Zur Entstehung von internationalen Regimen


Seminararbeit, 1996

20 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Grundlagen.
2.1. Was ist ein Regime? Zur Regimedefinition
2.2. Wie arbeitet ein Regime? Zur Regimefunktion

3. Regime-Analyse
3.1. Kernbereiche der Regimeanalyse
3.2. Institutionen als Untersuchungsgegenstand

y4. Zur Regimeentstehung
4.1. Zum situationsstrukturellen Ansatz
4.2. Zum problemstrukturellen Ansatz
4.3. Zum kognitiven Ansatz
4.3.1. Wahrnehmung - Deutung - Selbstverständnis
4.3.2. Lernen - Ideen - Wissen
4.3.3. Sprache - Kommunikation - Verhandlungen
4.3.4. Institutionen - Normen - Werte

5. Schluß

Literaturverzeichnis

Abbildungen

1. Gegebene Variablen im Prisonerdilemma

2. Ergebnisse je nach Verhalten

3. Auszahlungsmatrix

4. Regimetauglichkeit je Konflikttyp

5. 3 reflexive Ebenen

1. Einleitung

In den politischen Wissenschaften hat sich seit Beginn der achtziger Jahre die Regimetheorie als eine inspirierende Alternative zu den beiden klassischen Theoriesträngen der Lehre der Internationalen Beziehungen erwiesen: den traditionell gegensätzlichen Positionen der realistischen und der idealistischen Schule. Diese waren nach etlichen Jahren wertvoller Diskussion in ihrer Entwicklung festgefahren. Von der Regimetheorie läßt sich zwar nicht sagen, daß sie die Kluft zwischen Realisten und Idealisten aufgehoben hat, aber sie konnte Brücken schlagen. Die Regimetheorie hat sich die Analyse von Erscheinungen kooperativ- geregelten Verhaltens zwischen Staaten zur Aufgabe gemacht, fundiert also weitgehend auf kooperationstheoretischen Erkenntnissen. Sie untersucht die Bedingungen, Muster und Auswirkungen von Formen internationaler Zusammenarbeit, die sich als dauerhaft, - als institutionalisiertes Verhalten erweisen. Im Rahmen der Kooperationstheorie fällt dem funktionalistischen Denken eine ganz entscheidende Rolle zu.

Nach funktionalistischer Ansicht wird der souveräne Territorialstaat durch Zusammenarbeit in seiner Handlungsfreiheit eingeengt, denn je kooperativer sich der Akteur verhält, desto abhängiger ist er vom Verhalten anderer. Eine gewaltsame Auseinandersetzung wird somit weniger wahrscheinlich. Kooperation gilt deswegen als normativ. Zudem erweisen sich in der heutigen Welt bestimmte Situationen als Problemlagen globalen Ausmaßes: vor allem in den Bereichen Sicherheit, Wirtschaft und Umwelt entziehen sich Problemlösungen der Reichweite unilateralen Handelns. Kooperation wird somit zur Notwendigkeit.

Im Folgenden soll diskutiert werden, was unter einem Regime als Form institutionalisierter Kooperation zu verstehen ist, welche Funktion einem Regime beigemessen werden kann und mit welchen Bereichen sich die Analyse befaßt. Im Anschluß daran wird vertieft behandelt, welche Prozesse zur Regimeentstehung führen und welche Faktoren dafür den Ausschlag geben. In diesem Zusammenhang werden mehrere Erklärungsansätze vorgestellt. Die nicht minder wichtigen Fragen, die sich mit Regimestruktur, Regimegerechtigkeit und vor allem Regimewirkung auseinandersetzen, können in diesem begrenzten Rahmen nur gestreift werden. Der Regimeentstehung, kommt aber insofern eine besondere Bedeutung zu, als daß Grundlagenkenntnisse über die Bedingungen von Kooperation die notwendige Voraussetzung für einen Zugang zu Kenntnissen über dauerhafte Kooperation darstellen. Letztendlich müssen Regime in Richtung dieser Bedingungen wirken, wollen sie überhaupt den Anspruch wahren, eine kooperationsfördernde Wirkung zu haben. Könnten sie das nicht, wäre die ganze Diskussion hinfällig, denn ohne eine von Akteuren unabhängige Wirkung würde sich das Konstrukt ,,Regime" als illusionäres Hirngespinst erweisen.

Die Literaturlage ist sehr ergiebig und vielschichtig, was nicht nur darauf zurückzuführen ist, daß die Analyse komplexer politischer Sachverhalte naturgemäß viele Facetten sozialen Handelns berücksichtigen muß. So fruchtbar die Regimetheorie auch zweifelsfrei sein mag, so zwangsläufig ihre Produktion literarischen Wildwuchses: Die Forschung hat Regime aus den unterschiedlichsten analytischen Perspektiven untersucht und läßt insofern kaum einheitliche Aussagen zu. Da Regime immer politikfeldbezogen arbeiten, ist bei Fallstudien außerdem eine große Sachkenntnis des jeweiligen Problemfeldes erforderlich. Die deutsche Forschungsgemeinde hat sich in der Tradition der Friedensforschung vertieft mit der Frage nach der Regimeentstehung auseinandergesetzt, während die amerikanische Politikwissenschaft - in den 70er Jahren mit dem Hegemonieverlust der Vereinigten Staaten konfrontiert - die Fragestellung behandelte, ob unter interdependenten Bedingungen dauerhafte Kooperation möglich ist, wenn der bislang die Kooperation führende Hegemon ausfällt.

Viele Begriffe, auf die im Folgenden zurückgegriffen werden wird, sind in der Lehre von den Internationalen Beziehungen nicht eindeutig definiert und bestehen selbst aus theoretischen Konzepten. Aus Platz- und Übersichtsgründen kann darauf meist nicht näher eingegangen werden.

2. Grundlagen

2.1. Was ist ein Regime? Zur Regimedefinition

Das Erscheinungsbild eines Regimes ist im politischen Geschehen nie so eindeutig wie das einer internationalen Organisation, die durch physische Strukturen in Form eines Generalsekretärs oder eines Vorstands konkrete Gestalt annehmen kann. Die hier bisher vorgenommene Bestimmung von Regimeeigenschaften läßt viele Interpretationen zu. Einleitend wurde an Merkmalen vorläufig nur kooperatives, dauerhaftes und geregeltes Verhalten zwischen Staaten benannt. Diese Beschreibung macht keine Aussagen über das Ausmaß dieser Eigenschaften, über innere Strukturen und darüber, was Regime von anderen Kooperationsformen unterscheidet.

In der Fachliteratur gilt die Regimedefinition des Politikwissenschaftlers Stephen D. Krasner mittlerweile als Standard: ,,Regime können definiert werden als Zusammenhänge von impliziten oder expliziten Prinzipien, Normen, Regeln und Entscheidungsverfahren, an denen sich die Erwartungen von Akteuren in einem gegebenen Problemfeld der internationalen Beziehungen ausrichten. Prinzipien umfassen empirische kausale und normative Grundsätze. Normen sind Verhaltensstandards, die sich in Rechten und Pflichten ausdrücken. Regeln sind spezifische Verhaltensvorschriften und -verbote. Entscheidungsverfahren sind die maßgeblichen Praktiken beim Treffen und bei der Implementation kollektiver Entscheidungen."1 Diese bei aller Kritik doch allgemein anerkannte Definition legt dar, welche Eigenschaften Kooperationszusammenhänge aufweisen müssen, um als Regime gelten zu können. Die auf grundlegender Ebene angesiedelten Prinzipien sind also mit anderen Worten als notwendig der Kooperation vorausgehende, gemeinsame Interpretation des zu bearbeitenden Problemfeldes zu verstehen und Normen als regimebedingte Rechte und Pflichten, an denen sich kooperationsförderndes Verhalten der Akteure ausrichten soll.2 Regeln präzisieren diese Normen und verpflichten die Regimeteilnehmer auf dementsprechendes Verhalten, können also als erste Ebene Niederschlag in beispielsweise Verträgen finden. Regime-interne Belange wie Abstimmungsmodi oder die Bewertung nicht regime-konformen Verhaltens sind in Entscheidungsverfahren festgelegt. Die deutsche Regimeforschung, vor allem durch die sogenannte ,,Tübinger Gruppe" um Volker Rittberger vertreten, hat Krasners Konzept um die konstituierenden Merkmale Effektivität und Dauerhaftigkeit erweitert.3 Das Kriterium der Effektivität bezieht sich auf die Regimekonformität der Staaten. Es besagt, daß ohne ein Mindestmaß an Regeleinhaltung nicht von einer Regimeexistenz gesprochen werden könne. Das Kriterium Dauerhaftigkeit ermöglicht es, Regime von kurzfristig angelegten Arrangements zu unterscheiden. Zentrales Motiv ist das Geflecht von untereinander abgestimmten Ziel- und Mittelvorgaben, die die Akteure zu geregeltem Verhalten veranlassen. Regime sind in der politischen Wirklichkeit zum Teil nur schwer zu fassen, da insbesondere die von Krasner benannten Prinzipien und Normen inhaltliche Einstellungen zu fassen suchen, die Regimeteilnehmer noch nicht einmal in konkrete Worte fassen, also nur implizit festlegen müssen, um Krasners Definition gerecht zu werden.

Die Begriffe sind in der praktischen Anwendung äußerst dehnbar, da sich Ausprägungen und Eindeutigkeit von Prinzipien oder Normen als von Fall zu Fall verschieden erweisen und untereinander verschwimmen. Als Konzept liefern sie jedoch zusammen mit vorgegebenen Analysemustern ein theoretisches Fundament, dessen sich die Politikwissenschaft im konkreten Fall bedienen kann.

Regime sind also eine Form regelmäßigen, kollektiven Verhaltens. Das schließt Zusammenarbeit mit ungerechten Zielsetzungen jedoch nicht aus; Kooperation an sich muß als Mittel zum Zweck gelten und kann insofern problemlos auch solchen Zwecken dienen, die ideellen Ansprüchen nicht genügen mögen.

2.2. Wie arbeitet ein Regime? Zur Regimefunktion

Nach dem theoretischen Verständnis sind Regime eine Art Begleiterscheinung von Kooperation, die Eigendynamik entwickelt, indem sie eine selbsterhaltende, also kooperationsfördernde Wirkung entfaltet, die sich in fortgeschrittenem Stadium sogar in konkreten Verhaltensregeln niederschlägt. Regime sind jedoch nie das ursprüngliche Ziel von Zusammenarbeit. Es sei in Erinnerung gerufen, daß ihnen zwingend eine erste politikfeldbezogene, zielgerichtete Kooperation vorangehen muß, bevor diese sich als dauerhaft erweisen und zur Institution, zum Regime, werden kann. Es stellt sich die Frage, was denn die Regimeleistung ausmacht, die über die schon gegebene Kooperation hinausgeht. Und was wirkt daran letztlich kooperationsfördernd?

Geht man davon aus, daß Staaten kooperieren, weil sie auf unilateralem Wege einen weniger hohen Gewinn zu erwarten hätten als auf kooperativem, so schließt das ein, daß Staaten zu erwartende Gewinne kalkulieren. Entscheidend für die Kalkulation ist dabei die Wahrscheinlichkeit, mit der sich Gewinne realisieren lassen.4 Im internationalen System existiert jedoch keine zentrale Autorität, die das Einlösen von Verträgen und Vereinbarungen garantieren kann. Für den kooperierenden Akteur besteht jederzeit die Gefahr des Betruges. Somit wird internationale Kooperation letztendlich zur Vertrauenssache, beziehungsweise - um den in der Literatur vorherrschenden Terminus einzuführen - zu einer Frage der Erwartungssicherheit. Diese Sicherheit zu ermöglichen, ist zentrale Funktion eines Regimes: durch das auf lange Sicht festgelegte Regelwerk, in dem Regimeteilnehmer verbindlich ihr zukünftiges Verhalten definieren, können Erwartungen stabilisiert werden. Zwar existiert nach wie vor die Option, aus dem kooperativen Verhalten auszuscheren, doch wird diese wesentlich unattraktiver, weil die Glaubwürdigkeit des Aussteigers auf lange Sicht nachhaltig Schaden nähme. Kooperation wird für ihn auch in anderen Politikfeldern, in denen er möglicherweise darauf angewiesen ist, schwieriger.

Unabhängig von den Unsicherheiten des internationalen Systems fallen zudem bei einer Nutzenkalkulation Informationskosten an, die um so größer werden, desto komplexer ein Problembereich wird. In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, den Begriff der ,,eingeschränkten Rationalität" aufzugreifen.5 Dieser Ansatz berücksichtigt den theoretischen Modellcharakter eines rationalen Nutzenmaximierers, mit dem in der Regimetheorie überwiegend gearbeitet wird. In der Realität ist es jedoch sowohl für den einzelnen Menschen als auch für Organisationen gar nicht möglich, alle für eine Kalkulation relevanten Informationen zu berücksichtigen und jeden Einzelfall abzuwägen. Statt dessen bewegt man sich mit seinen rationalen Kalkulationen auf einem Fundament von Gewohnheiten und Verhaltensmustern. Regime erleichtern den Teilnehmern diese Aufgaben wesentlich. Sie bieten einen Informationspool, in dem Akteure all ihr Wissen zusammentragen, das für das Politikfeld von Bedeutung ist. Mit Regimen ist zudem ein Ort gegeben, an dem sich ein System von Verhaltensmustern konstituiert, aus dem sich Gewohnheiten entwickeln können. Auf dem vertrauten Fundament regime-interner Normen und Prinzipien sind deswegen Verhandlungen und Vereinbarungen leichter einzugehen als es ohne diese Institution der Fall wäre.

Die in diesem Zusammenhang aufgeführten Eigenschaften von Regimen sind sicherlich kooperationsfördernder Natur, entwickeln sich aber alle aus bereits bestehender Kooperation. In einem ersten Schritt sind Erwartungssicherheit, Nutzenkalkulation und Information bereits auf unilateralem Wege geformt und eingeholt worden. Auf die Frage, was Kooperation letztlich entstehen läßt, Kooperation problematisch macht und was Akteure dazu bewegt, ihr Verhalten tatsächlich mit dem anderer abzustimmen, soll unter Punkt 4. später eingegangen werden.

3. Zur Regime-Analyse

Es ist unumstritten, daß sich durch die Regimetheorie das Interesse an der Analyse von Normen und politischen Institutionen in den internationalen Beziehungen nachhaltig wiederbelebt hat.6 Geht es aber um die Frage nach dem besten Ansatz zur Klärung dieser Fragen, teilen sich die Meinungen. Die gesamte Diskussion darüber, ob die Regimetheorie überhaupt eine Daseinsberechtigung hat und welche Theorien zur Erklärung internationaler Regime angemessen oder zu verwerfen sind, ist so alt wie das Regimekonzept selbst.7 Es sollen vorerst zwei allgemeine Dinge herausgestellt sein: erstens die wichtigsten Bereiche der Regimeforschung und zweitens die Problematik, Institutionen erklären zu wollen.

3.1. Kernbereiche der Regimeanalyse

Für eine grobe Übersicht läßt sich die Regimetheorie in drei Hauptbereiche unterteilen8:

(1) die Erklärung von Regimeentstehung, Fortdauer und Zerfall;
(2) die Eigenschaften eines Regimes und deren Veränderungen;
(3) die Wirkung von Regimen.

Zu (1): Die Erklärung von Regimeentstehung, Fortdauer und Zerfall macht einen Hauptteil der bisherigen Forschung aus. Hierbei ist die Trennung von Entstehung und Fortdauer nicht unwesentlich, da sich erst aus der Dauerhaftigkeit die regimetypischen kooperationsfördernden Eigenschaften entwickeln. Diese Eigenschaften bewirken, daß Regime bestehen können, obwohl sich die Voraussetzungen geändert haben, die zu seiner Entstehung führten. Beispielhaft ist hier der Machtverlust der Vereinigten Staaten zum Ende der 60er Jahre. Bis zu diesem Zeitpunkt war man der Auffassung, daß Zusammenarbeit von dem Engagement eines dominanten Akteurs abhängt, der sich des Instruments ,,Kooperation" bedient, um seine Interessen durchzusetzen. Obwohl aber die USA aufgrund globaler Entwicklungen ihre Hegemonialstellung einbüßten und nicht mehr wie bisher die Zusammenarbeit steuern konnten, blieben viele Regime bestehen. Dieses Thema ist für Keohanes Werk ,,After Hegemony" wesentlich, worin er erstmals die nicht hegemonial gesteuerten Möglichkeiten von Kooperation untersucht.9

Zu (2): Die zweite Aufgabe der Regimeforschung behandelt die Eigenschaften eines Regimes und deren Veränderungen. Neben den in Abschnitt 2.2. aufgeführten Funktionen ist zu klären, warum Regime zum Teil ganz unterschiedliche Eigenschaften haben: Regime entstehen zum Beispiel in einigen Politikfeldern leichter als in anderen; regimegesteuertes Verhalten kann endogen im Kreis der Teilnehmer wirken oder exogen gegenüber Dritten. Weiterhin sind die Auswirkungen von Prinzipien, Normen, Regeln und Verfahren im einzelnen und in ihrem Zusammenspiel von Interesse, da so die zunehmende Einbindung von Akteuren illustriert werden kann.10 Zudem kann hieran deutlich werden, wie Regime auf Veränderungen in ihrem Umfeld in der Gestalt von technischen Erneuerungen, neuen Konflikte oder Krisen reagieren. Zu (3): Der letzte Bereich der Forschung behandelt die Wirkung von Regimen. Diese Frage ist brisant, weil sich an ihr die Legitimität der Regimetheorie festmacht. Können Regime das Verhalten der Akteure tatsächlich ändern oder sind Regime nur Zweckbündnisse aus nationalen Interessen? Regime werden in diesem Bereich als unabhängige Variable behandelt. Zu untersuchen ist die Regimewirkung in dreifacher Hinsicht: Zum einen muß beurteilt werden, ob die Kooperation überhaupt Auswirkungen im entsprechenden Politikfeld hat, desweiteren muß sich das Verhalten der Regimeteilnehmer nach den aufgestellten Normen und Regeln richten und zuguterletzt stellt sich die Frage, inwieweit Regime Akteure in der internationalen Politik dazu bewegen, Kooperation als einen Wert an sich zu betrachten. 11

3.2. Institutionen als Untersuchungsgegenstand

Der Begriff der Institution wird in den Sozialwissenschaften vielschichtig gebraucht. Er umschreibt Verhaltensmuster, die aus regelmäßigem zwischenmenschlichen Verhalten erwachsen und eine das weitere Verhalten leitende Funktion gewinnen.12 Mit anderen Worten: aus dem Verhalten vieler einzelner entsteht eine normative Ordnung, die das weitere Verhalten der vielen einzelnen formiert. Übertragen auf das internationale System sind Akteure als die einzeln handelnden Subjekte und Regime als Institutionen anzusehen. Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, daß Institutionen als Verhaltensmuster und Zusammenhänge von Erwartungen definiert sind und nicht etwa als formale Organisationen.13 Der Frage nach der Entstehung von Normen kommt im Zusammenhang mit Institutionen eine zentrale Bedeutung zu: Inwiefern sind in einem - dem Realismus nach - anarchischen System Normen möglich? Und wenn ja, wie spielt sich der Wandel von ursprünglich unabhängigem Einzelverhalten zu normgeleitetem Kollektivverhalten ab?

In der Regimetheorie beherrscht die rationalistische Perspektive die Literatur. Der klassische Ausgangspunkt rationalistischen Denkens ist der Idealtypus des homo oeconomicus, der jederzeit vollständig über seine Verhaltensmöglichkeiten informiert ist, jederzeit die Folgen seines Handelns einzuschätzen weiß und jederzeit weiß, welche Folgen er in welcher Rangordnung für wünschenswert hält. Entscheidend ist, daß er sich für die Option entscheidet, mit der er seinen Nutzen maximiert.14 Das Vorherrschen der rationalistischen Beiträge zur Internationalen Politik erklärt sich mitunter dadurch, daß im internationalen System - mißt man ihm Anarchie als die prägende Eigenschaft zu - ein Mangel an bereits bestehender normativer Ordnung auszumachen ist.15 Theorie muß demnach vom einzeln Handelnden ausgehen. Der Bedarf an Ordnung ist aber nicht nur der Interdependenztheorie zufolge zunehmend.16 Will die Regimetheorie also mit rational handelnden Akteuren Regime erklären, muß sie zeigen, wie internationale Normen aus diesem Handeln erwachsen. Die Erklärung muß einschließen, daß dabei alle Akteure ihrem egoistischen Interesse folgen, sich kollektive und einzelne Orientierung also decken.

Entscheidend für den Wert der Kooperation ist, daß die Institution ,,Regime" durch freiwillige Interaktion entsteht, so daß sich Akteure mit Normen weitestgehend identifizieren und sie internalisieren können. Der Art und Weise der Regimeentstehung kommt also eine wesentliche Bedeutung für die Stärke weiteren Wirkens zu.

4. Zur Regimeentstehung

Geht man davon aus, daß ein Bedarf für ein Regime gegeben ist, so ist damit noch lange nicht gesichert, daß auch ein Regime entsteht. Ein Regime zu ermöglichen, ist ungleich schwieriger, als eine bestehende Kooperation aufrecht zu erhalten.17 Deswegen haben sich die politischen Wissenschaften ausführlichst dem Thema Entstehung gewidmet und dabei vier verschiedene Schulen entwickelt18:

(1) den strukturellen Ansatz - die Machtverteilung unter den Akteuren entscheidet über Regimeentstehung

(2) den spieltheoretischen Ansatz - Situationstypen lassen Schlüsse auf die Wahrscheinlichkeit von Regimeentstehung zu

(3) den funktionalistischen Ansatz - bestehende Regime bieten Akteuren erhebliche Erleichterungen und stabilisieren sich selbst

(4) den kognitiven Ansatz - Regimeentstehung ist von der Wahrnehmung der Akteure abhängig

In deutschen Studien sind noch zwei zusätzliche Modelle erörtert worden19:

(5) der normativ-institutionelle Ansatz - bestehende Normen und Institutionen erleichtern Regimeentstehung

(6) der problemstrukturelle Ansatz - die Wahrscheinlichkeit von Regimeentstehung hängt vom Typ des Verhandlungsgegenstandes ab

Ich werde mich im weiteren Verlauf auf den spieltheoretischen Ansatz-Typ (2) (in Abschnitt 4.1.), den kognitiven Ansatz-Typ (4) (in Abschnitt 4.3.) und den problemstrukturellen Ansatz- Typ (6) (in Abschnitt 4.2.) konzentrieren. Die Auswahl dieser Ansätze erfolgte, weil zum einen die vernachlässigten Punkte indirekt doch noch zu Worte kommen, beziehungsweise schon zu Worte gekommen sind (Punkt (2) in Abschnitt 2.2.). Besonderes Augenmerk sollte aber vor allem der Frage zukommen, wie sich Kooperation unabh ä ngig von a priori existierenden Faktoren generiert und in dieser Hinsicht versprechen insbesondere die drei genannten Ansätze von Wert zu sein. Außerdem werden mit den ausgewählten Punkten drei grundverschiedene Perspektiven wiedergeben. Repräsentiert die Spieltheorie ein Konzept, das mit rationalistischen Akteuren arbeitet, so unterstreicht der kognitive Ansatz genau das Gegenteil: handlungsbestimmende Wahrnehmungen und damit verbundene Zwecke entziehen sich Erklärungsmustern, die mit rational handelnden Akteuren arbeiten. Sie untersuchen vielmehr Akteure stimulierende Handlungsanreize und die Reaktionen darauf. Die Problemstruktur meint hingegen, in der Natur der verhandelten Konflikte Erklärungen für Kooperation und ihre Entstehung zu finden. Ein weiterer wichtiger Aspekt zur Erklärung internationaler Regime, der hier auch nur am Rande erwähnt werden kann, ist der Bereich Innenpolitik, durch den sich das staatliche Handeln letztlich konstituiert.

Allen Konzepten ist gemeinsam, daß sie Teile der politischen Wirklichkeit ausschnitthaft untersuchen, um besser beobachten, analysieren und auf Begründungen oder Prozesse schließen zu können. Insofern vereinfachen sie die komplizierte Wirklichkeit, um im Rahmen einer schlüssigen Theorie eine übersichtlichere Strukturierung zu ermöglichen. Jedes Konzept arbeitet dabei mit anderen Prämissen und betont einen anderen Aspekt menschlichen Verhaltens, beispielsweise entweder rationales oder normgeleitetes. Deswegen schließen sich aus einer - im herkömmlichen Sinne - realistischen Perspektive die Ansätze aber nicht gegenseitig aus - menschliches Handeln speist sich sowohl aus rationalen wie auch nicht- rationalen Gründen. Erklärungsmodellen, die sich eine Kombination dieser Analysemuster bedienen, kommt deswegen wohl die größte Erklärungskraft zu. Allerdings gilt es dem Reiz zu widerstehen, sich frei nach Bedarf bei anderen Konzepten zu bedienen, wenn das ursprüngliche Erklärungsmuster auf bestimmte Fragen keine Antworten bieten kann. Vielmehr scheint hier ein systematischer Vergleich mehrerer Ansätze die besten Einsichten in eine Problemlage bieten zu können.

4.1. Zum situationsstrukturellen Ansatz

In leichter Abwandlung bisheriger amerikanischer Konzepte der Spieltheorie hat in Deutschland insbesondere Michael Zürn den situationstheoretischen Ansatz entwickelt.20 Die situationsstrukturelle Analyse von Regimeentstehung geht davon aus, daß politisches Handeln rational und zielgerichtet ist. Sie untersucht mit Hilfe der der Wirtschaftswissenschaften entliehenen Spieltheorie modellhaft typische Situationen der Politik. Für diese Modelle müssen Akteure, deren Verhaltensoptionen und nach Nutzen gewichtete Interessen gegeben sein. Indem alle Kombinationen von Verhalten durchgespielt werden, zeigt sich abschließend in einer Auszahlungsmatrix, mit welcher Variante die Akteure ein optimales Ergebnis erreichen können.21 Folgt man der Annahme, daß Akteure als rationale Nutzenmaximierer handeln, kann die Wahrscheinlichkeit eines Regimes bestimmt werden.

In der Spieltheorie geht man davon aus, daß alle Situationen zwischen mindestens zwei Akteuren auf einem Kontinuum zwischen den Polen von konfliktfreiem Spiel und einem Nullsummenspiel zu finden sind. Von besonderem Interesse sind die Spiele, in denen die Akteure durch egoistisches Handeln ein nur suboptimales Ergebnis erreichen, durch Kooperation aber das Optimum. Solche Situationen zu identifizieren, kommt eine gehobene Bedeutung zu, da sie nach der Spieltheorie eine zwar nicht hinreichende, aber notwendige Bedingung für die Entstehung von Regimen sind. Staaten wählen demnach immer die Option mit dem höchsten garantierten Nutzen. Anhand des klassischen Prisoners-Dilemmas soll beispielhaft eine Situation vorgestellt werden, mit der die Spieltheorie arbeitet.

Gegebene Variablen im Prisonerdilemma

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abbildung 1)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abbildung 2) 22

Im Prisonerdilemma ist folgende Situation modelliert: 2 Männer haben zusammen ein Verbrechen begangen und sitzen in Haft. Daraufhin werden sie einzeln vor die Alternative gestellt, entweder die Tat zu gestehen oder zu schweigen. Über die möglichen Konsequenzen sind sich die Männer im Klaren. Sie wissen aber nichts über das Verhalten ihres Kompagnons. Gestehen beide, gehen beide für fünf Jahre ins Gefängnis, schweigen sie kann ihnen die Tat nicht nachgewiesen werden und man muß sie freilassen. Wenn der eine gesteht und sein Partner nicht, wird der Geständige freigelassen und der andere für zehn Jahre eingesperrt.

Treffen die Gefangenen ihre Entscheidungen frei nach der Regel des höchsten garantierbaren Nutzens, dann wählen beide die Option Gestehen, was sich aber aus der kollektiven Perspektive als unbefriedigend erweist. Behält man die individuelle Perspektive bei, wird aber wiederum keiner der Gefangenen seine Wahl bereuen, wenn er die Wahl des anderen kennengelernt hat, - so ist das Dilemma gegeben. Das individuell rationale Verhalten führt zu einem kollektiv unbefriedigendem Ergebnis. In der formalen Spieltheorie werden die individuellen Präferenzordnungen in Nutzenwerte übersetzt. In diesem Beispiel käme dem Nutzen ,,Frei" der höchste Wert (4) zu, dem Nutzen ,,1 Jahr Haft" der Wert (3), dem Nutzen ,,5 Jahre Haft" der Wert (2) und dem Nutzen ,,10 Jahre Haft" der Wert (1). Eingetragen in die schon benannte Auszahlungsmatrix wird in der Addition der Werte der kollektive Nutzen auch in der Abstraktion klar deutlich.

Auszahlungsmatrix

GEFANGENER 1 SCHWEIGEN GESTEHEN

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abbildung 3)

Michael Zürn entwickelt in seinem situationsstrukturellen Ansatz vier verschiedene Typen von Situationen, die bei individuell zweckrationalem Verhalten zu suboptimalen Ergebnissen führen23:

(1) Koordinationsspiele ohne Verteilungskonflikt
(2) Koordinationsspiele mit Verteilungskonflikt
(3) Dilemmaspiele
(4) Gefangenenspiele

Die Wahrscheinlichkeit, daß aus solchen Situationen ein Regime entsteht, ist je nach Typus unterschiedlich hoch.

Zu (1): Im 1. Spiel handelt es sich im Grunde nicht um einen Interessenkonflikt, sondern um einen Mangel an Kommunikation oder Vertrauen, der Ursache für das suboptimale Ergebnis ist. Insofern müssen die Akteure nur ihr Verhalten koordinieren um zum von beiden Seiten gleichermaßen angestrebten Ziel zu kommen, wie auch am Gefangenen-Dilemma zu sehen war. Zürn führt als ein weiteres Beispiel Kooperation zwischen Staaten zur Verhinderung eines Unfallkrieges an. Die Chancen für ein Regime stehen gut.
Zu (2): Der zweite Fall kommt schon nicht mehr ohne Verlierer aus. Beide Parteien sind sich darüber einig, daß sie mit Kooperation besser fahren als ohne, müssen aber das Problem überwinden, daß eine der Parteien nachgeben muß und schlechter dasteht als der Partner. Die Frage ist, ob sich einer der Akteure nachgiebig zeigt oder der Streit um die Verteilung von Nutzen eskaliert. Glücklicherweise zeigte sich die UdSSR in der Kuba-Krise, dem Beispiel Zürns für ein Koordinationsspiel mit Verteilungskonflikt, konzessionsbereit. Die Wahrscheinlichkeit der Regimeentstehung ist auch in diesem Fall hoch, wenn auch nicht in dem Maße wie im Koordinationsspiel ohne Verteilungskonflikt.
Zu (3): Das Dilemmaspiel beschreibt nach Zürn ,,alle die realen Situationen, bei denen das Generalisierungsargument (,,Was wäre, wenn das alle täten") als handlungsethischer Maßstab gültig ist."24 Es geht also um Situationen, in denen das egoistisch-rationale Handeln im Kollektiv Ergebnisse bewirkt, die die gegebene Situation sogar verschlechtern. Die einzelne Wirkung des Handelns eines Akteurs hat aber für sich genommen keine negative Wirkung auf die Lage, so daß - vorausgesetzt Kooperation entsteht - der Anreiz zum Trittbrettfahren sehr groß ist. Im Falle öffentlicher Güter ist diese Situation sehr häufig anzutreffen: das öffentliche Gut Umwelt ist durch die Summe des industriestaatlichen Verhaltens gefährdet, doch das individuelle Interesse am garantiert höchsten Nutzen bewirkt, daß kein Staat bereit ist, Einschränkungen in seinen industriellen Erträgen in Kauf zu nehmen, weil er fürchtet, sich einseitig zu benachteiligen. Dilemmasituationen ist nur eine geringe Wahrscheinlichkeit von Regimeentstehung zuzuordnen.
Zu (4): Am unwahrscheinlichsten sind Regime als Folge von Rambo-Situationen. Diese Situation entsteht, wenn ein Akteur auf Kooperation angewiesen ist, der andere aber nicht.

Zürn legt Wert darauf, daß der benachteiligte Akteur ein starkes Interesse an einer kooperativen Lösung mit anderen Nutzenverteilungen hat und deswegen die Entstehung von Kooperation nicht ausgeschlossen werden kann. Die Situation entspringt allerdings direkt dem individuell-rationalen Interesse des Akteurs in der Ramboposition, der höchstens durch Entschädigungen auf anderen Ebene zu Konzessionen bereit sein dürfte. Nicht unwesentlich sind für den situationsstrukturellen Ansatz darüber hinaus externe Faktoren, deren Stärke und Wirkungsrichtung wiederum vom einzelnen Situationstyp abhängt. Diese Faktoren sollen hier zumindest benannt sein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zusammen mit diesen Eigenschaften sind in der Situationsstruktur nahezu alle Schwierigkeiten von internationaler Kooperation wiedergegeben. Die neueren Entwicklungen der Spieltheorie in der Richtung von Mehr-Ebenen-Spielen spiegeln sogar so etwas wie komplexe Interdependenz wieder und versuchen, Motive soziologischer Natur mit einzubeziehen, zum Beispiel den Faktor Lernen.25 Durch das systematische Auswerten der Spieltheorie ist so auch ein ordnender Einblick in komplexe Strukturen möglich. Sie muß sich aber dem wesentlichen Problem stellen, im Vorfeld der Untersuchung die Präferenzen der Akteure in eine gewichtete Ordnung zu bringen. Hierbei müssen Werte, Interessen und Bedürfnisse innerhalb eines Staates gegeneinander aufgerechnet und in starre Hierarchien transformiert werden - eine äußerst schwierige Aufgabe, die nach Beendigung auch nur einen fixen Punkt wiedergibt, der den fortwährenden Veränderungen und Neugewichtungen von Interessen und Werten nicht gerecht wird. Die Ursachen staatlicher Wertordnungen, die über Kooperation oder Nicht-Kooperation entscheiden, kann diese Theorie zudem ebenso wenig erklären, wie den Prozeß, der zur Kooperation führt und sie verfestigt.

4.2. Zum problemstrukturellen Ansatz

Der hauptsächlich in Deutschland diskutierte konfliktstrukturelle Ansatz entstand als Reaktion auf den systemstrukturellen Ansatz der amerikanischen Politikwissenschaften, der in der Machtverteilung unter den Akteuren das größte Erklärungspotential für die Entstehung internationaler Regime zu finden glaubt.26 Dieser Ansatz hat vor allem in der Theorie der hegemonialen Stabilität seinen Niederschlag gefunden, die aber keine Erklärung für das Phänomen bietet, daß zwischen denselben Akteuren in bestimmten Politikfeldern Konflikte kooperativ reguliert wird, in anderen aber nicht. Von dieser Tatsache wurde nun von dem Tübinger Forschungsprojekt um Volker Rittberger die These abgeleitet, daß bestimmte Eigenschaften von Politikfeldern oder Konfliktobjekten die Art und Weise determinieren, wie sie bearbeitet werden.

Grundsätzlich wurde in der anschließenden Studie zwischen Problemfeldern und Konflikttypen als den unterschiedlichen Faktoren einer problemstrukturellen Analyse unterschieden.27 Die Bestimmung von Problemfeldern lief darauf hinaus, bestimmte Politikfelder wie zum Beispiel ,,Wirtschaft" oder ,,Grenzen" auf ihre Regimetauglichkeit zu untersuchen. Dabei war zu prüfen, inwiefern die These zutrifft, daß die Regimetauglichkeit eines Politikfeldes desto geringer ist, je mehr es sich dem Kern staatlicher Territorial- und Sicherheitsinteressen nähert. Die These fand sich in ersten Zwischenergebnissen bestätigt. Allerdings mußte bereits im Vorfeld eingeräumt werden, daß sich Problemfelder - definiert als ein Konflikt um bestimmte Nutzenwerte und deren Verteilung - nicht unabhängig von den Wahrnehmungen der Akteure bestimmen ließen.

Konfliktgegenstandstypologien können im Gegensatz dazu ohne Einbeziehung der Akteure entwickelt werden. Zu unterscheiden sind in einem gegebenen Konflikt zwischen zwei Parteien:

(1) Interessenkonflikte - beide wollen dieselbe Sache, aber es ist zu wenig für beide vorhanden. Zum Beispiel: Fangquoten in internationalen Gewässern
(2) Mittelkonflikte - beide wollen dieselbe Sache, aber sind sich nicht einig, wie diese Sache zu erreichen ist. Zum Beispiel: Kontrolle über einen bedrohlichen Dritten durch ,,kritischen Dialog" oder Sanktionen
(3) Wertkonflikte - beide wollen verschiedene Sachen. Zum Beispiel: wirtschaftliches Wachstum oder Umweltschutz

Interessenkonflikte müssen zudem zwischen absolut und relativ bestimmten Werten unterscheiden. So kann ein relativer Wert im Verständnis eines Nullsummenspiels ausschließlich als mehr oder weniger im Verhältnis zum anderen Akteur oder ein absoluter Wert als ein ausschließlich am eigenen Nutzen bestimmter gegeben sein. Interessenkonflikte sind als konsensual, Mittel- und Wertkonflikte als dissensual zu verstehen. Das Verhältnis zwischen dem Grad der Regimetauglichkeit und dem Konflikttyp hat die Tübinger Gruppe in einem Schaubild anschaulich wiedergegeben, das hier leicht verändert gezeigt werden soll.

Regimetauglichkeit je Konflikttyp

- Konflikte um absolut bestimmte Güter _ konsensual
- Konflikte um Mittel und Wege _ dissensual
- Konflikte um relativ bestimmte Güter _ konsensual
- Konflikte um Werte _ dissensual

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grad der

Regimetauglichkeit

(Abbildung 4)

Die Wahrscheinlichkeit einer Regimeentstehung liegt demnach in der Natur der Problemstellung. Es ist evident, daß eine Lösung näher liegt, wenn Schwierigkeiten auf dem Weg zu einem gemeinsamen Ziel bewältigt werden sollen als für den Fall, daß grundverschiedene Wertvorstellungen miteinander darum ringen, was es überhaupt zu erreichen gilt. Die empirischen Untersuchungen haben diesen Eindruck im Großen und Ganzen bestätigt.28

Allerdings bietet dieser Kontext keine Antworten darauf, in welchen Fällen denn nun ein Regime entsteht und in welchen nicht. Nicht in jedem Fall günstiger problemstruktureller Gegebenheiten kommt Kooperation auch wirklich zustande, denn letzten Endes entscheiden immer noch die Akteure selbst über ihr Verhalten. Ob ein Wert relativ oder absolut bemessen wird, hängt von ihrer Interpretation des Konfliktfeldes ab. Aber sicher bietet der hier geschilderte Ansatz eine wertvolle Ergänzung zu anderen Zugangsweisen und trägt einen Teil zu einer umfassenden Erklärung der Möglichkeiten internationaler Kooperation bei.

4.3. Zum kognitiven Ansatz

Die leitende Frage nach der Entstehung von Regimen ist durch die beiden bisher geschilderten Ansätze noch nicht befriedigend beantwortet worden, da die Ergebnisse sich auf günstige Voraussetzungen für eine Regimeentstehung beschränkten. Solch günstige Regimeprämissen lassen aber nicht zwingend auf das tatsächliche Entstehen von Kooperation schließen. Sicher tragen die beschriebenen Faktoren eine Menge zur Erklärung von Regimeformation bei, jedoch immer auf der Grundlage definierter Präferenzordnungen oder Konflikte. Das Gefangenendilemma der Spieltheorie hat einen Situationstyp vorgestellt, der in der Annahme von rational handelnden Akteuren ein suboptimales Ergebnis nahelegte. Sie bietet aber keine Antwort darauf, wie diese Situation in der politischen Realität überwunden werden kann. Insofern müssen für eine Erklärung Gründe dafür gefunden werden, was Akteure dazu bringt, eine ,,Realismus-Sicherheitsstrategie" des höchsten garantierbaren Nutzens zu verlassen und statt dessen eine kooperative Variante zu verfolgen, die ein ungleich höheres Risiko beinhaltet, wie das Gefangenendilemma gezeigt hat. In dem Sinne stellt sich auch die Frage nach der Erkklärungskraft rationalistischer Theorien.

Diese Erklärungslücke versuchen die sogenannten kognitiven Ansätze zu schließen, die über das Studium des subjektiv wahrnehmenden und nur begrenzt rationalen Akteurs einen fundamental anderen Zugang suchen.29 Bei näherer Betrachtung bieten die kognitiven Studien insgesamt aber ein heterogenes Bild. Ihre einzige wesentliche Gemeinsamkeit besteht in der Ablehnung der vorherrschenden rationalistischen Ansätze, die mit Akteuren arbeiten, deren Präferenzen in einer eindeutigen Reihenfolge vorgegeben sind. Die grundsätzliche Kritik der Kognitivisten zielt - wie schon mehrfach angedeutet - darauf, daß das Entstehen und der Wandel von Präferenzen gerade das entscheidend Erklärende an dem Entstehen von Kooperation ausmacht. An weiterer Kritik wird vorgebracht, daß rationalistische Ansätze

- nur eine fixierte Momentaufnahme wiedergeben und der Dynamik in der internationalen Politik nicht gerecht werden;
- Prozesse auf Optionen, Entscheidungen und Ergebnisse reduzieren;
- Staaten als einheitliche Akteure behandeln und die wesentlichen Einflüsse gesellschaftlicher Strömungen nicht berücksichtigen.

Meines Erachtens wird dabei oft übersehen, daß die meisten Rationalisten gar nicht den Anspruch verfolgen, die gesamte Wirklichkeit umfassend erklären zu wollen, sondern sich bewußt in ein idealtypisches Modell begeben, das unvermeidlich auch andere Ergebnisse vorhersagt, als tatsächlich zu beobachten sind. Grundlegend für sie ist immer noch die Frage, inwieweit sich Handeln rational erklären läßt.30 Deshalb beinhaltet es keinen Widerspruch, wenn empirischen Befunde von rationalistischen Prognosen abweichen, denn diese können ohne weiteres auf eine Art ,,kognitiver Verzerrung" zurückgeführt werden. Nicht zuletzt bieten sich darüber hinaus rationalistische Vorgehensweisen für wissenschaftliche Untersuchungen an, da sie immer logisch nachvollziehbar sind und somit dem Kriterium gerecht werden, für jeden vermittelbar zu sein.31

Andererseits muß man den Kognitivisten aber zugute halten, daß sie auf den für Institutionen nicht zu ignorierenden Untersuchungsgegenstand hinweisen, - nämlich das, was sich zwischen Akteuren abspielt, die sich entwickelnden Gemeinsamkeiten oder anders ausgedrückt: die Intersubjektivität.32 Den kognitiven Kriterien Vertrauen, Erwartungen und Wissen ist ein hoher erklärender Gehalt zuzuschreiben.

Inwieweit denn nun kognitive Ansätze überhaupt in der Lage sind, Theorien für die Entstehung internationaler Regime zu entwickeln, kann hier nicht abschließend beurteilt werden. Es ist jedoch festzuhalten, daß sich diese Richtung bisher schwer getan hat, ihre Kritik in Forschung umzuformulieren.33 Zudem muß der Versuchung widerstanden werden, Defizite der rationalistischen Theorien mit kognitiven Phrasen zu füllen. Von den breiten Spektrum kognitiver Ansätze verstehen sich einige als Ergänzung zu rationalistischen Theorien, andere hingegen als grundlegend neue Sicht von Welt und Wissenschaft.34 Die gesamte Theoriedebatte für und wider den Rationalismus hier nur anzutippen, würde allerdings unweigerlich den vorgegebenen Rahmen sprengen. Deswegen können hier nicht sämtliche Ansätze ausdifferenziert und anschließend diskutiert, sondern nur in Leitbegriffe gefaßt und in kurzen Worten vorgestellt werden, nämlich: Wahrnehmung, Lernen, Sprache und Normen.

4.3.1. Wahrnehmung - Deutung - Selbstverständnis

Dieses Feld beruht im wesentlichen auf der Psychologie. Ausgangspunkt ist die Feststellung, daß die Einschätzung einer Lage in entscheidendem Maße von der individuellen Wahrnehmung abhängt, so daß nur noch bedingt von rationalen Akteuren gesprochen werden kann. Diese Wahrnehmung wird gefiltert durch affektive Eindrücke, Gewohnheiten und die Dynamik des Kontextes. An affektiven Eindrücken wie zum Beispiel Bedrohung im negativen oder Gelegenheit im positiven Sinne bestimmt sich die Ausrichtung von rationalem Handeln.35 Verhalten richtet sich zudem nach der Interpretation von Verhalten, - Verhalten ist aber oft mehrdeutig. Ein Lächeln kann beispielsweise als verspottend oder als freundlich, die besorgte Beschreibung eines Krisenpotentials als Drohung aufgefaßt werden. Ist bereits Mißtrauen gesät, wird ein Akteur A ein Angebot von Akteur B eher als Falle denn als Angebot wahrnehmen. Als wichtiger psychologischer Faktor kommt hinzu, daß Akteure die Wirkung ihres Verhaltens auf den anderen falsch einschätzen, weil sie in selbstverständlicher Kenntnis ihrer eigenen Präferenzen davon ausgehen, daß ihre Präferenzen für den anderen offensichtlich sind.36 Das könnte zum Beispiel bedeuten, daß ein nach eigener Auffassung friedliches Verhalten vom Gegenüber durchaus begründet mit Skepsis oder sogar Feindseligkeit erwidert werden kann, was die erste Seite wiederum als provokativ empfindet. Mißverständnisse sind also vorprogrammiert, wenn Akteure sich nicht darum bemühen, ein umfassendes Bild des Gegenübers zu erhalten. Letztendlich ist Kooperation also dann wahrscheinlich, wenn ein möglichst zutreffendes Bild des anderen möglich wird, was sicher in Systemen mit garantierten Rechten auf freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit eher gegeben ist.

4.3.2. Lernen - Ideen - Wissen

Lernen und neues Wissen können Interessen ändern - das ist die Kernthese der Vertreter dieses Ansatzes. Insofern läßt sich dieses Konzept hervorragend in rationalistische Theorie mit einbauen: man nähert sich in der Realität der Vorgabe der Spieltheorie, daß Spielern alle Informationen zur Verfügung stehen. Wissen entsteht. Um den Kognitivisten gerecht zu werden, muß jedoch erwähnt werden, daß dem Begriff des Lernens ein äußerst vielschichtiges Konzept unterliegt. Es arbeitet mit einem Menschenbild, das von nur bedingter Rationalität, Unsicherheit und Komplexität geprägt ist und bestehendes Wissen und damit verbundene Interesseen im historischen Kontext erklärt.37 In der sich ständig wandelnden Welt versucht der Mensch sein Wissen um die Wirklichkeit im Austausch mit Natur, anderen Kulturen und Menschen an den Bestand der ,,echten Wirklichkeit" anzunähern. Er lernt in einem evolutionärem Prozeß immer auf der Basis der bestehenden Weltsicht dazu, wird aber aufgrund seiner nur menschlichen Unzulänglichkeiten nie den Status vollständigen Wissens um die Wirklichkeit erreichen. Treffen sich aber zwischen Akteuren die Interpretationen von Welt, wird Wissen konsensual und ermöglicht von einer gemeinsamen Ebene aus Kooperation.

Der Wissenschaft kommt dabei ein besonderer Rang zu, da sie als Hort des Lernens Wissen produziert. Sogenannte epistemische Gemeinschaften von Experten gehen dabei der Konstruktion von Wissen nach und können Entscheidungsträgern einen Interpretationsrahmen für die Wirklichkeit liefern.38 Allerdings erweist sich die Möglichkeit, daß sich wissenschaftliche Erkenntnis gegenüber staatlichen Wertinteressen durchsetzt, weitgehend auf den naturwissenschaftlich-technischen Bereich beschränkt, weil dieses Wissen zum größten Teil frei von Kultur und Ideologie ist. Aus der Politik und ihrer Geschichte zu lernen, ist eine Aufgabe, aus der sich ganz nach eigener Interessenlage und Weltanschauung verschiedene Schlüsse ziehen lassen.39

4.3.3. Sprache - Kommunikation - Verhandlungen

Es ist verblüffend, daß ein dominierendes Element von Kooperation in der theoretischen Literatur nur wenig Niederschlag gefunden hat: Sprache, Kommunikation und Verhandlungen, wie man sie bei allen bearbeiteten Konflikten auf der Welt antrifft.40 In der Spieltheorie sind die Spieler stumm und deswegen dazu gezwungen, mit Fakten zu kalkulieren und daraufhin sofort Entscheidungen zu treffen. Harald Müller weist darauf hin, daß Akteuren bei Unsicherheiten eine Handlungsalternative zur Verfügung steht: Verständigungshandeln. Er bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas.41 Durch diese Alternative können sich auf dem Schritt Kalkulation - Entscheidung mitunter staatliche Präferenzen verändern, die Anschauung von Welt und normative Ausrichtungen, und trotzdem können Staaten, ohne ein nennenswertes Risiko diese Alternative eingehen. Ein Kriterium dafür, wie weit sich Positionen in einem rationalen Diskurs einander annähern können, ist die Verwandtschaft der Lebenswelt der einzelnen Akteure. Unter der Lebenswelt ist ein kulturell überlieferter und sprachlich organisierter Vorrat an Deutungsmustern zu verstehen. Fehlt eine Schnittmenge gemeinsamer Lebenswelt ist keine Kommunikation und folglich Kooperation nur unter den Bedingungen der Spieltheorie möglich. Die Theorie erklärt damit unter anderem das Phänomen der kulturellen Mißverständnisse und den Nutzen, in Verhandlungen gemeinsame Erfahrungen zu betonen. Regimeentstehung ist also um so wahrscheinlich, desto größer die Teilmengen von ,,Lebenswelt" sind.

4.3.4. Institutionen - Normen - Werte

Die unter diesem Punkt zu behandelnden Ansätze finden sich auch unter dem Begriff der reflexiv-interpretativen Theorieansätze wieder, die inhaltlich aber nicht kohärent sind.42

Darauf kann dieser grobe Überblick keine Rücksicht nehmen und beschränkt sich deswegen auf die herausragenden Positionen.43

Der Ansatz geht davon aus, daß Akteure sich in ihrem Handeln entscheidend an gegebenen Normen, Werten und Institutionen orientieren. Er arbeitet mit einem Geflecht von mehreren Ebenen:

3 reflexive Ebenen

dem Individuum, das intentional handelt;

dem Bedeutungsgehalt dieses Handelns, der nur zwischen -menschlich in einem sozialen Rahmen gegeben ist;

der Institution, die Bedeutungsgehalte in Normen festschreibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abbildung 5)

Alle Interaktion ist nach diesem Ansatz ein interpretativer Prozeß. Jede Handlung zwischen Menschen ist sinngedeutet, indem sich die Handelnen aufeinander beziehen und fragen, was der andere tut oder tun könnte. Institutionen sind demnach einerseits von den Interpretationen der Beteiligten konstruierte Produkte, geben aber andererseits umfassende Spielregeln für das Handeln vor. Sie können sich graduell durch wandelnde Interpretationen verändern. Um soziales Handeln also verstehen zu können, müssen nicht nur die Sinnhaftigkeit dieses Handelns, sondern auch die zugrunde liegenden Regeln berücksichtigt werden, die wiederum die Identität des Handelnden und somit Sinnhaftigkeit seines Tuns bestimmt. Da der Kern dieses Ansatzes in der Intersubjektivität zu finden ist, kann dieser Ansatz nicht mit rationalen Akteuren arbeiten, da diese kausalen Zwängen folgen. Normen wirken aber nicht kausal, was für den hier behandelten Fall der Regime besonders interessant erscheint, da diese doch wie eingangs diskutiert erst durch das Wirken von Normen ihre Existenz erlangen. Dabei sind zwei Arten von Normen zu unterscheiden, nämlich konstitutive und regulative Normen. Konstitutive Normen geben sind die Voraussetzung dafür, daß ein sinnvolles Handeln untereinander erst möglich wird, indem sich Akteure auf beiderseits gleich interpretierte Gesten oder Handlungen beziehen. Regulative Normen geben vor, welches Verhalten in welchem Kontext angemessen ist. Insofern beruhen auch die internationalen Beziehungen auf vorgegebenem und regelgeleitetem Verhalten wie zum Beispiel in der allgemein anerkannten Definition von Souveränität oder in der Behandlung von diplomatischen Verfahren deutlich wird.44 Das Bestreben des reflexiv-interpretativen Ansatzes ist es, den Prozeß der Institutionalisierung nachzuzeichnen - den Prozeß der Verfestigung von Situationsdefinitionen und Akteursidentitäten, die prinzipiell jedem Interessenkalkül vorgelagert sind.

5. Schluß

Am hier diskutierten Fall Internationaler Regime zeigt sich wieder einmal deutlich, wie schwer sich sozialwissenschaftliche Theorien mit der Erklärung von Welt und Wirklichkeit tun. In den Ansätzen zur Erklärung von Regimeentstehung haben sich zahlreiche Hinweise auf notwendige, begünstigende und nachteilige Faktoren gefunden, aber kein Ansatz konnte alleine eine hinreichende Erklärung bieten. Der Prozeß der Entstehung von Regimen wurde aus der politischen Realität herausseziert, in Ausschnitten begutachtet und analysiert. Dabei erwies sich der Rationalismus nicht überraschend als am theoriefähigsten, konnte aber wesentliche Punkte der Entstehung nicht aufhellen. Hilfreich sind hier sicherlich die kognitiven Ansätze, deren Umsetzung in empirische Studien aber noch erfolgen muß.

Festzuhalten ist Folgendes: sind Institutionen Gegenstand von Untersuchungen, so steht dies immer im Zusammenhang mit handelnden Subjekten. Letztendlich stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem autonomen Handeln und kollektiv vorgegebenen Handlungsmustern in Form von Normen, Werten und bereits bestehenden Institutionen innerhalb eines Systems. Folglich schwankt die Analyse sozialen Handelns zwangsweise zwischen funktionalistischen Theorien, in denen das System das Handeln steuert und rationalistischen Theorien, in denen das Handeln das System steuert.45 Einem von innen nach außen verfahrenden Ansatz zufolge entstehen Normen als eine indirekte Folge des strategischen Handelns der beteiligten Akteure aus wiederholter Interaktion.46 Was die Interaktion aber leitet bleibt außen vor. Insofern scheinen schlicht und einfach Gewohnheiten das Geheimnis von Institutionen zu sein: aus egoistischem Interesse entstehen Verhaltensmuster, dauerhafte Verhaltensmuster stabilisieren gegenseitig Erwartungen und dauerhafte gegebene Erwartungen entwickeln einen normativen Charakter - die so entstandene Institution wird zur unabhängigen Variablen.47 Geht man von außen nach innen vor, so sind Normen vorgegeben und bestimmen soziales Handeln bis zu einem bestimmten Grad vor. Normen wirken nicht kausal und sind deswegen nicht kausal erklärbar, können aber graduell verändert werden. Diese gegenläufigen Ansätze schließen sich meines Erachtens zwar von ihrer Methodik, aber nicht von ihrer Aussage automatisch aus. Schließlich konstituiert sich die politische Wirklichkeit aus Interesse und Norm, die sich gegenseitig beeinflussen und in einem ständigen Prozeß aufeinander einwirken.48 Für eine definierte Zeitspanne sollte es möglich sein, den Zyklus von vorgegebenen Werten und denen, die sich daraus entwickeln nachzuzeichnen. Davon unabhängige Theorie muß sich immer mit der ambivalenten Variable Mensch auseinandersetzen und kann daher nur zu ambivalenten Aussagen kommen.

Regime verfügen in Anbetracht einer engen und konformer werdenden Welt über gute Entwicklungschancen, da westliche Werte wie zum Beispiel Menschenrechte zunehmende Verbreitung finden, Vertrauen über technisch möglich gewordene Kommunikation zwischen allen Kontinenten leichter fällt und Handel wie auch gesellschaftlicher Austausch zu gemeinsamen Interessenlagen führt. Dies sind allerdings keine Sicherheiten. Ist die Einbindung in die Wertegemeinschaft schwach oder sind Normen aufgrund von Veränderungen unklar, steigt der Anreiz zu unilateralem Handeln. Das bedeutet, daß Kooperation sehr weit gediehen sein und sich auf einer stabilen Grundlage befinden muß, um bindende Kraft zu zeigen. Als ein Kooperationsproblem erweist sich dabei, daß Normen erst in einem länger andauernden Prozeß entstehen und nicht flexibel auf Herausforderungen der Gegenwart gebildet werden können. Zeigt sich in einer normativ unklaren Situation die Gelegenheit, aus Kooperation auszuscheren, ohne größere Kosten dafür in Kauf nehmen zu müssen, dann erwacht sogar in einer gefestigten Gemeinschaft wieder das klassische Modell des rationalen Nutzenmaximierers. Die einseitige Anerkennung Kroatiens von Seiten der Bundesrepublik Deutschland ist dafür nur ein Beispiel.49

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[...]


1 Krasner, Stephen D.: Structural causes and regime consequences: regimes as intervening variables. in ders. (Hrsg.): International Regimes. Ithaca/NY 1983. S. 2. übersetzt von und zitiert nach Efinger, Manfred/ Rittberger, Volker/ Wolf, Klaus-Dieter/ Zürn, Michael: Internationale Regime und internationale Politik. in Rittberger, Volker (Hrsg.): Theorien der internationalen Beziehungen. Bestandsaufnahmen und Forschungsperspektiven. PVS Sonderheft 21/1990. Opladen 1990. S. 264-265.

2 Müller, Harald: Die Chance der Kooperation: Regime in den internationalen Beziehungen. Darmstadt 1993. S. 39-40.

3 Efinger, Manfred/ Rittberger, Volker/Zürn, Michael: Internationale Regime in den OstWest-Beziehungen. Ein Beitrag zur Erforschung der friedlichen Behandlung internationaler Konflikte. Frankfurt 1988. S. 69.

4 Kohler-Koch, Beate: Zur Empirie und Theorie internationaler Regime. in Kohler-Koch, Beate: Regime in den internationalen Beziehungen. Baden Baden 1989. S. 42.

5 Keohane, Robert O.: After Hegemony. Cooperation and Discord in the World Political Economy. Princeton (New Jersey) 1984. S. 110-116. Keohane verweist zum Ursprung des Begriffs der eingeschränkten Rationalität auf Simon, Herbert A.: Models of Bounded Rationality. 2 Bd. Cambridge 1982.

6 Wolf, Klaus Dieter: Regimeanalyse. in Nohlen, Dieter (Hrsg.): Pipers Wörterbuch zur Politik. Bd.5 (hrsg. von Andreas Boeckh): Internationale Beziehungen. Theorien- Organisationen-Konflikte. München 1994. S. 427.

7 Auf die Darstellung neorealistischer Kritik wird hier zugunsten des eigentlichen Themas verzichtet. Stellvertretend für diese Perspektive sei hier genannt Grieco, Joseph M.: Cooperation among Nations. Europe, America, and Non-Tariff Barriers to Trade. Ithaca (NY) 1990.

8 Mayer, Peter/ Rittberger, Volker/ Zürn, Michael: Regime Theory: State of the Art and Perspectives. In Rittberger, Volker (Hrsg.) - assistiert von Peter Mayer: Regime Theory and International Relations. Oxford 1995. S. 405-427.

9 Keohane, Robert O.: (siehe Anm. 5).

10 Kohler-Koch, Beate: (siehe Anm. 4). S. 36.

11 Müller, Harald: (siehe Anm. 2). S. 43-46.

12 Prechtl, Peter und Burkard, Franz-Peter (Hrsg.): Metzler-Philosophie-Lexikon: Begriffe und Definitionen. Stuttgart 1996. S. 237.

13 Keohane, Robert O.: (siehe Anm. 5). S. 246. Es ist damit nicht ausgeschlossen, daß aus Institutionen formale Organisationen entstehen können.

14 Verbesserte Modelle schränken die uneingeschränkten Fähigkeiten des rationalen Akteurs ein, indem sie auf Verhaltensmuster, Nutzenbefriedigung und weiteres hinweisen. Michael Zürn arbeitet beispielsweise mit einem intentionalen Akteur.

15 Einschränkungen sind unter Punkt 4.3.4. erläutert.

16 Beispielhaft zu nennen sind hier Müller, Harald: (siehe Anm. 2). S. 31-34 und Keohane, Robert O.: The demand for international regimes. in Krasner, Stephen D. (Hrsg.): (siehe Anm. 1). S. 141-171.

17 Keohane, Robert O.: (siehe Anm. 5). S. 244.

18 Haggard, Stephan/ Simmons Beth A.: Theories of international regimes. in International Organization 3/87 (41. Jg.). S. 498-513.

19 Efinger, Manfred/ Rittberger, Volker/ Wolf, Klaus-Dieter/ Zürn, Michael: (siehe Anm. 1). S. 267-273.

20 Zürn, Michael: Interessen und Institutionen in der internationalen Politik: Grundlegung und Anwendung des situationsstrukturellen Ansatzes. Opladen 1992.

21 Ein sehr anschauliches Beispiel hierfür gibt Zürn, Michael: Das CoCom-Regime. Zum Erklärungswert rationalistischer Theorien. in Kohler-Koch, Beate (Hrsg.): (siehe Anm. 4). S. 131-139.

22 Sinngemäß entnommen aus Zürn, Michael: (siehe Anm. 19). S. 328.

23 In den folgenden Teilen von Abschnitt 4.1. beziehe ich mich, wenn nicht anders vermerkt, auf Zürn, Michael: (siehe Anm. 20). S. 137-218.

24 Ebenda S. 198-199.

25 Kydd, Andrew und Snidal, Duncan: Progress in Game-Theoretical Analysis of International Regimes. in Rittberger, Volker (Hrsg.): (siehe Anm. 8). S. 112-135.

26 Rittberger, Volker: Research on International Regimes in Germany. The adaptive Internalization of an American Social Science Concept. in ders. (Hrsg.): (siehe Anm. 8). S. 13.

27 Efinger, Manfred/ Rittberger, Volker/ Zürn, Michael: (siehe Anm. 3). S. 86-97.

28 Rittberger, Volker: (siehe Anm. 26). S. 15

29 Eine sehr hilfreiche Übersicht zu kognitiven Ansätzen bieten Schabert, Thomas und Ulbert, Cornelia: Reflexivität in den Internationalen Beziehungen. Literaturbericht zum Beitrag kognitiver, reflexiver und interpretativer Ansätze zur dritten Theoriedebatte. in Zeitschrift für Internationale Beziehungen 1/94 (1. Jg.). S. 139-169.

30 Esser, Hartmut: Von der subjektiven Vernunft der Menschen und von den Problemen der kritischen Theorie damit. Auch ein Kommentar zu Millers ,,kritischen Anmerkungen zur Rational Choice Theorie". In Soziale Welt 1/94 (45. Jg.).S. 19-22.

31 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. bes. von Johannes Winckelmann. 5. revid. Aufl. Studienausgabe. Tübingen 1980. S. 2-3 und Keohane, Robert O.: The Analysis of International Regimes: Towards a European-American Research Programme. in Rittberger, Volker (Hrsg.): (siehe Anm. 8). S. 24-26.

32 Jönsson, Christer: Cognitive Factors in Explaining Regime Dynamics. in Rittberger, Volker (Hrsg.): (siehe Anm. 8). S. 202 und Kratochwil, Friedrich/Ruggie, John Gerard: International Organization: A State of the Art on an Art of the State. in International Organization 4/86 (40. Jg.). S. 766.

33 Herrmann, Richard: The Empirical Challenge of the Cognitive Revolution: A Strategy for Drawing Inferences about Perceptions. in International studies Quarterly 2/88 (32. Jg.). S. 175.

34 Schaber, Thomas und Ulbert, Cornelia: (siehe Anm. 29). S. 139-141 und 164-165.

35 Herrmann, Richard: (siehe Anm. 33). S. 185.

36 Jervis, Robert: Realism, Game Theory, and Cooperation. in World Politics 3/88 (40. Jg.). S. 337-339.

37 Haas, Ernst B.: Words can hurt you; or who said what to whom about regimes. in Krasner, Stephen D. (Hrsg.): (siehe Anm. 1). S. 23-26.

38 Schaber, Thomas und Ulbert, Cornelia: (siehe Anm. 29). S. 150.

39 Levy, Jack S.: Learning and foreign policy: sweeping a conceptual minefield. in International Organization 2/94 (48. Jg.). S. 279-312.

40 Im folgenden Abschnitt beziehe ich mich hauptsächlich auf einen sehr reizvollen und plausibel erscheinenden Beitrag von Müller, Harald: Internationale Beziehungen als kommunikatives Handeln. Zur Kritik der utilitaritischen Handlungstheorien. in Zeitschrift für Internationale Beziehungen 1/94 (1. Jg.). S. 15-25.

41 Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bd. Frankfurt a.M. 1981. Hinweis übernommen aus Müller, Harald: (siehe Anm. 40). S. 41.

42 In diesem Abschnitt beziehe ich mich wieder hauptsächlich auf Schabert, Thomas und Ulbert, Cornelia: (siehe Anm. 29). S. 152.

43 Stellvertretend seien hier genannt Kratochwil, Friedrich und Ruggie, John Gerard: (siehe Anm. 32).

44 Ebenda: S. 767.

45 Zürn, Michael: (siehe Anm. 20). S. 11.

46 Gehring, Thomas: Regieren im internationalen System. Verhandlungen, Normen und Internationale Regime. In Politische Vierteljahresschrift 6/96 (36. Jg.). S. 201.

47 Krasner, Stephen D.: (siehe Anm. 1). S. 18.

48 Müller, Harald: (siehe Anm. 2). S. 172.

49 Crawford, Beverly: Explaining Defection from International Cooperation. Germany`s Unilateral Recognition of Croatia. in World Politics 4/96 (48. Jg.). S. 516-521.

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Zur Entstehung von internationalen Regimen
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Proseminar Einführung in die internationalen Beziehungen
Note
1,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
20
Katalognummer
V97317
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mein einstiges Meisterstück. Grundlegende Herleitung und Diskussion der Frage: Wie entsteht in einem anarchischen System Kooperation?
Schlagworte
Entstehung, Regimen, Proseminar, Einführung, Beziehungen
Arbeit zitieren
Philipp Stempel (Autor), 1996, Zur Entstehung von internationalen Regimen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97317

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