Wahlbeeinflussung durch Demoskopie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

29 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Einführung

B) Hauptteil
I) Begriff der Demoskopie
II) Gegenstand der Demoskopie
III) Auswirkungsvermutungen von Demoskopie
1) Wahlbeteiligung
a) Lethargie-Effekt
b) Defätismus-Effekt
c) Unentschiedene Wahlberechtigte
2) Wahlentscheidung
a) Bandwagon-(Mitläufer)-Effekt
b) Underdog-(Mitleids) Effekt .
3) Sonderfälle in der Bundesrepublik Deutschland
a) Der Fallbeil-Effekt (für kleinere Parteien)
b) Taktisches Wählen (Splitting)
IV) Parteien als „Nutzer von Meinungsumfragen“
V) Demoskopieinstitute in der BRD
1) Institut für Demoskopie Allensbach .
2) Emnid Institut, Bielefeld .
3) forsa
4) Infratest-dimap .
5) Forschungsgruppe Wahlen
VI) Befragungsmethoden der Demoskopie
1) Das persönliche Interview
2) Das telefonische Interview
3) Schriftliche Befragung
VII) Wahrnehmung von Meinungsumfragen
in der BRD
1) Tageszeitungen
2) Fernsehen
3) Fazit .
VIII) Ergebnisse der Wahlforschung .
IX) Demoskopie im Bundestagswahlkampf 2002

C) Zusammenfassung und Ergebnisse

A) Einführung

Der Siegeslauf der Demoskopie scheint unaufhaltsam. Allerdings scheiden sich an ihr die Geister. Stellt sie ein zuverlässiges Messinstrument dar, oder ist sie bloß eine bessere Art der Wahrsagerei?

In den Jahren 1982/83 entwickelte sich eine starke Kontroverse zwischen den „Gegnern“ der Demoskopie, welche die Veröffentlichung von Wahlprognosen 2 Wochen vor dem Wahltermin gesetzlich verbieten lassen wollten, da sie befürchteten , die Wähler könnten dadurch zu stark beeinflusst werden.

Die 1969 ins Leben gerufene Vereinbarung der führenden Institute der Demoskopie, auf die Veröffentlichung von Umfrageergebnisse 2 Wochen vor der Wahl zu verzichten wurde nach kurzer Zeit wieder aufgelöst.

Ein Verbot der Veröffentlichung von Meinungsumfragen kurz vor dem Wahltag kommt auch schon deshalb nicht in Betracht, weil die Manipulation der Wähler weder in den USA noch in der Bundesrepublik Deutschland (= BRD) empirisch nachgewiesen werden konnte.

Außerdem stehen einem Verbot vor allem die Verfassungsgrundsätze des Art. 5 Abs.1 Grundgesetz (=GG), nämlich der Presse – und Informationsfreiheit entgegen, der wie folgt lautet: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt“.[1]

In Portugal, Spanien, Ungarn und der Schweiz beispielsweise wurde die Veröffentlichung von Umfrageergebnissen 2 Wochen vor der Wahl gesetzlich verboten.[2]

Der Erfolg eines Veröffentlichungsverbots ist jedoch äußerst zweifelhaft.

In Frankreich dürfen Umfrageergebnisse bereits eine Woche vor der Wahl nicht mehr veröffentlicht werden. „So erscheinen die Zahlen dann eben in den belgischen Zeitungen, welche die französische Presse dann zitieren kann“.[3]

Anders verhält es sich mit den sog. Wählernachfragen während des Wahltages. Bei den Wählernachfragen geht es nicht darum, festzustellen, was der Befragte wählen würde (wie z. B. in Sonntagsfrage), sondern hier soll erforscht werden, wie der Wähler gewählt hat, wenn er das Wahllokal verlässt.

„Diese ersten Informationen – in der Regel zur Eröffnung der Wahlsendung gleich um 18 Uhr

mitgeteilt - stützen sich auf sogenannte ‚Exit polls’, Befragungen nach der Wahl“.[4]

Beispielsweise sitzen am Wahlsonntag in 400 repräsentativen Wahllokalen Korrespondenten

der „Forschungsgruppe Wahlen“ (Mannheim). Diese verteilen von ihnen erstellte Fragebögen

an diejenigen Wähler die ihre Stimme bereits im Wahllokal abgegeben haben.

„Völlige Anonymität ist den Teilnehmern an dieser Aktion gewährleistet, die Folgendes

beantworten müssen: Wie wurden Erst- und Zweitstimmen verteilt? Wie wurde bei der letzten

Bundestagswahl gewählt? Hinzu kommen Auskünfte über Geschlecht, Alter, Religionszuge-

hörigkeit, Schulabschluss, Beruf oder Häufigkeit des Kirchgangs“.[5]

Die Fragen zur abgegebenen Erst- und Zweitstimme sind Grundlage für die erste Prognose zum Wahlergebnis um 18.00 Uhr.

Eine Berichterstattung während der noch laufenden Wahlzeit (in der Regel bis 18.00 Uhr) ist nicht gestattet, wie dies § 32 Abs. 2 Bundeswahlgesetz (=BWG) bestimmt:

„Die Veröffentlichung von Ergebnissen von Wählerbefragungen nach der Stimmabgabe über den Inhalt der Wahlentscheidung ist vor Ablauf der Wahlzeit unzulässig“.[6]

B) Hauptteil

Bevor nun auf die Frage eingegangen wird, wie und ob Wahlen durch die Veröffentlichung

von Umfrageergebnissen beeinflusst werden können, soll zunächst der Begriff der Demosko-

pie und ihr Forschungsgegenstand geklärt werden.

Der vierte Abschnitt wird sich mit den Parteien als Nutzern von Meinungsumfragen beschäftigen, bevor im fünften Abschnitt die 5 großen Demoskopieinstitute in der BRD vorgestellt werden.

Im Anschluss daran wird erörtert, welcher Methoden sich die Demoskopie bedient.

Auf die Frage, wie sich die Wahrnehmung der Umfrageberichterstattung in der BRD in den letzen Jahren verändert hat, soll der siebte Abschnitt eine Antwort geben.

Mit den Ergebnissen der Demoskopie beschäftigt sich der achte Abschnitt bevor abschließend auf die Demoskopie im Bundestagswahlkampf 2002 eingegangen wird.

I) Begriff der Demoskopie

„Danach gefragt, was sie von der Demoskopie hielten, hätten die alten Griechen vermutlich

verwundert und irritiert den Kopf geschüttelt oder einen erstaunt und verständnislos ange-

schaut“.[7]

Beim Begriff der Demoskopie handelt es sich nämlich um ein Kunstwort, das der amerikanische Soziologe Stuart C. Dodd 1946 erschuf und in die Diskussion einbrachte.

Es setzt sich aus den griechischen Wörter „demos“ für Volk und „skopein“ für betrachten zusammen.

„Im Kontext der Politikberatung lässt sich das Tätigkeitsfeld der Demoskopie am ehesten als politische Meinungsforschung/Demoskopie – diese Bezeichnungen werden synonym verwen-

det – oder aber als umfrageorientierte Wahlforschung umschreiben“.[8]

„Bemerkenswerterweise ist Demoskopie ein im angelsächsischen Raum nicht geläufiger Begriff; dort spricht man in der Regel von public opinion research oder auch umfassender von survey research.[9]

Dagegen fand der Begriff „Demoskopie“ in Deutschland rasch Verbreitung und wird außerdem im Italienischen, Französischen und Polnischen entsprechend verwendet.

Im Folgenden soll nun der Bereich mit den sich die Demoskopie näher beschäftigt, also der

Forschungsgegenstand und die Aufgaben, welche die Demoskopie übernimmt, näher erörtert werden.

II) Gegenstand der Demoskopie

Politische Meinungsforschung befasst sich „vor allem mit Einstellungen innerhalb der Bevölkerung zu politischen Sachfragen, der Popularität von Spitzenpolitikern, Wahlabsichten etc; sie kreist mithin um das Phänomen der Wahl, genauer: des Wählers und leistet insoweit einen wichtigen Beitrag zum zentralen Forschungsinteresse der sozialwissenschaftlichen Wahlforschung: den Bestimmungsgründen des individuellen Wählerverhaltens“.[10]

Ziel der Demoskopie ist somit die Erfassung der öffentlichen Meinung bzw. des vorherrschenden Meinungsklimas in der Bevölkerung.

Der Begriff der öffentlichen Meinung stellt einen Schlüsselbegriff der Ideengeschichte wie auch der Kommunikationswissenschaft dar.

„Ein geschlossenes Konzept der öffentlichen Meinung gibt es nach einhelliger Auffassung nicht, vielmehr begegnen wir einem Panorama von Deutungen, bei denen es in je unterschied

licher Dichte sich ideengeschichtliche, theoretische, empirische und normative Elemente ver

weben“[11]

Zur Vereinfachung soll hier die öffentliche Meinung als „gemeinhin vorherrschende Meinung

über Zeitfragen des öffentlichen Lebens“ definiert werden.

III) Auswirkungsvermutungen von Demoskopie

Während in den USA der direkte Einfluss von Meinungsumfragen auf das Wahlverhalten zu

einer der am häufigsten untersuchten Themen gehört, liegen derartige empirische Untersu-

chungen in der Bundesrepublik Deutschland kaum vor.[12]

Dagegen gibt es umso mehr Vermutungen über einen solchen Einfluss.

Diese gehen jedoch angelehnt and das „amerikanische Modell“ von einem Zweiparteiensys-

tem aus und können deshalb nur bedingt auf die Bundesrepublik Deutschland angewendet

werden.

Auswirkungsvermutungen lassen sich in zweifacher Hinsicht unterscheiden, nämlich einerseits hinsichtlich der Wahlbeteiligung und andererseits nach der Wahlentscheidung

1) Wahlbeteiligung

Gehen die zwei großen Volksparteinen, also beispielsweise die SPD und die CDU aufgrund von Umfrageergebnissen davon aus, dass ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorliegen könnte, so werden sie ihre Anhängerschaft als auch Personen, die üblicherweise nicht zur Wahl gehen, nachdrücklich auffordern zu wählen, da ihre Stimme ja Wahl entscheidend sein könnte.

Dieser Mobilisierungseffekt führt dann – wegen der Bekanntgabe der Umfrageergebnisse – zu einer erhöhten Wahlbeteiligung.

Wenn dagegen die Demoskopen von einer Wahl ausgehen, die schon entschieden ist, so gibt es die drei folgenden hypothetischen Möglichkeiten:

a) Lethargie-Effekt

Zum einen gehen dann die Anhänger des vermeintlichen Siegers nicht zur Wahl, da – ihrer

Meinung nach – die Wahl ohnehin schon entschieden sei und ihre Stimme ja sowieso nicht ins

Gewicht falle, also nicht Stimm entscheidend sei.

In diesem Fall wird die Entscheidung, nicht zur Wahl zu gehen, als Lethargie-Effekt[13] bezeichnet. Sie führt infolgedessen zur Begünstigung der schwächeren Partei.

b) Defätismus-Effekt

Das genau gleiche Denkschema könnte jedoch auch auf der Seite des vermeintlichen Siegers zur Anwendung gelangen.

Die Anhänger des vermeintlichen Verlierers gehen nicht zur Wahl, da die Wahlniederlage

ohnehin schon festzustehen scheine (Defätismus- Effekt).[14]

Sie stärken somit die ohnehin schon stärkere Partei.

c) Unentschiedene Wahlberechtigte

Auch hinsichtlich der unentschiedenen Wahlberechtigten könnte es zu einer Änderung im Wahlerhalten führen, nämlich dass Wahlberechtigte, die sich noch nicht endgültig für eine Partei entschieden haben nicht zur Wahl gehen, da sie ihrer Stimmabgabe keine Bedeutung

zumessen, da sie ohnehin keinen Einfluss auf den Wahlausgang mehr zu haben scheint.

Allen drei Effekten ist gemeinsam, dass sie eine geringere Wahlbeteiligung zur Folge hätten, als ohne Bekanntgabe der Umfrageergebnisse zu erwarten gewesen wäre.

Bedeutsamer noch als die o. a. Auswirkungen auf die Wahlbeteiligung ist die Wahlentscheidung, also die Stimmabgabe für eine bestimmte Partei oder einen Kandidaten aufgrund von Umfrageergebnissen.

2) Wahlentscheidung

Bezüglich der Wahlentscheidung kommen zwei hypothetische Alternativen in Betracht, nämlich der Bandwagon-(Mitläufer)-Effekt und der Underdog-(Mitleids)-Effekt.

a) Bandwagon-(Mitläufer)-Effekt

Die Veröffentlichung von Umfrageergebnissen begünstigt (zum einen) die als Sieger ausgewiesene Partei, „weil einige Wähler sich auf die Seite des Siegers schlagen2[15] sozusagen einen „Schlenker der letzten Minute“ (last minute swing) machen, um auf den Siegerwagen aufzuspringen. „Es wolle jeder auf der Seite des Siegers sein, zu den Siegern gehören, so pflegt man da zu erklären“.[16]

In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass dieser Effekt auch evtl. nach einer Wahl zu beobachten ist. Die Verlierer der Wahl geben auch dann, wenn sie den Verlierer der Wahl gewählt haben dies nicht offen zu, weil sie nicht im „Abseits“ stehen wollen oder das

Gefühl erfahren, ausgegrenzt zu werden.

Deswegen liegen möglicherweise die Umfragewerte des Wahlsiegers nach der Wahl meist um einiges höher als dies nach dem Wahlergebnis zu erwarten gewesen wäre.

[...]


[1] Bundeszentrale für politische Bildung 2002, S. 15

[2] vgl. Gallus 2002, S. 34

[3] Wirtz 2002a, S. 2

[4] Noelle-Neumann/Petersen 2000, S. 297

[5] Schlehhuber 2002, S. 8

[6] Der Bundeswahlleiter 2002, S. 28

[7] Gallus/Lühe 1998, S. 7

[8] Deckert 2001, S. 35

[9] Schulze 1994, S. 71

[10] Deckert 2001, S. 35

[11] Kleinsteuber 2001, S. 330

[12] vgl. dazu Donsbach 1984, S. 394 f.

[13] vgl. Brettschneider 1991, S. 117

[14] Brettschneider 1991, S. 117; vgl. auch Donsbach 1984, S. 390

[15] Koschnik 1980, S. 23

[16] Noelle-Neumann 1996, S. 19

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Wahlbeeinflussung durch Demoskopie
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politische Systemlehre: Wahlen; Wahlen in der Mediendemokratie
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
29
Katalognummer
V9750
ISBN (eBook)
9783638163682
ISBN (Buch)
9783638691222
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahlen, Demoskopie, Meinungsumfragen, öffentliche Meinung, Umfragen
Arbeit zitieren
Frank F. Maier (Autor), 2002, Wahlbeeinflussung durch Demoskopie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9750

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