Religionskritik in Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise"


Hausarbeit, 2020

20 Seiten, Note: 2.3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historischer Hintergrund

3 Darstellung der Religionen anhand der Figuren
3.1 Das Judentum: Nathan
3.2 Das Christentum
3.2.1 Recha
3.2.2 Daja
3.2.3 Der Tempelherr
3.2.4 Der Patriarch
3.2.5 Der Klosterbruder
3.3 Der Islam: Sultan Saladin und Sittah

4 Interpretation der Ringparabel

5 Ende der Erzählung

6 Ähnlichkeit des Stücks zur Türkenoper

7 Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1 Einleitung

Das dramatische Gedicht Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessings wurde im Jahr 1779 veröffentlicht und gilt als eines seiner Hauptwerke. Er hat darin sowohl persönliche Lebenserfahrungen einfließen lassen als auch seinen Glauben und sein Denken zum Ausdruck gebracht. Zu seiner Zeit ist das Stück auf jede Menge Kritik gestoßen. Vor allem bei Lessings orthodoxen Zeitgenossen ist das dramatische Gedicht negativ aufgenommen worden, da ihm eine negative Haltung gegenüber Religion, insbesondere des Christentums, vorgeworfen wurde (vgl. Will 1999, S. 21 f.). Bereits der Titel der Erzählung wirkte in der damaligen Zeit provozierend, weil Juden in der christlich dominierten Gesellschaft einen niedrigen sozialen Status hatten (vgl. ebd., S. 22). Die erste Aufführung fand erst nach Lessings Tod 1783 in Berlin statt. Nur wenige Zuschauer waren anwesend, weil in dem Stück Zuspruch für das damals verachtete Judentum gesehen wurde (vgl. ebd.). Zeitweise wurde es sogar einer strengen Zensur unterzogen, aufgrund derer unter anderem die Rolle des Patriarchen komplett gestrichen wurde (vgl. ebd., S. 23). Erst seit der Klassik, abgesehen von den Jahren 1933-1945, wird Nathan der Weise wieder unzensiert in den deutschen Theatern aufgeführt. Das Stück ist damals wie heute insbesondere aufgrund der Kritik am Antisemitismus und anderen religiösen Feindschaften immer noch brandaktuell. Darüber hinaus fordert er mit seinem Stück sozialethisches Handeln unter den Menschen, unabhängig von der Religionszugehörigkeit. Insbesondere in der Ringparabel kommen Kriterien zum Ausdruck, an denen sich der Wert der Religionen messen lässt.

In dieser Hausarbeit soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern Lessing in seinem Stück Kritik an den drei thematisierten monotheistischen Religionen ausübt. Hierzu werden zunächst der Fragmentenstreit, der Teil des historischen Hintergrunds des Stücks ist, sowie die Position Lessings in dieser Auseinandersetzung erläutert. Im Anschluss werden die Hauptcharaktere des dramatischen Gedichts hinsichtlich ihrer religiösen Ansichten und deren Darstellung untersucht. In Kapitel drei wird die Ringparabel hinsichtlich ihrer Hauptaussagen interpretiert, in Kapitel vier das Ende der Erzählung gedeutet. Das Stück weist große Ähnlichkeit zum damals beliebten Genre der „Türkenoper“ auf. Trotzdem wird der Plot des Genres geändert. Inwiefern dies geschieht und welche Intention dahintersteckt, soll im letzten Kapitel behandelt werden.

2 Historischer Hintergrund

Lessing schrieb sein dramatisches Gedicht Nathan der Weise im Zuge des sogenannten Fragmentenstreits. Dieser entstand durch die von Lessing herausgegebenen Fragmente eines Ungenannten, die von dem bereits verstorbenen Professor Samuel Reimarus verfasst wurden (vgl. Will 1999, S. 11). Sie beinhalteten christentumskritisches Gedankengut, sodass Reimarus es nicht wagte, seine Schriften zu Lebzeiten selbst zu veröffentlichen (vgl. Kröger 1991, S. 16). Er plädierte in diesen für Aufgeschlossenheit gegenüber der „natürlichen Religion“, die die Existenz Gottes und einer unsterblichen Seele annimmt sowie Gott als „Garant für die Möglichkeit von Moral“ (Stockinger 2007, S. 174) ansieht. Er war Anhänger der Deisten, die insbesondere in England präsent waren (vgl. Will 1999, S. 12). Als wahr wird unter diesen lediglich das angesehen, was der Vernunft entspricht und sich im Laufe der Geschichte als wahr herausgestellt hat sowie mit dem Wahrheitskern anderer Religionen übereinstimmt (vgl. ebd.). Wunder oder übernatürliche Offenbarungen werden abgelehnt und als Märchen oder gar Lügen abgetan (vgl. ebd.). Demensprechend wurde beispielsweise im fünften Fragment die Vermutung aufgestellt, die Jünger haben die Auferstehung Jesus nur vorgetäuscht, indem sie seinen Leichnam stahlen. Mit dem Betrug, so unterstellte ihnen Reimarus, sollen die Jünger das Erwerben neuer Anhänger zum Ziel gehabt haben, um ihr ehemalig privilegiertes Leben als Apostel fortführen zu können (vgl. Kröger 1991, S. 16). Diese These ging aus seiner Analyse der Auferstehungsgeschichte hervor, in der er Unstimmigkeiten der Erzählung aufdeckte und somit die Evangelisten als Betrüger entlarvte (vgl. ebd.). Insbesondere mit dieser Unterstellung zweifelte er die Grundlage des christlichen Glaubens an, weshalb die Schriften einen großen theologischen Streit verursachten, an dem vor allem der hamburgische Hauptpastor der Katharinenkirche Johan Melchior Goeze beteiligt war (vgl. Lindken 1987, S. 25).

Lessing veröffentlichte die Fragmente eines Unbekannten mit dem Ziel, eine öffentliche Diskussion im Hinblick auf religionskritische Gedanken und bestehenden religiöse Fragen anzuzetteln. Er selbst ergänzte die Fragmente durch die Gegensätze des Herausgebers, in denen er Reimarus’ Aussagen kommentierte. Obwohl er „seinen Zuraunungen nicht immer so viel entgegen zu setzen wußte, als [...] [er] gewünscht hätte“ (Lessing 1965, S. 454) und einigen Textpassagen zustimmte, distanzierte er sich von manchen Gedanken. Die These, dass die Auferstehung Jesu bloß erfunden worden wäre, stellte er beispielsweise in Frage und war der Meinung, dass man nicht mit Gewissheit sagen kann, ob die Geschichten, auf denen der christliche Glauben gründet, wahr oder falsch sind (vgl. Kröger 1991, S. 17). Aus diesem Grund war es ihm umso wichtiger, dass die Menschen lernen, selbstständig über derartige Probleme nachzudenken.

Sein Ziel war es eine Distanz zur Orthodoxie zu schaffen und das Christentum praxisnaher werden zu lassen. An einer orthodoxen Haltung kritisiert er, dass sie die Aufklärung des Menschen verhindert und ihn in der Unmündigkeit festhält (vgl. Will 1999, S. 15). Nur die Kritik „führt den Menschen zur Freiheit, zum wahren Menschentum“ (vgl. ebd.). Darüber hinaus wünschte er sich Offenheit hinsichtlich der Wahrheit anderer Religionen und philosophischer Schriften (vgl. Kröger 1991, S. 17).

Gegen Lessings Hauptgegner im Fragmentenstreit Goeze, ein Vertreter der Orthodoxie, publizierte Lessing mehrere Gegenschriften, die unter dem Namen Anti-Goeze bekannt wurden (vgl. Lindken 1987, S. 25). Während Lessing bereits an dem 12. Anti-Goeze schrieb, wurde ihm von dem Herzog die Zensurfreiheit für weitere Anti-Goeze entzogen. Aus diesem Grund entschied er sich dafür, seine Diskussionen auf der Bühne weiterzuführen und verfasste sein dramatisches Nathan der Weise mit dem Bestreben, das Publikum zum Denken anzuregen und zu vergrößern (vgl. Kröger 1991, S. 19).

Ein weiterer Faktor, der ihn zum Verfassen des Nathan der Weise bewegt haben könnte, ist das von Papst Pius VI. erlassene Edikt, das zur Erneuerung alter antijüdischer Gesetze führte (vgl. Mecklenburg 2008, S. 253). Obwohl das Zusammenleben mit den Juden in deutschen Gebieten Lessings Lebzeiten einigermaßen friedlich vonstattenging, waren antisemitische Vorurteile in der Gesellschaft weiterhin präsent (vgl. Bergmann 2004, S. 20). Dessen war sich Lessing bewusst, sodass sein dramatisches Gedicht auch als Antwort auf das erlassene antijüdische Edikt verstanden werden kann (vgl. ebd.).

3 Darstellung der Religionen anhand der Figuren

3.1 Das Judentum: Nathan

Der Jude Nathan wird als wohlhabender Geschäftsmann dargestellt, der seinen Reichtum der Geschäftstüchtigkeit verdankt. Er setzt sich finanziell für das Wohl bedürftiger Menschen ein, womit er dem Vorurteil des „geizigen, besorglichen, / Furchtsamen Juden[s]“ (III/4, V. 1752 f.) widerspricht. Ebenso scheinen materielle Dinge für ihn nicht von großer Bedeutung zu sein.

Als er erfährt, dass sein Haus beinahe „von Grund aus abgebrannt“ (I/1, V. 16) wäre, reagiert er gelassen.

Das Volk nennt ihn „den Weisen“ (II/2, V. 1047) und auch bei Al Hafi genießt er hohe Anerkennung. Er bezeichnet ihn als Schachliebhaber und jemanden, der zu leben weiß (vgl. ebd.). Darüber hinaus behauptet er: „Jud’ und Christ / Und Muselmann und Parsi, alles ist / Ihm eins“ (ebd.).

Der Grund für seine Aufgeschlossenheit gegenüber Menschen mit anderem religiösen Glauben, ist ein einschneidendes Erlebnis in seiner Vergangenheit: Er verlor bei einem Judenpogrom durch Christen in Garth seine Frau und seine sieben Söhne, die im Feuer umkamen. Daraufhin haderte er mit Gott und schwor der „Christenheit den unversöhnlichsten / Hass“ (IV/7, V. 3050). Als er nach drei Tagen wieder zur Vernunft kam, adoptierte er die christliche Waise „Recha“ und nahm sie als seine Tochter auf. Seine negativen Emotionen und Gefühle gegenüber Christen wurden demensprechend durch seine Vernunft besänftigt (vgl. Beckes 1988, S.33). Seitdem hört er auf den „Plan der göttlichen Vorsehung“ (ebd.) vorranging durch seine guten Taten, d.h. praktisch und nicht bloß durch seinen Glauben. Demensprechend nimmt er Recha als seine Adoptivtochter auf. Sein grausames, leidvolles Schicksal hat ihn maßgeblich in seiner Identität geprägt.

Recha liebt er wie sein eigenes Kind. Dies kommt vor allem zum Ausdruck, als er dem Tempelherrn seine Vermutung, dass Recha und er möglicherweise Geschwister sind, nicht mitteilt, weil er Angst davor hat, nicht mehr als Rechas Vater zu gelten (vgl. IV/6, V. 2909 f.). Im Hinblick auf Nathans Verlust seiner Familie ist eine Parallele zu Lessings Biographie festzustellen, denn auch er verlor seinen Sohn einen Tag nach seiner Geburt und seine Frau, die kurze Zeit später an dem Kindbettfieber verstarb (vgl. Rahner, S. 21). Vielmehr besteht jedoch Ähnlichkeit zu Lessings jüdischen Freund Mendelssohn. Dieser sprach sich unter anderem für das jüdische „Ceremonialgesetz“ als Grundlage der Religiösen Erziehung aus, nach dem man sich aufgrund möglicher Verständnisschwierigkeiten weniger den geschriebenen Gesetzen, sondern viel mehr den mündlichen Überlieferungen, bzw. dem mündlichen Unterricht zuwendet (vgl. Will 1999, S. 16). In Hinblick auf Rechas Erziehung wird das Ceremonialgesetz praktisch umgesetzt, indem er sie mündlich lehrt, denn ihr Vater „liebt / Die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich / Mit toten Zeichen ins Gehirn nur drückt, / zu wenig“ (V/6, V. 3535 ff.). Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, dass sowohl Nathan als auch Mendelssohn Freundschaften zu Personen mit anderer Religionszugehörigkeit pflegten und diese als Bereicherung ansahen. Nathan baut im Laufe des dramatischen Gedichts eine Freundschaft zu den Tempelherren und Saladin auf und versteht sich unter anderem gut mit dem Derwisch und dem Klosterbruder. In einem Brief von Mendelssohn, der an den Erbprinzen von Braunschweig-Wolfenbüttel adressiert war, kommt seine Meinung zur „wahren“ Religion zum Ausdruck: „Da die Menschen alle von ihrem Schöpfer zur ewigen Glückseligkeit bestimmt sein müssen, so kann eine ausschließende Religion nicht die wahre sein“ (Mendelssohn 1979, S. 199). Solch eine Aussage wäre auch von Nathan vorstellbar, der sich gegenüber Andersgläubigen unvoreingenommen verhält. Er sagt, dass es nicht darauf ankommt, ob man Jude oder Christ ist, sondern auf die Menschlichkeit (vgl. II/5). Für Nathan ist die Religionszugehörigkeit lediglich eine „historisch gewachsene Erscheinung“ (Bekes 1988, S. 32) und rein zufällig. Die Menschlichkeit ist das wesentliche des Menschen und diese äußert sich durch gute Taten (vgl. ebd.).

Als Jude hat er sowohl von christlicher als auch islamischer Seite mit antisemitischen Vorurteilen zu kämpfen, die zu Lebzeiten Lessings in allen Schichten des Volkes vertreten waren und von denen auch Mendelssohn nicht verschont blieb (vgl. Will 1999, S. 19). Besonders stark kommt die antisemitische Haltung im Tempelherren, dem Patriarchen und Sittah zum Ausdruck, aber auch Daja, die zwar viel von Nathan hält und ihn als ehrlich und großmütig bezeichnet, hat seinen jüdischen Glauben in Hinblick auf Rechas Erziehung ständig im Hinterkopf.

3.2 Das Christentum

3.2.1 Recha

Recha ist die christliche Adoptivtochter von Nathan. Obwohl sie von Nathan nicht christlich erzogen wurde, wurde sie getauft und hat christliche Eltern, sodass sie in dieser Arbeit dem Christentum zugeordnet wird. Es wird bereits zu Beginn der Erzählung, als sie Nathan von dem Hausbrand erzählt, deutlich, dass sie zu Übertreibungen neigt und gerne phantasiert (vgl. Suesse-Friedler 1980, S. 79). Sie schätzt Nathan, von dem sie zunächst glaubt, er sei ihr leiblicher Vater, sehr, was man daran erkennen kann, dass sie sich bei ihrem Aufeinandertreffen beschwert, dass er so lange abwesend war. Sie glaubt, sie sei von einem Engel aus dem Feuer gerettet worden, was von Nathan als (pseudo-)religiöse Schwärmerei abgetan wird. Er möchte sie aus der Schwärmerei in die praktische Vernunft führen (vgl. Reh 1981, S.292) und kritisiert, dass „andächtig schwärmen leichter, als / Gut handeln ist“ (I/2, 360 f.). Ihre christlichen Gedanken hat sie von Nathans Gesellschafterin Daja.

Von Nathan hat sie eine „freisinnige Erziehung“ (Will 1999, S. 16) genossen. Er zog sie in vernunftgemäßer und ethischer Religiosität auf (vgl. Mecklenburg 2009, S. 324).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Religionskritik in Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise"
Hochschule
Universität Trier
Note
2.3
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V972631
ISBN (eBook)
9783346316974
ISBN (Buch)
9783346316981
Sprache
Deutsch
Schlagworte
religionskritik, gotthold, ephraim, lessings, nathan, weise
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Religionskritik in Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/972631

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