Diese Arbeit stellt eine qualitative empirische Untersuchung zum Einsatz von Video-Tutorials (VT) im Instrumentalunterricht für Streicher vor. Ausgangspunkt der Studie ist die Diskrepanz zwischen dem Verhältnis der Schülerzahlen der jeweiligen Instrumentalfächer an deutschen Musikschulen und den Trefferzahlen der im Internet frei erhältlichen deutschsprachigen Video-Tutorials. Die, verglichen mit anderen Instrumentalbereichen, vergleichsweise geringe Beschäftigung der aktiven Streicher mit dem Medium VT wirft folgende Forschungsfrage auf: Welches Potenzial hat der Einsatz von Video-Tutorials im Instrumentalunterricht des Fachbereichs Streicher auf den Lernprozess aus Sicht eines Experten?
Zwei theoretische Ansätze dienen als Rahmen zur Formulierung von Leitfragen: Distinktionsmechanismen nach Bourdieu sowie das Konzept der Pfadabhängigkeit nach Werle. In einem Experteninterview bilden diese Leitfragen dann die Basis für den Interviewleitfaden sowie das Kategorienschema in der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring. Im Anschluss an die Erläuterung der Vorgehensweise werden die Forschungsergebnisse, deren Nutzen sowie der Ausblick auf Möglichkeiten zur Anschlussforschung dargelegt.
Seitdem Web 2.0 flächendeckend in deutschen Haushalten Einzug gehalten hat, hat sich der aktive und passive Umgang mit Musik deutlich verändert. Das Internet entwickelte sich zum Speicher-, Distributions- und Kommunikationsmedium für alle musikalischen Themenfelder. Auch auf das Musiklernen hat diese Entwicklung großen Einfluss: vor allem die Internetplattform YouTube, via deren Kanäle kostenfrei Videos aller Art abrufbar sind, stellt Tutorials zu Spieltechnik von Instrumenten, Interpretation von musikalischen Werken sowie zu musiktheoretischem Basiswissen für jedermann zugänglich zur Verfügung.
Dabei können die Videoangebote nach zwei Arten des Lernens unterschieden werden: Zum einen bietet sich eine Fülle an unstrukturierten Einzelvideos zu spezifischen Instrumentaltechniken oder bestimmten musikalischen Werken, die autodidaktisch und selbstorganisiert von den Rezipienten ausgewählt und nachvollzogen werden; zum anderen gibt es stärker formalisierte Angebote wie beispielsweise Kursreihen für Anfänger am Instrument oder zu bestimmten Spiel- oder Interpretationstechniken, die - einer lehrplanartigen Struktur folgend - die Abonnenten gegen Gebühr professionell durch die Kursinhalte führen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen
2.1 Darstellung des Theorierahmens
2.1.1 Distinktionsmechanismen nach Pierre Bourdieu
2.1.2 Konzept der Pfadabhängigkeit
2.2 Aktueller Forschungsstand
3. Empirischer Teil
3.1 Methoden
3.1.1 Erhebungsmethode: Experteninterview nach Gläser und Laudel
3.1.2 Erläuterung des Feldzugangs
3.1.3 Auswertungsmethode: Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring
3.2 Interpretation der Ergebnisse
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das didaktische Potenzial von Video-Tutorials im Instrumentalunterricht für Streicher, um die Diskrepanz zwischen der Verbreitung solcher digitalen Lehrinhalte und der tatsächlichen Nutzung im Fachbereich Streicher zu erklären und die Forschungsfrage zu beantworten, wie diese das Lernverhalten beeinflussen.
- Einsatz von Video-Tutorials im Instrumentalunterricht
- Distinktionsmechanismen nach Pierre Bourdieu im Musikkontext
- Theorie der Pfadabhängigkeit bei pädagogischen Lehrmethoden
- Qualitative Analyse von Experteninterviews zum digitalen Musiklernen
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Konzept der Pfadabhängigkeit
Die europäische Tradition des Lernens und Lehrens von Streichinstrumenten blickt auf eine historische Entwicklungslinie der Didaktik zurück, die sich seit dem 17. Jahrhundert bis heute mit Instrumentaltechnik und deren Vermittlung wissenschaftlich beschäftigt. Ihren Höhepunkt hatte diese Entwicklung im späten 18. Jahrhundert; die großen Meister dieser Zeit und ihre Lehrwerke sind bis heute die Basis des Unterrichts für Streicher (Seiffert, 2013, 32ff). Der Umstand, dass gerade in der musikalischen Ausbildung immer noch der Einzelunterricht mit einer engen Lehrer-Schüler-Beziehung das bevorzugte Szenario ist (Lichtinger, 2010, [2]), kann zur Erklärung mit herangezogen werden, warum neuere Ansätze des Lehrens sowie der Einsatz von Multimedia im Unterricht nur zögerlich angenommen werden (ebd., [4]).
Hier greift das Konzept der Pfadabhängigkeit (Klebl, 2006, S.13): In Rückgriff auf den aus dem Bereich der Ökonomie stammenden, von Paul A. David und W. Brian Arthur eingeführten, Begriff definiert R. Werle Pfadabhängigkeit als „einen vergangenheits-determinierten Prozess relativ kontinuierlicher bzw. inkrementeller Entwicklungen. Die jeweils erreichten Zustände können kollektiv ineffizient oder suboptimal sein, ohne dass der Prozess deshalb notwendigerweise zum Erliegen kommt oder radikal geändert wird“ (zitiert nach Benz et al., 2008, S.119). Dieses Phänomen lässt sich auch in sozialwissenschaftlichen Zusammenhängen beobachten (ebd., 2008, S. 122), so auch bei der ungenügenden Beachtung des Einsatzes von Video-Tutorials im Streicherunterricht im deutschsprachigen Raum. Vermutlich trug zu diesem Zustand die lange historische Kontinuität bei, die in der Genese der Didaktik zum sogenannten „Locked-In“ führte, „einem stabilen Stadium, in dem eine Umkehr oder Auswahl eines alternativen Pfades unmöglich ist“, so dass nicht nur Momente der Gewöhnung und Trägheit, sondern auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle spielen, da jeder Systemwechsel mit hohen Innovationsleistungen und Kosten verbunden wäre (Klebl, 2006, S.71-72).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beschreibt den Wandel des Musiklernens durch das Web 2.0 und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der geringen Nutzung von Video-Tutorials bei Streichern im Vergleich zu anderen Instrumenten.
2. Theoretischer Rahmen: Das Kapitel erläutert theoretische Ansätze zur Erklärung des Verhaltens von Musikpädagogen, wobei insbesondere Bourdieus Distinktionstheorie und das Konzept der Pfadabhängigkeit zur Untersuchung herangezogen werden.
3. Empirischer Teil: Hier wird die methodische Vorgehensweise durch Experteninterviews und deren qualitative Auswertung nach Mayring dargelegt sowie die gewonnenen Erkenntnisse interpretativ ausgewertet.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Video-Tutorials ein großes ungenutztes Potenzial als Ergänzung zum konventionellen Unterricht bieten, und plädiert für eine stärkere Öffnung des Fachbereichs gegenüber digitalen Medien.
Schlüsselwörter
Video-Tutorials, Streicherunterricht, Instrumentalunterricht, Pfadabhängigkeit, Distinktionsmechanismen, Pierre Bourdieu, Experteninterview, Qualitative Inhaltsanalyse, Musikpädagogik, Digitalisierung, Musiklernen, Blended Learning, Didaktik, Wissensvermittlung, Online-Lernen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, warum Video-Tutorials im Fachbereich Streicher weitaus seltener genutzt werden als in anderen musikalischen Instrumentalfächern und welches Potenzial diese Medien für den Lernprozess bieten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der Didaktik des Musikunterrichts, dem digitalen Wandel, soziologischen Theorien zur sozialen Abgrenzung (Distinktion) und psychologischen Aspekten der Verhaftung in traditionellen Lehrmethoden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Welches Potential hat der Einsatz von Video-Tutorials im Instrumentalunterricht des Fachbereichs Streicher auf den Lernprozess - aus Sicht eines Experten?“
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Untersuchung ist qualitativ-empirisch orientiert und nutzt das Experteninterview als Datenerhebungsmethode sowie die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring zur Auswertung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte theoretische Herleitung sowie einen empirischen Teil, in dem ein Experte zu seinen Erfahrungen und Einschätzungen zum Einsatz von Video-Tutorials befragt und dessen Aussagen analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Video-Tutorials, Streicherunterricht, Pfadabhängigkeit, Distinktionsmechanismen und Musikpädagogik charakterisieren.
Welche Rolle spielen die theoretischen Konzepte von Bourdieu?
Bourdieus Distinktionsmechanismen dienen dazu, die beobachtete Zurückhaltung oder Ignoranz gegenüber Video-Tutorials als bewusste oder unbewusste Abgrenzung von Laien zu deuten, um den Expertenstatus der Musikpädagogen zu wahren.
Wie unterscheidet sich die Nutzung von Video-Tutorials bei Klavier oder Gitarre?
Die Untersuchung zeigt, dass in diesen Fächern eine wesentlich höhere Anzahl an Online-Lehrinhalten existiert, was vermutlich auf eine höhere Affinität der Lehrenden zu digitalen Medien und eine geringere Sorge vor Wissensverlust oder Konkurrenz zurückzuführen ist.
- Arbeit zitieren
- Petra Amasreiter (Autor:in), 2016, Video-Tutorials im Instrumentalunterricht für Streicher. Qualitätsentwicklung im Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/973991