Exegese von Mk 4,35-41


Seminararbeit, 1995
40 Seiten, Note: 1

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Inhaltsverzeichnis

A. EINLEITUNG

B. ÜBERSETZUNG

C. EXEGESE
I. Textkritik (am Beispiel von Mk 4, 40)
II. Synchrone Betrachtung des Textes
1. ABGRENZUNG UND AUFBAU DES (END-)TEXTES
2. NARRATOLOGISCHE ANALYSE DES (END-)TEXTES
a.) Mk 4, 35-36: Exposition
b.) Mk 4, 37-39: Sturm und Sturmstillung
c.) Mk 4, 40-41: Auswertung
3. FORMGESCHICHTLICHE ANALYSE
III. Diachrone Betrachtung des Textes
1. LITERARGESCHICHTLICHE ANALYSE
a.) Externe Kohärenz (Verhältnis von Text und Kontext)
b.) Interne Kohärenz (Einheitlichkeit des Textes)
2. REDAKTIONSGESCHICHTLICHE ANALYSE
a.) Begründung einer Drei-Schichten-Hypothese
b.) (Theologische) Absicht des vormarkinischen Redaktors
c.) (Theologische) Absicht des Markus
3. BESTIMMUNG DES HISTORISCHEN ORTES
IV. Religionsgeschichtlicher Vergleich

D. SCHLUSS
I. Zusammenfassung exegetischer Ergebnisse
II. Hermeneutische Besinnung

A. EINLEITUNG

Wer einen neutestamentlichen Text auslegen möchte, sollte ihn - wie jeden antiken Text - zunächst als historisches Dokument ernst nehmen. Im Bereich der Wissenschaft ist die sog. historisch-kritische Methode der Versuch, dies in angemessener Weise zu berücksichtigen:

„‘Historisch’ muß diese Methode vorgehen, weil die biblischen Texte in einer weit zurückliegenden Zeit und unter Bedingungen einer vergangenen Epoche entstanden sind. ‘Kritisch’ will sie sein nicht im Sinne des Besserwissens und aufgrund von Vorurteilen, sondern im Sinne des griechischen Wortes krinein, d.h. um unterscheiden zu können - unterscheiden zwischen damaligen und heutigen Verstehensbedingungen, ... unterscheiden [aber] auch zwischen den verschiedenen Teilen und Schriften der Bibel, um sie je in ihrer Besonderheit zu erfassen.“1

Um ihr Ziel zu erreichen, d.h. eine Einzelschrift bzw. einen Einzeltext in seiner spe- zifischen Aussageintention so exakt wie möglich zu erfassen, gliedert sich die hist.- krit. Methode auf in mehrere Methodenschritte, die den Text je aus ihrer Perspektive untersuchen wollen (z.B. formgeschichtlich, literargeschichtlich etc.), um sozusagen Schritt für Schritt zum Verständnis des Textes beizutragen. Intersubjektiv nachvoll- ziehbar wird ein solches methodengeleitetes Vorgehen jedoch m.E. nur dann, wenn diese Perspektive, aus der heraus argumentiert wird, stets ganz deutlich ist. Daher werden in der folgenden Arbeit z.B. formgeschichtliche Schlüsse möglichst nur aus formgeschichtlichen Beobachtungen gezogen. Freilich ist dies nicht immer möglich; dort aber, wo die Perspektive wechseln muß, wird wenigstens auf den Übergang zu anderen Methodenschritten hingewiesen. Wichtig ist: der Zusammenhang zwischen einer Beobachtung und ihrem exegetischen „Ertrag“ muß klar sein. Um diesem An- spruch möglichst gerecht zu werden, wird in dieser Arbeit der Weg eines methodi- schen „Nacheinander“ gegangen, d.h. erst erfolgt die synchrone, dann die diachrone,2 erst die literargeschichtliche, dann die redaktionsgeschichtliche Analyse etc. Es möge dem Leser überlassen bleiben, auch in diesem Vorgehen noch das Ineinandergreifen der verschiedenen exegetischen Werkzeuge, ja vielleicht auch die fortlaufende Ar- gumentationslinie in dieser zunächst streng gegliedert scheinenden Auslegung zu entdecken.

Ein Wort noch zum Ort der Textkritik innerhalb dieser Arbeit: Da textkritische Ü- berlegungen, als Exkurs eingefügt, den Textfluß m.E. stören würden, seien sie hier - sozusagen als Definition des Interpretationsgegenstandes - allen anderen exegetischen Arbeitsschritten vorangestellt.

B. ÜBERSETZUNG

4, 35) Und er sagte3 ihnen an jenem Tag, als es Abend geworden war: „Laßt uns hinüberfahren an das jenseitige Ufer!“

4, 36) Und nachdem sie die Menschenmenge entlassen4 hatten, nahmen sie ihn mit sich, wie er in dem Boot war; auch5 andere Boote waren bei ihm.

4, 37) Und es geschah ein großer Wirbelwind,

und die Wogen warfen sich auf das Boot, so daß sich das Boot schon füllte.

4, 38) Und er selbst war auf dem Hinterdeck

auf einem Kopfkissen, schlafend.

Und sie weckten ihn auf und fragten ihn:

„Meister, kümmert es dich nicht, daß wir zugrundegehen?“ 4, 39) Und nachdem er aufgewacht war,

fuhr er den Wind an und sagte dem Meer: „Schweig, verstumme!“

Und es legte sich der Wind

und es geschah eine große Meeresstille.

4, 40) Und er sagte zu ihnen:

„Was seid ihr verzagt; habt ihr noch keinen Glauben?“6 4, 41) Und eine große Furcht kam über sie,

und sie sprachen zueinander:

„Wer nun ist dieser,

daß auch der Wind und das Meer ihm gehorchen?“

C. EXEGESE

I. Textkritik (am Beispiel von Mk 4, 40):

Da die textkritische Erarbeitung eines neutestamentlichen Textes im Rahmen dieser Proseminararbeit allenfalls exemplarisch vorgeführt werden kann, sei aus den textkritischen Problemen innerhalb des Textstücks Mk 4, 35-41 nur dasjenige herausgegriffen, an dessen Lösung sich für das Textverständnis m.E. das meiste entscheidet: das Problem, welche der Textzeugen den ursprünglichen Text der Frage Jesu an die Jünger7 in Mk 4, 40 bewahren.8 Zur Klärung ist zunächst eine Sichtung der verschiedenenen Lesarten und ihrer Zeugen notwendig.

Auflistung der Lesarten:9

1.) ti >> deiloi este outwj; pwj << ouk ecete pistin;

„Was seid ihr so verzagt? Warum habt ihr keinen Glauben?“

Folgende Textzeugen bieten die o.a. Variante: die Majuskel A (Codex Alexandrinus,

5. Jh., Kategorie III in den Evangelien), die Majuskel C (Codex Ephraemi Syri resc- riptus, 5. Jh., Kategorie II), die Minuskel 33 (9. Jh., Kategorie II in den Evangelien), die altlateinische Übersetzung f (6. Jh.), welche geringfügig von dieser Variante ab- weicht; die syrische Übersetzung syp (Peschitta, 5. Jh.), welche ebenfalls geringfügig von dieser Variante abweicht; die syrische Übersetzung syh (Harklensis, 7. Jh.) so- wie die unter dem Sigel M (Mehrheitstext) zusammengefaßten Handschriften.

Bei Mk 4,40 werden unter dem Sigel M neben den Minuskelhandschriften, die dem byzantinischen Reichstext (Koine) folgen10, zusätzlich folgende ständige Zeugen 2.

Ordnung subsumiert, da an dieser Stelle auch sie mit der Koine lesen: die Majuskel

K, die Minuskeln 1241, 1424 und die Lektionare l 844, l 2211.

Nicht zu M gehören: die Majuskel N (es fehlt u.a. Mk 3, 4 - 6, 24), die Majuskel P (enthält nur Bruchstücke des Mk-Evangeliums, darunter jedoch nicht Mk 4, 40), die Majuskel G (es fehlt Mk 3, 34 - 6, 21), die Majuskel 0292 (enthält nur Mk 6, 55 - 7,

5) sowie alle ständigen Zeugen 2. Ordnung, welche von der o.a. Lesart, d.h. von der Koine, abweichen. Hierzu zählen: die Majuskel D und die Minuskeln 28, 565, 579, 700, 892, 2542.

2.) ti >> deiloi este outwj << ecete pistin;

„Was seid ihr verzagt, auf diese Weise habt ihr Glauben?“

Folgende Textzeugen bieten die o.a. Variante: die Majuskel W (Codex Freerianus,

5. Jh., Kategorie III) sowie die altlateinischen Übersetzungen e (5. Jh.) und q (6. Jh.), welche geringfügig von der o.a. Lesart abweichen.

3.) ti >> outwj deiloi este; oupw << ecete pistin;

„Was seid ihr so verzagt? Habt ihr noch keinen Glauben?“

Folgende Textzeugen bieten die o.a. Variante: der Papyrus P[45](3. Jh., Kategorie I), bei dem jedoch nicht mit letzter Sicherheit zu entscheiden ist, welche Lesart er be- zeugt11 ; die Minuskelfamilie f[1] (K. Lake (nach Minuskel 1), 12. Jh., Kategorie III), die Minuskelfamilie f[13] (The Ferrar Group (nach Minuskel 13), 13. Jh., Kategorie III), die Minuskel 28 (11. Jh., Kategorie III in Mk), die Minuskel 892 (9. Jh., Kate- gorie II), welche jedoch dadurch geringfügig von der o.a. Lesart abweicht, daß sie - aufgrund einer Korrektur von späterer Hand - die Wörter in einer anderen Reihen- folge anordnet; die Minuskel 2542 (13. Jh., Kategorie III) sowie wenige weitere Minuskeln, die außer den hier ausdrücklich genannten an der Stelle Mk 4, 40 vom Mehrheitstext abweichen.

4.) ti >> deiloi este; oupw << ecete pistin;

„Was seid ihr verzagt, habt ihr noch keinen Glauben?“

Folgende Textzeugen bieten die o.a. Variante (= Text des [26]/[27] ): die Majuskel a

(Codex Sinaiticus, 4. Jh., Kategorie I), die Majuskel B (Codex Vaticanus, 4. Jh., Kategorie I), die Majuskel D 05 (Codex Bezae Cantabrigiensis, 5. Jh., Kategorie IV), die Majuskel L 019 (Codex Regius, 8. Jh., Kategorie II), die Majuskel D (Co- dex Sangallensis, 9. Jh., Kategorie III), die Majuskel Q (Codex Coridethianus, 9. Jh., Kategorie II), die Minuskel 565 (9. Jh., Kategorie III), die Minuskel 579 (8. Jh., Kategorie II), welche jedoch geringfügig von der o.a. Lesart abweicht; die Minuskel 700 (11. Jh., Kategorie III), die Minuskel 892 (9. Jh., Kategorie II), welche an dieser Stelle zwar später eine Korrektur erfahren hat, aber ursprünglich die o.a. Textgestalt besaß; die Minuskel 2427 (14. Jh., Kategorie I) sowie wenige weitere Minuskeln, die außer den hier ausdrücklich genannten an der Stelle Mk 4, 40 vom Mehrheitstext abweichen; die Vulgata und ein Teil der altlateinischen Überlieferung sowie alle zur Stelle vorhandenen koptischen Versionen.

Übersichtstabelle

Alter und Kategorie der Textzeugen zu den verschiedenen Lesarten von Mk 4, 40:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Legende: Lesart 1.) unterstrichen; Lesart 2.) ohne Hervorhebung;

Lesart 3.) doppelt unterstr.; Lesart 4.) im Fettdruck.

Hinweise: a) Handschriften, welche (geringfügig) von der Lesart abweichen,

unter der sie subsumiert wurden, stehen in Klammern.

b) Die Zuordnung der alten Übersetzungen in die Kategorie V ist geschätzt.

c) Die Eintragung von M erfolgte pauschal.

Bewertung der Lesarten:

Die Bewertung der vier Textvarianten hat nach unterschiedlichen Kriterien zu erfol- gen. Zunächst einmal sind die Lesarten nach sog. äußeren Kriterien zu beurteilen, d.h. es ist zu fragen, welche der Lesarten von besonders alten und qualitativ hoch- wertigen Handschriften bezeugt wird. Hier zeigt sich, daß die Lesart 3 mit einem Papyrus einen im Sinne der textkritischen Arbeit besonders zuverlässigen Zeugen zu bieten hat, wenn er innerhalb von Mk 4, 40 - wie von den Herausgebern des N[27]an- genommen wird12 - tatsächlich outwj deiloi este; oupw liest. Da dies jedoch mit letzter Sicherheit nicht zu entscheiden ist, da der Papyrus P[45] an der fraglichen Stelle nicht mehr eindeutig zu lesen ist, scheint die Lesart 4 die am besten bezeugte zu sein. Im- merhin zählen die beiden wichtigen, d.h. sehr alten und qualitativ hochwertigen Co- dices Sinaiticus und Vaticanus zu ihren Zeugen. Nicht ganz so gut bezeugt ist die Lesart 1, wenn sie auch aufgrund zweier Majuskelhandschriften aus dem fünften Jahrhundert, von denen eine qualitativ recht hochwertig ist, durchaus noch diskuta- bel ist. Ferner ist hier ihre deutliche quantitative Überlegenheit (M) zu berücksichti- gen, auch wenn Qualität immer ein stärkeres Kriterium ist als Quantität. Für die Rekonstruktion des ursprünglichen Textes irrelevant ist jedoch die Lesart 2, da sie neben zwei alten Übersetzungen nur von einer einzigen Majuskel geboten wird, wel- che zudem nur eine mittlere Qualität hat.

Die letztlich entscheidende Bewertung der Lesarten erfolgt nach sog. inneren (in- haltlichen) Kriterien, nach denen zu fragen ist, welche Lesart eher aus welcher her- vorgegangen sein könnte und welche aus inhaltlichen Gründen die dem Text ange- messenere ist. Im Zusammenhang der Frage, welche Lesart aus welcher hervorge- gangen sein könnte, ist zunächst immer die kürzere/schwierigere Lesart als die ur- sprüngliche anzunehmen, da spätere Einfügungen/Erleichterungen eher zu erwarten sind als Auslassungen/Verkomplizierungen. Es zeigt sich jedoch, daß die kürzeste der vier Lesarten (Lesart 2) grammatisch unkorrekt ist, somit hier - entgegen der Regel von lectio brevior - eher an eine versehentliche Auslassung des ;pwj ouk, das in Lesart 1 noch enthalten ist, denken läßt. Lesart 2 könnte somit aus Lesart 1 her- vorgegangen sein, indem Lesart 2 ihre Vorlage (Lesart 1) falsch abgeschrieben hat. Recht deutlichen Ursprungs ist auch die Lesart 3, die sich nur dadurch von Lesart 4 unterscheidet, daß sie ein dieser gegenüber zusätzliches outwj enthält. Es ist anzu-

nehmen, daß Lesart 3 ihre Vorlage (Lesart 4) um dieses outwj ergänzt hat, um der

Frage Jesu noch etwas mehr Dramatik zu geben.

Fraglich ist nun, welche der beiden Lesarten 4 und 1 die ursprüngliche ist. Ein Ver- gleich mit Mt und Lk läßt vermuten, daß die beiden späteren Evangelisten die Lesart

4 als Vorlage hatten, da auch sie - wie Lesart 4 des Mk-Textes - die Möglichkeit eines vielleicht später entstehenden bzw. später wachsenden Glaubens offenlassen13. Es findet sich kein Anhaltspunkt dafür, daß Mt und Lk ihrer Vorlage an dieser Stelle eine neue, nicht schon dagewesene Nuance gegeben haben. Somit ist die Lesart 4 als ursprünglich anzusehen, während es sich bei der Lesart 1 um eine Änderung der ur- sprünglichen Version handelt, vielleicht, um die Frage Jesu nach dem Glauben zu radikalisieren.

Die Bewertung der Lesarten, die nach äußeren und inneren Kriterien zu einem über- einstimmenden Ergebnis geführt hat, wird im Folgenden durch eine Übersichtsgrafik veranschaulicht:

Übersichtsgrafik

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

II. Synchrone Betrachtung des Textes:

1. ABGRENZUNG UND AUFBAU DES (END-)TEXTES

Das Textstück Mk 4, 35-41 ist sowohl nach vorn als auch nach hinten klar abge- grenzt: Mk 4, 35 ist zwar eng mit dem 14 vorausgehenden Text verbunden15, doch be- ginnt mit dem Befehl Jesu, an das andere Ufer zu fahren, zweifellos eine neue Er- zählhandlung, denn die vorherige Seepredigt ist mit Mk 4, 34 abgeschlossen. Das Ende des Textstücks ist dadurch markiert, daß mit der Jüngerfrage von Mk 4, 41 zum letzten Mal direkt16 auf Vorheriges Bezug genommen wird, während mit Mk 5,1 eine neue Erzählhandlung eingeleitet wird, da die Kennzeichnung des anderen Ufers als „die Gegend der Gerasener“ - also einer heidnischen Gegend - erst für die folgende Heilungsgeschichte wichtig ist.17

Der Aufbau des Textstücks Mk 4, 35-41 ist bestimmt von einem an Erzähldramatik dominierenden Mittelteil: dem Bericht von dem plötzlich aufkommenden Seesturm, den hierauf folgenden aufgeregten Reaktionen der Jünger, schließlich dem wiederum plötzlichen, durch Jesus herbeigeführten Ende des Sturms (Mk 4, 37-39). Dieser Mittelteil weist den beiden ihn rahmenden Abschnitten (Mk 4, 35-36 und Mk 4, 40- 41) ihre jeweilige Funktion zu: einerseits einführend die Vorbereitung des bald fol- genden Geschehens im Sinne einer Exposition, und andererseits abschließend eine Art Auswertung des Geschehens, dargestellt an den (unterschiedlichen) Reaktionen der beteiligten Personen.

Der Abschnitt Mk 4, 35-36 leistet insofern eine Vorbereitung des Geschehens im Sinne einer Exposition, als in ihm durch den Befehl Jesu, über den See zu fahren (Mk 4, 35) - in letzter Konsequenz freilich erst durch die Befolgung dieses Jesusbe- fehls durch die Jünger (Mk 4, 36) - die Ausgangssituation für das folgende Gesche- hen hergestellt wird: Jesus und die Jünger fahren im Boot auf dem See. Ferner er- schließt sich durch knappe Notizen bereits in Mk 4, 35 all das, was zur zeitlichen ordnung des Geschehens erforderlich ist.

Nachdem die Ausgangssituation bekannt ist, wird im Abschnitt Mk 4, 37-39 sofort von dem den weiteren Verlauf der Perikope bestimmenden Ereignis, nämlich der aufkommenden lailay megalh anemou (Mk 4, 37a) und den hieraus entstehenden Konsequenzen für die im Boot sitzenden Personen (Mk 4, 37b) berichtet. In Mk 4, 38 ist anschließend von den Reaktionen, die das Sturmereignis hervorruft, die Rede bzw. in Mk 4, 38a zunächst von der Nichtreaktion Jesu (kaqeudwn), in Mk 4, 38b dann aber von den aufgeregten Reaktionen der Jünger. Als Jesus von diesen Reaktionen der Jünger erwacht, führt er in Mk 4, 39 das Ende des Sturms herbei, indem er einen Befehl an die Naturgewalten richtet (Mk 4, 39a), welche diesen mit dem Eintritt einer galhnh megalh sofort befolgen (Mk 4, 39b).

Mit dem Abschnitt Mk 4, 40-41 beginnt eindeutig etwas Neues, denn das eigentliche Geschehen ist mit Mk 4, 39 abgeschlossen. Er stellt insofern eine Auswertung des Geschehens von Mk 4, 37-39 dar, als sich in ihm die Wirkungen zeigen, die das Ge- schehen bei den beteiligten Personen hervorgeruft: Jesus reagiert offenbar in Zorn auf das Verhalten der Jünger während des Sturms, indem er eine - rhetorische - Fra- ge stellt (Mk 4, 40); die Jünger reagieren in Furcht und Unverständnis auf die Wun- dertat Jesu, indem sie eine Frage an sich selbst stellen (Mk 4, 41).

Nachstehend sollen die einzelnen Aufbauglieder des Textstücks in einer schematischen Gliederung, die z.T. noch weitere, über das bisher Angedeutete hinausgehende Differenzierungen enthält, übersichtlich dargestellt werden:

Gliederung des Textes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. NARRATOLOGISCHE ANALYSE DES (END-)TEXTES

a.) Mk 4, 35-36: Exposition

V 35a: Die Perikope setzt ein mit dem erzählerischen Hinweis, daß Jesus18 zu den Jüngern19 spricht, und zwar en ekeinh th hmera oyiaj genomenhj, d.h. am Abend des Tages, der nach Mk 4,1 mit dem didaskein para thn talassan begann. Die für eine Exposition typische Zeitangabe20 ist somit wahrscheinlich rein „erzählerisch- kontextorientiert“21, wenngleich der Hinweis auf die Nachtzeit bewußt zur Span- nungssteigerung gesetzt sein könnte, indem er die Erzählung um eine weitere Cha- osmacht bereichert.22 Ferner steht die Nachtzeit wohl in engem Zusammenhang mit dem Schlafen Jesu (Mk 4, 38)23, das für den weiteren Verlauf des Geschehens noch besondere Bedeutung gewinnen wird (s.u.).

V 35b: Nachdem Sprecher und Zeitpunkt des Sprechens benannt sind, folgt das Ge- sprochene: der Befehl Jesu, an das andere Ufer des Sees zu fahren. Der Befehlscha- rakter des Satzes Mk 4, 35b geht aus dem kohortativen Konjunktiv dielqwmen her- vor: „Laßt uns hinüberfahren.“24 Damit, daß Jesus zur Überfahrt auffordert, ist den Jüngern jede Verantwortung für das folgende Geschehen abgenommen; die Initiative bleibt allein bei Jesus.25 Mit eij to peran kann nur das andere Ufer des talassa (u.a. Mk 4, 1; später dann Mk 4, 39), d.h. des Sees Genezareth26 gemeint sein, der zuvor bereits Schauplatz der Seepredigt Jesu (Mk 4, 1-34) gewesen war.

V 36a: Die Jünger befolgen den Befehl Jesu „augenblicklich“27: Sie „entlassen“28 den ocloj, und nehmen ihn mit sich, so wie er im Boot war (Mk 4, 36a). Der ocloj ist die Menschenmenge, die bei der Seepredigt peri auton (Mk 4, 10) war. Der Auf- bruch mit dem Boot findet nun ohne diese Menschenmenge statt, das „Wunder voll- zieht sich abseits vom Volk“29. „So in dem Boot“ war Jesus bereits während seiner Seepredigt30, so daß im Augenblick nicht er, sondern die Jünger die Handelnden sind

- dementsprechend wirkt das Jesus beschreibende wj hn en tw ploiw mit seiner Imperfektform wie eine beiläufige Hintergrundnotiz. Gleichwohl ist der neuerliche Hinweis auf das Boot wichtig, denn schon bald wird der Begriff ploion aufgegriffen (Mk 4, 37), um die gefährlichen Folgen, die das Sturmereignis bei den beteiligten Personen hervorrufen wird, zu schildern.

V 36b: Mit Mk 4, 36b wird uns eine Information gegeben, dessen Bedeutung „rät- selhaft“31 ist, da sie „keine weiteren Bezugspunkte“32 hat. Es wird nicht gesagt, ob noch Jünger in den anderen Booten sitzen33 oder ob es sich um Fischer handelt, die - wie an jedem anderen Abend auch - ihre Netze auswerfen wollen. Wegen des met autou scheint es aber vor allem darauf anzukommen, daß die in den anderen Booten sitzenden Personen jedenfalls an dem bald folgenden Geschehen teilhaben werden.34 Sowie schon der Hinweis auf die Nachtzeit (Mk 4, 35) u.a. die Funktion gehabt ha- ben könnte, die Bedrohlichkeit zu steigern, könnte nun auch Mk 4, 36b gefahrstei- gernd gemeint sein, „insofern nicht nur Jesus und seine Jünger betroffen sein werden von dem, was nun kommt, sondern auch andere“35. Das Problem, daß der Vers Mk 4, 36b im weiteren Verlauf der Perikope keine Bezugspunkte mehr hat, wird teilwei- se dadurch aufgefangen, daß er als Hintergrundschilderung (Imperfekt!) möglicher- weise nur als Beitrag zur Skizzierung der Szenerie verstanden werden will.36

b.) Mk 4, 37-39: Sturm und Sturmstillung

V 37a: „Unvermittelt wechselt die Erzählung von einem ruhigen Bild zur Schilde- rung höchster Gefahr“37, indem in Vers Mk 4, 37 in „knapper Form“38 gesagt wird, daß ein großer Wirbelsturm „geschieht“. Von einem Geschehen kann unmittelbarer wohl kaum berichtet werden, als schlicht zu sagen, daß es „geschieht“. So ist mit dem (historischen) Präsens ginetai schon sprachlich die Dynamik der sich nun über- schlagenden Ereignisse zum Ausdruck gebracht. Ein Sturm war auf dem See Gene- zareth wahrscheinlich nichts Ungewöhnliches, doch diesmal ist es eine lailay megalh anemou, d.h. ein „großer = starker Sturmwind“39 ; so stark, daß „die Lage auch für die als Schiffer erfahrenen Jünger bedrohlich“40 werden wird.

V 37b: Diese lebensbedrohlichen Folgen, die das Sturmereignis für die im Boot sitzenden Personen auslöst, werden in Mk 4, 37b anschaulich geschildert, indem unter neuerlichem (zweimaligem!) Aufgriff des Begriffs ploion das Schicksal des Bootes beschrieben wird: Die stürmischen Wellen schlagen hemmungslos in das offenbar schutzlose, offene Boot.41 Die Gefahr, daß das Boot sinken wird, wächst schnell und unaufhaltsam. Dies wird angedeutet, indem in Mk 4, 37bb berichtet wird, daß „sich das Boot schon füllte“. Dieser Satz unterstreicht schon wegen seines konsekutiven Anschlusses an Mk 4, 37ba, wie rasch die schlimmen Ereignisse aufeinander folgen, besser: sich überschlagen. Auch das Wort hdh hat beschleunigenden Charakter und trägt mit dazu bei, daß sich das Geschehen als eine kontinuierlich größer werdende Bedrohung darstellt.42 Schließlich suggeriert Mk 4, 37b - in Vorgriff auf den ver- zweifelten Ausruf der Jünger (Mk 4, 38b) -, daß das Geschehen nicht nur urplötz- lich, sondern eigentlich auch unabwendbar über Jesus und seine Jünger hereinbricht. Um so größer das Wunder, daß Jesus die drohende Katastrophe doch noch abwen- den kann...

V 38a: „Im Gegensatz“ zu dem dramatischen Bericht von Mk 4, 37 wird in Mk 4, 38a „von der Ruhe Jesu gesprochen“43. Während kurz zuvor nichts als reines Ge- schehen stattfand, „passiert“ in Mk 4, 38 zunächst gar nichts. Hier wird in einem hintergrundschildernden Imperfektsatz lediglich gesagt, daß Jesus schläft. Vom Ge- schehensablauf her gehört das Schlafen Jesu eigentlich vor die Schilderung des Sturms und seiner Folgen; „an dieser Stelle nachgetragen steigert es aber die Span- nung durch den Kontrast zwischen der Ruhe Jesu und dem, was um ihn herum vor sich geht.“44 Die „Genauigkeit der Angabe der näheren Umstände“45 des Schlafens Jesu ist zwar auffallend (en th prumnh46 epi to proskefalaion47 ), hat aber m.E. allein die Funktion, das Interesse auf die eigentliche Mitteilung von Mk 4, 38a zu lenken: daß Jesus trotz einer derartigen Wetterkatastrophe Ruhe bewahren und schlafen kann. Darauf verweisen sowohl inhaltliche als auch sprachliche Beobachtungen: Bei inhaltlicher Betrachtung des Textes zeigt sich, daß nicht prumnh oder proskefalaion, wohl aber kaqeudwn im weiteren Verlauf der Perikope noch einmal aufgegriffen wird (Mk 4, 38b: egeirousin; Mk 4, 39a: diegerqeij). Ein Blick auf die sprachliche

Struktur des Verses erweist, daß das kaqeudwn die beherrschende Stellung am En- de des Satzes hat; die beiden von diesem kaqeudwn abhängenden, es lokal näher be- stimmenden Ausdrücke werden somit auch optisch in den Hintergrund gedrängt. Fa- zit: Die Angaben en th prumnh und epi to proskefalaion wollen - wie bei einer Erzäh- lung üblich - die Situation etwas veranschaulichen, ohne das hierdurch das Schlafen Jesu - z.B. sein Grund oder seine Festigkeit - näher spezifiziert werden.

Deutungsversuche, die stärkeres Gewicht auf die Angaben der näheren Umstände des Schlafens Jesu legen, führen m.E. auf Abwege: J. Gnilka meint, daß Jesus des- halb weiterschlafen kann, weil er den Sturm noch gar nicht bemerkt habe, da er „- weil etwas erhöht [so interpretiert Gnilka das Kissen im Heck] - vom eindringen- den Wasser offenbar noch verschont bleibt“48. - R. Pesch meint gar, daß Jesus das „sichere“ Kissen im Heck als Schlafplatz ausgewählt habe, um sich ganz gezielt ei- ner etwaigen Gefahr zu entziehen.49

Anknüpfend an die These, daß in Mk 4, 38a vor allem das kaqeudwn - freilich in seiner Spannung zu dem dramatischen Sturmereignis - beachtet werden will, komme ich zu der Ansicht, daß der Skopus dieses Verses in folgendem liegt: Nicht ein Nichtbemerken des Sturms (J. Gnilka) oder ein Sichentziehen vor etwaigen Gefahren eines Sturms (R. Pesch) läßt Jesus - an welchem Platz im Boot auch immer - schla- fen, sondern allein ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit - gerade auch im Angesicht eines solchen Sturms, dessen Folgen er offensichtlich nicht als eine ernst- hafte Bedrohung ansieht.

V 38b: Ganz im Gegensatz hierzu reagieren die Jünger in Mk 4, 38b unsicher, auf- geregt, angsterfüllt, irgendwann dann aber - nachdem die gefährliche Situation schon alle Hoffnungen aufgezehrt hat - vor allem mutlos und resigniert und, weil von Jesus „enttäuscht“, sogar fast zornig: Nachdem die Jünger zunächst wahrscheinlich eine ganze Weile in größter Anstrengung versucht haben, gegen die stürmischen Wellen anzurudern50, ohne daß ihnen Jesus dabei in irgendeiner Weise geholfen hat, wecken sie ihren schlafenden didaskaloj schließlich auf (egeirousin auton). In der Meinung,„daß der schlafende Jesus ihnen keine Hilfe sei“51, wollen sie von ihm nun - inzwi- schen mit ihren Kräften und ihrer Überlebenshoffnung am Ende52 - Rechenschaft für sein passives Verhalten fordern. Im Ton und Inhalt der Frage53, welche die Jünger nach dem Vorgang des egeirein an Jesus richten54, spricht sich deutlich ihre - fast zornige! - Resignation aus: Vor allem im ou melei soi zeigt sich, wie die Jünger das Verhalten Jesu während des Sturms einschätzen und bewerten. Sie denken, „es liege ihm nichts an ihnen, und gleichgültig lasse er sie verderben“55. Folglich hat die Jün- gerfrage nicht so sehr den Charakter einer Bitte oder eines flehenden Hilferufs,56 sondern eher den Charakter eines im Grunde sinnlosen Vorwurfs, da die Jünger be- reits zu diesem Zeitpunkt ihr tödliches Schicksal (Vgl. Anm. 50) besiegelt wähnen. Somit ist die Anrede didaskale, die in jeder Situation als die übliche Anrede eines Schülers gegenüber seinem Lehrer anzusehen ist,57 sicherlich nicht suggestiv gemeint in dem Sinne, daß die Jünger von ihrem Meister nun eine wunderbare Rettung erwarten. Die Jünger rechnen nicht mehr mit einer Rettung, glauben nicht mehr an ein Wunder - auch nicht durch Jesus vollbracht! -, sondern sehen nur noch resigniert ihrem58 apollunai entgegen.

V 39a: In Mk 4, 39 reagiert Jesus - noch - nicht auf den Vorwurf der Jünger, son- dern spricht zunächst ein „wunderwirkendes Wort“59 (Mk 4, 39a), mit dem er „die völlige Behebung der gefährlichen Situation“60 herbeiführt (Mk 4, 39b). Nach der knappen Mitteilung, daß Jesus erwacht61, wird berichtet, daß er sich den offenbar als lebendige Wesen vorgestellten Naturgewalten zuwendet, um die von ihnen ausge- hende Bedrohung zu stoppen: zunächst „herrscht“62 er den stürmischen Wind an als die Ursache der Bedrohung, danach63 richtet er einen Schweigebefehl64 an das aufgewühlte Meer als die eigentliche Bedrohung.

V 39b: Mit dem „Gehorchen“ der Naturgewalten (Mk 4, 39b) ist alles Bedrohliche mit einem Schlag beendet. Indem berichtet wird, daß sich der Wind legt und das Meer still wird, findet das in Mk 4, 39b Gesagte inhaltlich seine genaue Entspre- chung zu dem, was Jesus zuvor in Mk 4, 39a vollbracht hat: Auf sein epetimhsen tw anemw folgt ekopasen o anemoj; auf sein eipen th talassh: siwpa, perimwso folgt ege- neto galhnh megalh. „Beim Wind“ ist zudem eine starke sprachliche Parallelität festzustellen; das egeneto galhnh megalh hingegen ist in sprachlicher Hinsicht offen- sichtlich nicht am Jesusbefehl von Mk 4, 39a orientiert, sondern am ginetai lailay megalh anemou des Verses Mk 4, 37a.65

Mit den beiden Sätzen ginetai lailay megalh anemou (Mk 4, 37a) und egeneto galhnh megalh (Mk 4, 39b) wird das diese Perikope beherrschende Geschehen sichtlich eingerahmt: der „obere“ Rahmen markiert den Anfang, der „untere“ Rahmen das Ende des Sturmereignisses. Durch die sprachliche Parallelität dieser beiden signifikant kurzen Sätze wird der inhaltliche Kontrast zwischen dem Eintreten des Sturms und dem Eintreten der Stille besonders stark hervorgehoben. Zusätzlich kontrastverstärkend wirkt das megalh: war vorher ein „großer“, starker Sturm, so ist nun - nach Jesu wundersamer Sturmstillung - eine „große“ Meeresstille.

c.) Mk 4, 40-41: Auswertung

‘wach werden’ muß - als so wenig bedrohlich erscheint ihm die Lage“ (A. Lindemann, a.a.O., S. 188).

V 40: Jetzt, nachdem es wieder still auf dem Meer geworden ist, wird das von Jesus und den Jüngern sehr unterschiedlich erlebte Geschehen - offenbar unabhängig von- einander66 - aufgearbeitet. Zunächst zeigt sich in Mk 4, 40 die Reflexion des Ge- schehens aus der Sicht Jesu: Jesus wendet sich den Jüngern zu,67 indem er auf deren vorwurfsvolle Frage von Mk 4, 38b zurückkommt. Dies tut er, indem er ihnen nun seinerseits zwei Fragen68 (Mk 4, 40) stellt, die sehr deutlich auf die sich in dem Jün- gervorwurf aussprechende Mut- und Hoffnungslosigkeit (vgl. o. S. 16) rekurrieren. Die erste Frage ist direkt auf die zuvor beschriebene Situation der Jünger rückbezo- gen, indem sie deren emotionale Verfassung während des Sturms aufgreift und zu Recht als deiloj69 bezeichnet. Mit ihr möchte Jesus jedoch nicht, auch wenn dies ihre Formulierung als ti deiloi este; („Warum seid ihr verzagt?“) vermuten läßt, den Grund ihres einai deiloi erfahren; diesen kennt er nämlich bereits: sie sind verzagt, weil ihnen der Glaube (noch) fehlt. Schon mit seiner anschließenden zweiten Frage artikuliert er den so lautenden Grund ihres einai deiloi, womit er erst sie zur ent- scheidenden der beiden Fragen avancieren läßt: oupw ecete pistin;70 Auch die zweite Frage ist somit, wenn auch nur indirekt, auf die zuvor beschriebene Situation der Jünger rückbezogen, indem sie deren emotionale Verfassung während des Sturms (in der ersten Frage mit „verzagt“ charakterisiert) nun für den Glauben (hier also als noch mangelnden Glauben) deutet.71

Fazit: Beide Fragen sind - wie bereits aus dem Zuvorgesagten hervorgeht - nicht ge- meint als „echte“ Fragen, die von den Jüngern nun die Begründung dafür herausfordern wollen, warum sie sich während des Sturms so und nicht anders verhalten haben. Vielmehr möchten sie als rhetorische Fragen deutlich werden lassen, wie enttäuschend das Verhalten der Jünger auf Jesus gewirkt hat; enttäuschend, weil sie offensichtlich noch immer nicht den Glauben haben, daß sie sich auch in seiner schlafenden Gegenwart angstfrei und geborgen fühlen können. Die Fragen Jesu gewinnen somit zweifellos den Charakter eines Tadels.72

V 41a: In Mk 4, 41 zeigt sich anschließend die Reflexion des Geschehens aus der Sicht der Jünger; es wird geschildert, welche Wirkung das „stürmische“ Geschehen, vor allem aber sein durch Jesus herbeigeführtes Ende auf sie hat: „Und eine große Furcht kam über sie.“ Die Größe dieser Furcht wird nicht nur durch die figura ety- mologica efobhthsan fobon zum Ausdruck gebracht, sondern zusätzlich auch durch das Adjektiv megaj, mit dem die „große“ Furcht erzählerisch eindrucksvoll mit dem „großen“ Sturm (Mk 4, 37) und der „großen“ Meeresstille (Mk 4, 39) verbunden wird.73 Aber nicht nur megaj deutet auf den Zusammenhang zwischen foboj und dem Wunder der plötzlichen galhnh von Mk 4, 39 hin; foboj selbst artikuliert schon die Furcht, die allein vor Gott und seinem „wunderbaren“ Erscheinen74 entstehen kann.75 Somit wird durch Mk 4, 41a zum Ausdruck gebracht, daß die Jünger in Jesu Sturm- stillung ein göttliches Werk erkannt haben.

V 41b: Dennoch fragen sich76 die Jünger in der Folge ihrer foboj in Mk 4, 41b, wer denn nun „dieser“, dem sogar Wind und Meer gehorchen, ist. Das ara und der oti- Satz wollen noch einmal die Verbindung zwischen der Wundertat Jesu und der mo- mentanen Situation der Jünger herstellen,77 die vor allem von Unverständnis, ja

„Fremdheit“78 zwischen ihnen und Person Jesu gekennzeichnet ist. Symptomatisch steht hierfür ihre den Vers Mk 4, 41b - nicht nur grammatisch79 - dominierende Fra- ge tij ara outoj estin; Bemerkenswert ist, daß die Jünger in ihrem anschließenden, sich auf das Wunder der Sturmstillung direkt beziehenden oti-Satz nicht den Aspekt ihrer Lebensrettung hervorheben, sondern den, daß Jesus überhaupt fähig ist, Wind und Meer zum Schweigen zu bringen. Somit schließt die Perikope zwar mit einem Aus- ruf der göttlichen Macht Jesu, der Macht sogar über die Naturgewalten, doch kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch das, was hier wie Staunen und Bewun- derung klingt (oti kai o anemoj kai h talassa upakoei autw), analog zum „Wer ist die- ser?“ vor allem zu einem ratlosen Ausdruck der Mysteriösität Jesu wird.80

3. FORMGESCHICHTLICHE ANALYSE

Angesichts der großen Umstrittenheit dessen, was konkret Aufgabe und Ziel einer formgeschichtlichen Analyse ist,81 wäre es eigentlich notwendig, diesem Kapitel eine ausführlichere methodologische Grundlegung voranzustellen. Da dies hier jedoch zu weit führen würde, sei an dieser Stelle nur kurz darauf hingewiesen, was sich diese formgeschichtliche Analyse - entsprechend ihrer Einordnung in den Kanon der syn- chronischen Arbeitsschritte (Kapitel II) - zum Ziel gesetzt hat: Sie ist (ausschließ- lich!) daran interessiert, die formale Struktur des Textstücks Mk 4, 35-41 aufzuspü- ren, damit Aufschluß darüber gewonnen werden kann, ob es möglicherweise unter dem Einfluß einer vorgeprägten Textgattung stand.82 Entweder wird hierbei eine kompositionelle Geschlossenheit festgestellt, oder - und das wäre hier im Übergang von der Synchronie zur Diachronie ebenfalls aufschlußreich - es werden Textele- mente gefunden, deren Formen nicht mit einer eindeutigen gattungsmäßigen Zuord- nung vereinbar sind.83 All die einer formgeschichtlichen Analyse oft zugewiesenen diachronischen Aufgaben84 werden somit zugunsten einer eher knappen Formal- strukturanalyse vorerst zurückgestellt.85 Am Schluß dieses Kapitels sollen die unter einer Textgattung subsumierten formalen Textglieder (freilich auch die aus ihr herausfallenden!) in einer Grafik übersichtlich dargestellt werden.

Bereits die narratologische Analyse hat in ihrem Nachvollzug des Erzählgeschehens von Mk 4, 35-41 insofern eine gewisse Sensibilität für möglicherweise gattungskon- stituierende Textelemente geschaffen, als schon dort der Inhalt unseres Text-stücks - wenn auch erst auf der Ebene der narrativen Welt86 - expliziert wurde. Da man (nicht nur) in der urchristlichen Literatur davon ausgehen darf, daß Formen und In- halte von Texten in einem nicht beliebigen, sondern in einem sehr korrelaten Ver- hältnis zueinander stehen,87 ergibt sich ein guter Ausgangspunkt für die Bestimmung der formalen Struktur unseres Textstücks: man braucht nur Ausschau nach anderen Wundertexten88 zu halten, um deren formale Aufrisse mit dem von Mk 4, 35-41 zu vergleichen. Zuvor muß jedoch noch ermittelt werden, was überhaupt Wundertexte in einem mit Mk 4, 35-41 vergleichbaren Sinne sind, damit aus der großen Anzahl von Wundertexten nur derjenige Teil herangezogen wird, der für einen Textvergleich tatsächlich relevant ist, d.h. eine mit Mk 4, 35-41 gemeinsame gattungsmäßige Prä- gung vermuten läßt.

Bei genauerer Betrachtung des Wundertextstoffs der synoptischen Evangelien zeigt sich nämlich unter anderem, daß nicht in allen Wundertexten wie in Mk 4, 35-41 der Vorgang des Wunders tatsächlich beschrieben wird und den Inhalt der Erzählung bildet. So gibt es beispielsweise eine ganze Reihe von Wundertexten, die zwar von einem Wunder handeln, deren eigentlicher Inhalt jedoch gerade nicht das Wunder ist, sondern ein Ausspruch (griech.: apofqegma) Jesu.89 Bei diesen Texten aber, bei de- nen das Wunder somit nur den Anlaß zu einem Ausspruch Jesu (oft im Kontext ei- nes Streitgesprächs; vgl. z.B. Mk 3, 1-5) liefert, handelt es sich nicht in einem einzi- gen Fall um eine Erzählung, die eine dem Textstück Mk 4, 35-41 wirklich ver- gleichbare Formalstruktur aufweist; auch dann nicht, wenn ein Text nicht erst dann als vergleichbar gelten soll, wenn hinsichtlich formaler Strukturen eine vollständige Kongruenz zu erwarten ist.90

Es sollen solche Wundertexte als vergleichbar gelten, in denen wie in Mk 4, 35-41 das Wundergeschehen einen relativ breiten Raum einnimmt und den erzählerischen Schwerpunkt bildet. Hierzu zählen z.B. Mk 1, 29-31, Mk 7, 31-37 und Mk 8, 22- 26. Es zeigt sich, daß diese Texte allesamt ein Mk 4, 35-41 identisches, am Ereignis des Wunders orientiertes Formalgerüst enthalten, das aus den folgenden drei Ele- menten besteht: zunächst die Darstellung der Notsituation91, der eine diese Situation vorbereitende Szene vorangestellt sein kann,92 anschließend die Darstellung des wunderwirkenden Eingreifens des Wundertäters93, der eine Bitte um Hilfe vorange- stellt sein kann,94 schließlich die Darstellung des Ergebnisses der Wundertat95, der ein staunender Ausruf oder eine andere Reaktion nachgestellt sein kann.96 Somit ist jeder Wunderbericht offenbar nicht nur aus notwendigen, sondern auch aus einigen möglichen, d.h. nicht an allen Texten verifizierbaren Formelementen zusammenge- setzt. Aus der vollständigen Kongruenz der drei den Wunderbericht jeweils tragen- den Formelemente kann aber schon jetzt geschlossen werden, daß die Texte unter dem Einfluß einer gemeinsamen Gattung standen, der hier zweckmäßigerweise die Bezeichnung „Wundererzählung“97 gegeben wird. Bevor die Frage aufgegriffen wird, ob die möglichen Formelemente eine weitere formale Differenzierung nötig machen, soll folgendes Zwischenergebnis festgehalten werden:

Wundertext (= Text, der in irgendeiner Weise von einem Wunder handelt) Gattung Wundererzählung (= Wundertext, dessen erzähleri- Gattung scher Schwerpunkt - das Wunder - dadurch gekennzeichnet ist, daß er von dem folgenden - am Ereignis des Wunders orientierten - drei- Apoph- teiligen Gliederungsschema getragen wird:) thegma

1. Notsituation (mögl. mit szen. Einleitung)
2. Eingreifen des Wundertäters (mögl. mit Bitte)
3. Ergebnis der Wundertat (mögl. mit Reaktionen)

Mit der Beschreibung des formalen „Gerüstes“ ist jedoch erst das Auffinden des al- len Wundererzählungen kleinsten gemeinsamen Nenners gelungen. Um die individu- elle Gestalt der Wundererzählungen daraufhin zu überprüfen, was noch in der Le- bendigkeit der Überlieferung und was schon in der Durchbrechung formaler Ge- setzmäßigkeiten begründet liegt, wird eine weitere Differenzierung nötig sein. Frag- lich ist jedoch, nach welchen Kriterien man neue Grenzlinien ziehen soll, um eine feinere Kategorisierung zu erreichen.

R. Bultmann hat die Wundererzählungen nach phänomenologischen Gesichtspunk- ten durchgesehen und dabei u.a. festgestellt, daß einige Wunder an Menschen, ande- re hingegen an der Natur geschähen; er unterschied somit „Heilungswunder“ von „Naturwundern“.98 Man hat vielfach gefragt, was formgeschichtlich mit dieser rein phänomenologischen Differenzierung gewonnen sei.99 D.-A. Koch hat jedoch zu Recht darauf hingewiesen, daß R. Bultmanns phänomenologische Differenzierung auch eine wichtige theologische impliziert: Während Heilungswunder das Element der Güte Jesu stärker herausheben, in dem sie den Akzent auf Hilfe und Geholfene legen, rückt in den Naturwundern „die Macht des schlechthin überlegenen Wunder- täters stärker in den Mittelpunkt der Erzählung“100, somit auch die von dieser Macht Überwältigten.101

Am zweckmäßigsten erscheint es, die Wundererzählungen nach thematischen Ge- sichtspunkten weiter zu untergliedern, wie es G. Theissen eindrucksvoll vorgeführt hat.102 Da bei Mk 4, 35-41 die Jünger als Adressaten und ihr Boot als Ort des Wun- ders in den Vordergrund treten (vgl. Mk 4, 38b.40.41), ordnet G. Theissen das Text- stück einer Untergattung von Wundererzählungen zu, die er die Gattung der Ret- tungswunder nennt.103 Diese (Unter-)Gattungsbestimmung ist insofern gut begrün- det, als G. Theissen zahlreiche Texte innerhalb und außerhalb des Neuen Testaments nennen kann, die ein ähnliches bis gleiches Motivarsenal aufweisen.104 Mk 4, 35-41 ist demnach durch folgende Motive konstituiert:

Gattung Wundererzählung

Untergattung Rettungswunder (= Wundertext, dessen erzählerischer Schwerpunkt - das aus der Perspektive der Jünger erlebte Wunder - dadurch gekennzeichnet ist, daß es um folgende „Jüngermotive“ ergänzt wird:)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[105]

Anzumerken bleiben jedoch die folgenden formalen Unebenheiten:106 Da ist zunächst der eigenartig singuläre Charakter des Jüngertadels, der ein deutlicher Hinweis auf eine formale Bruchstelle sein könnte (wenn er sich auch thematisch recht gut in den Zusammenhang eines ja die Jünger „ansprechenden“ Rettungswunders einordnen läßt). Ein noch weitergehender Schluß müßte sogar diesbezüglich gezogen werden, wenn Markus107 die Form vollständig „aufgebrochen“ und eine ursprüngliche Wun- dererzählung in eine „Jüngergeschichte“108 verwandelt hätte.109 Weiterhin fällt auf, daß das Formelement „Bitten und Vertrauensäußerung“ bei Mk 4, 35-41 einen im Vergleich zu anderen Texten ungewöhnlich scharfen Ton hat, ja eher den Charakter eines Vorwurfs als den einer Bitte (gewonnen) hat.110 Schließlich muß erwähnt wer- den, daß die „Szenische Einleitung“ relativ ausführliche Orts- und Zeitangaben ent- hält.111 - Um entscheiden zu können, ob die genannten formalen Unebenheiten auf literarische Schichtung deuten, müßten auch im Rahmen der literargeschichtlichen Analyse entsprechende Indizien gefunden werden.

III. Diachrone Betrachtung des Textes:

1. LITERARGESCHICHTLICHE ANALYSE

Eine literargeschichtliche Analyse versucht, die literarische Vorgeschichte eines Tex- tes zu rekonstruieren. Sie geht somit davon aus, daß die uns heute vorliegende Text- gestalt erst das Endprodukt eines u.U. mehrstufigen Prozesses schriftlicher Gestal- tung im NT darstellt, an der neben dem Erstverschrifter möglicherweise auch Gene- rationen von Redaktoren beteiligt waren. Das Interesse dieser meist in Gruppen ar- beitenden Redaktoren war ein zweifach assimilatorisches: zunächst die Anpassung der Texte an veränderte kontextuelle Gegebenheiten,112 schließlich die Anpassung der Texte an veränderte theologische Auffassungen. In zwei Schritten soll deshalb im folgenden ermittelt werden, welche Textelemente a) eher113 aus technisch- kontextuellen Gründen eingefügt oder verändert wurden (mit dem Gewinn der (Wie- der-)Herstellung einer externen Kohärenz!), und welche Textelemente b) eher111 aus inhaltlich-theologischen Gründen eingefügt oder verändert wurden (auch um den Preis interner Kohärenzstörungen!).114

a.) Externe Kohärenz (Verhältnis von Text und Kontext)

Bereits die narratologische Analyse hat deutlich gezeigt, daß die Perikope Mk 4, 35- 41 sprachlich eng mit dem voraufgehenden Kontext verknüpft ist.115 Da aber eben- falls deutlich geworden ist, daß Mk 4, 35-41 in inhaltlicher und formaler Hinsicht völlig geschlossen wirkt,116 muß angenommen werden, daß die sprachliche Anknüp- fung an Mk 4, 1-34 erst redaktionell hergestellt worden ist.117 So hat die Proform autoij möglicherweise ein vorheriges Ihsouj toij maqhtaij verdrängt, und ein sekundä- res kai am Anfang des Verses 35 den direkten Anschluß nach „oben“ geschaffen. Das en ekeinh th hmera oyiaj genomenhj ist ebenfalls rein „erzählerisch- kontextorientiert“118, so daß auch diese Zeitangabe als ein späterer Einschub angese- hen werden muß.119 Auch das folgende dielqwmen eij to peran gehört wahrscheinlich nicht zum ursprünglichen Bestand der Wundererzählung:120 zwar könnte dem Auf- bruch mit dem Boot eine Aufforderung Jesu vorangestanden haben (um zu zeigen, daß es Jesus ist, der die Verantwortung für das folgende Geschehen behält), doch korrespondiert das eij to peran so deutlich, ja ausschließlich (!) mit einer Begebenheit außerhalb der Wundererzählung (die Ankunft in Gerasa in 5,1), daß der Jüngerbe- fehl um der externen Kohärenz willen sicherlich erst nachträglich eingefügt worden ist. Für die Wundererzählung entbehrlich ist weiterhin der Hinweis (kai) afentej ton oclon: seine Bedeutung erschließt sich allein vor dem Hintergrund der vorherigen Seepredigt Jesu.121 Da es für den Sturmbericht von Vers 37ff. zwar einerseits wich- tig zu wissen ist, daß Jesus mit seinen Jüngern in einem Boot sitzt, da sich aber an- dererseits aufgrund des jetzigen Kontextes (vgl. Mk 4, 1ff) ein entsprechender expli- ziter Hinweis erübrigt, hat vermutlich ein Redaktor in die Erzählung eingreifen müs- sen, indem er einen ursprünglichen (knappen) Hinweis „Jesus fuhr mit den Jüngern in einem Boot“ durch kai ... paralambanousin auton wj hn en tw ploiw (vgl. Mk 4,1) ersetzte. - Fazit: Die ursprüngliche szenische Einleitung von der Wundererzählung Mk 4, 35-41 könnte etwa so gelautet haben: „Jesus fuhr mit den Jüngern in einem Boot; auch andere Boote waren bei ihm.“

b.) Interne Kohärenz (Einheitlichkeit des Textes)

Zwar finden sich innerhalb des verbleibenden Textstücks keine syntaktischen, sema- tischen oder logischen Kohärenzstörungen, doch es gibt Textelemente, die auf der Ebene des Erzählverlaufs etwas deplaziert wirken. So scheint der Jüngertadel von Vers 40 „den Zusammenhang von Wunder und Reaktion auf das Wunder“122 zu un- terbrechen.123 Wenn schon ein Jüngertadel, dann „erwartet [man] ihn vor dem wun- derbaren Eingreifen Jesu“124. Die narratologische Analyse konnte der Vers 40 inso- fern nicht „überraschen“, als er ja sehr deutlich auf den Jüngervorwurf von Vers 38 isoliert wirkt, da die V 37 kurs etwas isoliert wirkt, da die Jünger im folgenden Vers 41 in keiner Weise darauf reagieren.126 Somit könnte es sein, daß nicht nicht nur der Vers 40 als ein späterer Einschub zu bewerten ist, sondern daß auch der Vers 38 eine redaktionelle Überar- beitung erfahren hat, indem an die Stelle einer stilgerechten Bitte um Hilfe (etwa: „Hilf uns, daß wir nicht umkommen.“) ein Vorwurf (ou melei soi oti apollumeqa) getreten ist.127

2. REDAKTIONSGESCHICHTLICHE ANALYSE

Bevor die Zuordnung redaktioneller Textelemente zu zwei verschiedenen Bearbeiter- schichten aufgrund deren jeweiliger (theologischer) Intention ausführlich begründet wird, sei zunächst die These (in graphischer Gestalt) dargeboten. Freilich hat die Rekonstruktion einer solchen Redaktionsgeschichte immer auch hypothetischen Cha- rakter; erst recht, wenn sie bemüht ist, beinahe jedes Wort einer bestimmten Bear- beiterschicht zuzuordnen.128

Grundtext und redaktionelle Textelemente

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sturm und Sturmstillung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auswertung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

a.) Begründung einer Drei-Schichten-Hypothese

Daß es innerhalb von Mk 4, 35-41 mindestens zwei literarische Schichten - eine ur- sprüngliche und eine (end-)redigierende (= markinische) - gibt, ist bereits im Rah- men der literargeschichtlichen Analyse deutlich geworden.129 Folgende Beobachtung läßt den Schluß zu, daß neben, besser: vor Markus noch ein weiterer Redaktor tätig war, so daß wir schließlich von insgesamt drei literarischen Schichten auszugehen haben: Unterscheidet man zwischen den redaktionellen Seefahrtnotizen, die den Anschluß nach „oben“ leisten, und denen, die die Wundererzählung mit dem Nach- folgenden verbinden, so fällt auf, daß zwar a) die rückverweisenden Notizen zwei formal und inhaltlich völlig verschiedene Erzähleinheiten aneinander heften (Mk 4,

1-34: Lehrpredigt - Mk 4, 35-41: Wundererzählung), daß aber b) die vorausweisen- den Notizen die Verbindung mit einem Textkomplex schaffen (Mk 5, 1-43 = drei Wundererzählungen), der dem Textstück Mk 4, 35-41 formal und inhaltlich sehr verwandt ist.130 Eben diese Verwandtschaft ist es, die darauf hindeutet, daß die Wundererzählungen Mk 4, 35 - Mk 5, 43 (und einige weitere131 ) „bereits in vormarkinischer Überlieferung zu einer Wundergeschichtensammlung vereinigt worden“132 sein könnten, zumal neben inhaltlicher (Wunder!) und formaler133 Gemeinsamkeiten vor allem auch ein identischer - von Markus jedoch verschiedener!

- geistiger und theologiegeschichtlicher Ort vorliegt.134 - Fazit: Der Endredaktor Markus integrierte das Textstück Mk 4, 35-41 in sein Evangelium, als es bereits Eingang in eine vormarkinische Wundergeschichtensammlung gefunden hatte.

b.) (Theologische) Absicht des vormarkinischen Redaktors

Den vormarkinischen Redaktor wird das Interesse geleitet haben, Wundererzählun- gen gleichen christologischen Typs zu sammeln, um sie in einer geschlossenen „Edi- tion“ herauszugeben. Dabei konnte er den überlieferten, aus Einzelberichten beste- henden Traditionsstoff weitgehend unverändert lassen; durch den neuen (erweiterten) Erzählzusammenhang sind allenfalls chronologische und geographische Zusatzanga- ben nötig geworden.135 Die nun zu einer Sammlung vereinigten Wundererzählungen sind ausnahmslos von ein und derselben Christologie durchzogen, welche mögli- cherweise von der hellenistischen qeioj-anhr-Vorstellung geprägt wurde.136 Die Wun- der werden jedenfalls erzählt „unter dem Gesichtspunkt der Epiphanie“137: Jesus er- scheint in der Macht Jahwes.138 Doch auch ohne daß hier ein theologiegeschichtli- cher Zusammenhang mit dem Hellenismus explizit genannt oder auch nur still- schweigend für möglich gehalten wird - fast durchgängig wird mit Hinweis auf Mk 4, 35 - Mk 5, 43 als das Charakteristische der urchristlichen Wundererzähltradition vor allem das göttlich-machtvolle Auftreten Jesu hervorgehoben.139 Interessant wird es aber nun sein, welchen Akzent der Evangelist Markus der Wundererzählung Mk 4, 35-41 gegeben hat, denn erst er gab ihr die uns heute vorliegende Gestalt.

c.) (Theologische) Absicht des Markus

Sieht man von den redaktionellen Textelementen ab, mit denen Markus die 140 Integrati- on in seine Komposition leistet,141 so scheint durch seine redaktionelle Arbeit ein vor allem katechetisches Interesse. „Nicht Feigheit [V. 40a], sondern vertrauender Glaube [V. 40b[142]] ... auf die Macht Gottes, die in Jesus [auch in Wundern[143]] wirkte und wirkt, ist gefordert.“144 So gut der Leser des Evangeliums den ja allzumenschli- chen Vorwurf der Untätigkeit145 (V. 38) mit den Jüngern mitsprechen könnte, so gut soll er sich auch einbezogen fühlen in den Tadel der Feigheit und des (noch) man- gelnden Glaubens (V. 40). Dieser weist sich umso deutlicher als markinisch- redaktioneller Einschub aus, als er erst im Rahmen der markinischen Redaktion eine sinnvolle Funktion erkennen läßt: Da den Jüngern nach Ansicht des Evangelisten vor Ostern jedes Verstehen prinzipiell unmöglich ist,146 läßt er sie an vielen Stellen sei- nes Evangeliums - so auch hier mit V. 38/40 - ungläubig und unverständig ausse- hen.147 So fügt Markus die Wundererzählung Mk 4, 35-41 gleichsam als (negatives) „Paradigma der Bewährung der Jünger“148 in seine Komposition ein, möchte aber darüber den Wundertäter sicherlich nicht in den Hintergrund treten lassen.149 Dieser dominiert das Geschehen noch jetzt: schon in seiner schlafenden Gegenwart, erst recht in seinem wunderwirkenden Eingreifen, schließlich noch im staunend-ratlosen Ausruf seiner geheimnishaften Macht.150 Somit bleibt Mk 4, 35-41 trotz seines kate- chetischen Einschubs eine nach wie vor missionarisch intendierte Wundererzäh- lung151 - wie sie im übrigen gut in die markinische Konzeption des ja als euaggelion verstandenen Buches hineinpaßt.

3. BESTIMMUNG DES HISTORISCHEN ORTES

Urchristliche Wundererzählungen weisen in eine Zeit zurück, in der die Gemeinden noch so klein waren, daß noch viele Menschen dazu bewegt werden mußten, „sich der Gemeinde anzuschließen, die dem Unheil entronnen ist“152. So haben urchristli- che Wundererzählungen vor allem eine „missionarische Intention“153, indem sie allen

Menschen, die mit der Gemeinde Jesu Christi mitgehen werden, Rettung, Heil und Erlösung verheißen. G. Theissen faßt den Inhalt dieser missionarischen Intention gut zusammen mit der Glaubensformel: „Dein Glaube hat dich gerettet“.154 Zu Recht weist G. Theissen aber auch darauf hin, daß urchristliche Wundererzählungen zu- dem eine „geschichtliche Intention“ haben, indem sie die Erinnerung wachhalten wollen an den, der in der Macht Gottes sogar Wunder gewirkt hat.155 So oder so aber haben urchristliche Wundererzählungen ihren „Sitz im Leben“ jedenfalls in den Be- mühungen um die Verbreitung der christlichen Botschaft, mit einem Wort: in der Mission.156

Von daher ergeben sich nun auch Anhaltspunkte für die Frage, warum überhaupt Mk Wundertextstoff (in so umfangreicher Weise!) aufgriff, welche Funktion er ihm in seinem Evangelium zudachte, aber auch noch einmal: welche Absicht er bei seiner redaktionellen Arbeit verfolgte. Denkbar ist hier jedoch vieles: Möglicherweise war es gerade der missionarische Charakter der urchristlichen Wundererzähltradition, der Mk Wundererzählungen in sein Werk integrieren ließ, da sich der Schreiber des Evangeliums das missionarische Anliegen der ersten Christen schlicht zu eigen ge- macht hat. Meistens geht man heute jedoch davon aus, daß Mk mit der Aufnahme und Bearbeitung von Wundererzählungen vor allem auf eine historisch veränderte, inzwischen durch große theologische Vielfalt157 gekennzeichnete Situation reagieren wollte: daß er theologisch neu akzentuierte, sich also nicht mit der bloßen Übernah- me vorhandenen Traditionsgutes begnügte, deutet in der Tat darauf hin, daß er be- wußt in eine neue - in seine eigene - Zeit hineinzusprechen beabsichtigte. So ist denkbar, daß Mk angesichts einer von ihm vielleicht als unerträglich empfundenen Gefahr einer theologischen „Zersplitterung“ (vgl. Anm. 155) möglichst viele(s) in sein Evangelium integrieren wollte, somit das Ziel hatte, auch konträre, sich mitt- lerweile (vermutlich aus der weitläufigen Verkündigungspraxis) entwickelte theolo- gische Positionen innerhalb des Urchristentums zu harmonisieren, genauer etwa: vorherrschende Wundertäter-Christologien in einer theologia crucis aufzulösen.158 Darauf verweist zumindest, daß Mk die Messianität Jesu in den traditionell missio- narischen Wundererzählungen durch Einfügung der Motive des Jüngerunverständ- nisses159 und des Messiasgeheimnisses „verhüllte“, d.h. erst vom Kreuz her erkenn- bar machte. Sichere Urteile sind hier jedoch nur sehr selten zu fällen; es bleibt be- züglich theologiegeschichtlicher Abhängigkeiten zwischen Mk und seiner Umwelt leider meist nur die Möglichkeit der Spekulation.160

IV. Religionsgeschichtlicher Vergleich:

Auch der religionsgeschichtliche Vergleich muß behutsam sein, wenn es um den Aufweis von Analogien oder Abhängigkeiten geht. Trotzdem können zahlreiche Wundertexte aus der jüdischen und hellenistischen Umwelt als vergleichbar gelten, da sie einen dem Textstück Mk 4, 35-41 identischen Erzählinhalt („Rettung aus Seenot“), oft sogar auch eine sehr ähnliche, zumindest in einigen Motiven realisierte Formalstruktur161 besitzen. Exemplarisch sei hier nur der spätjüdische Wundertext von der Sturmstillung durch das Gebet eines jüdischen Kindes auf einem heidnischen Schiff (pBerakh 9, 13b)162 herausgegriffen, an dessen Explikation das Charakteristi- sche vor allem des ntl. Textes hervortreten soll. Zunächst aber: Hier wie dort wird uns die Geschichte von einem Juden erzählt, der im Sturm auf einem Schiff schläft, und dann durch Anrufen seines Gottes den Sturm zum Schweigen bringt. Nahezu wörtlich identisch ist die Konstatierung des Wunders: Im spätjüdischen Text heißt es: „... und es schwieg das Meer“. Auf einer anderen Ebene jedoch werden auch die Unterschiede deutlich: (1) Wie im Rahmen dieser Arbeit bereits mehrfach deutlich geworden ist, thematisiert der Text Mk 4, 35-41 nur vordergründig Rettung aus Seenot; in Wirklichkeit geht es um die (göttliche) Macht des Wundertäters schlecht- hin, an die die Geretteten zunächst nicht glauben können. Bei dem spätjüdischen Wundertext ist eine solche Metaebene nicht zu erkennen; dies legt es nahe, gegen- über Mk 4, 35-41 viel eher an eine historische Begebenheit als Entstehungsanlaß des Textes zu denken. (2) Damit, daß in der ntl. Wundererzählung das Thematische be- deutungsmäßig (weit) über das Narrative hinausreicht, ist in ihr gegenüber der jüdi- schen Rettungsgeschichte viel mehr Raum für eine symbolhafte Auslegung gegeben: So wird aus Rettung aus Seenot als Lebensrettung beispielsweise Rettung aus Glau- bensnot als Heilstat Gottes.163 (3) Damit verbunden ist auch die Möglichkeit, die ntl. Wundererzählung paränetisch zu verstehen:164 Aus Glaubensnot gerettet werden dann die Leser (bzw. Hörer), die sich durch die zu „Beispielerzählungen“ (R. Kratz) erhobenen Wundererzählungen unterweisen lassen.165 Dieser paränetische Zug läßt sich in der Erzählung vom kindlichen Wundertäter nicht finden. (4) Schließlich: Der spätjüdische Wundertext hat zweifellos vor allem eine geschichtliche Intention (Er- innerung wachhalten), die ntl. Wundererzählung vor allem eine missionarische In- tention.166 Letzteres wird neben dem bisher Gesagten auch darin deutlich, daß in Mk 4, 35-41 - verglichen mit seinem jüdischen Paralleltext - viel eher die Tendenz zu beobachten ist, eine in der Tradition bekannte Wundertat überbieten zu wollen.167 So geht man davon aus, daß zwar beide hier zu besprechende Texte die jüdische Jona- Geschichte (Jon 1-2) kennen, daß aber nur die ntl. Wundererzählung „intendiert [ist] nach dem Motiv ‘Hier ist mehr als Jona’“168.

Fazit: Im religionsgeschichtlichen Vergleich mit der jüdischen Wundererzählung vom kindlichen Wundertäter zeigt sich noch einmal das besondere Profil der christ- lichen Wundererzählung: Sie tritt aus der historischen „Ebene“ heraus, und erhält dabei eine missionarische, katechetische, paränetische „Tiefe“. Zu deutsch: sie will ihre Leser/Hörer zum Glauben wecken oder im Glauben stärken, dort, wo es nötig ist, sogar zum Glauben ermahnen. Im Glauben (an die Macht Gottes in Christus) geschieht nämlich das, worauf es dem Erzähler ankommt: die Überwindung von To- des- und Lebensängsten auch im Angesicht größter äußerer Gefahren.

D. SCHLUSS

I. Zusammenfassung exegetischer Ergebnisse:

Bevor hermeneutische Überlegungen zeigen, inwiefern Mk 4, 35-41 auch über sei- nen historischen Kontext hinaus interpretierbar ist, soll dieser noch einmal zusam- menfassend in Erinnerung gerufen werden: Die Sturmstillungserzählung Mk 4, 35- 41 ist eine weitgehend stilechte Rettungswundererzählung, die sich nur durch die theologisch akzentuierende mk Redaktion in V. 38/40 von ihrer gattungsmäßigen Umgebung abhebt. Hierdurch hat aber die ursprünglich ausschließlich missionarisch intendierte Wundererzählung zusätzlich katechetisches Profil gewonnen, indem sie neben der „Stärke“ Jesu (souveräner Herr über die Naturgewalten) nun auch eine „Schwäche“ der Jünger zeigt, die sich beim Leser des Evangeliums nicht wiederho- len soll: (noch) fehlender Glaube an die göttliche Macht Jesu, die größer ist als die der atl. Propheten (z.B. Jona) oder sonstiger (z.B. hellenistischer) Wundertäter. Die Wundererzählung gewinnt umso mehr den Charakter eines „Paradigma[s] der Be- währung“ im Glauben (R. Pesch), als Mk sie als Teil einer bereits existierenden Wundergeschichtensammlung direkt an einen Textkomplex anfügte, in dem Jesus gleichnishaft seine Lehre entfaltet. Nicht zuletzt mit dieser kompositionellen Einord- nung hat es Mk erreicht, daß sich Jesu Wort und Tat als eine geschlossene Einheit darstellt. Von daher fällt aber auch wiederum Licht auf das, was das Besondere spe- ziell unserer Wundererzählung ausmacht: Dieser, dem auch Wind und Meer gehor- chen, ist der, von dem die Gemeinde im Anblick seiner Macht und des mangelnden Glaubens der Jünger „Trost und Glaubensmut gewinnen [darf] - und ihr geschieht das Wunder des Glaubens“169.

II. Hermeneutische Besinnung:

Was für unsere Ohren zunächst wie sachliche, eher nüchterne Berichterstattung klingt, gewinnt bei weiterem Hineinhören eigentlich etwas ungemein Anschauliches: die Nachtzeit, die eilige Abfahrt des Schiffes, die Begleitung durch andere Boote, der plötzliche Sturm, das sinkende Schiff, der schlafende Jesus, die Ratlosigkeit der Jünger, das wunderwirkende Wort Jesu und seine Wirkung, die große Furcht der Menschen; all das macht das Szenario sehr gut vorstellbar. Im Gegensatz hierzu steht jedoch das Geschehen als solches: ein Machtspruch Jesu als sturmstillende Kraft, das ist kaum nachvollziehbar! Hierin liegt für uns meist ein großes Ärgernis, das wir oftmals in symbolischen Auslegungen zu überwinden suchen. Gewiß, schon die hist.-krit. Exegese hat gezeigt, daß die Wundererzählung viel Raum für symboli- sche Auslegungen gelassen hat,170 da das Schwergewicht der Erzählung von der Wundertat Jesu auf den (fehlenden) Glauben der Jünger übergegangen ist.171 Den- noch: die Wundererzählung verlöre sicherlich viel an Aussagekraft, wenn wir bei ihr nicht auch das göttlich-machtvolle, ja auch Wunder hervorbringende Auftreten Jesu betonten. Eine gleichnishafte Deutung muß hierdurch ja nicht ausgeschlossen wer- den: Auch wir beschreiben unser Leben gern als eine Fahrt von Ufer zu Ufer, bei der wir manchmal auch recht „stürmische“ Zeiten erleben. Es gibt Momente, in denen wir dabei nicht nur nicht weiter wissen, sondern in denen plötzlich unsere ganze (Über-)Lebensangst hervorbricht, der wir dann nur noch lamentierend oder gar in Schuldzuweisungen begegnen zu können meinen. Genau an dieser Stelle aber könnte uns die Geschichte von der Sturmstillung sagen wollen: Du darfst auch in scheinbar ausweglosen Situationen auf wunderbare Hilfe hoffen, denn du sitzt mit Jesus „in einem Boot“. Allerdings: Geh’ mit deiner Angst richtig um, denn sie deutet nicht zwangsläufig auf das Ende deines Lebens hin172 - entbindet dich somit von jeder Ak- tivität (auch Hoffnung und Vertrauen ist Aktivität!) -, sondern sie ist ein Teil des Lebens, der konstruktiv genutzt werden kann und muß. Genau hier aber liegt das Versagen der Jünger: aus dem vorwurfsvollen Ton und Inhalt ihrer Frage (V. 38) spricht die reine Resignation und Hoffnungslosigkeit173 - keine Spur von Glauben oder Vertrauen. Der Tadel Jesu (V. 40) ist ihre unmißverständliche Quittung: „Was seid ihr verzagt; habt ihr noch keinen Glauben?“ Wir - durch Identifikationsprozesse in das dramatische Geschehen längst einbezogen174 - sollten den hiermit wohl auch an uns gerichteten Appell heraushören: Macht es den Jüngern nicht nach, seid nicht feige, seid aktiv, glaubt an das Wunder der „Macht des Glaubens im Zusammenhang mit der Allmacht Gottes“175.

E. LITERATURVERZEICHNIS

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[...]

1 F. Hahn, Der Ertrag der historisch-kritischen Bibelauslegung für den Glauben und die Kirche, in: A. Raffelt (Hrsg.), Begegnung mit Jesus? Was die historisch-kritische Methode leistet, Düsseldorf 1991, S. 68.

2 Bevor literarkritische Urteile gefällt werden können, muß die „Sprachgestalt“ sowie die „formale[...] Gestalt der zu untersuchenden Texteinheit“ (P. Dschulnigg, Sprache, Redak- tion und Intention des Markus-Evangeliums, S. 284) bekannt sein! - Vgl. auch M. Theo- bald, Der Primat der Synchronie vor der Diachronie als Grundaxiom der Literarkritik, in: BZ 22 (1978), S. 161-186.

3 Die griechischen Präsensformen, die ohne Zweifel als Formen des praesens historicum aufzufassen sind, wurden im Deutschen in ein angemessenes Vergangenheitstempus über- tragen.

4 Es ist nicht sicher zu entscheiden, welche der Bedeutungen von afihmi dem hier Gemein- ten am nächsten kommt. Die Übersetzung „entlassen“ ist geeignet, wenn man zum Aus- druck bringen möchte, daß der ocloj jedenfalls nun von seiner Aufmerksamkeitspflicht für Worte Jesu entbunden ist, da Jesus seine Rede (vgl. Mk 4, 1-34) beendet hat und aufzubre- chen gedenkt. Ob Jesus und die Jünger den ocloj auch „weggeschickt“ haben, muß dahin- gestellt bleiben.

5 Aufgrund des appositionalen Charakters dieses Satzes ist das kai mit „auch“ besser widergegeben, als mit „und“.

6 Die hier gegebene Übersetzung setzt die Ergebnisse der textkritischen Analyse voraus.

7 Die inhaltliche Relevanz des Problems zeigt sich schon darin, daß die widersprüchlichen textkritischen Lösungsvorschläge bzw. ihre Begründungen in der Literatur einen - gemessen an anderen textkritischen Problemen - relativ breiten Raum einnehmen, vgl. z.B. R. Pesch, Das Markus-Evangelium, S. 268.275; A. Lindemann, Die Erzählung der Machttaten Jesu, S. 189 - versus - W. Schmithals, Das Evangelium nach Markus, S. 257; J. Gnilka, Das Evangelium nach Markus, S. 196.

8 Alle anderen textkritischen Probleme gelten im Folgenden als durch Nestle/Aland gelöst, d.h., es wird von dem Text N[26]/[27]ausgegangen.

9 Das besondere Gepräge der jeweiligen Lesart ist gekennzeichnet durch einen individuel- len Text im Mittelteil des Verses 40b, der hier durch die Zeichen >>...<< eingerahmt ist.

10 Aufgelistet in N[27], S. 713.

11 „Häufig ist die Verzeichnung mit ‘vid’ ... bei Korrekturen erforderlich, wenn der ursprüngliche Text der Handschrift nicht mehr eindeutig zu lesen ist.“ N[27], S. 13*, Erläuterung des Sigels „vid“.

12 Vgl. N[27], S. 101.

13 Vgl. Mt 8, 26: oligopistoi; („ihr Kleingläubigen“); Lk 8, 25: pou h pistij umwn; („Wo ist euer Glaube?“).

14 Es soll hier noch nicht der Versuch unternommen werden, das Geschehen, das in dieser Erzählung entweder explizit genannt oder wenigstens implizit mitgemeint ist, in einer höheren Abstraktionsebene aufzulösen (z.B. Sturm = Notlage oder Sturmstillung = Ret- tungswunder). Vielmehr soll zunächst - formkritische Erwägungen bewußt noch ausblen- dend - versucht werden, den Text in seinem szenischen Ablauf nachzuempfinden.

15 Dies wird schon an den Proformen innerhalb Mk 4, 35 deutlich, die sich zweifellos auf (kurz) zuvor Genanntes beziehen, z.B. kai legei autoij oder en ekeinh th hmera.

16 Indirekt knüpft freilich auch Mk 5, 1 an Vorheriges an: Das Boot, das am anderen Ufer des Sees ankommt, ist dasselbe, das in Mk 4, 36 aufgebrochen ist.

17 Vgl. F. Schnider, Rettung aus Seenot, S. 385. (en ekeinh th hmera oyiaj genomenhj) und räumlichen (dielqwmen eij to peran) Ein-

18 Daß Jesus Subjekt des legei ist, ergibt sich aus dem Kontext. Seitdem Jesus in Mk 3, 7 zum letzten Mal ausdrücklich genannt ist, ist dieser der einzige Handlungsträger im Singular stehender, das Subjekt implizierender Verbformen.

19 Zwar ist mit kai legei autoij bzw. kai elegen autoij oft der ocloj gemeint (zuletzt in Mk 4, 24), doch sind in Mk 4, 35 ausschließlich die Jünger angesprochen. Dies ergibt sich aus zweierlei: zum einen sind die maqhtai kurz vorher (Mk 4, 34) genannt, zum andern wird der ocloj in Mk 4, 36 „entlassen“.

20 Vgl. z.B. Mk 9, 2; 11, 12; 14, 12; 15, 1.33.42; 16, 1(.9).

21 R. Pesch, Das Markus-Evangelium, S. 269.

22 Vgl. R. Pesch, ebd.

23 Vgl. E. Schweizer, Das Evangelium nach Markus, S. 56.

24 Nicht deutlich ist mir das Anliegen W. Grundmanns, in diesem Zusammenhang auf die Grundbedeutung des Verbums diercomai, „hindurchgehen“, hinzuweisen. Vgl. W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, S. 104.

25 Vgl. J. Gnilka, Das Evangelium nach Markus, S. 195.

26 G. Theissen hat überzeugend nachgewiesen, daß mit talassa der See Genezareth bezeichnet ist. Vgl. G. Theissen, Lokalkolorit, S. 112-115.

27 F. Schnider, Rettung aus Seenot, S. 385.

28 Zur Bedeutung von afihmi vgl. Anm. 2, S. 4.

29 R. Pesch, a.a.O., S. 270.

30 Vom Boot aus (vgl. Mk 4, 1) hatte Jesus lehren müssen, da sich eine sehr große Menge um ihn versammelte. Offenbar soll die Wendung von Mk 4, 36 mit dem bestimmten Artikel vor ploion anzeigen, daß sich Jesus noch immer in demselben Boot befindet. Vgl. A. Lindemann, Die Erzählung der Machttaten Jesu, S. 187.

31 A. Lindemann, a.a.O., S. 188.

32 F. Schnider, a.a.O., S. 386.

33 Vgl. W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, S. 104.

34 Gegen J. Gnilka, vgl. ders., a.a.O., S. 195. G. Schille hingegen rechnet zu Recht mit einem „größeren Zeugenkreis“, vgl. ders., Die Seesturmerzählung, S. 31. - Dies könnte schon ein Anhaltspunkt dafür sein, daß die Perikope ursprünglich eine reine Wunderge- schichte war - ohne das Augenmerk speziell auf die Jünger richten zu wollen. - Ausführli- cher hierzu aber erst die Ausführungen innerhalb der form- und redaktionsgeschichtlichen Fragestellung, s.u. S. 20ff.

35 D. Lührmann, Das Markus-Evangelium, S. 96.

36 Daß in der Tradition möglicherweise einmal vom „Untergang dieser Boote“ berichtet worden ist, wie G. Theissen erwägt (in: ders., Urchristliche Wundergeschichten, S. 110), kann nicht nachgewiesen werden.

37 D. Lührmann, a.a.O., S. 96.

38 A. Lindemann, a.a.O., S. 188.

39 R. Pesch, a.a.O., S. 271.

40 W. Grundmann, a.a.O., S. 104.

41 Wahrscheinlich steht der Satz Mk 4, 37ba im Imperfekt, weil er inhaltlich in starker Abhängigkeit zu Mk 4, 37a steht. Während das den weiteren Verlauf der Perikope dominierende Ereignis mit Mk 4, 37a benannt ist, schildert Mk 4, 37b „nur“ die Konsequenzen für die von diesem Ereignis betroffenen Personen. Vgl. o. S. 10.

42 Vgl. R. Pesch, a.a.O., S. 271.

43 W. Grundmann, a.a.O., S. 104.

44 D. Lührmann, a.a.O., S. 97.

45 A. Lindemann, a.a.O., S. 188.

46 Nach W. Bauer bezeichnet prumnh „das äußerste Hinterende des Schiffes“. Vgl. W. Bauer, Griechisch-deutsches Wörterbuch, Sp. 1437.

47 Ob to proskefalaion ein einfaches Kopfkissen oder - wegen des bestimmten Artikels -das Sitzkissen des Matrosen bzw. des Steuermanns bezeichnet, kann nur spekuliert werden.Eine Diskussion über dieses Bedeutungsproblem braucht im Rahmen unserer Fragestel- lung jedoch nicht stattzufinden, vgl. hierzu die weiteren Ausführungen.

48 J. Gnilka, a.a.O., S. 195. Mir ist nicht deutlich, wie Gnilka dennoch zu dem richtigen Urteil kommen kann, daß Jesu Schlafen „Ausdruck seiner Souveränität und Sicherheit“ (ders., ebd.) ist.

49 Vgl. R. Pesch, a.a.O., S. 271.

50 Vgl. W. Grundmann, a.a.O., S. 104; R. Pesch, a.a.O., S. 272. - Von den Anstrengungen der Jünger wird nicht berichtet, doch wird man davon ausgehen dürfen, daß sie als erfahrene Seeleute zunächst alles in ihren Kräften Stehende versucht haben werden, um die gefährliche Situation zu bannen.

51 F. Schnider, a.a.O., S. 388.

52 Aus dem apollumeqa geht hervor, daß die Jünger „die entstandende Situation als ihren unmittelbar bevorstehenden Untergang deuten“ (A. Lindemann, a.a.O., S. 188).

53 Formal ist die wörtliche Rede von Mk 4, 38bb als eine Frage anzusehen (wegen des syn- taktischen Zeichens >> ; <<). Ob der Satz tatsächlich als Frage gemeint ist (oder nicht eher als Vorwurf, Hilferruf, interjektiver Ausruf etc.), ist ein Problem der Deutung!

54 Ohne Zweifel ist Jesus der Adressat der Jüngerfrage. Dies ergibt sich zum einen aus der Proform (legousin) autw, die schon mehrfach innerhalb dieser Perikope anstelle der aus- drücklichen Nennung Jesu stand, und zum anderen aus der Anrede didaskale, die, wie der weitere Verlauf des Evangeliums zeigt, noch öfter gebraucht wird, wenn jemand Jesus anspricht oder von ihm spricht (das nächste Mal in Mk 5, 35).

55 W. Grundmann, a.a.O., S. 104.

56 Vgl. A. Lindemann, a.a.O., S. 188.

57 Vgl. E. Lohse, Art. didaskaloj, in: ThWNT VI, S. 962-966.

58 Wahrscheinlich befürchten die Jünger nicht nur ihren eigenen Untergang, sondern auch den Jesu. Vgl. A. Lindemann, a.a.O., S. 188. - Gegen J. Gnilka, vgl. ders., a.a.O., S. 196.

59 J. Gnilka, a.a.O., S. 195.

60 D. Lührmann, a.a.O., S. 97.

61 Das diegerqeij knüpft an das Schlafen Jesu (Mk 4, 38a) bzw. an das Wecken der Jünger (Mk 4, 38b) an. Somit läßt Jesus nicht etwa die Gefährlichkeit des Sturms, sondern allein die aufgeregte Reaktion der Jünger erwachen. - A. Lindemann meint sogar, daß das „ei- gentlich unnötige“ diegerqeij nur „suggerieren“ soll, „daß Jesus zuerst einmal überhaupt

62 Mit dem epetimhsen (bzw. mit dem vorherigen, von ihm jedoch abhängigen diegerqeij) wechselt das Erzähltempus vom (historischen) Präsens zum Aorist. Während es zuvor wohl darum ging, die dramatischen Ereignisse möglichst lebhaft und unmittelbar darzu- stellen (praesens historicum), kann der Erzähler jetzt, wo Jesus souverän in das Geschehen einzugreifen im Begriff ist, etwas Ruhe in die Erzählung einkehren lassen.

63 Es ist m.E. allerdings denkbar, daß die beiden Vorgänge epitimein tw anemw und legein th talassh nicht als aufeinanderfolgende, sondern als gleichzeitige, vielleicht sogar als inein- ander aufgehende Vorgänge zu denken sind. Hier könnte versucht worden sein, besonde- res Gewicht in ein im Grunde singuläres Geschehen zu legen, indem man es in zwei ver- schiedene, durch kai miteinander verbundene Vorgänge aufgeteilt hat - etwa in der Art des in hebräischer Poesie geläufigen parallelismus membrorum.

64 Der sich aus zwei bedeutungsmäßig sehr verwandten Aorist-Imperativen zusammensetzende Schweigebefehl ist ein performativer Sprechakt. Schon mit dem Ausspruch des siwpa, perimwso tritt das ein, wovon in Mk 4, 39b berichtet wird.

65 Indizien: a) die gemeinsame Verwendung des Verbums gi(g)nesqai (vgl. zur Funktion von gi(g)nesqai o.S. 14); b) die Kennzeichnung der lailay bzw. der galhnh jeweils als me- galh.

66 Der Abschnitt Mk 4, 40-41 hat offenkundig nicht den Charakter eines Gesprächs. Die Fragen, die Jesus in Mk 4, 40 stellt, werden von den Jüngern in Mk 4, 41 weder beantwortet, noch nehmen sie darauf in sonst irgendeiner Weise Bezug. Indizien: a) Die Jünger sprechen nicht zu Jesus, sondern proj allhlouj; b) Wenn sie sagen kai o anemoj kai h talassa upakouei autw, beziehen sie sich ausschließlich auf Mk 4, 39.

67 Aus dem Kontext geht hervor, daß Subjekt des eipen ausschließlich Jesus sein kann, und daß mit der Proform autoij ausschließlich die Jünger gemeint sein können. Vgl. hierzu das kai legei autoij von Mk 4, 35 und die entsprechenden Anmerkungen in dieser Arbeit: Anm. 15/16, o. S. 12.

68 Vgl. zum Verhältnis zwischen Syntax und Pragmatik von Fragen Anm. 48, o. S. 16.

69 Der Begriff deiloj impliziert nicht nur das „verzagte“ Gemüt, sondern auch das schuldhaft kleingläubige oder argwöhnische Verhalten, hier also das vorwurfsvolle Fragen der Jünger (Mk 4, 38b). Vgl. W. Bauer, a.a.O., Sp. 345.

70 Mit der zweiten Frage von Mk 4, 40 wird das Wunder der Sturmstillung offenbar einen theologisch bedeutsamen Zusammenhang von Wunder und Glaube gestellt, vgl. F. Schnider, a.a.O., S. 389. - Ausführlich kann hierzu jedoch erst im Rahmen der redaktionsgeschichtlichen Fragestellung Stellung genommen werden (dort auch mehr zum theologischen Sinn des einschränkenden oupw), s.u. S. 30f.

71 Die zweite Frage kommt somit nicht „überraschend“ (gegen A. Lindemann, vgl. ders., a.a.O., S. 189), sondern enthält die notwendige, nach der ersten Frage noch schuldig ge- bliebene, im übrigen auch zu erwartende Deutung (dazu mehr innerhalb der redaktionsge-schichtlichen Fragestellung!) des Jüngerverhaltens, das mit der ersten Frage ja erst be- nannt ist!

72 Vgl. z.B. F. Schnider, a.a.O., S. 388; J. Gnilka, a.a.O., S. 196; R. Pesch, a.a.O., S. 274.

73 Vgl. F. Schnider, a.a.O., S. 392.

74 Vgl. zum epiphanialen Gehalt dieser Erzählung die Ausführungen im Rahmen der redaktionsgeschichtlichen Fragestellung, s.u. S. 30.

75 Vgl. H.R. Balz, Art. fobew/foboj, in: ThWNT IX, S. 205. - Ausgeschlossen wird also schon mit dem Begriff foboj, daß etwa noch immer die Furcht der Jünger während des Sturms gemeint sein könnte.

76 Die Imperfektform elegon deutet zunächst darauf hin, daß das, was die Jünger jetzt reden werden, in starker sachlicher Abhängigkeit zu ihrer foboj steht. Ferner könnte sie zu der Deutung anregen, daß die Jünger in ihrer Angst und unter dem Eindruck des Geschehens heimlich und leise flüstern. Auf jeden Fall aber geschieht ihr Reden (etwas) abseits von Jesus, denn sie reden nur proj allhlouj. Vgl. Anm. 54, o. S. 18.

77 Dies geschieht unter nochmaligem Aufgriff der zwei den Mittelteil dieser Perikope beherrschenden Begriffe anemoj und talassa.

78 W. Grundmann, a.a.O., S. 105.

79 Schon - aber nicht nur - grammatisch ist der oti-Satz von der vorherigen Frage tij ara outoj estin; anhängig.

80 Vgl. D. Lührmann, a.a.O., S. 97.

81 Vgl. die vielen, bis heute stark divergierenden Ansätze seit K.L. Schmidt, M. Dibelius und R. Bultmann. Lit. aufgelistet bei G. Strecker / U. Schnelle, Einführung, S. 78.

82 „Formgeschichte enthält ein synchronisches Moment: Sie analysiert Gattungen, das heißt, sie klassifiziert Ähnlichkeiten und Beziehungen von Texten, deren Gleichzeitigkeit in einem kulturellen Raum ein methodisches ... Absehen von ihrem historischen Nacheinander erlaubt.“ G. Theissen, Urchristliche Wundergeschichten, S. 11.

83 Somit wird schon durch die formgeschichtliche Analyse Material für die literargeschichtliche Analyse geliefert, insofern nämlich die Textelemente, deren Formen nicht mit der erfolgten gattungsmäßigen Zuordnung vereinbar sind, auf literarische Schichtung deuten können. Werden Brüche sichtbar, wird aber erst die Redaktionsgeschichte zu klären haben, worauf dies im einzelnen zurückzuführen ist. S.u. S. 27ff.

84 Z.B. Verortung des Senders in seine soziale und geschichtliche Situation, Bestimmung der typischen Kommunikationssituation für die verwendete Textgattung („Sitz im Le- ben“).

85 Aufgriff erst in Kapitel III, 3. Bestimmung des Historischen Ortes, s.u. S. 31f.

86 Vgl. Anm. 12, o.S. 9.

87 Vgl. H. Conzelmann/A. Lindemann, Arbeitsbuch, S. 86.

88 Mit dem Begriff „Wundertext“ ist hier noch keine gattungsmäßige Klassifizierung vor- genommen, sondern die Kennzeichnung der Perikope Mk 4, 35-41 als einen Text, der - wie auch (viele) andere urchristliche Texte - in irgendeiner Weise von einem Wunder handelt.

89 Z.B. Mk 2, 1-12, Mk 3, 1-5. - R. Bultmann vermutete mit Recht, daß diesen Wundertex- ten eine eigenständige Textgattung zugrunde liegt, da diese Texte allesamt ähnliche bis gleiche Formmerkmale aufweisen (dies kann hier jedoch nicht ausgeführt werden!); er nannte diese Wundertexte Apophthegmata (zu denen er allerdings auch Texte rechnete, die mit einem Wunder nichts zu tun haben). Vgl. R. Bultmann, Geschichte, S. 9ff.

90 Dies für die Annahme einer gemeinsamen Textgattung zu postulieren, wäre sehr problematisch, denn es verstellte den Blick dafür, daß die Überlieferung wohl viel zu lebendig ist, als daß sich ihre Texte in allen Einzelzügen in das vorgegebene Schema einer Textgattung pressen ließen. Vgl. K. Kertelge, Die Wunder Jesu, S. 44.

91 Vgl. z.B. Mk 1, 30; Mk 4, 37; Mk 7, 32; Mk 8, 22b.

92 Vgl. z.B. Mk 1, 29; Mk 4, 35-36; Mk 7, 31; Mk 8, 22a.

93 Vgl. z.B. Mk 1, 31a; Mk 4, 39a; Mk 7, 33-34; Mk 8, 23.25a.

94 Vgl. z.B. Mk 4, 38b; Mk 7, 32b; Mk 8, 22c.

95 Vgl. z.B. Mk 1, 31ba; Mk 4, 39b; Mk 7, 35; Mk 8, 25b.

96 Vgl. z.B. Mk 1, 31bb; Mk 4, 41; Mk 7, 37.

97 Im folgenden wird mit dem Begriff „Wundererzählung“ stets der Gattungsbegriff be- zeichnet. - Die Problematisierung des Gattungsbegriffs „Wundererzählung“ durch K. Ber-ger (vgl. ders., Formgeschichte des Neuen Testaments, S. 305ff.) kann im Rahmen dieser Arbeit aus Platzgründen leider nicht berücksichtigt werden.

98 Vgl. R. Bultmann, Geschichte, S. 223ff.

99 Vgl. K. Kertelge, Die Wunder Jesu, S. 41ff; G. Theissen, Wundergeschichten, S. 107.

100 D.-A. Koch, Die Bedeutung der Wundererzählungen, S. 92.

101 Vgl Mk 4, 41; dazu o.S. 20: „Bemerkenswert ist, daß die Jünger ... nicht den Aspekt ihrer Lebensrettung hervorheben, sondern den, daß Jesus überhaupt fähig ist, Wind und Meer zum Schweigen zu bringen.“

102 G. Theissen, Urchristliche Wundergeschichten, Gütersloh 1974.

103 Vgl. G. Theissen, Urchristliche Wundergeschichten, S. 107ff.

104 Vgl. ebd.

105 In Mk 4, 38a das Motiv vom „Sich-Entziehen des Wundertäters“ zu sehen, halte ich für etwas künstlich. - Im übrigen läßt ein Vergleich mit anderen „Rettungswundern“ den Schluß zu, daß die Ausführlichkeit von Mk 4, 38 eine Besonderheit der Perikope Mk 4, 35-41 darstellt, und - wie schon im Rahmen der narratologischen Analyse gezeigt - schon durch ihre inhaltliche Funktion (Ausdruck der Souveränität Jesu) voll gerechtfertigt ist, vgl. o. S. 15f.

106 All die Formelemente innerhalb Mk 4, 35-41, die im folgenden nicht genannt werden, dürfen als ausgesprochen stilecht gelten.

107 Mit „Markus“ wird im folgenden der Endredaktor des Markusevangeliums bezeichnet.

108 J. Gnilka, a.a.O., S. 194.

109 Hierzu kann jedoch erst wieder ihm Rahmen der redaktionsgeschichtlichen Fragestellung Stellung genommen werden, s.u. S. 30f.

110 Vgl. o. S. 16f; vgl. z.B. die sehr viel „milderen“ Bitten in Mk 7, 32; Mk 8, 22.

111 Vgl. z.B. die Wundererzählung Mk 1, 40-45, die ganz ohne Orts- und Zeitangaben aus- kommt.

112 Nicht selten wurden einzelne Überlieferungsstücke in größere Textkomplexe eingefügt bzw. kunstvoll eingearbeitet.

113 Freilich gibt es Fälle, in denen hier nicht mit hundertprozentiger Klarheit unterschieden werden kann. Ebenso ist es denkbar, daß technische und theologische Gründe bei ein und derselben redaktionellen Veränderung maßgeblich waren.

114 Der Synoptische Vergleich liefert in quellenkritischer Hinsicht keine Anhaltspunkte, da die Vorlagen des Markus aus dem Markusevangelium selbst erhoben werden müssen. Vgl. K. Kertelge, a.a.O., S. 46, s. dort auch Anm. 39.

115 Stichwort „Proformen“; vgl. o.S. 12f.

116 Generell wird man davon ausgehen dürfen, daß formale Einheiten (wie z.B. Wunderezählungen) ursprünglich auf ein Verstehen nur aus sich selbst - also ohne weiteres Textgut - angelegt waren.

117 Vgl. R. Pesch, a.a.O., S. 267; J. Gnilka, a.a.O., S.193.

118 R. Pesch, a.a.O., S. 269. - Vgl. auch o.S. 12.

119 Zwar fügt sich oyiaj genomenhj gut in die Sinnlinie des Schlafens und Gewecktwerdens Jesu ein, doch mußte der Redaktor in Kauf nehmen, daß der Hinweis auf die Nachtzeit nicht zu Mk 5,1ff paßt. Vgl. E. Schweizer, a.a.O., S. 56.

120 Vgl. R. Pesch, a.a.O., S. 268.

121 Vgl. o.S. 13.

122 R. Pesch, a.a.O., S. 274.

123 Schon die formgeschichtliche Analyse hat es nahegelegt, vor der stilgerechten Akklamation einen Einschub zu vermuten. Vgl. o.S. 24.

124 J. Gnilka, a.a.O., S. 193.

125 Vgl. o.S. 18. - Vgl. auch J. Gnilka: „Der Tadel korrespondiert mit dem Vorwurf, den die Jünger in 38c Jesus machen“ (ders., a.a.O., S. 194).

126 Vgl. o.S. 18, Anm. 64.

127 Schon die formgeschichtliche Analyse hat auf den ungewöhnlich scharfen Ton des Formelements „Bitten und Vertrauensäußerung“ aufmerksam gemacht. - Vgl. o.S. 24, dort auch Anm. 108.

128 Vgl. R. Bultmann zur eingeschränkten Möglichkeit der genauen Scheidung von Tradi- tion und Redaktion in Mk 4, 35-41: „In V. 35f. steckt die redaktionelle Arbeit des Mk, die nicht mehr reinlich auszuscheiden ist“ (ders., Geschichte, S. 230; Hervorhebung von mir!).

129 Vgl. o. S. 25ff.

130 Vgl. R. Pesch, a.a.O., S. 277; H.-W. Kuhn, Ältere Sammlungen, S. 191f.

131 Mk 6, 32-44 und Mk 6, 45-52; ferner die „klammernden“ Summarien Mk 3, 7-12 und Mk 6, 53-56. Vgl. R. Pesch, a.a.O., S. 277.

132 R. Pesch, ebd.

133 Es handelt sich jeweils um eine Wundererzählung: I. Mk 5, 1-20; II./III. Mk 5, 21-43 (in verschachtelter Form). - Vgl. z.B. das Formelement Admiration: (neben Mk 4, 41 auch in) Mk 5, 15.33.42.

134 Stichwort qeioj-anhr-Christologie; vgl. H.-W. Kuhn, a.a.O., S. 192f. - Ausführlicher hierzu erst der folgende Abschnitt b.).

135 Z.B. (in Mk 4, 35-41): ... eij to peran (V. 35); s.o. S. 27.

136 Vgl. R. Bultmann, Geschichte, S. 256; H.-W. Kuhn, a.a.O., S. 192. - Skeptischer R. Pesch, vgl. ders., a.a.O., S, 279.

137 M. Dibelius, Formgeschichte, S. 149.

138 Wenn Jesus Sturm und Meer zum Schweigen bringt, und die Jünger dies von Furcht gezeichnet akklamieren, dann wird allen offenbar gemacht: Hier ist Gott! - Vgl. o. S. 20.23.

139 Dies spiegelt sich schon darin wider, daß für Mk 4, 35 - Mk 5, 43 mit Vorliebe die das gemeinsame christologische Thema umgreifende Bezeichnung „Die (großen) Machttaten (Jesu)“ gewählt wird. Vgl. A. Lindemann, a.a.O., S. 185ff.; K. Kertelge, a.a.O., S. 90ff. - Manche Ausleger haben daraus sogar eine formgeschichtliche Konsequenz gezogen, und die Perikope Mk 4, 35-41 in die Nähe der Exorzismen (= Dämonenaustreibungen) ge- rückt. Vgl. K. Kertelge, a.a.O., S. 92; G. Theissen, a.a.O., S. 107. - Anders A. Linde- mann, vgl. ders., a.a.O., S. 188.

140 An dieser Stelle fließen Ergebnisse des Synoptischen Vergleichs ein, sofern diese zum Verständnis Mk-Textes beitragen.

141... mit denen er „sichtlich bemüht [ist], einen Anschluß nach vorn zu schaffen“ (J. Gnilka, a.a.O., S. 193. - Gemeint ist z.B. (in Mk 4, 35-41): ... en ekeinh th hmera oyiaj genomenhj (V. 35); s.o. S. 28.

142 Schon die Erweiterung der Wundererzählung um den Aspekt des Glaubens spricht für markinische Herkunft dieses redaktionellen Einschubs, denn auch bei den Krankenheilungen im Markusevangelium spielt der „Zusammenhang von Glaube und Wunder“ eine „besondere Rolle“ (F. Schnider, a.a.O., S. 389).

143 Dabei ist nicht einfach der Glaube an einen Wundertäter gemeint, sondern der Glaube an die „Macht des Glaubens im Zusammenhang mit der Allmacht Gottes“ (F. Schnider, a.a.O., S. 389).

144 R. Pesch, a.a.O., S. 276.

145 Mt und Lk lassen das Moment des Vorwurfs aus, und kehren wieder zu einem stilechten Hilferruf zurück. Dies zeigt, daß Mk noch mehr als Mt und Lk daran gelegen ist, das Augenmerk auf die (im Glauben scheiternden) Jünger zu richten.

146 Nach Ostern werden die Jünger „verständig“, geht ihr Unglaube in Glauben über. Von daher erschließt sich der Sinn des einschränkenden, eher „milden“ oupw in Mk 4, 40b. - Auch Mt und Lk haben mit ihren Formulierungen die Möglichkeit eines vielleicht später entstehenden Glaubens offengelassen (vgl. o. S. 8f.), obwohl bei ihnen das österliche Er- eignis hinsichtlich des Jünger(un-)verständnisses (!) nicht eine solche Zäsur darstellt wie bei Markus.

147 Vgl. R. Pesch, a.a.O., S. 275ff. (Exkurs: Das markinische Jüngerunverständnis); s. dort auch eine Fülle weiterer Stellenangaben.

148 R. Pesch, a.a.O., S. 267.

149 Gegen J. Gnilka, vgl. ders., a.a.O., S. 194f.

150 Vgl. o. S. 20.

151 Daß Wundererzählungen ihren „Sitz im Leben“ ursprünglich in der Mission haben, wird ausführlicher im folgenden Kapitel (Bestimmung des Historischen Ortes) zu explizie- ren sein.

152 G. Theissen, a.a.O., S. 257.

153 G. Theissen, ebd.

154 Vgl. G. Theissen, ebd.

155 Vgl. G. Theissen, a.a.O., S. 273ff. - Das muß freilich nicht heißen, daß das in Wundererzählungen Dargestellte stets historischen Begebenheiten entspricht! Aber: Wundererzählungen „spiegeln einen - sicher nicht nebensächlichen - Aspekt des Bildes wider, das [die] ... Gemeinden von ihrem Herrn hatten“ (D.-A. Koch, a.a.O., S. 19).

156 Vgl. J. Gnilka, a.a.O., S. 20; R. Pesch, a.a.O., S. 268; D.-A. Koch, a.a.O., S. 15f. - Ana- lytisch kann dieser Befund auch aus dem Textstück Mk 4, 35-41 selbst erhoben werden, da sich die Akklamation (V. 41b) deutlich als im formgeschichtlichen Sinne missionarisch ausweist (vgl. G. Theissen, a.a.O., S. 257f.) - Für das heutige Verständnis des Textes nicht so wichtig ist jedoch m.E. die Konkretion G. Theissens, urchristliche Wundergeschichten sozialgeschichtlich in das „Vorfeld der Mission“ zu stellen (vgl. ders., a.a.O., S. 260, Her- vorhebung von mir). - Manche Exegeten möchten die „Propaganda des Urchristentums“ durch Wundererzählungen gern auch näher lokalisieren. So wird häufig der jüdisch- hellenistische Raum vorgeschlagen, da mächtige Wundertäter in jüdischer und hellenisti- scher Literatur ein häufig aufgegriffenes Thema seien, vgl. R. Kratz, Rettungswunder, S. 218; R. Pesch, a.a.O., S. 274.

157 Theologische Vielfalt ist sicher nicht erst ein Merkmal des Endes des ntl. Überlieferungsprozesses, an dem Mk steht. Dennoch wird man davon ausgehen dürfen, daß Mk mit ständig größer werdendem Abstand zu Jesu Auftreten wohl nicht ganz zu Unrecht die Gefahr einer theologischen „Zersplitterung“ gesehen hat, der er nun durch die Verbreitung einer geschlossenen Konzeption entgegentreten wollte.

158 Vgl. R. Schmücker, Wundergeschichten, S. 6ff; s. dort auch ein ausführliches Referat verschiedenster weiterer Auffassungen (Spekulationen!) hierzu.

159 In Mk 4, 35-41 realisiert durch V. 38/40, s.o. S. 31.

160 Dementsprechend wurden in diesem Kapitel manche exegetische Überlegungen ausschließlich in den Anmerkungen angestellt, vgl. bes. Anm. 154, o. S. 32.

161 Vgl. R. Kratz, a.a.O., S. 122ff.

162 Text in: P. Billerbeck / H. L. Strack, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, Bd. I, S. 452.

163 Vgl. R. Kratz, a.a.O., S. 124f.

164 Vgl. ebd.

165 Vgl. ebd.

166 Vgl. o. S. 31f.

167 Vgl. R. Kratz, a.a.O., S. 124; R. Pesch, a.a.O., S. 269.

168 R. Pesch, ebd. - Zur Erläuterung: Bei Mk handelt der Wundertäter im Gegensatz zu Jon 1-2 nun in der Macht Jahwes selbst.

169 R. Pesch, a.a.O., S. 277.

170 Vgl. o. S. 34.

171 Vgl. o. S. 30.33.

172 Vgl. die Jünger in V. 38: ... oti apollumeqa.

173 Vgl. o. S. 16f.

174 Vgl. o. S. 30f.

175 F. Schnider, a.a.O., S. 389.

40 von 40 Seiten

Details

Titel
Exegese von Mk 4,35-41
Note
1
Autor
Jahr
1995
Seiten
40
Katalognummer
V97226
Dateigröße
682 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
exegetische Proseminararbeit (obligatorisch für ev. Theologiestudierende)
Schlagworte
Exegese
Arbeit zitieren
Andreas Köster (Autor), 1995, Exegese von Mk 4,35-41, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97226

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