`Triuwe-Bindungen` im Nibelungenlied


Seminararbeit, 1998
16 Seiten, Note: 1-2

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. triuwe: Eigenart und Verwendung

3. triuwe -Bindungen im Nibelungenlied
3.1. Kriemhild
3.2. Hagen
3.3. Rüdiger

4. Schluß

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Nibelungenlied1 ist nicht nur eines der bekanntesten Werke der deutschen Literatur des Mittelalters, es nimmt auch in der Bewertung, Rezeption und in der wissenschaftlichen Diskussion eine besondere Stellung ein. Kaum ein anderes Heldenepos deutscher Sprache ist in diesem Umfang problematisiert, erforscht und gedeutet worden. Dementsprechend ausufernd ist das Forschungsmaterial, dementsprechend vielschichtig sind die Schwerpunkte der Deutung. Einen Aspekt des Nibelungenliedes zum Thema zu machen bedeutet somit immer, sich einer großen Anzahl von Ansätzen und sich zum Teil widersprechenden Thesen gegenübergestellt zu sehen. In gewissem Maße ist dies schon im Nibelungenlied selbst begründet. Es entstand im zwölften Jahrhundert und stellt eine Art Zusammenfassung verschiedener, zum Teil sehr viel älterer Sagenkreise dar. Eine große Leistung des unbekannten Dichters liegt gerade darin, die verschiedenen Quellen in einen stringenten Erzählzusammenhang gebracht zu haben. Gleichwohl ist es ihm nicht immer vollkommen gelungen, die „Begründungszusammenhänge sind durch die Sagenkontamination verschoben und ambivalent geworden."2 So kommt es zu Mehrdeutigkeiten in der Motivierung der Handlung, zu Zweifelsfällen in der Deutung. Der hier entstandene Spielraum vermochte die Diskussion zu beleben, führte sicher aber auch dazu, daß zuzeiten Thesen an bloßen Wahrscheinlichkeiten festgemacht wurden.

Darüber hinaus stellt das Nibelungenlied künstlerisch, wie auch bezüglich menschlicher Problematiken eine enorme dichterische Leistung dar.3 Die eröffneten Dimensionen gesellschaftlicher und menschlicher Fragen gehen weit über den historischen Zusammenhang hinaus.

„Je größer und innerlich reicher eine Dichtung ist, desto weniger ist sie allerdings nur zeitverhaftet, nur zeittypisch, desto mehr transzendiert sie ihre eigene Geschichtlichkeit."4 Mit dieser Leistung des Nibelungenliedes erklärt sich auch die immense Resonanz, die dem Werk durch die Jahrhunderte zuteil wurde. Der Rezeption bot es sich so an, das Werk immer wieder neu und auch in bezug auf die eigene Zeit zu lesen.

Ein Zentraler Begriff des Nibelungenliedes ist die triuwe. Der Begriff steht für eine Vielzahl rechtlicher, kultischer oder persönlicher Treueverhältnisse, die als Teil des Rechtssystems oder in bezug auf das ritterliche Selbstverständnis das Leben der Menschen im Nibelungenlied konstitutiv bedingen. Der Dichter setzt sie bewußt ein, um die Handlung zu motivieren, zeigt aber auch Schwächen und Konflikte einzelner Treueverhältnisse auf.

Als tragender Bestandteil der Handlung ist die Gefolgschaftstreue auszumachen. Sie bestimmt im Nibelungenlied weitestgehend die Grenzen persönlicher Entscheidungen, zeichnet in dieser Funktion auch die Richtung einzelner Konflikte vor.

Es würde in diesem Umfang keinen Sinn machen, den Begriff der Gefolgschaftstreue oder triuwe im Nibelungenlied in allen seinen Varianten und Anwendungen zu untersuchen. Vielmehr geht es mir darum, einen Überblick über die Verwendung des Begriffes der triuwe im Text zu geben, von dem aus einzelne herausragende Stellen des Nibelungenliedes unter dem Gesichtspunkt der triuwe -Bindungen zu betrachten sind. Von besonderem Interesse sind natürlich die Konflikte, die sich innerhalb oder durch diese Bindungen ergeben.

2. triuwe: Eigenart und Verwendung

Das mittelhochdeutsche Wort triuwe ist nicht mit der heutigen Treue gleichzusetzen, das Bedeutungsfeld ist ungleich reicher. Die Verwendung des Wortes im Nibelungenlied ist ebenso zahlreich, wie von unterschiedlichem Gewicht. Wenn auch triuwe häufig als floskelhaftes Füllwort gebraucht wird, so beziehen sich doch auch die elementaren zwischenmenschlichen Bindungen auf diesen Begriff.

Die mit triuwe bezeichneten Bindungen sind von verschiedener Art und Qualität. Es können dies ebenso Freundschaftliche, Verwandtschaftliche oder emotionale Bindungen sein, wie auch Bindungen im Vasallensystem oder Brauchtum. Einen inneren Gehalt erhält der Begriff aus drei Quellen. Zum einen sind mit triuwe - Bindungen tatsächlich rechtliche Bündnisse beschrieben, wie die Vasallenpflicht und die Verwandtschaft. Zum anderen gehen solche Bindungen auch auf eine Art von Brauchtum zurück, die rechtlich nur ungenau geregelt sind. Hierzu hat man die Verpflichtungen zu zählen, die sich aus dem Geleit und der Gastung ergeben. Gleichsam ist wohl die freundschaftliche Bindung ebenfalls kaum rechtlich geregelt, wenn sie aber an emotionalem Gehalt verwandtschaftlichen Verhältnissen sehr nahe kommt.

Ein dritter Bereich beschreibt weniger die Art und Weise der Bindung, als das dahinter stehende Ethos. So ist die triuwe als ein elementarer, ethischer Begriff in den Lebensregeln des mittelalterlichen Ritters ungeschrieben verankert und bedeutet „ungefähr `Bereitschaft zum Dienst am Menschen', `Mitleid', 'Humanität'"5

In dieser letzten Eigenschaft unterscheidet er sich durchaus von triuwe -Bindungen, wie sie zum Beispiel im Vasallensystem bestehen, und eher als Pflicht zu verstehen sind. Das Zwingende, das mit der triuwe assoziiert wird, spielt wohl aber über das ritterliche Selbstverständnis in alle Bereiche mit hinein. So ist ein Attribut der triuwe Bindung, daß sie nicht nur für die Zeit des eigenen Lebens geschlossen werden, sondern den Tod tatsächlich zu überdauern vermögen, ihnen also ein gewisser „metaphysischer Wert"6 zugesprochen werden muß.

Die Evidenz der triuwe im Nibelungenlied ist immens. Durch gegenseitige Verpflichtungen entwickelt sich die Handlung, durch die emotionale triuwe -Bindung Kriemhilds vermochte der Dichter des Nibelungenliedes die beiden Teile miteinander zu verknüpfen. Das Handeln der Personen erfährt in ihren rechtlichen und emotionalen Bindungen die entscheidenden Grenzen und Motivationen. Die Personen „handeln wie sie müssen, aus Treue und Pflichtgefühl."7

Ein historisch - rechtliches Verständnis solcher Bindungen vermag vieles im Nibelungenlied zu erklären, verdeutlicht die Eingebundenheit, Motivierungen und Konflikte der Personen. Am Text selbst zeigen sich so aber auch die Schwächen der triuwe -Bindungen.

3.triuwe -Bindungen im Nibelungenlied

3.1. Kriemhild

Eine durchgängig für den Handlungsverlauf evidente Bedeutung erhält die triuwe in der Bindung Kriemhilds an Siegfried. Schon hier zeigt sich sehr deutlich, daß die triuwe -Bindung keine Verhältnismäßigkeit auf Zeit beschreibt.

Gewalt des grimmen Hagenen dûhte

si ze starc. si het ir opfergoldes noch wol tûsent marc.

si teiltez sîner sêle, ir vil lieben man.

daz dûhte Rüedegêren mit grôzen triuwen getân. (1281)

Kriemhilds triuwe„trotzt nicht nur dem Tod und der Zeit, sondern sie ist auch gewaltiger und verpflichtender als das größte irdische Gut [...]"8 Kriemhilds Rache beruht auf ihrer Bindung zu Siegfried, wobei die Rache letztlich als Fortführung der triuwe zu verstehen ist . So wird Kriemhild auch oder gerade bezüglich ihrer Rache als getriuwe bezeichnet:

Do gedahte diu getriuwe: „sît ich vriunde han alsô vil gewunnen, sô sol ich reden lân die liute, swaz si wellen, ich jâmerhaftez wîp.

waz ob noch wirt errochen des mînen lieben mannes lîp?" (1259)

Jede weitere Handlung Kriemhilds untersteht dem Rachegedanken. Diese Rache ist ebenso verständlich wie gerechtfertigt, wie auch Kriemhild als Frau durchaus rechtsfähig ist. Bis zu diesem Punkt ist alles im Rahmen der triuwe verständlich und erklärbar. Problematisch hierbei ist das emotionale Moment, welches durch die Liebe zu Siegfried in die Vergeltung mit hineinspielt. Durch diese Übersteigerung kommt es zu den Grausamkeiten, die in keinem Verhältnis mehr zu der Ermordung Siegfrieds stehen. So wird ihre Rache letztlich zur Untat, die ihrerseits wieder eine Bestrafung erfordert.

Neben dem Umstand, daß Kriemhild zum Ende des Liedes einige Male als Teufelin (v â landinne 1748,4; 2371,4 etc.) bezeichnet wird, macht der Text unter anderem an zwei Stellen sehr deutlich, daß Kriemhilds Rache „die rechtliche Dimension weit übersteigt"9 Zum einen ist in der 36. Aventüre bezüglich der von ihr initiierten Kämpfe vom gr ô ze mort (2086,1) die Rede, wobei mort als eindeutig negativ zu verstehen ist10, zum anderen erfolgt die Bestrafung Kriemhilds durch eine Zerstückelung, und für diese Art der Bestrafung gibt es ebenfalls keine rechtliche Grundlage. Dieser letzte Akt korrespondiert eindeutig mit der grausamen Vorgehensweise Kriemhilds.

Desweiteren wird das Problematische der triuwe an Hand Kriemhilds verwandtschaftlichen Bindungen aufgezeigt. Auch wenn sie sich mit ihren Brüdern nach Siegfrieds Tod versöhnt (1114), so werden auch die drei Könige Opfer ihrer Rache, da sie Hagen die Gefolgschaftstreue halten. Es ist dies ein Bild für die Stärke der vasallischen Bindung, aber auch für die abstruse Grausamkeit, die daraus entstehen kann. Fraglich ist, inwieweit trotz der suone durch die Ermordung Siegfrieds „die Sippenbindung als fundamentales Prinzip sozialer Ordnung zerstört"11ist.

Darüber hinaus wird immer wieder beschrieben, daß Kriemhild sich durch Geschenke und Gaben Macht erwirkt. Die Gabe „begründet kein formelles juristisches Verhältnis, wohl aber nach der Tradition des Volksglaubens ein Verhältnis, das die gegenseitige Unantastbarkeit verbürgt."12Kriemhild versucht also mit dem ihr zur Verfügung stehenden die eigene Position zu festigen oder auszubauen. Daß dies durch die schwache Bindung geschieht, die sich durch die Gabe erwirken läßt, dürfte wohl eher an ihren begrenzten Möglichkeiten liegen. Neben der symbolischen Bedeutung des Nibelungenhortes ist die rein materielle besonders im ersten Teil nicht zu vernachlässigen.

3.2. Hagen

Hagen ist sicher der geschlossenste und interessanteste Charakter im Nibelungenlied. Die Forschung hat sich viel mit ihm und der Motivation seines Handeln beschäftigt, der Komplexität seiner Figur entsprechend gehen die Meinungen über ihn aber weit auseinander. Besonders die Frage nach den Gründen seines Handelns ist offenbar an manchen Stellen nur schwer zu beantworten.

Hagen ist der erste Vasall am Burgundenhof und nimmt an Einfluß und Macht eine besondere Stellung ein. Entsprechend der Konzeption des schwachen Königs ist es oftmals Hagen, der die wichtigen Entscheidungen trifft oder doch zumindest in seinem Sinne vorbereitet. Mit einiger Sicherheit läßt sich von Hagen sagen, daß er königstreu ist, das heißt, daß er nach dem Gebot der Vasallentreue agiert. Die Gefolgschaftshaltung beruht auf Gegenseitigkeit, und der starken Stellung Hagens entspricht, daß ihn an einigen Stellen im Nibelungenlied nur diese Vasallenbindung zu retten vermag. Beispiele hierfür sind die Ermordung Siegfrieds und die Kämpfe in Etzels Halle.

Doch auch wenn Hagens Handeln weitestgehend als königstreu zu interpretieren ist, so stellt er doch einen sehr eigenständigen Charakter dar. Er zeigt keine Zeichen von Untertänigkeit, agiert nach eigenen Entscheidungen, und selbst die Könige können nicht frei über ihn verfügen:

„[...]

Ander iuwer gesinde lât iu volgen mite,

want ir doch wol bekennet der Tronegaer site:

wir müezen bî den künigen hie en hove bestân.

wir suln in langer dienen, den wir alher gevolget hân." (699)

Hagen soll Siegfried und Kriemhild begleiten, und obwohl er Vasall ist und dem Befehl seines Herrn untersteht, kann er sich weigern. Ohne Frage ist Hagen trotz aller Königstreue geprägt durch ein hohes Maß an Eigenständigkeit. Obschon dies noch nicht einmal in Opposition zu einander stehen muß. Geht es um die gerade zitierte Szene oder selbst die Ermordung Siegfrieds, Hagen handelt zuweilen gegen das Denken seiner Könige und doch seiner Meinung nach zu ihrem Nutzen.

„Hagens Denken gleicht wohl der alten Heroik [...], gliche wohl ebenso dem Denken eines Vasallen der Jahrhundertwende"13. An sehr vielen Stellen beweist Hagen absolute triuwe gegenüber seinen Königen, an anderen Stellen liegt eine Interpretation nahe, die Hagen Eigenmächtigkeit und Stolz unterstellen würde. Die entscheidende Frage dürfte wohl weniger sein, inwieweit die Königstreue oder der Stolz maßgeblicher für sein Handeln sind, sondern inwieweit es Sinn macht, Hagen nicht als komplexe Figur zu beurteilen, die beide Bereiche in sich vereinigt.

Wenn man vom Begriff der triuwe ausgeht, so stellen die Kämpfe in Etzels Halle den größten „Triumph der vasallischen Treue"14dar. Die Rache Kriemhilds richtet sich von Anfang an ausschließlich gegen Hagen. Doch selbst als Kriemhild während der Kämpfe versucht, Hagen zu isolieren, bekommt sie von Giselher die Antwort:

„Wir müesen doch ersterben", sprach dô Gîselher.

„uns entscheidet niemen von ritterlîcher wer. swer gerne mit uns vehte, wir sîn et aber hie, wande ich deheinen mînen friunt an den triuwen nie verlie" (2106)

Selbst in der hier angesprochenen Gewißheit des Todes liefern die Könige ihren Vasallen nicht aus. „Die rechtsverpflichtende und die emotionale Bindung an den friunt werden hier gleichermaßen intoniert."15Elementar ist auch, daß es sich hier immerhin um Verwandte handelt. Kriemhild geht die Rache, und den Königen die Gefolgschaftstreue über die verwandtschaftlichen Bindungen.

Betrachtet man Hagen während der Kämpfe, so fallen bezüglich der triuwe -Bindungen einige Dinge ganz besonders ins Auge. Zum einen natürlich der vorbehaltlose Einsatz, der nur ein Ziel kennt: „mit seinen Königen zu überleben"16

[...]

wie balde gein im Hagene von der stiege spranc!

Nibelunges swert daz guote vil lûte ûf Dietrîche erklanc. (2348)

Hagen springt hier dem Gegner entgegen und schützt somit seinen König. Man mag hier zweifeln, inwieweit Hagen gegenüber Gunther ehedem den aktiveren Part übernimmt. Dies kann aber die These, es handele sich hier um „die letzte Pflicht des Vasallen"17, nicht eindeutig entkräften.

Desweiteren gewinnt Hagens Freundschaft zu Volker in den letzten Aventüren an Gewicht. Für den Handlungsverlauf ist die Bedeutung eher zu vernachlässigen, gleichsam stellt diese Freundschaft ein gutes Beispiel für die Behauptung dar, daß „der menschliche Wert der Freundschaft im NL nie sichtbarer wird und sich nie mehr bewährt als in der Gewißheit des bevorstehenden Untergangs."18

Die Interpretation Hagens als königstreu kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Schwachstellen des vasallischen Systems auch an eben seinem Verhalten festzumachen sind. Im Gegensatz zur emotionalen Übersteigerung der Racheabsichten Kriemhilds und dem ethisch religiösen Dilemma Rüdigers, entsteht die Brüchigkeit der triuwe bei Hagen wohl eher durch die eigensinnige, stolze und zuweilen übermütige Konzeption seiner Person.

Während der Kämpfe in Etzels Halle gibt es eine weitere Szene, die über die Person Hagens die Unzulänglichkeit der vasallischen Treue verdeutlicht. Die Schildbitte wird im nächsten Kapitel in bezug auf Rüdiger betrachtet, hier soll nur darauf hingewiesen werden, daß Hagen die freundschaftlichen Bindungen zu Rüdiger in der Form bekräftigt, daß er ihm verspricht, nicht gegen ihn zu kämpfen:

„Nu lôn' ich iu der gâbe, vil edel Rüedegêr, swie halt gein iu gebâren dise recken hêr, daz nimmer iuch gerüeret in strîte hie mîn hant,

ob ir si alle slüeget die von Burgonden lant."

Nicht nur, daß Hagen hier für die rechtlich nicht definierte triuwe -Bindung zu Rüdiger dem Tod burgundischer Ritter tatenlos zusehen würde, sein Versprechen bedeutet auch, daß er den Tod seiner Könige in Kauf nehmen würde. Er stellt also eine Freundschaftstreue über die Vasallenpflicht. Ebenso handelt Volker, der wohl aber mehr der freundschaftlichen Treue zu Hagen folgt, damit aber ebenso seine Vasallenpflichten gegenüber den burgundischen Königen versäumt.

„Die Nibelungentreue ist brüchig geworden"19, darüber hinaus aber mit der Verweigerung des Kampfes Hagen eine Überlebensstrategie zu unterstellen20, ist wohl kaum gerechtfertigt, und im Gesamtkontext schwerlich mit der charakterlichen Konzeption der Person Hagens in Einklang zu bringen.

Wenn an vielen Stellen des Nibelungenliedes die „stoffgeschichtlich bedingte Brüchigkeit des Erzählgefüges"21durchschimmert, so muß man dies auch und gerade in die Betrachtung Hagens mit aufnehmen. Die Person Hagens ist in der Erzähtradition des Untergangs der Burgunden als Bruder oder Halbbruder Gunthers, als unbeugsamer Held angelegt, der edel kämpft und letztlich über seinen Mörder triumphiert.22Hagens vielschichtige, manchmal verwirrende Valenzen in der Charakterzeichnung dürften sich auch von dieser Warte aus erklären lassen.

3.3. Rüdiger

Rüdiger ist Vasall Etzels und hat am hunnischen Hof eine herausragend starke Stellung. Gleichsam besitzt auch er einen Spielraum gewisser Unabhängigkeiten. Wenn die Geschichte des Nibelungenliedes auf Kriemhild und Hagen hin konzipiert ist, so ist Rüdiger als Nebenfigur zu verstehen. Als solche eignet er sich aber „in besonderem Maße dazu, ein spezielles Anliegen zu artikulieren: die Kollision widerstreitender Verpflichtungen [...]"23.

Wenn man das Nibelungenlied unter dem Aspekt der triuwe -Bindungen betrachtet, so nimmt der Konflikt Rüdigers in der 37. Aventüre eine besondere Stellung ein. In keiner anderen Szene im Lied werden die Konflikte, die sich aus überschneidenden Verpflichtungen ergeben können deutlicher, an keiner anderen Stelle erscheint die Legitimität politischen Gehorsams zweifelhafter.24

Rüdigers Konfliktsituation ergibt sich aus dem Umstand, daß er gegenüber verschiedenen Positionen Verpflichtungen eingegangen ist, die sich mit den Kämpfen an Etzels Hof plötzlich gegenüberstehen. Für die Betrachtung der triuwe -Bindungen ist Rüdiger nachhaltig interessant, da es sich um Verpflichtungen von verschiedener Art und Qualität handelt.

Die rechtlich stärkste Bindung besteht zu Etzel, dem er als Vasall treueverpflichtet ist. Diese vasallische Bindung kann gelöst werden (diffidatio), und Rüdiger unternimmt auch einen solchen Versuch (2157). Nur kann die Auflösung des Verhältnisses vom Vasallen nur erbeten werden, der Lehnsherr kann diese Bitte aber durchaus ablehnen, was in Etzels Fall tatsächlich geschieht.

Auf der selben Seite des Konfliktes besteht die Verpflichtung Rüdigers gegenüber Kriemhild. Bei der Werbung um Kriemhild verpflichtete sich Rüdiger als Etzels Gesandter, ihr treu zu dienen:

Er sprach zer küneginne: „lât iuwer weinen sîn.

ob ir zen Hiunen hêtet niemen danne mîn, getriuwer mîner mâge, und ouch der mînen man, er müeses sêr' entgelten, unt het iu iemen iht getân." (1256)

Dâ von wart wol geringet dô der vrouwen muot.

si sprach: „sô swert mir eide, swaz mir iemen getuot, daz ir sît der naehste, der büeze mîniu leit."

dô sprach der marcgrâve: „des bin ich, vrouwe, bereit." (1257)

Die angeführte Stelle beschreibt nicht nur den Treueschwur Rüdigers gegenüber Kriemhild. Ehrismann weist auch darauf hin, daß getuot nicht notwendig nur futuristisch, sondern eher perfektiv zu verstehen ist.25Aus dem Zusammenhang der Szene wird klar, daß Kriemhild wohl tatsächlich dabei an die Rache für den Tod Siegfrieds denkt, sich also bewußt Rüdiger für ihre Interessen dienstbar macht.

Es ist nicht anzunehmen, daß Rüdiger diesen Schwur ahnungslos eingeht. Zum einen sagt Rüdiger an einer Stelle bezüglich der Burgunden: „ ich h â n erkant von kinde die edelen künege h ê r." (1147,4), zum anderen weist er eventuell selbst auf das ihr zugefügte Leid hin (s.o. 1256,4).26Die Annahme liegt nahe, daß Rüdiger überdie Vorgänge am Burgundenhof durchaus informiert war.

Die Bindungen die Rüdiger der Burgundischen Seite gegenüber verpflichten, sind „von einer besonderen Qualität und Dichte, in der Grauzone von Recht, Brauch und Emotion angesiedelt."27Während der Reise der Burgunden zu Etzel machen sie in Bechelarn für einige Tage Halt. Durch Gastung und Gabe, Geleit und die verwandtschaftlichen Bindungen die sich durch die Heirat zwischen Rüdigers Tochter und Giselher ergeben, entsteht ein ganzes Konglomerat von triuwe -Bindungen.

Rein rechtlich kann keine dieser Bindungen die juristische Verpflichtung der Vasallität aufheben. Gastung und Gabe sind nicht als rechtliche Bindung definiert, Geleit bezieht sich ausschließlich auf den Weg, und verwandtschaftliche Bindungen heben rechtliche Bindungen nicht auf.28

Schon vor dem sogenannten Rüdiger-Konflikt wird die Bindung Rüdigers an die Burgunder für die Handlung bedeutsam. Während der ersten Kampfhandlungen erbittet Rüdiger mit Hinweis auf die Freundschaft zu den Burgunden freien Abzug aus dem Saal (1996). Giselhers Antwort unterstreicht diese Bindung noch einmal:

Des antwurte Gîselher von Burgonden lant:

„vride unde suone sî iu von uns bekant, sît ir sît triuwen staete, ir unde iuwer man.

ir sult unangestlîchen mit iuwer vriunden hinnen gân." (1997)

Als Rüdiger nun in die Situation kommt, für seinen Herrn Etzel gegen die Burgunden kämpfen zu müssen, gestaltet der Dichter dies als tragischen inneren Konflikt. Da die Situation aber rein rechtlich vollkommen klar ist, geht es mehr um einen emotionalen, sicher auch religiösen Konflikt. Ein rechtliches Spannungsverhältnis der verschiedenen Bindungen existiert de facto nicht. An der Verzweiflung Rüdigers läßt sich erkennen, wie hoch er die freundschaftlichen Bindungen, die eher zum Brauchtum zu rechnen sind, einschätzt. Tatsache ist, daß Rüdiger eine Seite seiner triuwe -Verpflichtungen brechen muß, in jedem Fall also schuldlos schuldig wird.

„Owê mir gotes armen, daz ich dize gelebet hân.

aller mîner êren der muoz ich abe stân, triuwen unde zühte, der got an mir gebôt.

owe got von himele, daz michs niht wendet der tôt!" (2153)

Schuldig bedeutet im Falle Rüdigers auch, daß er im christlichen Sinne schuldig wird. Die Gottesnennungen sind hier weniger formelhaft zu verstehen, als dies sonst im Nibelungenlied der Fall ist.29Es reicht also nicht, wenn man aus Rüdigers Konflikt einen gesteigerten Wert des Brauchtums und der Tradition ableitet30, vielmehr geht es um ein ritterlich religiöses Ethos, welches eine Gewichtung der Bindungen nach rechtlichen Maßstäben kaum kennen dürfte.

Nachdem ihm der einzige Ausweg in die Neutralität durch die Ablehnung Etzels versperrt ist, entscheidet sich Rüdiger letztlich doch für die rechtlich stärkere Bindung, stellt sie somit über die religiösen Werte und die triuwe -Bindung zu den Burgunden, löst den Konflikt damit aber nicht. Vielmehr entscheidet er sich und akzeptiert damit, daß er seine Seele verliert und als „höfische Person zerstört"31ist.

Selbst die Schildbitte Hagens vermag daran nichts mehr zu ändern, sie spielt sich im innerweltlichen Bereich ab, vermag Rüdigers ritterliche Ehre trotz des Kampfes zu wahren, kann aber an seinem religiös - ethischen Konflikt nichts ändern. Der Umstand, daß Rüdiger gegen Freunde kämpfen wird, bleibt erhalten. Ehrismann spricht hier von der „Ohnmacht der Seele vor dem Recht, des Menschen vor dem vasallischen System."32

4. Schluß

Konzentriert man sich in der Betrachtung der triuwe -Bindungen auf einzelne Personen und Szenen, so kann dies nur in einem beschränkten Rahmen Sinn machen. Durchaus kann man von diesen zum Teil zentralen Punkten aus generellere Aussagen für das Nibelungenlied machen, das geschlossene System gesellschaftlicher und ethischer Verpflichtungen kommt dennoch aber nur ungenau zur Geltung.

Auf der sprachlichen Ebene bereitet das Wort triuwe Schwierigkeiten, da es oftmals nicht Ausdruck des Gehaltes ist, oder aber umgekehrt dort fehlt, wo es inhaltlich um die triuwe in den Verhältnismäßigkeiten geht.33Daraus ergibt sich zwingend, daß eine Untersuchung der triuwe -Bindungen nicht mit einer reinen Untersuchung des Wortes triuwe in Übereinstimmung gebracht werden kann.

Inhaltlich sind die triuwe -Bindungen von eminenter Bedeutung. Zum einen spiegeln sie vasallisches Recht und gesellschaftlich verpflichtenden Habitus, werden in dieser Funktion darüber hinaus konstitutiv handlungsbedingend für die Motivation des Geschehens und der einzelnen Personen eingesetzt. Das zum Teil Zwingende des Handlungsverlaufes, oftmals einem im Nibelungenlied leicht zu überschätzenden Schicksal zugesprochen, entsteht partiell durch das enge und starre Regelsystem gegenseitiger Verpflichtungen, in welchem die freien Entscheidungsmöglichkeiten der Personen stark beschränkt sind.

Wenn der mehrfache Betrug den Keim des künftigen Unheils bildet34, so gehören die triuwe -Bindungen sicher zu den Elementen, die die Schlußkatastrophe unumgänglich machen.

In dieser Funktion der triuwe -Bindungen, indem sie eben auch zum heillosen Ende des Nibelungenliedes führen, erwächst eine starke Kritik an den höfischen Werten. Entweder sie sind zu den Elementen zu zählen, die mit zu der Katastrophe führen, oder aber sie haben im Laufe des Liedes keinerlei Bestand.

Tatsächlich entstand das Nibelungenlied vor dem „Hintergrund der Spannung praktizierter Blutrache und Fehde einerseits und der Bemühungen um unblutige Sühne von Rechtsverletzungen und Friedenswahrung andererseits"35, ist damit sicher auch als ein Stück Zeitkritik zu lesen. Und so ist auch die triuwe nicht durchweg positiv zu werten. Sie wird als Bestandteil eines zum Untergang führenden mittelalterlichen Regelsystems dargestellt, und ist somit in die Kritik einbezogen.

5. Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Karl Bartsch und Helmut de Boor ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse. Stuttgart 1997.

Sekundärliteratur:

Ehrismann, Otfrid: Nibelungenlied. Epoche - Werk - Wirkung. München 1987.

Härd, John Evert: Das Nibelungenepos. Wertung und Wirkung von der Romantik bis zur Gegenwart. Tübingen / Basel 1996.

Heinzle, Joachim / Waldschmidt, Anneliese (Hrsg.): Die Nibelungen. Ein deutscher Wahn, ein deutscher Alptraum. Studien und Dokumente zur Rezeption des Nibelungenstoffs im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt a.M. 1991.

Hoffmann, Werner: Das Nibelungenlied. Frankfurt 1987.

Hoffmann, Werner: Mittelhochdeutsche Heldendichtung. Berlin 1974.

Müller, Jan-Dirk: Das Nibelungenlied. In: Mittelhochdeutsche Romane und Heldenepen. Hrsg. von Horst Brunner. Stuttgart 1993, S. 146-172.

Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Stuttgart 1997.

Spiess, Gisela: Die bedeutung des Wortes „triuwe" in den mittelhochdeutschen Epen >Parzival<, >Nibelungenlied< und >Tristan<. Diss. Heidelberg 1957.

[...]


1 Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Karl Bartsch und Helmut de Boor ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse. Stuttgart 1997.

2 Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Stuttgart 1997. S. 66.

3 Vgl. Hoffmann, Werner: Mittelhochdeutsche Heldendichtung. Berlin 1974. S. 69.

4 Hoffmann, Werner: Das Nibelungenlied. Frankfurt 1987. S. 10.

5 Härd, John Evert: Das Nibelungenepos. Wertung und Wirkung von der Romantik bis zur Gegenwart. Tübingen, Basel 1996. S. 190.

6 Spiess, Gisela: Die Bedeutung des Wortes „triuwe" in den mittelhochdeutschen Epen >Parzival<, >Nibelungenlied< und >Tristan<. Diss. Heidelberg 1957. S. 91.

7 Härd: S. 116.

8 Spiess: S. 70.

9 Schulze: S. 239.

10 ebd.

11 Müller, Jan-Dirk: Das Nibelungenlied. In: Mittelhochdeutsche Romane und Heldenepen. Hrsg. von Horst Brunner. Stuttgart 1993, S. 146-172. S. 161.

12 Ehrismann, Otfrid: Nibelungenlied. Epoche - Werk - Wirkung. München 1987. S 186.

13 Ehrismann: S. 201.

14 Ehrismann: S. 184.

15 Schulze: S. 248.

16 Ehrismann: S. 201.

17 Ehrismann: S. 196.

18 Hoffmann. Nibelungenlied: S. 85.

19 Ehrismann: S. 192.

20 Vgl. Ehrismann: S. 192.

21 Heinzle, Joachim / Waldschmidt, Anneliese (Hrsg.): Die Nibelungen. Ein deutscher Wahn, ein deutscher Alptraum. Studien und Dokumente zur Rezeption des Nibelungenstoffs im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt a.M. 1991. S. 25.

22 Vgl. ebd.

23 Schulze: S. 164.

24 Vgl. Härd: S. 190.

25 Ehrismann: S. 163.

26 ebd.

27 Ehrismann: S. 185.

28 Ehrismann: S. 186.

29 Hoffmann. Nibelungenlied: S. 40.

30 Ehrismann: S. 187.

31 Schulze: S. 170.

32 Ehrismann: S. 192.

33 Spiess: S. 104.

34 Vgl. Schulze: S. 86.

35 Schulze: S. 236.

15 von 16 Seiten

Details

Titel
`Triuwe-Bindungen` im Nibelungenlied
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Proseminar Nibelungenlied
Note
1-2
Autor
Jahr
1998
Seiten
16
Katalognummer
V97420
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenlied, Proseminar
Arbeit zitieren
Nils Niermann (Autor), 1998, `Triuwe-Bindungen` im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97420

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