Das Gottesurteil in »Tristan und Isolde« von Gottfried von Straßburg


Seminararbeit, 1997

21 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergrundinformationen zum Gottesurteil
2.1. Zur Geschichte des Gottesurteils
2.2. Gottesurteile aus biblischer Sicht

3. Das Gottesurteil im Kontext des Romans
3.1. Gottfrieds Eigenständigkeit bei der Bearbeitung der Vorlage
3.2. Die christlich-religiösen Wendungen im Roman
3.2.1. Begrüßung und Verabschiedung
3.2.2. Wünsche und Ausrufe
3.2.3. Gebete und Bitten

4. Das Gottesurteil
4.1. Parallelen zur Baumgartenszene
4.2. Besonderheiten beim Gottesurteil
4.3. Isoldes List
4.4. Der Kommentar Gottfrieds - Interpretationsansätze
4.4.1. Überblick
4.4.2. Kritik an der Institution Gottesurteil
4.4.3. Strategie der Verkehrung
4.5. Strategie der Verkehrung über den Kommentar hinaus

5. Abschließende Gedanken

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Gottesurteil nimmt in der "Tristan"-Interpretation einen besonderen Platz ein. Es gilt sogar als 'Nagelprobe' bei der Interpretation dieses Romans Gottfrieds von Straßburg. Viele Autoren haben sich dieser 'Nagelprobe' bereits ausgesetzt und kamen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Die vorliegende Arbeit baut auf den Vorleistungen der bisherigen Forschungen auf, diskutiert deren Ergebnisse in einzelnen Punkten und möchte neue Akzente miteinfließen lassen.

Im vierten Kapitel wird detailliert auf das Gottesurteil mit Gottfrieds Kommentar eingegangen. Zur Vorbereitung dienen die beiden vorherigen Kapitel. Zuerst werden im zweiten Kapitel Hintergrundinformationen zum Gottesurteil aus historischer und biblischer Sicht zusammengetragen. Dadurch soll ein äußerer Rahmen für die Betrachtung dieser Szene gesetzt werden. Im dritten Kapitel soll das Gottesurteil mit einigen Aspekten des ganzen Romans in Verbindung gebracht werden.

2. Hintergrundinformationen zum Gottesurteil

2.1. Zur Geschichte des Gottesurteils

Im weiteren Sinn bedeutet Gottesurteil (iudicium Dei) ein unmittelbares Eingreifen Gottes zu Strafzwecken und zum Erweis der Wahrheit. Im engeren Sinn (Gottesurteil auch Ordal = Urteil) war das Gottesurteil Beweismittel bei einem Rechtsstreit. Gott wurde dabei durch eine Probe zur Stellungnahme in einer Schuldfrage herausgefordert.1

Das Gottesurteil war in fast allen Teilen der Welt bekannt und beruhte auf dem Glauben, daß Recht und Unrecht beim Gottesurteil offenbar werden. Es wurde davon ausgegangen, daß, "wer durch sein Unrecht die Ordnung der Gemeinschaft gestört hat, auch mit den das Leben tragenden Elementen in Unfrieden steht und deshalb...daran zerbrechen muß."2 In christlicher Zeit verhilft - anstelle der Elemente - Gott dem Recht zum Sieg. Das Gottesurteil wurde nicht von der Kirche eingeführt, sondern läßt sich vielmehr auf ein magisches Denken zurückführen, "das den Naturablauf von dämonischen Kräften willkürlich beeinflußt glaubt."3 Am Besten ist die Verbreitung der Gottesurteile bei den Germanen bestätigt. Sie nahmen Beweismittel des alten sakralmagischen Weltbildes wie Eid und Zweikampf und gaben ihnen christliche Formen. Darüber hinaus erfanden die Germanen neue Gottesurteile.4 Die verschiedensten Ausprägungen des Gottesurteils kamen zur Anwendung; als Hilfsmittel dienten häufig die Elemente (Wasser, Feuer). So gab es beispielsweise Feuerprobe, Wasserprobe, Zweikampf, Bissprobe und Kreuzprobe. Es sei hier nur erwähnt, daß die einzelnen Proben ganz unterschiedlich ausgeführt werden konnten. Die Feuerprobe, die im weiteren Verlauf der Arbeit noch eine wichtige Rolle spielen wird, offenbarte erst nach drei Tagen, ob der Angeklagte schuldig oder unschuldig sei. Dann wurden die vorher versiegelten Wunden untersucht. Falls Heilung zu erkennen war, wurde der Beschuldigte freigesprochen.5

Die Kirche kam mit dem Gottesurteil erst in Berührung, als die germanischen Nachfolgestaaten auf römischem Reichsboden erstarkten. Der allgemeinen Lehre der Kirche blieb das Gottesurteil fremd, weil es kein Recht der Menschen gibt, von Gott prozessual Wunder zu verlangen. Trotzdem griff der germanische Klerus ordnend bei den Gottesurteilen ein, gestaltete Rituale aus, entwickelte neue Formen (Kreuzprobe) und bekämpfte einige Gottesurteile wie den blutigen Zweikampf. 1215 wurde auf dem IV. Laterankonzil unter Innozenz III. nicht nur der Zweikampf verboten, sondern allen Klerikern die Beteiligung an der Durchführung von Gottesurteilen untersagt.6

Endgültig verbot Gregor IX. 1234 die Gottesurteile durch die Veröffentlichung der Dekretalen.7

2.2. Gottesurteile aus biblischer Sicht

Im Neuen Testament gibt es keine Anweisungen an die Gläubigen, Gottesurteile durchzuführen. Ebenso finden sich keine Aufforderungen an die Gemeinden8, die Praktiken des Volkes Israel zu übernehmen, die Gottes direktes und sichtbares Einwirken voraussetzten. Es ist allerdings denkbar, daß die im Alten Testament beschriebenen Verfahren, bei denen Gott seinen Willen zeigte, Recht und Unrecht offenbarte sowie über Schuld oder Unschuld entschied, die Ausprägungen der einzelnen Gottesurteile beeinflußte. Aus diesem Grund sollen einige Praktiken, die als Vorbild gedient haben könnten, analysierend vorgestellt werden.

Bei den Losverfahren müssen grundsätzlich zwei Varianten unterschieden werden. Bei Urim und Tummim (Licht und Recht) handelte es sich höchstwahrscheinlich um zwei Lossteine. Dieses Losverfahren war an die Person des Hohenpriesters gebunden. In 2.Mose 28:29-30 gibt es Anweisungen, wo die heiligen Lose aufbewahrt werden sollen: "In die Brusttasche für den Rechtsspruch aber lege die Urim und die Tummim, damit sie auf dem Herzen Aarons sind, wenn er vor den HERRN hineingeht. So soll Aaron den Rechtsspruch für die Söhne Israel beständig vor seinem HERRN auf seinem Herzen tragen." 9 Bei der Verteilung des Landes Kanaan unter den Stämmen Israels wurde der Befehl Gottes aus 4.Mose 26:52-56, das eingenommene Land durch Los aufzuteilen, ausgeführt. Josua 14:1-2 berichtet, daß das Land durch Josua und den Prieser Eleasar per Los verteilt wurde: "Und dies ist es, was die Söhne Israel als Erbe im Land Kanaan erhielten, was ihnen der Priester Eleasar und Josua, der Sohn des Nun, und die Familienoberhäupter der Söhne Israel als Erbe austeilten." Das Alte Testament beschreibt noch weitere Begebenheiten, bei denen höchstwahrscheinlich Urim und Tummim angewandt wurden. So bei der Befragung Gottes durch Saul für die weiteren Kriegspläne (1.Samuel 14:36-42), und auf der Flucht vor Saul befragt David den HERRN mit Hilfe des Priesters Abjatar (1.Samuel 23:7-13). Nach der Zeit Davids gibt es keine Hinweise mehr auf diese Praxis.

Ein anderes Losverfahren, das nicht an einen Priester gebunden ist, wird in Sprüche 16:33 erwähnt: "Im Gewandbausch schüttelt man das Los, aber all seine Entscheidung kommt vom HERRN." Über die genaue Entstehung und Handhabung finden sich in der Bibel keine Angaben. Während es bei Urim und Tummim um Entscheidungen ging, die das ganze Volk Israel betrafen10, scheint dieses Losverfahren im persönlichen Bereich Anwendung gefunden zu haben.

Das letzte Mal entscheidet das Los über die Nachfolge von Judas Iskariot zwischen Barsabbas und Matthias (Apg. 1:24-26): "Du, Herr, Herzenskenner aller, zeige von diesen beiden den einen an, den du auserwählt hast, damit er die Stelle dieses Dienstes und Apostelamtes empfängt...Und sie gaben ihnen Lose; und das Los fiel auf Matthias, und er wurde den elf Aposteln zugezählt." Die letzte Erwähnung eines Losverfahrens geht dem Kommen des Heiligen Geistes voraus, der die Christen befähigt, geistliche Entscheidungen ohne Los oder ähnliche Verfahren zu treffen, weil der Geist Gottes nun in ihnen selbst wohnt und wirken kann.

Bei Rechtsstreitigkeiten galt das Prinzip, daß ein einzelner Zeuge zur Überführung eines Verdächtigen nicht genügte, sondern nur "auf zweier Zeugen Aussage oder auf dreier Zeugen Aussage hin soll eine Sache gültig sein." (5.Mose 19:15b). Im Neuen Testament gilt der gleiche Maßstab. In Matthäus 18:15-18 beschreibt Jesus Christus, wie mit Gemeindegliedern umzugehen ist, die sündigen. Läßt sich unter vier Augen keine Einigung herbeiführen, gibt Jesus Christus folgende Anweisung: "Wenn er aber nicht hört, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit aus zweier oder dreier Zeugen Mund jede Sache bestätigt werde!"

Es gibt nur zwei Hinweise darauf, daß Gott bei unklaren Rechtsstreitigkeiten direkt eingreifen würde. In 2.Mose 22:6-10 "soll die Sache der beiden vor Gott kommen" bzw. "soll ein Schwur beim HERRN zwischen ihnen beiden sein", wenn nicht genau feststeht, ob ein Fall von Veruntreuung vorliegt. Wie der HERR den Schuldigen offenbaren würde, läßt sich aus dieser Stelle nicht erkennen.

Beim zweiten Hinweis handelt es sich um ein Verfahren, das im Zusammenhang mit der Thematik dieser Arbeit von besonderem Interesse ist. Verdächtigt ein Mann seine Frau der Untreue, und ist er nicht in der Lage, dafür Beweise zu erbringen, soll er mit ihr zum Priester gehen, der ihr das fluchbringende Wasser der Bitterkeit (geheiligtes Wasser mit Staub vom Fußboden vermischt) zum Trinken reichen soll: "Und der Priester soll sie beschwören und zu der Frau sprechen: Wenn kein Mann bei dir gelegen hat und wenn du...nicht auf Abwege geraten bist in Unreinigkeit, dann bleibe unversehrt von diesem fluchbringenden Wasser der Bitterkeit! Wenn du aber...auf Abwege geraten bist und dich unrein gemacht hast und ein Mann bei dir gelegen hat auß er deinem eigenen Mann...dann mache der HERR dich zur Verfluchung und zum Schwur inmitten deines Volkes, indem der HERR deine Hüfte schwinden und deinen Bauch anschwellen l äß t, und es komme dieses fluchbringende Wasser in deine Eingeweide, um den Bauch anschwellen und die Hüfte schwinden zu lassen!" (4.Mose 5:19-22). In diesem Fall ist der Schwur klar geregelt, so daß eine Manipulation nicht möglich ist. Ähnlich wie bei Urim und Tummim ist dieses Verfahren an einen Priester aus dem Volk Israel - aus dem Stamm Levi - gebunden.

Die angeführten Beispiele zeigen, daß diese Verfahren Anregungen für die Gottesurteile, wie sie im Mittelalter praktiziert wurden, gegeben haben könnten. Allerdings muß beachtet werden, daß sich die Anweisungen Gottes auf sein auserwähltes Volk Israel bezogen haben und darüber hinaus teilweise an den Hohenpriester bzw. an die Priester des Volkes gebunden waren. Somit ist eine Übertragung der Verfahren auf die christliche Zeit aus biblischer Sicht nicht gerechtfertigt.

3. Das Gottesurteil im Kontext des Romans

3.1. Gottfrieds Eigenständigkeit bei der Bearbeitung der Vorlage

Gottfried von Straßburg weist im Prolog darauf hin, daß der "Tristan" von Thomas von Britanje (Vers 150) als Quelle für seinen Roman diente. Gottfried hat allerdings den Text von Thomas nicht einfach nur übersetzt, sondern eine eigene Bearbeitung des Stoffes vorgelegt. In der Forschung ist heute unumstritten, daß "sich die innere Eigenständigkeit und Selbständigkeit Gottfrieds in der Gestaltung des 'Tristan'"11 erwiesen hat. Diese Eigenständigkeit zeigt sich beispielsweise bei den christlich-religiösen Elementen bzw. Wendungen, die bei Gottfried verstärkt auftreten. Stökle und Meissburger gehen davon aus, daß es sich dabei um Eigentum von Gottfried handelt.12 Meissburger präzisiert noch, wenn er feststellt, daß "Gottfried vorhandene Gebete der Nebenpersonen verkürzt oder weggelassen, für die Hauptpersonen neue Gebete eingeführt und vor allem ihre Gottesnennungen vermehrt"13 hat. Da Gottfried diese Veränderungen bewußt eingebaut hat, sollen die Gebete und Nennungen im folgenden Abschnitt näher betrachtet werden.

An dieser Stelle sei erwähnt, daß die Geschichte des gefälschten Gottesurteils von Thomas übernommen wurde. Der anschließende Kommentar, der so kontrovers diskutiert wird, ist der eigene Beitrag Gottfrieds von Straßburg.14 Er hat demzufolge innerhalb des ganzen Romans bei den christlich-religiösen Elementen Änderungen vorgenommen. Bei der Interpretation des Gottesurteils muß geklärt werden, ob ein innerer Zusammenhang besteht.

3.2. Die christlich-religiösen Wendungen im Roman

Die Nennungen oder Anrufungen Gottes bzw. seines Namens können - grob gesehen - in drei Gruppen aufgeteilt werden.

3.2.1. Begrüßung und Verabschiedung

Begrüßen und verabschieden sich die Figuren im "Tristan", tun sie es meistens im Namen Gottes oder erwähnen dabei Gott in irgendeiner Art und Weise. Als Beispiele sollen folgende Textbelege dienen:

504nu Marke sîniu maere

und sînen muot haete vernomen,

er sprach: "got und mir willekomen!

lîp unde guot und swaz ich hân,

daz sol z'iuwerem gebote stân."

3259 "dêu sal le roi et sa mehnîe

künec und sîne massenîe

die gehalte got der guote!"

1422 "vrouwe" sprach er "gebietet mir,

ich sol und muoz ze lande varn;

iuch, schoene, müeze got bewarn:

weset iemer saelec unde gesunt!"

2782 "kint" sprâchen sî"got segene dich.

ze saelden müezest dûgevarn!"

An diesen und vielen anderen Stellen wird der Eindruck vermittelt, daß die Figuren Gott in ihrem Leben ernst nehmen und das nach außen in solchen Wendungen kundtun. Die häufige Nennung Gottes bei Begrüßungen und Verabschiedungen entspricht aber einerseits den Konventionen des Sprachgebrauchs zu dieser Zeit. Andererseits erreicht der Autor damit, daß Gott im Roman präsent ist und mit den einzelnen Figuren und der Handlung scheinbar in Beziehung steht.15 Allerdings fällt auf, daß viele Bemerkungen eher konventionell-formelhaft wirken.

3.2.2. Wünsche und Ausrufe

Die im Roman ausgesprochenen Wünsche stehen in doppelter Hinsicht in enger Verwandtschaft zu den Begrüßungs- und Verabschiedungsworten. Zum einen fließen diese Wünsche oft in die Redewendungen beim Begrüßen und Verabschieden mit ein. Zum anderen wirken sie ebenso konventionell und formelhaft:

1575 manc segen wart im nâch gegeben,

daz got sînêre und sîn leben

gerouhte in sînem schirme hân.

2478 "vriunt" sprâchen sî"got gebe dir heil

und müeze dînes lîbes pflegen!"

5042 er kuste in und sprach: "neve, nu var

und gebe dir got durch sîne craft

heil ze dîner ritterschaft!..."

Gott auf den Lippen haben die Figuren im Roman allerdings nicht nur mehr oder minder bewußt, sondern ebenso unbewußt. Das schlägt sich in der hohen Anzahl der Ausrufe, bei denen Gott in irgendeiner Form genannt wird, nieder.

982 "owêGot hêrre, wie leb ich!..."

2794 "lât stân! durch got, waz gât ir an?..."

3438 "daz weiz got, Tristan, dûhâst reht..."

5430 "...sem mir got der rîche!..."

Im Einzelnen kann jetzt nicht geklärt werden, welche Figuren des Romans Gott nicht nur mit den Lippen, sondern auch mit dem Herzen bekennen würden. Bei den beiden Pilgern, denen Tristan begegnet, wird wohl niemand vermuten, daß sie lediglich fromme Formeln von sich geben. Trotz der Einschränkung, daß eine genaue Analyse jeder einzelnen Figur nicht erfolgen kann, darf aber der Schluß gezogen werden, daß es sich bei der Mehrzahl der Gottesnennungen um fromme Formeln ohne tiefere Bedeutung handelt. Am Beispiel von

Tristan soll im folgenden Abschnitt unter dem Aspekt Gebet diese Behauptung unterstützt werden.

3.2.3. Gebete und Bitten

Th. C. van Stockum stellt fest, daß die Hauptpersonen des Romans der Ansicht sind, "Gott sei der eigentliche Lenker des menschlichen Lebens."16 Van Stockum schränkt allerdings ein, daß diese Gedanken von den Hauptfiguren "vorwiegend in rein gewohnheitsmässiger, traditioneller Weise zum Ausdruck"17 gebracht werden.

Der Titelheld Tristan muß viele Notsituationen überstehen (Entführung, Kampf gegen Morold, tödliche Verwundung). Dabei ruft er Gott um Hilfe an und legt sein Schicksal in Gottes Hand. Wort und Tat liegen bei Tristan - und nicht nur bei ihm - weit auseinander. Nach seiner Aussetzung in Cornwall - beispielsweise - fleht der verzweifelte Tristan zu Gott (ab Vers 2487) und bittet Gott, ihn dorthin zu führen, wo er bei Menschen sein kann (2498f.). Als er dann den beiden Pilgern begegnet und Gott lobt, weil sie gewiß gute Menschen sind (2667ff.), erzählt er ihnen nicht die wahre Geschichte, sondern belügt die Pilger ohne erkennbare Skrupel.18 An diesem Punkt wird deutlich, daß Wort und Tat auseinandergehen, denn wäre Tristan so voller Gottvertrauen, wie Gottfried ihn nach außen hin erscheinen läßt, hätte er nicht gelogen. Denn eigentlich müßte er wissen, daß der Gott der Bibel die Wahrheit liebt und die Lüge - Notlügen eingeschlossen - haßt. Aber Lügen, Halbwahrheiten und Unehrlichkeit pflastern den weiteren Lebensweg von Tristan: er belügt die Jagdgesellschaft, verbirgt seine wahre Identität vor der Königin Isolde und ist vor allen Dingen nicht in der Lage, mit Marke ein offenes Wort zu reden (weitere Begebenheiten ließen sich aufzählen). Obwohl es immer wieder Situationen gibt, in denen Tristans Glaube an Gott und sein Vertrauen zu ihm scheinbar zu erkennen sind (3939ff. - Tristan gibt Gott die Ehre), überwiegen die Momente, in denen er sich ganz deutlich gegen Gottes Gebote verhält.

Während der Baumgartenszene entdeckt Tristan die Lauscher und betet still zu Gott (14637-14656). In seiner Not erinnert er sich an Gott, beim oft verübten Ehebruch denkt er überhaupt nicht an ihn. Gott möge das Unheil abwenden, damit sie weiter ihrer verborgenen Liebe nachgehen können, und vor allen Dingen soll die ê re bewahrt bleiben. Daran wird deutlich, daß Tristan - trotz christlicher Erziehung (Taufe 1968ff.)

- Gottes Maßstäbe nicht verinnerlicht hat, ja vielmehr nicht einmal ein Unrechtsbewußtsein hat. Für ihn ist Isolde weiterhin makellos (14648) und nur die anderen planen Hinterhalt und Betrug (14649), ohne daß er über seinen eigenen Betrug reflektiert. Es klingt fast höhnisch, wenn Tristan seine Gebete mit der Wendung got hêrre (14637, 15170) beginnt, denn Gott ist in seinem Leben gewiß nicht sein Herr, sondern es sieht vielmehr so aus, als ob Tristan bestimmen möchte, wie Gott einzugreifen hat.

Die Ausführungen in diesem Kapitel verdeutlichen, daß es für die Deutung des Gottesurteils notwendig ist, Gottfrieds 'Gotteskonzeption' in Bezug auf den ganzen Roman zu beachten. Gottfried von Straßburg folgte zwar dem vorgegebenen Handlungsablauf, aber die christliche bzw. religiöse Ausgestaltung lag in seinem Ermessen, und es muß geklärt werden, was er damit beabsichtigt hat.

4. Das Gottesurteil

4.1. Parallelen zur Baumgartenszene

Einige Parallelen zwischen der Baumgartenszen und dem Gottesurteil sind zu erkennen. Marke und seine Hofgesellschaft möchten jeweils die Wahrheit über die Beziehung von Tristan und Isolde aufdecken. Die Eisenprobe ist dabei der Höhepunkt einer ganzen Reihe von vergeblichen Versuchen.

König Marke wiegt sich am Ende der beiden Szenen in Sicherheit, aber letztendlich ist er zwei Mal durch das "Verfahrensinstrument Sprache"19 getäuscht worden. Isoldes listige Bekenntnisse bzw. Eide (14760-14766, 15706-15716) beruhen auf mehrdeutigen Sätzen. Sie ist in der Lage, "in einem Satz zwei einander ausschließende Wahrheiten zu formulieren,...Liebe zu Tristan und Treue zu Marke."20 Sprecher und Hörer kommen zu unterschiedlichen Deutungen des Gesagten, weil nicht die gleichen Wissensvoraussetzungen gegeben sind. Marke nimmt noch immer an, daß Isolde ihm ihre Jungfräulichkeit schenkte, und er weiß nicht, daß der arme Pilger in Wahrheit Tristan gewesen ist. Isolde nutzt die unterschiedlichen Wissensvoraussetzungen aus und gibt Marke das Gefühl, die Wahrheit erkannt zu haben.

Parallelen lassen sich ebenso beim Verhalten der Protagonistin Isolde in diesen beiden Szenen feststellen: Sie betet beide Male zu Gott (14706ff., 15544ff.), beruft sich bei ihren listigen Aussagen auf Gott (14760, 15717) und hat - aus welchen Gründen auch immer - Erfolg mit ihren Plänen.

4.2. Besonderheiten beim Gottesurteil

Dem Gottesurteil geht das Konzil in London voraus. Diese kirchliche Versammlung war dazu geeignet, in einer Eheangelegenheit zu entscheiden.21 Combridge bezeichnet das Vorgehen, das der Bischof von Themse vorschlägt (15416), als Inzichtverfahren. Es handelt sich um ein Verfahren, bei dem der Kläger nur Indizien oder die allgemeine Annahme der Schuld des Angeklagten vorbringen kann, aber der eigentlich erforderliche Beweis fehlt.22 Auffalllend ist die Schilderung der Eisenprobe bei Gottfried. Die Liturgie des Gottesurteils wird von ihm knapp erzählt, er konzentriert sich hauptsächlich auf Isolde (15634-15723): Gottfried berichtet von ihren Bemühungen, Gottes Gunst zu gewinnen, schildert ihre Kleidung und erwähnt noch einmal, daß sich Isolde ganz Gott übergeben hat. Combridge schlußfolgert, daß Gottfried mit der "Häufung plastischer Darstellungs-formen...die Gestalt Isoldes in den Vordergrund stellt."23

Eine weitere Besonderheit ist die Eidformel, die Isolde selbst vorschlägt. Damit ist die Möglichkeit für einen zweideutigen Eid gegeben. Normalerweise wurde die Eidformel vom Richter oder Ankläger vorformuliert und mußte in derselben Form geschworen werden. 24 Diese Praxis findet sich ebenso bei dem Verfahren, das im Alten Testament beschrieben ist (vgl. 2.2.).

Wie bereits unter 2.1. erwähnt, offenbarte die Feuerprobe - in diesem Fall die

Eisenprobe - erst nach drei Tagen, ob der Angeklagte schuldig oder unschuldig sei, denn die Heilung der Wunden gab den Ausschlag. Bei Isolde ist alles ganz anders: Sie truog ez, daz si niht verbran (15732) und sofort war ihre Rechtfertigung für alle sichtbar. Aus zweierlei Gründen kann das vom Autor so gestaltet worden sein. Zum einen sollte die Eindeutigkeit des Gottesurteils verdeutlicht werden. Die Tatsache, daß sich Isolde nicht einmal verbrannt hat und keine drei Tage abgewartet werden muß, verstärkt für den Leser erst einmal den Eindruck, daß Gott in seiner Gnade die Liebesbeziehung zwischen Tristan und Isolde billigt.

Zum anderen ist der Erzähler nicht gezwungen, über die Tage des Wartens und der Begutachtung der Wunden zu berichten; die Geschichte kann fortgeführt werden.

4.3. Isoldes List

Meissburger geht davon aus, daß Isolde aufgrund ihres Schuldbe-kenntnisses gegenüber Gott die Eisenprobe bestanden hat.25 In der Textstelle si begunde ir swaere beide lân / an den genaedigen Crist, / der gehülfic in den noeten ist. (15544-15546) berichtet Gottfried allerdings nur davon, daß sie ihre beiden Sorgen - irêre und ir unwârheit wârbaeren -

Christus anbefiehlt. Weitere Textstellen belegen das: Isolde verschenkt wertvolle Gegenstände (15643ff.), um Gottes Gunst zu gewinnen, und ergibt sich der Barmherzigkeit Gottes (15673f.), aber von einem Schuldbekenntnis, das Meissburger bei ihr entdeckt haben möchte, ist nichts zu erkennen. Das wäre auch eine Überraschung, denn bis dahin plagten Isolde keine Schuldgefühle. Vielmehr geht es ihr um die ê re, die sie auf keinen Fall einbüßen möchte (12710). Schröder kommt zum Schluß, daß von "aufrichtiger Hinwendung zu Gott im Bewußtsein ihrer Sündigkeit, von bußfertiger Gesinnung und gläubigem Vertrauen auf seine erbarmende Gnade"26 keine Spur zu entdecken ist. Isolde verläßt sich ausschließlich auf ihre eigenen Fähigkeiten; dem Gebet hilft sie - weil das Vertrauen zu Gott fehlt - mit einer List nach: dem bevalch si harte vaste / mit gebete und mit vaste / alle ir angest und ir n ô t. / in disen dingen haete Î s ô t / einen list ir herzen vür geleit / vil verreûf gotes höfscheit. (15547- 15552). Grubmüller sieht darin "die anstößige Kombination von Gnadenerwartung und Manipulation und die Vorstellung der Komplizenschaft Gottes"27. Isolde plant ihre List im Vertrauen auf gotes höfscheit. Bei Gottfried wird nicht deutlich, "Ob wirklich ein Gott dahinter stehen soll...jedenfalls steht keiner dahinter, der gegen Isoldes List zu entscheiden fähig oder willens wäre".28

Es können nur Vermutungen darüber angestellt werden, warum Isolde das Gottesurteil schadlos überstand. Sie hat scheinbar keine Versuche unternommen, mit Zaubermitteln etc. auf das Eisen einzuwirken. Isoldes Mittel ist ir gelüppeter eit (15748); so stellt es Gottfried anschließend in seinem Kommentar dar, der im nächsten Abschnitt untersucht werden soll.

4.4. Der Kommentar Gottfrieds - Interpretationsansätze

4.4.1. Überblick

Gottfrieds vieldiskutierter Kommentar umfaßt achtzehn Verse (15733-15750), wobei sich elf Verse ganz allgemein auf den vil tugenthafte Crist und sein angebliches Wirken und sieben Verse konkret auf Isolde beziehen. Drei grundsätzliche Ansätze zur Interpretation dieser achtzehn Verse können unterschieden werden.

1. Gottfrieds Kommentar kann negativ aufgefaßt werden, das heißt es wird ein Angriff auf die Person Gottes angenommen. Gegen diese wortwörtliche Deutung spricht allerdings, daß der werlt letztendlich gar nichts bewiesen worden ist (Isoldes angebliche Unschuld, nicht ihre List sind nachgewiesen worden.) und daß Gottfried das edele herz Isolde keinesfalls mit allen herzen in Verbindung bringen möchte.

2. Eine positive Interpretation sieht in Isoldes bestandenem Gottesurteil Gottes unendliche Gnade und Barmherzigkeit; Gott hilft denen, die sich wahrhaft lieben. Für diese Art der Deutung scheint der Kommentar zu geringschätzig in Bezug auf denjenigen, der die Gnade schenkt - Jesus Christus. Da Christus wintschaffen alse ein ermel ist können nicht nur Liebende- also die edelen herzen, die Gottfried am 'Herzen' liegen und die er mit seinem Roman erreichen möchte - auf seine Gnade hoffen, sondern allen herzen steht die Gnade offen. Denn ausschlaggebend für die Vergebung ist, daß man'z an in gesuochen kan.

3. Die wohl meisten Interpretatoren sehen im Kommentar Gottfrieds "eine ironische Stellungnahme gegen das Gottesbild der 'höfischen' Gesellschaft bzw. gegen die Institution der Gottesurteile".29 Der historische Kontext scheint diese These zu unterstützen. Wie bereits unter 2.1. erwähnt, versuchte die Kirche zu Beginn des 13. Jahrhunderts gegen die Gottesurteile vorzugehen. Gottfrieds Äußerungen würden demnach mit der offiziellen Sichtweise der Kirche übereinstimmen. Gottfried könnte ebenso Augenzeuge der großen Katharer-Verfolgungen und -Prozesse 1211/12 in Straßburg gewesen sein, bei denen viele der Probe mit dem glühenden Eisen unterzogen wurden. Unter der Voraussetzung, daß Gottfried den "Tristan" nicht früher geschrieben hat, könnte seine Kritik an der Praxis der Gottesurteile in seinem Roman verarbeitet worden sein.

Die folgenden Interpretationsansätze basieren grundsätzlich auf der Annahme, daß der Kommentar ironisch aufgefaßt werden muß.

4.4.2. Kritik an der Institution Gottesurteil

Ausgangspunkt für die Argumentation von Combridge ist Isoldes wâren schulde (15648), die Gottfried - aus dieser Textstelle ersichtlich - anerkennt. Sie schränkt allerdings ein, daß "ihre Schuld in Gottfrieds Augen eine kleinere ist, als wenn sie der Minne untreu würde".30 Bei Gottfried wird sie von ihrer Schuld nicht freigesprochen, denn an der Stelle, "an der in den Legenden die Verkündigung der unzweifelhaften Unschuld der Königin vorkommt"31, fehlt ein solcher Freispruch. Combridge schlußfolgert,32 Gottfried stehe dem Gottesurteil keineswegs kritiklos gegenüber, sondern distanziere sich vielmehr von dieser Praxis.33

Darüber hinaus interpretiert sie die beiden Wendungen ir trügheit und ir gelüppeter eit als Hinweise für eine Distanzierung Gottfrieds gegenüber Isolde. Ob es sich wirklich um eine Distanzierung Gottfrieds handelt, bleibt fraglich, denn zum einen können die angeführten Wendungen als 'objektive' Wiedergabe der Tatsachen gesehen werden, zum anderen läßt sich dies an keiner anderen Textstelle zweifelsfrei nachweisen.

Gottfried blendet Isoldes Schuld und ihren Betrug nicht aus, aber er ordnet diese Vergehen, die der Minne wegen begangen worden sind, unter (siehe Zitat Combridge oben). Schwingt nicht vielmehr ein leichter Hauch von Bewunderung mit, wenn Gottfried genau beschreibt, was Isolde alles auf sich nimmt, um ê re und Minne zu retten?

4.4.3. Strategie der Verkehrung

Für Grubmüller ist es zu wenig, wenn gesagt wird, daß diese Passage eine Kritik an der Praxis der Gottesurteile ist, denn das sei unintegrierte Detailkritik.34 Grubmüller legt sein Augenmerk auf die Sprache, die Wahrheit und Unwahrheit - wie schon in der Baumgarten- Szene - miteinander verbindet. Den Exkurs über valscheit zu Beginn der Gottesurteil-Szene wertet er als "Symphatiekundgabe, die sich ganz auf die Seite des betrügerischen Paares schlägt"35 und damit "ein Interesse an 'objektiver' oder zumindest faktischer Wahrheit nicht nur aufgibt, sondern geradezu denunziert."35 Diese Strategie der Verkehrung wird nach Grubmüller beim Kommentar Gottfrieds auf neuer Ebene mit neuen Signalen fortgeführt.36 Der Sinn des Kommentars wird verfehlt, wenn er "als direkte, referentielle Sachaussage"37 aufgefaßt wird. Der Erzählerkommentar ist vielmehr direkte Konsequenz aus dem, was sich ereignet hat. Der Informationsstand der Leser ist die Voraussetzung, daß der Kommentar kritisch-ironisch verstanden werden kann. Das Verstehen ist von den Voraussetzungen des Sprechens abhängig.38 Grubmüller kommt zu folgendem Fazit: "In der Problematik des rechten Verstehens schult Gotfrid seine Hörer - und er demonstriert gleichzeitig an seinen Figuren, wohin unzulängliches, weil voraussetzungsloses, unreflektiertes, 'einfaches' Verstehen führt: in die Befestigung im Irrtum...Es gibt die einfachen Wahrheiten nicht. Mit dem Irrtum des Minnetrankes ist eine doppelte Wahrheit geschaffen, die der Liebenden und die Markes, jede hat ihre Voraussetzungen und vor diesen Voraussetzungen ihr eigenes Recht."39

Die Interpretation von Grubmüller ist sehr überzeugend und in sich schlüssig. Allerdings geht er auf einige Punkte nicht ein, die für die Interpretation durchaus relevant wären. So äußert sich Grubmüller beispielsweise nicht zu der christlichreligiösen Ausgestaltung des Romans.

4.5. Strategie der Verkehrung über den Kommentar hinaus

Ausgangspunkt für die folgenden Ausführungen ist Grubmüllers Ansatz von der Strategie der Verkehrung. Im dritten Kapitel wurde darauf hingewiesen, daß eine Diskrepanz zwischen den frommen Worten der Figuren und ihren tatsächlichen Handlungen besteht. Auf einer anderen Ebene läßt sich ebenso eine Diskrepanz feststellen: Obwohl besonders die Hauptfiguren Tristan und Isolde mit ihren Taten gegen Gottes Maßstäbe verstoßen, scheint Gott, oder jedenfalls jener Gott, den Gottfried von Straßburg vor Augen hat, ihnen wohlgesonnen und treu zu sein. Das eigentliche Bild von Gott wird 'verkehrt'. Bei Gottfried wird aus dem Gott, der gnädig ist, aber auch richten wird, ein scheinbar grenzenlos nachsichtiger (die eigenen Prinzipien ignorierender) Gott, der Gefallen an der Liebe zwischen Tristan und Isolde gefunden hat und ganz auf der Seite der beiden steht. Der Leser bzw. Hörer nimmt eine semantische Spannung wahr (Voraussetzung dafür ist ein bestimmter Informationsstand über Gott)40, die ihn zu einer ironischen Sicht in Bezug auf Gott führt. Gott, der eigentlich alles in seiner Hand hält und grenzenlose Macht besitzt, wird zum Gehilfen der Liebe bzw. des Liebespaares.

Bereits am Anfang des Romans wird das Verhältnis von Liebe sowie deren Geschichte und Gott 'verkehrt' und in eine andere Rangfolge gesetzt. Gottfried betont im Prolog, wie wichtig diese Liebesgeschichte für die edelen herzen ist: Deist aller edelen herzen br ô t. Dadurch wird nicht nur ein Andenken an ihre Liebe, ihre Treue und ihren Tod bewahrt, sondern Gottfried betont: und ist uns daz süeze alse br ô t (236). Er spielt damit auf das Abendmahl an und 'verkehrt' es. Das Abend- oder Gedächtnismahl soll an den Tod von Jesus Christus erinnern, aber Gottfried verdeutlicht, daß nicht mehr Gott und sein gestorbener Sohn Jesus Christus Sicherheit und Zuversicht für die Zukunft geben, sondern Tristan und Isolde und ihre Liebe nehmen diese Stelle ein: Ir leben, ir t ô t sint unser br ô t. / sus lebet ir leben, sus lebet ir t ô t. / sus lebent si noch und sint doch t ô t / und ist ir t ô t der lebenden br ô t. (237-240). Gottfried von Straßburg nutzt das Wissen vom Abendmahl, um in Anlehnung an dieses Symbol der Christen seine Liebesgeschichte von Tristan und Isolde auf eine quasi religiöse Stufe zu erhöhen. Nebenbei wird auch noch die Liebe über Gott gestellt und an dieser Konzeption ändert sich während des Romans nichts mehr. Das Augenmerk liegt auf der Liebesgeschichte, die alle Facetten des menschlichen Lebens bietet. Die vielfältige Einbeziehung Gottes in die Handlung unterstützt die Strategie der Verkehrung, die im Kommentar Gottfrieds ihren Höhepunkt findet.

Aus heutiger Sicht kann nicht mehr nachvollzogen werden, welche Wirkungen Gottfried erzielen wollte und welche Reaktionen er tatsächlich auslöste. Es liegt im Bereich des Möglichen, daß er seine eigene Kritik an Gott auf diese Art und Weise darstellen wollte. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß er neben der Aufwertung seines Romans den Umgang mit Gott und dessen Instrumentalisierung durch den Hof kritisierte. Möglicherweise spielten beide Aspekte eine Rolle. Das alles bleibt im Bereich des Hypothetischen.

5. Abschließende Gedanken

In dieser Arbeit wurde versucht, die Gottesurteil-Szene mit der Darstellung Gottes im ganzen Roman zu verbinden. Letztendlich sind dabei mehr Fragen offen geblieben als beantwortet werden konnten. Die genauen Motive des Autors können nicht zweifelsfrei ergründet werden, und dadurch können viele Beobachtungen nur vage gedeutet werden.

Ähnlich ist es mit dem Autor selbst: Gottfried von Straßburg bleibt im Verborgenen, auch wenn in der Forschung die verschiedensten Spekulationen über seine Herkunft und vor allen Dingen über seine Tätigkeit kursieren. Angefangen vom Geistlichen über den Kleriker gehen die Vermutungen bis hin zum Juristen oder Lehrer. Dabei werden Anhaltspunkte aus seinem Werk in die eine oder andere Richtung gedeutet. Werden diese Punkte einzeln betrachtet, scheinen sie durchaus schlüssig zu sein. Aber eine Vielzahl von anderen Aspekten lassen sich oft nicht in die Hypothese einbinden. Ähnlich beim Gottesurteil: Die unterschiedlichen Interpretationen haben als Grundlage meist interessante Einzelaspekte41, die aber noch nicht zu einem vollständigen Bild zusammengefügt werden konnten. Ob das überhaupt möglich und auch notwendig ist, kann bezweifelt werden.

Literaturverzeichnis

Combridge, Rosemary Norah; 1964: Das Recht im 'Tristan' Gottfrieds von Straßburg. In: Philologische Studien und Quellen. Heft 15. Erich-Schmidt-Verlag.

Die Heilige Schrift. Aus dem Grundtext übersetzt. Elberfelder Bibel, revidierte Fassung. Wuppertal: Brockhaus Verlag, 1992.

Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Zweiter Band: D-G. Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage. Tübingen: J.C.B. Mohr, 1958.

Grubmüller, Klaus; 1987: ir unwarheit warbaeren Über den Beitrag des Gottesurteils zur Sinnkonstitution in Gotfrids 'Tristan'. In: Philologie als Kulturwissenschaft. Studien zur

Literatur und Geschichte des Mittelalters. Festschrift für Karl Stackmann zum 65. Geburtstag. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Lexikon des Mittelalters. IV. Erzkanzler bis Hiddensee. München: Artemis Verlag, 1970.

Lexikon für Theologie und Kirche. Vierter Band: Faith and order bis Hannibaldis. Zweite, völlig neu bearbeitete Auflage. Freiburg: Verlag Herder, 1960.

Meissburger, Gerhard; 1974: Vorläufige Bemerkungen zu der Funktion Gottes in Gottfrieds Tristan. In: Studien zur deutschen Literatur und Sprache des Mittelalters. Festschrift für Hugo Moser zum 65. Geburtstag. Erich-Schmidt-Verlag.

Schild, Wolfgang; 1980: Die Geschichte der Gerichtsbarkeit. Vom Gottesurteil bis zum Beginn der modernen Rechtsprechung. Hamburg: Nikol Verlagsgesellschaft.

Schnell, Rüdiger; 1980: Rechtsgeschichte und Literaturgeschichte. Isoldes Gottesurteil. In: Akten des VI. Internationalen Germanisten-Kongresses Basel 1980. Teil 4. Frankfurt am Main: Peter Lang.

Schröder, Werner; 1979: Das Gottesurteil im 'Tristan' Gottfrieds von Straßburg. Wiesbaden: Franz- Steiner-Verlag.

Stökle; Ulrich; 1915: Die theologischen Audrücke und Wendungen im Tristan Gottfrieds von Straßburg. Ulm: Druck von Dr. Karl Höhn.

van Stockum, Th. C.; 1963: Die Problematik des Gottesbegriffs im "Tristan" des Gottried von Straßburg. Amsterdam.

Weber, Gottfried; Hoffmann, Werner; 1981: Gottfried von Straßburg. Fünfte, von Werner Hoffmann bearbeitete Auflage. Stuttgart: Metzler. Sammlung Metzler, Realien zur Literatur.

[...]


1 vgl. Lexikon für Theologie und Kirche. Vierter Band: Faith and order bis Hannibaldis. Zweite, völlig neu bearbeitete Auflage. Freiburg: Verlag Herder, 1960. S. 1130.

2 Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswis-senschaft. Zweiter Band: D-G. Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage. Tübingen: J.C.B. Mohr, 1958. S. 1807.

3 Lexikon für Theologie und Kirche, 1960. S. 1130.

4 vgl. Schild, Wolfgang; 1980: Die Geschichte der Gerichtsbarkeit. Vom Gottesurteil bis zum Beginn der modernen Rechtsprechung. Hamburg: Nikol Verlagsgesellschaft. S. 20.

5 vgl. Lexikon für Theologie und Kirche, 1960. S. 1131.

6 vgl. ebd. und Lexikon des Mittelalters. IV. Erzkanzler bis Hiddensee. München: Artemis Verlag, 1970. S. 1594-1595.

7 vgl. Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 1958. S. 1807.

8 Das griechische Wort ekklesia kann auch mit Versammlung oder Kirche wiedergegeben werden.

9 Dieses und alle weiteren Zitate in: Die Heilige Schrift. Aus dem Grundtext übersetzt. Elberfelder Bibel, revidierte Fassung. Wuppertal: Brockhaus Verlag, 1992.

10 Das angeführte Beispiel von Davids Befragung mit Hilfe des Priesters ist insofern für das ganze Volk wichtig, da David zu diesem Zeitpunkt bereits als König und somit als Nachfolger von Saul gesalbt war (1. Samuel 16).

11 Weber, Gottfried; Hoffmann, Werner; 1981: Gottfried von Straßburg. Fünfte, von Werner Hoffmann bearbeitete Auflage. Stuttgart: Metzler. Sammlung Metzler, Realien zur Literatur. S. 65.

12 vgl. Meissburger, Gerhard; 1974: Vorläufige Bemerkungen zu der Funktion Gottes in Gottfrieds Tristan. In: Studien zur deutschen Literatur und Sprache des Mittelalters. S. 139. und Stökle; Ulrich; 1915: Die theologischen Audrücke und Wendungen im Tristan Gottfrieds von Straßburg. Ulm: Druck von Dr. Karl Höhn. S. 5, 8.

13 Meissburger, Gerhard; 1974. S. 139.

14 vgl. Combridge, Rosemary Norah; 1964: Das Recht im 'Tristan' Gottfrieds von Straßburg. In: Philologische Studien und Quellen. Heft 15. Erich-Schmidt-Verlag. S. 83.

15 Der Eindruck, daß Gottfried die Handlung in Beziehung zu Gott stellen möchte, wird noch an einer anderen Stelle deutlich. Nach Abschluß der 'Vorgeschichte' leitet Gottfried zur Einleitung der Hauptgeschichte mit den Worten "und sagen wir umbe daz kindelîn, daz vater noch muoter haete, waz got mit deme getaete." (1788-1790) über. Der weitere Lebensweg Tristans ist demnach ein Weg - diesen Eindruck vermittelt Gottfried jedenfalls - , den Gott führt und (wohlwollend) begleitet.

16 van Stockum, Th. C.; 1963: Die Problematik des Gottesbegriffs im "Tristan" des Gottried von Straßburg. Amsterdam. S. 285.

17 ebd. S. 285-286.

18 Interessant ist der Kommentar des Erzählers zu dieser Situation. Gottfried merkt zu Tristans Lügengeschichte lediglich an, daß er vorsichtig sei und für sein Alter besonnen reagiert. Er hätte beispielsweise Tristans Lügnerei vor dem Leser rechtfertigen können, aber Gottfried scheint nicht einmal erstaunt darüber, daß der so vortrefflich gebildete Junge auch auf diesem Gebiet nicht enttäuscht. Für Gottfried ist das Verhalten von Tristan völlig normal und auf keinen Fall kritikwürdig.

19 Grubmüller, Klaus; 1987: ir unwarheit warbaeren Über den Beitrag des Gottesurteils zur Sinnkonstitution in Gotfrids 'Tristan'. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 159.

20 ebd.

21 vgl. Combridge, Rosemary Norah; 1964. S. 86.

22 ebd. S. 93.

23 ebd. S. 98.

24 Baumgartenszene und Gottesurteil unterstützen das (negative) Bild, das von König Marke gezeichnet wird. Marke, dem wîp alse wîp (12666) schien, war erst spät in der Lage, die Zeichen richtig zu deuten: durch daz er nam ir allez war (16501). Vorher war er immer wieder hin- und hergerissen, ließ sich täuschen und hinterließ letztendlich keinen souveränen Eindruck. Marke setzt - um Gewißheit zu erlangen - auf das Gottesurteil (glaubt nicht den unübersehbaren Zeichen), vertraut ganz darauf und wird wieder getäuscht. Er gibt den Eid nicht vor und akzeptiert Isoldes zweideutigen Eid.

25 vgl. Meissburger, Gerhard; 1974. S. 140.

26 Schröder, Werner; 1979: Das Gottesurteil im 'Tristan' Gottfrieds von Straßburg. Wiesbaden: Franz- Steiner-Verlag. S. 17.

27 Grubmüller, Klaus; 1987. S. 158.

28 Combridge, Rosemary Norah; 1964. S. 106.

29 Schnell, Rüdiger; 1980: Rechtsgeschichte und Literaturgeschichte. Isoldes Gottesurteil. In: Akten des VI. Internationalen Germanisten-Kongresses Basel 1980. Teil 4. Frankfurt am Main: Peter Lang. S. 307.

30 Combridge, Rosemary Norah; 1964. S. 101.

31 ebd. S. 104.

32 Nachdem sie anhand von Beispielen nachgewiesen hat, daß der Kommentar nicht wörtlich zu nehmen sei.

33 vgl. ebd. S. 110.

34 Grubmüller, Klaus; 1987. S. 158.

35 ebd. S. 152.

36 ebd. S. 161/162.

37 ebd. S. 161.

38 ebd. S. 162.

39 ebd. S. 162/163.

40 vgl. ebd. S. 161. Dieser Gedanke ist angelehnt an das Zitat, das Grubmüller im Zusammenhang mit der literarischen Ironie von Christ anführt.

41 Als Beispiel sei - der in dieser Arbeit nicht näher ausgeführte - Ansatz von Rüdiger Schnell erwähnt, der das Gottesurteil unter dem Aspekt der Stoffgeschichte betrachtet.

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Details

Titel
Das Gottesurteil in »Tristan und Isolde« von Gottfried von Straßburg
Hochschule
Technische Universität Berlin
Veranstaltung
FB 1 - Institut für Deutsche Philologie, Allg. und Vergl. Literaturwiss.
Autor
Jahr
1997
Seiten
21
Katalognummer
V97419
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottesurteil, Isolde«, Gottfried, Straßburg, Institut, Deutsche, Philologie, Allg, Vergl, Literaturwiss
Arbeit zitieren
Torsten Schmidtke (Autor), 1997, Das Gottesurteil in »Tristan und Isolde« von Gottfried von Straßburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97419

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