Sozialfürsorge im Mittelalter. Die Grundbausteine für unser soziales Miteinander in der Gegenwart


Hausarbeit, 2019

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Erläuterung des Armutsbegriffs

3. Zuständigkeit

4. Spitalwesen

5. Heilig-Geist-Spital Nürnberg

6. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Die Grundbausteine der Armen- und Sozialfürsorge

Armut - eine Problematik die sich in allen Epochen der Geschichte finden lässt. Trotz des Verlaufs durch verschiedene Formen ist Armut auch heute ein allgegenwärtiges Thema mit dem der Großteil der Weltbevölkerung mindestens einmal im Leben konfrontiert wird, ein Thema das sich nicht nur in der Dritten Welt wiederfinden lässt, sondern auch hier in Deutschland und anderen Industriestaaten und Staatshandelsländern.1 Soweit liegt es auch sehr nah, dass das Thema Armut und Armenfürsorge die internationale Geschichtswissenschaft, als auch die Kirchengeschichte beschäftigt.2 Die Problemlösungsansätze unterliegen hier jedoch einem stetigen Wandel, beginnend bei der Almosenspende im Mittelalter, über die Armenverordnungen bis hin zur Armen- und Sozialfürsorge wie wir sie heute kennen, die im Mittelalter ihren Ursprung hat und deswegen die Grundbausteine für unser heutiges soziales Miteinander legt.3 Diese Arbeit befasst sich unter anderem mit den Gründen hierfür und untersucht zudem die Entwicklung der Armenfürsorge, ausgehend von den aus christlicher Nächstenliebe gespendeten Almosen bis hin zum Spitalwesen und den heutigen Parallelen. Zunächst wird dafür der Armutsbegriff erläutert und eingeschränkt und die verschiedenen Abstufungen und Armutsgruppen aufgeführt. Die Zuständigkeit für Hilfebedürftige, sprich Aufgaben der städtischen Armenfürsorge und Armutsbekämpfung und das entstehen des Spitalwesens geben erste Rückschlüsse auf die heutige Sozial- und Armenfürsorge. Dabei wird insbesondere das Heilig-Geist-Spital aus regionalem Kontext hervorgehoben. Im weiteren Verlauf des Textes wird die Entwicklung des Fürsorgesystems behandelt. Da Armut im Mittelalter ein sehr umfangreiches Thema ist, und es bis jetzt noch nicht gelungen ist bisherige Forschungsergebnisse in einer Überblicksdarstellung zusammenzufassen, wird sich diese Arbeit zeitlich auf das Hoch- und Spätmittelalter fokussieren, wobei verständnishalber an einigen Stellen auch andere Zeitabschnitte genannt werden. Räumlich beschränkt sich diese Arbeit ausschließlich auf deutsche Städte. Als Grundlage werden wurden verschiedenste wissenschaftliche Bücher, Lexika und Aufsätze benutzt. Besonders die Sekundärliteratur von Mollat und Fischer dienten hierbei als Grundlage des folgenden Textes. Als Primärliteratur wurde die Nürnberger Bettelordnung verwendet, die Mollat in ,,Die Armen im Mittelalter” als Quelle diente,4 die Chroniken der fränkischen Städte. Nürnberg, die Gründungsurkunde des Nürnberger Heilig-Geist-Spitals, die Bibel und die Nürnberger Bettelordnung.

2. Der Armutsbegriff

Im mittelalterlichen Deutschland galt die Mehrheit der Bevölkerung als arm.5 Im heutigen Sprachgebrauch setzt man das Wort ,,arm” mit Besitzlosigkeit gleich, aber im Mittelalter gab es verschiedene Auffassungen des Begriffs. Der Armutsbegriff des Mittelalters lässt sich nicht nur in zwei Kategorien und Phasen aufteilen, es existieren zudem auch noch viele verschiedene Definitionen auf die man stößt, wenn man sich mit entsprechender Literatur6 auseinandersetzt. Die Kategorisierung des Begriff erfolgt demnach einmal in die der freiwilligen Armut, wie beispielsweise die der Mönche, die damals als besonders ehrenwert angesehen wurde und zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert die vermehrte Bildung von Bettelorden nach sich zog, und die des sozialen Unterschieds7, der sogenannten unfreiwilligen Armut.

Die Phasen definieren sich dadurch, dass man diese in die zwei Zeitabschnitte differenziert8. Zu einem die vor dem Hochmittelalter (bis zum ca. 11. Jahrhundert) und zum anderen die nach dem Hochmittelalter (ca. ab dem 11. Jahrhundert). Die allgemeine Auffassung zu jener Zeit, die stark durch Religion beeinflusst wurde, dass Armut als auch Reichtum von Gott gegeben seien, zog sich zwar durch das gesamte Mittelalter, war aber in der ersten Phase durchaus präsenter als in der zweiten.9 Arme mussten die von ihnen gottgegebene Last mit Demut ertragen und annehmen10 und die Reichen sollten sollten ihren christlichen Pflichten nachkommen und dementsprechend Handeln und jeden Armen genau so wie Jesus selbst behandeln.

Das mittelalterliche Wort ,,arm” (lat. pauper) bezieht sich zunächst auf die Herrschaftsverhältnisse von Personen bzw. -gruppen. Man galt als arm, wenn man keinen hohen Stand angehörte und einem daraus folgenden Machtdefizit unterlag11. So galten auch Menschen als »arm« die von geringem gesellschaftlichen Ansehen waren und denen es an Privilegien mangelte, sowieso physisch schwache, alte und kranke Menschen, Witwen, Waisen, Gefangene oder Pilger. Also Menschen die demnach rechtlich, wirtschaftlich oder in einer anderen Weise abhängig waren, sprich unfrei waren. Durch diese sehr grobe Definition galt die Mehrheit der städtischen Bevölkerung als arm. Im Gegensatz zu ,,pauper” stand ,,potens” (lat. mächtig), also all jene die Macht ausübten, über Grund, Kapital und Menschen verfügten. Armut wurde mehr als rechtlich-soziales Problem dargelegt, als ein rein ökonomisches12.

Ab dem Hochmittelalter (ca. ab dem 11. Jahrhundert, besonders im 14. Jahrhundert) durchläuft der Armutsbegriff eine seichte Metamorphose13. Armut wird nun noch mehr zu einem sozioökonomischen Begriff ausgeweitet und wird in primäre, sekundäre und tertiäre Armut unterteilt. Diese Veränderung des Armutsbegriffes geht mit dem Wachstum der mittelalterlichen Städte, deren Bevölkerung, des Handels und der Erweiterung des Handels einher14. Man sprach unter anderem auch von den „Armen mit Lazarus” und den “Armen mit Petrus“15. Die primäre Armut beschreibt demnach Armut im Sinne von zu arm sein um sich lebensnotwendige Dinge zu leisten, sprich Nahrung, Kleidung oder Unterkunft. Es beschreibt das Leben am Existenzminimum, dass sich lediglich auf das Überleben konzentriert. Die sekundäre Armut16 beschreibt, ähnlich wie beim Armutsbegriff vor dem Hochmittelalter, das Fehlen von standesnotwendigen Dingen und somit der Verzicht auf den mittelständischen Lebensstandard. Nach diesem Begriff galten in den meisten Städten mehr als die Hälfte aller Menschen als »arm«, also gehörten zur sozialen Unterschicht: »Die große Masse kommt ungepflegt, zerlumpt und unordentlich daher, in ärmlicher Kleidung zumeist aus Leinen«17, aber die Tatsächliche Anzahl an Menschen die wirklich arm (nach der Definition der primären Armut) waren, war viel niedriger (ca. 20%)18 Armut wurde unter anderem nun auch als etwas gesehen, dass man sich aussuchen kann. Also eine Bewegung weg von der christlichen Einstellung zur Armut. Während das Betteln in der ersten Phase noch als weniger negativ angesehen war, wurde nun auch dies immer negativ behafteter und es wird zwischen “ehrlichen” und “betrügerischen” Bettlern unterschieden, zudem unterliegen Bettler, beispielsweise in Nürnberg, gewissen Verordnungen.19 Der Übergang zwischen primärer und tertiärer Armut, also Bedürftigkeit, ist fließend. Die Menschen die sich trotz eines Einkommens nicht das Lebensnotwendigste leisten konnten oder in der Lage waren für Krisenzeiten (Krieg, Hungersnöte, usw.) anzusparen, waren auf Almosen angewiesen.20

Die Almosengabe beruhte auf der Bedürftigkeit (tertiäre Armut) der Armen und Betteln auf dieser Grundlage war demnach gesellschaftlich anerkannt21. Größter Indikator für die Gabe von Almosen war der christliche Glaube22 und das Gebot der Nächstenliebe. Bürger erhofften sich dadurch ihr eigenes Seelenheil zu retten, da sie im Gegenzug dafür Fürbitten für ihre Hilfe aussprachen23. So waren auch die Armen ein notwendiges Glied in der christlichen Gesellschaft, da die wohlhabenden Bürger auf diese Fürbitten angewiesen waren24.

3. Zuständigkeit

Vor der Ausbreitung von Hilfseinrichtungen, auf die im folgenden Text noch eingegangen wird, war für die Versorgung der Armen in erster Linie die Verwandtschaft verantwortlich.25 Die institutionalisierten Armenfürsorge wurde erst später wichtigster Bestandteil der Armenfürsorge26. Aufgrund neuer Verordnungen27 im Frühmittelalter entstanden so die ersten kirchlichen Institutionen der Sozial- und Armenfürsorge, die unter anderem die Armen finanziell unterstützten.28 Armenfürsorge war auch soweit eine Pflicht der Könige (und gleichzeitig auch der allgemeinen Gesellschaft, des Adels und allen Waffen tragenden Bürgern), dass diese Armen Schutz gewähren mussten.29

Auch die monastische Armenfürsorge gewann für die der Armen- und Sozialfürsorge immer mehr an Bedeutung, beschränkte sich aber nur auf das Überleben der Armen als gar um die Überwindung der Armut.30 Neben den kirchlichen und weltlichen Hilfseinrichtungen, sprich das Hospital oder auch Spital, gab es auch die solidarischen Einrichtungen wie zum Beispiel Gilden oder Zünfte.31 Diese Arbeit wird sich aber ausschließlich auf das Spitalwesen konzentrieren. Danach (ca. ab dem 13. Jahrhundert) gab es eine Umstrukturierung der Sozial­und Armenfürsorge, und es kam zu einer vermehrten Gründung von Spitälern, die größtenteils aus bürgerlichen Stiftungen entstanden. Trotzdem spielten das kirchliche Hospital weiterhin eine große Rolle.32 In der allgemeinen Gesellschaft waren Almosen noch immer der wichtigste Beitrag zur Hilfeleistung für Arme und Bedürftige, diese erfolgten in verschiedenen Formen.

Die Große Bedeutung der christlichen Religion im Mittelalter, führte dazu, dass sich der gesamte Charakter einer Stadt dadurch charakterisierte. Das Einhalten des Gebot der Nächstenliebe macht einen guten Christen aus.33 Das Gebot der Nächstenliebe schrieb einem vor, seinen Nächsten wie Jesus selbst zu lieben. Das Prinzip der Armenfürsorge basierte somit auf diesem Gebot und gehörte demnach zu den Pflichten eines guten Christen. Die Almosenvergabe fand willkürlich statt, ohne die Beachtung von Bedürftigkeitsgrad der Armen und das Resultat war, dass sie so schlichtweg keinen Beitrag zur Armutsbekämpfung leistete.34 Obwohl die oben aufgeführten Pflicht allen Mitgliedern der christlichen Gemeinde einer Stadt bekannt war, gab es sehr viele Bedürftige, die trotz der Almosen keine andere Überlebensmöglichkeit hatten, als auf öffentlichen Plätzen zu betteln.35 Dies war eine Schande für jede Stadt, da in einer christlichen Gemeinde gar kein Betteln geben sollte (wenn das Gebot der Nächstenliebe befolgt wird). Dies führte dazu, dass ein System der Almosenvergabe entstand in Form der Nürnberger Armenverordnung 1522 um diese Schande schnellstmöglich zu beheben.36 Unter diesem Aspekt wurden auch andere mittelalterlichen Almosenlehren formuliert. Jedoch war die Almosengabe kein akt reiner Nächstenliebe. Spenderer erhofften sich natürlich unter anderem davon Ansehen zu erlangen und das persönliche Seelenheil. Letzteres zählte wohl zum wichtigsten Motiv für die Almosengabe, insbesondere im Pestzeitalter.37

[...]


1 Nach: Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, Lebenslagen in Deutschland - Erster Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Band 1.

2 B. SCHNEIDER, Christliche Armenfürsorge, Von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters, Eine Geschichte des Helfens und seiner Grenzen, Freiburg im Breisgau, 2017.

3 J. FRERICH, Handbuch der Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland, 3 Bde., München, Oldenbourg, 1993.

4 M. MOLLAT, Die Armen im Mittelalter, München, 1987.

5 T. FISCHER, Städtische Armut und Armenfürsorge im 15. und 16. Jahrhundert. Sozialgeschichtliche Untersuchungen am Beispiel der Städte Basel, Freiburg/Br. und Straßburg.

6 K. BOSL, Potens und pauper, Begriffsgeschichtliche Studie zur ges. Differenzierung im frühen MA und zum "Pauperismus" des Hoch-MA, in: Alteuropa und die moderne Geschichte.

7 T. FISCHER, Städtische Armut und Armenfürsorge.

8 M. MOLLAT, Die Armen im Mittelalter, München, 1987.

9 Lk. 6, 20.

10 Ebd.

11 H. STRANG, Erscheinungsformen der Sozialhilfebedürftigkeit- Beitrag zur Geschichte, Theorie und empirische Analyse der Armut, 1970.

12 E. ISEMANN, Die deutsche Stadt im Mittelalter, Stuttgart, 1988.

13 Geschichtliche Grundbegriffe, Band 7, Stuttgart, 1992.

14 C. SACHßE, F. TENNSTEDT, Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland- Vom Spätmittelalter bis zum 1. Weltkrieg, Stuttgart, 1980.

15 Lk. 16, 19-21.

16 T. FISCHER, Städtische Armut und Armenfürsorge im 15. und 16. Jahrhundert. Sozialgeschichtliche Untersuchungen am Beispiel der Städte Basel, Freiburg/Br. und Straßburg.

17 Zitat nach L. ZEHNDER, Volkskundliches in der älteren schweizerischen Chronistik, Basel, 1976.

18 M. MOLLAT, Die Armen im Mittelalter, München, 1987.

19 Nürnberger Bettelordnung, 1518.

20 E. ISEMANN, Die deutsche Stadt im Mittelalter, Stuttgart, 1988.

21 T. FISCHER, Städtische Armut und Armenfürsorge im 15. und 16. Jahrhundert

22 Lk. 11, 41.

23 R. ENDRES, Das Armenproblem im Zeitalter des Absolutismus IN: Jahresbuch für Fränkische Landesforschung Bd. 34/ 35, 1969.

24 E. MASCHKE, Die Unterschichten der mittelalterlichen Städte Deutschlands, Stuttgart, 1967.

25 T. FISCHER, Armut, Bettler, Almosen. Die Anfänge städtischer Sozialfürsorge im ausgehenden Mittelalter, in: Cord Meckseper (Hg.), Stadt im Wandel, Stuttgart, 1985.

26 Ebd.

27 F. EHRLE, Die Armenverordnungen von Nürnberg (1522) und Ypern (1525), Historisches Jahrbuch im Auftrag der Görres-Gesellschaft IX .Band, 1888.

28 G. BRONISLAW, Geschichte der Armut, München, 1988.

29 Ebd.

30 Ebd.

31 Ebd.

32 C. PROBST, Das Hospitalwesen im hohen und späten Mittelalter und die geistliche und gesellschaftliche Stellung der Kranken, in: Sudhoffs Archiv 50, 1966.

33 F. EHRLE, Die Armenverordnungen von Nürnberg

34 T. FISCHER, Armut, Bettler, Almosen.

35 Ebd. F. EHRLE, Die Armenverordnung von Nürnberg.

36 Ebd. F. EHRLE, Die Armenverordnung von Nürnberg.

37 C. SACHßE, F. TENNSTEDT, Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland. Band 1: Vom Spätmittelalter bis zum 1. Weltkrieg, 1998.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Sozialfürsorge im Mittelalter. Die Grundbausteine für unser soziales Miteinander in der Gegenwart
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Veranstaltung
PS Städtisches Leben im Mittelalter
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V974764
ISBN (eBook)
9783346323651
ISBN (Buch)
9783346323668
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armenfürsorge Sozialfürsorge Mittelalter Geschichte
Arbeit zitieren
Nicole Keintzel (Autor), 2019, Sozialfürsorge im Mittelalter. Die Grundbausteine für unser soziales Miteinander in der Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/974764

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