Präfix- und Partikelverben und ihre formale Analyse nach Stiebels/Wunderlich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

21 Seiten, Note: 1,7


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Inhalt

1. EINLEITUNG

2. STRUKTUREN DER ANALYSE
2.1 GRUNDLAGEN
2.2 KOMPLEXE VERBEN

3. ANALYSE
3.1 METHODISCHES VORGEHEN
3.2 DURCHFÜHRUNG
3.3 KRITIK

5. ZUSAMMENFASSUNG

6. LITERATUR

1. Einleitung

Die Semantik der Sprachen zu untersuchen, bedeutet einen Vorstoß in ein hoch komplexes System der Verbindungen und Mechanismen im Bereich der Wort- und Satzbedeutung. Was im alltäglichen Gebrauch naturgemäß auto- matisch abläuft, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein weites Feld der Forschung, hier besonders im Bereich der formalen Semantik, die durch ihre logisch-systematisch paraphrasierte Darstellung der Sprache auffällt.

Diese Arbeit möchte auf den folgenden Seiten einen wichtigen Ansatz der formalen Semantik beschreiben und ihn anhand eines Teilbereiches konkret analysieren. Es handelt sich dabei um die Erfassung von Verben und ihrer Funktion in der deutschen Sprache und ihre Verbindung mit Präfixen oder Partikeln zu den sogenannten komplexen Verben. Als Grundlage der Darstellung dienen Veröffentlichungen von Stiebels/Wunderlich, in denen die hier besprochene Thematik ausführlich entworfen wird.

Zunächst sollen allgemeine Strukturen der Verbanalyse erläutert werden, worunter die Klärung von auftretenden Phänomenen, deren Bezeichnung und deren grundsätzliche Wechselwirkung untereinander zu verstehen ist. Bereits in diesem Abschnitt soll auf die Sonderform der komplexen Verben eingegangen werden. Doch erst im folgenden Teil dieser Arbeit wird die genaue Analyse der komplexen Verben nach Stiebels/Wunderlich nachvoll- zogen. Die Literatur unterscheidet hier zwischen zwei Formen der komple- xen Verben: Zum einen in Fälle, bei denen die Bedeutung in Bezug auf das Basisverb nur geringfügig modifiziert wird und zum anderen in Fälle, bei denen die Bedeutung durch die Ergänzung von Präfixen oder Partikeln ent- scheidend ergänzt bzw. erweitert wird.

Diese Arbeit soll sich aber vor allem auf die grundlegende Vorgehensweise von Stiebels/Wunderlich konzentrieren und sie exemplarisch darstellen. Dies muss im Rahmen der etwa 20 Seiten dieser Hausarbeit aus Platzgründen entsprechend kompakt geschehen. Noch vor einer abschließenden Stellung- nahme sollen in einem weiteren Abschnitt mögliche Kritikpunkte am Ansatz von Stiebels/Wunderlich skizziert werden und damit auch allgemein auf die Problematik einer erschöpfenden Analyse von Sprache durch formale Se- mantik hingewiesen werden.

2. Strukturen der Analyse

Ziel der semantischen Analyse ist es, Regelmäßigkeiten in einem zuvor defi- nierten Phänomenbereich der Sprache (z.B. komplexe Verben) zu finden und wissenschaftlich zu beschreiben. Durch dieses Vorgehen sollten im Idealfall transparente Vorhersagen über das Verhalten anderer dem Phänomenbereich zugehöriger Beispiele möglich sein. Der lexikalische Apparat, der ja zu- nächst für jedes einzelne Beispiel auch einen eigenen, empirische Eintrag bereithält, wird dabei so weit wie möglich zurückgedrängt und durch Regeln ersetzt, die ein Phänomen erklären und nicht einfach zusammenhangslos voraussetzen. Ausnahmen von der Regel wie lexikalisierte komplexe Verben oder Nischenwörter, die von den Voraussagen der Analyse abweichen, wer- den zwar nach wie vor angenommen, doch das Ziel der Analyse bleibt die weitest mögliche Durchschaubarkeit semantischer Prozesse unter größtmög- lichem Verzicht auf ein Lexikon. Entsprechende Funktionen werden in die- sem Zusammenhang als “produktiv” bezeichnet, nämlich als wirksame Ver- allgemeinerung einzelner semantischer Prozesse. Um die konkrete Analyse zu verstehen, muss man sich zunächst über einige Basisfakten klar werden.

2.1 Grundlagen

Die Hauptvoraussetzung für die nun dargestellten Ansätze ist die von Bier- wisch begründetet Annahme einer semantischen Form (SF - semantic form) im Unterschied zu einer außersprachlichen konzeptuellen Struktur (CS - conceptual structure). Diese besagt folgendes: Auf der einen Seite dieser Unterscheidung - in der SF - stehen die logischen Möglichkeiten der Seman- tik eines Ausdrucks (im weiteren Verlauf konzentriert sich die Arbeit aller- dings nur auf Verben). Diese lassen sich - wie noch zu zeigen sein wird - formal analysieren und darstellen.

Auf der anderen Seite - der CS - steht die mit der Umwelt verbundene Ebe- ne, in der die in der SF entworfenen Aussagekonstruktionen verifiziert bzw. interpretiert werden. Die Qualität der Aussage “Peter ist ein guter Schüler” wird also erst in der CS geprüft, nachdem sie in der SF als ‘semantisch mög- lich’ analysiert worden ist. Die SF erfaßt so den invarianten Teil der Bedeu- tungsanteile lexikalischer Einheiten. Die CS bietet den darüber hinaus nöti- gen breiten Raum für Lesarten, Bedeutungsnuancen und Varianten.

Diese Annahme dient insgesamt der Abgrenzung von Teilbereichen, um in der SF zunächst eine rein formale Betrachtung zu ermöglichen. Die SF hat dabei eine Schnittstellenfunktion für die CS (ähnlich der phonetischen Struk- tur mit dem Artikulationsapparat) und beide sind wichtige Elemente der UG, die ja auch alle anderen Elemente der Sprache (phonetische Struktur, gram- matische Form, Syntax usw.) beinhaltet. Freilich ist zu berücksichtigen, dass die CS wegen ihrer Komplexität kaum erforscht ist. Sie wird deshalb in die- ser Arbeit nicht weiter behandelt. Im folgenden Abschnitt interessiert viel mehr die Vorgehensweise der SF-Analyse. Insgesamt folgt dieser Ansatz dem sogenannten Frege-Prinzip, wonach sich die Bedeutung eines komple- xen Ausdrucks aus der Bedeutung der Einzelausdrücke und der Struktur des Gesamtausdrucks berechnen läßt (Lohnstein).

Doch zurück zur SF-Analyse. Der Kernbegriff in diesem Bereich heißt “De- komposition”. Er beschreibt die Zerlegung eines Ausdrucks in seine formal- semantischen Bestandteile, die sich zu einer Formel gruppieren und mitein- ander in Beziehung stehen. Die dabei entstehende SF ist eine offene Formel vom Typ 0, dass heißt, ihr fehlt zur Aussage-Gültigkeit noch die Bestäti- gung durch die CS. Wichtig zu wissen ist auch, dass sie einen binären Auf- bau hat. Dies bedeutet nichts anderes, als dass ein Element der Struktur im- mer nur zwei Bindungen haben kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die sich dadurch ergebende eindeutige Hierarchie der Knoten (x1, x2, x3) erleichtert die Analyse, die in dieser Form aus dem Bereich der Typentheo- rie stammt: Die sich ergebenden Strukturen haben einen asymetrischen Auf- bau, die Rangordnung der Argumente (Einbettungstiefe) lässt sich an der rechtsverzweigenden Baumstruktur ablesen, wie in (1) zu sehen ist. Die

formelle Darstellung der SF beruht auf der so genannten Prädikatenlogik. Die Bedeutungselemente eines Ausdrucks werden dabei soweit wie möglich “dekomponiert” - also zerlegt. Die nicht mehr teilbare Sinneinheit wird als “atomares Prädikat” bezeichnet, was u.U. auch eine Verbklasse bezeichnen kann. Die semantische Einheit “BECOME” ist so zum Beispiel in allen Ver- ben und Verbzusätzen enthalten, die eine resultative Bedeutungskomponen- te besitzen. Die hierunter fallenden Wörter nennt man auch den “Skopus” von BECOME. Andere Verbklassen werden gebildet mit POSS (besitzan- zeigend), CAUSE (verursachend), MOVE (bewegend), CONSUME (verbrauchend); in anderen Fällen handelt es sich um noch speziellere ato- mare Prädikate wie z.B. SAY (sagen) oder HUNT (jagen). Diese Art der Notation soll den semantischen Charakter der Formel unterstreichen, bei dem es ausschließlich um die Bedeutung eines Ausdrucks geht.

Zu ihnen in Beziehung stehen die für eine vollständige Aussagekonstruktion benötigten Argumente, die weiter unten noch ausführlicher behandelt werden. Argumente sind konkrete Dinge oder Personen, die mit der semantischen Struktur als Agens, Patiens oder Thema in Beziehung stehen. Dies gilt natürlich nur in den Fällen, in denen Verben entsprechende Argumente verlangen. Als intransitives Verb benötigt “reifen” nur ein Argument, “geben” als bitransitives Verb hingegen drei. Man spricht in diesem Zusammenhang von 0-, 1-, 2- oder 3-stelligen Verben und Partikeln.

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Zu Beginn der im Beispiel dargestellten semantischen Formel ist die Reihe der sogenannten l-Abstraktoren zu lesen (hier: lx ls). Sie stellen die Platzhalter für die einzufügenden Argumente in hierarchischer Reihenfolge dar (das am tiefsten eingebettete Argument zuerst).

Dieses Theta-Raster dient der Verdeutlichung der Strukturen des zu analy- sierenden Ausdrucks. Dies wird ganz besonders wichtig, wenn neue Argu- mente durch Ergänzungen wirksam werden, wie später noch gezeigt wird. Im Falle von reifen liefert uns die Theta-Struktur allerdings nur ein struktu- relles Argument, da ls eine spezielle Form des l-Abstraktors darstellt: Hier spiegelt sich die Situationsvariable (s) (Bierwisch nennt sie in seinen Texten “INST”) aus der SF wider. Sie stellt eine Zusammenfassung all jener Anteile dar, die bei der rein semantischen Analyse nicht direkt beteiligt sind. Zwar sind konzeptuelle, non-formale Faktoren bereits mit der CS ausgeliedert worden, doch darüber hinaus gilt es hier, zur Fokussierung auf die semanti- sche Analyse syntaktisch-grammatische Informationen in einer Variable zu binden. Bei der formalen Analyse des Linkings (s.u.) wird diese Variable auch nicht weiter beachtet. Wegen dieser ausgegliederten Stellung wird (s) auch als referentielles, externes Argument (im Gegensatz zu den anderen Argumenten, die intern sind) bezeichnet.

Der wichtigste Mechanismus, der nun für die internen Argumente ange- nommen wird, ist das “Linking”. Dies bezeichnet die Zuweisung der Relati- on und Funktion an die einzelnen Argumente. Im Deutschen meint dies kon- kret die Zuweisung der Kasus (hier: Nominativ, Akkusativ und Dativ) an die entsprechenden Argumente. Die Zuweisung des Kasus an ein bestimmtes Argument folgt seiner Stellung innerhalb der Theta-Hierarchie. Da die l- Abstraktoren bereits in dieser Hierarchie notiert werden, haben Stie- bels/Wunderlich von dieser Darstellung einen Mechanismus abgeleitet, der sich am Vorhandensein eines höheren (+ high role / “+hr”) oder niedrigeren Arguments (+ low role / “+lr”) orientiert. Das Ergebnis ist folgendes Zuwei- sungsschema, das sich von den hier gegebenen strukturellen Argumenten x, y und z, die ja in der Hierarchie ihrer Einbettungstiefe notiert sind, ableiten läßt:

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Probleme ergeben sich nun aber bei Verben wie “helfen”, das nur zwei Ar- gumente ausweist, das zweite Argument aber dennoch im Dativ ausdrückt, obwohl dieser nach der Tabelle defaultmäßig erst bei 3 Argumenten ver- wendet werden kann. (Default bedeutet in diesem Zusammenhang die An- nahme der Gültigkeit von Standardprozessen.) Stiebels/Wunderlich wollen diese Unregelmäßigkeit mit einem lexikalisierten [+lr]-Element für das betreffende Argument auffangen, das als Abweichungsinformation notiert wird. Durch diese Ergänzung wandelt sich formal der zugewiesene Kasus von [-lr, +hr] in [+lr, +hr], also den Dativ. Sinn dieser zunächst kompliziert erscheinenden Vorgehensweise ist die Aufrechterhaltung der Strukturen und Mechanismen bei minimalem lexikalisierendem Eingriff wegen der auftre- tenden Unregelmäßigkeiten.

Problematisch verhalten sich auch Verben wie “gedenken”, die den Genitiv verlangen oder reflexive Verben. Beide Probleme müssen mit einem entspre- chenden Lexikoneintrag (+gen, +refl) ausgestattet werden. Deutlich erkennbar ist jedenfalls in diesem Zusammenhang, dass die SF stark Verb orientiert ist. Nomen bleiben im Gesamtzusammenhang einstelliges Beiwerk (z.B. Buch (x), Kamel (x) usw.); Verben hingegen sind durch ihre zahlreichen Argumentstellen gute Knotenpunkte der Bedeutungskompositi- on.

Nach dieser kurzen Skizze des dekompositionellen Ansatzes soll es nun um das engere Thema dieser Arbeit gehen, nämlich die komplexen Verben und die spezifischen Grundlagen, die sie innerhalb der Theorie von Stiebels/Wunderlich einbringen.

2.2 Komplexe Verben

Stiebels/Wunderlich gehen davon aus, dass Partikeln und Präfixe keine über das Basisverb operierende Funktoren sind, sondern Affixe, also lexikalische Anhängsel, die eine freie Generierung komplexer Verben durch die Kompo- sition der Lexikoneinträge von Basisverb und Verbzusatz ermöglichen. Der Annahme folgend, dass Partikelverben lexikalisch gebildet werden, er- schließt sich nun das wohl interessanteste (und produktivste) Teilgebiet der semantischen Kompositionalität der Verben. Doch bevor die daraus resultie- renden Mechanismen behandelt werden, muss vorher noch geklärt werden, was diese zusammengefaßt “Verbzusätze” genannten Partikeln und Präfixe eigentlich sind.

Partikeln sind nach Stiebels/Wunderlich Adverbien und Präpositionen mit impliziertem Präpositionalobjekt, die eine prädikative Argumentstelle des Basisverbs besetzen. Sie werden immer betont. Partikeln sind eine offene Klasse der Verbzusätze, die aus ein- oder zweistelligen Präpositionen (ab, an, durch, hinauf, hinunter, miteinander, ...) bestehen können, aus Nomen (klavierspielen, radfahren, ...) oder seltener auch aus ganzen Objekt-NPs. Auch gibt es durch die Reanalyse von nominalen Elementen entstandene, in Rückbildungen dargestellte Komposita (probefahren, fehlschlagen, missin- terpretieren). Darüber hinaus gibt es Formen mit Adjektiven (kurztreten, krankfeiern, ... ) und sogar mit Verben (spazierengehen, sitzenbleiben). Doch die letzten beiden Gruppen bleiben Ausnahmen.

Präfixe hingegen sind inkorporierte Präpositionen eines PP-Arguments des Basisverbs. Präfixe werden allgemein nicht betont, nur im relativ selten Fall einer nachfolgenden, schwachen Silbe des Basisverbs (‘missinterpretieren - miss‘deuten). Sie sind eine geschlossene Klasse, die mit präpositionalen Varianten (durch-, hinter-, über-, um-, unter-, wider-) und gebundenen Morphemen, die nicht mehr rückwirkend lexikalisch analysiert werden können (be-, ent-, er-, ver-, ge-, zer- miß-, voll-), ausgestattet ist.

Interssant zu beobachten ist auch, dass Partikeln Orts- oder Modalbeschrei- bungen enthalten können, die das zugehörige PP Argument implizieren. Die folgenden Beispielsätze demonstrieren: der Satz mit dem Partikel kann oh- ne, der Satz mit dem Präfix kann nur mit der Ergänzung in der Klammer stehen:

(4) Sie setzt den Hut auf (den Kopf)

Sie durchläuft (den Park)

Für alle Verbzusätze gilt nach dem bereits ausgeführten Prinzip der lexikali- schen Komposition, dass sie einen vollwertigen Lexikoneintrag besitzen. In diesem sind alle Merkmale und Bedeutungen, sowie Verwendungsrestriktio- nen enthalten. Die Existenz dieser Lexikoneinträge bei Verbzusätzen ist die Grundlage für deren systematische Kombination mit Basisverben, die eben- falls nach gleichen formalen Regeln erstellte Lexikoneinträge besitzen.

Nach dieser knappen Definition sollen nun die Mechanismen interessieren, die bei der lexikalischen Komposition der komplexen Verben wirksam sind. Die Ausgangssituation ist der Fakt, dass ein Basisverb mit einem wie auch

immer gearteten Verbzusatz eine Bindung eingeht. Wie bereits erwähnt, sind nun semantisch zwei Effekte möglich. Im einfachsten Fall besetzen die Ar- gumente des Verbzusatzes Argumente des Basisverbs und es kommt zu ei- ner nur geringfügigen semantischen Modifikation (gießen - übergießen, ma- len - anmalen). Dieser Mechanismus wird “funktionale Applikation” ge- nannt und stellt sich so dar:

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Folgendes ist hier passiert: das Argument u aus dem Verbzusatz ist offen- sichtlich deckungsgleich mit dem Argument y (jemanden (Akk.) jagen vs. jemanden (Akk.) ver-jagen). Durch die Kombination ist deshalb das Argu- ment u von y überschrieben worden. Ergebnis ist das komplexe Verb, das nun zwar die neue Bedeutungsnuance enthält (“resultative Änderung des Originalstandortes von y”), doch ausgefüllt wird sie mit den bereits in JAG(x,y) angenommenen strukturellen Argumenten x und y. Im konkreten Beispiel ist nur y, das u ersetzt, betroffen. Zu beachten ist auch wieder die Situationsvariable (s). Sie wurde mit Hilfe eines sogenannten Argumentsha- rings (“-teilung”) einmal getilgt und wird deshalb in der Theta-Struktur nur einmal als ls notiert.

Der zweite und wohl interessanteste Mechanismus bei der Komposition komplexer Verben ist die Argumenterweiterung (ARG) nach Bierwisch und die daraus resultierende “funktionale Komposition”.

(6) ARG(Verb): lP ls [VERB (s) & P (s)]

In diesem Fall erweitert ein Verbzusatz die Argumente des Basisverbs durch eigene Argumente, die im Basisverb vorher nicht enthalten sind. Folgendes Beispiel macht dies deutlich:

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Dem Basisverb “grinsen” wird das Präfix “an-” in seiner Bedeutung des “Ausrichtens auf etwas” hinzugefügt. Dadurch kommt das Argument der

oder desjenigen ins Blickfeld, der oder die “angegrinst” wird (u). Aus einem einstelligen Verb wird so ein zweistelliges Verb. Trifft aber ein 2-stelliger Verbzusatz auf ein nur 1-stelliges Basisverb, ist es zunächst nicht kompati- bel. Deshalb kommt es - wie hier gezeigt - zu einer Argumentvererbung: das neue Argument wird als am tiefsten in die SF eingebettetes Argument no- tiert, also zu Beginn des Theta-Rasters. Dadurch ist dieses Argument ‚bear- beitet‘ und der zurückbleibende Rest kann durch das nun erreichte Gleich- gewicht der Stelligkeiten mittels funktionaler Applikation zusammengeführt werden.

Innerhalb dieser Vorgänge ist noch auf Besonderheiten beim Linking hinzuweisen. Das Linking bei komplexen strukturellen Argumenten in komplexen Verben ist nämlich nicht so eindeutig, wie es bei maximal 3-stelligen Basisverben ist. Durch die funktionale Komposition können nämlich mehr als 3 Argumente ermittelt werden.

(8) lx ly lz lu

+hr +hr +hr -hr

-lr +lr +lr +lr

Bei vier Argumenten hätten die beiden mittleren Argumente das Merkmal [+lr, +hr], also den Dativ, obwohl klar ist, dass dies so nicht realisiert wer- den kann. Der in diesem Zusammenhang verwendete Mechanismus ist die sogenannte “Obliquemachung” eines Arguments: Es wird eine Entscheidung darüber getroffen, welches von den beiden betroffenen Argumenten struktu- rell ist und welches nur nachgeordnet, also zum Beispiel durch eine PP reali- siert werden kann. Es gilt die Regel: das am tiefsten in die SF eingebettete der in Frage kommenden Argumente (+lr, +hr) ist strukturell. Alternativ gilt auch: dasjenige Argument ist strukturell, welches das insgesamt am tiefsten eingebettete Argument L-kommandiert, d.h. dominiert oder über weitere Knoten in der Baumstruktur dominiert, solange deren Typenbezeichnungen, die von diesem Argument zu dem in Frage kommenden Knoten führen, gleich bleiben.

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Um diese grundlegenden Betrachtungen abzuschließen, sei hier noch auf weitere wichtige Bereiche einer formalsemantischen Untersuchung hingewiesen: Da ist die Frage nach der syntaktischen Transparenz der komplexen Verben. Konkret lautet die Frage, ob Verbzusatz und Basisverb getrennt von einander in einem Satz existieren können. Das Phänomen, getrennte, komplexe Verben zu verwenden, hat das Deutsche mit nur ganz wenigen anderen Sprachen gemeinsam (z.B. Holländisch).

(10) Partikel: aufführen / führen ... auf

Sie führten das Stück auf.

Präfix: überführen / *führen ... über

*Sie führten den Gefangenen über.

Stiebels/Wunderlich führen zur exakteren Analyse das Merkmal [+/- max; +/- min] ein, welches das Potential eines Verbzusatzes zur synaktischen Al- leinstellung indiziert. So sind be- ur- un- [-max;+min] und über auf an [+max;-min]. Sie werden auch als syntaktisch atomar bezeichnet. Es wird mit zwei Indikatoren gearbeitet, da sich erst so auch ein drittes Phänomen [-max;-min] darstellen lässt, wie es in Nominalkomposita (z.B. Fensterscheibe) vorkommen kann: Da der Begriff Fenster zwar ein synthak- tisch transparenter Ausdruck ist, sich aber dennoch im Falle einer Verbin- dung mit Scheibe fest verbindet, wird dies durch den negativen Wert beider Indikatoren hinreichend widergespiegelt. Aus logischen Gründen kann die vierte mögliche Kombination [+max/+min] ausgeschlossen werden. Kurz zusammengefaßt läßt sich damit durch weitere Analyse, die hier nicht weiter vertieft werden soll, die Aussage treffen, dass Präfixe [-max/+min] und Par- tikeln [+max/-min] sind.

Stiebels analysiert die Verbindungen und Trennbarkeitsbedingungen noch weiter und macht Aussagen über weitergehende Derivationen aus komplexen Verben, mehrfachen Klammerungen in Folge von weiterer Affigierung. Aus diesem Grund sollen hier auch die Untersuchungen zur Iteration von Verbzusätzen kurz vorgestellt werden.

- Partikel-Partikel-Verben sind nicht möglich, da nur eine Partikel erlaubt ist. Es gibt aber Ausnahmen (voranmelden), die jedoch sehr begrenzt in ihrer Zahl sind. Sehr produktiv hingegen sind Nominalableitungen wie Vorabdruck, Wiederaufnahme, Überangebot.
- Päfix-Präfix-Verb-Verbindungen sind selten: z.B. überbelichten. Sie sind eingeschränkt durch die Betonungsregeln und semantisch problematisch, weil sich die perfektiven Aspekte der Präfixe schlecht nochmals perfektiv aspektieren lassen.
- Präfix-Partikel-Verb: es gibt nur wenige Beispiele mit be-, ver- über- beauftragen, verabreichen, überanstrengen.
- Partikel-Präfix-Verb: sehr zahlreich. auf-be-wahren, aus-er-wählen, anver-trauen.

Oft sind diese Iterationen aber nicht transparent analysierbar, was bedeutet, dass diese Kompositionsprozesse nicht immer produktiv sein müssen. Eine ausstehende genauere Analyse müsste sich wesentlich intensiver mit diesem Thema beschäftigen.

3. Analyse

Vorhersagen über das Verhalten bestimmter Verben und Verbzusätze treffen zu können, ist das bereits beschriebene Ziel von Stiebels/Wunderlich. Sie wollen dieses Ziel durch sogenannte Templates, also allgemein gehaltene Strukturformeln erreichen, die eine Vielzahl von Einzelfällen der untersuch- ten komplexen Verben erfassen und somit verallgemeinern, wie z.B. das bereits vorgestellte Template für die Argumentweiterung ARG (lP ls [VERB (s) & P (s)]). Diese Templates können aber noch weiter ausdifferen- ziert werden, um dann z.B. einzelne Verbzusätze in Verbindung mit be- stimmten Verben zu beschreiben (z.B. verrauchen: lz ly lx ls (SMOKE(x,y) (s) & CONSUME (s,z)).

Die wichtigsten Verhaltensweisen und ihre Grundlagen sind bereits vorge- stellt worden. Nun gilt es, nachzuvollziehen, wie mit dem Thema komplexe Verben in der konkreten Analyse umgegangen wurde und welche Ergebnisse es gebracht hat. Dabei sollen nicht die entsprechenden Abschnitte der For- schungsliteratur Stück für Stück paraphrasiert werden, sondern es geht um deren kurze und knappe Skizzierung und Problematisierung im Interesse eines groben Überblicks über die Arbeit von Stiebels/Wunderlich.

3.1 Methodisches Vorgehen

Die Menge der zu untersuchenden Verbzusätze sind von Stie- bels/Wunderlich zunächst eingegrenzt worden. Skalierungspräfixe und Prä- fixe wie zer- wurden ausgesondert, da hier von vorn herein angenommen wurde, dass es sich um wenig produktive Muster handelt, die entweder zu stark lexikalisiert oder nicht variantenreich genug waren. Aufgenommen in die Betrachtungen wurden dagegen die Präfixe er- ent- ver- und die Parti- keln ab, an, auf. Sie wurden als hinreichend produktiv im Sinne der Analyse erachtet.

Mit Hilfe der Dekomposition der Verben und Verbzusätze wird bei der Ana- lyse erörtert, in wie weit die theoretischen Annahmen stimmen, die in den vorherigen Punkten dieser Arbeit behandelt wurden. Dabei zeigt sich, dass viele Verben und Verbzusätze mehrere Bedeutungen und Erscheinungsfor- men in der SF haben können. So kann jagen(x,y) im Falle einer allgemeinen Frage z.B. nach Freizeitbetätigungen auch 1-stellig sein. So ist die Antwort “Peter jagt” in diesem Zusammenhang eine vollständige Aussage, die keine weiteren Argumente verlangt.

Bei diesem Problem behelfen sich Stiebels/Wunderlich methodisch mit der Zulassung verschiedener Lexikoneinträge, also konkret eines Verbs jagen(x) mit nur einem Argument - neben einem Verb jagen(x,y). Die SF und ihre Parameter werden also nach den Erfordernissen des konkreten Beispiels gestaltet. Entsprechend wird z.B. diskutiert, ob ein komplexes Verb eher der kausativen oder der resultativen Klasse zugesprochen werden soll (siehe Beispiel erschreiben unter 3.2). Beide Aussagen lassen sich mit Hilfe der SF darstellen, die kritische Analyse muss Gründe für die eine oder die andere Ansicht finden.

Stiebels/Wunderlich versuchen also - allgemeiner gesprochen - Bedeutungs- elemente effektiv zu dekomponieren und zu erfassen, um eine verallgemei- nerbare Ebene zu erschließen, um so Verbklassen und Templates zu definie- ren (Eine solche Klasse bilden z.B. “possessive Präfixverben mit er-”). Die Methode der Analyse ist also eine recht vielschichtige Angelegenheit für viele verschiedene Fälle und Beispiele. Sie kann im Rahmen dieser Arbeit sicher nicht erschöpfend dargestellt werden.

3.2 Durchführung

Als produktivste Klasse führen Stiebels/Wunderlich die resultativen Verbzu- sätze (BECOME) auf. Um das Vorgehen bei der Untersuchung komplexer Verben möglichst einleuchtend darzustellen, ist es deshalb sinnvoll, sich ex- emplarisch auf diesen Bereich zu konzentrieren, da Grenzen und Probleme der Analyse an anderer Stelle dargestellt werden. Aus diesem Grund soll nun mit Hilfe des komplexen Verbs erschreiben verdeutlicht werden, welche Faktoren in der praktischen Analyse berücksichtigt werden müssen.

(11) Beispielsatz: “Sie erschrieb sich den Nobelpreis.”

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese schematische Darstellung der Analyse spiegelt das Ergebnis der kon- zeptionellen Diskussion über den Lexikoneintrag des Verbzusatzes wider. Es ist entschieden worden, das Kompositum nicht der Verblasse CAUSE zuzurechnen, obwohl zu bedenken war, dass das Produkt des Schreibens mit Sicherheit Ursache für den Nobelpreis war. Doch der mit CAUSE ausge- drückte Handlungszeitraum des Schreibens (des Romans, der den Literatur- nobelpreis gewinnt) wird als zu unspezifisch gewertet. Es ist also keine ex- pliziter Ursachengegenstand durch diesen Ausdruck mitteilbar, eventuelle Spezifizierungen sind in dem oblique gewordenen Argument y enthalten und können nur nachgeordnet ergänzt werden. Wirkung entfaltet hingegen die Bedeutungskomponente, die beschreibt, dass der Nobelpreis in den Besitz (POSS) der Schreiberin übergeht. BECOME beschreibt hinreichend das ausgedrückte Ursache-Wirkungsverhältnis. Somit ist klar erkennbar, dass es

sich hier um einen resultativ-possessiven Verbzusatz handelt, der durch das Abwägen verschiedener Faktoren erschlossen und so notiert wurde. Für dieses Beispiel - obwohl keine transparente Reanalyse für die ursprüng- liche Bedeutung von er-1 möglich ist - erschließen sich durch die genauere Untersuchung weitere Nuancen, die ein Verbzusatz er-1 im Sinne der ent- worfenen Lexikalisierung als resultativ-possessives Präfix haben kann. So wird festgestellt, dass Kompositionen mit er-1 abgeschlossene Handlungen oder Prozesse beinhalten müssen, obwohl das eigentliche Ergebnis - wie im Beispiel gezeigt - nur mit einem obliquen Objekt realisiert wird. Die noch ausstehende Überprüfung der getroffenen Aussage in der CS findet sich auch in diesem Beispiel wieder. Mit POSSp wird darauf verwiesen, dass die Bewertung des angezeigten Besitzverhältnisses variieren kann, da nicht im- mer ein eindeutiges Verhältnis vorliegen muss.

Grundlegend variieren kann auch die Bedeutung des dargestellten Verbzusatzes selbst, der nicht immer die Bedeutung von er-1 trägt. Diese Variationen sorgen für eine beachtliche Komplexität, die sich am Präfix äußerlich nicht erkennen lässt.

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Ähnliche Effekte sind auch bei den anderen Verbzusätzen zu beobachten. So können zwar sogar zwischen Zusätzen bestimmte semantische Relationen entstehen, doch sind die jeweils gemeinten Bedeutungen genau zu berück- sichtigen. Stiebels/Wunderlich geben als Beispiel das Verhältnis der Parti- keln aus und ein an, die eine jeweils gegenteilige Wirkung beschreiben kön- nen (ausschalten - einschalten). Dies gilt aber nur bei entsprechenden Lexi- koneinträgen. In anderen Komposita (z.B. ausgehen oder eingehen) können die Zusätze eine andere Bedeutung haben und werden dann auch anders ver- arbeitet.

Genau diese doch große Varianz in der praktischen Anwendung ist der Grund, warum dieser Abschnitt kürzer ausfällt, als der theoretische Teil. Die Alternative, die einzelnen Diskussionen in ihrer großen Bandbreite darzu- stellen, kann leicht zu einem hoch komplexen System ausufern. Im Rahmen dieser Arbeit muss es genügen, diesen Bereich so knapp wie möglich darzu- stellen, da es hier in erster Linie um die Skizzierung eines Ansatzes geht und nicht um das Durchexerzieren bestimmter Einzelfälle.

3.3 Kritik

Nach der Darstellung der Analysemethoden von Stiebels/Wunderlich und dem Blick auf deren Anwendung ist es angebracht, im folgenden Abschnitt den Bereich der Einschränkungen zu vertiefen. Es sollen mögliche Ansatz- punkte einer Fundamentalkritik skizziert werden, um einen Eindruck davon zu vermitteln, wo sich eventuelle Schwachstellen der Analyse von Stie- bels/Wunderlich befinden könnten. Mehreres gibt es zu bemerken.

Die angestrebte Produktivität der Betrachtungen, die Vorhersage für die Bildung komplexer Verben kommt nur in soweit zu Ergebnissen, als dass die Definition von echten Templates bereits starken Eingrenzungen innerhalb der Menge der komplexen Verben unterliegt. Mit oft zahlreichen Bedeu- tungsmöglichkeiten ausgestattet bindet sich eine Partikel oder ein Präfix nach den Mechanismen der SF zwar an alle Verben, doch nur ein Bruchteil davon existiert real. Ein produktives Muster bloß nach den Bedingungen der SF zu definieren, wäre also unstreitig zu technisch. Doch wenn in einem zweiten Schritt sprachlich unmögliche aber “technisch” mögliche Ergebnisse mit einem Hinweis auf die CS eliminiert werden, könnte man dies mit Hin- weis auf den diffusen Inhalt der CS als zu ungenau kritisieren. Auch be- stimmte Mechanismen innerhalb der Analyse können als zumindest für das Deutsche als sprachfremd kritisiert werden. Es scheint durchaus berechtigt, danach zu fragen, warum etwas alltägliches wie ein reflexives Verb oder die Verwendung eines Genitives mit bestimmten Verben extern mit +refl oder +gen lexikalisiert werden müssen. Hier könnte postuliert werden, dass man im Gegenteil davon aus gehen könnte, dass es im Gehirn einen zumindest gleichberechtigten Mechanismus für alle vier Fälle des Deutschen geben müsste. Die vorgeschlagene Methode wäre dann als nur aufgesetzt und be- schreibend zu kritisieren.

Auch wenn versucht wird, Linkingprobleme mit Lexikalisierungen zu lösen, macht dies zumindest die Grenzen deutlich, in denen sich das Modell von Stiebels/Wunderlich bewegt. Hier könnte man einen weiteren Ansatz für eine Fundamentalkritik anführen, der die Typen einzelner SF-Elemente be- trifft. So können bestimmte Elemente verschiedene Typen ausweisen, ob- wohl sie semantisch klar definiert sind. So hat BECOME in der SF für leer trinken [TRINK (x,y) (s) & BECOME (LEER(z)) (s)] den Typ (0/1)/0, doch in der SF für geben [CAUSE (x,BECOME (POSS (y,z))) (s)] den Typ (0/0). Diese Tatsache wird zwar sogleich erkannt, doch wird darauf nur mit einem Hinweis auf das Vorhandensein von eben zwei Einträgen eingegan- gen, da BECOME offensichtlich als “Operator mit dem Typ (0/0)” und als “Operator mit dem Typ (0/1)/0, der zu einer Situation relativierbar ist”, vorkommen könne. Keineswegs ist damit aber restlos geklärt, ob es bei der festen Annahme, die SF sei insgesamt immer vom Typ 0 und den zahlreichen Variationen zu untersuchender Ausdrücke nicht zu Unstimmigkeiten kom- men könnte, die immer neue “Einträge” notwendig machen, die man wegen ihrer Komplexität vernünftiger Weise nicht annehmen kann.

Doch ungeachtet dieser Ansätze zu einer fundamentalen Kritik muss darauf hingewiesen werden, dass Stiebels/Wunderlich keineswegs den Anspruch entwickelt haben, all diese Probleme restlos zu lösen. Im Gegenteil, sie sind sich der Komplexität ihrer Analyse durchaus bewußt und verhalten sich me- thodisch entsprechend der Schwierigkeiten, auf die sie stoßen. Diese Vorge- hensweise sorgt allerdings für die zunehmende Komplizierung des Modells, je tiefer der Phänomenbereich untersucht wird. Die Frage steht im Raum, in wie weit ein solches Modell dann noch geeignet ist, Semantik in einem ver- tretbaren Rahmen darzustellen. Das Streben nach einem universalen Modell muss sich darüber hinaus auch den Vorwurf gefallen lassen, an manchen Stellen ein System zu schaffen, das durch seine Komplexität lediglich be- schreibende Aufgaben wahrnimmt. Kritisch könnte man schlußfolgern, dass die Berücksichtigung aller notwendigen Faktoren in einer beschreibenden Formel von vorn herein bloß ein bestimmtes Ergebnis impliziert, ohne dass man es verallgemeinern könnte. In diesem Fall müßte man das Verfahren der SF-Analyse als komplexer bezeichnen als die sprachliche Wirklichkeit und es damit auf eine hinreichende Anwendungseffektivität hin problematisieren.

5. Zusammenfassung

Das Ergebnis dieser Arbeit kann in zwei Bereiche geteilt werden. Da ist zum einen der allgemeine Erkenntnisgewinn über den Bereich der komplexen Verben und deren allgemeines Verhalten, zum anderen der analytische Ansatz von Stiebels/Wunderlich, welcher unter wissenschaftlich-methodischen Gesichtspunkten zu bewerten ist.

Zum ersten Bereich ist zusammenfassend festzustellen, dass Stie- bels/Wunderlich eine sehr ausführliche Diskussion über einzelne Präfixe und Partikeln führen, nicht ohne das Ziel - die Erkennung von Regelmäßigkeiten - aus den Augen zu verlieren. Der Hauptunterschied zwischen Partikeln und Präfixen bei der Bildung komplexer Verben ist demnach deren Fähigkeit, syntaktische Atome zu bilden, welches mit dem Merkmal [+/- max] hinrei- chend erfasst wird. Doch lässt sich über solche Eigenschaften (wie z.B. auch die Betonung) hinaus keine weitere eindeutige Aussage über spezifisches Verhalten bei der Argumentsättigung bzw. Argumenterweiterung von Basis- verben feststellen. Beide Verbzusatzarten können hier produktive Muster aufweisen und mit Hilfe der von Stiebels/Wunderlich postulierten lexikali- schen Komposition komplexe Verbformen bilden. Die Definition von Verb- klassen und deren Übertragung auf die Strukturen der Analyse hat ebenfalls ordnend auf das doch sehr weite Forschungsfeld der komplexen Verben ge- wirkt. Als das produktivstes Muster bei den komplexen Verben identifizie- ren Stiebels/Wunderlich die resultativen Bedeutungskomponenten der Verb- zusätze. Die damit verbundenen semantischen Auswirkungen erscheinen mit dem besprochenen Ansatz der funktionalen Komposition gut nachvollzieh- bar.

Für den zweiten Teil der Zusammenfassung ist allerdings zu sagen, dass die Analysen von Stiebels/Wunderlich bezogen auf Produktivität und Vorher- sagbarkeit komplexer Verben oft an Grenzen stoßen. Das Idealmodell einer UG, in der die Semantik mit wenigen Lexikoneinträgen und einem nicht zu komplexen Formelapparat beherrscht werden kann, ist hier sicherlich nicht greifbar nah. Vielmehr muss darauf geachtet werden, einer Analyse nicht so komplex zu gestalten, dass sie zu sehr ausufert und infolgedessen nur be- schreibend angewendet werden kann.

Doch soll damit der dargestellte Ansatz nicht als grundsätzlich unmöglich kritisiert werden. Sprache ist eine komplexe Angelegenheit und es wäre na- iv, eine einfache Lösung zu erwarten. Stiebels/Wunderlich haben einen wichtigen Weg aufgezeigt, der es ermöglicht, zumindest Teile der Menge der komplexen Verben zu systematisieren und sprachwissenschaftlich exakt darzustellen. Die in diesem Zusammenhang entwickelte formalsemantische Denotation scheint jedenfalls ein nützliches Werkzeug zur Analyse semantischer Phänomene zu sein.

6. Literatur

Bierwisch, Manfred. Semantische und konzeptuelle Repräsentationen lexi- kalischer Einheiten. In: Untersuchungen zur Semantik hrsg. Von Rudolf Rùžièka und Wolfgang Motsch (studia grammati- ca xxii), Berlin 1983.

Lohnstein, Horst. Formale Semantik und natürliche Sprache: einführendes Lehrbuch. Opladen 1996.

Stiebels, Barbara. Lexikalische Argumente und Adjunkte. Zum lexikali- schen Beitrag von verbalen Präfixen und Partikeln. Berlin 1996.

Stiebels, Barbara und Dieter Wunderlich. Morphology feeds syntax: the case of particle verbs. In: Linguistics 32 (1994), S. 913-968.

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Details

Titel
Präfix- und Partikelverben und ihre formale Analyse nach Stiebels/Wunderlich
Veranstaltung
Hauptseminar Germanistik
Note
1,7
Autor
Jahr
2000
Seiten
21
Katalognummer
V97422
ISBN (eBook)
9783638958745
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Präfix-, Partikelverben, Analyse, Stiebels/Wunderlich, Hauptseminar, Germanistik
Arbeit zitieren
Torsten Fischer (Autor:in), 2000, Präfix- und Partikelverben und ihre formale Analyse nach Stiebels/Wunderlich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97422

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