neuland, wird man eher mit narrativen Interviews erschließen können; da es wie gesagt eine vergleichsweise explorative Technik darstellt.

Vorteile des narrativen Interviews sind dementsprechend, dass die erhaltenen Informationen mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Gültigkeit und Bedeutungshaftigkeit besitzen als Daten von standardisierten Interviews, da der Erzähler nicht durch vorgegebene Antworten eingegrenzt wird und somit die erhaltenen Informationen unfassender sind.

Die Aufwändigkeit der Datenerhebung stellt einen Nachteil insofern da, dass sehr viele Aspekte besprochen werden müssen, bevor die Voraussetzungen eines narrativen Interviews gegeben sind (Brüsemeister, 1999, S. 49).

Ein weiterer Nachteil besteht darin, dass die Qualität der Interviews unterschiedlich ist und damit die Vergleichbarkeit narrativer Interviews erheblich eingeschränkt wird. Weiterhin muss auf Seite des jeweiligen Erzählers vorausgesetzt werden, dass er die nötige sprachliche und soziale Kompetenz besitzt um seine Erlebnisse darstellen zu können und der Erzähler auch bereit ist seine Geschichte zu erzählen.

3.5 Kritik

Ein Problem des narrativen Interviews ist, dass die dargestellten Tatsachen vom Forscher nicht nachprüfbar sind und dass das Interview nur eine Verhaltensstichprobe aus dem gesamten Verhaltensspektrum liefert, sodass nicht feststellbar ist, ob das Verhaltenssystem repräsentativ für den Erzähler ist. Dementsprechend wird am narrativen Interview in Frage gestellt, ob die Erzählung eigener Erlebnisse tatsächlich über eine starre Vergangenheit, wie sie aus der Perspektive eines externen Beobachters auch abgelaufen wäre, berichtet, oder ob sich in den Erzählungen wirkliche und fiktionale Anteile vermischen (vgl. Brüsemeister, 1999). Diese Kritik ist vor allem aus psychologischer Sicht berechtigt. Das menschliche Gehirn stellt keinen Computer dar, indem ein fester Input hineinkommt, abgespeichert wird und dann als fester Output abgefragt werden kann. Vielmehr wird jede Erinnerung zu jedem Zeitpunkt den jeweiligen Relevanzstrukturen angepasst, uminterpretiert, verallgemeinert, Lücken durch Inferenzen aufgefüllt usw. In jeder Lebensphase verändert sich die Erinnerung an vergangene Ereignisse. Die Person, die man heute ist, mit ihren spezifischen Relevanzstrukturen, bestimmt entscheidend mit, was einmal gewesen ist und wer man einmal war. Sobald sich ein Mensch an seine Vergangenheit erinnert, interpretiert er sie auch schon in Übereinstimmung mit seinen aktuellen Auffassungen. Dies kann auch durch die Unterscheidung von erlebter und erzählter Geschichte im narrativen Interview nicht kompensiert werden, solange die erlebte Geschichte keine analoge Vergangenheit widerspiegeln kann.

In diesem Zusammenhang wäre eine stärkere Orientierung an Ergebnissen aus der kognitiven Psychologie interessant. Hier kann allerdings nicht näher auf die kognitive Psychologie eingegangen werden, da dies den Umfang der Arbeit sprengen würde. Es werden im folgenden einige wenige Beispiele wiedergegeben, die auf die Anfälligkeit des menschlichen Erinnerns aufmerksam machen sollen.

Unterschiedliche psychologische Studien konnten z.B. zeigen, dass es in der Erinnerung zu Quellenverwechslungen kommen kann, die einer erlebten Geschichte eine neue Struktur aufzwängen würden, z.B. haben Versuchspersonen fantasierte Ereignisse mit tatsächlichen Ereignissen (Johnson et al., 1977), fantasierte Handlungen mit tatsächlichen Handlungen (Anderson, 1984) und Traummaterial mit der Wirklichkeit (Mazzoni & Loftus, 1996) verwechselt. Im Interview muss dementsprechend auch berücksichtigt werden, dass die Befragten die erzählten Ereignisse u.U. nicht in einer intersubjektiv geteilten Wirklichkeit erlebt haben sondern in „begrenzten Sinnbereichen“ (Schütz, 1974) oder auch Erzählungen ihrer z.B. Freunde und Bekannten als ihre eigenen Erlebnisse einbringen, weil sie selber davon überzeugt sind, dass sie die jeweiligen Ereignisse so erlebt haben3.

Weiterhin spielen Emotionen sowohl eine Rolle bei der Wahrnehmung als auch beim Abruf der Erinnerung, da sie eine Selektion auf das bewirken, an was die jeweilige Person sich erinnern kann (Singer & Salovoy, 1988). Eine negative (positive) Grundstimmung wirkt sich z.B. auf die Fokussierung der Aufmerksamkeit aus, indem die Person stimmungskongruente Informationen in ihrer Erzählung auswählt. Eine negative Grundstimmung könnte z.B. dadurch hervorgerufen werden, dass der Erzähler sich gezwungen fühlt seine Geschichte zu erzählen, obwohl er eigentlich nicht dafür bereit ist.

Eine weitere Schwierigkeit tritt auf, sobald z.B. ehemalige Alkoholiker oder Drogenabhängige befragt werden. Hier lässt sich eine eindeutige Vergangenheit kaum rekonstruieren, da z.B. externale Attributionen vorgenommen worden sein können, damit die betroffenen Personen alle ihre Ressourcen zur Lösung ihrer Probleme mobilisieren können. Auch dies verändert damit die Erinnerung an frühere Ereignisse und an das Entstehen von z.B. Alkoholabhängigkeit.

In der Phase der Alkohol- oder Drogenabhängigkeit kann zusätzlich ein sog. „State Bound Memory“ (zustandsabhängiges Erinnern) auftreten, das eine chronologische und bedeutungsanalysierende Rekonstruktion erheblich erschweren kann. Zustandsabhängiges Erinnern zeigt sich z.B. darin, dass eine Erinnerung aus einem drogeninduzierten Zustand, in einem Zustand ohne Drogeneinfluss vergessen wird, aber unter dem Einfluss der gleichen Drogenmenge wieder erinnert werden kann (vgl. Hilgard, 1977). Dies zeigt sich z.B. in Angaben von ehemaligen Alkohol- bzw. Drogenabhängigen, dass sie sich nur noch „nebelhaft“ an bestimmte Phasen ihres Lebens erinnern können.

Ein weiterer Effekt, den es zu berücksichtigen gilt, ist der sog. Hindsight Bias, der besagt, dass Menschen im nachhinein ihre Fähigkeit Ereignisse vorauszusagen, überschätzen (Fischhoff, 1975, 1977; Hawkins & Hastie, 1990). Dies zeigt sich z.B. in Aussagen wie „Das war mir klar“ oder „Ich habe es gewusst, dass es so kommen musste“. Hier beeinflusst das Wissen um den Ausgang der Ereignisse die Wahrnehmung der Vergangenheit und lässt so den Verlauf der Ereignisse als logisch erscheinen. Die Erinnerungen an die eigene Erwartung werden in Einklang mit dem Ausgang der Ereignisse gebracht. Menschen neigen dazu, sich an die Vergangenheit in einer Weise zu erinnern, sodass sie mit der Gegenwart übereinstimmt (Loftus & Loftus, 1980). Auch dies beeinflusst wiederum das Erzählen des Zustandekommens z.B. kritischer Lebensereignisse.

Da sich während den Erzählungen Eigendynamiken des Erzählens entwickeln, könnten befragte Personen immer stärker ins fabulieren, übertreiben, beschönigen (im Sinne der Sozialen Erwünschtheit), bewusstes lügen usw. geraten.

Weitere Schwierigkeiten ergeben sich in der Phase des narrativen Nachfragens. Hier können durch Fragen Hinweisreize gegeben werden, die zu ein und derselben Frage unterschiedliche Erinnerungen auslösen würden. Die subjektive Intention kann damit einfach nur von dem Hinweisreiz abhängig sein.

Die jeweiligen Fragen könnten auf Grund des wissenschaftlichen und alltäglichen Vorwissens des Interviewers suggestive Anteile besitzen. Eine Befragungsverzerrung kann demnach durch sehr spezifische Fragen hervorgerufen werden, die u.U. den natürlichen Erinnerungsprozess des Befragten (den roten Faden), wie er in der freien Erzählung aufgebaut wurde, nachträglich behindern. Hier wäre vor allem auf Warum-Fragen zu achten.

In Folge dieser verschiedenen Erzählverzerrungen könnten dem Befragten unterschiedlichste Deutungs- und Handlungsmuster zu Grunde gelegt werden, die weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart die für den Befragten richtigen Muster aufweisen. Damit lassen sich u.U. keine viablen (gangbaren) Relationen zwischen Deutungs- und Handlungsmustern aufzeigen und dementsprechend auch keine viablen Konsequenzen für die Identität ableiten.

4. Die objektive Hermeneutik

Eine weitere Variante der qualitativen Methodenforschung ist die objektive Hermeneutik4 oder auch strukturale Hermeneutik genannt. Sie ist eine qualitative Forschungskonzeption, die von Ulrich Oevermann und Mitarbeitern entwickelt wurde. Oevermann’s Konzept von „sozialer Realität“ entstand aus sozialisationstheoretischen und methodologischen Überlegungen5. Nach den Worten Lamnek’s handelt es sich hierbei um ein „Verfahren zur Auffindung objektiver Bedeutungsstrukturen konkreter Äußerungen (z.B. in einem narrativen Interview) mittels eines Gruppenprozesses“( Lamnek 1988 S.250).

Im Vergleich zu Schütze bezieht sich Oevermann auf die „objektiven Strukturen“, die hinter dem kommunizierbaren Wissen der Gesellschaftsmitglieder verborgen sind und deshalb auch nicht über Kommunikation abgefragt werden können. Er unterscheidet hierbei zwei Realitätsebenen. Einmal die der „latenten Sinnstrukturen“ und zum anderen die „von einer Realität subjektiv intentional repräsentierter Bedeutungen“. Diese Sinn- und Bedeutungsstrukturen sind grundsätzlich abstrakt, d.h. sie werden durch Regeln, die Bedeutungen generieren, erzeugt und gelten objektiv für jedes Individuum, unabhängig von seinen spezifischen Bedeutungsinterpretationen.

Zur Erläuterung der latenten Sinnstruktur greift Oevermann auf den Begriff des Unbewussten in der Psychoanalyse zurück. In diesem Zusammenhang führt er den Ausdruck vom sozialen Unbewussten ein. Dieses Unbewusste des Interaktionssystems wiederum konstituiert die latenten Sinnstrukturen. Unbewusste Bedeutungen, wie sie in der Psychoanalyse interpretiert werden, aber auch Strukturgesetze der kognitiven Entwicklung (Piaget) oder der Dynamik moderner gesellschaftlicher Prozesse (Marx) sind Beispiele objektiver Bedeutungsstrukturen.

Die objektive Hermeneutik hat das Ziel, hinter den einzelnen subjektiven Bedeutungsstrukturen, die das Material (z.B. Interviews) liefert, allgemeine, objektive Strukturen zu erschließen. Anders formuliert, ist es ein Versuch den Reproduktionsprozess der latenten Sinnstrukturen nachzuvollziehen. Erst wenn die objektive Bedeutung einer Ausdrucksgestalt ermittelt ist, lassen sich die individuellen Einstellungen, Meinungen, Erwartungen usw. entschlüsseln.

Die gesamten Daten, an denen menschliches Handeln in all seinen Ausprägungen fassbar wird, subsumiert Oevermann unter die Kategorie „Ausdrucksgestalt“. Wenn die Bedeutung und der Sinn der Ausdrucksgestalten berücksichtigt werden, spricht Oevermann von „Text“. In die Kategorie Text fallen sämtliche möglichen Ausdrucksformen, z.B. literarische Texte, Musik, Kunstgemälde, Erinnerungen usw. Diese Texte werden im Sinne einer geschichtlich überdauernden Objektivierung als Protokolle gehandelt.

Konkreter Gegenstand des Verfahrens sind Protokolle von realen, symbolisch vermittelten sozialen Handlungen oder Interaktionen, seien es niedergeschriebene, akustische, visuelle, in verschiedenen Medien kombinierte oder anders archivierbare Fixierungen6. Protokolle müssen sowohl die protokollierte Wirklichkeit widerspiegeln als auch den protokollierenden Vorgang, damit sich bei der Analyse beide Ebenen voneinander unterscheiden lassen.

Dadurch soll erreicht werden, dass sich die protokollierte Wirklichkeit unabhängig von den Einflüssen des Protokollvorganges analysieren lässt.

Bei der objektiven Hermeneutik geht es um die Auslegung der objektiven Bedeutung von Interaktionstexten des latenten Sinns von Interaktionen. D.h. das Ziel ist es, die hinter den subjektiven Bedeutungen stehenden objektiven Sinnstrukturen zu erschließen. Es geht nicht darum das konkrete Verhalten von Individuen zu erforschen, sondern den Auswirkungen der Einflussfaktoren der latenten Sinnstrukturen zu entgehen und somit die objektive Bedeutung der sozialisierten Individuen einer Analyse zu unterwerfen.

Diese objektiven Bedeutungsstrukturen können mit subjektiven Bedeutungen identisch sein, und können ebenso vom einzelnen Individuum selbst erkannt werden. In der Regel jedoch weichen sie von diesen ab und müssen erst aus dem Material erschlossen werden. Der Zugang zu diesen Bedeutungsstrukturen ist dem Subjekt zwar nicht verschlossen und sie sind auch vorbewusst vorhanden, aber auch unsere alltägliche Kommunikation ist nicht darauf ausgelegt derartige Reflexionen in Gang zu setzen.

Bevor Oevermann den eigentlichen Interaktionstext genauer analysiert, versucht er bereits durch die Konfrontation des Besonderen mit dem Normalen Hypothesen über die mögliche Fallstruktur zu ermitteln. Die Vordeutung des Falles durch die Interpretation objektiver Daten7 macht es möglich gezielte Fragen an den zu untersuchenden Text zu stellen. Es wird vor der Bearbeitung der Textausschnitte eine so genannte Hintergrundfolie der Normalität zur Groborientierung geschaffen.

In praktischer Umsetzung und Anwendung dieser theoretischen Gedanken und Intentionen werden u.a. die Verfahren der sequenziellen Analyse und der Feinanalyse angewandt, wobei die Feinanalyse ein Verfahren zur Interpretation von Szenen oder Ausschnitten aus einem Protokoll ist. Sie besteht aus einem Gerüst von 8 Ebenen für eine ausschließlich qualitativ beschreibende Rekonstruktion der konkreten Äußerungen, auf die wir noch genauer eingehen werden.

4.1. Methoden der Datenerhebung und der Datenauswertung

Die objektive Hermeneutik trennt strikt zwischen Datenerhebung und Datenauswertung. Bei der Datenerhebung sind die Methoden des sozialen Arrangements und die Technik bei der Protokollierung zu unterscheiden (Oevermann, 1996). Jede Datenerhebung ist in ein soziales Arrangement eingebettet. Das soziale Arrangement muss dem spezifischen Fall und seiner individuellen Charakteristika angemessen sein. Unterschiedliche soziale Arrangements lassen sich durch die Dimensionen „standardisiert“ und „nicht- standardisiert“ erfassen. Diese Dimensionen gelten auch für die Protokollierung der erhobenen Daten. Bei der Datenerhebung ersetzen die beiden Dimensionen standardisiert/nicht-standardisiert die Dimensionen quantitativ/qualitativ.

Die Vorteile eines standardisierten Vorgehens bestehen vor allem in der Ökonomie der Datenerhebung. Dies ist für Oevermann der wesentliche Vorteil. Die Vorteile der besseren Vergleichbarkeit und der größeren Präzision der Daten lehnt Oevermann ab. Vielmehr betont er die geringere Prägnanz standardisierter Daten und hebt dabei die mimetische Anpassungsfähigkeit nicht-standardisierter Vorgehensweisen hervor.

Standardisierte Protokollierungstechniken sind z.B. standardisierte, geschlossene Fragebögen, in denen Wortlaut, Reihenfolge der Fragen und Antwortmöglichkeiten festgelegt sind.

Nicht-standardisierte Techniken sind alle direkten Aufnahmen durch Videokameras, Tonbandgeräte usw. Die daraus entstehenden Protokolle bezeichnet Oevermann als „natürliche Protokolle“. Die nicht-standardisierten Techniken sind den standardisierten vorzuziehen, da sie nicht schon einseitig selektiv vorinterpretiert sind.

Für die Datenauswertung gilt der rekonstruktionslogische Ansatz. Zur Erschließung der Wirklichkeit werden die latenten Sinnstrukturen und objektiven Bedeutungen der spezifischen Textsegmente rekonstruiert, anstatt klassifikatorische Begriffe und Indikatoren zu bilden. Die Rekonstruktion erfolgt durch die Sequenzanalyse. Die Daten der objektiven Hermeneutik sollen keine Theorie, aus der Hypothesen deduziert wurden, bestätigen (oder falsifizieren), sondern die Wirklichkeit möglichst authentisch darlegen. Die Authentizität (Gültigkeit der Ausdrucksgestalt) wird dadurch erlangt, dass die Daten nicht durch Operationalisierungen vorabgefiltert werden. Theorie und Daten werden nicht voneinander getrennt, sondern bilden eine Einheit.

Dabei bezieht sich Oevermann auf das abduktive Schließen, an Stelle eines induktiven oder deduktiven Schließens. Der Begriff „Abduktion“ geht auf den Philosophen Charles S. Peirce zurück. Der abduktive Schluss versucht zu einer gegebenen Beobachtung eine allgemeine Gesetzmäßigkeit zu finden, welche die Beobachtung erklären kann. Oevermann sieht darin ein Verfahren, auch in qualitativen Forschungen logisch gesicherte Schlussfolgerungen zu erlangen. Hier stellt sich das Problem, dass im abduktiven Schließen Indizien verwertet werden und für seine Richtigkeit kein gesicherter Belegfall existiert. Die formulierte Schlussfolgerung ist rhetorisch (vielleicht wahr), d.h. der formulierte Schluss ist äußerst unsicher und kann nur durch Zufall wahr sein. Wenn sämtliche hypothetischen Gesetzmäßigkeiten auf falschen Annahmen beruhen, kann auch durch abduktives Schließen, nachdem unzutreffende Hypothesen eliminiert worden sind, kein wahrer Zusammenhang übrig bleiben. Um die Daten abzusichern bedarf es einer Überprüfung anhand der deduktiven Methode.

Peirce selber sah keine Möglichkeit der Verifikation der Annahmen. Auch wenn unsere Annahmen bestätigt werden, müssen wir darauf vertrauen, dass weitere Überprüfungen die Voraussagen ebenfalls wieder bestätigen. Es handelt sich eben um keinen notwendigen Schluss.

Dennoch stellt die Abduktion einen zunehmend wichtigen Bereich für die Wissenschaftstheorie da. Peirce (1903) hält sie für die einzige Möglichkeit neue Ideen zu generieren und einzuführen.

Oevermann selber trennt nicht eindeutig zwischen Abduktion und qualitativer Induktion. In früheren Schriften scheint er beide Verfahren gleichzusetzen (Reichertz, 1994). Reichertz kommt zu dem Schluss, dass die objektive Hermeneutik nicht abduktiv schließt, da sie vom Wissen um Regeln und dem Resultat auf den Fall schlussfolgert. Damit steht die (späte) objektive Hermeneutik in einem Widerspruch zu ihrer eigenen behaupteten forschungspraktischen Vorgehensweise.

4.2 Vorgehensweise

Das konkrete Vorgehen ist sehr detailliert von Oevermann ausgearbeitet worden. Im Folgenden die einzelnen Schritte in der Vorgehensweise:

1. Schritt: Festlegung der Fragestellung

Die Analyse beginnt mit der Bestimmung der Fragestellung. Es muss festgelegt werden, worauf die Analyse des Materials abzielt. Beispielsweise die Persönlichkeitsstruktur eines Interviewten, die Interaktionsstruktur mit dem Interviewer oder auch die Struktur der Organisation über die der Interviewer berichtet.

2. Schritt: Grobanalyse - Rahmenbedingung des Materials

Bei der folgenden Grobanalyse wird erst einmal analysiert, was das Handlungsproblem der Situation ist, aus dem das Material stammt, also die situativen Bedingungen der Materialentwicklung. Denn es sind ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen, wenn es sich um eine Therapeut-Klient-Interaktion, ein Interview oder eine Gruppendiskussion handelt. Diese Rahmenbedingungen bilden eine Grobstruktur, die der Bezugspunkt der darauf folgenden Analyse ist, dabei aber auch ständig überprüft wird und auch modifiziert werden kann.

3. Schritt: Sequenzielle Feinanalyse

Der nächste wesentliche Schritt und zugleich das Kernstück der Analyse ist nun die sequenzielle Feinanalyse. Sequenziell bedeutet dabei, dass das Material in einzelne Interakte, also aufeinander bezogene Handlungen, zerlegt wird, die nacheinander analysiert werden.

4. Schritt : Entwurf möglicher Kontexte eines Interakts und Heraus-arbeiten deren allgemeiner Struktur

Hier findet nun das schon angesprochene gedankenexperimentelle Vorgehen statt. Für den ersten Interakt werden alle möglichen Handlungskontexte gedankenexperimentell entworfen, in welche die konkrete Handlung passen könnte.

5. Schritt: Vergleich mit konkretem Kontext

Daraus werden allgemeine Struktureigenschaften des Kontextes gefolgert und dann mit den konkreten Kontextbedingungen verglichen.

6. Schritt: Mögliche Konsequenzen für den nächsten Interakt

Schließlich werden aus dem ersten Interakt die möglichen Konsequenzen für den zweiten Interakt erwogen.

7. Schritt: Vergleich mit tatsächlichen Folgen

Man fragt sich wieder (gedankenexperimentell), wie es jetzt im Protokoll grundsätzlich weitergehen könnte, bevor man dies mit dem tatsächlichen weiteren Verlauf vergleicht.

8. Schritt: Strukturgeneralisierungen

Der letzte Schritt in der objektive Hermeneutik ist nun der Versuch von Strukturgeneralisierungen. Es werden verschiedene Fälle, die sich auf die zu Beginn festgelegte Fragestellung beziehen, miteinander verglichen. Denn eine einzelne Analyse lässt höchstens Strukturhypothesen zu. Sie müssen durch heranziehen weiteren Materials abgesichert werden.

Der Kernpunkt des schrittweisen Vorgehens ist dabei der Einbau von Gedankenexperimenten. Der Interpret nimmt sich eine Textstelle vor, die eine Handlung aus der Sicht des Subjektes beschreibt und entwirft möglichst alle nur denkbaren Bedeutungen der Handlung, unabhängig vom konkreten Fall. Aus diesen gedankenexperimentellen Konstruktionen lassen sich Gemeinsamkeiten herausfiltern, die allgemeine Struktur- eigenschaften der Handlung darstellen. Erst jetzt wird wieder auf den konkreten Fall eingegangen und geklärt, welche spezifische Bedeutung hier zutrifft. Dazu werden mögliche und tatsächliche Bedeutungsgehalte des Materials schrittweise systematisch verglichen.

Aus dem Verhältnis möglicher und tatsächlicher Bedeutungen schält sich während der Analyse sukzessive die objektive Sinnstruktur des Falles heraus. Der Interpret nimmt sich also schrittweise Textstellen vor und fragt dann: Was könnte das bedeuten? Daraus erschließt er den Kontext der in der Textstelle angesprochenen Handlung. Dann vergleicht er dies mit der jeweils spezifischen Bedeutung. Aus diesem Vergleich hofft man, auf objektive Strukturen des einzelnen Falles und dann durch Fallvergleiche auf allgemeine objektive Strukturen zu schließen.

Oevermann hierzu: „Man macht im Umgang mit den verschiedenen Texten aus der sozialen Wirklichkeit die Erfahrung, dass die spontanen Produktionen des Alltags eine erstaunliche strukturelle Reichhaltigkeit des Ausdrucks aufweisen“ (Oevermann 1983 S. 280).

Gabriele Rosenthal spricht von dem „Prinzip der Offenheit“ sowohl für die Gesprächsführung, als auch für die Auswertung. Der Text soll in den Regeln seiner Strukturiertheit rekonstruiert werden und nicht in Kategorien eingeteilt, und dann entsprechenden Teile zugeordnet werden. Für sie gilt das Prinzip, dem Autobiografen „Raum zur Gestaltentwicklung“ zu geben und auch für die Auswertung das „Verbot zur Gestaltzerstörung“. Die autonom gestaltete biografische Selbstpräsentation macht, in ihren Augen, für eine sozial-wissenschaftliche Analyse nur dann Sinn, wenn sie bei der Auswertung nicht in einzelne Teile zerstückelt wird, die dann in einen anderen Zusammenhang als den des Entstehungskontextes eingeordnet werden.

4.3 Anwendungsgebiete

Die objektive Hermeneutik empfiehlt sich für Fragestellungen, bei denen es weniger um die subjektive Bedeutung als um allgemeine dahinterliegende Strukturen geht. Wegen ihres aufwändigen Vorgehens ist sie nur an kleinen Materialausschnitten oder mit erheblichen Ressourcen durchführbar8.

Die Methode der objektiven Hermeneutik unterscheidet sich von den anderen Analyseverfahren insbesondere durch den Bezug auf die latenten Sinnstrukturen und die subjektiv intentionale Repräsentanz der Interagierenden. Zweck der Analyse ist die Strukturen zu rekonstruieren, die hinter den Interaktionen stehen. Interpretationen sind vorläufig und falsifizierbar; ihre vorübergehende Geltung ergibt sich aus dem „Konsens“ mehrerer Interpreten.

Zusammenfassung der Vorgehensweise:

Um die Rekonstruktion der objektiven Bedeutungsstruktur einer konkreten Äußerung durchzuführen, besteht der erste Schritt darin, dass zunächst Geschichten über möglichst vielfältige, kontrastierende Situationen erzählt werden, die konsistent zu einer Äußerung passen, ihre Geltungsbedingungen pragmatisch erfüllen. Im nächsten Schritt werden diese erzählten Geschichten, die implizite gedankenexperimentelle Konstruktionen darstellen, explizit auf ihre gemeinsamen Struktureigenschaften hin verallgemeinert, die in ihnen zum Ausdruck kommen. Im dritten Schritt werden diese allgemeinen Struktureigenschaften mit den konkreten Kontextbedingungen verglichen, in denen die analysierte Äußerung gefallen ist.

4.4 Kontextwissen

Bei den genannten Punkten und Anwendungen der objektiven Hermeneutik erscheint es problematisch, wie latente Sinnstrukturen überhaupt aufgedeckt werden können. Hierzu müssen äußere Kontextbedingungen herangezogen werden, auch wenn Oevermann eigentlich für eine kontextfreie Interpretation der latenten Sinnstruktur ist.

Honer spricht in diesem Zusammenhang von einem radikalen und unvoreingenommenen Sicheinlassens auf den Fall. Jedoch ist diese „dilettantische Herangehensweise“ etwas fraglich, da es unmöglich erscheint ohne Kontextwissen und nur aufbauend auf Alltagserfahrungen sämtliche möglichen Lesarten eines Textes zu konstruieren. Gerade bei abweichenden Fällen müssen Hintergrundannahmen eingeführt werden, um besonders unwahrscheinliche Lesarten nicht ausschließen zu müssen. Somit stellt sich ein entsprechendes Kontextwissen aus anderen Szenen, über die Persönlichkeitsstruktur der Beteiligten, Wissen über die Geschichte der Familie und selbstverständlich auch über das heuristisch benutzte theoretische Wissen zusammen9.

Es wäre auch unmöglich dem gesamten Bild der erlebten Lebensgeschichte gerecht zu werden und die funktionale Bedeutsamkeit der biografischen Erlebnisse zu erfassen, wenn die Erlebnisse aus dem Gesamtzusammenhang der Lebensgeschichte herausgenommen und sie unter einem anderen Rahmen zusammengestellt werden würden.

Der objektive Hermeneut analysiert zwar Interakt für Interakt, wobei Informationen und Beobachtungen aus späteren Interakten nicht zur Interpretation eines vorausgehenden benutzt werden dürfen, jedoch bezieht er dabei nur den inneren Kontext, die psychische Kontextbedingungen des individuierten Falls in die Analyse mit ein. Die Interaktionssituation als solche, der „äußere Kontext“ bleibt zunächst unberücksichtigt, damit der sich vollziehende Prozess des Ausschließens von Möglichkeiten deutlich erkennbar wird.

Schneider (1994) erscheint es, auf Grund seiner eigenen Praxiserfahrung, sinnvoll, mehrere Kontextdimensionen als Mindestdimensionen in die objektive Hermeneutik einzuführen, um eine viable sozialwissenschaftliche Erklärung formulieren zu können. Schneider unterscheidet zusätzlich in System-Umwelt- Differenzierung, in eine zeitliche Achse der Systemgeschichte, und, auf Parson’s allgemeines Handlungssystem bezogen, in Kultursystem, soziales System, Persönlichkeitsstruktur und Verhaltensorganismus.

4.5 Bewertung

Wie Leber und Oevermann in ihrer exemplarischen Therapieverlaufs-Analyse aufzeigen (Oevermann, 1983) kann man schon mit ganz geringen Datenmengen zu riskanten, falliblen und reichhaltigen Strukturhypothesen über das therapeutische Arbeitsbündnis und den Fall eines Patienten gelangen. Wobei dieses Auswertungsverfahren natürlich sehr aufwändig ist.

Am Interpretationsprozess sind dabei prinzipiell immer mehrere Forscher beteiligt, was Oevermann den Vorwurf eingebracht hat, die individuelle Willkürlichkeit des „Verstehens“ nur durch eine Art Gruppenprozess zu ersetzen.

Eine beschließende Interpretation kann nie erreicht werden, weil die vorhergehenden Auslegungen jederzeit von einem weiteren Interpreten revidiert werden können. Begründet wird dies damit, dass die latente Sinnstruktur gewissermaßen zeitlos ist und zu jeder Epoche und Zeit (anders) entschlüsselt werden kann.

Wie bereits angesprochen, ist der große Nachteil dieses Interpretationsverfahrens der enorme Zeitaufwand, der auch für die Interpretation nur kurzer Textsequenzen aufgebracht werden muss. Das Verfahren der objektiven Hermeneutik ist daher für die Bewältigung umfangreichen Datenmaterials kaum geeignet. Sinnvoll erscheint vielmehr sein schwerpunktmäßiger Einsatz bei zentralen oder für zentral erachteten Textausschnitten, also zur Aufklärung von Bruchstellen in der rekonstruktiven Analyse.

4.6 Kritik

Eine wesentliche Frage, die sich die objektive Hermeneutik stellen sollte, ist, welche Funktionen latente Sinnstrukturen für die Erklärung der jeweiligen Protokolle haben. Die objektive Hermeneutik gerät schnell in eine Hyperinterpretation der vorliegenden Befunde und wird somit zu einer Hermeneutik des Verdachts (vgl. Bude, 1994), d.h. alles Handeln von Individuen zu einem bestimmten Zeitpunkt wird auf Verborgenes untersucht, welches die Individuen ohne ihres bewussten Wissens leitet. Das gleiche Vorgehen findet sich in der Psychoanalyse, auf die sich die objektive Hermeneutik in der Konstruktion des sozial Unbewussten bezieht. Hier stellt sich der entscheidende Unterschied, dass in der Psychoanalyse Wirklichkeiten erfunden werden, die dem Individuum helfen sollen, seine akuten Probleme zu bewältigen. Hierbei lässt sich kein Wirklichkeitsanspruch erheben. Sowohl für den Analytiker wie für den Klienten erscheint es nicht von Interesse, ob die interpretierte Wirklichkeit, die der Analytiker aufdeckt (erfindet), sich tatsächlich so ereignet hat oder nicht, solange sie den Zweck der Hilfe für den Klienten erfüllt. Anders liegt der Fall in der objektiven Hermeneutik, die als soziologische Erzählung für sich beanspruchen will, objektive Daten wiederzugeben. Diese Objektivierung soll durch die Rekonstruktion latenter Strukturen erreicht werden, die dann, in der Sichtweise der objektiven Hermeneutik, sinnvollere Interpretationen (auch für innerpsychische Prozesse10 ) zulässt, als Methoden, die diese Vorgehensweise nicht in Betracht ziehen. Hier würde sich für die objektive Hermeneutik eine Auseinandersetzung mit einigen Regeln der Allgemeinen Semantik empfehlen. Um den Anspruch einer einzigen plausiblen wahren Interpretation abzufedern, könnte hier die Identität des Wortes „ist“ außer Kraft gesetzt werden, d.h. man ersetzt „ist“ durch andere Begriffe, die keine allgemeine Wahrheit implizieren. Vor allem durch die „Identität des ist“ erscheinen Individuen geneigt zu sein, Begriffe mit der Struktur der Wirklichkeit (dem betreffenden Ding an sich) gleichzusetzen (vgl. Korzybski, 1933; vgl. Bourland & Johnson, 1991; vgl. Hayakawa, 1990). Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. In der früheren Physik (19. Jahrhundert und Anfang 20. Jahrhundert) wurde lange Zeit diskutiert (gestritten) ob ein Foton ein Teilchen oder eine Welle ist. Heutzutage nehmen Physiker einen Welle-Teilchen-Dualismus an. Von den verschiedenen Lagern wurde also behauptet, das Foton ist ein Teilchen bzw. das Foton ist eine Welle. Wenn diese Behauptungen ohne „ist“ in eine non-aristotelische Schreibweise (im amerikanischen Raum auch E-Prime genannt) gebracht werden, würden die Kontradiktionen wegfallen und es gäbe keinen Grund, weiter darüber zu diskutieren, welche Theorie die einzig richtige darstellt. In einer non-aristotelischen Schreibweise ließe sich der Sachverhalt so ausdrücken, dass sich das Foton unter bestimmten Messungen, die von der jeweiligen Messapparatur abhängen, für einen Beobachter wie eine Welle verhält, während das Foton einem Beobachter als Teilchen erscheint, wenn es mit anderen Messvorrichtungen untersucht wird. Die Oberflächenstruktur der Sätze nimmt dadurch an Komplexität und Unübersichtlichkeit zu, aber der Allgemeinheitsanspruch einer Interpretation innerhalb der objektiven Hermeneutik würde abgeschwächt, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, dass Individuen durch normative Strukturen in jeder Gesellschaft gelenkt werden (Role-Taking). Dies würde auch einem abduktiven Schließen eher entsprechen (siehe 4.1).

Oevermann versucht, vor der Analyse eines Protokolls, Hypothesen über eine mögliche Fallstruktur zu generieren. Dabei werden Kriterien der Plausibilität, persönlicher Eindruck, wissenschaftliche Erkenntnisse usw. herangezogen (Reichertz, 1994). Er bezieht sich z. B. darauf, dass die befragte Person „glaubhaft versichern konnte“ (Oevermann, 1980, S. 38) oder eine mögliche Interpretation erscheint ihm „als recht unplausibel“ (ebd., S. 39.). An anderer Stelle unterschiebt er den handelnden Individuen psychoanalytische Argumente: „ Der Vater versagt als ödipale Figur und frustriert damit die ödipalen Triebwünsche der Tochter“ (Oevermann et al., 1976, S. 380). Diese Vorgehensweise ist subjektiv selegierend, wobei sich Oevermann an seinen wissenschaftlich-sozialisierten Präferenzsystemen orientiert und damit seine individuelle, notwendig selektive Wirklichkeitskonstruktion den Akteuren unterschiebt und auf Grund seines wissenschaftlichen Verständnisses und seiner Autoritätsmacht zu dem Schluss gelangt, objektive latente Daten unabhängig von seiner soziologischen Zugangsweise zur Wirklichkeit zu entdecken. Diese sollen dann für die jeweiligen Akteure (die keine soziologischen, psychologischen usw. Wirklichkeitserfindungen beanspruchen können), auf Grund allgemeiner normativ-objektiver Strukturen gelten. Reichertz (1994, S.137) schreibt: „Hochkomplexes Handeln wird entlang eines soziologisch relevanten Begriffsgitters quantifizierbarer Daten willkürlich auf Gesetzmäßigkeiten reduziert, um dann späteres Handeln zu prognostizieren“.

Dabei konzentriert sich die objektive Hermeneutik auf den inneren Kontext der jeweiligen Protokolle, versucht situative Einflüsse willkürlich irgendwie plausibel erscheinen zu lassen und vernachlässigt motivationale und emotionale Merkmale. Hier liegt der objektiven Hermeneutik der Mythos (im sozial konstruktivistischen Sinne) des Homo Sociologicus zu Grunde. Schimank (1998) weist darauf hin, dass das normative Paradigma alleine nicht in der Lage ist, sämtliche Akteurshandlungen zu erklären. Schon Simmel (1992) betont, dass ein Individuum nie ganz im Vergesellschaftungsprozess aufgeht. Ein Teil seiner Einmaligkeit bleibt immer außerhalb der Gesellschaft. Dies stellt für Simmel einen qualitativen Individualismus dar, der nicht durch die Gesellschaft bestimmt wird11. Damit ist jedes Individuum sowohl Produkt als auch Produzent seiner sozialen Umgebung.

Ein weiterer Kritikpunkt setzt an dem Begriff der Serie in der objektiven Hermeneutik an, der einen kontinuierlichen Handlungsfluss unterstellt, indem ein Kommunikationskontinuum einem Bedeutungskontinuum entspricht (Bude, 1994). Hier stellt sich die Frage, ob ein kontinuierlicher Handlungsfluss tatsächlich existiert oder ob vielmehr Kommunikation und Bedeutungen im alltäglichen Handeln auch aussetzen können. Wenn der Kommunikationsfluss unterbrochen wird, könnte dadurch auch der Bedeutungsfluss immer wieder unterbrochen werden (vgl. Bude, 1994).

5. Vergleich zwischen narrativen Interview und objektiver Hermeneutik

In der Praxis werden narratives Interview und objektive Hermeneutik häufig miteinander verbunden, da sie beide versuchen „ [...] biographische Prozeßabläufe (narratives Interview) bzw. objektive Bedeutungen (objektive Hermeneutik) zunächst getrennt von den Selbstdarstellungen der InformantInnen zu untersuchen“ (Brüsemeister, 1999, S. 97).

Die Datenbasis ist bei beiden Methoden gleich. Sie bezieht sich (nur) auf Interviews.

Neben dieser Gemeinsamkeit zeigen die beiden Methoden aber auch Unterschiede auf.

Schütze sieht im Gegensatz zu Oevermann die Möglichkeit des Fremdverstehens nur über die Kommunikation mit dem Forschungssubjekt gegeben. Dabei muss sich der Forscher den Regeln der alltagsweltlichen Kommunikation anpassen, um überhaupt Zugang zum Denken der Individuen zu finden.

Für Schütze ist der Objektbereich der Sozialforschung das Wissen der Gesellschaftsmitglieder. Dieses Wissen ist für ihn nur über Kommunikation erfahrbar. Dieser Ansatz unterscheidet sich von der objektiven Hermeneutik vor allem dadurch, dass sozialstrukturelle Elemente der Realität nicht ausgeklammert werden.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass im narrativen Interview Handlungsmuster und Deutungsmuster miteinander verglichen werden, während in der objektiven Hermeneutik allgemeine Strukturmerkmale mit beobachteten Strukturmerkmalen verglichen werden (Brüsemeister, 1999, S. 95). D.h. im narrativen Interview werden biografische Entscheidungen untersucht, während in der objektiven Hermeneutik Routinen und Tiefenstrukturen untersucht werden.

Ein oft erwähnter Unterschied ist, dass das narrative Interview eher beschreibenden Gehalt aufweist, während die objektive Hermeneutik einen starken Theoriegehalt aufweist (vgl. Brüsemeister, 1999).

6. Literaturverzeichnis

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[...]


1 Durch folgende Zugzwänge soll der Erzähler gezwungenermaßen mehr Information von sich geben als er beabsichtigt hatte: Der Gestaltschließungszwang übt auf den Erzähler einen Druck aus, die Erzählung zu einem Ende zu bringen und alle Teilereignisse, die für den Zusammenhang von Bedeutung sind darzustellen. Der Erzähler sieht sich veranlasst, den Höhepunkt seiner Erzählung herauszuarbeiten (Kondensierungszwang). Zur Verdeutlichung seines Höhepunkts gibt er Ereignisse detailliert wieder und ordnet sie in der Reihenfolge an, wie er denkt, sie erlebt zu haben (Detaillierungszwang).

2 Dabei kommt ihm allerdings etwas zu gute: Es gibt in der Linguistik Untersuchungen, die zeigen, dass Erzählungen in der Alltagskonversation eine feste Struktur, einen immer ähnlichen Aufbau, eine universelle Grammatik besitzen. Im wesentlichen besteht danach eine Erzählung aus sechs Teilen:

1. Abstrakt als einführender Überblicksteil,
2. Orientierung als Schilderung, worum es geht;
3. Komplikation;
4. Evaluation als Einschätzung des Geschehens;
5. Auflösung;
6. Koda als Schlussbetrachtung.

Diesen Erzählaufbau versucht der Interviewer also zu unterstützen, wenn der Interviewpartner von der Geschichte abweicht. Dieser Aufbau ist aber dann auch die Grundlage für einen Vergleich mehrerer Erzählungen, für die Auswertung und schließlich Verallgemeinerung der Ergebnisse. Eine Strukturierung des Gesprächs wird hier nicht vom Interviewer vorgenommen, sie liegt in der Sprachform „Erzählung“ selbst, auf die man sich im narrativen Interview festlegt.

3 Die Theorie der Quellenverwechslung (source monitoring hypothesis) stammt aus dem Forschungsbereich zum Falschinformationseffekt (nachträglich irreführende Information). Dieser Erklärungsversuch ist aus der Theorie der Wirklichkeitsüberwachung (reality monitoring) entstanden (vgl. Johnson & Raye, 1981). In den Untersuchungen zur Wirklichkeitsüberwachung zeigten sich Unterschiede zwischen den Berichten wirklich erlebter Ereignisse und vorgestellter Ereignisse, die dem narrativen Interviewer Kriterien aufzeigen können. Reale Beobachtungen weisen mehr sensorische Details auf, besitzen weniger Hinweise über kognitive Prozesse und weniger sprachliche Verzögerungen als vorgestellte Ereignisse.

4 Es handelt sich um eine Lehre zur Interpretation von Kommunikationsinhalten, insbesondere von Texten. Es geht um das Aufdecken der von einem Verfasser gemeinten Bedeutung eines Zeichens (oder auch ganzer Texte). Normalerweise ist dies die Aufgabe von Sprachwissenschaftlern. Beispielsweise wird ein Gedicht interpretiert und sein Sinn hinterfragt.

5 Mittlerweile gibt es bereits 5 verschiedene Varianten in der Forschungspraxis der objektiven Hermeneutik. Gerechtfertigt wird diese Variantenvielfalt durch die Bezeichnung eine „Kunstlehre“ zu sein. Ihr Ziel ist es etwas Neues zu entdecken und nicht bereits bekanntes zu verallgemeinern.

- Die summarische Interpretation
- Die Feinanalyse
- Die Sequenzanalyse
- Die Interpretation der objektiven Sozialdaten aller an der Interaktion beteiligten
- Veranschaulichung der Interpretationsergebnisse in Form einer Glosse

(Nachzulesen in Hitzket & Honer, 1997)

6 Anfangs bemühte sich das Verfahren ausschließlich um die Struktur sozialisatorischer Interaktionen mittels Textanalyse. Zwischenzeitlich, seit etwa 1980 reklamiert die Kunstlehre der objektiven Hermeneutik die grundlegende Massoperation jeglicher sozialwissenschaftlicher Forschung zu sein. Somit werden prinzipiell alle Texte, auch Bereiche wie die Malerei, Musik, Architektur u.ä., als Texte verstanden.

7 Objektive Daten bilden den Zustand eines Familiensystems zu einem gegebenen Zeitpunkt ab. Sie setzen sich zusammen aus Variablen wie Alter, äußere Wohnverhältnisse, Beruf der Erwachsenen, Ausbildung, Einkommen und Vermögenslage der Familie. Eine zweite Sorte objektiver Daten sind die Angaben über die Sozialgeschichte einer untersuchten Familie um zu klären, wie es zu einem bestimmten Familiensystem kam: Familienplanung, Einkommensentwicklung, Zeitpunkt der Heirat. Die Angaben werden entweder erfragt oder aus dem zu analysierenden Text genommen.

8 In aller Konsequenz angewandt schildert Oevermann (1979, S. 393), braucht man für die Analyse von einer Seite Protokoll eine Gruppe von 5 Interpreten, die mindestens 30 Stunden lang am Protokoll arbeiten und eine 50 seitige Interpretation produzieren. Es ist also einiges an Ressourcen notwendig, um mehrere Fälle bearbeiten zu können. Das Anwendungsgebiet der objektiven Hermeneutik lässt sich weiterhin vor allem dadurch charakterisieren, dass es ihr weniger um subjektive Bedeutungen als um die dahinterliegenden allgemeinen Strukturen geht. Sie empfiehlt sich also eher für Fragestellungen, bei denen solche Strukturen von Interesse sind. Hier tritt jedoch eine neue Problematik in den Vordergrund, da eine extensive Analyse sehr zeitaufwendig und mithin teuer ist, dass sich nicht jeder einen solchen Aufwand leisten kann.

9 Dies bedeutet, dass der Interpret sein allgemeines Kontextwissen auch auf einem aktuellen Stand halten muss, d.h. außer dem untersuchten Handlungstext sind stets weitere Texte zu lesen um auf dem laufenden zu bleiben, was zu einem bestimmten Zeitpunkt als „normal“ gilt oder galt. Was machte ein “normaler“ Bürger in seinem tun und lassen aus wenn man „normale“ Biografien untersucht? Welches Verhalten gilt als normal und welches als unnormal? Universelle handlungssteuernde Regeln, wie Gramatikalität, Logizität oder auch Vernünftigkeit, sind dagegen von den o.g. historisch spezifischen, also geltenden Normen, zu unterscheiden. Da der handelnde Mensch über diese Regelkenntnisse verfügt, kann der Interpret sie unproblematisch bei der Interpretation von Handlungstexten als Kriterium der „Normalität“ in Anspruch nehmen.

10 Objektive Hermeneutiker betonen, dass sie keine Aussagen über innerpsychische Beweggründe treffen. Dies wird aber oft nicht eingehalten (bewusst oder ohne konkrete Absicht).

11 Dies ist bei Simmel das zweite soziologische Apriori. Das erste Apriori besagt, dass wir andere Individuen im Alltag über allgemeinmenschliche Klassifizierungen erkennen können. Das dritte Apriori besagt, dass jedes Individuum glaubt, dass eine Gesellschaft eine bestimmte Ordnung, unabhängig von den darin handelnden Individuen besitzt und in dieser Ordnung für sie eine bestimmte Stelle bereit steht. Diese drei Aprioris ermöglichen erst das Bestehen einer Gesellschaft.

26 von 26 Seiten

Details

Titel
Die theoretischen Grundlagen der objektiven Hermeneutik und des narrativen Interviews
Note
bestanden
Autoren
Jahr
2000
Seiten
26
Katalognummer
V97175
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Betreuers: (Dr. Thomas Brüsemeister): Eine solide und kritische Behandlung des Themas, auch wenn man nicht in allen Einzelheiten zustimmen kann.
Schlagworte
Grundlagen, Hermeneutik, Interviews
Arbeit zitieren
Marcel Baumgärtler (Autor)Marcel Baumgärtler (Autor), 2000, Die theoretischen Grundlagen der objektiven Hermeneutik und des narrativen Interviews, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97175

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