Langzeiteffekte medialer Konfliktkompetenzvermittlung. Evaluationsstudie eines online-basierten Präventionsprogramms


Bachelorarbeit, 2020

57 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Zusammenfassung

1. Abstract

2. Einleitung

3. Theorie
3.1 Theoretischer Hintergrund
3.1.1 Der normative Kern sozialer Konflikte
3.1.2 Das Mediationskonzept nach Montada und Kais (2013)
3.1.3 Das Präventionsprogramm Conflict Food (Maes & Jaudas, in prep.)
3.1.4 Die Follow-Up Untersuchung
3.2 Fragestellungen
3.3 Hypothesen

4. Methodik
4.1 Untersuchungsdesign
4.2. Operationalisierung
4.2.1 UV: Conflict Food Intervention
4.2.2 Gruppe und Messwiederholungsfaktor Zeit
4.2.3 AV: IMMK-V2
4.2.4 Gütekriterien des IMKK-V2
4.2.5 Drittvariablen
4.3 Stichprobe und Erhebung
4.4 Auswertungsverfahren und Auswertungsvorbereitung

5. Ergebnisse

6. Diskussion
6.1 Inhaltliche Diskussion der Ergebnisse
6.2 Darlegung der Störvariablen
6.3 Ausblick auf weitere Forschung und alltägliche Implikationen

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Darstellungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abstract

The follow-up study of the Conflict Food Intervention (Jaudas et al., 2019) carried out raised questions about a demonstrable long-term effect of the increased conflict competence through an online intervention. Both hypotheses Hl and H2 could be confirmed by the available data. By presenting YouTube edutainment videos, Conflict Food was able to demonstrate small long-term effects in the conflict competencies, whereby the greatest effect can be found in the knowledge facet. The videos were developed using the mediation approach of Montada and Kais (2013) and also followed the edutainment and dual coding approach (Paivio, 1981). The proven effects represent a good basis for further work on the Conflict Food project. The multi­channel, multi-level approach (Maes & Jaudas, in prep.) can now be continued in other projects and will deal with both video formats, as well as new social media. The existing effects are also a good starting point for further research into the mediation process (Montada & Kais, 2013) and for the gaining popularity of mediation in the general population.

1. Zusammenfassung

Die vorliegende Studie, die als Follow-Up der Conflict Food Intervention (Jaudas et al.,2019) durchgeführt wurde, befasst sich mit der Untersuchung eines Langzeiteffektes in Bezug auf die Konfliktkompetenzsteigerung durch eine Onlineintervention. Es handelt sich bei der Messwiederholung um ein aktives Kontrollgruppendesign. Die follow-Up Untersuchung fundiert auf dem gerechtigkeitspsychologischen Mediationsansatz von Montada und Kais (2013), sowie der Dual-Coding Theorie von Paivio (1981) und dem Edutainment-Ansatz. Die Stichprobe wurde mit Hilfe des Online-Panel Consumer Fieldwork, aus den bereits existierenden Experimental- und Kontrollgruppen generiert. Insgesamt nahmen n = 280 Probanden an der Follow-Up-Untersuchung teil. Die Hypothesen Hl und H2 konnten anhand der Ergebnisse bestätigt werden. Es ergab sich ein mittlerer Effekt in der Teilkompetenz Wissen und jeweils kleine Effekte in den Teilkompetenzen Fähigkeit-Anwendung und -Szenario und Erfahrung. Zudem zeigte sich ein kleiner Effekt in der Erfahrungs-Subdimension „hypotetisches Urteil“.

Folglich konnte eine Langzeit Effekt der Steigerung der Konfliktkompetenz durch die Conflict Food Intervention (Jaudas et al., 2019) festgestellt werden.

2. Einleitung

Jeder lebt schließlich nur einen Konflikt im Leben, der sich nur immer anders vermummt und anderwo heraustritt. (RainerMariaRilke, 1921)

Dritter Weltkrieg. Iran-USA-Konflikt. - Kaum etwas dominiert die Medien im Januar 2020, wie diese Nachricht. Jedoch sind Konflikte in Mythen, Erzählungen und Niederschriften aller Kulturen beschrieben und machen sie damit so alt wie die gesamte Menschheit.

Konflikte leben aus Spannungen polarer Gegensätze. Tod und Leben, Liebe und Hass, Frieden und Krieg. Solche polaren Gegensätze lassen die Gesellschaft in ihrer Einstellung und Erwartungen auseinanderdriften. Es entstehen unvereinbare Existenzen, die unvermeidlich Einfluss auf eine Bevölkerung haben. Sie können sich identitätsstiftend Darstellen und eine Gemeinschaft zusammen halten, aber auch sprengende Feinbilder evozieren. Die Wahrscheinlichkeit normbasierter, sozialer Konflikte steigt dadurch an.

Die Konfliktforschung bietet eine Reihe an Vorschlägen, die jedoch meist an kostenpflichtige Ressourcen und Fachpersonal gebunden sind. Eine dieser Optionen stellt die Mediation dar. Es beschreibt ein Verfahren konstruktiver Konfliktbeilegung, bei dem die Konfliktparteien unter Anleitung einer vermittelnden und allparteilichen Person, freiwillig und selbstständig eine gewinnbringende Lösung, anstreben. Das Besondere der Konfliktlösung ist, dass sie für alle Konfliktparteien gewinnbringend ist (Montada & Kais, 2013). Die Mediation entspricht damit den Maximen friedenserzieherischer Praxis.

Mediation und -forschung begeistern seit den 1980er Jahren sowohl die Fachwelt als auch die Allgemeinbevölkerung. Weigel erklärt das Interesse der Gesellschaft durch das post­moderne Interesse an Individualisierung, dem Selbstverständnis und der Konnektivität der Bevölkerung (Weigel, 2017). Doch wie bereits angemerkt ist die Mediation mit hohen ökonomischen Kosten verbunden. Konfliktparteien müssen Geld und vor allem Zeit investieren, was sich im medialen Zeitalter als fast unmöglich darstellt. Die Gesellschaft benötigt deshalb eine Basiskompetenz im Umgang mit Konflikten und konstruktiver Konfliktlösung. Aufgrund dessen entwickelten Maes und Jaudas 2017 das Projekt Conflict Food (Maes & Jaudas, in prep.).

Das bereits seit 2017 existierende Projekt Conflict Food (Maes & Jaudas, in prep.) ist ein online-basiertes Präventionsprogramm zur Vermittlung mediationsspezifischer Konfliktkompetenzen. Den theoretischen Hintergrund bildet vor allem das Mediationskonzept von Montada und Kais (2013). Im Gegensatz zu anderen Mediationsmodellen liegt der Fokus auf der erfahrenen Ungerechtigkeit. Montadas und Kais normativer Gerechtigkeitsansatz und die Konzeption individueller Gerechtigkeiten ergibt sich aus dem ständigen Hinterfragen, des subjektiv wahrgenommenen und der möglichen Wahrnehmung des Gegenübers (Montada & Kais, 2013, S.108 ff.). Das speziell für Conflict Food entwickelte Messinstrument IMKK (Inventar mediationsspezifischer Konfliktkompetenz) gliedert das Konzept in vier Abschnitte. Den sozialen Konflikt, die Differenzierung eines Konfliktes in Oberflächen- und Tiefenstruktur, die Konfliktrelativierung und die Transzendierung und Erreichen einer Gewinner-Gewinner-Lösung. Anhand des positiven Effekts auf das Langzeitgedächtnis (Steffes, 2012) wurde ein niederschwelliger edukativer-Entertainment-Ansatz, mit dem Fokus auf geringer Informationsvermittlung und mitreißender Unterhaltung, gewählt.

Eine bereits durchgeführte Intervention (Jaudas et al., 2019) erbrachte die Wirksamkeit des Trainingsprogrammes und ließ die Frage von messbaren Langzeiteffekte offen.

Die Autorin beschäftigt sich in dieser Arbeit mit der Durchführung einer Messwiederholung zur Conflict Food Intervention (Jaudas et al., 2019). Dabei wird gezielt nach vorhandenen Effekten in den Teilkompetenzen Wissen, Fähigkeit und Erfahrung geforscht. Ebenso wird untersucht, ob sich eine Veränderung des Konfliktstils, hin zum hypothetischen Urteil, manifestiert hat.

Anhand der Ergebnisse aus vorangegangenen Pilotprojekten wird mit einem kleinen bis mittleren Effekt in der Facette des theoretischen Wissens und der Fähigkeit zur Anwendung gerechnet. Auch in der Erfahrungsfacette wird ein kleiner Effekt erwartet.

Wie schon in der Intervention (Jaudas et al., 2019), wird die Erhebung mit Hilfe des IMKK und dem Online-Panel Consumer Fieldwork stattfmden. Das Online-Panel konnte die Stichprobe der Intervention, anhand erfasster IDs, fast vollständig replizieren, was zu einer Stichprobe von n = 280 führte.

Zuerst wird sich die vorliegende Arbeit mit dem theoretischen Hintergrund, besonders dem sozialen Konflikt, dem Mediationskonzept nach Montada und Kais (2013) und der Conflict Food Intervention (Jaudas et al., 2019) beschäftigen. Es folgt der Hintergrund zur Entscheidung der Follow-Up Untersuchung. Anschließend folgt die Generierung der Fragestellungen und Hypothesen. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der angewandten Methodik, welche das Untersuchungsdesign, die Operationalisierung, die Stichprobe und die Auswertungsverfahren erläutert. In einem weiteren Schritt werden die Ergebnisse interferenzstatistisch und deskriptiv dargestellt. Zuletzt folgt die inhaltliche Diskussion der Ergebnisse und ein Fazit der Arbeit.

3. Theorie

3.1 Theoretischer Hintergrund

Mediation hat als außergerichtliches Verfahren der Streitbeilegung seit den 1980er Jahren vermehrt an Popularität gewonnen. Um den theoretischen Hintergrund dieser Arbeit zu vermitteln, wird zu Beginn der normative Kern sozialer Konflikte referiert und ausgearbeitet werden. Anschließend wird das Mediationskonzept nach Montada und Kais (2013) erläutert, welches das Projekt Conflict Food (Maes & Jaudas, in prep.) fundiert. Das bereits seit 2017 existierende Projekt Conflict Food (Maes & Jaudas, in prep.) wird durch vorangegangene Pilotprojekte beschrieben. Eine besondere Rolle spielt dabei die 2019 durchgeführte Conflict Food Intervention (Jaudas et al., 2019). Um die dauerhafte oder zumindest langfristige Wirkung der Conflict Food Interventionen zu überprüfen, wurde in dieser Arbeit eine Follow-Up Untersuchung durchgeführt.

3.1.1 Der normative Kern sozialer Konflikte

Konflikte setzen sich trotz sozialer Unerwünschtheit und dem Bedürfnis nach Frieden als Realität fest. Im folgenden Teil werden der Konfliktbegriff und die Substanz sozialer Konflikte erläutert.

Peter Fiedler und Thomas Haar geben Einblicke in die Psychologie des Konflikts (Fiedler & Haar, 2005). Dabei gehen sie nicht von universalen Eigenschaften der Menschheit und daraus resultierendem Fehlverhalten aus. Sie beabsichtigen die Formulierung von Gesetzmäßigkeiten, die vor allem auch die Umwelt und situative Gegebenheiten als Konfliktursache heranzieht. Konflikte sind zudem in der Lage in sehr heterogenen Gruppen ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu erzeugen, welche sich in In- und Out-group-Bildungen äußern und schließlich zu einem Konflikt führen (Pfetsch, 2005). So kann sich das Selbstwertgefühl nach einem Sieg der eigenen Gruppe steigern. Aus Sicht der klinischen Psychologie können nach Fiedler in unbewusste Konflikte, soziale Konflikte, motivationale Konflikte, Angstkonflikte, Normkonflikte und Konfliktdialektik differenziert werden (Fiedler, 2005). Allgemein wird in der Psychologie zwischen intra- und interindividuellen Konflikten unterschieden. Erlebt ein Mensch in sich widersprüchliche Bedürfnisse, Wünsche, Ziele oder Gefühle, kann dies zu Spannung innerhalb der Person führen. Es entsteht ein intrapersoneller oder innerpsychischer Konflikt. Interpersonale, beziehungsweise soziale Konflikte, bilden sich zwischen zwei oder mehreren Personen, Gruppen oder Organisationen (Schwarz, 2004).

Nach Leo Montada (2009) hat ein sozialer Konflikt viele heterogen erscheinende Ausdrucksformen. Montada nimmt an, dass Konflikte ein Resultat verletzter oder bedrohter normativer Erwartungen durch andere darstellen und sich nicht aus disparaten Ansichten, unvereinbaren Zielen oder Interessen ergeben. Ein Schuldvorwurf resultiert aus Empörung, die als Leitindikator sozialer Konflikte gesehen werden kann (Montada, 2009). Die Empörung lässt sich als Antwortformat auf alltägliche Dinge wie zum Beispiel Beschwerden bei einem Vorgesetzten, sozialer Schädigung oder einem Beziehungsabbruch verstehen.

Empörung wird in Organisationen durch Umstände wie einen Vertragsbruch oder Korruption ausgelöst. Soziale Beziehungen erwarten normativ oft Liebe, Fürsorge und Solidarität, welche nicht immer den Erwartungen des Gegenübers entsprechen. Erlebt ein Individuum dies als unfair, respektlos, illoyal, kränkend oder zusammengefasst als illegitim, sind seine normativen Erwartungen verletzt. In diesem Fall ist Empörung die emotionale Bewertung erlebter und wahrgenommener Norm- und Anspruchsverletzungen (Montada 2009). Nur unter dieser Voraussetzung ist eine Situation konfliktträchtig (Montada & Kais, 2013).

Aus den offensichtlichen Konfliktthemen lassen sich normative Erwartungen nur schwer erschließen. So kann es zum Beispiel in einem Erbschaftsstreit nicht um materielle Dinge, sondern um persönliche Glaubwürdigkeit und Anerkennung gehen. Für eine langfristige Konfliktlösung sind die individuellen normativen Ansprüche zu klären (Montada & Kais, 2013). Ebenso muss die persönliche Bedeutung von Erwartungen und Überzeugungen ergründet werden. In einem Konflikt wird dabei besonders die Verletzung oder Bedrohung eigener Anliegen und Interessen betont (Montada, 2009).

Ein Konflikt ist aber erst als solcher artikuliert und manifest, wenn die von subjektiv wahrgenommenen Norm- und Anspruchsverletzungen Betroffenen, den Tätern ihr unrechtes Tun vorwerfen und diese ihr Verhalten weder ändern noch rechtfertigende Gründe vorbringen (Montada, 2009 S. 503).

Zusammen mit der Lehr- und Organisationspsychologin Dr. Elisabeth Kais entwickelte Montada 2013 ein mehrfaktorielles Bedingungsgefüge, um den beschriebenen sozialen Konflikt zu definieren. Hierbei ist erforderlich, dass alle vier Faktoren subjektiv gegeben sind.

(i) Person A erlebt eine Norm - und Anspruchsverletzung durch Person B
(ii) Person A fühlt sich durch Person B in abträglicher Weise in ihr wichtigen Anliegen, beeinträchtigt oder bedroht.
(iii) Person A schreibt Person B die Verantwortlichkeit zu und unterstellt dieser einen Vorsatz.
(iv) Person A unterstellt Person B nicht nur, dass diese anders hätte handeln oder verfahren sollen, sondern dies auch hätte tun können. Es wird unterstellt, dass B dies zumutbar gewesen wäre und A keine rechtfertigenden Gründe für das Handeln von B sieht (vgl. Montada & Kais, 2013, S.93)

Zudem entwickelten sie ein konstruktives Konzept zur Konfliktbelegung, welches nachfolgend beschrieben wird.

3.1.2 Das Mediationskonzept nach Montada und Kais (20131

Konflikte werden wissenschaftlich interdisziplinär erfasst, definiert und konzeptionell hinterlegt. Gleichsam stehen Verfahren zur Vermeidung oder Beilegung von Konflikten im Fokus der Betrachtung. Im zwischenmenschlichen Kontext sind Konflikte unvermeidbar. Daher fokussiert sich eine Vielzahl der Kommunikationsmodelle der Konfliktpsychologie (Schulz von Thun, 1981; Watzlawick et al., 2016; Rosenberg, 2006) auf die Analyse von Botschaften sowie auf Kommunikationsformen auf unterschiedlichen Ebenen. Da stets eine nachhaltige Lösung subjektiver Ungerechtigkeitsüberzeugungen angestrebt wird, wurden in der Vergangenheit Verfahren entwickelt, die eine Mediation zwischen den Konfliktparteien ermöglichen soll (Montada & Kais, 2013).

Bierbrauer und Klinger konnten feststellen, dass mediationserfahrene Parteien einen Konflikt signifikant erfolgreicher lösen konnten und sich positiver über Mediation äußerten (Bierbrauer & Klinger, 2008). Greber stellte 2013 fest, dass nicht nur Konfliktparteien, sondern auch Prozessbevollmächtigte in einem Rechtsstreit, eine gerichtsinteme Mediation uneingeschränkt positiv bewerten (Greger, 2013). Diese Ergebnisse lassen auf die Wirksamkeit der Mediation in interpersonellen Konflikten und der Einstellung gegenüber Konflikten schließen. Die Forderung weiterer positiver Effekte der Mediation wird dadurch stetig stärker.

Durch die wachsende öffentliche Aufmerksamkeit wurde das Mediationskonzept aus der Gerechtigkeitspsychologie von Montada und Kais (2013) entwickelt. Im Gegensatz zu anderen Mediationsmodellen liegt hier der Schwerpunkt auf der subjektiv erfahrenen Ungerechtigkeit und folglich einer Norm- und Anspruchsverletzung. Montada und Kais definieren Gerechtigkeit als „subjektive Bewertung“. Gerechtigkeit im Sinne der Philosophie oder Rechtswissenschaft wird damit aus dem Fokus gedrängt. Stattdessen stehen somit die Ursachen und Folgen des Bewertungsprozesses im Mittelpunkt. Montada und Kais wenden sich damit von der traditionellen Sichtweise einer singulären Gerechtigkeit ab und zu einer Konzeption vieler unterschiedlicher, individueller Gerechtigikeiten hin (Montada & Kais, 2013).

Ein Konflikt wird durch eine erlebte Ungerechtigkeit im Sinne einer perzipierten Norm­und Anspruchsverletzung ausgelöst. Der normative Gerechtigkeitsansatz, also die einzige Gerechtigkeit nach Philosophie und Jurisprudenz, und die Konzeptionen unterschiedlicher, individuell wahrgenommener Gerechtigkeiten, ergeben sich aus dem ständigen Hinterfragen, was selbst als ungerecht empfunden wird und was der Gegenüber vermutlich wahmimmt. (Montada & Kais, 2013, S.108ff).

Wie bereits erwähnt definieren Montada und Kais (2013) den sozialen Konflikt mit Hilfe eines mehrfaktoriellen Bedingungsgefüge, welches im nachfolgenden Teil ausgeführt wird. Eine Forderung ist die Anwesenheit eines sozialen Konfliktes und die Erfüllung der vier definierenden Faktoren (vgl. Kapitel 3.1.1 Der normative Kern sozialer Konflikte).

Die zweite Bedingung an einen sozialen Konflikt nach Montada und Kais (2013) ist die Differenzierung des Konfliktes in die Oberflächen- und Tiefenstruktur. Sie erörtert den Unterschied zwischen dem offensichtlichen Konfliktthema und den motivationalen Hintergründen. Darauf folgt die Konfliktrelativierung, welche vor allem die Handlungsmotivation und Böswilligkeit des Konfliktgegners hinterfragt. Außerdem sollen die eigene Sichtweise und Konsequenzen der persönlichen Einstellung betrachtet werden. Das Konzept der konstruktiven Konfliktbeilegung von Montada und Kais (2013), sieht im letzten Schritt die Transzendierung des Konflikts und die Absicht einer Gewinner-Gewinner-Lösung. Im Fokus stehen das „bewusst machen“ der eigenen Anliegen außerhalb des eigentlichen Konfliktes sowie die Erkundung weiterer positiver Austauschmöglichkeiten zwischen den Parteien. Weiterhin sollen zurückliegende Konflikte mit einbezogen, die etwaigen Anliegen Dritter berücksichtigt und das Spektrums der möglichen Konfliktlösungen erweitert werden (Montada & Kais, 2013).

Eine Konfliktbeilegung nach Montada und Kais ist derzeit allerdings nur durch einen Mediator möglich. Alternativ kann die Kommunikation abgebrochen oder die Streitparteien getrennt werden - der Konflikt bleibt allerdings bestehen.

Es stellt sich daher die Frage nach einer Möglichkeit mediationsspezifische Konfliktkompetenz zu vermitteln. Konfliktkompetenz wird definiert als „Dispositionen, mit eigenen Konflikten auf bestimmte Art und Weise selbstorganisiert umzugehen.“ (Kreuser & Robrecht, 2011, S.20)

Durch die Absenz eines leicht zugänglichen Ansatzes zur Vermittlung mediationsspezifischer Konfliktkompetenzen entstand 2017 das Projekt Conflict Food (Maes & Jaudas, in prep.).

3.1.3 Das Präventionsprogramm Conflict Food (Maes & Jaudas, in prep.)

Conflict Food (Maes & Jaudas, in prep.) ist ein bereits seit 2017 existierendes, online- basiertes Präventionsprogramm zur Vermittlung mediationsspezifischer Konfliktkompetenzen. Anhand des Mediationskonzepts von Montada und Kais (2013) entwickelte sich ein subjektzentiertes, für heterogene Personengruppen attraktives Präventionsprogramm zur Steigerung der individuellen Konfliktkompetenz. Es soll bessere, eigenständige Konfliktbewältigung ermöglichen, die bis dato nur mit Hilfe eines Mediatoren erzielt werden kann (Jaudas et al., 2018). Die Teilnehmer sollen Konflikte ganzheitlich und ohne individuelle Bewertung analysieren und diese damit nicht nur lösen, sondern auch ihre konfliktbezogene Selbstreflexion erhöhen.

Mediationsspezifische Konfliktkompetenz besteht aus theoretischem Wissen, der Fähigkeit zur Problemlösung und der Erfahrung zur Steigerung der Konfliktkompetenz. Die Vermittlung soll für breite Bevölkerungsschichten attraktiv gestaltet werden. Dies erfolgt durch einen niederschwelligen edukativen-Entertainment (Edutainment) Ansatz und wird durch die Nutzung diverser sozialer Medien ermöglicht. Die Lerninhalte sollen auf eine Weise vermittelt werden, die sowohl Unterhaltungs- als auch Bildungselemente enthält (Buckingham & Scalon, 2000; Okan, 2012). Conflict Food basiert somit auf der Dual-Coding-Theorie (Paivio, 1981) und dem Edutainment-Ansatz.

Die Dual-Coding Theorie von Paivio nimmt an, dass eine Präsentation von Wort und Bild in Kombination einen höheren Rezenzeffekt bewirkt. Das Lemgedächtnis wird durch die verschiedenen Darstellungen auf zwei Ebenen stimuliert. Laut Mayer und Moreno führt der Dual-Coding Ansatz zu einem höheren Lernerfolg (vgl. Mayer & Moreno, 2003).

Der Edutainment-Ansatz lässt anhand des Dual-Coding Ansatzes erschließen, dass der Lernerfolg mit dem Unterhaltungsfaktor steigt. Ähnliche Ergebnisse bringt auch die lernpsychologische Unterscheidung von explizitem und implizitem Lernen (Koch, 2017). Die Wahl, den Edutainment-Ansatz in einem Videoformat anzuwenden, ergab sich aus dem positiven Effekt im Langzeitgedächtnis (Steffes, 2012).

Die Einzigartigkeit des Conflict Food Projekts (Maes & Jaudas, in prep.) und des verfolgten mediationsspezifischen Ansatzes erforderte im Verlauf der Forschung die Entwicklung eines Messinstruments. 2018 wurde das Inventar mediationsspezifischer Konfliktkompetenz (IMKK) entworfen, das sich in die drei Teilfacetten theoretisches Wissen, Fähigkeit zur angewandten Problemlösung und Erfahrung als Indiz für eine alltagsrelevante Anwendbarkeit differenziert.

Während sich die Teilfacetten Wissen und Fähigkeit durch eine einfache Abfrage und Präsentationen von Anwendungen oder Szenarien untersuchen lassen, nimmt die Erfahrungsfacette sowohl durch einen gesonderten Messzeitpunkt als auch durch ihren theoretischen Hintergrund eine gesonderte Rolle ein. Das Verhalten ist in Konflikten abhängig von vielen Einflüssen, Gefühlen, Einstellungen und Erwartungen (Kreyenberg, 2009, S.225). Aus diesen Faktoren ergeben sich die Konfliktstile, die zur Entwicklung der Erfahrungsfacette herangezogen wurden.

Das hypothetische Urteil basiert auf dem kooperativen Ideal. Dieses ist geprägt durch eine offene, kreative Haltung und der differenzierten Betrachtung von Zielen, Interessen und Bedürfnissen. Das kooperative Ideal zielt auf eine Gewinner-Gewinner-Lösung ab, die sich sowohl an eigenen Zielen als auch an den zwischenmenschlichen Beziehungen orientiert.

Der schuldzuschreibende Egoist verkörpert das assertorische Urteil. Im Mittelpunkt steht das Erlangen des eigenen Ziels um jeden Preis. Dieser Konfliktstil dient oft zur Kompensation der eigenen Angst zu verlieren (Kreyenberg, 2009, S.227).

Zuletzt wird das pragmatische Urteil, beziehungsweise der sachliche Problemloser definiert. Der Fokus des Konfliktstiles liegt auf der Bemühung, einen Kompromiss zu finden. Die Einstellung dieser Menschen ist gekennzeichnet durch Aussagen wie: „Es wird sich in der Mitte getroffen.“, „Meistens kann für alle Parteien eine akzeptable Lösung gefunden werden.“ (Kreyenberg, 2009, S.226).

Das IMKK entstand aus Recherche bereits vorhandener Messinstrumente. Es legt seinen Schwerpunkt in Anlehnung an Erpenbeck auf den Kompetenzbegriff, nach dem „Kompetenzen (...) von Wissen fundiert, durch Werte konstituiert, als Fähigkeit disponiert, durch Erfahrungen konsolidiert, aufgrund Willens realisiert.“ (Heyse & Erpenbeck, 2009, S.ll) werden. Mithin ließen sich Fähigkeiten und schlussfolgernd Kompetenzen trainieren und verändern (Erpenbeck, 2010, S.18).

Zudem unterscheidet das IMKK nach dem Ansatz von Montada und Kais den Mediationsprozess in vier Schritte: (i) Den sozialen Konflikt, (ii) die Differenzierung eines Konfliktes in Oberflächen- und Tiefenstruktur, (iii) die Konfliktrelativierung und (iv) die Transzendierung und Erreichen einer Gewinner-Gewinner-Lösung.

Das IMKK durchlief während der Testplanung und Konstruktion mehrere Phasen. Zum einen mussten verschiedener Merkmalsarten (quantitativ, qualitativ, multidimensional, Persönlichkeits- und Leistungsaspekte) bestimmt werden. Zum anderen mussten die Geltungsbereiche, Zielgruppendefmition, Testadministration, mögliche Aufgabentypen und Antwortformate entwickelt werden.

Unter Anwendung des Multi-Channel-Multi-Level-Ansatzes (Multilevel Kompetenztransfer (Maes & Jaudas, in prep.)) soll die Vermittlung auf mehreren Ebenen stattfmden. Während der ersten Phase liegt der Fokus nicht auf der Informationsvermittlung, sondern der Aufmerksamkeitserregung einer möglichst breiten Zielgruppe, über verschiedene soziale Netzwerke hinweg. Die Ebenen zwei bis vier bilden den Kernbereich des Multi- Channel-Multi-Level-Ansatzes (Maes & Jaudas, in prep.), bei dem über unterschiedliche Videoformate Konfliktkompetenz übermittelt werden soll. In den Entwicklungsabschnitten fünf und sechs liegt der Schwerpunkt auf expliziter Vermittlung mediationsspezifischer Inhalte, bei denen das Unterhaltungsniveau keine tragende Rolle spielt. Es wird hier mit hoher intrinsischer Motivation der Versuchsteilnehmer gerechnet (Maes & Jaudas, in prep.).

Um die Conflict Food Intervention im Rahmen eines empirisch-experimentellen Praktikums (EMPRA) (Jaudas et al., 2019) durchzuführen, wurden zahlreiche Prototypen getestet. Während im Trainingsprogramm NORMAN und einer explorativen Evaluationsstudie (Maes et al., 2018) jeweils positive Effekte in der Wissensvermittlung (Cohen’s d =.60) nachgewiesen werden konnten, mussten die Ergebnisse durch homogene Stichproben in Bezug auf Alter und Bildung differenziert betrachtet werden.

Die Conflict Food Intervention (Jaudas, et al., 2019) im Juni 2019 konnte nachweislich die Konfliktkompetenz bezüglich der konstruktiven Konfliktbeilegung nach Montada und Kais (2013) steigern. Die Intervention fand als randomisiertes between-subject Design mit aktiver Kontrollgruppe statt. Im Gegensatz zu den anderen Untersuchungen konnten die Ergebnisse vor allem durch die Größe (n-499) und hohe externe Validität der Stichprobe realistischer betrachtet werden. Das Online-Panel Consumer Fieldwork konnte eine breite Stichprobe gewährleisten, die auf eine parallelisierte und randomisierte Verteilung von Alter, Geschlecht und Bildung abzielte. Es fanden Messungen zu drei unterschiedlichen Zeitpunkten statt, wobei TI und T2 als Interventionszeitpunkte dienten und T3 lediglich zur Erhebung der Erfahrungsfacette diente.

Wie bereits in vorangegangen Pilotprojekten ergab sich in der Wissensfacette ein höchstsignifikanter Effekt. Die Probanden zeigten über alle Teilkompetenzen hinweg einen großen Effekt (Cohen’s d= 1.2). In der gesamten Fähigkeitsfacette ließ sich eine große Effektstärke (d=.82) nachweisen. Somit ließ sich bestätigen, dass die Teilnehmer der Experimentalbedingung, die die Erklärvideos mit Konflikten gesehen haben, eine höhere Konfliktkompetenz als die Kontrollgruppe, die diese Videos nicht gesehen haben, erreicht Die Erfahrungsfacette zeigt einen errechneten Gesamteffekt von t/ .31.

Auch die Annahme, dass die Konfliktkompetenzen Wissen, Fähigkeit und Erfahrung untereinander korrelieren, konnte bewiesen werden. Es ließ sich eine mittlere Korrelation (r =.50) zwischen den globalen Werten aus Wissens- und Fähigkeitsfacette, und eine kleine bis mittlere Korrelation zwischen Wissens- und Erfahrungsfacette (r=.21) feststellen. Ebenfalls bestand eine kleine bis mittlere Korrelation zwischen der Fähigkeits- und Erfahrungsfacette (r=.24).

Als gewichtiger Faktor in der Conflict Food Intervention (Jaudas et al., 2019) stellt sich die Korrelation aus der persönlichen Einschätzung der Videos mit den aggregierten Werten der Teilkompetenzen dar. Sie prüft die Annahme von Steffes und Duverger (2012), dass sich bei besserer Unterhaltung ein größerer Lerneffekt abzeichnet. Eine mittlere Korrelation von r =.440 konnte einen Zusammenhang nachweisen und die Wahl des Edutainment-Ansatzes rechtfertigen.

Jedoch sind systematische Langzeitevaluationsforschung (Bastine, 2002; Carnevale & De Drew, 2011), prozessuale Evaluation ( Link & Bastine, 1991) und Langzeitstudien zur Überprüfung von Wirkzusammenhängen (Bastine, 2014; Wall & Dunne, 2012) weiterhin nur lückenhaft und in wenigen Ansätzen, wie beispielsweise durch die neue Systematik zur Evaluierung sozialer Konflikte (Hauska & Jeschonek, 2017) und der Forschung über die internen Wirkzusammenhänge der Mediation (Gutenbrunner, 2017; Kaiser, Gabler & Nordern, 2017).

Somit ergab sich die Forderung einer Follow-Up-Untersuchung der Conflict Food Intervention (Jaudas etal., 2019).

3.1.4 Die Follow-Up-Untersuchung

Die Entscheidung zu einer Follow-Up Untersuchung wurde anhand des Kompetenzbegriffes von Belmont & Butterfield (1979), Reinecker (1996) und Sternberg (1983) getroffen, da hier besonders Wert auf die langfristige Verhaltensänderung gelegt wird. Hagerund Hasselhom (1997, S.51) stellen zudem fest, dass es sinnvoll ist, zwischen kurzfristig und langfristig verfügbaren Kompetenzen zu unterscheiden. Überdies müsse der Grad an notwendigem Transfer und die Generalisierbarkeit berücksichtigt werden. Besonders bedenkenswert ist der zeitliche Transfer, da Interventionen auf eine dauerhafte oder zumindest langfristige Wirkung ausgelegt sind (Moosbrugger & Schweizer, 2002, S. 26).

Grundlegend wird unter Evaluation der Prozess der Beurteilung des Wertes eines Produkts, Prozesses oder Programmes dargestellt, während in der Psychologie unter Evaluation die Überprüfung von psychologisch-therapeutischen Interventionsmaßnahmen oder anderer Wirksamkeitsprüfungen verstanden wird (Hager, Patry & Brezing, 2000, S.l). In der Wissenschaft bestehen allerdings bis zum heutigen Tag keine einheitlichen Begriffsbestimmungen oder präzisen Definitionen (Wesseler, 1999; S.737). Dennoch steht der Nachweis der Wirksamkeitjener Maßnahmen im Fokus und nicht die mögliche Erklärung für eine Wirksamkeit.

Da Evaluation nicht nur wissenschaftlich, sondern vor allem kommerziell genutzt wird, existiert eine Vielzahl potenzieller Erwartungen. Wottowa und Thierau definieren sechs mögliche Funktionen, die eine Evaluation für ihren Auftraggeber erfüllen soll: (i) Bewertung ohne detaillierte Zielsetzung, (ii) Verantwortungsdelegation, (iii) Durchsetzungshilfe, (iv) Entscheidungshilfe, (v) Optimierungsgrundlagen und (vi) Kontrolle der Zielerreichung (Wottowa& Thierau 1998, S.29)

In dieser Arbeit sind vor allem die Funktionen „Optimierungsgrundlagen “ und „Kontrolle der Zielerreichung“ genauer zu betrachten. Im Falle der Optimierungsgrundlage ist es die Aufgabe, durch systematische Analysen Ansatzpunkte für Verbesserungen von Programmen zu identifizieren und eventuelle Verbesserungsmaßnahmen aufzuzeigen. Die Kontrolle der Zielerreichung stellt einen Vergleich zwischen dem erzielten Ergebnis und dem erwarteten Zielzustand dar. Es handelt sich allerdings ausschließlich um den Vergleich von Soll- und Ist­werten, sowie der Beurteilung, Bewertung und Interpretation dieser, und nicht um die Bewertung von Entscheidungsmöglichkeiten (vgl. Wottowa & Thierau, 1998, S.30f.)

Um Evaluationen weiter zu differenzieren, wurde zunächst von Scriven (1996, 1972, 1991) die Unterscheidung formativer und summativer Evaluation eingeführt. Aufbauend entwickelten Mittag und Hager die Unterteilung in fünf verschiedene Arten: (i) Evaluation der Programmkonzeption, (ii) Formative Evaluation, (iii) Evaluation der Programmdurchführung, (iv) Evaluation der Programmwirksamkeit, (v) Evaluation der Programm Effizienz (Moosbrugger & Schweizer, 2002, S.23)

Die stattgefundene Langzeitmessung kann sich als „Evaluation der Programmwirksamkeit“ verstehen, da sie die „Steigerung von kurzfristig verfügbaren Kompetenzen, die Verbesserung von langfristigen Kompetenzen, Kontrolle des Transfers auf Alltagsbereiche, Merkmale der Programmvermittlung und Zielpersonen, Art der Wirkung des Programms, weitere potentielle Fragestellungen und Hypothesen“ (Moosbrugger & Schweizer, 2002 S.24) untersucht.

Wie bereits erwähnt, sieht sich auch Conflict Food (Maes & Jaudas, in prep.) als Trainingsprogramm zur Steigerung der Konfliktkompetenz. Es ist daher mit verzögerten Wirkungen zu rechnen, die nicht direkt nach dem Programmende beobachtet werden konnten. In Anbetracht der genannten Punkte soll nach Hager (2000, S. 183) ein Vortest-Nachtest- Follow-Up-Vergleichsgruppen-Plan den Regelfall in der Evaluationsforschung darstellen. In diesem Fall werden zu vier Messzeitpunkten, nämlich der Prä-Test, Intervention, Post­Intervention und Follow-up Daten erhoben, sowie eine Vergleichs- beziehungsweise Kontrollgruppe einbezogen (Moosbrugger & Schweizer, 2002, S.26). Die Conflict Food Intervention (Jaudas etal., 2019) maß allerdings nur zur drei Zeitpunkten - Intervention, Post­Test und Follow-Up.

Im Zuge der Auswertung der Conflict Food Intervention (Jaudas et al., 2019) ergab sich, durch die beständig positiv nachgewiesenen Effektstärken über alle vier Teilkompetenzen hinweg, die Erwartung, in einer Follow-Up Untersuchung weiterhin positive Effektstärken vorweisen zu können. Zudem soll die Follow-Up Studie untersuchen, ob und wie sich ein womöglich geänderten Konfliktstil auf die Konfliktkompetenz auswirkt. Es ergaben sich folgende Fragen.

3.2 Fragestellung

Die Fragestellungen, die nun im Rahmen der Erhebung von Interesse sind, lassen sich vor allem in der Replikation der vorangegangen Ergebnisse, besonders der Conflict Food Intervention (Jaudas et al., 2019), in den Bereichen der Wissens-, Fähigkeits- und Erfahrungsfacette und auf den Einfluss der vergangenen Zeit ohne Interventionsmaßnahmen, gliedern. Es wurde bewiesen, dass sich die mediationsspezifische Konfliktkompetenz kurzfristig verbessern lässt. Damit stellt sich aber die Frage, ob sich die Konfliktkompetenz auch langfristig mit Hilfe medialer Inhalte steigern lässt. Unter dieser Annahme werden sowohl der Dual-Coding Ansatz (Paivio, 1981), als auch der Edutainment-Ansatz (Steffes & Duverger, 2012) auf eine langfristige Veränderung der medialen Kompetenzvermittlung prüfen. Zudem stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß die verstrichene Zeit die Facetten Wissen, Fähigkeit und Erfahrung beeinflusst. Ebenso lässt sich die Annahme erwägen, dass ein, durch die Conflict Food Intervention (Jaudas et al., 2019), veränderter Konfliktstil die Konfliktkompetenz positiv beeinflusst.

Folglich wurden die Hypothesen aufgestellt.

3.3 Hypothesen

Hl: Die Teilnehmer der Experimentalbedingung (EG), die Erklärvideos zum Umgang mit Konflikten gesehen haben, zeigen eine höhere Konfliktkompetenz in den Facetten Wissen, Fähigkeit-Anwendung/ -Szenario und Erfahrung, als die Kontrollgruppe (KG), die diese Videos nicht gesehen hat, was für einen Langezeiteffekt spricht.

H2: Es besteht ein positiver Effekt in der Konfliktkompetenzfacette Erfahrung, in Bezug auf das hypothetische Urteil, der EG.

4. Methodik

4.1 Untersuchungsdesign

Um die langfristige Wirksamkeit des Trainingsprogrammes Conflict Food nachweisen zu können, wurde im Rahmen der Follow -Up Studie ein randomisiertes-kontrolliertes mixed- between-within Design mit einer aktiven Kontrollgruppe gewählt. Das Design stellt eine Kreuzung aus einer interindividuellen Manipulation, der between-subject Manipulation, und einer intraindividuellen, within-subject, Manipulation dar. Es werden dadurch die Vorteile eines typischen Experimental-Kontrollgruppen-Vergleichs und eines individuellen Vergleichs jedes Probanden, kombiniert. Die Vorteile spiegeln sich in der Möglichkeit zwischen Haupt- und Nebeneffekten zu differenzieren, geringerer Personenunterschiede und der daraus resultierenden Teststärke, wider (Bröder, 2011, S.76).

Die Versuchsplanung erfolgte anhand eines zweifaktoriellen und einem vollständig gekreuzten Plan mit Messwiederholung, wobei die Zeit nur die Messwiederholungsfaktor und keine UV darstellt. Durch die verschiedenen Versuchspläne sollen mögliche Wechselwirkungen der unabhängigen Variable in Bezug auf die abhängigen Variablen verdeutlichen lassen.

Tabelle 1: Zweifaktorieller Versuchsplan mit vierstufigem Faktor Zeit und zweistufigem Faktor

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Vollständiggekreuzter Versuchsplan mitMesswiederholungzum Zeitpunkt T4

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der zweifaktorielle Plan mit dem vierstufigen Faktor Zeit und dem zweistufigen Faktor Gruppe (vgl. Tabelle 1), liefert eine Fülle an Information über disordinale Wechselwirkungen. Es können sich idealisiert verschiedene Haupteffekte und Wechselwirkungen ergeben (Bröder, 2011, S. 80).

Im vollständig gekreuzten Versuchsplan mit Messwiederholung (vgl. Tabelle 2) ist implizit in jeden Faktor ein Personenfaktor eingenistet. Demnach kann die Person genau eingeordnet werden und taucht unter einer bestimmten Faktorstufe auf (Bröder, 2011, S.85). Im Vergleich zu nicht messwiederholten Designs, kann der Einfluss des impliziten Personenfaktors geschätzt werden und muss nicht vollständig der Fehlervarianz innerhalb der Gruppe, zugeordnet werden.

Die durchgeführte Messwiederholung fand aufBasis der vorangegangen Conflict Food Intervention (Jaudas et al., 2019) statt. Die Intervention zeichnete sich durch ein randomisiertes between-subject Design und einer Messung zu drei verschiedenen Zeitpunkten aus. Hierbei fanden alle Erhebungen durch den Online-Panel-Anbieter (Consumer Fieldwork) statt. Die Untersuchung von Jaudas et al., legte TI und T2 als Interventionszeitpunkte fest und konzipierte T3, als die Messung der Erfahrungsfacette. Um einen möglichst hohen Grad an externer Validität zu erzielen, wurde auf eine parallelisierte und randomisierte Verteilung von Geschlecht, Alter und Bildung geachtet (siehe Darstellung in der Tabelle 3).

Durch die Verwendung eines Online-Panels konnten in der Follow-Up Untersuchung die erhobene EG und KG fast vollständig repliziert werden. Nach einer fünfmonatigen Posttreatmentphase erfolgte eine Erhebung, die im Folgenden als Zeitpunkt T4 betitelt wird. Die Konfliktkompetenz bestand aus den Facetten Wissen, Fähigkeit-Anwendung und -Szenario und Erfahrung. Zu T4 wurden alle Teilkompetenzen (TK1,2,3,4) mit Hilfe des vollständigen IMKK-V2 erfasst.

Tabelle 3: DarstellungderExperimental- undKontrollgruppe über vierMesszeitpunkte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.2 Operationalisierung

Im folgenden Abschnitt werden die Messinstrumente, studienrelevanten Variablen und Konstrukte erläutert.

4.2.1 UV: ConflictFood Intervention

Die Conflict Food Intervention (Jaudas et al., 2019) bestand aus 4 Animationsvideos, die anhand des Mediationskonzepts von Montada und Kais (2013) konzipiert wurden. Es wurde sich inhaltlich auf folgende Aspekte konzentriert: (i) Oberflächen- und Tiefenstruktur, (ii) Sozialer Konflikt, (iii) Relativierung und (iv) Transzendierung des Konfliktes und das Generieren von Win-Win-Lösungen.

Alle Videotexte (siehe Anhang S. 50ff.) wurden durch eine Umwandlung der wissenschaftlichen Literatur in einfach verständliche und nachvollziehbare Alltagssprache erstellt. Der Hintergrund dieses Arbeitsschrittes war einer breiten Masse das Mediationskonzept bereitzustellen. Die EMPRA Gruppe zeichnete und schnitt im Anschluss an die Texterstellung, vier Interventionsvideos, die visuelle und auditive Stimulation bei den Probanden hervorrief.

4.2.2 UV: Gruppe und Messwiederholungsfaktor Zeit

Durch die Wahl eines mixed between-within Designs wird sowohl eine Analyse der Haupt- als auch der Interaktionseffekte ermöglicht. Der Zwischensubjektfaktor (between) ist hier die künstliche Einteilung in Experimental- und Kontrollgruppe. Er beschreibt also die Gruppenzugehörigkeit. Der Innersubjektfaktor (within) stellt die natürlich verstrichene Zeit dar, in der die abhängige Variable (IMMK-V2) mehrmals bei denselben Probanden gemessen wurde. Das Verwenden eines mixed between-within Designs erlaubt damit eine Schlussfolgerung auf die Wirksamkeit der Conflict Food Intervention (Jaudas et al., 2019).

4.2.3 AV: IMMK-V2

Wie bereits in der Conflict Food Intervention (Jaudas et al., 2019), stellt das Messinstrument IMKK-V2, die abhängige Variable dar. Das IMKK-V2 ist eine abgewandelte Form des Inventars zur Erfassung mediationsspezifischer Konfliktkompetenz (IMKK). Das gesamte Messinstrument wurde für die Interventionen deutlich gekürzt, um es für die gewählte Stichprobe anwendbar und verständlich zu machen. Es ergab sich folgende Itemstruktur, die sowohl der Messung in der Conflict Food Intervention (Jaudas et al., 2019) als auch im Follow­Up, diente.

Tabelle 4: Itemstruktur IMKK-V2 für die Conflict Food Intervention und die Follow-Up Untersuchung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es wird erkennbar in drei Subdimensionen Wissen, Fähigkeit und Erfahrung unterschieden. Wobei sich die Erfahrungsfacette nochmals in drei Faktoren, das hypothetische, assertorische und pragmatische Urteil, gliedert. Wie bereits im Versuchsplan geschildert, wurden zum Messzeitpunkt TI nur die Teilkompetenz (TK) 1 (Sozialer Konflikt) und TK2 (Oberflächen- und Tiefenstruktur) in den Facetten Wissen (W-Facette) und Fähigkeit (F- Facette), erfasst. T2 beinhaltete wiederum die Messung der TK3 (Relativierung) und TK4 (Transzendierung und Win-Win-Lösung) in der W- und F-Facette. Die Erhebung der Erfahrungsfacette (E-Facette) erfolgte zu einem dritten Messzeitpunkt T3.

Es wurden verschiedene Antwortformate für diejeweiligen Facetten gewählt. Die Wahl einer vierstufigen Skala (falsch - eher falsch - eher richtig - richtig) wurde aus dem Pretest abgeleitet, bei dem die Probanden die Antworten als subjektiv bewertbar sahen. Somit wurden durch die EMPRA Gruppe zwei Items aus dem Pretest, mit zwei inhaltlichen passenden, neuen Items kombiniert.

Tabelle 5: Beispielfür die Wissensfacette in der ersten Teilkompetenz (W_TK1)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für die Erhebung der FS-Facette wurde eine Likert-Skala verwendet, sodass die Probanden einschätzen sollen, wie wahrscheinlich eine der vorgegebenen Handlungsoptionen zur Lösung eines Konflikts verhilft. Den Probanden wurden sowohl ein Szenario, in dem sie die Konfliktwahrscheinlichkeit bewerten sollen, als auch eine Anwendungsfrage, zur Lösung oder Ursachen eines Konfliktes, gestellt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Langzeiteffekte medialer Konfliktkompetenzvermittlung. Evaluationsstudie eines online-basierten Präventionsprogramms
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
57
Katalognummer
V972232
ISBN (eBook)
9783346336781
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konfliktpyschologie, Conflict Food, ConflictFood, Konflikt, Psychologie, Sozialpsychologie, Montada, Monatada und Kals, Leo Montada, Kals, Elisabeth Kals, Konfliktkompetenz, Kompetenz, Follow-Up, FollowUp, Langzeiteffekt, Langzeiteffekte, Mathias Jaudas, Jürgen Maes, Maes, Jaudas
Arbeit zitieren
Verena Michaela Andrea Zierer (Autor), 2020, Langzeiteffekte medialer Konfliktkompetenzvermittlung. Evaluationsstudie eines online-basierten Präventionsprogramms, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/972232

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