Günter Grass - Die Blechtrommel


Ausarbeitung, 2000
4 Seiten

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Die Blechtrommel

Eberhard-Karls-Universität Tübingen Deutsches Seminar

Einführung in die Literaturwissenschaft

Ulrike Schmidt

Tilman Staemmler

Referat zur Literaturgeschichtlichen Einordnung. Narrative Strategien, Nazideutschland erzählbar zu machen. Das Verhältnis von faktischer und fiktiver Geschichte am Beispiel der ,,polnischen Post".

Die Quintessenz der Thesen lautet: Das Kapitel der polnischen Post ist literarisch komisch und in seiner Intention nicht komisch.

I. Zum Verhältnis fiktiver und faktischer Realität

Die primäre Frage im Verhältnis von faktischer und fiktiver Realität ist die nach der Möglichkeit der Darstellung von Realität in der Schrift. Dabei läßt sich, ohne auf spezifisch literarische Stilmittel eingehen zu müssen, sagen, die Schrift ist Verfälschung der Realität. Der grundlegende Begriff ist die Historie. Darunter sind linear gereihte Ereignisse zu fassen, wie etwa in der Geschichtswissenschaft gelehrt wird. Dieser Begriff verbleibt in der Historie, setzt also diese linear gereihten Ereignisse als Maßstab für jegliche Art von theoretischen Versuchen, diese zu fassen. Damit wird festgelegt, was uns aus der literarischen Kategorie ,Zeit` bekannt ist. Die faktische Welt besteht aus Tatsachen, die, werden ihre einander bedingenden Eigenschaften erkannt, Historie genannt sein können.1

Die fiktive Realität sieht sich dagegen nicht an die materiellen Gegebenheiten gebunden, ist frei vom Zwang faktischer Historie und damit deren radikalstes Gegenstück. Die These nun ist, daß eine fiktive Realität die faktische aufhebe, insonders die des Krieges. Die Grundbedingung für die faktische Historie und deren Bearbeitung durch soziologische und historische Wissenschaften findet sich beschrieben bei Adorno in der Forderung nach ,,exakter Phantasie", ,,... die streng in dem [historischen] Material verbleibt [...] und allein in den kleinsten Zügen ihrer Anordnung über sie hinausgreift ..."2 Konsequenz für Adorno ist das Programm der sog. Kritischen Theorie, die als Frankfurter Schule zu den unangenehmen Institutionen gehörte, die eine Aufarbeitung der unmittelbaren Vergangenheit des Nationalsozialismus forderten.

Was heißt das aber für die fiktive Realität? Allgemein läßt sich feststellen, daß fiktive Realität zur Darstellung faktischer Ereignisse völlig ungeeignet ist aufgrund der fehlenden Verpflichtung, dieser gerecht zu werden. Die fiktive Realität ist nicht bedingt durch Historie, sondern kann sich von ihr lösen, sie bearbeiten und umschreiben, je nach bedarf. Ihr ist kein moralischer oder ethischer Maßstab gesetzt. In der fiktiven Realität der Sprache ist alles möglich. Diese Möglichkeit ist es, die Adorno zwingt, Fiktionalität abzulehnen. Mag sein, daß mit ihr Wahres zum Ausdruck komme; die in der fiktiven Realität liegende Möglichkeit wahres wie falsches zu sagen bringt uns zur Verpflichtung, diese abzulehnen, wollen wir Geschichte ernst nehmen.

Heißt das aber nicht, auf den vorliegenden Roman angewandt, dem fiktive Realität eher diagnostiziert werden kann denn faktische, wir haben es mit einem Versuch zu tun, die Historie zu bearbeiten, der von vornherein zum Scheitern verurteilt ist? Ich meine Nein.

II. Vom Solipsismus

Die Frage, die sich Oskar während der ersten Kampfhandlungen stellt ist, was das ganze Geschehen denn eigentlich mit ihm zu tun habe. Unter der Feststellung, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als den Schlag mitten ins Gesicht, einen unausweichlichen, direkten Kontakt zwischen Oskar und dem Geschehen mertaphorisierend, hinzunehmen, also in der Situation gefangen zu sein, fragt Oskar, und zwar direkt in der ICH-Form, ,,[Zitat S. 183 unten]" und kurz später ,,[Zitat S. 184 oben]". Was diese Stelle ausweist ist der Selbstbezug des ganzen Geschehens auf die erzählende Figur selbst. Und zwar zwingend. Oskar hat in dieser Situation nicht mehr die Möglichkeit, sich mittels eines ER-Erzählens aus der Affäre zu ziehen. ,,[Zitat S. 181 mitte]" Die hier auffallendste Stilistik zeigt sich als eine, die jene Hierarchien durcheinander bringt, die Fischer Bedeutungshierarchien nennt. Plötzlich scheint das Geschehen des Krieges keine absolute Bedeutung mehr zu haben sondern nur noch das, was Oskar betrifft. Aber: es betrifft Oskar. Trotz des Bezuges der Kriegstatsache auf die Fiktion, mit der Trommel ein Mittel zum Ausweg zu finden, bleibt der Krieg, nämlich als Faktum. Dargestellt sicher aus der Perspektive Oskars, den dieses Geschehen sichtlich beschäftigt, werden doch die Formen des Erzählens, das Ich und das Er, scheinbar wahllos durcheinander gebracht. Und genau dieses Beschäftigen Oskars, die Perspektive Oskars verfälscht das faktische Geschehen, hebt dessen faktischen Charakter auf in die Fiktion.

III. Die Papier-Blut Metapher

,,[Zitat S. 184 mitte]" Oskars Sorge geht um die Briefe. Weniger der Verletzte kümmert ihn als vielmehr das Versteck, das Ruhebett seiner Trommel. Durchaus denkbar ist es, daß der Verletzte mit seinem Blut das Papier besudelte, da aber eben das nicht der Fall ist, bleibt nur der Versuch, Papier und Blut getrennt von- und in Beziehung zueinander zu interpretieren. Papier als technische Angelegenheit findet sich vorgeprägt in der Metapher des unschuldigen Papiers aus dem ersten Kapitel. Die Unschuld wurde dort definiert als dasjenige Moment, welches das Papier aus seiner Bedeutungslosigkeit herausreißt und die Metapher scharf macht. Ähnlich nun könnte dies hier zutreffen. Das Papier als eines, das nicht zur Bedeutung zwingt, das, wie es mit dem Schreiben auf Papier so ist, den Gehalt zum Vergessen freigibt. Zwar scheint da etwas auf Papier gebannt, und in diesem Falle sogar etwas, daß die Welt hätte bedeuten können ,,[Zitat S.180 oben]" aber das reale daran, das Blutvergießen, findet keinen Platz auf dem Papier.

Was in dieser Metapher zu Tage tritt ist die Problematik der Fiktion, die jeder Schrift unweigerlich innewohnt, da sie ein beliebiges Ereignis nur vermittelt darstellen kann. Darum neigt sich der Kopf des Verwundeten über das Papier, darum wird dieses nicht besudelt vom Blut der Verletzten: weil es dieses nicht darstellen kann.

Diese Metapher weist auf eine weitere, möglicherweise zu weit gefasste aber doch nicht zu weit entfernt liegende Interpretation des gesamten Kapitels. Da es hier eine Behörde ist, ein Papieramt, das angegriffen wird, könnte gesagt werden, der Krieg läßt sich nicht auf Papier bannen, ja er nichtet jeden Versuch dies zu tun mit seiner ihm eigentümlichen Unfassbarkeit, mit dem Ereignis des schlechthin Bösen.3 Der Krieg im Kapitel ,,die polnische Post" greift nicht einfach nur literaturtheoretisch die Möglichkeit auf, ein Ereignis darzustellen, es greift diese Art der Untersuchung an und bricht jeden Versuch zu thoretisieren. Bleibt, um literaturtheoretisch zu bleiben, die Frage, wie das geschieht.

IV. Die Verkehrung der Komik in angreifenden Ernst

Aufgrund dieser beschriebenen Gegebenheiten gilt es zu klären, warum die Darstellung im Komischen nicht komisch ist, sondern vielmehr Ernst wird. Entgegen der Vermutung, es gebe keinen Autor in einem literarischen Werk, nehme ich an, die Intention Grass` war, die Komik in einem Gebiet greifen zu lassen, welchem sie nicht gewachsen ist. Die so erzeugte Spannung verkehrt sich ins Makabere und erzielt den gegenteiligen Effekt: die Empörung.

Die Intention nun, welche Grass als Autor gehabt hat, wird durch die Ironie verwirklicht, indem er das Scheitern des Komischen am Ernst der ungreifbaren Historie nicht eben zufällig einsetzte sondern beabsichtigte.

Die so erreichte Spannung dringt aus dem Roman direkt zum Leser, ja sie affiziert ihn. Indem Grass fiktiv vom faktischen Krieg schreibt, verkehrt er die unzureichende Geschichtsbewältigung, die meinte, mit dem Nürnberger Prozeß den Nationalsozialismus ad acta legen zu können, in ihr Gegenteil mit dem erzwungenen Bekenntnis, das Schrift und Post die Welt nicht bedeuten können, wenn Geschichtsbewältigung damit abgetan werden soll.

[...]


1 Vgl. Adorno, Theodor W., Die Aktualität der Philosophie, in: Philosophische Frühschriften, Gesammelte Schriften Bd. 1, hg. v. R. Tiedermann, Frankfurt a.M. 1973

2 Ebenda, S. 342

3 Vgl. Jonas, Hans, Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme, in: Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen, Frankfurt a.M. 1994

4 von 4 Seiten

Details

Titel
Günter Grass - Die Blechtrommel
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Autor
Jahr
2000
Seiten
4
Katalognummer
V97239
Dateigröße
383 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Grass versucht, den Nationalsozialismus literarisch zu verarbeiten.
Schlagworte
Günter, Grass, Blechtrommel
Arbeit zitieren
Tilman Staemmler (Autor), 2000, Günter Grass - Die Blechtrommel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97239

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