Psychomotorische Entwicklungsbegleitung eines autistischen Menschen


Seminararbeit, 2000

9 Seiten, Note: 1


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Inhalt:

1. Warum habe ich mir diesen Klienten ausgesucht?

2. Beschreibung

3. Planung der psychomotorischen Entwicklungsbegleitung

4. Warum habe ich so geplant

5. Verlauf der PEB

6. Reflexion der PEB

7. Verbesserungsmöglichkeiten

8. Weiterführende Maßnahmen

9. Hinweise

1. Warum habe ich mir diesen Klienten ausgesucht?

Während meines ausbildungsbegleitenden Praktikums arbeitete ich in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Hier lernte ich unter anderem eine autistische Patientin, die ich von Anfang an interessant fand, kennen.

Die Auswahl hatte eigentlich nur indirekt eine psychomotorische Entwicklungsbegleitung zum Ziel. Vielmehr war mir im Tagesablauf aufgefallen, dass es Tanja trotz ihrer scheinbaren Unfähigkeit, verständlich zu kommunizieren, verstand, ihren Willen sehr geschickt nonverbal bemerkbar zu machen.

Die Betreuer versicherten mir, dass Tanja im täglichen Umgang sehr anstrengend sei, da sie oftmals ohne ersichtlichen Grund laut schreien würde, aggressiv gegen ihre Mitpatienten vorgehe, die ruhig in der Sitzecke sitzen um Bilderbücher anzuschauen oder diversen Spielen nachgehen.

Schnell bemerkte ich, dass die eigentlich anstrengende Seite an Tanjas Verhalten die Angewohnheit war, in ihr Zimmer zu koten. Die Reaktion der Betreuer war, Tanja als Strafe kalt abzuduschen, was mich schlichtweg schockierte, da ich solche Methoden als unmenschlich empfand. Erstaunlicherweise hatte Tanja am Abduschen viel Spaß!

Die daraufhin folgende Teamreflexion ergab, dass Tanja einkotete, da sie ihre Lieblingsbeschäftigung- das Duschen (ob kalt oder warm)- auf diese Art und Weise erzwingen wollte. Diese Liebe zu Wasser brachte mich auf die Idee, ihr psycho-motorische Entwicklungsbegleitung doch mal in einem Schwimmbecken anzubieten.

2. Beschreibung

Tanja hatte noch keine ernsthafte Förderung erhalten. Sie lebte bisher bei ihrer Mutter und Großmutter, der Psychiatrieaufenthalt ist die erste Änderung in ihrer bisherigen Lebenssituation.

Tanja wurde in die Psychiatrie überwiesen, da sie extrem fremd- und autoaggressive Tendenzen entwickelt hatte.

Tanja ist 15 Jahre alt und für dieses Alter sehr groß und kräftig gebaut, körperlich nicht eingeschränkt. Man sieht ihr die Behinderung auf den ersten Blick nicht an, da sie muntere, lustig schauende Augen hat und ansonsten im Gesicht normal anatomisch geformt ist.

Sie ist in der Lage, ihr zugereichte Kleidungsstücke selbstständig anzuziehen. Bei der Körperpflege benötigt sie umfassende Hilfe. Signale ihres Körpers weiß Tanja richtig einzuschätzen und macht sich beispielsweise bemerkbar, wenn sie auf Toilette muss (ganz im Gegensatz zu ihrem absichtlichen Einkoten).

Körperliche Einschränkungen hat sie nicht, sie ist im Gegenteil sehr geschickt und schnell, vor allem wenn sie sich etwas zu essen besorgen will. Hier liegen auch ihre wenigen verbalen Ausdrucksmöglichkeiten (,,esse",,,blocher"= Schokolade).

Durch ihre verbalen Äußerungen wurde mir klar, dass Tanja durchaus in der Lage ist, gezielt Wort und Objekt miteinander zu verbinden. In anderen Situationen beobachtete ich, wie sie aus Bauklötzern sinnvolle Gebilde konstruierte ( Haus, Buchstabenähnliche Bauwerke etc.), außerdem beachtete sie die unterschiedlichen Farben der Bausteine und platzierte sie in erkenntlichen Mustern. Bilderbücher mit kurzen Texten betrachtete Tanja intensiv. Auffällig war, dass sie bei all diesen Tätigkeiten große Ausdauer zeigte.

Sie zeigt typische Merkmale von Autismus, d.h.

· Qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion

Tanja hat eine ausgeprägte Beeinträchtigung im Gebrauch vielfältiger nonverbaler Verhaltensweisen wie beispielsweise Blickkontakte, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Gestik zur Steuerung sozialer Interaktionen, des weiteren ist sie nicht in der Lage, entwicklungsgemäße Beziehungen zu Mitpatienten aufzubauen.

· Qualitative Beeinträchtigung der Kommunikation

Sie benutzt ihre Sprache nur stereotyp, wobei auffällt, dass sie nur Wörter sprechen kann, die mit ihren Vorlieben zusammenhängen (Essen, Schokolade).

· Beschränkte stereotype Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten

Tanja beschäftigt sich stundenlang mit Bauklötzern, die in bestimmten Geometrien zusammengesetzt werden, wobei die Intensität der Beschäftigung abnorm ist. Sie hält an starren, bestimmten, nicht funktionalen Gewohnheiten oder Ritualen fest, wie z.B. ständiges Zurechtrücken des Geschirrs auf dem Essenstisch, nach ihrer eigenen Ordnung, sowie langwierigen Duschritualen.

3. Planung der psychomotorischen Entwicklungs-begleitung

Hinweise, dass Tanjas taktile Wahrnehmungen gestört sind erhielt ich davon, dass sie oftmals ihre Kleidungsstücke vom Körper reißt, sowie Schuhe und Strümpfe nicht anbehält.

Ausschlaggebend jedoch waren meine Beobachtungen während des Duschens. Tanja bereitete es viel Spaß, sich auf den Abfluss zu setzen und somit das Wasser anzustauen, um im Wasser spielen zu können. Dabei schöpfte sie das Wasser mit ihren Händen und goss es über ihren Körper, außerdem schlug sie mit der Hand auf die Wasseroberfläche, sodass es nach allen Seiten spritzte.

Tanja suchte also ihr taktiles System selbst zu stimulieren.

Diese Wahrnehmungen wollte ich intensivieren und ausbauen.

Im Gebäude stand uns ein Schwimmbecken mittlerer Größe zur Verfügung, bei dem die Tiefe des Beckens stufenlos veränderbar war.

Hier hatte ich die Möglichkeit, Tanja ganzkörperlich das Gefühl von Wasser um ihren Körper zu bieten.

Dazu überlegte ich mir folgende Planung:

- Durchführung der PEB an einem Wochenende, da Tanja in der Woche ein intensives Schul- und Therapieprogramm zu absolvieren hat.
- Information der Kollegen
- Tanja vor der PEB noch einmal auf die Toilette bringen und einen Badeanzug anziehen
- In die Schwimmhalle gehen, die ich für den Zeitraum reserviert hatte, damit wir hier völlig alleine sind, da Tanja aufgrund ihrer autistischen Züge Kontakte zu Mitpatienten meidet und die Durchführung einer PEB fraglich gestalten würde.
- Tanja mit dem Wasser (Temperatur, Wassertiefe zuvor auf 0,85 m eingestellt) vertraut machen
- Situationsbezogene Hilfe beim Einstieg ins Wasserbecken bieten
- Verschiedene Bewegungsübungen im Wasser mit ihr durchführen, um ihr die Wasserströmung als Gefühl auf ihrer Haut bieten zu können. Dazu hatte ich mir vorher verschiedene Übungen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad parat gelegt.
- Nach der PEB aus dem Becken führen und abduschen und ihr beim Ankleiden helfen
- Als Gesamtzeitrahmen veranschlagte ich ca. 45 Minuten

Benötigte Materialien:

- Badeanzug
- Handtücher und Waschutensilien
- Wechselsachen
- Bademantel

4. Warum habe ich so geplant

Diese Durchführung hat natürlich nicht ausschließlich eine Stimulation ihres taktilen Systems zur Folge. Durch die verschiedenen Bewegungen wird auch ihr vestibuläres System angeregt, dem ich aber nicht die Hauptbedeutung zuordne, da Tanja beim Duschen sich eindeutig taktil stimulierte und ihr Bedarf wohl eher in dieser Richtung lag.

Bei Autismus ist das ,,Ich"- Empfinden sowie eine Unterscheidung zwischen ,,Ich", ,,Du" und ,,Umwelt" gestört. Die Anregung des taktilen Systems von Tanja bewirkt eine intensive Wahrnehmung der eigen Person durch Stimulation der Hautrezeptoren, die eine Abtrennung von ,,Ich" und ,,Umwelt" bewirken, aber gleichzeitig das Vorhandensein von realer ,,Umwelt" bemerkbar machen.

Da ich sie bei ihren Bewegungen durch das Wasser begleite, wird sie mich als Individuum, welches ihr diese Erfahrung bietet, wahrnehmen und in die Situation mit einbeziehen, indem sie meine Erfahrungen mit Wasser (Bewegungstechniken) kopieren und gegebenenfalls Hilfe von mir annehmen wird.

5. Verlauf der PEB

Zunächst bereitete ich Tanja den ganzen Vormittag auf die PEB vor, indem ich ihr immer wieder erzählte, am Nachmittag mit ihr in die Schwimmhalle baden gehen zu wollen.

Tanja ging dann immer wieder zur Ausgangstür und freute sich dort offensichtlich schon auf den Nachmittag.

Nach der Mittagsruhe begleitete ich sie zur Toilette und half ihr den Badeanzug und Bademantel anzukleiden.

Ich informierte noch kurz meine Kollegin darüber, jetzt in die Schwimmhalle zu gehen und bat sie darum, uns in ca. 45 Minuten von dort abzuholen.

In der Schwimmhalle angekommen, zeigte ich ihr erst einmal die räumlichen Gegebenheiten, wie Dusche, Toilette und Schwimmbecken. Tanja war fröhlich und aufgeschlossen, probierte die Dusche aus und testete von sich aus das Wasser des Schwimmbeckens und schien mit der Temperatur zufrieden zu sein.

Die ersten Versuche mit ihr gemeinsam in das Becken zu gehen, schlugen fehl. Tanja hatte Schwierigkeiten, durch das Wasser hindurch den Boden des Beckens einzuschätzen und bewegte sich sehr vorsichtig, meine Hände fest umklammernd. Wir kamen so aber höchstens zwei Stufen in das Becken hinein, dann drehte sie sich um und verließ das Becken.

Mehrmalige Versuche scheiterten. Schließlich ließ ich Tanja am Beckenrand alleine stehen und ging selbst in das Schwimmbecken hinein und bewegte mich ein paar Runden, mal schwimmend, mal laufend. Tanja beobachtete meine Bewegungen aufmerksam und freute sich. Ich forderte Tanja mehrfach auf, mir in das Becken zu folgen.

Nach einiger Zeit ging Tanja abermals die Treppen des Beckens hinunter, wagte aber nicht, nachdem das Wasser in Hüfthöhe stand, weiterzugehen. Ich lief ihr entgegen, sie nahm bereitwillig meine Hand und lief einige Schritte mit, drehte dann aber wieder um. Nach mehreren Ansätzen folgte mir Tanja schließlich ganz in das Becken, ließ aber meine Hände dabei nicht los.

Ich gab ihr ein paar Minuten Zeit, sich an das ungewohnte Bewegungsumfeld anzupassen.

Dabei tauchte ich immer wieder mit meinem ganzen Körper in das Wasser ein. Ich sah ihr an, dass sie dies auch gern tun wollte, sich aber nicht getraute. Daher benetzte ich ihr vorsichtig den Oberkörper mit Wasser. Ich stellte mich direkt neben sie und hielt dabei weiterhin ihre Hände. Mit einem leichten Zug meinerseits, der sich beim Abtauchen ergab, folgte mir Tanja und tauchte ihren Körper ebenfalls unter. Dabei saß sie auf meinen Knien und ich konnte sie auf diese Art und Weise im Wasser auf- und abschaukeln lassen. Das bereitete ihr viel Freude. Tanja steuerte die Heftigkeit des Schaukelns, indem sie mit den Füßen mehr oder wenige intensiv auf den Beckenboden auftrat und mir damit Signale über die Intensität gab.

Später stellte ich mich hinter Tanja und umgriff sie unter ihren Armen und zog sie so durch das Becken. Sie zeigte keine Angst vor dem spritzenden Wasser und wollte immer schneller durch das Wasser gezogen werden.

Ich zog sie auf diese Art und Weise nie mehr als eine Runde durch das Becken und kehrte danach zur Schaukelübung zurück. Tanja genoss die ruhigen Schaukelbewegungen, entspannte und beruhigte sich wieder.

Zwischen den Übungen schwamm ich und stellte mich immer wieder ein Stück entfernt von Tanja hin, sodass sie alleine ein paar Meter auf mich zukommen musste. Dabei bewegte sie sich vorsichtig, aber direkt auf mich zu. Ins Wasser gleiten ließ sie sich dabei nicht.

Auffallend war dabei, dass sie meine Schwimmbewegungen aufmerksam beobachtet.

Wir hielten uns ca. eine halbe Stunde im Wasser auf, Tanja zeigte keine Ermüdungserscheinungen, doch um sie nicht zu überlasten, verließen wir nun das Becken.

Schließlich duschte ich Tanja noch ab und half ihr die Sachen anzuziehen. Während des Anziehens benutzte sie immer wieder ein neues Wort, welches ich ihr im Vorfeld und während der PEB mehrfach genannt hatte. Zu meinem Erstaunen schrie sie immer wieder freudestrahlend ,,bade"!

Jetzt traf auch meine Kollegin ein, der ich Tanja übergab, um mich ebenfalls umziehen zu können.

Im Laufe des Nachmittags wollte Tanja immer wieder ,,bade" gehen und schien tief beeindruckt von dem Erlebeten zu sein.

6. Reflexion der PEB

Die PEB war im Vorfeld relativ schwer einzuschätzen, da ich keinen Ansprechpartner fand, der mir Erfahrungen mit Tanja im Zusammenhang mit dem Schwimmbecken geben konnte, da noch niemand eine solche Therapie mit ihr durchgeführt hatte.

Die veranschlagte Zeit war ausreichend, obwohl mir nicht bekannt war, ob Tanja in das Wasser gehen würde. Da sie aber beim Duschen keine Angst vor dem Wasser zeigte, war ich von Anfang an überzeugt, dass sie in das Becken gehen würde.

Die ausgewählten Übungen verliefen nach meinen Vorstellungen, sie waren ausgewogen und boten ein gutes Verhältnis zwischen Aktion und Entspannung.

Weiterführende Übungen schloss ich mit Bedacht aus, da Tanja zur neuen Umgebung erst einmal Vertrauen fassen sollte.

Erstaunt war ich, wie ausgelassen sie das Wasser genoss und wie schnell sie sich sicher im Wasser bewegen konnte, hier hätte ich mit mehr Angst und Vorsicht gerechnet.

Die Wassertiefe war gut gewählt, da mir nicht bekannt war, ob Tanja schwimmen kann und sie sich so noch laufend fortbewegen konnte.

7. Verbesserungsmöglichkeiten

Im Vorfeld irritierte es mich, nicht zu wissen, wie sich Tanja im Wasser verhalten würde.

Wenn sie nicht ins Wasser gegangen wäre, hätte ich die PEB abbrechen müssen, da ich keine Alternativen parat hatte. Es war aber nahezu unmöglich andere Wege zu planen, da ich die Patientin erst sehr kurz kannte, die Therapeuten noch weniger mit ihr zu tun hatten, da sie Therapieangebote größtenteils verweigerte und entsprechende Erfahrungen mir nicht zugänglich waren. Informationen von ihrer Mutter zu beziehen scheiterten daran, dass sie sich zu der Zeit im Urlaub befand.

8. Weiterführende Maßnahmen

Im Verlauf der PEB und deren Reflexion beschloss ich, die Übungen im Schwimmbad weiterzuführen, mit dem Ziel Tanja das Schwimmen zu lernen, was mir später auch gelang.

Durch meine Beobachtungen im Vorfeld und während der PEB gelangte ich zu der Auffassung, dass Tanjas geistigen Potentiale noch ausbaufähig sind. So schaffte sie es, die relativ komplizierten Bewegungen beim Schwimmen zu erlernen, sowie neue Wörter zu artikulieren.

Tanjas passiver Wortschatz ist sehr groß. Verbale Aufforderungen versteht sie und handelt sinnentsprechend darauf.

Ziel sollte es sein, Tanja einen Weg zur direkten Kommunikation mit der Umwelt zu schaffen. Dazu währe die Methode der ,,Gestützten Kommunikation" (Facilitated Communication) geeignet.

9. Hinweise

Aus Datenschutzgründen sind der genaue Name und Adresse der Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht angegeben und der Name der Patientin geändert.

9 von 9 Seiten

Details

Titel
Psychomotorische Entwicklungsbegleitung eines autistischen Menschen
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
9
Katalognummer
V97581
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sehr interssanter Fall mit unerwartet hohen kognitiven Potential
Schlagworte
Psychomotorische, Entwicklungsbegleitung, Menschen
Arbeit zitieren
Volker Hildebrand (Autor), 2000, Psychomotorische Entwicklungsbegleitung eines autistischen Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97581

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