Der Humanismus in Peter Sloterdijks Rede "Regeln für den Menschenpark" Ein Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus - Die Elmauer Rede-


Seminararbeit, 2000

19 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Elmauer Rede ,,Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus"

3. Das Ende des Humanismus

4. Der Humanismus als elitebildende Bewegung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es sollte eine Rede anläßlich einer Heidegger-Tagung auf Schloß Elmau werden und entwickelte sich zu einem emotional überladenen Gelehrtenstreit. Peter Sloterdijks Rede ,,Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus." Denn Sloterdijk äußerte nicht nur gewagte Thesen zur Situation des Humanismus, es waren vor allem anthropotechnische ,,Zukunftsvisionen", die die Gelehrten-Gemüter erregten. Dabei hatte Sloterdijk nur aufgegriffen, was bereits seit Jahrzehnten immer wieder diskutiert wird, sowohl in Hinblick auf den Humanismus, als auch bezüglich einer bioethischen bzw. anthropotechnischen Entwicklung. Doch ganz im Sinne Sloterdijks der Grad der Provokation entscheidet über die Effektivität einer wie auch immer gearteten Diskussion, entstand ein ausladender und umsichgreifender Gelehrten-Disput.

Die folgende Arbeit wird vor allem Sloterdijk Aussagen zum Humanismus aufgreifen und kritisch betrachten. Dabei sind vor allem zwei Thesen von Interesse: der Humanismus sei an sein Ende gelangt, und, der Humanismus sei elitebildend. Unter Einbeziehung der Historie des Humanismus soll erarbeitet werden, ob und inwieweit Peter Sloterdijks Thesen gerechtfertigt sind. Beginnend mit der inhaltlichen Darstellung der Elmauer Rede, deren wichtigste Gedanken ich wiedergeben und kommentieren werde, wird eine kontroverse Auseinandersetzung mit den beiden Thesen folgen. Im Fazit werde ich schließlich die wichtigsten Ergebnisse festhalten, und versuchen die Intention Sloterdijk zu benennen, in der die Elmauer Rede und ihre ambivalenten Thesen steht.

2. Die Elmauer Rede ,,Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus"

Gerade der Anfang von Sloterdijks Rede ,,Regeln für den Menschenpark" ist unter Betrachtung der Thesen über den Humanismus von äußerster Relevanz. Denn bereits in den ersten Zeilen bietet Sloterdijk folgende Definition des Humanismus: ,,Bücher, so hat der Dichter Jean Paul einmal bemerkt, sind dickere Briefe an Freunde. Mit diesem Satz hat er Wesen und Funktion des Humanismus quintessentiell und anmutig beim Namen genannt; Er ist freundschaftsstiftende Telekommunikation im Medium der Schrift"1 Sloterdijk behauptet damit, der Humanismus lebe nur über die Schriftlichkeit und die Textüberlieferung.

Humanistisches Gedankengut und humanistische Ideologien als Briefe antiker Autoren an unbekannte Empfänger zur Freundschaftsstiftung, und die humanitas als Folge der Alphabetisierung. Nur über die Abhängigkeit des Humanismus von der Schriftlichkeit, kann Peter Sloterdijk überhaupt die These vom Ende des Humanismus aufstellen. Angenommen, Sloterdijk habe Recht mit seiner These - diese Frage werde ich im folgenden noch explizit behandeln - dann kann der Humanismus angesichts der technischen Revolutionen unseres Jahrhunderts und der veränderten Kommunikation wirklich nur an sein Ende gekommen sein. Doch ist die Gesellschaft heute wirklich ,,post-literarisch", ,,post-epistologisch" und folglich ,,post-humanistisch", wie es ihr Sloterdijk scheinbar vorwirft?2 Und will Humanismus die politischen und ökonomischen Strukturen der Gesellschaft überhaupt nach ,,dem amiablen Modell der literarischen Gesellschaft" organisieren?3 Letztendlich befindet Sloterdijk den Humanismus als Vollmacht selbstzufriedener Philologen, der Jugend Klassiker aufzuzwingen, ganz nach der These ,,Richtige Lektüre macht zahm."4 Zudem handle es sich um eine Ideologie, die immer dann zu Tage tritt, wenn es gilt, den Menschen aus seiner Verwilderung zu befreien. So ergibt sich als Motiv des Humanismus, den Mensch, der von enthemmenden und hemmenden Einflüssen umgeben ist, zur vermenschlichenden Lektüre zu führen, damit er den bestialisierenden Einflüssen - die schon im alten Rom in Form der blutigen Spiele existierten - entsage. Doch könne der Humanist dem Unterhaltungssog nur über Disziplin Herr werden, d.h. er stelle letztendlich fest, daß auch ihm nichts Menschliches fremd sei. ,,Diese Andeutungen machen deutlich: Mit der Humanismus-Frage ist mehr gemeint als die bukolische Vermutung, daß lesen bildet. Es geht in ihr um nicht weniger als um eine Anthropodizee - das heißt eine Bestimmung des Menschen angesichts seiner biologischen Offenheit und seiner moralischen Ambivalenz."5 Hatte man anfangs noch den Eindruck, Sloterdijk kritisiere den Humanismus als veraltete, der gesellschaftlichen Entwicklung entgegenwirkende Ideologie, so scheint es hier, als drehe er den Spieß um, um eine Gesellschaftskritik ins Felde zu führen. Es handelt sich eben nicht nur um ein nostalgisches Zurückblicken auf die Antike und die Humanität anhand von Textüberlieferungen, vielmehr handelt es sich um eine menschliche Ambivalenz in zweierlei Hinsicht, einer biologischen und einer moralischen. So steht der Mensch einerseits im Zwiespalt zwischen enthemmenden und hemmenden Einflüssen, zwischen gut und böse, sowie zwischen gesellschaftlichen Normen und eigenem Willen. Andererseits im Sinne der biologische Disposition zwischen evolutionärer Bestimmung und Entwicklungstendenz, zwischen Evolution und Verhalten.

Eine explizite Erklärung der Anthropodizee wird dem Leser nicht geboten.

Anschließend wird vielmehr die Frage nach dem wahren Menschen zur Medienfrage gemacht, da es die kommunikativen Mittel seien, durch die sich der Mensch selber bilde. Der folgende Übergang zu Martin Heideggers Aufsatz ,,Über den Humanismus", einer Offenlegung der Bedingungen des europäischen Humanismus, geht weder weiter auf die ,,Medienfrage" nach dem wahren Menschen ein, noch ist der Aufsatz für die Kernaussage über den Humanismus ausschlaggebend. Vielmehr scheint der Aufsatz aus Gründen der Anbindung eingefügt worden zu sein. Da ich ihn dennoch nicht vollends übergehen möchte, werde ich in kurzen Sätzen den weiteren Wortlaut darstellen. Worum es Sloterdijk bei Heidegger zu gehen scheint, ist dessen Angebot, die Antwort auf die im europäischen Denken versäumte Frage nach dem Wesen des Menschen zu liefern. Wichtig sei vor allem, daß es sich beim Menschen nicht um ein animal rationale handelt, vielmehr ständen Tier und Mensch nicht in ontologischem Zusammenhang. An dieser Stelle hebt Sloterdijk das ,,Credo des Humanismus" aus den Angeln, Menschen seien ,,Tiere unter Einfluß"6, denen man nur die richtige Art der Beeinflussung zukommen lassen müsse.7 Denn nach Heidegger sind die Menschen vom Sein selbst angesprochen und zu dessen Hütung bestellt, nur aus diesem Grunde habe der Mensch überhaupt die Sprache. Heidegger rückt den Menschen aus dem Zentrum der Betrachtung und bezeichnet ihn als ,,Nachbar des Seins"8. Somit kritisiert Heidegger einerseits den Humanismus in Bezug auf die Position des Menschen und dessen Definition, hält andererseits durch die Befreundung des Menschen mit dem Wort des Anderen am Humanismus fest. Indem Heidegger den Menschen als Hirten und Nachbarn des Seins und die Sprache als Haus des Seins bestimme, binde er den Menschen und beziehe ihn in die Zähmung und Befreundung mit ein. Heideggers ,,ontologische Hirtenspiele"9 seien aber, so schließt Sloterdijk diesen Exkurs, nur von Relevanz, weil sie die Epochenfrage artikuliert hätten, was den Menschen noch zähme, wo Humanismus und Selbstzähmung gescheitert seien, und ob sich die Frage nach der Formung des Menschen überhaupt noch stellen lasse. Fest stehe jedenfalls, daß Heidegger den sozialgeschichtlichen ,,Akt des Zur-Welt- Kommens"10, ebenso wie die Lichtung des Seins als Kampfplatz der Entscheidung und Selektion außer Acht gelassen habe. Nietzsches ,,Zarathustra" wird herangezogen, um die Schwelle von Heideggers metaphorischem Haus der Sprache zu realen Domizilen zu überschreiten. Es folgt ein Diskurs über den Menschen als zähmende und züchtende Gewalt, als erfolgreicher Züchter, der aus dem wilden Menschen den verkleinerten Menschen gemacht hat. Es handelt sich hierbei um Zarathustras und somit Nietzsches Humanismus-Kritik. Es seien die Lehrer und Priester, die die Züchtungsmonopole hätten, und der Grundkonflikt der Zukunft sei ein Konflikt zwischen Klein - und Großzüchtern, zwischen Humanisten und Superhumanisten, zwischen Menschenfreunden und Ü bermenschenfreunden. Nietzsche stellt somit den Humanisten dem Übermenschen gegenüber. Da der Übermensch im nietzscheanischen Sinne, derjenige Mensch ist, der sein Sein selbstentworfen hat, der selbstbestimmt ist, und dessen Bild von der Welt sowie seine Handlungsregeln aus ihm selber heraus kommen, muß es sich beim Humanisten konsequenterweise um das Gegenteil handeln. Zugespitzt würde dies bedeuten, das humanistische Bild vom Menschen sehe einen - wahrscheinlich durch Bücher - domestizierten, fremdbestimmten Menschen vor, der ein vorgegebenes Bild von der Welt hat und nur nach ihm vorgegebenen Regeln handelt. Doch warum führt Sloterdijk Nietzsche an? Nutzt Sloterdijk Nietzsche, um seine Meinung zum Humanismus kund zu tun ? Sollte dem so sein, so wiederspricht er sich insofern, als daß er zuvor noch die Ansicht vertrat, man könne den Humanismus nicht auf die These der literarische Domestikation reduzieren. Zumal es ebenso Nietzsche war, der gesagt hat, daß das Ziel des Humanismus nie erreicht worden sei, weil ,,der neue von Griechenland und Rom her [...] strömende klassische Geist auf das Gymnasium geleitet wurde" aber, ,,das Wichtigste nicht gelungen" sei, nämlich ,,die Lehrer selbst mit diesem Geist zu weihen."11 Gleichzeitig sprengt Sloterdijk hier den humanistischen Rahmen. Und genau das ist seine Absicht, wenn man seinen Worten glauben schenken darf. ,,Es versteht sich von selbst, daß dergleichen nicht nur mit humanistischen zähmend-abrichtend-erzieherischen Mitteln geschehen konnte. Mit der These vom Menschen als Züchter des Menschen wird der humanistische Horizont gesprengt, sofern der Humanismus niemals weiter denken kann und darf als bis zur Zähmungs- und Erziehungsfrage: Der Humanist läßt den Menschen vorgeben und wendet dann auf ihn seine zähmenden, dressierenden, bildenden Mittel an - überzeugt, wie er ist, vom notwendigen Zusammenhang zwischen Lesen, Sitzen und Besänftigen."12 Nicht nur, daß Sloterdijk hier Erziehung und Zähmung gleichsetzt, er unterstellt dem Humanismus im gleichen Atemzug die Domestikation des vorgegebenen Menschen, und dies als das große Ungedachte des Humanismus von der Antike bis in die Gegenwart.

Nietzsche habe mit seinem Zarathustra zwar den Bogen überspannt, doch trotz aller Hysterie schaffe er eins, ein Nachdenken über die Humanität ,,jenseits der humanistischen Harmlosigkeit zu provozieren"13 So sei das Lesen zwar eine menschenbildende Großmacht, doch existierte auch das Auslesen, als Macht hinter der Großmacht. Und es sei dieser Zusammenhang zwischen Lesen und Auslesen, zwischen Lektion und Selektion, der trotz seiner unmöglichen Nachweisbarkeit, seine Realität besitzt. Durch die erst kürzlich durchgesetzte Alphabetisierung habe die Schriftkultur eine stark selektive Wirkung gehabt, so daß es sich bei der historischen Definition im anthropologischen Sinne beim Menschen um Tiere handelt, von denen die einen lesen können, die anderen nicht. Man könnte meinen, Sloterdijk werfe dem Humanismus an dieser Stelle vor, er sei Schuld an der späten Alphabetisierung der Allgemeinheit, zugespitzt sogar, der Humanismus habe die Alphabetisierung gar zurückgehalten, um eine Selektion der Menschen hin zu einer Elite zu vollziehen. Oder wollte Sloterdijk nur einen Übergang schaffen, um unbedingt auch noch Platon ins Felde zu führen? Denn scheinbar soll dieser die Menschenzucht als historisches Phänomen begründen und als im menschlichen Verhalten angelegt beweisen. Jedenfalls ist es ,,die Signatur des technischen und anthropogenen Zeitalters, daß Menschen mehr und mehr auf die aktive oder subjektive Seite der Selektion geraten, auch ohne daß sie sich willentliche in die Rolle des Selektors gedrängt haben müßten."14 In diesem Sinne scheine die nächste Periode der Menschheit begonnen zu haben, in der gattungspolitische Entscheidungen getroffen und ein Codex der Anthropotechnik formuliert werden müsse. Und so sind wir bei den ,,Regeln für den Menschenpark" angelangt. Ein solcher Codex bedeutet für den Humanismus, daß der Mensch für seine eigene Art ebenfalls eine Gefahr darstellt, und sich rausstellen wird, ob der Mensch es schafft, sich selbst zu zähmen. Sloterdijk scheint den Gedanke einer Elite für gegeben und nicht änderbar zu halten. Da die Menschen nach Sloterdijk eine gewisse Selektionsmacht nun einmal haben, gehe es nun lediglich darum, diese Macht aktiv aufzugreifen, und `Regeln für den Menschenpark´ zu formulieren, also Regeln der Machtverteilung und Selektion. Es zeigt sich ein Zwiespalt in Sloterdijk Ausführung zwischen aufklärerischem und anti-aufklärerischem Gedankengut. Einerseits wird an dieser Stelle der Rede deutlich, daß Sloterdijk dem Menschen quasi abspricht, selbstverantwortlich handeln zu können, und somit von der Macht einer Elite abzuhängen, die akzeptiert werden müsse, zum anderen dürften aber keine anderen höheren Gewalten anstelle des Menschen über diesen Macht ausüben.

Wir befinden uns in einer Enthemmungswelle. Darf man Sloterdijk glauben, daß der Humanismus immer dann zu tage tritt, wenn die Gesellschaft verwildere, so hieße dies, daß der Humanismus wieder gefragt wäre, um die Enthemmung des Menschen zu stoppen. Damit ist allerdings noch nicht geklärt, ob der Humanismus fähig ist, den gesellschaftlichen Wandel so aufzugreifen und umzusetzen, daß er aktiv ´handeln` kann. Und noch mehr stehe am Horizont geschrieben, nämlich ob es im Rahmen der Anthropotechnik zu einer ,,expliziten Merkmalsplanung", oder zur ,,Umstellung vom Geburtenfatalismus zur optionalen Geburt und pränatalen Selektion" komme.15

In der Elmauer Rede ist Platons ,,Politikos" das historische Beispiel dafür, daß die Menschen auch damals in züchtende und gezüchtete unterteilt waren. Eigentlich handelt es sich in dieser Schrift um ein Gespräch über den Anspruch der Politiker auf ein für die Menschenführung entscheidendes Wissen. Man kann den Dialog natürlich auch wie Sloterdijk, als ein ,,Arbeitsgespräch unter Züchtern"16 deklarieren, und die Anbindung an das Thema schaffen, indem man interpretiert: ,,Was sich als Nachdenken über die Politik präsentiert, ist in Wahrheit eine Grundlagenreflexion über Regeln für den Betrieb von Menschenparks."17 Es geht im Politikos um die Frage, ob es eine graduelle oder spezifische Differenz zwischen der Population und der Direktion eines Staates gibt, denn diese Frage entscheidet über die Herrschaft durch eine Wahl - Direktion oder eine Direktion aus Einsicht. Ob der Dialog die Einleitung in eine politische Anthropotechnik darstellt, bleibt dahin gestellt. Fest steht, daß der ,,platonische Zoo"18, wie Sloterdijk ihn nennt, nur den ersten Teil des Dialoges darstellt, und durch das Mittel der begrifflichen Zweiteilung, der Dichotomie der Wirklichkeit zustande kommt. Was wiederum in gewisser Hinsicht für Sloterdijk Auslegung spricht, ist die Tatsache, daß der junge Sokrates die Definition des Politikers als Hirte einer zweifüßigen ungefiederten und ungehörnten Herde zufrieden annimmt. Ich möchte mich hier nicht in philosophischen Differenzen verlieren. Sloterdijk stellt den Dialog sicherlich richtig dar, und doch kann man schon ein zweitesmal den Eindruck gewinnen, als wähle er die Passagen der zitierten Werke rigide nach deren Nutzen für seine Argumentation aus. Denn nach Sloterdijk legitimiert der Platon-Dialog seine These einer Zweiteilung der Menschen, und somit der Notwendigkeit einen Codex der Anthropotechnik zu formulieren insofern, als das es in ihm letztendlich um die Neuzüchtung von Menschen gehe. Und so finde der platonische Herr sein Herrsein in einem züchterischen Königswissen, anders formuliert, einem Expertenwissen im Sinne königlicher Anthropotechnik, die die optimalen Eigenschaften der Menschenart, die kriegerische Tapferkeit und die philosophisch-humane Besonnenheit ineinanderflechtet. Hierzu benötigt der König jedoch die Selektion jeglicher Entartung. ,,Was Plato durch den Mund seines Fremden vortragen läßt, ist das Programm einer humanistischen Gesellschaft, die sich in einem einzigen Voll-Humanisten, dem Herrn der königlichen Hirtenkunst, verkörpert. Die Aufgabe dieses Über-Humanisten wäre keine andere als die Eigenschaftsplanung bei einer Elite, die eigens um des Ganzen willen gezüchtet werden muß."19 Hier tritt ein weiterer schwerer Vorwurf an den Humanismus zutage, den ich im Verlaufe der Arbeit aufgreifen werde, den Vorwurf der Elitebildung. Sloterdijk wirft dem Humanismus damit vor, daß er einerseits selektiere, um den bestmöglichen Menschen auszusondern, und andererseits, daß eine Elite existiert, deren Aufgabe darin besteht, ihresgleichen heranzuzüchten. Und wie schon bei Platon derjenige als Hüter auserkoren wird, der ein irdisches Abbild des ursprünglich göttlichen Hirten verkörpert, so wählte auch der Humanismus diejenigen Weisen, deren Erinnerung an die antiken Vorbilder am lebhaftesten waren. Heute, wo diese Weisen nicht mehr existieren, bleiben nur noch deren Schriften, welche jedoch längst vergessen in den Archiven auf eine erneute Beachtung warten. ,,Alles deutet darauf hin, daß Archivare und Archivisten die Nachfolge der Humanisten angetreten haben."20

3. Das Ende des Humanismus

In seiner Elmauer Rede wirft Peter Sloterdijk dem Humanismus vor, an sein Ende gekommen zu sein. Wobei Humanismus hier zweierlei Bedeutung hat. Einmal handelt es sich um den Humanismus als Gymnasialideologie der bürgerlichen Gesellschaft im 19. und 20. Jh., das andere Mal bezeichnet er den neuzeitlichen Humanismus als Schul- und Bildungsmodell. Auffallend ist, daß Sloterdijk, ob vergangen oder neuzeitlich, den Humansimus als reine Bildungsideologie sieht. Es geht in der ganzen Rede um Erziehung, Züchtung und Zähmung, wobei Sloterdijk diese Begriffe gleichbedeutend einsetzt. Kann man den Humanismus überhaupt als ein rein bildungstheoretisches Phänomen sehen?

Geschichtlich wird der Humanismus in drei große Phasen eingeteilt, obwohl er weit öfter zu Tage getreten ist. Im 12. Jh. und Anfang des 13. Jh. wird erstmalig eine Form des Humanismus offenbar, der christliche Humanismus. Kirchväter wie Klemens von Alexandria setzten sich mit dem nichtchristlichen Altertum auseinander und beeinflussten die mittelalterliche, nationalsprachliche Dichtung durch ihre Bemühungen. Doch noch im 13. Jh. wurden die humanistischen Studien durch das Vordringen der philosophischen, naturwissenschaftlichen und theologischen Scholastik wieder vernachlässigt. Erst im 14. Jh. wird der Humansimus wieder aktiv, in der ersten wirklich bedeutende Phasen des italienischen Renaissance-Humanismus. In dieser Zeit geht es vor allem um die Erschließung, Übersetzung und Chronologisierung antiker römischer Literatur. Das Ergebnis war die Entstehung einer eigenständigen, neulateinischen Dichtung, und der erste Versuch, die Volkssprache dem neuen, nach Ciceros Vorbild entwickelten Stil anzunähern. Erst seit dem 15. Jh. beschäftigte man sich auch mit dem griechischen Schrifttum. Am Hofe Karls IV. in Prag entsteht der Kanzlei-Humanismus durch Kanzler Johann von Neumarkt. Zweites humanistisches Zentrum wird Wien unter Karl Friedrich II. Der deutsche Humanismus bleibt jedoch grundsätzlich eine Sache der Gelehrten. Die humanistische Grundhaltung dokumentiert sich in dieser Phase äußerlich vor allem in der Latinisierung und Gräzisierung der Namen und in der Einführung lateinischer und griechischer Fachtermini in die deutsche Sprache. Als singulärer Gipfel des mitteleuropäischen Humanismus steht Erasmus von Rotterdam als Meister der bonae litterae und der eleganten Latinitas. Er vereinte in sich die beiden Strömungen des deutschen Humanismus, die religiöse, mit dem Versuch, zu den Ursprüngen des Christentums zurückzukehren, und die ästhetisch-philologische, mit dem Ziel der Pflege antiker Literatur. Wiederum eine Person markiert den Endpunkt des deutschen Humanismus, der Gesinnungshumanist und Dichter Ritter Ulrich von Hütten. Er offenbarte erstmals die Unvereinbarkeit von humanistischen Idealen mit der Tagespolitik. Da sich die humanistischen Ideen letztlich in den politischen und religiösen Kontroversen der Reformation als ungeeignet erwiesen, wurde der Humanismus, obwohl Wegbereiter der Reformation, in die Gelehrten-Stuben abgedrängt.

Erst im 18. Jahrhundert erlebt der Humanismus als sogenannter Neuhumanismus, oder Zweiter Humansimus eine erneute Blüte. Der neue Humanismus belebte die Ideen wieder, im Besonderen das Bildungsideal einer autonomen, sich frei und harmonisch entfaltenden, universal gebildeten Persönlichkeit. Man suchte nach einem neuen Menschenbild, verlangte nach neuen geselligen Formen, rief nach einer, den klassischen Vorbildern ebenbürtigen Kunst, und hatte das Bedürfnis nach einer neuen Menschenerziehung. So stellt die Epoche des Neuhumanismus die Blütezeit künstlicher Erneuerung dar, die sich in der Dichtung an die Namen Lessing, Schiller, Goethe und Hölderlin knüpft, und in der Baukunst durch Schinkel repräsentiert wird. In der Pädagogik ist vor allem Humboldt zu nennen, der eine proportionierliche Ausbildung der Kräfte forderte, und die Bildung des Geschmacks als unentbehrliches Regulativ für die räsonierende Vernunft und das pragmatische Handeln verstand. Zusammen mit Hegel legte er die Grundlage des preußischen Schul- und Universitätswesens.

Im Bildungsbegriff verdichteten sich humanistische und aufklärerische Elemente zum Programm der Förderung der Humanität des Einzelnen und der Herausbildung einer kritischen Vernunft und Emanzipation des Individuums zu gesellschaftlicher Brauchbarkeit.21 Der moderne Bildungsstoff wurde schließlich in der um 1750 neuentwickelten Realschule verwirklicht. Der Neuhumanismus aber verebbte, noch ehe er sich richtig entfaltet hatte, im Widerstreit von Restauration und Reaktion, in der Demagogenverfolgung und Deliberalisierung nach den Freiheitskriegen.

Im 19. Jh. kann man nicht mehr von einer humanistischen Bildungsbewegung sprechen. Der zunehmende Konflikt mit der realistischen Bildung, die auf Modernität setzte, und der die Philanthropen huldigten, führten zu ihrem Niedergang. ,,Der Humanismus überlebt [...] als Schulveranstaltung, in Auseinandersetzung verstrickt mit Naturalismus, Utilitarismus, Pragmatismus. Das Zeitalter der großen Industrie, der technischen Durchdringung der Welt und der Entfaltung der Naturwissenschaft fragt nach anderen Bildungsmitteln als denen, die die klassischen Traditionen beizubehalten scheinen."22 Antihumanistische Strömungen machen sich breit.

Erst im ersten Drittel des 20. Jh. meldet sich der Humanismus unter Eindruck des Verfalls der alten Ordnungen im Ersten Weltkrieg und der Ausbreitung der Totalitarismen wieder zu Wort. Es handelt sich um die Phase des Dritten Humanismus zwischen den beiden Weltkriegen. Das Haupt dieser Bewegung war Werner Jaeger. Der Dritte Humanismus war mehr pädagogisch ausgerichtet, mit nationalen Zügen. Diese ausschließlich akademische Bewegung versuchte, die Antike als grundlegendes Bildungselement für die Gegenwart zu erhalten und neu zu beleben. Doch mißglückte die Schaffung von Einheit zwischen dem modernen Menschen in seiner Gesamtheit, und dem Leben. Ungewollt lieferte der Dritte Humanismus in seiner nationalen Orientierung Stichworte für den Nationalsozialismus.

Die geschichtliche Abhandlung zeigt, das es seit der Begründung des historischen Humanismus viele Spielarten dieses Phänomens gab, einen christlichen Humanismus, den wissenschaftlichen Renaissance-Humanismus, den Neuhumanismus nach Humboldtscher Prägung und einen akademisch-künstlerischen Humanismus. Zwar hat sich der Humanismus theoretisch als Bildungsmodell erwiesen, dennoch ist nicht außer Acht zu lassen, daß er auch praktisch seine Spuren hinterlassen hat. Nicht nur, daß die führenden Köpfe der Französischen Revolution allesamt humanistischer Erziehung und Ideologie waren, auch großen Denker vergangener Jahrhunderte, vom Philosophen bis zum Dichter, haben aufgrund ihrer humanistischen Überzeugung, diesen in ihren Werken praktiziert. Zudem realisierte sich der Humanismus in den Realschulen und Realgymnasien - auch wenn dahin gestellt bleibt, ob man die heutige Realschule noch mit dem Humanismus in Verbindung bringen kann oder sollte. Bei alle Theorielastigkeit und der mangelnden praktischen Verwirklichung der Ideen, wird man dem Humanismus durch eine Reduzierung auf die schriftliche Überlieferung und auf Bücher jedenfalls nicht gerecht.

Wenn sich der Humanismus nicht auf die reine textliche Überlieferung reduziert, kann man dann vom Ende des Humanismus sprechen? Auch hier ist Peter Sloterdijk zu wiedersprechen. Unter historischer Betrachtung hat der Humanismus gezeigt, das jeder Blüte ein Abstieg folgte. In diesem Sinne ist eher von wiederkehrendem Aufleben und Rückzug des Humanismus zu sprechen, nicht seinem Ende. Denn, und in diesem Punkt ist Sloterdijk zuzustimmen, die Menschen scheinen sich immer dann der Menschlichkeit zu besinnen, wenn ein gesellschaftlicher Mißstand oder eine gesellschaftliche Not bestehen. Zudem sollte von Rückzug gesprochen werden, weil schon die stete Produktion von Büchern zum Humanismus zeigt, das er wenigstens im akademischen Bereich fortwährend von Belang zu sein scheint. Und auch im Lehrpersonal unserer Schulen findet man noch heute Ideologen der Menschlichkeit - ohne damit die 68er Lehrerschaft anzusprechen. Es braucht immer wieder Intellektuelle und Gelehrte, die die Gesellschaft auf ihre Mißstände aufmerksam machen, und indem sie den Humanismus wieder ins Gespräch bringen, diesen aus seiner Versenkung holen.

Problematisch ist dabei die mangelnde Anpassungsfähigkeit des Humanismus an den gesellschaftlichen Wandel. Nicht, daß der Humanismus sein Ziel einer literarischen Gesellschaft verabschieden muß, vielmehr muß ein methodischer Wandel vonstatten gehen. In unserem technologisierten Zeitalter müssen die Kommunikationsmittel ausgeweitet und die zeitgenössischen Medien, wie das Internet, im Sinne technisierter Literatur eingeschlossen werden. Denn der Humanismus hatte nie zum Ziel, die Gesellschaft und die politischen Strukturen zu literarisieren, vielmehr wollte er die Gesellschaft vermenschlichen. Der Mensch sollte im Zentrum der Gesellschaft und der Bildung stehen. Die Literatur spielt im Humanismus die Rolle des Lieferanten antiker, vorbildlicher Denkweisen. Sloterdijk hat recht, wenn er vom Medium der Schrift spricht, wird diesem Medium mit dessen Verabsolutierung als Zentrum des Humanismus aber nicht gerecht. Insofern kann der Humanismus auch nicht an sein Ende gekommen sein, weil das telekommunikative Band nicht mehr zu knüpfen verstünde. Natürlich muß sich der Humanismus endlich den technischen und gesellschaftlichen Veränderungen anpassen und die modernen Möglichkeiten nutzen. Dies nicht zu tun, entspricht dennoch keinem Todesurteil, sondern dadurch, das die Gesellschaft nicht erreicht werden kann, dem Urteil, in den Gelehrten-Stuben zu verweilen.

Genau diesen Gedanken hat Sloterdijk zugespitzt, und aus dem Versunkenen, die Gesellschaft nicht erreichenden Humanismus einen toten Humanismus gemacht. Erreichen wollte Sloterdijk damit, das der Humanismus wieder aus seiner Versenkung an die Öffentlichkeit getragen wird, denn ,,Wer heute nach der Zukunft von Humanität und Humanisierungsmedien fragt, will im Grunde wissen ob Hoffnung besteht, der aktuellen Verwilderungstendenzen beim Menschen Herr zu werden."23

4. Der Humanismus als elitebildende Bewegung

Es ist die erzieherische Zähmung die Peter Sloterdijk zu der These führt, der Humanismus ziehe sich eine Elite heran. Selektion als die Macht hinter der Großmacht Lesen, wie Sloterdijk es ausdrückt, führe zu gezüchteten und züchtenden Menschen, zu ,,literaten" und ,,illiteraten" Menschen.24

Dem Humanismus wird in der Tat vorgeworfen, mit dem Konzept der Erziehung zur gesellschaftlichen Brauchbarkeit nicht die Idee der Allgemeinbildung vertreten zu haben. Und auch der Vorwurf der Eliteschulen, wurde nicht erst von Peter Sloterdijk erhoben. Entgegengehalten wird diesen Vorwürfen von Seiten Günther Böhmes, daß auch das philanthropische Programm der Aufklärer nicht über die Grenzen eines bürgerlichen Schulbetriebs hinauskamen, ebenso wenig wie die Schule eines Campe. Pestalozzi sei der einzige gewesen, der im wahrsten Sinne des Wortes Volksbildung über alle zeitgenössischen Strömungen hinweg repräsentiert habe. Doch Aufklärer und Humanisten stimmen darin überein, mit ihrem praktischen Bildungsprogramm nur kleine Gruppen erreicht zu haben.25 Dem entgegen steht, daß Humboldts Reformentwürfe auf die Schaffung einer allgemeinen Schule hinauslaufen. Ebenso, daß Humanisten und Aufklärer sehr wohl den Anspruch hatten, daß Bildung allgemein werde. Der Begriff der Allgemeinbildung der Humanisten wird dabei durch Pestalozzi versichert, der die Vernunftbildung des gemeinen Mannes mit der Bildung zur Humanität verknüpft.

Man kann dem Humanismus vorwerfen, als Theorie von Gebildeten und Gelehrten nie die Umsetzung in die Praxis vollzogen zu haben. Ihm nicht vorwerfen kann man aber, er habe durch Domestikation die Menschheit gespalten in des Lesens und Schreibens mächtige Menschen, und Analphabeten. Denn mag man dem Humanismus auch vorwerfen, er habe die Entwicklung einer neuhochdeutschen Schriftsprache aus dem Spätmittelhochdeutschen zunächst verzögert, so hat er nicht die Alphabetisierung unterbunden. Er hätte natürlich die Schriftlichkeit überwinden, und sich auch in anderer Form an die Menschen wenden können, um zu gewährleisten, alle zu erreichen. Schon die Historie der Flugblätter zeigt, daß man auch den Analphabeten als Empfänger erreichen konnte. ,,In der Vorgeschichte des Buchdruckes behalf man sich mit Tonstempeln (seit 12Jh.) und mit dem Holzschnitt (seit etwa 1400).

Damit wurden Einblattdrucke aus Bildern mit kurzen erklärenden Texten hergestellt, [...]. Diese Druckform des Halbalphabetismus spielte bis in 16. Jh. eine große Rolle bei der Popularisierung des Lesens, [...].26 Elitebildung könnte man dem Humanismus somit in dem Rahmen unterstellen, daß er seine Ideen nicht in allen Kreise zu verbreiten schien. Aber handelt es sich hierbei wirklich um Elitebildung? Statt Elitebildung sollte man dem Humanismus Ignoranz vorwerfen, da es ihm in erster Linie um die Verwirklichung von Reformgedanken und bildungstheoretischen Ideen ging. Bei dieser Durchsetzung war es wiederum leichter, die gehobenen bildungsbürgerlichen Schichten für das humanistische Ideengut zu gewinnen, als dem Volk zur humanistischen Bildung zu verhelfen. Bei allen Gedanken an eine Allgemeinbildung, zählte immer zuerst der Gedanke an die Realisierung humanistischen Gedankengutes, und diese wiederum war mit Hilfe des wohlhabenden Bildungsbürgertums einfacher durchzusetzen. Und doch handelt es sich bei aller bewußten Ignoranz dennoch nicht um einen Prozeß der Selektion. Der Humanismus hat eine Reform in Gang gebracht, die immer wieder zum Stillstand kam, weil der Humanismus dem jeweiligen gesellschaftlichen Wandel nicht gewachsen, an ein vorübergehendes Ende gelangte. Bei aller Bruchstückhaftigkeit hat er aber unser heutiges Schulwesen entschieden beeinflusst.

Das die Schulen der Humanisten Eliteschulen waren, ist weder ein Geheimnis, noch wird es abgestritten. Zwar wurden aus allen Schichten des Volkes Schüler rekrutiert, doch wurde auch so nur eine alphabetisierte Minderheit herangezogen. Die Realschule und das Realgymnasium waren die ersten Versuche, das humanistische Bildungsmodell über einzelne Schulen hinaus zu verbreiten. Doch abgesehen von der verbleibenden Analphabetenzahl, waren diese Versuche verspätet und singulär. Sowohl die Ideologiebildung, als auch die praktische Umsetzung des Humanismus, sind nie aus den Gelehrtenkreisen hinausgetreten, konnten somit nie Allgemeingut werden, geschweige denn eine Allgemeinbildung erreichen. Die Realschule konnte sich zwar bis in die heutige Zeit halten, doch ist sie schon aufgrund der Veränderungen hin zum heutigen Schulwesen nicht mehr vergleichbar.

Günther Böhme geht so weit, die heutigen Bildung im Sinne einer Allgemeinbildung anzuzweifeln. ,,Erst der in den letzten Dekaden des 20.Jh. dominierenden Generation und dem von ihr inspirierten, auf plattes Anspruchsdenken und materialistischen Konsum ausgerichteten Zeitgeist ist es gelungen, die Idee einer Allgemeinbildung aus dem Bewußtsein der Allgemeinheit zu verdrängen, um im Namen einer gründlich mißverstandenen

Chancengleichheit einen Egalitarismus auf geringstem Niveau zu suchen."27 Bedeutet die Schulpflicht und ein ausgedehntes Schulsystem bereits, daß jeder eine Allgemeinheit erhält? Steht die heute so groß geschriebene Chancengleichheit wirklich auf einer Stufe mit der Allgemeinbildung? Die Analphabetenrate spricht dagegen. Weder die Chancengleichheit noch die Allgemeinbildung werden wirklich erreicht. Denn die schulische Laufbahn ist auch heute noch grundsätzlich von den soziokulturellen Voraussetzungen abhängig. Der Humanismus aber hat heute zu wenig Einfluß, um dieses Phänomen zu beeinflussen.

Kann man dem Humanismus eine Elitenbildung vorwerfen, wenn die ganze Gesellschaft von Elite-Gruppen regiert wird, zuständig dafür einen angeblich allgemeingültigen Konsens in allen Bereichen zu bilden? Nehme man die Universitäten, die nach wie vor als Elitebildungszentren gelten. Immerhin haben die Humanisten Hegel und Humboldt die Grundlagen für das Universitätswesen gelegt. Da Legislative und Exekutive fast ausschließlich aus der akademisch gebildeten Schicht stammen, kann auch hier der Vorwurf der Elitebildung wieder angesetzt werden. Widersprüchlich ist dieser Gedanke allerdings insofern, als das es sich bei der ursprünglich humanistische Institution inzwischen um einen Selbstläufer handelt. Die Gesellschaft wird natürlich von einer Elite geführt, bzw. regiert, die die Normen festsetzt. Zu bestreiten ist jedoch, daß es sich bei dieser Elite um Humanisten und ihre Schüler handelt. Vielmehr handelt es sich heute in der Legislative um eine technokratische Elite, bei der Ökonomie, Effektivität und Fortschritt im Vordergrund stehen. Eine humanistische Elite findet sich nur noch als Gelehrten-Elite innerhalb des akademischen Systems. Wobei der Einfluß dieser Gelehrten angesichts des gesellschaftlichen Wandels hin zur Marktwirtschaft geschwunden ist.

,,Damit ist jeder Versuch den Humansimus zum dogmatisch festgelegten Reservat von soziologisch, weltanschaulich oder pädagogisch begrenzten Gruppen zu machen, abgelehnt."28

5. Fazit

Die vorausgegangene Beschäftigung mit der Elmauer Rede und dem Humanismus hat gezeigt, daß ich weder Peter Sloterdijks These vom Ende des Humanismus, noch der These, der Humanismus sei elitebildend zustimme. Neben der Kritik der Pauschalisierung humanistischer Ideen durch Sloterdijks Thesen, habe ich versucht verschiedenste Gedanken und Fragen aufzugreifen und in meine Überlegungen und Erarbeitung mit einzubeziehen.

Die ganze Geschichte des Humanismus hindurch von den italienischen Anfängen in der Toskana bis zur Weimarer Republik durchzieht sich ein Disput, wie weit die Vorbildlichkeit der Alten reiche, worin ihre Überlegenheit gründe und ob sie von den Neuen übertroffen werden könne und auch tatsächlich übertroffen werden.29

Tatsache ist, daß es sich im Falle des Humanismus um eine jahrelange Idealisierung der Zeit und der Epoche handelte, da der historische Humanismus die Dinge nicht so sehen konnte, wie sie heute erscheinen. Der Humanismus hatte genauso seine Schwächen wie andere vorausgehende und nachfolgende Geschichtsepochen. So beachtete die athenische Demokratie das Volk als Masse kaum. Und hinter der Entwicklung des römischen Bauernstaates zum Imperium stehen nicht nur Heldentaten, sondern auch eine Kette von Ereignissen des Krieges und der Unterdrückung. Schrankenlose Expansion, die Unterjochung freier Völker und die Ausplünderung ganzer Nationen kennzeichnen die Antike ebenso wie deren Literatur und Stil. ,,Die Äußerung einer radikalen Machtpolitik trüben das Ideal klassischer Größe und sind charakteristische Momente jener Zeit, die aus dem Bild der Antike nicht weggedacht werden können."30 Und auch unter Einführung des Humanismus blieb die Kriegsführung auf der alten Linie der Grausamkeit.

Es zeigt sich, daß der Humanismus kritisch zu betrachten ist, und Mängel und Fehlleistungen, bei aller Bewunderung für das humanistische Gedankengut, nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Aber ist der Humanismus angesichts der heutigen Gesellschaft fähig, der ,,Verwilderung" des Menschen entgegenzuwirken?

,,Nicht wegen des Humanismus, sondern wegen der Nichtanerkennung seiner Lehre sind wir wieder an einem Stadium angelangt, in dem man von einer echten Kulturkrisis sprechen muß."31 Schon das Alter des Buches Adolf Bohlens zeigt, daß wir entweder seit den fünfziger Jahren in einer Dauerkrise stecken, oder sich bewahrheitet, daß es gesellschaftliche Krisen braucht, damit auffällt, daß dem Humanismus entsagt wurde.

Auch Erich Fromm sieht die Wiederbelebung des Geistes der Aufklärung als Überlebenschance der Zivilisation, die heute an der Entfremdung leide. Diese Krankheit des Jahrhunderts, definierten schon Hegel und Marx als Verlust des Menschen, sich als Zentrum seiner Tätigkeit zu erleben. Doch, und damit sind wir bei den Voraussetzungen zum Aufleben des Humanismus, müssen die humanistischen Werte im persönlichen und gesellschaftlichen Leben realisiert werden.32

Peter Sloterdijk äußert in seiner Elmauer Rede keine klare These oder Überzeugung zum Humanismus. Er spitzt lediglich jegliche Vorwürfe an diesen, sowie alle grassierenden Zukunftsvisionen aufs äußerste zu. Und genau dies ist typisch für den großen Metaphoriker Sloterdijk. Diskussionen provozieren ohne eine klare Stellungnahme seinerseits. Wie man vergeblich versucht, seine waghalsigen Metaphern mit Inhalt und Bedeutung zu füllen, genauso kann man auch bei der Elmauer Rede nur Spekulationen einer vertretenen Position aufstellen. Auf den Humanismus bezogen, äußert er sich sehr ambivalent. Einerseits prangert er den Humanismus als veraltet, der Tendenz entgegenwirkend und den Medien nicht gewachsen an, andererseits sieht er die Gesellschaft verwildern und fragt nach der Zukunft der Humanität, als Chance den Verwilderungstendenzen Herr zu werden. Eine weitere Ambivalenz eröffnet sich im Vorwurf, der Humanismus sei an Bücher und die Schriftlichkeit gebunden und der Aussage, der Humanismus bedeute mehr als bukolische, literarische Bildung. Doch schon die Auseinandersetzung mit dem Thema, die bewußte Provokation zur Diskussion zeigt zweierlei: einmal, daß der Humanismus aus seiner Versenkung geholt werden muß, keinesfalls aber Tod ist, und zweitens, daß Sloterdijk schon durch die Ambivalenz, mit der er an das Thema Humanismus geht, diesen wenigstens nicht ablehnt, wenn er ihn auch stark kritisiert. Die Kritik wiederum ist mehr als angebracht, wenn der Humanismus jemals ins Wirkungsfeld der Gesellschaft zurücktreten soll. Denn in seiner Methode ist er durchaus veraltet und reformbedürftig.

6. Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

Sloterdijk, Peter: Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus - die Elmauer Rede. In: Zeitdokumente 2 (1999), S. 4-15.

Sekundärliteratur:

Böhme, Günther: Humanismus zwischen Aufklärung und Postmoderne. Idstein, 1994.

Böhme, Günther: Wirkungsgeschichte des Humanismus im Zeitalter des Rationalismus. Darmstadt, 1988.

Bohlen, Adolf: Moderner Humanismus. Heidelberg, 1957.

Hoffmann, Ernst: Pädagogischer Humanismus. Zürich u. Stuttgart, 1955

Fromm, Erich: Humanismus als reale Utopie. Der Glaube an den Menschen. Weinheim und Basel, 1992.

Richter, Arnd: Die Jagd nach Identität. Oldenburg, 1997.

[...]


1 Vgl. Sloterdijk, Peter: Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus - die Elmauer Rede. In: Zeitdokumente 2 (1999), S. 4. (Im folgenden: Sloterdijk, Peter. S. 4)

2 Ebda. S. 5

3 Vgl. Sloterdijk, Peter. S. 5.

4 Ebda. S. 6

5 Ebda. S.6.

6 Ebda. S.6.

7 Ebda. S.6.

8 Ebda. S.9.

9 Ebda. S.9.

10 Ebda. S.9

11 Nietzsche, Friedrich: Menschliches, Allzumenschliches Bd.III. KSA 2. Hrsg. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Berlin u. New York, 1988. S. 210f.

12 Ebda. S.11.

13 Ebda. S.11.

14 Ebda. S.12.

15 Ebda. S. 12.

16 Ebda. S.12.

17 Ebda. S. 13.

18 Ebda. S.13

19 Ebda. S.14.

20 Ebda. S. 14.

21 Vgl. Böhme, Günther: Humanismus zwischen Aufklärung und Postmoderne, Idstein 1994.

S. 120 ff. (Im folgenden: Böhme, Günther. S. 120 ff.)

22 Böhme, Günther. S. 223.

23 Sloterdijk, Peter. S. 6.

24 Vgl. Sloterdijk, Peter. S. 12.

25 Vgl. Böhme, Günther. S.124 ff.

26 Polenz, Peter von: Deutsche Sprachgeschichte Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Berlin u. New York. S. 130.

27 Ebda. S. 124.

28 Bohlen, Adolf. Moderner Humanismus. Heidelberg, 1957. S. 21. (Im folgenden: Bohlen, Adolf. S. 21)

29 Böhme, Günther. S. 33f.

30 Bohlen, Adolf. S. 11.

31 Bohlen, Adolf. S.12.

32 Vgl. Fromm, Erich: Humanismus als reale Utopie. Weinheim u. Basel, 1992. S. 26ff.

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Details

Titel
Der Humanismus in Peter Sloterdijks Rede "Regeln für den Menschenpark" Ein Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus - Die Elmauer Rede-
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Bildung durch Literatur
Autor
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V97557
ISBN (eBook)
9783638960090
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Humanismus, Peter, Sloterdijks, Rede, Regeln, Menschenpark, Antwortschreiben, Brief, Humanismus, Elmauer, Rede-, Bildung, Literatur
Arbeit zitieren
Sarah Schwer (Autor:in), 2000, Der Humanismus in Peter Sloterdijks Rede "Regeln für den Menschenpark" Ein Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus - Die Elmauer Rede-, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97557

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