Idealer Staat und der Wandel der Staatsformen in Platons Politeia


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographischer Hintergrund

3. Die Philosophie Platons
3.1. Die Ideenlehre

4. Politeia
4.1. Der Mensch
4.1.2. Die Seelenteile und die Tugenden
4.2. Die soziale Gliederung der idealen Polis
4.2.1. Die drei Stände
4.2.2. Die Tugenden in der Polis
4.3. Die Erziehung
4.4. Utopie oder Realität ?
4.5. Der Wandel der Staatsverfassungen

5. Schluß

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Während mehr als zwei Jahrtausenden abendländischer Geschichte standen das Bemühen um eine allgemeingültige Typologie staatlicher Herrschaftsformen und die Frage nach der Besten aller Staatsformen im Blickpunkt philosophischer Reflexion.

Besonders in krisenhaften Umbruchsituationen und kritischen Epochen der Geschichte entfaltete sich, angesichts einer als problematisch empfundenen politischen Ordnung diese Art philosophisch kritischen Denkens, an dessen Ausgangspunkt „...ein Werk von unergründlicher Tiefe, die Schöpfung Platons...“[1] steht.

Aus seiner Erfahrung der akuten Krise der athenischen Polis in und nach dem Peloponnesischen Krieg, welche sich am Regime der Dreißig und der gleichermaßen abgelehnten restaurierten Demokratie als unüberwindliche Krankheit enthüllt, und deren philosophischer Verarbeitung, ist Platon in seinen Dialogen, vor allem in seinem Hauptwerk ´Politeia´, zum Begründer der abendländisch-europäischen politischen Theorie geworden.

Angesichts der politischen Unordnung der zeitgenössischen Polis, deren Ursachen Platon in der Unordnung der Seele des damals in Athen vorherrschenden Menschentyps sah, zielte Platons politische Theorie in der Politeia darauf ab, die grundlegenden Bedingungen für eine neue Ordnung der menschlichen Seele aufzuzeigen, und damit gleichzeitig die Grundlagen der idealen Polis zu legen.

Die konkreten Erfahrungen der unmittelbaren Zeitgeschichte, die verschiedenen Staatsstreiche, Verfassungskrisen und –revolutionen (metabolai), die sich damals in Athen ereigneten, haben Platon dabei nicht nur veranlaßt, nach dem Gegenbild eines idealen Staates von möglichst langer Dauer zu suchen, sie ließen ihn in diesem Zusammenhang auch nach Ursachen und bestimmten Regeln und Gesetzmäßigkeiten dieser Wandlungsprozesse forschen.

Platons idealer Staatsentwurf und seine im achten und neunten Buch der Politeia dargelegte Theorie des Staatsformenwandels bilden den Gegenstand vorliegender Hausarbeit.

Beide sollen im Anschluß an die biographische und zeitgeschichtliche Einbettung, gefolgt von einer kurzen Einführung in Platons Philosophie, im folgenden näher betrachtet werden.

2. Biographischer Hintergrund

„Als ich noch in meiner Jugend war, ging es mir wie vielen Jünglingen: Ich hatte im Sinne, sobald ich mein eigener Herr geworden war, mich an der Verwaltung des Staates zu beteiligen.“[2]

So beginnt Platon im Siebten Brief die Schilderung seines Lebensweges, der zunächst konventionell zu verlaufen versprach. Von seiten beider Elternteile der athenischen Aristokratie entstammend, wäre es für den kurz nach dem Tod des Perikles (ca. 427 v. Chr.) geborenen Platon naheliegend gewesen, öffentliche Ämter in seiner Heimatstadt Athen zu bekleiden, „Da kamen nur einige Staatsunfälle dazwischen...“[3].

Was ihn dazu bewog, weder Neigung noch Tradition zu folgen, war die Erfahrung von Unrecht, verübt von Machthabern sowohl der tyrannischen als auch der demokratischen Periode. In beiden Fällen war Sokrates, der Mann der das Leben und Denken Platons grundlegend veränderte das Opfer dieser politischen Willkürakte.

Der 27 Jahre andauernde Peloponnesische Krieg (431- 404 v. Chr.), in dem Sparta und Athen um die Vorherrschaft in Griechenland rangen, hatte zersetzende Wirkung auf die athenische Demokratie. Athergebrachte Sitten und Traditionen waren fraglich geworden, und „...viele (waren) mit der damaligen demokratischen Staatsverfassung unzufrieden...“[4]. Daher kam es 404 zum Umsturz, und dreißig Tyrannen ergriffen die Macht. Einer von ihnen, Kritias, war ein Verwandter Platons, ein weiteres Mitglied der Familie, Charmides, erhielt unter der Tyrannenherrschaft ein hohes Amt. Auch von Platon wurde erwartet, daß er sich unter dem neuen Regime politisch betätigte. Zunächst hegte er auch tatsächlich die Hoffnung, die Dreißig „...würden den Staat aus seinem moralisch zerrütteten Leben herausschaffen und ihre Verwaltung denn doch auf eine vernünftige moralische Grundlage stützen...“[5]. Doch dann mußte er miterleben, wie die Tyrannen auch Sokrates an ihren verbrecherischen Staatshandlungen zu beteiligen versuchten. Sie wollten ihn zwingen, Leon aus Salamis gewaltsam zu seiner willkürlich angeordneten Hinrichtung zu verschleppen. Sokrates weigerte sich, und nur der Sturz der Dreißig, der bald darauf erfolgte, verhinderte, daß er dafür bestraft wurde.

Hatte die Erfahrung wie leicht sich Macht und Unrecht paaren, Platon während der Tyrannis veranlaßt auf politisches Wirken zu verzichten, so schien ihm eine öffentliche Tätigkeit wieder erwägenswert, als die gelungene Gegenrevolution gegen die Dreißig im Jahr 403 die Demokratie wiederherstellte.

Die neuen Machthaber übten Zurückhaltung bei der Vergeltung begangenen Unrechts, so daß die Chance für eine Versöhnung von Macht und Recht unter dem demokratischen Regiment gestiegen zu sein schien.

Aber dann geschah, was für Platon den Inbegriff von Ungerechtigkeit darstellte: „...ein neuer Unstern sollte mir in meinem politischen Leben begegnen:“[6] Sokrates wurde ohne den geringsten Anschein von Rechtmäßigkeit der Gottlosigkeit angeklagt und von denen, deren Freund er den Tyrannen nicht hatte ausliefern wollen, zum Tode verurteilt.

Die Folge davon war, daß sich Platon, den angesichts „... diese(r) Zustände und beim Anblick eines gänzlichen Drunter- und Drübergehens der Dinge endlich ... eine Art Schwindel...“[7] ergriff, sich entschloß, hinsichtlich etwaiger praktischer Betätigungen in der Politik „...auf bessere Zeiten zu war­-ten...“[8] und sich bis dahin ganz der philosophischen Reflexion möglicher Verbesserungen der Staatsverfassung zu verschreiben.

Aus seiner kritischen Zeiterfahrung zieht Platon schließlich für sich den Schluß, „...daß alle jetzigen Staaten schlecht regiert sind und in dem heillosen Zustande verbleiben ..., bis entweder der Stand der echten ... Philosophen zur Herrschaft über die Staaten kommt, oder bis der Stand derjenigen, welche in den Staaten die Herrschaft in den Händen haben, ...gründlich sich dem Studium der Philosophie ergibt.“[9]

Mit dieser Einstellung kommt Platon 389 v.Chr. nach Sizilien, das er von dem Tyrannen Dionysios I. beherrscht vorfindet, welcher mit seinen grausamen Herrschaftsmethoden vor der Ermordung politischer Gegner, auch wenn sie Verwandte oder Freunde waren, nicht zurückschreckte. Platon stimmte den Tyrannen zornig, als er ihm in einem Gespräch die Notwendigkeit einer tugendgemäßen Führung des Staates empfahl. Nachdem ihn Dionysios zu Anfang töten lassen wollte, übergab er ihn später einem zufällig in Syrakus weilenden Gesandten aus Sparta. Dieser nahm Platon nach Aigina mit und soll ihn dort als Sklaven zum Verkauf angeboten haben. Ein Freund, der zufällig in der Stadt war, kaufte Platon schließlich frei, so daß er wieder nach Athen zurückkehren konnte.

Die in der Autobiographie geschilderte Begegnung mit dem Tyrannen Dionysios erscheint im Leben Platons als der Gegenpol zur Begegnung mit seinem Lehrers Sokrates. In seinem späteren, wahrscheinlich um 374 v.Chr. erstmals veröffentlichten Hauptwerk, bezeichnen beide Existenzformen, Philosoph und Tyrann, für ihn die entgegengesetzten Extreme in der Lebenswahl.

3. Die Philosophie Platons

Platons zeitkritische Reflexion über den desolaten Zustand der athenischen Polis und die Zerrüttung ihrer geistigen Grundlagen vollzieht sich im Kontext einer umfassenden metaphysischen Philosophie, auf die hier nur ansatzweise eingegangen werden kann.

Was Platon bekämpft und zu überwinden versucht, ist die Sophistik. In seinen Dialogen läßt er immer wieder Sophisten auftreten, die erst ihre Ansichten freimütig darlegen dürfen, um im Anschluß daran letztendlich eines besseren belehrt zu werden. Als Grundirrtum erscheint ihm der Satz von Protagoras, daß der Mensch das Maß aller Dinge sei und daß es keinen allgemeinen Maßstab, keine allgemeingültigen Werte und Wahrheiten geben könne. In einer solchen Lehre sieht Platon die Ursache der Zerstörung von Ordnung, Wissen und Sittlichkeit. Gegenüber der Gefangenheit in Machtpolitik und egozentrischer Selbstbehauptung fordert er ein grundsätzliches Umdenken des Menschen, und das heißt für ihn, die Öffnung des Menschen für die in den Ideen auffindbare Ordnung allen Seins, seine Hinwendung zum ´Wissen des Guten´.

3.1. Die Ideenlehre

In den ewigen Ideen ist für Platon dem Menschen ein Maß des Denkens und Handelns gesetzt, welches er in der philosophischen Reflexion erfassen kann.

Ideen im Sinne Platons sind Urbilder der ´Realität´, immaterielle, ewige und unveränderliche Wesenheiten, nach denen die Gegenstände der sichtbaren Welt geformt sind. Diese Ideen existieren unabhängig menschlicher Kenntnisnahme und Gedankenwelt. Sie entspringen nicht einer Setzung des Bewußtseins, sondern werden von der unsterblichen Seele durch Wiedererinnerung, Anámnesis, erkannt.

Wie Platon im sechsten Buch der Politeia im Liniengleichnis darlegt, läßt sich für ihn die Welt zunächst in zwei ungleiche Bereiche einteilen: in „...das (größere, d.Verf.) Reich des optisch Sichtbaren und (das kleinere, d.Verf.) des vernunftmäßig Erkennbaren...“[10]. Weiterhin unterteilt er im gleichen Verhältnis die Welt des Sichtbaren zum einen in den größeren Bereich des indirekt Wahrnehmbaren, wie zum Beispiel die Schatten und Spiegelbilder der Gegenstände, und zum anderen in den kleineren Teil des direkt Wahrnehmbaren, nämlich der Gegenstände und Lebewesen selbst. Im gleichen Verhältnis ist die Welt des nur dem Geist zugänglichen einerseits in den Bereich „...von Wissenschaften, wie der Geometrie und ihrer verwandten Gebiete“[11], und andererseits in den Bereich „...dessen die wissenschaftliche Untersuchung sich mittels der Kraft der Dialektik bemächtigt“[12], dem Reich der Ideen, welches der reinen Vernunft, bar jeglicher Anschauung zugänglich ist, unterteilt.

[...]


[1] Imboden, S. 10.

[2] Platon, Siebenter Brief, S. 194.

[3] Ebd.

[4] Platon, a.a.O., S. 194.

[5] Ebd.

[6] Platon, Siebenter Brief, S. 195.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Platon, Staat, VI. 509d. (Die römischen Zahlen bezeichnen das Buch, die arabischen beziehen sich auf die Stephanus-Nummerierung)

[11] Platon, a.a.O., VI. 511b.

[12] Platon, Staat, VI. 511b.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Idealer Staat und der Wandel der Staatsformen in Platons Politeia
Hochschule
Universität Augsburg  (Philosophische Fakultät I)
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
21
Katalognummer
V9759
ISBN (eBook)
9783638163774
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, politische Theorie, Platon, Politeia, idealer Staat, Staatsformenwandel
Arbeit zitieren
Dirk Fross (Autor), 2001, Idealer Staat und der Wandel der Staatsformen in Platons Politeia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9759

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