David McVicars Inszenierung des Singspiels "Die Entführung aus dem Serail" von Mozart auf dem Glyndebourne Festival 2015

Das Fremde als Spiegelbild unserer selbst


Hausarbeit, 2020

16 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Faszination des Fremden: Der Orientalismus im 18. Jahrhundert

2 Die Epoche der Aufklärung

3 Entstehung und Hintergründe: Die Entführung aus dem Serail von Mozart
3.1 Musik und Instrumente „Alla turca“
3.2 Handlung

4 Inszenierung von David McVicar auf dem Glyndebourne Festival
4.1 Analyse der orientalischen/fremden Aspekte
4.1.1 Raum und Szenografie
4.1.2 Kostüme
4.1.3 Figurencharakteristiken
4.2 Analyse der aufklärerischen/vertrauten Aspekte
4.2.1 Raum und Szenografie
4.2.2 Kostüme
4.2.3 Figurencharakteristiken

5 Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Die Entführung aus dem Serail von Wolfgang Amadeus Mozart - ein deutsches Singspiel mit einem türkischen Sujet? Im 18. Jahrhundert, zu Zeiten der Uraufführung des genannten Singspiels im Jahre 1782, war dies im Bereich der Oper nicht ungewöhnlich. Zahlreiche Werke mit exotischem Kolorit versetzten die Zuschauer in wärmere Gefilde aus Tausendundeiner Nacht, in welchen den Phantasien keine Grenzen gesetzt wurden. Der Orient wurde einerseits zu einem Ort des Begehrens, an welchem insbesondere das Fremde reizt und andererseits zu einem Ort des Fürchtens, an welchem der vermeintlich barbarische osmanische Herrscher keine Gnade walten lässt. In der Epoche der Aufklärung, in welcher dieses Singspiel von Mozart entstand, kam es zu zahlreichen Umschwüngen und Bewegungen in der Philosophie, Soziologie sowie in der Politik. Vorherrschend war zudem der Fortschrittsgedanke, die Toleranz gegenüber anderen Religionen und die allmähliche Emanzipation der Frau.1

Das Singspiel Die Entführung aus dem Serail spiegelt demnach den Zeitgeist des 18. Jahrhunderts wider, weshalb es im Besonderen von großem Interesse ist, inwieweit Aspekte des Orientalismus und Gedankengut der Aufklärung in dem Singspiel vertreten sind und sich gegenüberstehen. Der Fokus dieser Arbeit liegt explizit auf der Inszenierung des Singspiels Die Entführung aus dem Serail von David McVicar, welche im Rahmen des Glyndebourne Festivals 2015 aufgeführt wurde. Hierbei wird untersucht, wie in der Inszenierung orientalische/fremde und aufklärerische/vertraute Aspekte dargestellt werden.

Aufgrund dessen, dass der Orientalismus im 18. Jahrhundert zur Behandlung der Fragestellung essenziell ist, wird dieser zunächst näher beleuchtet. Darauffolgend wird dargelegt, welche gesellschaftlichen Veränderungen in der Epoche der Aufklärung ihre Wirkung entfalteten. Darüber hinaus besteht die Notwendigkeit, die Entstehung und Hintergründe, die Musik sowie die Handlung des Singspiels genauer zu betrachten. Des Weiteren wird daraufhin analysiert, wie die orientalischen/fremden und aufklärerischen/vertrauten Aspekte in David McVicars Inszenierung dargestellt werden. Abschließend werden die Erkenntnisse der Kapitel zusammengetragen, zu denen hinsichtlich der Leitfrage Stellung bezogen wird.

1 Die Faszination des Fremden: Der Orientalismus im 18. Jahrhundert

Der Begriff des Orientalismus wurde seitens des Literaturkritikers Edward Said geprägt, welcher in seinem 1978 erschienenen Buch „Orientalism“ behauptet, dass der Orientalismus eine vom Westen geschaffene Konstruktion des Orients darstellt und seinen Anfang im späten 18. Jahrhundert nahm. Laut Said wurden von den Westeuropäern „Orientbilder“ erzeugt, welche seiner These nach darauf abzielten, die eigene Macht und Überlegenheit seitens der Kolonialmächte gegenüber dem Fremden zu demonstrieren.2

Der Orient des 18. Jahrhunderts umfasste eine Vielzahl von Ländern und war den Westeuropäern näher, als sie wohl selbst vermuteten. Die deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Andrea Polaschegg skizziert die geografischen Grenzen des Orients des 18. Jahrhunderts wie folgt:

„Das Morgenland begann zu dieser Zeit östlich von Wien und südwestlich von Toulouse, reichte über die west- und nordafrikanische Küste bis Ägypten und hinunter nach Äthiopien, umfaßte den Nahen und Mittleren Osten, Griechenland und den gesamten Balkan, Kleinasien, Persien, Indien, Indonesien, Japan und China.“3

Dies bedeutet, dass der gesamte Südosten des europäischen Kontinents dem Orient zugehörig war. Allerdings gehörte dieser Teil bereits seit dem 16. Jahrhundert zum Osmanischen Reich, was sich auch in der Architektur der Städte widerspiegelte. Spanien, insbesondere Andalusien, repräsentierte ebenfalls mit seinen maurischen Bauten und Gärten, Moscheen sowie seinem bunten Treiben die Vorstellung von Tausendundeiner Nacht, was auf die 700 Jahre alte islamische Geschichte des Landes zurückzuführen ist.4

Die Anziehungskraft des Orients war demnach bereits vor dem 18. Jahrhundert gegeben. Jedoch ist in diesem Jahrhundert eine Ausweitung der orientalischen Faszination vorzufinden, die im Besonderen an Aspekte der Aufklärung geknüpft ist. Laut der Kulturwissenschaftlerin Polaschegg sind hierfür im Speziellen die Neugier für Mysterien, die Bildung, das Aufstreben des Bürgertums sowie die Literaturströmungen des 18. Jahrhunderts verantwortlich.5 Insbesondere der Aufstieg der Literatur vermittelte dem Bürgertum Eindrücke des Orients, wie etwa die 1704 erschienene Übersetzung des Buches „Tausendundeine Nacht“ sowie ein Reisebericht von Lady Mary Montagu, welche zu den ersten westlichen Frauen gehörte, die den Orient durchquerten.6 Die literarischen Werke und Berichte suggerierten dem Bürgertum ein Orientbild, welches von Märchen, herrischen Haremsführern, Barbarei, Ungläubigen bzw. Andersgläubigen, unterdrückten Frauen, Bauchtanz, exotischen Früchten und Gewürzen, exotisch anmutenden Gemäuern, Kopfbedeckungen und bunten Kleidern sowie warmen Gegenden mit dahinter liegendem blauen Gewässern, geprägt war. Darüber hinaus haben die in die Mode gekommenen orientalischen Inszenierungen zahlreicher Opern, mit vermeintlich exotischer Musik, dazu beigetragen, dass sich die Faszination für den mystischen Orient verbreitete.7

Zu den phantasieanregenden literarischen Werken und Inszenierungen gesellte sich, vor allem in Wien, die reale Konfrontation mit dem Orient. Trotz der schreckensreichen Belagerung seitens der Türken im Jahre 1683, erreichte die sogenannte „Türkenmode“ ihren Höhepunkt im Wien des 18. Jahrhunderts. Zum guten Stil gehörten nun rauschende Feste und Empfänge im orientalischen Stil, bei welchen nun vermehrt auch osmanische Gesandte in Empfang genommen wurden.8

2 Die Epoche der Aufklärung

Das 18. Jahrhundert stand ganz im Zeichen der Epoche der Aufklärung. „Sapere aude!“ war der Leitspruch der Aufklärung, mit welchem die Philosophen, unter anderem Immanuel Kant, die Menschen in Europa dazu aufforderten, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Das vernunftorientierte Zeitalter begann in etwa mit der Revolution in England im Jahre 1689 und fand ihren Höhepunkt in Zeiten der Französischen Revolution im Jahre 1789, bei welcher die anti-klerikalen Massen ihren Wunsch nach Gleichheit und Freiheit einforderten. Der unbedingte Fortschrittsglaube und der Wunsch nach Emanzipation sind Merkmale, welche die Aufklärung zu einer politischen und geistigen Bewegung machen.9 Das aufstrebende Bürgertum, welches Emanzipation und Freiheit forderte, sagte sich allmählich von Staat und Kirche los und verlangte Toleranz in der Politik sowie gegenüber anderen Religionen.10 Zudem gab es im Verlauf dieser Epoche auch einige Veränderungen hinsichtlich der Frauen. Am Anfang des Jahrhunderts sollte die Frau des Bürgertums gebildet und intellektuell sein. Dieses Frauenideal änderte sich allerdings zum Ende des Jahrhunderts schlagartig, da der Frau nun ihr natürlicher Geschlechtscharakter zugeschrieben wurde. Dadurch verlor sie ihre Mündigkeit sowie ihre Autonomität. In dieser fortschrittsorientierten Zeit war dies kaum vorstellbar. Jedoch flammte mit der Zuspitzung der aufklärerischen Forderungen auch eine erste Frauenbewegung auf, welche mit Hilfe von literarischen Werken ihren politischen Forderungen nach Gleichheit Ausdruck verlieh.11 Darüber hinaus war zudem die Kunst ein großer Vertreter der Aufklärung. Sei es im Theater, der Oper oder der Musik - viele Künstlerinnen beschäftigten sich mit dem Zeitgeschehen, was in ihrer Kunst bis heute seh- und hörbar ist.12

3 Entstehung und Hintergründe: Die Entführung aus dem Serail von Mozart

Die Entführung aus dem Serail ist ein dreiaktiges Singspiel, welches Wolfgang Amadeus Mozart zwischen dem 30. Juli 1781 und dem 16. Juli 1782 komponierte. Die Uraufführung fand am 16. Juli 1782 im Wiener Hof- und Nationaltheater unter der Leitung von Mozart selbst statt. Die Komposition des Singspiels geschah im Auftrag von Kaiser Joseph dem Zweiten, welcher der Initiator des Wiener National-Singspiels war. Der Kaiser beabsichtigte mit dem deutschsprachigen Singspiel ein Gegenstück zur Hofoper zu schaffen, welche meist italienisch geprägt war. Mozart beauftragte den bekannten Wiener Gottlieb Stephanie (den Jüngeren) mit der Anfertigung des Librettos, welchem das Drama Belmonte und Konstanze oder Die Entführung aus dem Serail von Friedrich Bretzner als Vorlage diente. Das Singspiel wurde zum größten Theatererfolg zu Mozarts Lebzeiten und sicherte seine Existenz in Wien, wo er sich nach zahlreichen Auseinandersetzungen mit seinem Dienstgeber in Salzburg, dem Fürsterzbischof, niederließ.13

Das Genre der Türkenoper erfreute sich großer Beliebtheit sowie der darin häufig vorzufindende „edle Türke“, welcher entgegen jeglicher Vorurteile den Gutmenschen darstellte. Beispiele hierfür sind zum Beispiel Lessings Drama Nathan der Weise (1779) oder Voltaires Tragödie Zaire (1732).14

3.1 Musik und Instrumente „Alla turca“

Opern mit türkischem Sujet waren geprägt von „Alla turca“- Stilmitteln, welche darauf abzielten, der westlichen Opernmusik einen orientalischen Klang zu verleihen. Hierfür wurden jedoch nicht Musikinstrumente aus dem orientalischen Raum verwendet, sondern die üblichen westlichen Instrumente. Für viele Komponisten, so auch für Mozart, lag hierbei ein besonderer Reiz darin, die Komposition so zu gestalten, dass der Klang der westlichen Vorstellung von orientalischer Musik entsprach.15

In dem Singspiel Die Entführung aus dem Serail fügte Mozart dem üblichen Instrumentarium der Wiener Klassik zusätzlich das Becken, die Große Trommel, die Piccoloflöte sowie die Triangel hinzu.16 Diese Instrumente benötigte er für den Klang der Janitscharenmusik, welche in Österreich seit den Belagerungen der Türken bekannt war. Mozarts Instrumentenauswahl entsprach der authentischen Janitscharenmusik, mit Ausnahme der Triangel, welche kein türkisches Instrument darstellt.17 Mozart verließ sich zur orientalischen Klangerzeugung jedoch nicht nur auf die von ihm ausgewählten Schlaginstrumente. Er versuchte mittels musikalischer Gestaltungsmittel den Klang des Orients zu kreieren. Der Musikwissenschaftler Kurt Reinhard beschreibt Mozarts Gestaltungselemente, welche für ihn zum türkischen Musikvokabularium gehören: 1. durchgehende Geradtaktigkeit, 2. Akzentuierung der schweren Taktzeiten, 3. forte-Laut­stärkegrad zur Kontrastierung, 4. einfache Begleitrhythmen, 5. geringe Harmoniebewegung, 6. „orientalische“ Verzierungen, 7. Hervorhebung der Terz und 8. häufige Motivwiederholungen.18 Laut Reinhard spiegelt insbesondere die Ouvertüre die eben genannten Gestaltungselemente wider. Mozart selbst schrieb an seinen Vater, dass vor allem mit dem forte-Teil, dem Einsetzen des oben genannten Schlagwerks, der Einzug der türkischen Musik angekündigt wird. Darüber hinaus weisen die Nummern 3, 5, 14 und 21 Anklänge türkischer Musik auf, in welchen die eben genannten Stilmittel erneut angewendet wurden.19

3.2 Handlung

Die junge Spanierin Konstanze, ihre englische Zofe Blonde sowie der Diener Pedrillo wurden von Seeräubern verschleppt und von Bassa Selim auf dem Sklavenmarkt gekauft. Belmonte, ein spanischer Edelmann und Verlobter von Konstanze, macht sich auf, um die Frauen und seinen Diener Pedrillo aus dem Serail des türkischen Bassas zu befreien. Er tarnt sich als Bauherr, um sich einen Zugang zum Palast zu verschaffen und mit den anderen zu flüchten. Nachdem die Flucht misslingt, stellt sich heraus, dass Belmonte der Sohn des Erzfeindes Selims ist. Der Bassa besinnt sich jedoch seiner Menschlichkeit und lässt die Gefangenen frei.20

4 Inszenierung von David McVicar auf dem Glyndebourne Festival 2015

David McVicars Inszenierung des Singspiels Die Entführung aus dem Serail wurde im Rahmen des Glyndebourne Festival 2015 aufgeführt, bei welchem Mozart Opern bereits seit der ersten Saison des Festivals (1934) hoch im Kurs stehen.21

Im Folgenden werden die orientalischen/fremden sowie die aufklärerischen/vertrauten Aspekte der Inszenierung analysiert.

[...]


1 Vgl. Stefanie Steiner, „In Mohrenland gefangen. Bilder des Orients und Aspekte der Aufklärung in Mozart Opern“, in: Mozart und die europäische Spätaufklärung, hrsg. von Lothar Kreimendahl, Stuttgart-Bad Cannstatt 2010, S. 83-89.

2 Vgl. Edward Said, Orientalism, New York 1978, S. 1.

3 Andrea Polaschegg, Der andere Orientalismus. Regeln deutsch-morgenländischer Imagination im 19. Jahrhundert, Berlin 2004, S. 85.

4 Vgl. ebd., S. 70.

5 Vgl. ebd., S. 20.

6 Steiner, „In Mohrenland gefangen“, S. 89.

7 Ebd.

8 Vgl. Lale Babaoglu Balkis, „Defining the Turk. Construction of Meaning in Operatic Orientalism”, in: International Review of the Aesthetics and Sociology of Music 41/2 (2010), www.jstor.org/stable/ 41203366, abgerufen am 13.9.2020, S. 189.

9 Vgl. Ulrich Im Hof, Das Europa der Aufklärung, München 1995, S. 17.

10 Vgl. ebd., S. 38.

11 Vgl. Mechthilde Vahsen, „Wie alles begann - Frauen um 1800 Bundeszentrale für politische Bildung, https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauenbewegung/35252/wie-alles-begann-frauen-um-1800, abge­rufen am 13.09.2020.

12 Im Hof, Das Europa der Aufklärung, S. 27.

13 Vgl. Stefan Kunze, Mozart Opern, Stuttgart 1984, S. 177.

14 Kunze, Mozart Opern, S. 178.

15 Balkis, „Defining the Turk. Construction ofMeaning in Operatic Orientalism”, S. 190.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Vgl. Kurt Reinhard, „Mozarts Rezeption türkischer Musik“, in: Gesellschaft für Musikforschung. Bericht über den musikwissenschaftlichen Kongress Berlin 1974, hrsg. von Helmut Kühn und Peter Nitsche, Kassel 1980, S. 521.

19 Vgl. Constantin Floros, Mozart Studien 1. Zu Mozarts Sinfonik, Opern- und Kirchenmusik, Wiesbaden 1979, S. 46-48.

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Details

Titel
David McVicars Inszenierung des Singspiels "Die Entführung aus dem Serail" von Mozart auf dem Glyndebourne Festival 2015
Untertitel
Das Fremde als Spiegelbild unserer selbst
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V972567
ISBN (eBook)
9783346317674
ISBN (Buch)
9783346317681
Sprache
Deutsch
Schlagworte
david, mcvicars, inszenierung, singspiels, entführung, serail, mozart, glyndebourne, festival, fremde, spiegelbild
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, David McVicars Inszenierung des Singspiels "Die Entführung aus dem Serail" von Mozart auf dem Glyndebourne Festival 2015, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/972567

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