Das Konfliktpotential sprachlicher Perspektivierungen von Wirklichkeit

Eine linguistische Analyse agonaler Zentren anhand von agrégations


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Agonalität und agonale Zentren
2.2 Vorgehen der Analyse und Untersuchungsgegenstand

3 Analyse
3.1 Agonale Thematisierung von Heteronomie: >Heteronomie ist notwendig< vs.>Heteronomie muss überwunden werden<
3.2 Agonale Thematisierung von Politik: >Politik als Form von Unterdrückung< vs. >Politik als Form von Freiheit<
3.3 Agonale Thematisierung von Moral: >Moral ist unverzichtbar < vs. >Moral ist entbehrlich<
3.4 Agonale Thematisierung von Egoismus: >Egoismus hat negative Konsequenzen< vs. >Egoismus hat positive Konsequenzen<

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang

1 Einleitung

„Über Sprache entwickeln wir eine Vorstellung davon, was für uns „wahr“ ist.“ (Brosda 2014, 16). Hinter dieser unproblematisch wirkenden Aussage von Brosda verbirgt sich die Thematik einer komplexen Verwicklung von Sprache und Wirklichkeit, die Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit bildet. Indem der Mensch in erster Linie mit sprachlichen Zeichen auf seine Umgebung referiert, kommt dem Medium Sprache eine zentrale Rolle bei unserer Wahrnehmung sowie Wissenskonstitution zu (vgl. Felder 2009, 13). Bedenkt man darüber hinaus, dass Sachverhalte vor allem durch allgemeingesellschaftliche Diskurse und somit durch Sprache vermittelt werden, erscheint eine Analyse der Bedeutung von Sprache für die Konstitution der Wirklichkeit von besonderer Relevanz. Aus diesem Grund ist das Ziel linguistischer Untersuchungen in erster Linie, den Prozess der Wissenskonstitution unter Betrachtung von sprachlichen Oberflächen in Teilen offen zu legen.

Eine Analyse von agonalen Zentren leistet einen Beitrag zu jener Erarbeitung von Transparenz, indem sie konkurrierende Perspektiven auf die Wirklichkeit in sprachlichen Äußerungen aufsucht und fassbar macht. Da sich das Forschungsgebiet vor allem für die sprachliche Manifestation von Konflikten interessiert, sind gesellschaftlich strittige Sachverhalte und Auffassungen von besonderem Interesse für eine Analyse agonaler Zentren. In unserer von Perspektivierungen und Konflikten geprägten Welt sind agonale Zentren in allen Kommunikationsebenen und -situationen von Relevanz und können somit beispielsweise in politischen oder literarischen Kontexten herausgearbeitet werden. Vor diesem Hintergrund bieten sprachliche Auseinandersetzungen mit dem Werk Der Einzige und sein Eigentum von Max Stirner wegen der enthaltenen radikalen Thesen Stirners reichlich Konfliktpotential und können somit eine produktive Untersuchung fundieren. Anhand von agrégations, die sich mit dem Werk beschäftigen, sollen Themengebiete mit Konfliktpotential eruiert und konträre Perspektivierungen auf Sachverhalte in Form von agonalen Zentren definiert werden.

In diesem Sinne wird in einem ersten Teil der Arbeit eine Definition von agonalen Zentren nach Felder vor dem Hintergrund der Verwicklung von Sprache und Wirklichkeit erarbeitet. Zur Nachvollziehbarkeit der Analyse wird anschließend die Vorgehensweise bei der Eruierung von agonalen Zentren sowie der Untersuchungsgegenstand der agrégations expliziert. Die darauffolgende Analyse legt den Schwerpunkt auf vier agonal verhandelte Konzepte, die einerseits das Konfliktpotential der Thematik und andererseits Varianten der sprachlichen Manifestation von Agonalität aufzeigen.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Agonalität und agonale Zentren

Die Annahme, Sprache spiele eine essentielle Rolle bei der Wirklichkeitskonstitution, stellt eine Prämisse für die Theorie der agonalen Zentren dar und ist somit der Ausgangspunkt der folgenden Entwicklung der Theorie. Dies ermöglicht einerseits eine theoretische Fundierung der Definition von agonalen Zentren und verdeutlicht andererseits deren Relevanz für das Offenlegen der sprachlichen Wirklichkeitskonstitution.

Um auf außersprachliche Sachverhalte zu referieren, ist der Mensch meist dazu gezwungen auf sprachliche Mittel zurückzugreifen (vgl. Felder 2015, 93). Da Wirklichkeit in diesem Sinne nicht unabhängig von Sprache dargestellt werden kann, bezeichnen Spitzmüller und Warnke sprachliche Zeichen als „zentrale Bausteine unserer Weltaneignung und Weltgestaltung“ (Spitzmüller/Warnke 2011, 139). Jene Umschreibung von Sprache verdeutlicht, dass Wissen über die Welt nicht bereits im Vorhinein gegeben ist, sondern durch die Verwendung von Sprache zum Ausdruck gebracht und somit geformt wird (vgl. Felder 2013, 13). Die Bedeutung der „erkenntnisformende[n] Kraft sprachlicher Mittel“ (Felder 2009, 16) zeigt sich besonders in Bezug auf das Phänomen Diskurs, da Aussagen von Diskursakteuren nicht lediglich den Diskurs selbst, sondern ebenfalls die besprochenen Objekte und somit Wissen formen (vgl. Foucault 1972, 49). Individuen nehmen Wissen größtenteils aus solchen durch Sprache geformten Diskurszusammenhängen wahr (vgl. Felder 2013, 14), worin sich die Relevanz des Phänomens Diskurs für das Explizieren der Verwicklung von Sprache und Wirklichkeit zeigt. Gardt verdeutlicht diesen Zusammenhang in der Definition von Diskurs als „die Auseinandersetzung mit einem Thema [,die] Wissen und die Einstellungen dieser Gruppen zu dem betreffenden Thema sowohl spiegelt als auch aktiv prägt und dadurch handlungsleitend für die zukünftige Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Bezug auf dieses Thema wirkt.“ (Gardt 2007, 30). Eine Untersuchung von diskursiven Äußerungen soll auf die sprachliche Konstitution von Wirklichkeit aufmerksam machen (vgl. Niehr 2016, 62), indem von der sprachlichen Oberfläche Rückschlüsse auf den Wissens-, Sprach- und Handlungsraum des Gesagten gezogen werden (vgl. Busch 2007, 150).

Jene Verbindung der Sachverhalts-, Sprach- und Wissensebene veranschaulicht eine von Felder vorgenommene Modifikation des semiotischen Dreiecks, welche die drei Ebenen unter den Bezeichnungen Objekte & Sachverhalte, Sprachliche Zeichen und Begriffe bzw. Konzepte miteinander in Bezug setzt (vgl. Felder 2009, 20).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Modell zeigt, dass das Referieren auf außersprachliche Objekte mit Hilfe von sprachlichen Mitteln keine bereits vorgefertigte und konstante Verbindung ist, sondern durch das Verlaufen über die Ebene der Konzepte eine variable Komponente innehat. Konzepte sind hierbei „mentale Korrelate“ (Felder 2009, 20), die bei der Verwendung von sprachlichen Mitteln hervorgerufen werden und sich durch Teilbedeutungen auszeichnen. Diese Unterkategorien manifestieren sich in sprachlichen Ausdrücken, die wiederum Rückschlüsse auf das individuelle und kollektive Wissen in einer Kulturgemeinschaft in Form der Subjektsphäre zulassen (vgl. Felder 2009, 17). Felder bezeichnet diesen Zusammenhang als „Form-Funktions-Korrelation“ (vgl. Felder 2009, 41) zwischen der sprachlichen Oberfläche und inhaltlichen Komponenten und impliziert damit, dass Konzepte sich in Sprache manifestieren und folglich durch eine sprachliche Analyse auffinden lassen (vgl. Felder 2013, 21). Da die Untersuchung von agonalen Zentren in einem ersten Schritt über das Feststellen von Konzepten verläuft, ist die beschriebene Verbindung als eine Prämisse für die Analyse anzusehen. Die Modifikation des semiotischen Dreiecks bildet folglich nicht nur im Hinblick auf die Fundierung der Verbindung von Sprache, Wissen und Sachverhalten sondern ebenfalls auf Grund der Bedeutungsmarkierung von Konzepten ein essentielles Element für die Herleitung der Theorie der agonalen Zentren.

Die genauere Bedeutung von Konzepten für die Analyse agonaler Zentren zeigt sich in der Weiterentwicklung der Aussagen des modifizierten semiotischen Dreiecks. Da Konzepte dem Modell zufolge bei jeglicher Verwendung von Sprache evoziert werden, tragen sie ebenfalls bei der Produktion und Rezeption von Texten eine enorme Bedeutung. Die Auswahl der sprachlichen Mittel befindet sich folglich stets unter Einfluss von Konzepten, welche die Texte formen und dominieren. Solche vermehrt auftretenden Konzepte werden nach Felder „handlungsleitende Konzepte“ (Felder 2009, 21) genannt und sind für eine linguistische Analyse von besonderem Interesse. Ganz im Sinne des modifizierten semiotischen Dreiecks zeigen diese sich in Texten manifestierende Konzepte, dass Sachverhalte durch Sprache nicht lediglich bezeichnet, sondern vor dem Hintergrund individueller Wissensdispositionen permanent gedeutet, bewertet und miteinander in Bezug gesetzt werden (vgl. Felder 2015, 98).

Da Sachverhaltskonstituierung, Sachverhaltsverknüpfung und Sachverhaltsdeutung von individuellen Dispositionen des (Text-)Produzenten abhängen (vgl. Felder 2015, 98), handelt es sich, wie bereits das modifizierte Dreieck zeigt, um variabel ausführbare Kategorien. Es bestehen demnach immer mehrere Möglichkeiten, Sachverhalte und Konzepte durch die Verwendung sprachlicher Mittel miteinander in Bezug zu setzen, von denen der Textproduzent eine mögliche Version auswählt. In diesem Sinne beruhen sprachliche Verknüpfungen auf Subjektivität und weisen stets eine gewisse Perspektivität gegenüber des Referenzobjekts auf (vgl. Felder 2009, 16). Wird ein Sachverhalt besonders häufig auf die gleiche Weise dargestellt, etabliert sich jene Perspektive durch routinemäßigen Verwendungsformen meist als gesellschaftlich anerkanntes Wissen (vgl. Felder 2009, 13). In diesem Fall ist „Multiperspektivität […] ein Ersatz für Objektivität im Sinne der Überindividualität“ (Felder 2013, 15). Indem sprachliche Konstituierung, Verknüpfung und Deutung von Sachverhalten Hinweise auf die Wirklichkeitsauffassung eines Textproduzenten geben, können handlungsleitende Konzepte Mittel zur Aufdeckung der Perspektivität von Wissensbeständen sein (vgl. Felder 2013, 15). Das Phänomen der sprachlichen Perspektivierung fundiert somit einerseits die Annahme, dass Wissen und Wirklichkeit durch Sprache geformt werden und betont andererseits, dass verschiedene Perspektiven der Wirklichkeit existieren. Die Entscheidungen der Textproduzenten sind meist von dem persönlichen Interesse, die eigene Konzeptualisierung von Sachverhalten nachvollziehbar darzustellen, geleitet. Dies kann beispielsweise unbewusst durch das Entscheiden für einzelne Ausdrücke, aber auch bewusst in Form von ausgereiften Argumentationssträngen geschehen. Die unterschiedlichen Perspektiven spiegeln sich dann in den sprachlichen Formulierungen wider und können gegebenenfalls miteinander in Konkurrenz treten.

Mit eben dieser Konkurrenz von Perspektivierungen der Wirklichkeit setzt sich die Theorie der agonalen Zentren nach Felder auseinander. Denn agonale Zentren bezeichnen einen zwischen Diskursakteuren geführten „Wettkampf um strittige Akzeptanz von Ereignisdeutungen, Handlungsoptionen, Geltungsansprüchen, Orientierungswissen und Werten in Gesellschaften“ (Felder 2013, 23). Diese Definition greift die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs Agonalität, der auf Wettkämpfe in der Antike zurückgeht und eine nicht weiter eingegrenzte kompetitive Opposition beschreibt, auf (vgl. Mattfeldt 2018, 56). Die Ursprungsbedeutung beibehaltend fügt Felder mit Einschränkungen hinzu, agonale Zentren seien vom Diskursanalytiker herausdestillierte und benannte handlungsleitende Konzepte, die als orientierender Hintergrund einer diskursiven Auseinandersetzung unsere Wahrnehmungen instruieren und hier mittels linguistischer Verfahren induktiv und mit hermeneutischem Erkenntnisinteresse ausgemacht werden (Felder 2015, 115).

Da agonale Zentren somit eine spezifische Form von handlungsleitenden Konzepten darstellen, ermöglicht die vorherige Erläuterung dieser, Rückschlüsse auf Agonalität zu ziehen. So müssen Konzeptualisierungen vermehrt evoziert werden, damit diese als handlungsleitend und in einem weiteren Schritt als agonale Zentren definiert werden können (vgl. Felder 2015, 110). Darüber hinaus lässt sich in Anschluss an das Verständnis von Konzepten feststellen, dass agonale Zentren nicht statisch, sondern von wechselnden diskursiven Bedingungen beeinflusst und in stetigem Wandel sind (vgl. Felder 2015, 109). Dies zeigt das modifizierte semiotische Dreieck, aus welchem sich ebenfalls ableiten lässt, dass Konzepte und somit agonale Zentren ihre Manifestation in Sprache erfahren. Agonalität ist somit eine sprachlich geprägte Kategorie, welche sich durch eine linguistische Analyse von spezifischen Indikatoren feststellen lässt (vgl. Mattfeldt 2018, 55). Das genauere Vorgehen einer Analyse von agonalen Zentren wird im folgenden Kapitel thematisiert.

2.2 Vorgehen der Analyse und Untersuchungsgegenstand

Der Ausgangspunkt der Analyse agonaler Zentren ist im Sinne der Disziplin der Linguistik die sprachliche Oberfläche von Texten, die Rückschlüsse auf inhaltliche Muster ermöglicht. Genauer gesagt soll das „Perspektivierungspotential sprachlich-kommunikativer Wirklichkeitskonstitution“ (Felder 2012, 130), welches im Fokus der Analyse steht, durch die Untersuchung von lexikalischen und grammatischen Mitteln expliziert werden (vgl. Felder 2015, 88). Grundlage hierfür sind Texte in Form von agrégations, welche im Rahmen des Forschungsprojekts PRELFA („Points de Résistance Réciproques de la Langue en Français et en Allemand“) von Prof. Dr. Una Dirks (Philipps-Universität Marburg) und Prof. Dr. Michel Lefèvre (Université Paul Valéry 3) zu einer Analyse freigestellt wurden. Die vorliegenden Texte stammen zum einen Teil von Verfassern/innen mit deutscher Muttersprache zum anderen Teil von Verfasser/innen mit französischer Muttersprache und wurden im Sinne der Anonymität mit Nummern versehen. Für die Analyse dieser Arbeit wurden die Texte mit den Nummern A000075314 (L1-Dt) und A000075312 (L1-Frz) ausgewählt. Bei agrégations handelt es sich um ein Klausurformat, das von dem ministère de l’éducation nationale, de l’enseignement superieur et de la recherche gestellt wird (http://www.devenirenseignant.gouv.fr/pid33987/enseigner-dans-les-classes-preparatoires-agregation.html). Die Klausuren werden von Studenten/innen abgelegt, die bereits über ein Master-Diplom verfügen und sich darüber hinaus für den Beruf an weiterführenden Schulen qualifizieren möchten. agrégations stellen demnach eine Art Auswahlverfahren für Lehrkräfte an französischen Schulen dar, welches es vor Antreten des Berufes zu bewältigen gilt. Bei den vorliegenden Klausurtexten handelt es sich um eine agrégation Concours Externe aus dem Jahr 2017, in deren Rahmen die Studenten/innen innerhalb von sieben Stunden eine Fragestellung zu einem literarischen Werk bearbeiten müssen. Folgende Aufgabenstellung liegt in den agrégations der Untersuchung vor: „‘In Stirners Der Einzige und sein Eigentum geht es nicht ausschließlich um die Befreiung des Individuums von äußeren Zwängen, sondern um die Überwindung jeglicher Form von Heteronomie.‘ Nehmen Sie zu dieser Aussage Stellung.“. Jene Vorgabe ist für die Analyse von agonalen Zentren besonders interessant, da sie bereits gezielt nach den vagen Konzepten Befreiung, Zwänge und Heteronomie fragt. Vor diesem Hintergrund wurden in einem ersten Schritt die Texte gelesen, um einen allgemeinen Einblick in die unterschiedliche Umsetzung der Aufgabenstellung, die Art und Weise der Argumentation und die Schwerpunktsetzung der Aufsätze zu erlangen. Schon zu diesem Zeitpunkt wurde deutlich, dass die Klausuren, der Aufgabenstellung und Thematik des Werkes geschuldet, sich intensiv mit den Oppositionen Freiheit und Zwänge sowie Gesellschaft und Individuum auseinandersetzen. Dieser Eindruck konnte durch eine Analyse der Lexik (s. Anhang) bestätigt werden, woraufhin die vier Konzepte als handlungsleitend eingestuft wurden. Der vage Charakter der Konzepte und deren bereits vorgegebenen Gegensätze versprachen viel Potential für Agonalität, welche im Anschluss genauer untersucht wurde. Hierzu wurden drei Dimensionen von Agonalität nach Mattfeldt ausgewählt, die eine detaillierte und strukturierte Analyse gewährleisten und die verschiedenen Möglichkeiten sprachlicher Manifestation von agonalen Zentren berücksichtigen (vgl. Mattfeldt 2018, 69). Da von den elf definierten Dimensionen die Agonalität der expliziten Gegenüberstellung, die Agonalität durch lexikalische Gegenüberstellung und Agonalität durch Negation in den agrégations am häufigsten auftraten, wurden diese drei für die Analyse gewählt (vgl. Mattfeldt 2018, 69). Für jede der Dimensionen definiert Mattfeldt sprachliche Indikatoren, die in einem nächsten Schritt systematisch aus den agrégations herausgesucht, farblich markiert (s. Anhang) und auf potentielle Agonalität analysiert wurden.

Die „Agonalität der expliziten Gegenüberstellung“ kontrastiert zwei Sachverhalte, Akteure oder Konzepte explizit und stellt somit eine prototypische Dimension der Agonalität dar (vgl. Mattfeldt 2018, 186). Zu ihren häufigsten und wichtigsten Indikatoren zählen konzessive und adversative Konnektoren, da die durch Konnektoren geschaffene Verbindung zwischen den Sachverhalten p und q meist einen Gegensatz oder einen Konflikt zwischen diesen impliziert (vgl. Felder 2012, 155). Die Duden Grammatik führt als Beispiele für adversative Konnektoren die Ausdrücke gegen, entgegen, statt, während, aber, sondern, dagegen, dennoch, stattdessen oder zum einen – zum anderen (vgl. Duden-Grammatik 2016, 1110) und für konzessive Konnektoren trotz, obwohl, obgleich, wenngleich, allerdings oder nichtsdestotrotz auf (vgl. Duden-Grammatik 2016, 1112). Ein systematisches Aufsuchen dieser Konnektoren kann qualitativ und quantitativ zur Feststellung agonaler Zentren führen und ist somit von besonderer Relevanz für eine Analyse von Agonalität. Abgesehen von Konnektoren evozieren auch andere Wortarten explizite Gegenüberstellung, wie beispielsweise Präpositionen (entgegen, gegenüber) oder Lexik, deren Bedeutung einen Kontrast impliziert (Unterschied, Spannung oder Differenz) (vgl. Mattfeldt, 2018, 117) . Die sprachlichen Indikatoren der „Agonalität durch lexikalische Gegenüberstellung“ zeigen ihr agonales Potential vor dem Hintergrund von Sprach- und Weltwissen (vgl. Mattfeldt, 2018, 92). Einige lexikalische Begriffe implizieren durch gesellschaftliches Wissen Kontraste und somit in bestimmten Kontexten Agonalität (vgl. Mattfeldt, 2018, 92). Beispiele hierfür wären klassische Gegenteilpaare wie Gut und Böse oder frei und gefangen, auf deren Grundlage gegebenenfalls agonale Zentren eruiert werden können. Die Dimension der „Agonalität der Negation“ verweist auf den Kontrast zwischen einer negierten und einer anerkannten Position. Das Negieren eines Sachverhaltes setzt dessen Gültigkeit außer Kraft und bricht mit bestehenden Erwartungen (vgl. Mattfeldt 2018, 125). Eine Negation ist folglich immer auch ein Hinweis auf eine gültige Proposition, die der ungültigen gegenübersteht und somit das Potential für Agonalität aufweist. Die Dimension der Negation wird an dieser Stelle auf Grund ihrer Relevanz für die vorliegende Analyse explizit aufgeführt, könnte aber ebenfalls der Agonalität der expliziten Gegenüberstellung zugeordnet werden.

Das spezifische Aufsuchen der sprachlichen Indikatoren für Agonalität brachte zahlreiche thematische Gegenüberstellungen hervor, die ursprünglich den handlungsleitenden Konzepten Freiheit, Zwänge, Gesellschaft und Individuum zugeordnet werden sollten. Da allerdings ein Großteil der konkurrierenden Sachverhalte mehrere handlungsleitende Konzepte zugleich evoziert, konnte keine eindeutige Zuordnung stattfinden. Aus diesem Grund wurden die Gegenüberstellungen in die vier agonal verhandelten Kategorien Heteronomie, Politik, Egoismus und Moral, welche als Teilbedeutungen der handlungsleitenden Konzepte anzusehen sind, aufgeteilt. In der folgenden Analyse werden anhand jener Teilbedeutungen einerseits die sich agonal gegenüberstehenden Sachverhalte, andererseits die verschiedenen Formen der sprachlichen Manifestation von Agonalität expliziert. Hierbei zeigen sich die handlungsleitenden Konzepte Freiheit, Zwänge, Gesellschaft und Individuum als eine die Textproduktion bestimmende, übergeordnete Ebene, die in allen Unterkategorien sowie sprachlichen Gegenüberstellungen deutlich wird.

3 Analyse

3.1 Agonale Thematisierung von Heteronomie: >Heteronomie ist notwendig< vs.>Heteronomie muss überwunden werden<

Das Konzept der Heteronomie wird bereits in der Aufgabenstellung benannt und aus diesem Grund in den agrégations verstärkt diskutiert. Max Stirner plädiert in seinem Werk Der Einzige und sein Eigentum für die Überwindung von Zwängen, die sich beispielsweise in Moralvorstellungen oder gesellschaftlichen Pflichten äußern, und suggeriert somit, dass der Mensch nicht fremdbestimmt leben soll. Die Frage nach der Rolle von Heteronomie wird folglich vor dem Hintergrund der handlungsleitenden Konzepte Individuum und Gesellschaft sowie Freiheit und Zwänge besprochen. Deutlich wird die agonale Thematisierung beispielsweise in den folgenden Aussagen:

Man kann also behaupten, dass es Stirner um die Befreigung [sic] des Menschen von äusseren und inneren Zwänge ging, damit auch um eine Überwindung jeglicher Form von Heteronomie. Doch die Tatsache, dass die Konsequenz für Stirner nicht Unmenschlichkeit und Chaos bedeutete, weist darauf hin, dass doch noch, auch wenn Stirner es nicht explizit sagt, in der Gemeinschaft der Eigner eine gewisse Form von Heteronomie entstehen müsste. (A000075314)

Hier führt die zweifache Verwendung des konzessiven Adverbkonnektors doch zu einer expliziten Gegenüberstellung der Sachverhalte >Heteronomie muss überwunden werden< und >Heteronomie ist notwendig< und verweist somit auf die agonale Perspektivierung von Heteronomie. Der Einschub „auch wenn Stirner es nicht explizit sagt“ verstärkt in Form einer Negation das agonale Verhältnis, indem ausgedrückt wird, dass der Sachverhalt >Heteronomie ist notwendig< auch ohne Explizieren des Autors gilt. In der Formulierung

Man könnte darin auch die Hoffnung Stirners lesen, dass nicht alles zum Chaos führt und somit auch, dass der Mensch nach der Überwindung aller Zwänge doch als freier Eigner etwas Heteronomie benötigt um in der Gesellschaft zu leben. (A000075314) wird ebenfalls durch die Verwendung des Konnektors doch jene explizite Gegenüberstellung der Überwindung von Zwängen und der Notwendigkeit von Heteronomie evoziert. Die Assoziation von Zwängen und Heteronomie verweist auf die handlungsleitenden Konzepte und wird in folgender Aussage erneut miteinander in Bezug gesetzt: „Eigner, weil er alle äußeren und inneren Zwänge und Fremdbestimmungen überwunden hat, und der einzige Eigentümer seiner selbst ist. Er ist völlig frei, alles gehört ihm, auch er selber.“ (A000075314). In dieser Aussage impliziert der zur expliziten Gegenüberstellung zugehörige Ausdruck überwunden einen Gegensatz zwischen einem vorherigen und einem jetzigen Zustand. Die Perspektivierungen >Zwänge in Form von Heteronomie< und >Freiheit in Form von Autonomie< treffen aufeinander und werden durch die lexikalische Gegenüberstellung mittels Zwänge und frei verstärkt. Als Gegensatz zur Heteronomie stellt die Evokation von Autonomie einen Teil des Konflikts über die Notwendigkeit bzw. die Überwindung von Heteronomie dar. Auf Grund des Bezugs zu Autonomie reiht sich ebenfalls Aufklärung als Hervorgehen des Menschen aus der eigenen Unmündigkeit in die Thematisierung von Heteronomie ein. Das folgende Zitat beleuchtet hierbei unterschiedliche Perspektivierungen auf Selbstbestimmung durch Aufklärung: „Aufklärung heißt für ihn nicht nur die äußeren, sondern auch die inneren Zwänge zu überwinden.“ (A000075314). Die Kombination aus dem adversativen Konnektor sondern, der Negation nicht nur und der lexikalischen Gegenüberstellung von äußeren und inneren führt zu einer Konkurrenz zwischen den Annahmen >Aufklärung ist die Überwindung äußerer Zwänge< und >Aufklärung ist die Überwindung äußerer und innerer Zwänge<. Teil dieses Komplexes formt ebenfalls der Gegensatz zwischen >freien Individuen< und >fremdbestimmten Individuen<, der in folgendem Zitat mit Hilfe der erläuternden Negation „frei […], also nicht fremndbestimmt“ [sic] ausgedrückt wird:

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Das Konfliktpotential sprachlicher Perspektivierungen von Wirklichkeit
Untertitel
Eine linguistische Analyse agonaler Zentren anhand von agrégations
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
26
Katalognummer
V975830
ISBN (eBook)
9783346320797
ISBN (Buch)
9783346320803
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konfliktpotential, perspektivierungen, wirklichkeit, eine, analyse, zentren
Arbeit zitieren
Miriam Kohl (Autor), 2019, Das Konfliktpotential sprachlicher Perspektivierungen von Wirklichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/975830

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