Naturerfahrung und Desillusionierung. Zur Rolle der Landschaft in Senancours Obermann


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

29 Seiten, Note: 2+


Leseprobe

Inhaltsangabe

Einleitung

1. Spuren des zeitgenössischen Naturgefühls in der Schilderung der Schweizer Landschaft

2. Obermann: Das Glück, die Gesellschaft und die Natur

3. Naturerfahrung und Desillusionierung

4. Landschaftsbilder

5. Bemerkungen zu Rezeption und Deutung Zum Ende

Bibliographie

Einleitung

Naturerfahrung und Desillusionierung ist der Titel unserer Untersuchung, in der wir auf die Rolle der Landschaftsrezeption in Senancours Obermann eingehen möchten. In diesem Buch, das als das Hauptwerk Senancours angesehen wird, bereist der Protagonist die Schweiz auf der Suche nach einem ihm und seinen Vorstellungen gemäßen Leben. Bei seinem ersten Aufenthalt ein früher Alpentourist, wird er sich später entscheiden, im Berner Oberland sesshaft zu werden, was seine Naturerfahrung grundlegend verändert.

Diese Arbeit wird sich ihrer Fragestellung in vier Kapiteln nähern: Wir beginnen, anhand der im Text gegebenen Informationen, mit einer Art Bestandsaufnahme. Wie wird die Natur zu Obermanns Zeit allgemein rezipiert? Ist er bei seinen Wanderungen ein Vorreiter, oder fügt er sich in bereits bestehende Zeitströmungen ein?

Das zweite Kapitel widmet sich Obermanns Gedankenwelt: Was sind seine Ideale, gegen was geht er an, und inwiefern findet er in den Schweizer Alpen ein Vorbild für ein Leben nach seinen Anschauungen?

Im dritten Kapitel geht es um die Naturerfahrung Obermanns. Wie nimmt er die Natur wahr, welchen Stellenwert nimmt sie für ihn ein? Wie verändert sich seine Rezeption der Alpenwelt im Verlauf des Buches?

Das vierte Kapitel dient der Betrachtung der Landschaftsbeschreibung. Es wird untersucht, wie Senancour mit den landschaftsästhetischen Paradigmen seiner Zeit verfährt; weiterhin, ob sie ihm zur Beschreibung des Protagonisten genügen und ob er über sie hinausgeht.

Es ist bekannt, dass Obermann ein großer Unbekannter geblieben ist. Zu Lebzeiten wenig erfolgreich, wurde er zwar ab und an wiederentdeckt, nimmt aber gemeinhin keinen großen Platz in der Literaturgeschichtsschreibung ein. Im vierten Kapitel möchten wir der Frage nachgehen, warum dieses Frühwerk Senancours bei seinem Erscheinen gänzlich unbemerkt blieb und erst dreißig Jahre später, noch zu Lebzeiten des Autors, neue Popularität erlebte. Des weiteren versuchen wir eine Deutung des Obermann. Was sind die Gründe seiner Flucht in die Natur, welche Rolle spielt der gesellschaftliche Kontext?

Über weite Strecken unserer Untersuchung hinweg werden wir so textnah wie möglich arbeiten. Da der Obermann relativ handlungsarm ist, werden wir um so mehr

Stellungnahmen des Protagonisten zitieren müssen. Wir bitten den Leser hierfür um Verständnis.

1. Spuren des zeitgenössischen Naturgefühls in der Schilderung der Schweizer Landschaft

„Depuis mes courses au Forez, j’ai pris l’usage d’aller à pied si la campagne est intéressante”[1] schreibt Obermann in seinem zweiten Brief. Er gibt zu, dass man ihn deshalb in den Herbergen anfangs kühler empfängt, doch

il ne faut que quelques minutes à un aubergiste qui sait son métier, pour s’apercevoir que, s’il y a de la poussière sur les souliers, il n’y a pas de paquet sur l’épaule, et qu’ainsi l’on peut être en état de le faire gagner assez pour qu’il ôte son chapeau d’une certaine manière. Vous verrez bientôt les servantes vous dire tout comme à un autre: Monsieur a-t-il déjà donné ses ordres?[2]

Diese Stelle zeigt, dass der „kontemplative Alpentourismus“ zu Obermanns Zeit bereits begonnen hat. Man reist zwar standesgemäß weiterhin mit der Kutsche, steigt aber aus, wenn sich die Landschaft als betrachtenswert erweist. Die Natur, zuvor nur eine lästige Strecke, die es zurückzulegen galt, hat in den Augen einer gebildeten Oberschicht ästhetische Qualität gewonnen. Doch wie sich an der zitierten Stelle ebenfalls zeigt, ist diese Art des Reisens den Schweizern noch nicht allzu vertraut, denn zu Beginn schwingt Misstrauen über die merkwürdigen Sitten der Besucher mit.

Das gleiche ästhetische Bedürfnis findet sich bei der Suche nach einem Quartier: In der Nähe von Saint-Maurice macht Obermann die Bekanntschaft eines Dorfbewohners, der ihm anbietet, bei ihm zu wohnen. Obermann lehnt ab: „Mais je voulais une situation pittoresque, et une maison où je fusse seul.”[3] Auch hier ist zu bemerken, dass sich die Anforderungen geändert haben: Der Sicherheit der Dorfgemeinschaft, den Annehmlichkeiten einer guten Herberge wird die malerische Lage vorgezogen. Nicht der Kultur, sondern einem bestimmten, verklärten Bild der Natur gibt der Reisende den Vorzug. Was hier anklingt, spricht Obermann ein paar Seiten weiter explizit aus, als er von einer Wanderung auf der Dent du Midi erzählt:

Alors je renvoyai mon guide, je m’essayai avec mes propres forces; je voulais que rien de mercenaire n’altérât cette liberté alpestre, et que nul homme de la plaine n’affaiblît l’austérité d’une région sauvage. Je sentis s’aggrandir mon être ainsi livré seul aux obstacles et aux dangers d’une nature difficile, loin des entraves factices et de l’industrieuse oppression des hommes.[4]

„Rien de mercenaire“: Diese Worte Obermanns, unverkennbar zivilisationskritisch, gehen vermutlich schon weit über das ästhetische Zeitempfinden hinaus. Hier spricht er im Sinne Rousseaus, als dessen Anhänger man ihn zumindest zu Anfang des Buches bezeichnen könnte. Die „région sauvage” ist frei und ernst, und man könnte die Begriffe pur und erhaben hinzufügen, ohne den Tenor dieser Passage zu verändern. Hier kommt das allgemeine Zeitempfinden zutage: Der ästhetische Genuss einer unberührten, erhabenen Natur als Gegenpol zur Zivilisation der Städte im Zuge der Empfindsamkeit.

Im Brief LIX berichtet Obermann von einem Picknick im Freien. Man hat eine Aushöhlung in einem Felsen unterhalb des Chateau de Chupru gefunden, vermutlich ein alter Steinbruch, und richtet dort die Tafel für eine kleine Gesellschaft:

Le secret fut gardé, et nous conduisîmes nos hôtes, chargés de fraises, dans ce réduit sauvage qu’ils ne connaissaient pas. Les femmes parurent flattées de trouver les agrémens d’une simplicité délicate au milieu d’une scène de terreur. Des branches de pin étaitent allumées dans un angle du roc suspendu sur un précipice que les branches avancées des hêtres rendaient moins effrayant.[5]

Der Kaffee wird bei diesem Picknick aus eleganten Porzellantassen getrunken, die Natur wird zur Kulisse für die vermutlich adlige Gesellschaft (die meisten Personen, die Obermann namentlich erwähnt, tragen einen Adelstitel). Dem Ganzen haftet etwas Künstliches an, etwas Modisches, und man könnte sich denken, dass Senancour nicht ohne Ironie seinen Protagonisten an dieser trivialen Spielart des Zeitempfindens teilnehmen lässt. Dieser jedenfalls fühlt sich nicht wohl, denn seine Wünsche zielen unter diese Oberfläche:

Aujourd’hui le site était trop beau. Notre salle pittoresque, notre foyer rustique, un goûter de fruits et de crème, notre intimité momentanée, le chant de quelques oiseaux, et le vent qui à tout moment jetait dans nos tasses des feuilles de sapin, c’était assez; mais le torrent dans l’ombre, et les bruits éloignés de la montagne, c’était beaucoup trop: j’était le seul qui l’entendît.[6]

Interessant, wie klar Senancour diese Periode unterteilt: Vor dem Semikolon die konventionellen Elemente, die malerische Szene, der Gesang der Vögel, die Gesellschaft, dahinter aber die Geräusche der Berge, deren Verursacher unsichtbar bleiben und die gerade dadurch erhaben wirken. Diese Stelle verdeutlicht, wo das Zeitempfinden und Obermanns persönliches Empfinden auseinander gehen.

Kommen wir noch einmal auf die Bewohner der Schweizer Alpen zurück: Es wurde bereits angemerkt, dass sie dem wandernden Adligen mit Misstrauen und Verwunderung gegenüberstehen. An einer Stelle in Brief LXIV heißt es:

Les uns me prennent pour un homme dont quelque amour a un peu dérangé la tête, d’autres soutiennent que je suis un Anglais qui a le spleen […] Le mal gagne ; et pour les gens de la côte, je crois qu’ils se moqueraient de moi si je n’avais pas d’argent: heureusement je passe pour fort riche. L’aubergiste veut absolument me dire Milord ; et je suis très respecté. Riche étranger, ou milord, sont synonymes.[7]

Bemerkenswert, mit welch feiner Ironie Senancour hier den Unterschied zwischen Touristen und der Landbevölkerung zeichnet. Einerseits wird der naturbegeisterte Reisende, der sich keineswegs standesgemäß verhält, ironisiert; auf der anderen Seite wird der Pragmatismus der Dorfbewohner, der keineswegs dem rousseauschen Idealbild entspricht, entblößt. Obermann, so wird sich zeigen, steht zwischen den Fronten, er ist weder der Engländer mit dem Spleen noch ein Landbewohner. Gegen Ende des Buches wird er Partei ergreifen, was nicht unwesentlich zu seiner Desillusionierung beiträgt.

Obermann, so hat sich gezeigt, steht in einem zeitlichen Kontext. Der beginnende Alpentourismus, das empfindsame Naturgefühl der Zeit und der Wunsch nach einem Gegenpol zur städtischen Kultur sind im Buch präsent, und Obermann wird zumindest zu Beginn von diesem Zeitgeist getragen. Als sensibilisierter Mensch, dem ein oberflächlicher Genuss der Natur nicht genügt, sticht er aus dem Mittelmaß der Reisenden heraus; er wird versuchen, den rein ästhetischen Anschein zu durchbrechen und sozusagen die Versprechen dieses Naturbildes wahr zu machen. Wohin dieser Weg führt, wird sich im Verlaufe dieser Untersuchung zeigen.

2. Obermann: Das Glück, die Gesellschaft und die Natur

„[J]e ne veux que la vie des peuples bons, ma paix dans la paix de tous“[8] heißt es im vierten Brief Obermanns, und ein paar Sätze weiter: „Je ne désire, je ne cherche, je n’imagine hors de la nature.“[9] In der Tat sind in Obermanns Denken das Glück, die Natur und die Gesellschaft fest miteinander verbunden. Auf eine kurze Formel gebracht, könnte man sagen, dass er sich eine Gesellschaft wünscht, die im Einklang mit der Natur lebt, die Motivationen ihres Handelns aus der natürlichen Notwendigkeit zieht und dieses Leben als Glück erfährt. Ein vormoderner Traum rousseauscher Prägung also, und es ist womöglich kein Zufall, dass Senancour sein Werk am Genfer See beginnen lässt. Doch schauen wir uns das Ganze genauer an:

Auffällig ist die Ablehnung systematischen Denkens, die Obermann an einigen Stellen äußert und die nebenbei bemerkt auch den Aufbau dieses Romans charakterisiert. Obermanns Entwicklung ist keine lineare, und der Autor nimmt sich das Recht heraus, ihn im Verlaufe des Buches widersprüchlich argumentieren zu lassen. Im Kapitel LXXX kommt Obermann auf den Roman zu sprechen, den er zu schreiben gedenkt: „Quelle manière adopterai-je? Aucune. J’écrirai comme on parle, sans y songer; s’il faut faire autrement, je n’écrirai point.“[10] Schreiben ohne Attitüde also, ein Versuch der Wahrhaftigkeit durch Spontaneität, hinter dem der Zweifel an funktionierenden Systemen, ja am Denken selbst steckt :

Tout système général sur la nature des êtres et les lois du monde n’est jamais qu’une idée hasardée. Il se peut que quelques hommes aient cru à leurs songes ou aient voulu que les autres y crussent; mais c’est un charlatanisme ridicule ou un prodige d’entêtement. Pour moi, je ne sais que douter, et si je dis positivement : Tout est nécessaire, ou bien: Il est une force secrète qui se propose un but que quelquefois nous pouvons pressentir, je n’emploie ces expressions affirmatives que pour éviter de répéter sans cesse: Il me semble, je suppose, j’imagine.[11]

Es versteht sich beinahe von selbst, dass diese Zweifel an der Fähigkeit des Menschen zur Erkenntnis sich ebenfalls gegen die Naturwissenschaften richten. Er amüsiert sich über ihre Fehlbarkeit und fragt zugleich nach ihrem Sinn. Was bringt es uns, zu wissen? Und ist es nicht besser, das Unerkennbare anzuerkennen?

Ce qui est à la fois réel et mystérieux n’est-il pas ce qui nous avance le plus dans la profondeur des secrets de la nature? N’est-elle pas elle-même une perpétuelle expression d’évidence et de mystère, visible et impénétrable, calculable et infinie, prouvée et inconcevable, contenant tous les principes de l’être et toute la vanité des songes?[12]

[...]


[1] Senancour (1984), S. 66

[2] ebd., S.66f.

[3] ebd., S. 88

[4] ebd., S. 93

[5] Senancour (1984), S. 303f.

[6] ebd., S. 305

[7] Senancour (1984), S. 330

[8] Senancour (1984), S. 78

[9] ebd., S. 79

[10] ebd., S.401

[11] ebd., S. 408

[12] Senancour (1984), S. 253

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Naturerfahrung und Desillusionierung. Zur Rolle der Landschaft in Senancours Obermann
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Romanistisches Institut)
Veranstaltung
Landschaftsaesthetik und die Entdeckung des Erhabenen im 18. Jahrhundert.
Note
2+
Autor
Jahr
2002
Seiten
29
Katalognummer
V9743
ISBN (eBook)
9783638163620
ISBN (Buch)
9783640409570
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Naturerfahrung, Desillusionierung, Rolle, Landschaft, Senancours, Obermann, Landschaftsaesthetik, Entdeckung, Erhabenen, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Philipp Zechner (Autor), 2002, Naturerfahrung und Desillusionierung. Zur Rolle der Landschaft in Senancours Obermann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9743

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