Der Untergang der Bayer AG? Eine Kontingenzanalyse zu den Folgen der Monsato-Übernahme


Masterarbeit, 2020

98 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
1.2 Vorgehensweise

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Szenarien-Analyse im Konzept der Kontingenz
2.1.1 Szenarien-Analyse
2.1.2 Das Grundkonzept der Kontingenz
2.1.3 Das formale Konzept der Kontingenz
2.1.4 Der Kausalitätsgrad
2.1.5 Pfadabhängigkeit und Verwandtschaftsgrad
2.2 Grundlegende Aspekte zu Finanzierungsmöglichkeiten
2.2.1 Operative Finanzierungsmöglichkeiten
2.2.2 Eigenkapitalfinanzierung
2.2.3 Fremdkapitalfinanzierung
2.2.4 Insolvenzwahrscheinlichkeit
2.3 Grundlegende Aspekte zu Sammelklageverfahren in den USA

3. Unternehmensprofile
3.1 Die Bayer AG
3.1.1 Unternehmensüberblick
3.1.2 Unternehmens- und Bilanzzahlen
3.1.3 Kapitalmarktentwicklung
3.2 Die Monsanto Company
3.2.1 Unternehmensüberblick
3.2.2 Marktanteile im Bereich Agrarchemie
3.2.3 Größenunterschiede

4. Die Monsanto-Übernahme
4.1. Hintergrund und Motive der Übernahme
4.1.1 Struktureller Wandel der Bayer AG
4.1.2 Agrarchemie als Wachstumsmarkt
4.1.3 Konsolidierungsdruck und Portfolioergänzung
4.1.4 Weitere Motive
4.2. Chronologischer Ablauf der Monsanto-Übernahme
4.2.1 Übernahmeverhandlung zwischen der Bayer AG und der Monsanto Company
4.2.2 Kartell- und wettbewerbsrechtliche Genehmigungen
4.3. Finanzierung der Übernahme
4.3.1 Ablauf und Finanzierung
4.3.2 Kosten der Übernahme
4.3.3 Kritik an der Übernahme

5. Entstandene Rechtsrisiken durch die Monsanto-Übernahme
5.1 Glyphosat
5.1.1 Grundlegende Aspekte zu Glyphosat
5.1.2 Gerichtsprozesse im Zusammenhang mit Glyphosat
5.2. Dicamba
5.2.1 Grundlegende Aspekte zu Dicamba
5.2.2 Gerichtsprozesse im Zusammenhang mit Dicamba

6. Szenarien-Analyse im Konzept der Kontingenz
6.1. Ausgangssituation und Annahmen
6.1.1 Ausgangssituation
6.1.2 Grundlegende Annahmen
6.1.3 Annahmen zur zeitlichen Einordnung
6.1.4 Annahmen zu Finanzierungsmöglichkeiten
6.1.5 Vereinfachter Stresstest zur Eigenkapitalquote
6.2. Szenarien- und Kontingenzanalyse
6.2.1 Ermittlung der Schadenshöhen
6.2.2 Definition kritischer Stellen und Zustände
6.2.3 Kontingenzgraph und Entwicklungspfade
6.2.4 Betrachtung der Kausalitätsgrade
6.2.5 Betrachtung der Verwandtschaftsgrade
6.3. Hypothetische Betrachtungen
6.3.1 Gewichteter Kontingenzgraph
6.3.2 Ansatzpunkte für eine kontrafaktische Betrachtung
6.3.3 Weiterführende Perspektiven

7. Fazit und Schlussbetrachtung
7.1 Fazit und Schlussbetrachtung
7.2 Persönliche Wertung

Anhang
A Rating-Klassifizierung mit Bonitätseinstufung
B Bilanzwerte Bayer AG 2019
C Finanzverbindlichkeiten Bayer AG 2019
D Fälligkeiten der Finanzverbindlichkeiten Bayer AG 2019
E Veräußerung der Covestro-Anteile
F Emission der US-Anleihen
G Emission der EU-Anleihen
H Vermögenswerte und Schulden Monsanto Company

I Finanzinstrumente Bayer AG 2019

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Kredit-Ratings Bayer AG zum 31. Dezember 2019

Tabelle 2: Vereinfachter Stresstest zur Eigenkapitalquote in Abhängigkeit der Schadenshöhe

Tabelle 3: Rating-Klassifizierung von Standard&Poor´s, Moodys und Fitch

Tabelle 4: Bilanzwerte Bayer AG in Mio. Euro zum 31. Dezember 2019

Tabelle 5: Finanzverbindlichkeiten Bayer AG in Mio. Euro zum 31. Dezember 2019

Tabelle 6: Fälligkeiten der Finanzverbindlichkeiten Bayer AG in Mio. Euro zum 31. Dezember 2019

Tabelle 7: Veräußerung der Covestro-Anteile von 1. März 2017 bis 4. Mai 2018

Tabelle 8: Emission der amerikanischen Anleihen vom 19. Juni 2018

Tabelle 9: Emission der europäischen Anleihen vom 19. Juni 2018

Tabelle 10: Vermögenswerte und Schulden Monsanto Company in Mio. Euro zum 31. Dezember 2018

Tabelle 11: Finanzinstrumente Bayer AG in Mio. Euro zum 31. Dezember 2019

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Szenario-Kegel

Abbildung 2: Kontingenzgraph eines prograden Prozessverlaufs

Abbildung 3: Konzernstruktur Bayer AG zum 31. Dezember 2019

Abbildung 4: Kursentwicklung Bayer AG von Januar 2014 bis Mai 2020

Abbildung 5: Marktanteil der führenden Hersteller für Saatgut 2014 weltweit

Abbildung 6: Marktanteil der führenden Hersteller für Pflanzenschutzmittel 2014 weltweit

Abbildung 7: Kennzahlenvergleich Bayer AG und Monsanto Company 2016

Abbildung 8: Konzernstruktur Bayer AG 2014

Abbildung 9: Konzernstruktur Bayer AG 2016

Abbildung 10: Umsatz des Pflanzenschutzmarktes von 2008 bis 2018 weltweit

Abbildung 11: Anbauflächen für genveränderte Pflanzen von 2008 bis 2018 weltweit

Abbildung 12: Kontingenzgraph zu den Folgen der Monsanto-Übernahme

Abbildung 13: Gewichteter Kontingenzgraph zu den Folgen der Monsanto-Übernahme

1. Einleitung

1.1 Problemstellung und Zielsetzung

Am 16. August 2018 konnte die Bayer AG die größte Firmenakquisition in der deutschen Wirtschaftsgeschichte abschließen1 und übernahm das US-amerikanische Unternehmen Monsanto Company für einen Kaufpreis von 45,290 Mrd. Euro.2 Durch die Übernahme wurde das weltweit führende Unternehmen in den Bereichen Saatgut und Pflanzenschutzmitteln geschaffen.3 Nachdem die wettbewerbs- und kartellrechtlichen Auflagen erfüllt waren und die Bayer AG der alleinige Eigentümer der Monsanto Company war, kam es in den USA zu einer Reihe von Gerichtsprozessen und Sammelklagen gegen die Monsanto Company. Konkret wurden Anschuldigungen vorgetragen, dass die glyphosathaltigen Pflanzenschutzmittel der Monsanto Company zu gesundheitlichen Risiken für die Anwender geführt hätten und im Verdacht stehen, eine karzinogene Wirkung gegenüber dem Menschen aufzuweisen. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegen in diesem Zusammenhang nach offiziellen Aussagen der Bayer AG mehr als 48.600 Klagen vor. Weiterhin wurden bereits drei Fälle in erster Instanz verhandelt und zugunsten der Kläger entschieden. Die Schadenssumme der noch nicht rechtskräftigen Urteile beläuft sich insgesamt auf etwa 190 Mio. USD.4 Auf gerichtliche Anordnung finden aktuell Verhandlungen in einem Mediationsverfahren hinsichtlich eines außergerichtlichen Vergleichs statt, dessen Ausgang ungewiss ist.5 Als Folge dieser Glyphosat-Prozesse könnten erhebliche finanzielle Risiken für die Bayer AG entstehen, mit drastischen Folgen für den deutschen Konzern.

Zusätzlich kam es zu weiteren Klagen im Zusammenhang mit Pflanzenschutzmitteln auf Dicamba-Basis, die ebenfalls zum Produktportfolio der Monsanto Company gehörten. Durch die Verflüchtigung des Wirkstoffs kam es zu Pflanzenschäden und Ernteausfällen. Hinsichtlich dieser Anschuldigungen liegen bereits 170 Klagen vor, mit dem Antrag auf Sammelklage. Anfang Juni 2020 wurde allen Herstellern, darunter auch der Bayer AG, der Vertrieb von Dicamba-Produkten untersagt, da auf gerichtliche Anweisung die Zulassung des Wirkstoffs aufgehoben wurde.6

Seit der Übernahme steht der Konzern und der Vorstand um Werner Baumann in der Kritik, die Risiken der Übernahme nicht gekannt, falsch eingeschätzt oder ignoriert zu haben.7 In der vorliegenden Arbeit werden diese Sachverhalte aufgearbeitet und die möglichen finanziellen Risiken der Glyphosat-Prozesse für den Konzern untersucht.

1.2 Vorgehensweise

Zunächst werden die Bayer AG und die Monsanto Company in einem Unternehmensprofil dargestellt, um einen grundlegenden Überblick zu erhalten. Anschließend wird die Monsanto-Übernahme mit den entsprechenden Hintergründen und Motiven, dem chronologischen Ablauf, der Finanzierung und den Kosten analysiert. Weiterhin wird auf die Gerichtprozesse in den USA eingegangen.

Im letzten Teil der Arbeit wird eine Szenarien-Analyse im Konzept der Kontingenz durchgeführt, um die Übernahme hinsichtlich der finanziellen Risiken durch die Glyphosat-Prozesse bewerten zu können. Die Quellen beziehen sich auf wissenschaftliche Literatur und Fachzeitschriften, Geschäftsberichte sowie verschiedene Nachrichtenblätter.

2. Theoretische Grundlagen

In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen und Konzepte betrachtet die im Rahmen dieser Arbeit verwendet werden. Zunächst wird die Szenarien-Analyse im Konzept der Kontingenz vorgestellt und formalisiert. Weiterhin wird auf grundlegenden Finanzierungsmöglichkeiten eingegangen, um im späteren Verlauf dieser Arbeit die Annahmen für die Konzeption der Szenarien-Analyse treffen zu können. Im letzten Teil dieses Kapitels werden einige Aspekte von Sammelklageverfahren in den USA betrachtet, um die laufenden Gerichtsverfahren einordnen zu können.

2.1 Szenarien-Analyse im Konzept der Kontingenz

2.1.1 Szenarien-Analyse

Der Grundbegriff Szenario stammt ursprünglich aus dem Griechischen ("skėne") und lässt sich im Deutschen auf das Wort "Szene" zurückführen, das den Schauplatz einer Handlung oder den Abschnitt eines Bühnenbildes bezeichnet. Das Szenario beschreibt in diesem Zusammenhang die Ausstattung und Handlungsabfolge einer Aufführung. In den 1950er Jahren wurde der Begriff Szenario in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit dem Kerngedanken, eine hypothetische Folge für chronologische Prozesse und Entscheidungsfindungen konstruieren zu können, übernommen. Szenarien-Analysen wurden zunächst für die Prognose von globalen Problemstellungen verwendet, ab den 1970er Jahren aber auch in die strategische Planung von Unternehmen integriert. Heute wird diese Methodik in vielen Bereichen für Prognosezwecke angewendet, wie beispielsweise in der Politik, Demographie oder im Unternehmens-Controlling. Ein Szenario im ökonomischen Sinn wird wie folgt definiert: "Ein Szenario

- stellt ein hypothetisches Zukunftsbild eines sozi-ökonomischen Bereichs und den Entwicklungspfad zu diesem Zukunftsbild dar,
- gibt in Verbindung mit weiteren Szenarien einen Raum möglicher zukünftiger Entwicklungen des untersuchten Bereichs an,
- wird systematisch und transparent sowie unter der Berücksichtigung der Entwicklungen mehrerer Faktoren und der Zusammenhänge zwischen diesen erarbeitet und ist daher plausibel und widerspruchsfrei,
- enthält quantitative wie auch qualitative Aussagen, die einen ausformulierten Text bilden und
- dient der Orientierung über zukünftige Entwicklungen und/oder der Entscheidungsvorbereitung."8

In Abbildung 1 ist die Szenarien-Analyse als ein Konstrukt in Form eines Kegels dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Szenario-Kegel.

Quelle: In Anlehnung an Götze (dort als Szenario-Trichter konzipiert), 1993, S. 40.

Ausgehend von einem Zustand können entsprechende Entwicklungsmöglichkeiten abgeleitet werden, welche zusammen die Projektionen in der Zukunft abbilden.9 Die Ränder werden als Extremszenarien bezeichnet und werden häufig auch "Worst-Case" genannt. Neben den Extremszenarien existieren weitere Trendszenarien.10

2.1.2 Das Grundkonzept der Kontingenz

Kontingenz ist ein Begriff, der aus der Erkenntnistheorie bzw. der aristotelischen Modallogik stammt und umfasst die Möglichkeiten bei gleichzeitiger Nichtnotwendigkeit einer Aussage oder einer Vorgehensweise. Aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet "contingere" auch so viel wie "berühren, erfassen oder erreichen“.11 Im ökonomischen Sinn beschreibt das Konzept der Kontingenz einen wirtschaftlichen Prozess, der als verlaufs- und ergebnisoffen zu betrachten ist. Ausgangspunkt sind Bi- oder Multifurkationsstellen in den zu betrachtenden Prozessen, die als kritische Zeitpunkte angesehen werden und von denen ausgehend es mehrere mögliche alternative Verlaufsmöglichkeiten gibt.

Die Betrachtungsweise beinhaltet die Ex-post-Sichtweise als Kontrafakten und die Ex-ante-Sichtweise als Szenarien. Die kontrafaktische Argumentation dient der systematischen Exploration von Kausalitätsbeziehungen in vergangenen historischen Prozessen und ist klar abzugrenzen von Gedankenexperimenten, die eine neue Realität erzeugen sollen. Durch kontrafaktische Analysen soll ein besseres Verständnis des faktischen Verlaufs ergründet werden, um Rückschlüsse und Konsequenzen ableiten zu können. Weiterhin lassen sich komplexe Entscheidungssituationen untersuchen und graduell bewerten.12

Mithilfe der Ex-ante-Betrachtung können alternative Prozessverläufe für zukünftige Entwicklungen untersucht und simuliert werden. Es entsteht somit eine hypothetische Variationsbreite von alternativen Möglichkeiten, die als Prognosewerkzeug für strategische Entscheidungsunterstützung verwendet werden kann. Grundlage der Variationsbreite sind bestehende Wissenselemente, die eine Projektion zukünftiger Entwicklungen ermöglichen, gleichzeig aber im Rahmen des Möglichen liegen und einen faktischen Verlauf darstellen könnten. Entsprechend müssen die Entwicklungsmöglichkeiten plausibel begründet sowie kausal eingegrenzt werden, um qualifizierte Aussagen treffen zu können. In diesem Zusammenhang wird von alternativen Szenarien, die im Konzept der Kontingenz betrachtet werden, gesprochen. Der Unterschied zur reinen Szenarien-Analyse besteht in einer tieferen Untersuchung der Kontingenzbeziehungen und Kausalitäten. Es bieten sich zwei Vorteile gegenüber der herkömmlichen Szenarien-Analyse. Durch den Kontingenzansatz können mehrere mögliche Verbindungen zwischen mehreren möglichen Zuständen für verschiedene Zeitpunkte modelliert werden. Weiterhin kann nach der Ex-ante-Modellierung eine kontrafaktische Ex-post-Betrachtung durchgeführt werden.13

Kausalität soll in diesem Zusammenhang nicht nur als Verkettung von Ursache und Wirkung verstanden werden, sondern als eine messbare zeitliche Beziehung zwischen zwei sich entwickelnden Zuständen hinsichtlich beobachtbarer Merkmale.14

Der prozentual gewichtete Kausalitätsgrad hat bei der Kontingenzanalyse nichts mit gewichteten Wahrscheinlichkeiten zutun, ist von diesen unabhängig und klar abzugrenzen. Dennoch ist es möglich, gewichtete Wahrscheinlichkeiten als zusätzliche Informationen in den Kontingenzansatz mit einzubeziehen.15 Eine solche Gewichtung wird in dieser Arbeit neben den Kausalitätsgraden ebenfalls durchgeführt, aber als hypothetische Betrachtungen gesondert dargestellt. Die Gewichtungen sind begründet, unterliegt aber dennoch der subjektiven Einschätzung des Autors.

2.1.3 Das formale Konzept der Kontingenz

Um eine Kontingenzanalyse durchführen zu können, bedarf es zunächst einer Formalisierung des Rahmenmodells und der Betrachtungsweise. Mithilfe dieses Modells lässt sich die mögliche Variationsbreite darstellen und entsprechende Verlaufsmöglichkeiten untersuchen. Im Ergebnis entsteht ein gerichteter Kontingenzgraph, der die verschiedenen Entwicklungspfade und Zustände innerhalb des Prozesssystems aufzeigt, welche für die weitere Untersuchung erforderlich sind. Bezugnehmend auf Lehmann-Waffenschmidt (2010, S. 486-497) folgen nun die Definitionen für die Formalisierungen.

"Ein evolvierendes System ist charakterisiert durch einen Vektor oder eine Trajektorie ( ,..., ) zeitindexierter Parameter im Raum aller zulässigen Zustände . Ein Zustand im evolvierenden Systems zum Zeitpunkt ist definiert als ,..., ."16

"Ein Kontingenzgraph ist ein gerichteter Di-Graph, d.h. ein zeitlich gerichteter Graph, der aus zwei Klassen - Knoten oder Zuständen und (verbindenden) Kanten - besteht und Zyklen enthalten kann. gibt erstens, die jederzeit möglichen Zustände (Knoten) eines sich entwickelnden sozio-ökonomischen Systems und zweitens die möglichen Systementwicklungen durch die Menge der Kanten wieder, die alternativ mögliche aufeinanderfolgende Zustände in verbinden."17

"Ein Prozess in einem Kontingenzgraphen wird als Pfad dargestellt, d.h. als eine endliche oder unendliche Abfolge von Zuständen , oder beginnend zum Zeitpunkt (und endend zum Zeitpunkt im unendlichen Fall). Folglich ist ein Pfad eine Auswahl von eindeutigen Zuständen zu jedem Zeitpunkt bis in , die durch Kanten in verbunden sind."18

"Ein Zustand eines Prozesses in ist kontingent, wenn neben mindestens ein weiterer Zustand zum Zeitpunkt in existiert, der ein möglicher Nachfolger von ist. Kontingenz im retrograden Sinne liegt vor, wenn neben mindestens ein weiterer zum Zeitpunkt in vorhanden ist, der ein möglicher Vorgänger von ist. Schließlich ist Ei im prograden Sinne kontingent, wenn es neben Ei+1 zum Zeitpunkt mindestens einen weiteren Zustand in vorhanden ist, der ein möglicher Nachfolger von Ei ist."19

"Die Alternativmengen oder die Kontingenzmengen zum Zeitpunkt enthält alle möglichen Zustände des Kontingenzgraphen zum Zeitpunkt , d.h. alle Zustände, die zu einem Zeitpunkt von einem beliebigen Zustand des Kontingenzgraphen zum Zeitpunkt erreicht werden können."20

"Ein m-prograder Alternativraum von enthält alle möglichen Zustände des Kontingenzgraphen zum Zeitpunkt , die vom Zustand in ( erreicht werden können."21

"Die n-retrograde Alternativmenge von enthält alle möglichen Zustände des Kontingenzgraphen zum Zeitpunkt von denen der Zustand in ( erreicht werden kann."22

In Abbildung 2 ist ein Kontingenzgraph eines prograden Prozessverlaufs mit Entwicklungspfaden für drei Zeiteinheiten dargestellt. Ausgehend von Ereignis ergeben sich beispielsweise vier Zustände für und acht Zustände für . Ein kontingenter Verlauf wäre , während hingegen als nicht kontingent anzusehen wäre, da im Verlauf kein Nachfolger von wäre und folglich nicht zum Alternativraum gehören würde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Kontingenzgraph eines prograden Prozessverlaufs.23 24 25

Quelle: In Anlehnung an Lehmann-Waffenschmidt 2010, S. 496.

2.1.4 Der Kausalitätsgrad

"Der prograde Kausalitätsgrad aufeinander folgender Zustände und , ist definiert durch den Kehrwert der Anzahl an Elementen in der prograden Alternativmenge , oder formal:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

"Der retrograde Kausalitätsgrad aufeinander folgender Zustände und , ist definiert durch den Kehrwert der Anzahl an Elementen in der prograden Alternativmenge , oder formal:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

"Existiert mindestens ein Pfad, der zwei beliebig gewählte Zustände und in verbindet, so ist der allgemeine prograde Kausalitätsgrade zwischen und ( , der Quotient aus der Anzahl der Verbindungspfade zwischen dem Zustand und den nachfolgenden Zuständen in (Zähler) und der Anzahl aller alternativ möglichen Pfade in zwischen und einem beliebigen Zustand zum Zeitpunkt (Nenner).26

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

"Existiert mindestens ein Pfad, der zwei beliebig gewählte Zustände und in , verbindet, so ist der allgemeine retrograde Kausalitätsgrade zwischen und ( , der Quotient aus der Anzahl der Verbindungspfade zwischen den Zuständen und in (Zähler) und der Anzahl aller alternativ möglichen Pfade in zwischen einem beliebigen Zustand zum Zeitpunkt und (Nenner).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

"Ein Pfad in mit Kanten , hat die Wahrscheinlichkeitsgewichtung wobei Wahrscheinlichkeit der Kante von in ist."27

"Der prograde wahrscheinlichkeitsgewichtete Kausalitätsgrad des Typs A von und ist definiert durch ist die Menge aller Prozesse von in welche und verbinden. ist die Menge aller Prozesse in in welche im Zustand beginnen und zur selben Zeit in enden. Für ist der Nenner gleich 1."28

"Der retrograde wahrscheinlichkeitsgewichtete Kausalitätsgrad von und ist definiert durch: ist die Menge aller Prozesse von in welche und verbinden. ist die Menge aller Prozesse in in welche zum Zeitpunkt beginnen und im Zustand enden"29

2.1.5 Pfadabhängigkeit und Verwandtschaftsgrad

"Eine m-prograde Alternativmenge von mit Pfadabhängigkeit wird bezeichnet als ."30

"Der Verwandtschaftsgrad misst in einem Kontingenzgraphen die Verwandtschaft zwischen zwei beliebigen Zuständen und aus den Alternativraum zum Zeitpunkt (k>0) bezogen auf den gemeinsamen vorhergehenden Zustand zum Zeitpunkt . Es sei eine nicht leere Menge von Prozessen , welche mit verbindet. Der Verwandtschaftsgrad lässt sich definieren als:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wobei , existiert und existiert , sodass außerdem } für alle und , existiert und existiert , sodass außerdem } für alle unter der weiteren Bedingung, dass mindestens ein und ein ungleich null ist, ergibt sich für die Definition des CPD:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus dieser Gleichung geht hervor, dass:

(1) der maximale Wert des CPD (Normalisierung durch dividieren von ) und
(2) der minimale Wer des CPD ist."31

2.2 Grundlegende Aspekte zu Finanzierungsmöglichkeiten

2.2.1 Operative Finanzierungsmöglichkeiten

Die wichtigste Finanzierungsmöglichkeit eines Unternehmens bzw. einer Aktiengesellschaft stellt die operative Geschäftstätigkeit dar. Durch die operative Geschäftstätigkeit werden Cashflows generiert, um beispielsweise Investitionen zu tätigen, Verbindlichkeiten zu tilgen und Ähnliches. Die Gewinne und Jahresüberschüsse finden darüber hinaus weitere Verwendung und schaffen verschiedene Handlungsspielräume, auf die nachfolgend eingegangen werden soll.32

Zunächst besteht für eine Aktiengesellschaft (AG) eine gesetzliche Regelung hinsichtlich einer Gewinnrücklagenbildung. Dabei muss ein gewisser Anteil des Jahresgewinns in eine Gewinnrücklage überführt werden, bis gemessen am Grundkapital eine Mindestrücklage aufgebaut ist. Diese Gewinnrücklage soll dazu dienen, zukünftige Jahresfehlbeträge ausgleichen zu können und die AG gegen künftige Risiken abzusichern. Zusätzlich können in der Satzung einer AG weitere Vorschriften zur Gewinnrücklagenbildung verankert sein. Rücklagen werden dabei prinzipiell dem Eigenkapital zugerechnet. Weiterhin werden Gewinne bzw. Gewinnanteile an Aktionäre als Eigenkapitalgeber in Form von Dividenden ausgezahlt. Dazu werden zumeist Empfehlungen des Vorstandes zu Umfang und Höhe abgegeben, über welche von der Aktionärsversammlung abgestimmt wird. Häufig werden dabei nicht die vollständigen Gewinne ausgeschüttet, sodass auch finanzielle Mittel in die Bilanz überführt werden können.33 Diese finanziellen Mittel können beispielsweise die Barreserve stärken und als liquide Mittel und Zahlungsmitteläquivalente gehalten werden, um die Flexibilität der operativen Geschäftstätigkeit zu erhöhen. Weiterhin können diese finanziellen Mittel auch über die Mindestanforderungen hinaus in Gewinnrücklagen oder sonstige Rücklagen überführt werden, um z. B. den Eigenkapitalanteil zu stärken, Akquisitionen vorzubereiten oder für finanzielle Risiken vorzusorgen.34

Ein weiterer Aspekt der Finanzierung besteht in der Veräußerung von vorhandenen Vermögenswerten. Im Rahmen von Umstrukturierungen, Neuausrichtungen von Geschäftsbereichen oder finanziellen Risiken kann der Verkauf von Vermögenswerten Gewinne und finanzielle Mittel generieren.35

2.2.2 Eigenkapitalfinanzierung

Das Eigenkapital repräsentiert das Reinvermögen einer AG und wird auf der Passiv-Seite der Bilanz mit Rückstellungen, Verbindlichkeiten, passiven Rechnungsabgrenzungsposten und passiven latenten Steuern bilanziert. Mithilfe einer Eigenkapitalerhöhung kann eine AG zusätzliche finanzielle Mittel aufbringen. Es werden vier Arten der Kapitalerhöhung unterschieden: Kapitalerhöhung gegen Einlagen, bedingte Kapitalerhöhung, genehmigte Kapitalerhöhung und die Kapitalerhöhung aus Gesellschaftsmitteln.36

Grundsätzlich kann eine Kapitalerhöhung nur mit dem Beschluss der Hauptversammlung durchgeführt werden. Die Hauptversammlung beschließt innerhalb des gesetzlichen Rahmens die Art, den Umfang und die Ausgestaltung, wie beispielsweise die Bezugsrechtsgewährung, die Preisspanne einer Aktienneuemission, oder ggf. den Zweck. Für die Beschlussfähigkeit hinsichtlich einer Kapitalerhöhung müssen in der Hauptversammlung mindestens 75 Prozent des Grundkapitals vertreten sein. Zusätzlich ist eine Dreiviertelmehrheit für die Zustimmung notwendig. Nach erfolgter Beschlussfassung wird die Kapitalerhöhung in der Satzung festgeschrieben und im Handelsregister eingetragen.

Eine Kapitalerhöhung gegen Einlage kann entweder gegen Bar- oder Sacheinlagen erfolgen. Am verbreitetsten sind in diesem Zusammenhang jedoch Bareinlagen gegen die Ausgabe von neuen Aktienanteilen. In den meisten Fällen steht Bestandsaktionären ein Bezugsrecht für diese neuen Aktien zu, um einer Verwässerung ihres Anteils entgegenzuwirken.37

Durch eine genehmigte Kapitalerhöhung wird der Vorstand ermächtigt, unter Zustimmung des Aufsichtsrates innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums (maximal fünf Jahre) über eine Kapitalerhöhung (höchstens bis zu 50 Prozent des Grundkapitals) zu entscheiden. Die genehmigte Kapitalerhöhung unterliegt keinem Zweck und soll einer AG bzw. der Geschäftsführung eine gewisse Flexibilität durch kurzfristige Finanzierungsmöglichkeiten einräumen können.38

Eine bedingte Kapitalerhöhung ist im Gegensatz zur genehmigten Kapitalerhöhung an einen festen Zweck gebunden. Diese vorgeschriebenen Zwecke können sein: die Erfüllung von Umtauschrechten bei Wandel- und Optionsschuldanleihen, die Vorbereitung von Unternehmenszusammenschlüssen, oder die Bezugsrechtsgewährung von Arbeitnehmern und Geschäftsführung. Eine bedingte Kapitalerhöhung darf ebenfalls nicht den Umfang von 50 Prozent des Grundkapitals übersteigen. Bezugsrechte für Bestandsaktionäre sind prinzipiell ausgeschlossen.39

Bei einer Kapitalerhöhung aus Gesellschaftsmitteln handelt es sich im Gegensatz zu den bereits angesprochenen Kapitalerhöhungen um eine Innenfinanzierung, sodass der AG keine Mittel von außen zufließen. Es erfolgt ein Passiv-Tausch innerhalb der Bilanz. Es werden dazu bestehende Rücklagen aufgelöst und für eine Kapitalerhöhung verwendet. Diese Kapitalerhöhung dient der Stärkung des Grundkapitals und kann die Kapitalmarktbewertung und das Kredit-Rating verbessern. Bestandsaktionäre erhalten in diesem Fall "Gratis-Aktien" entsprechend ihres vorherigen Aktienanteils, wodurch es nicht zu einer Verwässerung kommt.40

2.2.3 Fremdkapitalfinanzierung

Neben der Eigenkapitalfinanzierung besteht für Aktiengesellschaften auch die Möglichkeit der Fremdkapitalfinanzierung. Grundsätzlich werden zwei Fremdfinanzierungsformen unterschieden. Zum einen von der Rechtsform unabhängige Finanzierungen, wie beispielsweise Bankkredite oder Industrieobligationen. Zum anderen Finanzierungsformen die aktienrechtlichen Regelungen unterstehen, wie beispielsweise Wandel- und Optionsschuldverschreibungen, Gewinnschuldverschreibungen oder Genussrechte.

Bei Gewinnschuldverschreibungen erhalten die Gläubiger eine dividendenabhängige Gewinnbeteiligung. Wandel- und Optionsschuldanleihen beinhalten einen vertraglich festgelegten Zinssatz sowie ein Wahlrecht, mit denen diese zu einem festgelegten Emissionsbetrag in Aktien umgewandelt werden können. Bei einer Umwandlung erfolgt ein Wechsel von Fremdkapital zu Eigenkapital. Genussrechte verbriefen schuldrechtliche Ansprüche und können eine Gewinnbeteiligung enthalten. Zusätzlich können Genussrechte auch eine Einlagengarantie enthalten, wodurch der Kapitalgeber im Fall einer Zahlungsunfähigkeit der AG abgesichert ist.41

2.2.4 Insolvenzwahrscheinlichkeit

Um eine Aussage über die Solvenz einen Unternehmens treffen zu können, werden unter anderem Ratingverfahren und Ratingsimulationen verwendet. Grundlage bildet dazu eine Jahresabschlussanalyse. In Abhängigkeit von finanziellen Risiken können quantifizierte Beurteilungen über die Insolvenzwahrscheinlichkeiten abgeben werden.42 Im Rahmen dieser Arbeit soll ein vereinfachter Stresstest hinsichtlich der Eigenkapitalquote durchgeführt werden, um für die weitere Analyse die notwendigen Szenarien konstruieren zu können. Es wird dabei die Veränderung des Eigenkapitals und der Insolvenzwahrscheinlichkeit in Abhängigkeit verschiedener Schadenshöhen untersucht.

Die Eigenkapitalquote (EKQ) ist eine Kennzahl zur Beurteilung des Risikoabdeckungspotentials in Bezug auf die Unternehmensgröße. Sie wird aus dem Verhältnis von Eigenkapital und Bilanzsumme gebildet. In diesem Zusammenhang bedeutet eine höhere Eigenkapitalquote ein niedrigeres Insolvenzrisiko:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Gesamtkapitalrentabilität (ROCE) ist eine Kennzahl zur Beurteilung der Rentabilität eines Unternehmens. Sie wird aus dem Verhältnis des Betriebsergebnisses (EBIT) und dem betriebsnotwendigen Kapital oder der Bilanzsumme gebildet. In diesem Zusammenhang bedeutet eine höhere Gesamtkapitalrentabilität ein niedrigeres Insolvenzrisiko:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten43

Mithilfe der Insolvenzwahrscheinlichkeit (PD) kann eine Aussage über die zukünftige Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens getroffen werden. In Anlehnung an Gleißner (2017, S. 366) wird die Insolvenzwahrscheinlichkeit anhand der Eigenkapitalquote (EKQ) und der Gesamtkapitalrentabilität (ROCE) mit folgender Formel berechnet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Interpretation der Insolvenzwahrscheinlichkeit muss unter Berücksichtigung einer Rating-Klassifizierung erfolgen.44 Eine Übersicht zur Rating-Klassifizierung ist in Tabelle 3 im Anhang A auf Seite 76 zu finden.

2.3 Grundlegende Aspekte zu Sammelklageverfahren in den USA

In Zivilprozessen kann es zu einer sehr hohen Anzahl von Klagen hinsichtlich eines ähnlichen oder gleichartigen Sachverhaltes kommen. Ab einer bestimmten Anzahl werden solche Klagen als Sammelklage konsolidiert, um die Rechtssicherheit der Geschädigten innerhalb einer bestimmten Zeit zu gewährleisten und um unter prozessökonomischen Gesichtspunkten die Gerichte zu entlasten. Widersprüchliche Entscheidungen und Parallelverfahren an unterschiedlichen Gerichten können somit vermieden werden. Im US-amerikanischen Gesetz werden Sammelklagen als "class action" bezeichnet. Auf Bundesebene bzw. vor Bundesgerichten sind "class action" in "Rule 23" der "Federal Rules of Civil Procedure" geregelt. Der "class action" unterliegt in seiner Anwendung keinem speziellen Rechtsgebiet, sondern kann für alle Zivilklagen, welche durch die Federal Rules geregelt sind, angewendet werden.45

Als Voraussetzung für einen "class action" muss zunächst eine eindeutig definierbare Gruppe von Geschädigten existieren, welche durch das Gericht festgelegt wird. Ein definierbares Kriterium kann z. B. die Betroffenheit durch den Beklagten sein. Die Gruppenmitglieder müssen nicht namentlich bekannt sein und auch die Anzahl muss nicht feststehen. Solange die Zugehörigkeit zu einer Gruppe eindeutig ist, können Mitglieder aufgenommen werden oder die Gruppe verlassen. Von der Festlegung bzw. eindeutigen Definition des Gruppenmitglieds hängt später auch ab, wer nach Abschluss des Verfahrens durch die Rechtskraft gebunden ist und wer gegebenenfalls am Klageerlös anteilig beteiligt wird. Weiterhin muss eine Gruppe eine gewisse Größe aufweisen. Auch wenn keine konkrete Größenvorgabe besteht, kann von mehr als 40 Gruppenmitgliedern als Voraussetzung ausgegangen werden ("numerosity"). Darüber hinaus müssen die Ansprüche der Gruppenmitglieder tatsächliche oder rechtliche Gemeinsamkeiten aufweisen. Das kann z. B. der Fall sein, wenn der Beschuldigte für den Schaden der Gruppenmitglieder in gleicher Weise verantwortlich ist ("commonality"). Die Ansprüche der Repräsentanten innerhalb einer Gruppe müssen typisch für die der Gruppe sein ("typicality"). Die Gruppe muss angemessen und fair vertreten sein, sodass auch über die Rechte der abwesenden Gruppenmitglieder entschieden werden kann ("fair and adequate representation").46

Ein Problem der "class action" ist die entstehende Schadenssumme. Durch die Bündelung der Klagen summiert sich die Schadenssumme entsprechend auf, wodurch Summen im Bereich mehrerer Mrd. USD keine Seltenheit sind. Infolgedessen erscheinen diese Prozesse für Anwälte sehr lukrativ und ermöglichen einen hohen Profit für Rechtsbeistände. Oftmals werden solche Verfahren von Anwaltskanzleien vorfinanziert, sodass für den Betroffenen keine Kosten entstehen. Das Honorar entspricht einem vertraglich festgelegten Prozentsatz des Klageerlöses. Dieser Prozentsatz wird im Vorfeld individuell verhandelt und kann durchaus 20 bis 30 Prozent oder mehr betragen.47

3. Unternehmensprofile

In diesem Kapitel werden die Unternehmensprofile der Bayer AG und der Monsanto Company betrachtet. Beginnend mit der heutigen Bayer AG wird ein Unternehmensüberblick mit der grundlegenden Konzernstrategie und Konzernstruktur gegeben. Weiterhin werden Angaben zu Unternehmens- und Bilanzzahlen dargestellt sowie die Kapitalmarktentwicklung untersucht. Im Anschluss wird ein kurzer Überblick der Monsanto Company aufgezeigt und beide Unternehmen anhand einiger Unternehmenszahlen vor der Übernahme verglichen. Weiterhin werden Überschneidungen hinsichtlich der Geschäftsbereiche und Marktanteile analysiert.

3.1 Die Bayer AG

3.1.1 Unternehmensüberblick

Die heutige Bayer AG wurde 1863 von dem Farbstoffhändler Friedrich Bayer und dem Färbermeister Johann Friedrich Weskott als offene Handelsgesellschaft – Friedr. Bayer et comp. - mit dem Zweck der Herstellung und dem Verkauf von synthetischen Farbstoffen gegründet.48 Angefangen mit drei Mitarbeitern, ist die Bayer AG im Jahr 2020 ein weltweit tätiges Chemie- und Pharmaunternehmen mit fast 104.000 Beschäftigten, einem Jahresumsatz von 43,5 Mrd. Euro und einem erwirtschafteten Gewinn von etwa vier Mrd. Euro im zurückliegenden Geschäftsjahr 2019. Der Konzern beschreibt sich selbst als Life-Science-Unternehmen und stellt die Herausforderungen einer stetig wachsenden und alternden Weltbevölkerung in den Mittelpunkt der Konzernstrategie. Nach eigenen Aussagen möchte die Bayer AG einen Teil dazu beitragen, die Versorgung der Bevölkerung mit qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln und pflanzlichen Rohstoffen zu unterstützen sowie dabei zu helfen, Krankheiten vorzubeugen, zu lindern und zu heilen. Dementsprechend liegen die Bereiche Ernährung und Gesundheit im Fokus der Geschäftstätigkeit, mit dem Unternehmenszweck "Science for a better life".49

Das Unternehmen ist in vier Divisionen aufgeteilt. Pharamaceuticals, Consumer Health und Crop Science stellen die operativen Geschäftseinheiten dar, während die Division Enabling Funtions die geschäftsunterstützenden Dienstleistungen für die operativen Einheiten bündelt. Nachfolgend ist in Abbildung 3 die Konzernstruktur der Bayer AG zum 31. Dezember 2019 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Konzernstruktur Bayer AG zum 31. Dezember 2019.

Quelle: In Anlehnung an Bayer AG, Geschäftsbericht 2019, S. 25.

Die Division Pharmaceuticals umfasst verschreibungspflichtige Produkte für die Bereiche Herz-Kreislauf, Frauengesundheit und Spezialtherapeutika für Onkologie, Hämatologie, Augenheilkunde sowie medizinische Geräte für Radiologie. Nach Aussagen der Bayer AG kommt es durch die steigende Lebenserwartung zu einem Anstieg von chronischen Krankheiten und Mehrfacherkrankungen beim Menschen. Um den Betroffenen ein hohes Maß an Lebensqualität zu bieten, bedarf es daher entsprechender Medikamente und Behandlungen sowie Zugang zu solchen Arzneimitteln und therapeutischer Anwendung. Die Bayer AG möchte zu diesem medizinischen Fortschritt beitragen und investiert in die Forschung und Entwicklung neuartiger Produkte und Technologien. Der Umsatz innerhalb dieser Division lag zum 31. Dezember 2019 bei 17,994 Mrd. Euro und machte 41,32 Prozent des Gesamtumsatzes aus.

Consumer Health umfasst verschreibungsfreie Medikamente zur Selbstmedikation und Vorbeugung von Krankheiten. Hierzu zählen Nahrungsergänzungsmittel, Hautpflegeprodukte, Schmerzmittel, Medikamente gegen Allergien, Erkältungen und Magen-Darm-Beschwerden. Verbraucher sollen durch die angebotenen Produkte die Möglichkeit bekommen, sich eigenverantwortlich um ihre Gesundheit zu kümmern, ihre Lebensqualität zu erhöhen und den Kostendruck auf das öffentliche Gesundheitssystem zu reduzieren. Der Umsatz innerhalb dieser Division lag zum 31. Dezember 2019 bei 5,472 Mrd. Euro und machte 12,56 Prozent des Gesamtumsatzes aus.

Crop Science bündelt die Kompetenzen im Bereich Saatgut und Pflanzenschutz sowie im Bereich digitaler Lösungen für nachhaltige Landwirtschaft und soll zur Nahrungssicherung beitragen. Nach eigenen Aussagen will die Bayer AG durch verschiedene innovative Lösungen den Herausforderungen und dem steigenden Druck auf begrenzte natürliche Ressourcen begegnen. Dazu zählt die wachsende Weltbevölkerung mit steigendem Proteinverbrauch, bei gleichzeitig schrumpfenden Anbauflächen pro Kopf sowie der Klimawandel. Die Bayer AG bietet Saatgut mit verbesserten Pflanzeneigenschaften für Mais, Sojabohnen, Baumwolle, Raps, Reis und verschiedenen Obst- und Gemüsesorten an. Weiterhin werden chemische und biologische Saatgutbehandlungsmittel zum Schutz vor Schädlings- und Pilzbefall angeboten. Der Bereich Pflanzenschutz umfasst die Produktpalette Herbizide (chemische Pflanzenschutzmittel zur Bekämpfung von Unkraut), Fungizide (biologische und chemische Pflanzenschutzmittel zur Bekämpfung von Pilzbefall) und Insektizide (biologische und chemische Pflanzenschutzmittel zur Bekämpfung von Insekten und Larven). Mit Hilfe einer digitalisierten Landwirtschaft sollen zusätzlich die Prozesse innerhalb der Landwirtschaft optimiert und automatisiert werden.50 Der Umsatz innerhalb dieser Division lag zum 31. Dezember 2019 bei 19,848 Mrd. Euro und machte 45,58 Prozent des Gesamtumsatzes aus.51

Der Vorstand des Unternehmens besteht aus fünf Mitgliedern – Werner Baumann (Vorsitzender), Wolfgang Nickl (Finanzen), Liam Condon (Leitung Crop Science), Stefan Oelrich (Leitung Pharmaceuticals) und Heiko Schipper (Leitung Consumer Health) – welche das operative Geschäft leiten und koordinieren.52

3.1.2 Unternehmens- und Bilanzzahlen

Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf den Bilanzstichtag zum 31. Dezember 2019. Die Bayer AG beschäftigte weltweit 103.824 Mitarbeiter, davon 24.953 in Deutschland53 und war mit 392 konsolidierenden Gesellschaften in 87 Ländern54 vertreten. Der Konzernumsatz lag bei 43,545 Mrd. Euro mit einem Konzernergebnis von 4,091 Mrd. Euro. Der Free Cashflow lag bei 4,214 Mrd. Euro. Für Forschung und Entwicklung wurden insgesamt 5,342 Mrd. Euro aufgewendet.55 Die langfristigen Vermögenswerte beliefen sich auf 96,699 Mrd. und die kurzfristigen Vermögenswerte auf 32,559 Mrd. Euro, sodass ein Gesamtvermögen von 126,258 Mrd. Euro in der Bilanz erfasst war. Die langfristigen Verbindlichkeiten lagen bei 55,526 Mrd. Euro, die kurzfristigen Verbindlichkeiten bei 23,215 Mrd. Euro und das Eigenkapital bei 47,337 Mrd. Euro wodurch sich das Gesamtkapital identisch zum Gesamtvermögen auf 126,258 Mrd. Euro summierte.56 Weitere Angaben zur Bilanz lassen sich aus Tabelle 4 im Anhang B auf Seite 77 und 78 entnehmen. Rechnerisch ergibt sich eine Eigenkapitalquote von 37,7 Prozent. Die Nettoverschuldung belief sich auf 34,068 Mrd. Euro. Die Finanzverbindlichkeiten hatten insgesamt eine Höhe von 39,094 Mrd. Euro mit unterschiedlichen Fälligkeitszeitpunkten.57 Weitere Angaben zu den Finanzverbindlichkeiten und Fälligkeiten lassen sich aus Tabelle 5 im Anhang C auf Seite 79 und aus Tabelle 6 im Anhang D auf Seite 79 entnehmen.

3.1.3 Kapitalmarktentwicklung

Die Gesamtanzahl der Bayer-Aktien liegt bei 982.424.082 nennbetragslosen Namensaktien mit einem Grundkapital von 2.515.005.649,92 Euro.58 Für das Geschäftsjahr 2019 betrug die Dividende 2,80 Euro je Aktie, was einer Dividendenrendite von 3,8 Prozent entspracht. Insgesamt wurden 2,751 Mrd. Euro an Aktionäre ausgezahlt.59 Der Aktienkurs bewegte sich zwischen 52,53 Euro und 73,60 Euro mit einem Schlusskurs zum Jahresende von 72,81 Euro. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 6,40 Euro und das Eigenkapital je Aktie bei 48,37 Euro. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis lag bei 11,4 und das Kurs-Cashflow-Verhältnis bei 8,9.60 Nachfolgend ist in Abbildung 4 die Kursentwicklung der Bayer-Aktie von Januar 2014 bis Juni 2020 in einem Kerzenchart auf Wochenbasis und einer logarithmischen Preisachse dargestellt. Das Allzeithoch (obere horizontale Linie) wurde am 13. April 2015 mit einem Preis von 146,68 Euro je Aktie ausgebildet. Das lokale Tief (untere horizontale Linie) wurde am 18. März 2020 zu einem Preis von 44,08 Euro je Aktie gebildet.61

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Kursentwicklung Bayer AG von Januar 2014 bis Mai 2020.

Quelle: Eigene Darstellung unter Verwendung von https://www.guidants.com/de/.

In Abbildung 4 sind zusätzlich fünf vertikale Linien eingezeichnet, welche die Einordnung der Monsanto-Übernahme durch die Bayer AG erleichtern sollen. Linie eins stellt den Zeitpunkt der Angebotsunterbreitung durch die Bayer AG dar und Linie zwei die Vertragsunterzeichnung. Die nachfolgenden Linien markieren die Urteile der ersten drei Glyphosat-Prozesse.62

[...]


1 Bayer AG 2018b (online, URL siehe Literaturverzeichnis).

2 Bayer AG 2020, Anhang 5.2/2.

3 Bayer AG 2016d (online, URL siehe Literaturverzeichnis).

4 Bayer AG 2020, S. 100f.

5 Tagesspiegel 2019 (online, URL siehe Literaturverzeichnis).

6 Wirtschaftswoche 2020 (online, URL siehe Literaturverzeichnis).

7 Weiss, P. 2019 (online, URL siehe Literaturverzeichnis).

8 Götze, U. 1993, S. 38f.

9 Ebenda, S. 36ff.

10 Kuhner, C./Maltry, H. 2017, S. 140.

11 Lehmann-Waffenschmidt, M. 2001, S. 10.

12 Lehmann-Waffenschmidt, M. 2010, S. 484f.

13 Ebenda, S. 486.

14 Ebenda, S. 483.

15 Ebenda, S. 493f.

16 Lehmann-Waffenschmidt, M 2010 S. 487, aus dem Englischen übersetzt.

17 Ebenda, S. 487, aus dem Englischen übersetzt.

18 Ebenda, S. 487, aus dem Englischen übersetzt.

19 Ebenda, S. 488, aus dem Englischen übersetzt.

20 Ebenda, S. 490, aus dem Englischen übersetzt.

21 Ebenda, S. 490, aus dem Englischen übersetzt.

22 Ebenda, S. 490, aus dem Englischen übersetzt.

23 Ebenda, S. 491, aus dem Englischen übersetzt.

24 Ebenda, S. 491, aus dem Englischen übersetzt.

25 Ebenda, S. 492, aus dem Englischen übersetzt.

26 Ebenda, S. 493, aus dem Englischen übersetzt.

27 Ebenda, S. 493, aus dem Englischen übersetzt.

28 Ebenda, S. 494, aus dem Englischen übersetzt.

29 Ebenda, S. 495, aus dem Englischen übersetzt.

30 Ebenda, S. 499, aus dem Englischen übersetzt.

31 Ebenda, S. 501, aus dem Englischen übersetzt.

32 Spremann, K./Grüner, A. 2019, S. 48f.

33 Stein, P. 2016, S. 118f.

34 Spremann, K./Grüner, A. 2019, S. 62f.

35 Ebenda, S. 49.

36 Stein, P. 2016, S. 191.

37 Ebenda, S. 192ff.

38 Ebenda, S. 208f.

39 Ebenda, S. 213f.

40 Ebenda.

41 Ebenda, S. 217f.

42 Gleißner, W. 2017, S. 326ff.

43 Ebenda, S. 332f.

44 Gleißner, W. 2017, S. 334f.

45 Zirngibl, E. 2006, S. 19.

46 Zirngibl, E. 2006, S. 34ff.

47 Ebenda, S. 89f.

48 Bayer AG 2019b (online, URL siehe Literaturverzeichnis).

49 Bayer AG 2020, S. 24.

50 Bayer AG 2020, S. 24 ff.

51 Ebenda, S. 156.

52 Ebenda, S. 12.

53 Ebenda, S. 50.

54 Ebenda, S. 28.

55 Ebenda, S. 2.

56 Ebenda, S. 137.

57 Ebenda, S. 198.

58 Ebenda, S. 126.

59 Ebenda, S. 22.

60 Ebenda, S. 20.

61 Die Aktienpreise wurden im Rahmen einer Chartanalyse ermittelt. Verwendet wurde das Online-Programm: www.guidants.com/de mit Kursdaten von Lang & Schwarz Broker GmbH.

62 Da in Abbildung 4 ein Wochenchart dargestellt ist, zeigen die vertikalen Linien die jeweilige Woche des Ereignisses auf.

Ende der Leseprobe aus 98 Seiten

Details

Titel
Der Untergang der Bayer AG? Eine Kontingenzanalyse zu den Folgen der Monsato-Übernahme
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
98
Katalognummer
V974470
ISBN (eBook)
9783346321572
ISBN (Buch)
9783346322814
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bayer, Bayer AG, Monsanto, Glyphosat, Kontingenzanalyse, Monsanto-Übernahme, Monsanto Übernahme, Szenarienanlyse, Ernährung, Dicamba, Sammelklageverfahren, Monsanto Company, Bayer Prozesse, Bayer Gerichtsverfahren, class action, Lebensmittelknappheit, Monsanto-Tibunal, Monsanto Tribunal, Den Haag, Pfadabhängigkeit, Verwandtschaftsgrad, Kontingenzgraph, Kausalitätsgrad
Arbeit zitieren
Franz-Robert Sachs (Autor), 2020, Der Untergang der Bayer AG? Eine Kontingenzanalyse zu den Folgen der Monsato-Übernahme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/974470

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