Die Schule als Theater? Ein Goffmanscher Blick ins Klassenzimmer


Hausarbeit, 2020

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Goffmansche „Theatermodell“
2.1 Interaktion
2.2 Vorder- und Hinterbühne
2.3 Eindrucksmanagement
2.4 Rolle
2.5 Identität
2.6 Ausdruckskontrolle
2.7 Ist die Maske unser wahreres Selbst?

3. Was bedeutet das für die Lehrkraft?
3.1 Schüler-Lehrer-Interaktion
3.2 Die Schule als Theater?
3.3 Die Rolle der Lehrkraft
3.4 Die Identität der Lehrkraft

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frau'n und Männer bloße Spieler.

Sie treten auf und gehen wieder ab, sein Lebenlang spielt einer manche Rollen - William Shakespeare (1599)

„Natürlich ist nicht die ganze Welt eine Bühne, aber die entscheidenden Punkte, in denen sie es nicht ist, sind nicht leicht zu finden.“ - Erving Goffman (1959, S.67, zitiert nach Abels, 2010, S.190).

Wir inszenieren uns auf der Bühne des Lebens und jeder Mensch spielt hierbei eine Rolle. Davon ist der bekannte kanadische Soziologie Erving Goffman (1922-1982) überzeugt. Ihn interessierte, „wie Menschen in sozialen Situationen sich darstellen, sich wahrnehmen und ihre Handlungen koordinieren“ (Oswald, 1984, S. 211, zitiert nach Abels, 2007, S.348).

Er zählt mittlerweile zweifellos zu den soziologischen Klassikern. „Seine Zeitlosigkeit verdankt sich sicherlich seinem Gegenstand, der in gewisser Hinsicht selbst zeitlose Züge trägt“ (Knoblauch, 2009, S.9). In seinen Werken, die vor allem die Interaktionsanalyse zum Gegenstand haben, stellt er einen dramaturgischen Ansatz heraus. Er fragte, was geschieht, wenn zwei oder mehr Menschen sich in gemeinsamer Gegenwart befinden?

Bei dieser Frage kommen zuerst der Status, die Klassenzugehörigkeit oder andere „strukturelle“ Merkmale der Beteiligten in Betracht. Doch Goffman kommt es auf etwas anderes an. Er ist auf das „Regelwerk der Interaktion [aus], das nicht auf andere “strukturelle Faktoren“ zurückzuführen ist“ (ebd., S.9) und das sich in der „Kopräsenz“ zweier Menschen entfaltet.

Eine derartige Interaktion kann nun bspw. die zwischen Lehrerkräften und Schülern sowie Schülerinnen sein. Hierbei stellt der Unterricht den Rahmen der der Interaktion dar (Vgl. Willems & Eichholz, 2008, S.882). Besonders interessant sind die Aussagen Goffmans im Hinblick auf den Unterricht.

Dabei soll in dieser Arbeit der Schwerpunkt auf der Lehrkraft liegen und der zentralen Fragestellung nachgegangen werden, ob sich das Goffmansche Bühnenmodell auf den Unterricht übertragen lässt und welche Schlussfolgerungen sich davon auf die Lehrerrolle im 3 Unterricht ziehen lassen. Hierbei werden im Theorieteil der Begriff der Interaktion sowie weitere, für das Verständnis wichtige Bestandteile der Interaktion vorgesellt, um diese anschließend im zweiten Teil der Hausarbeit speziell auf das Unterrichtsgeschehen bzw. vor allem auf die Lehrkraft zu übertragen. Schließlich endet die Hausarbeit mit einem Fazit, in dem auf die eingangs gestellte Problemstellung eingegangen wird.

2. Das Goffmansche „Theatermodell“

In den folgenden Kapiteln werden die Grundbegriffe des Theatermodells nach Goffman näher erläutert.

Goffman nutzt die Terminologie der Theaterwelt für seine Untersuchungen gesellschaftlicher Funktionen. Gemäß Steinert (1977) weiß Goffman „viel genauer Bescheid über die Tricks im Handwerk des täglichen Lebens. Er schaut immer noch zu, aber er staunt nicht mehr. Er weiß, wie es gemacht wird, und das beschreibt er kühl und distanziert." (Steinert, S.84, zitiert nach Abels, 2017, S.325)

2.1 Interaktion

Die Interaktion kann nach Goffman (2009) als die gegenseitige Beeinflussung von Individuen untereinander auf ihre Handlungen während ihrer direkten physischen Präsenz gedeutet werden (S.18). Hier findet Interaktion in sozialen Situationen statt, das heißt, dass mindestens zwei Personen anwesend sind und diese aufeinander reagieren (Vgl. Goffman, 1994, S.55). Hier erweitert Goffman das gängige Konzept der Interaktion: Nicht erst dann, wenn Personen miteinander reden, interagieren sie, sondern schon bei ihrer gegenseitigen (Vgl. Goffman, 1982, S.43ff.).

Alle Menschen leben in einer Welt der sozialen Begegnungen (Vgl. Goffman , 1967, S. 5) und sind daher sehr häufig face-to-face Begegnungen1 ausgesetzt (Vgl. ebd.).2 Das Individuum möchte in jeder Interaktion ein gewisses Image (face) von sich erwecken, „die seine Beurteilung der Situation und dadurch seine Einschätzung der Teilnehmer, besonders seiner selbst, ausdrückt“ (Goffman, 1986, S.10), um bei den Interaktionspartnern einen gewünschten Eindruck herbeizuführen.

Das heißt, dass das Bild einer Person auch immer von anderen bestimmt wird (Vgl. Goffman, 1986, S.149). „Jeder pflegt sein eigenes Image, aber er arbeitet auch am Image des Anderen“ (Abels, 2012, S.413). Dieses Grundprinzip hat Erwin Goffman in seinem äußerst populären Buch „Wir alle spielen Theater“ (1967) in eine Theater-Terminologie übertragen, bei welcher die Kernthematik die Betrachtung ist, wie sich Menschen in einer Interaktion inszenieren und wie dadurch eine gegenseitige Beeinflussung erfolgt (Vgl. ebd., S.414).

Das Zusammenkommen von Personen, also die Interaktion, benennt er als Darstellung. Diese drückt die „Gesamttätigkeit eines bestimmten Teilnehmers an einer bestimmten Situation (...), die dazu dient, die anderen Teilnehmer in irgendeiner Weise zu beeinflussen“ aus (Goffman, 2009, S.18). Darüber hinaus gehören zu einem Darstellungsakt Darsteller bzw. Darstellerinnen, die eine bestimmte Rolle spielen, ihre Zuschauer, die darauf Reaktionen zeigen, und auch die Bühne, auf der die Interaktion von Statten geht. Wenn man einen bestimmten Interaktionspartner bzw. Interaktionspartnerin und seine Darstellung annimmt, kann man die übrigen Interaktionspartner als Zuschauer oder Publikum titulieren, die ihrerseits weitere Darstellungen erschließen (vgl. ebd.). Gleichzeitig sind beide Seiten Beobachter bzw. Beobachterin und Mitspieler bzw. Mitspielern und bei jeder Inszenierung zeichnet sich ein Teil des „Selbst“ nach, das heißt, dass in diesem Prozess Identität entwickelt wird (Vgl. Abels, 2012, S.414).

2.2 Vorder- und Hinterbühne

Nach Goffman (2009) wird die Bühne in die Vorder- und Hinterbühne gegliedert. Während auf der Vorderbühne die Darstellung stattfindet und einzelne Schauspieler und Schauspielerinnen vor dem Publikum auftreten, handelt es sich bei der Hinterbühne um eine Region, an der keine Zuschauer zugegen sind (Vgl. ebd., S.100ff.).

Im Bereich der Hinterbühne studieren die Darsteller eine Rolle ein, um diese dann vor dem Publikum, also auf der Vorderbühne, aufführen zu können (Vgl. Goffman 2011, S.217). Die Hinterbühne bietet dem Darsteller bzw. der Darstellerin daher die Chance, sich so vorzubereiten, dass sein bzw. ihr Selbst mit Erfolg auf der Vorderbühne inszeniert werden kann (Vgl. Knoblauch, 1994, S.18).

Im Bereich der Vorderbühne treten die Darsteller, während das Publikum anwesend ist, in Erscheinung und bieten dort die eingespielten Szenen (eingeübtes Rollenverhalten) dar, so dass ein Urteil über ihr Agieren aufgrund der darstellerischen Fähigkeiten gefällt wird (Vgl. Goffman, 2011, S.114). Dabei probiert der Darsteller bzw. die Darstellerin durch seine bzw. ihre Rolleninszenierung die Deutung der Situation unter Kontrolle zu bekommen, also eine gewisse Fassade aufrechtzuerhalten, indem dieser bzw. diese den gewünschten Eindruck zu vermitteln versucht. Das Publikum übernimmt den Gegenpart der Eindrucksvermittlung und überprüft, reflektiert und fällt ein Urteil über die Rolle des Darstellers bzw. der Darstellerin.

Zudem ist die Zugangskontrolle zwischen Vorderbühne und Hinterbühne nach Goffman (2002, S.217, zitiert nach Geise, 2011, S.135) wichtig: „Der Zugang zu diesen Regionen wird unter Kontrolle gehalten, um das Publikum daran zu hindern, hinter die Bühne zu schauen, und um Außenseiter davon fernzuhalten, eine Aufführung zu besuchen, die nicht für sie bestimmt ist.“

2.3 Eindrucksmanagement

Unsere Person ist nicht, was sich in uns befindet, sondern, was nach außen getragen wird. Dieses „nach außen tragen“ nennt Goffman face-work3 , „an dem, was andere interpretieren, in Eindrucksmanagement, nämlich im Umgang mit dem, was sie bereits interpretieren“ (Dellwing, 2014, S.73).

Face-work gestaltet sich als zweistufiger Prozess: Wir sind ständig mit bestehenden Unterstellungen anderer Personen konfrontiert, und „face-work“ ist der Prozess, in dem wir zum einen denken, wie das Bild über uns sein könnte, und zum anderen den Versuch unternehmen, einen Eindruck zu vermitteln, „der im Licht dieser bestehenden Eindrücke zu einer (Neu-)Interpretation unserer Person führen kann“ (Vgl. ebd., S.73). Eindrucksmanagement ist ein „Spiel mit Unterstellungen“ (Vgl. ebd., S.73), da man nicht wissen kann, wie uns andere wahrnehmen und interpretieren. So wird eine „Person“ konstruiert, die sich für alle sozialen Zwecke im Zwischenraum zwischen den Menschen befindet, um diese Unterstellungen zu verschieben.4

Indem man face-work betreibt, arbeitet man somit an diesem Bild, das andere von einem haben. Menschen unterstellen anderen Personen gewisse Gefühle, Eigenschaften, Ambitionen etc. und passen ihr Handeln dementsprechend an, weil das wahre Innere eines Menschen nicht sichtbar ist, sondern nur das, was nach außen beobachtbar ist. Das führt dazu, dass die Interaktionspartner die Situation definieren. „Sie geben Zeichen, welche Art von Situationen sie unterstellen, welche Identität sie sich unterstellen, welche Identität sie anderen unterstellen“ (Dellwing, 2014, S.74).

Daher bildet sich je nach Definition der Situation ein anderes vorausgesagtes (und tatsächliches) Verhalten heraus. Durch die äußerliche Erscheinung, wie bspw. der Kleidungsstil, sowie verbale und nonverbale Kommunikation können Informationen vermittelt werden. So versucht der Darsteller bzw. Darstellerin die jeweilige Definition der Situation durch sein Ausdrucksverhalten in eine von ihm gewollte Richtung zu leiten, während der Zuschauer Teil einer wahren Aufführung sein möchte und daher die Schauspieldarbietung auf Echtheit überprüft.

Nach Mummendey (1995) spielt sich „die Erzeugung, Entwicklung und Überprüfung des zu hinterlassenden Eindrucks“ auf der Hinterbühne ab. Der Zuschauer bzw. die Zuschauerin hat zu ihr keinen Zugang. Der Schauspieler bzw. die Schauspielerin versucht, seine bzw. ihre Vorstellung von sich selbst und das Bild, das er bzw. sie an das Publikum von sich vermitteln möchte, in Einklang zu bringen (Vgl. S.118f.).

2.4 Rolle

Bei Goffman ist die Theatermetapher „Rolle“ von besonderem Belang. Diese stellt ein Handlungsmuster dar, das schon durch gesellschaftliche Normen determiniert ist und in der Darstellung zum Einsatz kommt (Vgl. Goffman, 2009, S.18).

Eine Rolle zu spielen, heißt, dass man als Person seine Fassade ausarbeitet, um beim Interaktionspartner bzw. -partnerinnen das Bild der Ernsthaftigkeit und Echtheit zu schüren. Man unterscheidet zwischen zwei Rolleninhabern: Auf der einen Seite existiert der aufrichtige Darsteller bzw. Darstellerin, der bzw. die selbst von seiner bzw. ihrer eigenen Rolle begeistert ist auf der anderen Seite der zynische Darsteller bzw. Darstellerin, der bzw. die nicht von seiner bzw. ihrer Rolle überzeugt ist und das Publikum zu einer falschen Annahme verleiten versucht, wobei der Darsteller bzw. Darstellerin nicht zwingend böse Bestrebungen verfolgt. Die Norm der Rollenkonstellation ist eine Verbindung aus Zynismus und Aufrichtigkeit (Vgl. Goffman, 2009, S. 19ff.).

2.5 Identität

Man kann drei Arten der Identität unterscheiden: Goffman (1975) führt die soziale Identität, persönliche Identität und die Ich-Identität in seinen Werken auf. Die soziale Identität5 wird dem Individuum von anderen Personen einer Sozialgrupppe, in welcher das Individuum auch Mitglied ist, zugeschrieben. Sie bildet sich durch gängige normative Erwartungen, wie eine bestimme Person, bzw. eine bestimmte Rolle sein sollte, heraus.

Auch die persönliche Identität ergibt sich durch die Unterstellungen von außen, aber sie stützt sich auf biografische Faktoren, die für jeden Menschen einmalig sind und die es ermöglichen, zwischen Personen eindeutig zu unterscheiden (Vgl. Goffman, 2012, S.10ff.).

Aus der Verbindung der sozialen und persönlichen Identität ergibt sich die Ich-Identität. Diese umfasst die individuelle Gefühlslage und das eigene Bewusstsein (Vgl. Goffman, 2012, S. 132ff.). Da sich die Identität vor allem aus den Unterstellungen von anderen Personen entwickelt, ist diese ein Ergebnis davon, wie Menschen ihre Fassade und ihr Eindrucksmanagement formen. Dadurch, dass Personen face-work ausüben, wirken sie zugleich an der eigenen Identität mit.

2.6 Ausdruckskontrolle

Goffman (2009) schreibt, dass der Eindruck von Realität, den eine Darstellung hervorrufen kann, „ein zartes, zerbrechliches Ding ist“, das bereits durch eine kleine Fatalität zunichtegemacht werden kann (Vgl. S.52). Daher ist es besonders wichtig, dass der Darsteller bzw. die Darstellerin den gewünschten Eindruck, den er oder sie hinterlassen möchte, kontrollieren muss, um eine erfolgreiche Darbietung zu erzielen (Vgl. ebd., S.17).

[...]


1 Angesicht zu Angesicht

2 Goffman hat zwei entscheidende Merkmale der Interaktion von Angesicht zu Angesicht genannt: Den breiten Informationsfluss und die einfache Rückkopplung. Damit meint er, dass diese Merkmale ausreichend strukturierende Bedeutung haben, um als analytisches Grundprinzip für die ausschließende Behandlung jener sozialen Normen gelten zu können, die das Verhalten von Personen in ihrer unmittelbaren gegenseitigen Anwesenheit regeln (Goffman, 1971, S.28).

3 Wortwörtlich übersetzt: „Arbeit am Gesicht“, aber im übertragenen Sinne bedeutet „face work“ etwa „Gesichtswahrung“.

4 „So ist Eindrucksmanagement ein Spiel mit Unterstellungen, um diese Unterstellungen zu verschieben, um so eine „Person“ zu konstruieren, die sich für alle sozialen Zwecke im Zwischenraum zwischen den Menschen befindet, nicht in ihnen“ (Dellwing, 2014, S.73).

5 Wenn ein Fremder uns vor Augen tritt, dürfte uns der erste Anblick befähigen, seine Kategorie und seine Eigenschaften, seine „soziale Identität“ zu antizipieren - um einen Terminus zu gebrauchen, der besser ist als „sozialer Status“, weil persönliche Charaktereigenschaften und strukturelle Merkmale von der Art des „Berufs“ laut Goffman einbezogen werden (Goffman, 1967, S.10).

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Schule als Theater? Ein Goffmanscher Blick ins Klassenzimmer
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
23
Katalognummer
V974399
ISBN (eBook)
9783346323170
ISBN (Buch)
9783346323187
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goffmann, Theatermodell, Wir alle spielen Theater, Theater, Schule, Rolle der Lehrkraft, Soziale Interaktion, Soziologie, Sozialer Raum, Erving Goffman, Schule als Bühne, Performativität
Arbeit zitieren
Stefanie Fritz (Autor), 2020, Die Schule als Theater? Ein Goffmanscher Blick ins Klassenzimmer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/974399

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