Diese Arbeit versucht die Frage zu beantworten, ob hermeneutische Methoden einen Nutzen für den Philosophieunterricht darstellen.
Ein wesentlicher Kern des Philosophieunterrichts ist die Auseinandersetzung mit Texten, von denen die meisten bereits mehrere Jahrhunderte alt sind. Die AutorInnen und die jungen RezipientInnen trennen damit ganze Welten und so kann es bei dem Versuch der Textinterpretation immer zu Leerstellen im Verständnis kommen. Die Aufgabe des Unterrichts ist es dann, den SuS die geeigneten Werkzeuge an die Hand zu geben, um diese Leerstellen eigenständig mit Sinn zu füllen. Die vorliegende Hausarbeit stellt sich dabei der Frage, ob und inwiefern die hermeneutische Methode ein geeignetes Werkzeug zur Erfüllung dieser Aufgabe sein kann.
Dazu soll die hermeneutische Methode – sofern es die hermeneutische Methode überhaupt gibt – in einem ersten Teil vorgestellt werden. Die Darstellung des Hermeneutikbegriffs beschränkt sich dabei überwiegend auf die Theorien und Methoden, mit denen heute innerhalb der Geisteswissenschaften gearbeitet wird. Der zweite Teil widmet sich in einem ersten Schritt den Überlegungen, die angestellt werden müssen, bevor man eine hermeneutische Textinterpretation (allgemein, aber vor allem auch im Unterricht) durchführt. Diesen Vorüberlegungen folgt dann in einem zweiten Schritt die exemplarische Textanalyse anhand von Platons Höhlengleichnis. Abschließend soll die Reflexion stehen, welche die wichtigsten Untersuchungsaspekte noch einmal in Bezug zueinander setzt und diese hinsichtlich ihrer Tauglichkeit im Unterricht bewertet.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Darstellung: Hermeneutik – Theorie(n) und Methode(n)
2.1 Von der allgemeinen und der geisteswissenschaftlichen Hermeneutik
2.1.1 Schleiermacher – Verstehen als Spirale
2.1.2 Dilthey – Verstehen durch Kongenialität
2.1.3 Gadamer – Verstehen in der hermeneutischen Situation
3 Anwendung: Vorüberlegungen und Textinterpretation
3.1 Anwendungsbezogene Vorüberlegungen
3.2 Exemplarische Textinterpretation: Platons Höhlengleichnis
4 Reflexion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit die hermeneutische Methode ein geeignetes Werkzeug für den Philosophieunterricht darstellt, um Schülern bei der Interpretation komplexer, historischer Texte zu helfen und Leerstellen im Verständnis eigenständig zu füllen.
- Grundlagen der modernen Hermeneutik nach Schleiermacher, Dilthey und Gadamer
- Strukturierung der Textarbeit anhand der elf Arbeitsschritte nach Wolfgang Klafki
- Exemplarische Anwendung der hermeneutischen Methode auf Platons Höhlengleichnis
- Didaktische Reflexion zur Einbettung hermeneutischer Verfahren in den Philosophieunterricht
Auszug aus dem Buch
Exemplarische Textinterpretation: Platons Höhlengleichnis
Wer in Platons Politeia bis zum Höhlengleichnis in Buch sieben vorgedrungen ist, hat in Buch sechs schon Bekanntschaft mit dem Sonnen- und dem Liniengleichnis gemacht. Er oder sie verfügt also bereits über das Vorwissen, dass das Sonnengleichnis die Idee des Guten abbildet, während das Liniengleichnis darstellt, dass (und inwiefern) sich die Ideenwelt von der sinnlich wahrnehmbaren Welt abgrenzt. Mit diesem Wissen gerüstet und mit der Frage im Hinterkopf, wie der Mensch dann Einsicht in diese Ideenwelt nehmen kann (vgl. 3.1), kann er oder sie dann mit der Rezeption und Interpretation des Höhlengleichnisses beginnen:
Sokrates tritt in den Dialog mit Glaukon, dem er den Unterschied zwischen Bildung und Unbildung in […] [der menschlichen] Natur […] gleichnishaft klar[machen] will. Schon hier wird deutlich, dass das, was nun folgt, mit der Bildung des Menschen zu tun hat und diese Bildung in zwei Grade einzuteilen ist, nämlich in Unbildung und Bildung. Dann lässt er das Gleichnis folgen:
Er beschreibt eine unterirdische Höhle, an deren hinterster Wand sich – weit entfernt vom Höhlenausgang – Menschen befinden. Diese Menschen sind so gefesselt, dass sie weder ihre Körper noch ihre Köpfe bewegen können und ihnen nichts bleibt, als starr gegen diese Höhlenwand zu schauen. Mit einigem Abstand befindet sich in ihrem Rücken eine halbhohe Mauer hinter der sich wiederum ein Feuer befindet. Dieses Feuer ist die einzige Lichtquelle, die sich in der Höhle befindet. Zwischen Mauer und Feuer tragen andere, unbekannte Menschen, die sich offenbar frei bewegen können, Gegenstände, die lediglich Abbildungen der Welt darstellen, so vorbei, dass sie die Mauer überragen. Durch das Feuer, das hinter diesem Schauplatz brennt, werden Schatten dieser Abbildung an die Wand geworfen. Sokrates vergleicht dabei den Aufbau dieses Szenarios mit den Jahrmarktsbüdchen von Gauklern.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Philosophieunterrichts bei der Interpretation historischer Texte ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Eignung der hermeneutischen Methode für diesen Zweck.
2 Darstellung: Hermeneutik – Theorie(n) und Methode(n): Dieses Kapitel beleuchtet die theoretischen Grundlagen der Hermeneutik durch die Ansätze von Schleiermacher, Dilthey und Gadamer, wobei der Fokus auf dem Phänomen des Verstehens liegt.
3 Anwendung: Vorüberlegungen und Textinterpretation: Hier werden Klafkis elf Arbeitsschritte als Leitfaden für die Interpretation eingeführt und beispielhaft auf Platons Höhlengleichnis angewendet, um den Erkenntnisweg zur Ideenwelt nachzuzeichnen.
4 Reflexion: Im abschließenden Kapitel wird der Nutzen der hermeneutischen Methode für den Unterricht bewertet und ein Ausblick auf weiterführende Anwendungsmöglichkeiten, etwa im Kontext digitaler Filterblasen, gegeben.
Schlüsselwörter
Hermeneutik, Textinterpretation, Philosophieunterricht, Platon, Höhlengleichnis, Schleiermacher, Dilthey, Gadamer, Klafki, Bildungsbegriff, Erkenntnistheorie, Verstehen, Sinnverstehen, Lebensäußerungen, Wirkungsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Relevanz und Anwendbarkeit der hermeneutischen Methode als Werkzeug zur Textinterpretation im Philosophieunterricht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft philosophische Hermeneutiktheorien mit didaktischen Fragestellungen und der praktischen Textanalyse.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, ob die hermeneutische Methode Schülern dabei helfen kann, historische Texte eigenständig zu interpretieren und Verständnisleerstellen zu füllen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die theoretischen Ansätze der Hermeneutik (Schleiermacher, Dilthey, Gadamer) kombiniert mit dem methodischen Leitfaden von Wolfgang Klafki.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung der Hermeneutik und eine konkrete, exemplarische Anwendung der Methode an Platons Höhlengleichnis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Hermeneutik, Textinterpretation, Philosophieunterricht, Platon, Höhlengleichnis und der hermeneutische Zirkel.
Warum wird gerade Platons Höhlengleichnis zur Interpretation herangezogen?
Das Gleichnis dient als klassisches Beispiel, um erkenntnistheoretische Fragen zur Bildung und zum Erlangen von Wissen in der Schule handhabbar zu machen.
Welche Bedeutung hat der Vergleich mit Gauklern im Text?
Der Gaukler-Vergleich wird als allegorisches Bild genutzt, um das Verhältnis zwischen den Gefangenen und der (vermittelten) Wahrheit zu verdeutlichen und kann heute mit digitalen Filterblasen assoziiert werden.
- Arbeit zitieren
- Rosanna Giannelli (Autor:in), 2020, Hermeneutische Methoden im Philosophieunterricht. Eine Untersuchung des Nutzens und der Möglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/974857