Empirische Evaluation des Wahlverhaltens von Jugendlichen


Seminararbeit, 2000

11 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen und Hypothesen
2.1. Sozialisationstheorie
2.2. Die Haupttheorien der Wahlforschung
2.2.1. Langzeiteinflüsse (soziolog.- / sozialpsych. Ansatz)
2.2.2. Kurzzeiteinflüsse (ökonomischer Ansatz)

3. Empirisches Vorgehen und Methoden

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturliste

1. Einleitung

„Politik? Ein schmutziges Geschäft. Was gehen mich diese blöden Wahlen an? Es ändert sich ja doch nichts. Niemand nimmt uns Jugendliche ernst.“ So oder ähnlich denken vermutlich viele Jungwähler. Sie sind schlecht gewappnet für die kommenden Auseinandersetzungen zwischen den Generationen. In zahlreichen Jugendstudien wird die Mehrheit der unter 25- Jährigen als freundlich und informiert, aber wenig engagiert beschrieben. Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann bescheinigte ihnen vor einiger Zeit, sie könnten keine Konflikte, keine Spannungen aushalten, neigten dann zu aggressivem Verhalten (vgl. Stork 1995: 39). Am Par- teienstaat und damit an der Demokratie scheinen sie kaum interessiert zu sein. Das zeigen die dramatisch niedrige Wahlbeteiligung der Jungen. Sie protestieren nicht einmal gegen die lang- weiligen und inhaltsleeren Politikinszenierungen, sie entziehen sich - und gelten deshalb als zu vernachlässigende Grösse, wenn es um politische Entscheidungen geht. Die Macher in der Politik, immer nach dem nächsten Wahltermin schielend, bedienen jene Gruppen, die zahlen- mässig stark und berechenbar im Wahlverhalten sind und massiv für ihre Interessen kämpfen. Das sind vor allem die Älteren, für die - anders als für die Jungen - Wahlrecht noch Wahl- pflicht ist, die ein politischer und wirtschaftlicher Machtfaktor sind. Es ist ein geschlossenes System unter Ausschluss der jungen Familien, der Jung- und Erstwähler, denn die politische Klasse und ihre Klientel jenseits der Vierzig oder gar Fünfzig stehen sich nicht nur altersmäs- sig nahe. Wer selbst aufs Rentenalter zugeht - wie die Mehrheit der Politiker -, wird sich eben mehr um Besitzstandswahrung bei den Renten, um Altersvorsorge und gesundheitliche Run- dumversorgung kümmern, als um Kinderbetreuung, Schulreformen und ökologische Proble- me.

Ich möchte nun - anhand der Fragestellung Wieso ist das politische Engagement bei Jugendlichen, die am Anfang ihres Lebens stehen und die politische Landschaft mitgestalten könnten, so erschütternd tief? - die momentane politische Situation zu evaluieren versuchen. Ich denke, dass zuerst ausführliche Ergebnisse, die eine Wahlenthaltung erklären, vorhanden sein müssen, um Massnahmen zur Verbesserung der Wahlbeteiligung zu finden. Meiner Meinung nach ist es unerlässlich, eine umfassende Anzahl von Qualitativstudien auszuwerten, um gesamtschweizerische Trends und Verhaltensweisen der Jugendlichen zu erhalten.

2. Theoretischer Rahmen und Hypothesen

2.1. Sozialisationstheorie

Hurrelmann definiert Sozialisation als „Prozess der Entstehung und Entwicklung der mensch- lichen Persönlichkeit in Abhängigkeit von und in Auseinandersetzung mit den sozialen und den dinglich-materiellen Lebensbedingungen (...)“ (Hurrelmann 1995: 14). Hurrelmann präzi- siert, indem er die Persönlichkeitsentwicklung als Definitionsbestandteil der Sozialisation be- zeichnet und die Erziehung der Sozialisation begriffslogisch unterordnet (vgl. Hurrelmann 1995: 14f.). Politische Sozialisation, als Teilaspekt der Sozialisation, wird von Hopf/Hopf wie folgt charakterisiert: „Entwicklungsprozess, in dem Kinder, Jugendliche und Erwachsene poli- tische Orientierung, Normen und Handlungsweisen in der Interaktion mit ihrer Umwelt erwer- ben“ (Hopf/Hopf 1997: 7). Noch ausführlicher - und vor allem interessant für diese Arbeit - definiert Heitmeyer die politische Sozialisation speziell von Jugendlichen als „die Entwicklung der denkenden und handelnden Persönlichkeit, die als einzelne und/oder in Gruppen die je eigene Position bzw. Umgangsweise mit Macht/Herr- schaft, Interesse und Öffentlichkeit (...) im Hinblick auf Ausübung, Kontrolle, Funktionalisierung und Missbrauch ausformt.“ (zitiert nach Stork 1995: 38).

Hopf/Hopf vergleichen politische Sozialisation mit politischem Lernen. Sie unterscheiden jedoch zwischen manifestem und latentem Lernen. Alle Diskussionen und Definitionen zur Sozialisaton haben etwas gemeinsam (Hopf/Hopf 1997, Hurrelmann 1995, Stork 1995): Sie implizieren oder enthalten, dass sich die (politische) Sozialisation in Auseinandersetzung mit der Umwelt entwickelt. Dies verlangt zwangsweise ein Vorhandensein von unterschiedlichen Sozialisationsinstanzen, die unterschiedlich in ihrer Ausprägung, Intensität und Länge ihrer Aktivität auf die Jugendlichen wirken. Die wichtigsten Sozialisationsinstanzen sind meiner Meinung nach die Eltern, Freunde und die Schule bzw. der Beruf.

Denn gerade in der Zeit zwischen dem 17. und 25. Lebensjahr, die als „impressive Phase“ be- zeichnet wird, erwacht im Jugendlichen der Staatsbürger, indem politische Vorgänge erstmals erfahren werden (Metje 1994: 34). Neben der Familie, den Freunden und der Schule/des Be- rufs, sind als Sozialisationsinstanzen auch die Medien, die Bekannten/Nachbarn, die Wohnge- gend, die Kirche, die Kultur und andere soziale Verbände (Sportclubs, Jugendverbände, Mu- sikvereine, usw.) zu nennen.

In Anlehnung an Hopf/Hopf (1997) ist die Erklärung der Sozialisation mit Hilfe der theoreti- schen Ansätze der Lern- und der Entwicklungstheorie sehr aufschlussreich. „Immer wenn es ausschliesslich um den Inhaltsaspekt von Einstellungen geht (...), hat die klassische Lerntheo- rie ihren Sinn.“ Jedoch gibt es auch Situationen, in denen der Strukturaspekt im Vordergrund steht. „Das Erlernen solcher Strukturen der Argumentation kann im klassischen Lernmodell nicht abgebildet werden. Vielmehr ist dafür die kognitivistisch-interaktionistische TheorieTradition vorbildlich, die mit dem Namen des Entwicklungspsychologen Jean Piaget und seiner Schule verbunden ist.“ (Hopf/Hopf 1995: 20).

Die Sozialisationstheorie habe ich auf die obengenannte Fragestellung angewendet, weil meiner Ansicht nach, die durch die Interaktion mit den erwähnten Sozialisationsinstanzen erfolgte Sozialisation, ein wichtiges Fundament bildet, das das weitere politische Handeln - vor allem auch das Wahlverhalten - mitbestimmt.

Folgende Hypothese ist in diesem Zusammenhang entstanden (Hypothese I):

- Die Prägung des Elternhauses hat einen direkten Einfluss auf das Wahlverhalten

2.2. Die Haupttheorien der Wahlforschung

2.2.1. Langzeiteinflüsse (soziologischer Ansatz / sozialpsychologischer Ansatz)

Der Ausgangspunkt der modernen Wahlforschung markieren die aus Anlass der amerikani- schen Präsidentschaftswahlen der 40er und 50er Jahre erstellten Analysen der Forscher um Paul F. Lazarsfeld (Columbia University) und Angus Campbell (University of Michigan, Ann Arbor). Trotz aller Unterschiede der jeweiligen Forschung ermittelten beide Arbeitsgruppen übereinstimmend einen hohen Anteil von Wählern mit längerfristig konstanten Parteiloyalitä- ten, deren politische Priorität bereits frühzeitig vor den Wahlen feststand (Schloeth 1998: 1ff.).

Das mikrosoziologische Erklärungsmodell von Lazarsfeld und seinem Team betont den wahl- relevanten Einfluss des sozialen Umfelds. In seiner Untersuchung des Meinungsbildungspro- zesses zur amerikanischen Präsidentschaftswahl 1940 in Erie County, Ohio, wies Lazarsfeld nach, dass die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen mit politischen Verhaltensnormen die indi- viduelle Wahlentscheidung in weitaus stärkerem Masse prägt, als etwa die Massenmedien oder die Wahlpropaganda der Parteien. Der aus verschiedenen Variablen gebildete Index der politi- schen Prädisposition demonstriert, wie sich verschiedene Gruppenzugehörigkeiten in ihrer politischen Wirkung gegenseitig verstärken können. Andererseits bewirken in ihrer politischen Ausrichtung entgegengesetzte Gruppenzugehörigkeiten beim Wähler einen Loyalitätskonflikt, der zunächst sinkendes Interesse an der Wahlentscheidung nach sich zieht. Ein in dieser „cross-pressure“-Situation stehender Wähler muss vor einer Wahlentscheidung zuerst die Rangfolge seiner für politisches Verhalten relevanten Gruppenmitgliedschaft klären (Schloeth 1998: 1ff.).

Die bis heute vorherrschende Kritik an den klassischen mikrosoziologischen Wahlstudien führte in den 60er Jahren zu einem makrosoziologischen Ansatz (Lipset/Rokkan). Dieser Ansatz macht die individuelle Entscheidung für eine Partei „von der gesellschaftlichen Konfliktund Sozialstruktur und den Institutionen eines politischen Systems (abhängig)“ (Schloeth 1998: 14). Die gesellschaftlichen Konfliktlinien und die jeweils relevanten Träger lassen sich mit dem sogenannten Cleavage-Modell erklären. Demnach verlief der westeuropäische Demokratisierungsprozess idealtypisch entlang vier grundlegender Konflikte: Zentrum vs. Peripherie im Prozess der Staatengründung, Kirche vs. Staat um die politische Macht und kultureller Hegemonie, städtisch-handwerkliche vs. ländlich-agrarische Interessen zur Zeit der einsetzenden Industrialisierung, sowie Kapital vs. Arbeit (Schloeth 1998: 14ff.).

Das sozialpsychologische Erklärungsmodell von Angus Campbell und seinen Mitarbeitern fokussiert den individuellen Entscheidungsprozess aus einer anderen Perspektive. Anlässlich der amerikanischen Präsidentschaftswahlen der 50er Jahre entwickelt Campbell letztlich einen Ansatz, dessen Ausgangspunkt und Basis eine persönliche, langfristig stabile und emotionale Beziehung zu einer Partei darstellt. Eine Parteiidentifikation bildet sich im politischen System über Generationszyklen heraus. Diese das politische Verhalten langfristig beeinflussende Par- teiidenifikation wird ergänzt durch zwei Kurzzeitfaktoren, die Bewertung der zur Wahl ste- henden Kandidaten, sowie die Relevanz politisch aktueller Themen. Bei einem möglichen Konflikt zwischen Lang- und Kurzzeitfaktoren kann der Wähler durchaus eine Wahlentschei- dung entgegen seiner grundlegenden Parteiorientierung treffen. Verlieren diese intervenieren- den Kurzzeiteinflüsse aber wieder an Bedeutung, kehrt der Wähler im allgemeinen zu derjeni- gen Partei zurück, der er sich affektiv verbunden fühlt (Schloeth 1998: 26ff.).

Beide Theorien verankern also die Wahlentscheidung im jeweiligen Kontext und seiner ge- schichtlichen Entwicklung im soziologischen Ansatz beschrieben durch Gruppenmitglied- schaften, im sozialpsychologischen Ansatz festgemacht an der Parteiidentifikation. Es ist durchaus möglich, dass in den zur amerikanischen Situation völlig anders ausgeprägten politi- schen und sozialen Systemen Westeuropas, insbesondere in der Schweiz, in vielen Fällen die Parteiidentifikation eine Funktion als Ausdruck von Loyalität zu einer Bezugsgruppe über- nimmt. Während dann also vor allem der makrosoziologische Ansatz die Herausbildung wahl- relevanter Gruppen mit Hilfe gesellschaftlicher Konfliktmuster erklärt, veranschaulicht das Konzept der Parteiidentifikation deren langandauernde, weil durch individuelle Bindungen begründete Relevanz (vgl. Schloeth 1998: 26ff./ 74ff.). Ich denke, dass sich eine solche Identi- fikation in der heutigen Politiklandschaft bei den Jugendlichen eher selten entwickelt und dies möglicherweise einer der Gründe ist, warum sich die Jungwähler nicht für eine Teilnahme ent- scheiden.

Aufgrund dieser Überlegungen hat sich folgende Hypothese herauskristallisiert (Hypothese II):

- Wenn die Politiker als unglaubwürdig angesehen werden, dann ist die Teilnahme an den Wahlen tief

2.2.2. Kurzzeiteinflüsse (ökonomischer Ansatz)

Die dritte grosse Theorie des Wahlverhaltens ist - neben der sozialen und der sozialpsycholo- gischen - die ökonomische Theorie. Meist wird sie auch unter dem Begriff der Rational- Choice zusammengefasst. Als allgemeiner Bezugspunkt des Modells des rationalen Wählers gilt Anthony Downs Studie „An Economic Theory of Democracy“ aus dem Jahre 1957. Dem- nach fungieren Parteien mit ihren Parteiprogrammen als Anbieter auf dem politischen Markt. Der Wähler als rationaler Käufer orientiert sich in seiner Entscheidung an den maximal für ihn zu erzielenden politischen Nutzen. Für den Bereich der Wahlforschung ist diese ökonomische formale Rationalitätsvorstellung jedoch lediglich theoretischer Natur, orientiert an einem Zustand vollständiger und kostenloser Information. So muss die zur rationalen Entscheidung benötigte Information in der Realität unter mehr oder weniger grossen Kosten (Informations- und Opportunitätskosten) beschafft werden. Es ist im Rahmen der ökonomischen Theorie des Wahlverhaltens trotz aller Strategien der Kostenreduzierung nicht plausibel zu erklären, warum rational handelnde Menschen überhaupt an einer Wahl teilnehmen (Paradox of Voting). Die Kosten ihrer Beteiligung sind eher höher als ihr Nutzen, die Bedeutung ihrer Stimme (Schloeth 1998: 76ff.).

Einen interessanten Weg, das Entscheidungskalkül der Individuen über die Teilnahme an der Wahl darzustellen, wählen Riker/Ordershook mit folgender Formel (nach Turner 1998: 47f.): R = PB + D - C

(R: individueller Gesamtnutzen aus der Wahl; B: der erwartete Nutzen P: subjektive Wahrscheinlichkeit, dass B zutrifft; C: subjektiv perzipierte Kosten der Beteiligung; D: individueller Nutzen der Beteiligung)

Auch der ökonomische Ansatz zielt nicht in erster Linie auf die Analyse des individuellen Wählerverhaltens. Das Bestreben des Rational Choice-Ansatzes besteht vorwiegend darin, politisches Verhalten als Anpassung an politische Bedingungen zu erklären und vorherzusa- gen.

Die drei Paradoxa des Wählens (First Paradox of Voting, Second Paradox of Voting und Pa- radox der optimalen Informationsbeschaffung) sind meiner Meinung nach ebenfalls mögliche Erklärungsversuche, die die tiefe Wahlbeteiligung betreffen. Ich denke, dass ein Neu- oder Jungwähler sich auch diesbezüglich Gedanken macht. Natürlich können neben diesen Fakto- ren auch noch zahlreiche andere genannt werden (z.B. frühes Aufstehen, um wählen zu ge- hen; Wahllokal ist weit von zu Hause entfernt; briefliche Abstimmung verlangt spezielle Cou- verts und Briefmarken; etc.). Aufbauend auf diesen Überlegungen ist schliesslich die letzte Hypothese entstanden (Hypothese III):

- Je zahlreicher die Gründe für eine Nichtteilnahme an den Wahlen, desto wahrscheinli- cher wird eine Wahlenthaltung

3. Empirisches Vorgehen und Methoden

In einer standardisierten mündlichen Befragung könnten die drei Hypothesen überprüft werden. Die Grundgesamtheit wären alle Jugendliche im Alter von 18 bis 25 Jahren, die in der Schweiz wahlberechtigt sind. Man sollte nun eine repräsentative Stichprobe der Grundgesamtheit bilden. Diese Auserwählten (Stichprobe) könnte man z.B. am Tag nach einer zufällig gewählten Wahl mit Fragen bezüglich des Wahlverhaltens konfrontieren, um die bereits erwähnten Hypothesen zu überprüfen. Um zu klären, ob diese Hypothesen empirisch überprüfbar sind, braucht es jedoch eine detailliertere Beschreibung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zu Hypothese I:

Vermutlich wird es schwierig werden, die unabhängige Variable (Prägung des Elternhauses) zu messen. In einer mündlichen Befragung kann ein Prozess, der sich meistens über Jahre hinweg zieht, nicht so einfach erfasst werden. Zudem kommt noch dazu, dass die einzelnen Ergebnisse miteinander verglichen werden müssen, um allgemeingültige Erklärungen zu fin- den. Ein möglicher Ansatz wäre hierzu ein Vergleich des Wahlverhaltens vom Jungwähler und dessen Eltern. Hat man das Problem des Messens der Elternprägung gelöst, so könnte man diese Prägung mit dem Wahlverhalten des Jugendlichen vergleichen. Besteht nach der Analy- se der Resultate kein Zusammenhang zwischen der abhängigen und der unabhängigen Variab- le, so gilt die Hypothese als falsifiziert.

Zu Hypothese II:

Die unabhängige Variable (Unglaubwürdigkeit der Politiker) könnte in einer Skala (z.B. sehr unglaubwürdig, eher unglaubwürdig, teils/teils, eher glaubwürdig, sehr glaubwürdig) erfasst und so mit dem Wahlverhalten verglichen werden. Die abhängige Variable (Wahlverhalten) kann nur zwei Ausprägungen (nimmt an der Wahl teil / nimmt an der Wahl nicht teil) erhalten, während die abhängige Variable von Hypothese I mehrere Ausprägungen annehmen kann. Um diese Thematik detaillierter beschreiben zu können, wäre es möglich, neben der Unglaub- würdigkeit Faktoren wie Identifikation, Vertrauen und Anonymität miteinzubeziehen.

Zu Hypothese III:

Um hier die unabhängige Variable (Gründe für die Nichtteilnahme) zu messen, kann man die unterschiedlichen Gründe addieren und erhält schliesslich eine Zahl (z.B. fünf Gründe). Diese Anzahl Gründe muss man schliesslich mit dem Wahlverhalten vergleichen. Wie schon bei Hypothese II, nimmt die abhängige Variable (Wahlverhalten) einen von zwei Zuständen an (nimmt an der Wahl teil / nimmt an der Wahl nicht teil). In einer ausführlicheren Weiterführung dieser dritten Hypothese könnte man die jeweilige Relevanz und Intensität der einzelnen Gründe in die Befragung integrieren.

4. Schlussbetrachtung

Es ist meiner Ansicht nach durchaus möglich, mit Hilfe einer Befragung, das Wahlverhalten zu untersuchen. Natürlich reichen dazu meine drei gewählten Hypothesen nicht aus. Aber den- noch wären aufgrund der Auswertung meiner Hypothesen - sofern diese empirisch messbar sind (Prägung des Elternhauses) - vielleicht einige aufschlussreiche Erklärungen zu finden. Wenn ich einmal davon ausgehen würde, dass sich alle Hypothesen bewähren, dann könnte man durchaus neben der theoretischen auch praktische Massnahmen unternehmen. Bezüglich Hypothese I möchte ich anfügen, dass - vorausgesetzt sie bewährt sich - ein Appell an die Eltern der Jungwähler unter Umständen auf ergiebige Resonanz stossen würde. Bei Hypothe- se II ist meiner Ansicht nach ebenfalls ein praktisch relevanter Aspekt vorhanden: Ist die Un- glaubwürdigkeit der Politiker hoch, so ist eine Identifikation nahezu unmöglich. Dies würde verlangen, dass Politiker an ihren Images arbeiten müssten, um so das Vertrauen der Neu- und Jungwähler zu gewinnen. Vermutlich müsste bei dieser Thematik (Unglaubwürdigkeit) auch die Medienlandschaft miteinbezogen werden, denn in der heutigen Multimediagesellschaft wird man dauernd mit Meldungen aus aller Welt konfrontiert. Und diese Meldungen enthalten unter anderem Neuigkeiten über korrupte, unfähige und teilweise machtbesessene Politiker. Ich denke nicht, dass solche Nachrichten die Partizipationsrate an Wahlen erhöhen. Hypothe- se III liefert - vorausgesetzt sie kann nicht falsifiziert werden - ebenfalls hilfreiche Ansätze, die zu Massnahmen anregen könnten. Ich denke da speziell an neue Partizipationsformen z.B. via Internet. Stork äussert sich diesbezüglich folgerndermassen (Stork 1995: 41): „Eine partizipati- ve ‚Revolution‘ müsste dezentrale Beteiligung von Jugendlichen an Zukunftsfragen ermögli- chen, bei gleichzeitiger politischer Absicherung einer berechenbaren Lebensplanung in der Risikogesellschaft.“ Er fordert neue politische Formen und spricht z.B. von einem Vetorecht für Jugendliche.

Die gewählten Hypothesen können also durchaus Erklärungsansätze bzw. Antworten auf meine Fragestellung - Wieso ist das politische Engagement bei Jugendlichen, die am Anfang ihres Lebens stehen und die politische Landschaft mitgestalten könnten, so erschütternd tief? - liefern. Notwendig dazu wären jedoch umfassende Studien, die die Einstellungen und das Verhalten detailliert beschreiben und damit Erklärungen und Massnahmen zum besorgniserregenden Wahlverhalten von Jugendlichen liefern.

4. Literaturliste

Hopf, Christel / Hopf, Wulf (1997): Familie, Persönlichkeit, Politik. Eine Einführung in die politische Sozialisation. Weinheim / München: Juventa Verlag.

Hurrelmann, Klaus (1995): Psychologische und soziologische Theorien der Sozialisation. In: Hurrelmann, Klaus: Einführung in die Sozialisationstheorie. Über den Zusammenhang von Sozialstruktur und Persönlichkeit. Weinheim / Basel: Beltz Verlag, S.13-51.

Metje, Matthias (1994): Wählerschaft und Sozialstruktur im Generationenwechsel: eine Gene- rationsanalyse des Wahlverhaltens bei Bundestagswahlen. Wiesbaden: Deutscher Uni- versitäts-Verlag.

Schloeth, Daniel (1998): Theoretischer Teil: Darstellung der Haupttheorien. In: Schloeth, Da- niel: Vor die Wahl gestellt. Erklärungen des Wahlverhaltens bei den Eidgenössischen Wahlen 1995. Bern: Paul Haupt, S.1-116.

Stork, Remi (1995): Jugendhilfeplanung ohne Jugend? : Chancen der Partizipation am Beispiel der Jugendarbeit. Münster: Votum Verlag.

Turner, Paul W. (1998): Wählen als rationale Entscheidung: Die Modellierung von Politikreak- tionen im Mehrparteiensystem. München: Oldenbourg Verlag.

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Empirische Evaluation des Wahlverhaltens von Jugendlichen
Hochschule
Universität Zürich
Veranstaltung
Proseminar Theorien der Innenpolitik / Vergleichenden Politik
Autor
Jahr
2000
Seiten
11
Katalognummer
V97195
Dateigröße
361 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Wahl- und Abstimmungsverhalten von Jugendlichen unter besonderer Berücksichtigung sozialisationsspezifischer Effekte: Erklärungen und Massnahmen
Schlagworte
Empirische, Evaluation, Wahlverhaltens, Jugendlichen, Proseminar, Theorien, Innenpolitik, Vergleichenden, Politik
Arbeit zitieren
Stefan Köppli (Autor), 2000, Empirische Evaluation des Wahlverhaltens von Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97195

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