Theodor Frings Theorie zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache und das Primat der Mündlichkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999
14 Seiten

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Inhalt

1. Einleitung

2. Frings Theorie zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache

3. Kritik
3.1. Grundlegende Probleme mit der Theorie Frings
3.2. Das Primat der Mündlichkeit

4. Schlußbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frage nach der Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache ist ein ebenso elementares wie umstrittenes Thema der germanistischen Linguistik. Dementsprechend ausufernd ist mittlerweile die Literatur, die sich mit den Theorien und Methoden dieses Bereiches befaßt. „Schon bei oberflächlicher Beschäftigung mit dem Gegenstand fällt auf, daß es verschiedene Erklärungsansätze gibt, die zu abweichenden Ergebnissen kommen und konzeptionell variieren."1

Theodor Frings stellte in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts eine Theorie zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache auf, die methodisches Neuland betrat, und sich im Ansatz von der bis dahin gängigen Theorie Konrad Burdachs unterschied. Burdachs humanistischer Ansatz bewertete herausragende kulturelle und politische Institutionen wie die Prager Kanzlei als Quelle der neuhochdeutschen Schriftsprache. Frings aber ging davon aus, daß „die Grundlage der neuhochdeutschen Schriftsprache in den Mundarten anzusetzen wäre"2. Die Kritik an Frings Entwurf setzte kurz nach dessen Veröffentlichung Anfang der dreißiger Jahre ein. Und auch wenn seine Thesen nie unumstritten waren, so kam man im folgenden bei der Beschäftigung mit der Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache an einer Auseinandersetzung mit seiner Theorie nicht vorbei.

„Im Osten wie anderswo hat die deutsche Sprachforschung oft genug Gebäude rekonstruiert ohne die Fundamente zu erforschen. Diese sind aber insbesondere für die Laut- und Formenlehre nur aus den lebenden Mundarten und ihren historisch-geographischen Geschicken zurückzugewinnen."3 Auf der Basis von Mundartkarten des deutschen Sprachatlas, die zwischen den Jahren 1876 und 1888 entstanden, ging Frings davon aus, daß sich im 11. bis 13. Jahrhundert Siedlerströme aus dem Norden, aus Mittel- und Süddeutschland im mitteldeutschen Osten trafen. „Der Zwang zur Verständigung führe sie zu einer Art kolonialer Ausgleichssprache, die dann auch Grundlage der dortigen Geschäfts- und Schreibsprache [wurde]."4 Daraus sei wiederum die obersächsische Umgangssprache entstanden. Damit war für Frings eine Grundlage der neuhochdeutschen Schriftsprache geschaffen. Über diesen Weg wären die Mundarten bis in die Kanzleien eingedrungen.. Zudem sei es vor allem Luther gewesen, der dem Meißnischen durch die Wahl dieser Prestigesprache für seine Bibelübersetzung weitere Verbreitung und zusätzliches Ansehen sicherte.

Neben einer komprimierten Darstellung der Thesen Frings und einem Überblick über die Kritikpunkte, wird es hier vorrangig darum gehen, eine Besonderheit dieser Theorie genauer zu betrachten. „Wir haben nicht zu tun mit Schriftsprache und Humanismus, sondern mit Schriftsprache und Mundart. Der Weg geht nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben."5 Frings geht bei der Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache vom Primat der Mündlichkeit aus. Es führe ein „übersehbarer Weg [..] von der Sprache der Siedler zur Sprache der Schreiber, zu Luther und zur neuhochdeutschen Schriftsprache"6. Besonders die These, die neuhochdeutsche Schriftsprache sei auf dem Wege der Mündlichkeit entstanden, gilt es in Anbetracht des immer noch nicht vollkommen geklärten Verhältnisses zwischen gesprochener und geschriebener Sprache in frühneuhochdeutscher Zeit zu prüfen.

2. Frings Theorie zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache

Historisch stehen Frings Thesen zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache in Opposition zu der Theorie von Burdach. Sah Konrad Burdach noch den Ursprung eng mit der Schriftlichkeit, und diese wiederum mit zentralen Kanzleien verknüpft, ging Frings von einem Ursprung auf Mundartebene aus. Er untersuchte Mundartkarten des Deutschen Sprachatlas vom Ende des 19. Jahrhunderts, also deutlich neueren Datums, und schloß daraus auf Lautgegebenheiten in frühneuhochdeutscher Zeit.

Durch die Besiedelung des angeblich traditionslosen Ostens über Siedlerströme aus verschiedenen Regionen des Altlandes, sei es zu einer einzigartigen Sprachmischung gekommen. Das Altland sei nach Frings für eine solche Entwicklung zu zersplittert gewesen. Frings machte im ostmitteldeutschen Raum drei Siedlerströme aus: Eine niederdeutsche Linie Magdeburg - Leipzig, eine mitteldeutsche über Erfurt - Leipzig - Breslau, und eine oberdeutsch - mainfränkische Siedlerbewegung der Linie Bamberg - Meißen - Dresden. Letztere unterteilte Frings zusätzlich in einen mainisch - norderzgebiergischen, einen naab - egerländischen und einen niederöstereichischen Zug. „Aus der Tatsache, daß auf den Dialektkarten in bestimmten Gebieten gestaffelte Lautgrenzen erkennbar sind, folgerte Frings, hier müsse eine sprachliche Auseinandersetzung von Siedlern aus diversen Herkunftsgebieten stattgefunden haben."7 Durch die Mischung dieser Siedlerströme im ostmitteldeutschen Raum, begünstigt durch die starke Position der Wettiner, sei es um dessen Zentrum Meißen herum zu einer kolonialen Ausgleichssprache der Siedler gekommen.

Nach Frings entwickelte sich aus der gesprochenen kolonialen Ausgleichssprache des 12./13. Jahrhunderts eine schriftliche Geschäftssprache im ausgehenden Mittelalter. Mündliche Verkehrssprache und schriftliche Geschäftssprache müßten zusammengehörig gedacht werden und seien ständig aufeinander bezogen8. Im Gegensatz zur Ausgleichssprache, die Angelegenheit der bäuerlichen Siedler gewesen sei, waren die mündliche Verkehrs- und die schriftliche Geschäftssprache eher Sache der Kanzleien und Urkunden, der gebildeten Schreiber, die zumeist in den Städten ansässig waren. In der Stadt der frühen Neuzeit habe sich wiederum eine Umgangssprache herausgebildet, die auf der Grundlage dieser Schriftsprache basiere. Im Zusammenspiel von Ausgleichssprache, Verkehrs- und Geschäftssprache habe sich eine neue Einheit in der Sprache herausgebildet. Frings Thesen beruhen auf der Annahme, daß in der spätmittelalterlichen Geschäfts- und Verkehrssprache bereits eine Auswahl aus dem Sprachgut getroffen wurde, die wesentliche Merkmale des Neuhochdeutschen bereits enthielt.

In einem weiteren Schritt dieser Entwicklung habe sich dann Luther für das Meißnische entschieden, und somit zu dessen Verbreitung und einem weiteren Prestigegewinn beigetragen. Luther sei aber nicht der Schöpfer, das Deutsch seiner Bibel nicht die Grundlage der deutschen Schrift- und Hochsprache gewesen, sondern vielmehr sei er ein Glied in einer Kette9, deren Beginn die Mündlichkeit für sich beanspruchen könne.

Bei seinen Untersuchungen konzentrierte Frings sich auf Laute und Formen. Schriftsprache sei vor allem „Einheit im Gerüst, in den Lauten, auch Buchstaben, in den Formen, ein geschichtlich gewordenes, in sich geschlossenes, lautliches und flexivisches Gefüge. Alles andere, Wörter und Satzbildung, ist beweglicher Zusatz."10

3. Kritik

Die Einwände gegen die Theorie von Theodor Frings richten sich vor allem gegen die Grundlagen, auf denen seine Thesen basieren. Er selbst wollte seine Theorie „nur als `Balkenwerk' für zukünftige Arbeiten verstanden wissen."11 Tatsächlich aber ist kaum ein von ihm als zentral verstandener Punkt nicht in Frage gestellt worden.

3.1. Grundlegende Probleme mit der Theorie Frings

Schon bezüglich der von Theodor Frings angewandten Methode wird darauf hingewiesen, daß die Auswahl der untersuchten Paradigmen „zu punktförmig und nicht zahlreich genug"12 seien. Je mehr Wörter dergestalt zugrunde gelegt würden, desto kleiner werde das von Frings gekennzeichnete Gebiet.13 Doch geht es bei der Frage nach den zugrunde liegenden Maßstäben nicht nur um eine rein repräsentative Anzahl. Darüber hinaus „weist die meißnische Mundart wie auch das gesamte obersächsische Mundartgebiet ein ganzes System spezifischer Merkmale auf, die von der Literatursprache sehr weit entfernt sind."14 Es ist also durchaus anzunehmen, daß man mit anderem Untersuchungsmaterial zu divergenten Ergebnissen gekommen wäre.

Es ist zudem sicherlich fragwürdig, wie genau man von Mundartkarten des 19. Jahrhunderts auf lautliche Begebenheiten schließen kann, die über 500 Jahre zurückliegen, zumal auch Mundarten einem Wandel unterworfen sind, der nur schwer, und sicher nicht absolut eindeutig rekonstruiert werden kann.15

Frings beschränkte sich in seinen Untersuchungen auf Laute und Formen, ein Umstand, der durch die Aussparung wesentlicher Teilgebiete der Sprache das Bemühen um Vollständigkeit ignoriert. Durch die Vernachlässigung von Lexik, Syntax und Stil setzt Frings sich dem Vorwurf der Vereinfachung aus. „Nur in der Zusammenschau aller sprachlichen Kategorien sollten Aussagen über das Phänomen `neuhochdeutsche Schriftsprache' getroffen werden."16

Bezüglich der von Frings vorausgesetzten Siedlerströme und deren Mischung ergeben sich Probleme gleich in mehrerer Hinsicht. Zum einen sind nur selten genaue Aussagen über die mögliche Herkunft der Siedler zu machen. Zum anderen kann man bei möglichen Siedlerströmen kaum von der Homogenität ausgehen, wie sie Frings annimmt. „Den Weg nach Osten treten viele kleine Einzelzüge an, deren Stoßrichtungen sich nur bei grober Vereinfachung zusammenfassen lassen."17 Eine niederdeutsche Siedlerbahn hat sich auf Grund der Besiedelung zwischen Saale und Elbe schon vor der Hauptkolonisationszeit als nur wenig wahrscheinlich herausgestellt. Ein Umstand, der auch später von Frings akzeptiert wurde.18 Und auch wenn man somit von der Mischung einer mittleren und einer süddeutschen Siedlerbahn auszugehen hätte, so kann auch das nicht uneingeschränkt Geltung beanspruchen. Der oberdeutsche Einfluß ist weitaus stärker, als Frings das im ersten Entwurf seiner Theorie dargestellt hat. So habe sich die ostmitteldeutsche Sprachlandschaft bis in das 14. Jahrhundert „noch völlig passiv-rezeptiv dem Süden gegenüber"19 verhalten. Hierfür spricht auch die starke politische und kulturelle Orientierung der Wettiner in Richtung Süden. Einer Modifikation seiner Thesen in diesem Sinne durch Rudolf Große stimmte Frings aber später weitgehend zu.20 Darüber hinaus behauptet zum Beispiel Schützeichel, daß sich die Besonderheiten des von Frings bezeichneten Gebietes eher aus der zentralen Lage zwischen Oberdeutschem und Niederdeutschem Bereich ergeben.21

All dies spricht aber noch nicht gegen eine herausragende Bedeutung der meißnischen Sprachlandschaft für die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache. „Die Äußerungen zum Sprachvorbild des Meißnischen übertreffen nicht nur in der Größenordnung, der zeitlichen und räumlichen Ausbreitung, sondern auch dem Reflexionsgrad nach die vergleichbaren Hinweise auf das sprachliche Vorbild der anderen Dialektgebiete."22 Es ist aber darauf hinzuweisen, daß das Lob des Meißnischen maßgeblich mit der Schriftlichkeit in Verbindung steht.23 Auch wenn an der starken Position des Meißnischen insgesamt kaum gezweifelt wird, so ist kaum mehr davon auszugehen, daß die Grundlage des Neuhochdeutschen an einem Ort lokalisiert werden könnte. Vielmehr geht man in der neueren Forschung von „Mischungs- und Ausgleichsvorgängen zwischen verschiedenen, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität beteiligten Schreiblandschaften"24 aus. Von der Suche nach einer singulären landschaftlichen Wiege der neuhochdeutschen Schriftsprache sei also abzusehen.25

Frings Annahme eines traditionslosen Ostens und die von ihm anvisierte Zeit haben sich ebenfalls als problematisch herausgestellt. Zum einen kann man annehmen, daß zumindest partiell die Tradition des Altlandes übernommen wurde. Andererseits unterstand das Gebiet auch schon vorher deutscher Verwaltung.26 Bezüglich des zeitlichen Rahmens ist mittlerweile eher davon auszugehen, daß überregionale Ausgleichsprozesse nicht zwischen dem 11. bis 13 Jahrhundert, sondern eher im 15./16. Jahrhundert anzusiedeln sind. Dies korrespondiert mit der These, daß die entscheidenden Ausgleichsentwicklungen nicht auf mündlicher, sondern auf schriftlicher Ebene stattfanden.

3.2. Das Primat der Mündlichkeit

Die von Theodor Frings aufgestellten Thesen greifen vielschichtig ineinander, stützen oder erklären sich gegenseitig. Ein immer wiederkehrender Kernpunkt ist das Primat der Mündlichkeit. Ein sprachlicher Ausgleich auf Mundartebene habe über eine mündlichen Verkehrs- und eine schriftlichen Geschäftssprache zu einer obersächsischen Umgangssprache geführt. Die herausragende Position der Siedler und ihrer Mundarten beschreibt eine der gewagtesten und kritikwürdigsten Thesen Frings. Die Forschung hat darauf umfassend reagiert, und mittlerweile wird die Beteiligung der Bauern an einem überregionalen Ausgleich als gering erachtet, der Einfluß der Volkssprache auf die Schriftlichkeit als höchstens mittelbar beurteilt.

Ein erstes Problem auf diesem Gebiet wirft wieder die Untersuchungsmethode auf. Neben den auf Mundartkarten des ausgehenden 19. Jahrhunderts basierenden Rückschlüssen auf frühneuhochdeutsche Lautungen, die zumindest als vage zu bezeichnen sind, verbliebe noch die Möglichkeit, von Zeugenprotokollen auf die entsprechenden gesprochenen Varianten zu schließen. Doch auch dies erweist sich als schwierig. Auch wenn angenommen wird, daß die Wechselwirkungen zwischen gesprochener und geschriebener Sprache in frühneuhochdeutscher Zeit noch weitaus enger waren, so kann man „keine generellen Aussagen über die ungebrochene Reflexion der gesprochenen durch die geschriebene Sprache"27 machen. Das „Verhältnis von geschriebenem und gesprochenem Deutsch in frnhd. Sprachperiode ist bisher nur unzureichend beantwortet worden"28 .

Für die Theorie Frings ergibt sich aus diesem Problem aber ein anderes Dilemma. Wenn das Verhältnis von gesprochener und geschriebener Sprache als weitestgehend unklar bezeichnet werden muß, dann bleiben auf dem Weg von der Mundart zur Schriftsprache Erklärungsdefizite. Tatsächlich bleibt bei Frings „das Verhältnis zwischen geschriebener und gesprochener Sprache [...] unklar"29 . Die sprachinternen Bedingungen dieses sicher problematischen Wechsels werden bei Frings nicht erklärt30 . Ein wie auch immer gearteter Weg von unten nach oben setzt aber voraus, daß eine Möglichkeit, wie auch der Wille zur Adaption der Mündlichkeit durch die Schriftlichkeit existieren muß.

Die erheblich eingeschränkte Möglichkeit ergibt sich schon aus der Unterschiedlichkeit dieser zwei Sprachsysteme. Einer Fülle von Lautrealisierungen steht eine beschränkte Zahl an schriftlichen Zeichen gegenüber. Und auch, wenn eine Übertragung vom Phonem zum Graphem gewissen Gesetzmäßigkeiten folgt, so bedeutet dies doch immer ein gewisses Maß an Ungenauigkeit und Beschränkung. Selbst „in der niedrigsten Sprachschicht verkörpern lebendige Mundarten und schriftliche Dokumentationen zwei inkongruente Ebenen"31 , deren Verhältnis kaum als linear verstanden werden kann.

Auch wenn die Mundart als konstitutives Element der Schriftsprache in frühneuhochdeutscher Zeit gelten darf, so stellt sich doch die Frage, in welchem Maße dies realisiert wird, inwieweit es zu der Behauptung berechtigt, es führe ein direkter Weg von den Mundarten zur Schriftlichkeit. Selbst der Schriftdialekt, eine Instanz zwischen der Mundart und der überregionalen Schreibsprache, dokumentiert keinen geschriebenen Dialekt. „Schriftdialekte spiegeln nämlich niemals primäre Dialektmerkmale wider. Mit dem Medium Schrift wird die Produktion einer gehobenen Sprache intendiert"32 . Vielmehr ist davon auszugehen, daß sich Schriftlichkeit nicht selten in Opposition zur Mundart konstituierte und bewußt eine klare Distanz zum örtlichen mundartlichen Sprachusus wahrte. „Es läßt sich nachweisen, wie die Kanzleien sukzessive mundartlich-regionale Schreibgepflogenheiten aufgeben."33

Darüber hinaus ist zu bedenken, daß ein sprachlicher Ausgleich in dem von Frings anvisierten Ausmaß kaum auf der Ebene der Mündlichkeit stattfinden konnte. Schriftsprache sucht den überregionalen Ausgleich, vermeidet nicht selten lokale sprechsprachliche Gegebenheiten. Auf dem Wege zur kolonialen Ausgleichssprache ergibt sich das Problem, daß sich in relativ kurzer Zeit ein sprachlicher Ausgleich auf mündlicher Ebene entwickelt haben müßte, der bei der Größe des betreffenden Gebietes und der mangelnden Mobilität der bäuerlichen Siedler als unwahrscheinlich gelten muß. Glaubwürdiger erscheint da schon die These, ein sprachlicher Ausgleich auf Siedlerebene habe sich in vielen kleinen Mundartzentren vollzogen.34 Der Weg zu einem wirklich überregionalen Ausgleich auf der Basis der Mündlichkeit wäre so aber nur schwer zu beweisen. Zumal auch nicht vernachlässigt werden darf, daß Kanzleischreiber nicht selten aus anderen Gebieten stammten, die auch nicht mit den Herkunftsgebieten der Siedler identisch sein müssen. Gleichsam hat sich in späteren Untersuchungen zur Urkundensprache gezeigt, daß „sich zu der besagten Zeit in dem von Th. Frings angegebenen Raum [...] in der Kanzleisprache ein überregionaler Schreibusus entwickelt hat."35

Wenn man den Mundarten einen Ausgleich in mehreren kleinen Kerngebieten zugesteht, etwaige Wechselwirkungen ebenfalls nicht ausschließen kann, so kann man einen zumindest mittelbaren Einfluß der Mündlichkeit auf die Schriftlichkeit nicht rundweg ablehnen. Gleichsam aber darf man diesen Einfluß nicht überschätzen. Schriftlichkeit und Mündlichkeit sind zwei verschiedene Dokumentationen von Sprache, deren Wechselwirkungen sicherlich gegeben, aber alles andere als eindeutig geklärt sind. Ein aber tatsächlich überregionaler Sprachausgleich ist eher im Bereich der Schreibsprachen zu suchen. Die Schriftsprache ist nicht Abbild der Mündlichkeit, sondern unterliegt eigenen Gesetzmäßigkeiten36 , die nicht zuletzt viel mit einer größeren Reichweite zu tun haben. „Überregionale Schreibsprachen sind das Ergebnis von Ausgleichsprozessen zwischen den einzelnen Kanzleien."37

Nimmt man einen weiteren zeitlichen Rahmen zur Grundlage, so wird ein ehedem vager Zusammenhang zwischen geschriebener und gesprochener Sprache im folgenden noch fraglicher. Man kann bei den Schriftdialekten des 16. Jahrhunderts von einer beginnenden gegenseitigen Beeinflussung ausgehen. Der Einfuß von Systematisierung und Grammatikalisierung ist unter Einschränkungen bereits im 15. Jahrhundert anzusiedeln. Die buchstabengetreue Aussprache wurde von Grammatikern des 16. Jahrhunderts proklamiert.38 All dies spricht ebenfalls dafür, daß zum einen die Grundlage standardisierter Aussprache und ein überregionaler Sprachausgleich eher im 15./16. Jahrhundert anzusiedeln sind, zum anderen, daß diese Entwicklung auf schriftlicher Ebene realisiert wurde.

4. Schlußbemerkung

Die Theorie von Theodor Frings gilt in ihren Grundthesen als widerlegt39 . Neue Erkenntnisse und neue methodische Ansätze oder Prioritäten haben seither ein anderes Bild von den Grundlagen einer Entwicklung zur neuhochdeutschen Schriftsprache entworfen. Dennoch aber wäre es zu einfach zu sagen, daß damit dieser Ansatz auch aus der Diskussion wäre.

Tatsächlich hat sich Frings in vielem geirrt. Die Siedlerströme sind nicht nachgewiesen, das Neuland war kaum so traditionslos, wie behauptet, und selbst eine der ersten Thesen, die Entstehung einer kolonialen Ausgleichssprache gilt in der von Frings anvisierten Zeit und in der mündlichen Variante als unwahrscheinlich. Was das Primat der Mündlichkeit anbelangt, so bleibt unter Vorbehalt kaum mehr, als ein mittelbarer Einfluß auf regionale Schreibdialekte. Wechselwirkungen nicht ausschließend, hat man eher von einem umgekehrten Weg von oben nach unten auszugehen. Und letztlich spielt Meißen sicher eine herausragende Rolle, kann aber für die Erklärung eines so komplexen Vorganges, wie der Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache kaum allein herangezogen werden.

Somit kann man sagen, daß Theodor Frings Erklärungsmodell, sein Diskussionsbeitrag zur Frage nach der Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache in seiner Gesamtheit durchaus gescheitert ist. Dennoch bedeutet die Beschäftigung mit seinen Thesen keinen historischen Selbstzweck. Vielmehr hat er einen beachtlichen Teilbeitrag geleistet, den Blickwinkel um mögliche Methoden und Erklärungen erweitert.

So wie seine Beschränkung auf Laute und Formen der Gesamtentwicklung sicher nicht gerecht werden konnte, so kann eine Diskussion um die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache ohne seine sprachgeographischen Ansätze keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

Die Frage nach dem Einfluß der Mündlichkeit auf einen überregionalen, schreibsprachlichen Standard wird auch weiterhin nahezu ausschließlich in Wahrscheinlichkeiten gehandelt. Eine befriedigende Theorie über das Verhältnis von gesprochener und geschriebener Sprache fehlt.40 Daß ein Einfluß der Mündlichkeit auf die Schriftlichkeit existiert, daß es Wechselwirkungen gibt, steht außer Frage. Einig ist man sich, daß Theodor Frings diesen Einfluß überschätzte, offen aber ist weiterhin der Umfang und die Funktionsweise, nach welcher dieser Einfluß funktioniert.

5. Literaturverzeichnis

Bach, Heinrich: Die Entstehung der deutschen Hochsprache im Frühneuhochdeutschen. In: Zeitschrift für Mundartforschung. (23). 1955.

Besch, Werner: Die Entstehung der deutschen Schriftsprache. Bisherige Erklärungsmodelle - neuester Forschungsstand. Opladen 1987.

Bremer, Ernst: Zum Verhältnis von geschriebener und gesprochener Sprache im

Frühneuhochdeutschen. In: Sprachgeschichte: ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Hrsg. von Werner Besch u.a. 2. Halbband. Berlin/New York 1985.

Elst, Gaston van der: Siedlungsbewegung und Sprachentwicklung im ostmitteldeutschen

Raum. In: Sprachgeschichte: ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Hrsg. von Werner Besch u.a. 2. Halbband. Berlin/New York 1985.

Elst, Gaston van der: Aspekte zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache. Erlangen 1987.

Frings, Theodor: Sprache und Siedlung im mitteldeutschen Osten. Leipzig 1932.

Frings, Theodor: Sprache und Geschichte II. Hrsg. von Frings, Theodor und Karl Bischoff. Halle 1956.

Frings, Theodor: Sprache und Geschichte III. Hrsg. von Frings, Theodor und Karl Bischoff. Halle 1956.

Guchmann, , Mirra M.: Der Weg zur deutschen Nationalsprache. In: Klaus-Peter Wegera (Hrsg.): Zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache. Eine Dokumentation von Forschungsthesen. Tübingen 1986.

Hartweg, Frédéric und Klaus-Peter Wegera: Frühneuhochdeutsch. Eine Einführung in die deutsche Sprache des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit. Tübingen 1989.

Josten, Dirk: Sprachvorbild und Sprachnorm im Urteil des 16. und 17. Jahrhunderts.

Sprachlandschaftliche Prioritäten; Sprachautoritäten; sprachimmanente Argumentation. Frankfurt/Bern 1976.

Kriegesmann, Ulrich: Die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache im Widerstreit der Theorien. Frankfurt/Bern/New York/Paris 1990.

Mitzka, Walther: Kleine Schriften zur Sprachgeschichte und Sprachgeographie. Berlin 1968.

Polenz, Peter von: Altes und Neues zum Streit über das meißnische Deutsch. In:

Kontroversen, alte und neue. Hrsg. von Schöne, Albrecht. Bd. 4 (hrsg. von Peter von Polenz u.a.) Tübingen 1986.

Schützeichel, Rudolf: Zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache. In: Klaus-Peter Wegera (Hrsg.): Zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache. Eine Dokumentation von Forschungsthesen. Tübingen 1986.

Stopp, Hugo: Schreibsprachwandel. Schriften der Philosophischen Fachbereiche der

Universität Augsburg. Hrsg. von Josef Becker und Rolf Bergmann. Nr. 6. München 1976.

Wegera, Klaus-Peter: Zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache. Eine Dokumentation von Forschungsthesen. Tübingen 1986.

[...]


1 Kriegesmann, Ulrich: Die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache im Widerstreit der Theorien. Frankfurt/Bern/New York/Paris 1990. S. 1.

2 Elst, Gaston van der: Aspekte zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache. Erlangen 1987. S.42.

3 Frings, Theodor: Sprache und Siedlung im mitteldeutschen Osten. Leipzig 1932. S. 32.

4 Besch, Werner: Die Entstehung der deutschen Schriftsprache. Bisherige Erklärungsmodelle - neuester Forschungsstand. Opladen 1987. S. 18.

5 Frings, Theodor: Sprache und Geschichte III. (Mitteldeutsche Studien). Halle 1956. S. 9.

6 ebd. S. 5.

7 Elst, Gaston van der: Siedlerbewegung und Sprachentwicklung im ostmitteldeutschen Raum. In: Sprachgeschichte: ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Hrsg. von Werner Besch u.a. 2. Halbband. Berlin/New York 1985. S. 1390.

8 vgl. Frings III . S.5.

9 vgl. Frings, Theodor: Sprache und Geschichte II. (Mitteldeutsche Studien). Halle 1956. S. 2.

10 Frings III. S. 8.

11 Hartweg, Frédéric und Klaus-Peter Wegera: Frühneuhochdeutsch. Eine Einführung in die deutsche Sprache des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit. Tübingen 1989. S. 41.

12 Kriegesmann: S. 142.

13 Stopp, Hugo: Schreibsprachwandel. Zur großräumigen Untersuchung frühneuhochdeutscher Schriftlichkeit. München 1976. S. 67.

14 Guchmann, Mirra M.: Der Weg zur deutschen Nationalsprache. In: Klaus-Peter Wegera (Hrsg.): Zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache. Eine Dokumentation von Forschungsthesen. Tübingen 1986. S. 203.

15 Mitzka, Walther: Kleine Schriften zur Sprachgeschichte und Sprachgeographie. Berlin 1968. S. 128.

16 Kriegesmann. S. 143 ff.

17 ebd. S. 140 ff.

18 Elst (1987). S. 50 ff.

19 Bach, Heinrich: Die Entstehung der deutschen Hochsprache im Frühneuhochdeutschen. In: Zeitschrift für Mundartforschung. 23. S. 196.

20 vgl. Hartweg/Wegera. S.42.

21 Schützeichel, Rudolf: Zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache. In: Klaus- Peter Wegera (Hrsg.): Zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache. Eine Dokumentation von Forschungsthesen. Tübingen 1986. S. 218 ff.

22 Josten, Dirk: Sprachvorbild und Sprachnorm im Urteil des 16. und 17. Jahrhunderts. Sprachlandschaftliche Prioritäten; Sprachautoritäten; Sprachimmanente Argumentation. Frankfurt/Bern 1976. S. 19.

23 Polenz, Peter von: Altes und Neues zum Streit über das meißnische Deutsch. In: Kontroversen, alte und neue. Hrsg. von Albrecht Schöne. Tübingen 1986. S. 183 - 202.

24 Hartweg/Wegera. S. 44.

25 vgl. Stopp. S. 67.ff

26 vgl. Kriegesmann. S. 128.

27 ebd. S. 243.

28 Bremer, Edeutschen. In: Sprachgeschichte: ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und irnst: Zum Verhältnis von geschriebener und gesprochener Sprache im Frühneuhochhrer Erforschung. Hrsg. von Werner Besch u.a. 2. Halbband. Berlin/New York 1985. S. 1379.

29 Elst (1987). S. 64.

30 Kriegesmann. S. 150.

31 ebd. S. 244.

32 ebd. S. 83.

33 ebd. S. 145.

34 vgl. ebd. S. 141.

35 Elst (1987). 64.

36 vgl. Hartweg/Wegera. S. 44.

37 Kriegesmann. S. 145.

38 vgl. ebd. S. 246.

39 vgl. ebd. S. 148.

40 vgl. Bremer S. 1379 ff.

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Details

Titel
Theodor Frings Theorie zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache und das Primat der Mündlichkeit
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Autor
Jahr
1999
Seiten
14
Katalognummer
V97423
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theodor, Frings, Theorie, Entstehung, Schriftsprache, Primat, Mündlichkeit
Arbeit zitieren
Nils Niermann (Autor), 1999, Theodor Frings Theorie zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache und das Primat der Mündlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97423

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