Figurenanalyse des "Riccaut de la Marliniere"


Ausarbeitung, 1999
5 Seiten

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Einleitung

1.) Nennen des Themas.

2.) Nennen der Primärtextausgabe:
- LESSING, GOTTHOLD EPHRAIM: Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück. Stuttgart 1996.

3.) Nennen der verwendeten Sekundärliteratur:
- HEIN, JÜRGEN: Gotthold Ephraim Lessing. Minna von Barnhelm. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart 1977.
- MARTINI, FRITZ: Riccaut, die Sprache und das Spiel in Lessings Lustspiel >Minna von Barnhelm<. In: Bauer, Gerhard und Sibylle (Hg.): G. E. Lessing. Darmstadt 1968, S. 376-426.
- SCHNEIDER, JOST: Einführung in die moderne Literaturwissenschaft. Bielefeld 1998.
- SCHWEIKLE, GÜNTHER und IRMGARD (Hg.): Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. 2., überarb. Aufl., Stuttgart 1990.

4.) Nennen des Ablaufes (Geschichte der Figur, Einordnung in das Figurenensemble, Charakterisierung der Figur und kleine Zusammenfassung).

Geschichte der Figur

Ich möchte zwei verschiedene geschichtliche Bezüge bzw. Ansätze, die ich über diese Figur gefunden habe, ausführen:

den stoffgeschichtlichen Bezug:

Riccaut trägt viele Züge der europäischen Komödienliteratur. Zum einen spiegelt sich in ihm die Typenfigur des Capitano (ital. = Hauptmann) der Commedia dell'arte (ital. Stegreifkomödie), einem prahlsüchtigen Militär, der seine Wirkung auf das Publikum aus dem Kontrast zwischen rhetorisch vorgetäuschtem Heldentum und tatsächlicher Feigheit zieht, wider. In eine ähnliche Deutungsrichtung fällt der Miles gloriosus des römischen Komödiendichters PLAUTUS. LESSING könnte diesen Typ unmittelbar aus den Stücken CARLO GOLDONIS (ital. Lustspieldichter, 1707-1793, der die Commedia dell'arte durch die Sitten- und Charakterkomödie nach dem Vorbilde MOLIÈRES erweitern wollte) erfahren haben.

Als weiterer Typ wird der schmeichlerisch-spitzbübische Parasit aufgeführt. Das ist eine Figur, die ihren Ursprung im antiken Drama hat. Sie schmeichelt sich durch kleine Dienste in reiche Häuser/Familien ein, und man findet sie eigentlich in jeder Epoche.

Schließlich wird noch der Harlekin genannt. Das ist der eingedeutschte Name der franz.

Bezeichnung der zweiten Dienerfigur der Commedia dell'arte, des ital. Zane. Diese Figur zeichnet sich dadurch aus, daß sie das Zentrum der Aktionskomik ist und meist gebrochen mit starkem Dialekt spricht.

den zeitgeschichtlichen Bezug:

Neben den vorher genannten Typen fand man aber auch reelle Vorbilder. Zum einen Andr é - Pierre Le Guai de Pr é montval, einen Abenteurer und Schriftsteller, der um 1750 zum Kreis der Berliner Franzosen gehörte, zum anderen den französisch stämmigen Offizier Guichard, Kommandeur eines Freibataillons.

Eine Anregung könnte LESSING auch aus dem Stück Sir Henry Wildair von GEORGE FARQUHAR (irisch. Bühnenautor, 1678-1707), in welchem direkt ein Deutsch-Franzose vertreten ist, gewonnen haben.

Fazit: Es sind vielfältige Möglichkeiten vorhanden! Wahrscheinlich ist die Figur des Riccaut eine geschickte Kombination der unterschiedlichsten europäischen Einflüsse!

Einordnung in das Figurenensemble

In welcher Relation steht Riccaut zu den anderen Figuren?

Flüchtig ließe sich sagen, daß er eine reine Randfigur wie die Dame in Trauer oder der Feldjäger ist. Dafür gibt es mehrere Hinweise: erstens - im Personenverzeichnis steht er an letzter Stelle; zweitens - er ist nur in einem Auftritt (4. Aufzug, 2. Auftritt) präsent, er findet darüber hinaus noch eine (nicht für die Figur unbedeutende) Erwähnung im 3. Auftritt und (für die Figur weniger bedeutende) im 6. Auftritt; drittens - bildet man ,,Pole" (,,Pol"Minna versus ,,Pol"Tellheim), kann man ihn scheinbar keiner der Parteien zuordnen, er liegt außerhalb.

Dementsprechend fiel auch vielfach Riccauts Beurteilung durch die Literatur- wissenschaft aus. Das allein wird der Figur allerdings nicht gerecht, vielleicht helfen die folgenden Fragen.

_Welche Funktion hat die Figur des Riccaut in der Handlung?

Eigentlich ist er ein Bote und zwar von einer durchaus positiven Nachricht für Tellheim, die bewirken würde, daß dieser seine starre Haltung aufgeben und Minna heiraten könnte. Es ist also eine Vorwegnahme des positiven Endes. Dadurch ist der Zuschauer entlastet und gespannt zugleich. Der Auftritt Riccauts nimmt somit dem doch recht ernsten Dialog zwischen Tellheim und Minna im 6. Auftritt die Schärfe und verhindert, daß das Stück in eine Tragödie abgleitet.

Hier ist interessant, wie Tellheim auf die Nachricht von Riccaut reagiert (S. 78, ab Z. 9). Aus der Reaktion Tellheims läßt sich etwas Grundsätzliches zum Verhältnis Tellheim - Riccaut sagen: Es ist gegensätzlich, weist dabei aber trotzdem bestimmte Parallelen auf, die in der folgenden Charakterisierung der Figur deutlicher herausgestellt werden sollen.

Charakterisierung

_Indirekte Charakterisierung

Ein wichtiges Moment bei der indirekten Charakterisierung der Figur des Riccaut ist das Kostüm. Es ist, führt man sich grundsätzlich den modischen Anspruch der Zeit vor Augen (Rokoko), gegenüber den anderen Figuren etwas stärker betont.

Ein weiteres Indiz für die indirekte Charakterisierung ist der Name:

Chevalier Riccaut de la Marlini è re, Seigneur de Pret-au-val, = Herr von Schuldental de la branche de Prens d'or = aus der Linie der Goldnehmer

Schließlich muß noch die Sprache erwähnt werden, diese Mischung aus Deutsch und Französisch bewirkt verschiedene Effekte:

erstens - auf das Publikum: konnte es Französisch?

zweitens - eine Kritik an die geringschätzige Meinung des preußischen Königs Friedrich II., über die deutsche Sprache und eine ,,verschlüsselte Botschaft" an den König (S. 65, Z.3 + Anm.), in der ebenfalls eine kritische Haltung in sozialer Sicht eingenommen wird.

drittens - das Spiel mit dem disparaten Charakter der unterschiedlichen Sprachen, das meint, den Versuch Riccauts mit der Absicht Minna, zu gefallen, indem er Tellheim mit französischen Höflichkeitsfloskeln ausschmückt, die aber eigentlich nicht das ausdrücken, was Tellheim wirklich aufgrund seiner Taten ist (Zitate: S.63, Z.34; S.65, Z.7).

Dadurch entsteht ein Gegensatz: einerseits Riccaut vs. Tellheim, anderseits Individuum vs. Gesellschaft ! Wenn Minna nur Deutsch sprechen möchte, macht sie eine Entscheidung für die Sprachwelt Tellheims und gegen die (abgestumpfte) Sprachwelt des Adels.

_Direkte Charakterisierung

Genannt werden müssen hier folgende Merkmale:

- Riccauts Entwicklung (S.65, Z. 33): sie hat einige Parallelen zu Tellheim (beide sind Offiziere, beide sind Ausländer (S.77, Z.29-31), beide haben sie eine hoffnungslose Zukunft vor sich, beide spüren den Undank des Königs, und beide sind entlassen).
- seine hochstaplerischen Ambitionen (edles Elternhaus, eigentlich Oberst - hier ist er nur Hauptmann, Essen mit dem Kriegsminister).
- seine Spielleidenschaft (besonders wichtig), denn einerseits weist sie aus dem Text heraus (LESSINGS Spielleidenschaft), andererseits stellt sie einen wichtigen Verbindungspunkt zwischen den Figuren dar: das Spiel trennt die Parallele zwischen Riccaut & Tellheim, und es verbindet Minna mit Riccaut.

Zusammenfassung

Riccaut ist eine in der europäischen Komödientradition angesiedelte Figur.

Er nimmt am Anfang des 4. Aufzuges die ,,Spitze" der folgenden ernsteren Auftritte (vor allen Dingen dem 6.) und bewirkt so das die Handlung von der Konsequenz bzw. vom Ende her gesehen im Rahmen des Lustspiels bleibt.

Er ist eine Erweiterung, Bestätigung (bezieht sich auf die ökonomische Situation) und Karikierung der Figur des Major von Tellheim.

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Details

Titel
Figurenanalyse des "Riccaut de la Marliniere"
Hochschule
Universität Potsdam
Autor
Jahr
1999
Seiten
5
Katalognummer
V97568
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konzeption eines Referates, Figurenanalyse aus Lessings "Minna von Barnhelm"
Arbeit zitieren
Stefan Jachmann (Autor), 1999, Figurenanalyse des "Riccaut de la Marliniere", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97568

Kommentare

  • Gast am 11.4.2002

    Minna von Barnhelm.

    Hi Du!Hast du nicht zufällig eine Charakterisierung von der Minna im Buch Minna von Barnhelm?Wenn du mir die bis Sonntag zuschicken köntest wäre ich di sehr dankbar!Wenn es geht auch vom Tellheim das ist aber nicht so wichtig.

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Titel: Figurenanalyse des "Riccaut de la Marliniere"


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