Kritik und kommunikative Perspektiven der Rational-Choice Theorie nach J. Coleman


Seminararbeit, 2000

14 Seiten, Note: 3


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Kritik und Perspektiven der Coleman-Rational-Choice-Theorie

Leitfaden einer möglichen Erweiterung des RC-Modell

Zusammenfassung:

In der RC-Theorie von Coleman fehlt die Ausarbeitung des angelegten konstruktivistischen Momentes der Dualität von Handlung und Struktur. Die Gesellschaft nach RC ist genau die Summe der aktuellen Handlung bestimmt und konstruiert sich damit immer von neuem, dadurch entstehen Möglichkeiten (und die Wahl derer) erst.

Die Definition des Rationalitätsbegriff von der individualistischen Sicht nach Coleman ist von der freien Wahlentscheidung geprägt, verschweigt aber den akteursspezifischen Handlungs(und damit Wahl-)hintergrund. Durch die Funktion der Nutzenmaximerung als handlungsleitendes Element muss der Nutzen auch definiert werden. Um eine Selektion zwischen Handlungsalternativen vorzunehmen, müssen subjektive Nutzenzuordnungen vorhanden sein. Also muss eine Wertungsstruktur sowohl vom Handelnden als auch vom Beobachter definiert / konstruiert werden.

1. Rückblick

Mit Hilfe historischer heuristischer expost-Analysen entwickelt Coleman einige historische Betrachtungen zum Entstehen von Körperschaften wie auch weitere Nutzendefinitionen vorkommen. Erklärend zum weiteren Vorgehen gebe ich einige historische Betrachtungen. Die in der RC-Theorie ( =Rational Choice-Theorie) vorausgesetzten Strukturen und Definitionen sind evolutiv entstanden. Die Rechts- und Vertragsfreiheit, denen eine entscheidende Rolle in der RC-Theorie zukommt, sind für den westlichen Sprachraum relativ neue Entwicklungen. Das lange Zeit gültige Geburts- oder und Standesrecht wurde Mitte des 17. Jahrhunderts mit der ,,Aufklärung" und den damit verbundenen Werten der individuellen Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit nach und nach verdrängt. Jedes Individuum soll die gleichen Rechte haben. Hier prägt sich das Weltbild der Moderne: Freiheit wurde als Befreiung vom Zwang unterschieden. Dass kein grenzenloser Individualismus das Werteverständnis bestimmte, wird durch die Vorherrschaft eines volonté générale-Gedankens belegt, der sich auch öfter (und weiterhin) als common sense wiederfindet. Als höchste Stufe der Vernunft wurde vor vormals sogar angesehen, sich von Eigennützigkeit zu befreien.

Das seit der französischen Revolution geforderte (und sich bis heute immer weiter prozessierte) Recht auf Chancengleichheit ermöglicht größere Gewinn- und Verlustmöglichkeiten für das Individuum. Neue und immer komplexere Sozialsysteme entstehen. Natürliche Grenzen haben ihre Bedeutung verloren und damit immer werden den Akteuren immer größere Bewegungs- und Handlungsmöglichkeiten eingeräumt. Damit wurden auch die Grundlagen zur Bewertung der Rationalität von Handeln verändert. Die Loslösung von Handlungsrechten aus Naturrechten (Geburtsrecht) durch den universellen Umlauf von Geld und Auflösung der Ständegesellschaft forderten eine Subjektivierung des Nutzenbegriffs. Retrospektiv entstehen Kausalitäten hinsichtlich der Handelbarkeit von Rechten hinsichtlich der Kontrolle von Handlungen nach Colemans Lesart, Prinzipal-Agent- Systeme lassen die Institutionen entstehen.

Neubetrachtung und damit immer noch fortschreitenden Neubewertung vergangener Handlungen ist bis heute gesellschaftlich etabliert und ist wichtig für jede Existenz einer gesellschaftlichen Institution. Welche Schwierigkeiten sich damit aktuell immer noch verbinden, kann man an der zögernden Haltung der katholischen Kirche gegenüber der Beteiligung an Ausgleichszahlungen für Kriegsgefangenen erkennen. Zeit als Bezugsfaktor ist also konstitutiv für eine Nutzenbetrachtung.

Das Verhalten der Individuen in vormodernen Gesellschaften war vom heutigen Standpunkt aus irrational, Zeremonien wie Menschenopfer bei den Inkas und Verhaltensnormen lassen sich oftmals als Reaktionen auf Umweltvorgaben (begrenzte Nahrungsmittelreserven, begrenzte Vorkommen von Holz o.ä). Diese Betrachtungen lassen sich auch auf andere Gesellschaftsbereiche ausdehnen:

Übersicht aus Beck 1988 S.121 f. - Risiken und Gefahren)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In dieser dargestellten Tabelle, wohl nicht aus Zufall auch von einem Vertreter eines Theorieansatzes der Dualität von Handlung und Struktur, Ulrich Beck, lassen sich ähnliche Zusammenhänge in der Handlungszurechnung erkennen. Für den Großteil der Handelnden in der vormodernen Gesellschaft hatten Gefahren eine Bedeutung durch Ihre externen Charakter, sie wurden als Schicksal erlebt. Diese Gefahren waren nur durch Beeinflussung der Götter durch erhöhte Gläubigkeit im Rahmen der von dem Glaubenssystem bekannten Beeinflussungsmechanismen (Opferrituale, Anbetungen u.ä.) möglich. Handlungen mit typischen ,,Geschenk"-Charakter an die Beeinflussungsinstanz konnten eine Gegenleistung erwarten lassen. Götter oder deren Priester, die den oft durch Notsituationen an Sie gestellten hohen Erwartungen nicht gerecht wurden, verloren häufig auch - wenn Alternativen möglich waren - an Wert oder gar Leben.

Dazu Coleman: ,,Daß vieles üblicherweise als nicht rational (S.22).

Weiter in der Einführung der Metatheorie dazu:,,Ich will damit nicht die Vorstellung erwecken, daß die Personen überall und jederzeit ohne Rücksicht auf Normen und aus reinem Eigeninteresse handeln. Es geht eher darum, daß ich in einem bestimmten Stadium der Theorie die Entstehung und Aufrechterhaltung von Normen, die Befolgung der Normen durch Personen, die Entwicklung einer Moral, die Identifikation der eigenen Interessen mit dem Glück anderer und die und die Identifikation mit Kollektiven als problematisch ansehe".(S. 38-39)

Zu der angesprochenen Problematik äußert er dann später: ,,Man muß eine bestimmte Vorstellung darüber haben, wie Individuen geartet sind, und die verschiedenen Funktionsweisen von Systemen nicht von unterschiedlichen Wesen ableiten, sondern von verschiedenen Beziehungsstrukturen ausgehen, in die diese Wesen verwickelt sind." (S. 255)

2. Das Vorhandensein von Strukturen

Die Verteilung von Handlung- und Kontrollrechten bestimmt die aktuellen Bedingungen der Handelnden, sodass Coleman in seinen Analysen häufig Funktionsbetrachtungen und Analysen des Prinzipal-Agenten-Verhältnisses vornimmt. Die Makroebene stellte also die Bedingungen der Handlung, die auf der Mikroebene realisiert werden - oder auch nicht. Demnach kann man also zu einer Dualität von Struktur und Handlung kommen, wie sie typisch ist für konstruktivistische Theorien: Struktur und Handeln sind zwei Dimensionen derselben Sache und keine radikalen Gegenbegriffe. Handeln ist zielgerichtet, ist aber begrenzt von Kompetenz und Perspektive des Akteurs. Struktur ist internalisiert, kein Zwang, der dem Handelnden extern trifft, sondern durch Kontroll- und Handlungsrechte die Situation definiert. Als handlungsleitend setzt Coleman bei seinen Betrachtungen des Akteurs vorwiegend das Bild des nutzenmaximierenden Homo oeconomicus voraus. Effektivität ist gleichzusetzen mit Rationalität. Coleman lehnt seine Rationalitätsfunktion an die Weber'sche an (S.16-17), lässt aber in seiner Definition die Klassifizierung rationaler Prämissen ausser acht: ,,Dabei geht man davon, da verschiedene Handlungen .., wonach der Akteur diejenige Handlung auswählt, die den Nutzen maximiert." (S.17) In einer dem Individuum übergeordneten Wertewelt sieht er keine Theoriegrundlage: ,,Die innere Analyse von Systemverhalten beruht auf einem humanistisch geprägten Menschenbild. Dies trifft nicht auf viele Bereiche der Sozialtheorie zu" . (S.5)

In seinen Exkurs über den methodischen Individualismus weist er auch auf unbeabsichtigt von dem Individualnutzen entstehenden Phänomenen auf Systemebene hin. Er verdeutlicht dabei, dass der Nutzen, der durch Handlungen nach dem o.g. Prinzip entsteht, nicht an den Akteur gebunden ist: "Die Interaktion zwischen Individuen wird so gesehen, daß sie neu entstehende (emergente) Phänomene auf der Systemebene zur folge hat, d.h. Phänomene, die von den Individuen weder beabsichtigt noch vorhergesehen worden sind."(S.6) Alle Kausalitäten und Folgen einer Handlung sind dem Akteur im Wahlmoment folglich nicht bewusst. Damit umgeht Coleman ein oft geäußerte Kritik an Rational Choice-Theorien, lässt so die Entstehung von gemeinsamen Wert- und Normsphären zu.

3. Kommunikativ erweiterte Rationalität - theoretische Ausflüge zu Luhmann und Esser

An o.g. Beispielen lässt sich die Situationsabhängigkeit des Nutzendefinition erkennen. ein Nutzen beruht auf den subjektiven Einstellungen des Entscheiders, die ich im weiteren Präferenzen nennen werde. Die als Handlungen beobachtbaren Tatsachen lassen verallgemeinerbare Beobachtungen zu, die übergreifende Wertzuschreibungen zur Rationalitätsdefinition und Nutzenberechnung möglich machen. Die Notwendigkeit, daß die Aufstellung einer Präferenzuordnung auf jeder Ebene Zeit bedarf, führt fast automatisch dazu, daß sie infolgedessen inkonsistent werden kann. In der Gesamtheit aller Handlungen bildet sich die Gesellschaft und damit auch deren Rationalitätsbegriffe ab.

Dies entspricht einem konstruktivistisch-aufklärerischen Verständnis der Systemtheorie Luhmanns. Das Einfügen der ,,abgeklärten Aufklärung" Luhmanns ergänzt RC, da Systemtheorie gesellschaftliche Verhältnisse nicht ,,entlarven" will, sondern übermäßige Komplexität erfaßt und reduziert. ,, Dieser Gewinn an reduzierbarer Komplexität wird dadurch erreicht, daß die Selektivität des menschlichen Verhaltens durch Systembildung gesteigert wird." (Luhmann, 1970: S.76) Jede Handlung wird also zu einer Systementscheidung, wobei die Beobachtung (= bewusste Bewertung der Handlung) dem handelnden Akteur nur durch Beobachtungen 2. Ordnung zur Verfügung steht. Alle Nutzenmaximierungsfunktionen sind komplexitätsreduzierende Prozesse ersten Ranges. Jede Handlung steht für eine Entscheidung (die dann auch immer die Entscheidung gegen die Handlungsalternative bedeutet). Soweit lassen sich Überschneidungen der Ansätze erkennen. Die Systemtheorie verzichtet dann im weiteren auf die akteursbezogene

Rationalitätsdefinition.

Rational ist laut Luhmann ein System, das die Rückwirkungen, die sich durch die eigenen Einwirkungen auf Systeme in seiner Umwelt ergeben, bei den Operationen, mit denen es sich selbst reproduziert, in Rechnung zieht. Systemrationalität bemißt sich an der Fähigkeit und Bereitschaft zur Reflexion auf die Einheit der Differenz von System und Umwelt. Im Zuge der funktionalen Differenzierung bilden sich in den einzelnen Systemen unterschiedliche Logiken der fremd- und Selbstwahrnehmung aus. Eine gemeinsame, allgegenwärtige und immergültige Wertsphäre wie die der Moral lehnt er ähnlich wie Coleman ab, stellt statt dessen die Systemrationalität an dessen Stelle: ,,Damit ist freilich nicht behauptet, daß die Gesellschaft über Normen, Regeln oder Direktiven Rahmenrichtlinien geben könne, was für Teilsysteme der Gesellschaft das Prädikat rational verdient. Die Gesellschaft steuert sich, wie wir noch mehrfach sehen werden, allenfalls über Fluktuationen, die funktionale oder regionale Systeme zur Verarbeitung von dissipativen Strukturen und damit zur Selbstorganisation zwingen." (Luhmann, 1997, S. 189

Das hindert Moral natürlich nicht in unserer Gesellschaft die Zwei-Seitenform Achtung/Missachtung anzunehmen und damit solange in den Kommunikationen prozessiert zu werden, wie es Sinn macht. Den Akteur als Konstrukteur und Nutzer der Systeme verliert Luhmann aus der Sicht und setzt im weiteren seinen allgemeineren Kommunikationsbegriff an seine Stelle. Dass dieser jedoch dort selektiert, setzt Luhmann voraus.

Vor allem, aber wäre es nach Luhmann, wenn man dem Begriff der Kommunikation eine theoretisch zentrale Bedeutung gibt, notwendig, das immer mitzuerheben, was nicht gesagt wird, wenn etwas gesagt wird, denn im sozialen Verkehr werden die Reaktionen sehr häufig durch eine Mitreflexion des Nicht-Gesagten bestimmt sein. Welche Kriterien für die psychischen Systemen dann für die Richtung ihrer Kommunikationen eine Rolle spielen, interessieren Luhmann nur sekundär, sind Ausprägungen der Interpenetrationen und Irritationen der Subsysteme.

In Coleman`s Metatheorie äußert sich dieser oft in der Nähe von Luhmanns Theorie, verliert jedoch den Akteur nicht aus dem Auge: ,,Allgemeiner gesagt, werden Informationen in jedem großen System über Medien vermittelt, die innerhalb des Systems selbst Akteur mit eigenen Interessen sind. Dies beeinflusst den Umfang und die Art der Information, die anderen Akteuren zugänglich ist, und verschiedenen Kommunikationsstrukturen verändern diese Informationen auf unterschiedliche Weise"(S. 21, Bd.1)

Der auf der Prämisse des reagierenden und rational abwägenden Akteurs gebauten Theorie Colemans möchte ich wie ein auch Hartmut Esser eine Erweiterung des Handlungsbegriffs um wahrnehmungstheoretische Inhalte empfehlen.

Dabei sieht Esser die RC-Theorie dabei auch als Mittel zur Strukturanalyse an, ,,Weil sie das menschliche Handeln als eine intentionale, an der Situation orientierte Wahl zwischen Optionen auffasst und damit der menschlichen Fähigkeit zu Kreativität, Reflexionen und Empathie ebenso systematisch Rechnung trägt wie der Bedeutung von Knappheiten und von (Opportunitäts-) Kosten des Handelns" (Esser, 1991: 431). Die Betrachtung von Handlungs- und Kontrollrechten tritt wie auch Nutzenmaximierung in den Hintergrund. Sie sind nur logische Folge der Systemstruktur.

Das ,,Fraiming" , ähnlich dem constraints-Begriff von Coleman wird formgebend in eienm Sinn, der an strukturalistische Theorien á la Parsons erinnert: ,,Framing definiert die Situation auf doppelte Weise: Durch die zuspitzende Selektion eines dominierenden Rahmens und durch die Festlegung des Akteurs auf diesen Rahmen dadurch, daß der Rahmen dem Akteur subjektiv ganz selbstverständlich erscheint."(Esser 1997, S80). Esser führt im weiteren ein SEU-Rahmen ein, den ich hier nicht weiter ausführen möchte.

Bei Esser wie bei Coleman gehen Selektionsprozesse der rationalen Wahlentscheidung voraus. Das erfordert die stärkere Einbindung Theorie eines Komplexitätsreduktionsprinzips in der rationalen Wahlentscheidung des Individuums über Präferenzen: Präferenzen stellen sich dem Individuum über kognitive wie auch affektive Prozesse dar. Durch den Zugang zu Wissen und Rezeption des Erlebten werden täglich Neubewertungen der Vorlieben und der eigenen Situation und Überzeugung vorgenommen, überspitzt: Der Mensch konstruiert sich täglich neu.

Dabei können wertrationale Überzeugungen als gesellschaftliche Grundwerte vom Menschen erfahren ebenso wie alle anderen Sozialisationen möglich sind. Nach Lerntheorien prägen sich bei der rationalen Wahlentscheidung die Selektion über Vorlieben auch Werte wie Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, Solidarität, Rücksicht und Nächstenliebe aus.

Hier möchte ich die Wahrnehmungstheorie heranziehen, um mit Einführung eines Modelles begrenzter Rationalität Selektivitätskriterien zu berücksichtigen.

Für Individuen oder Organisationen stellt sich die Kalkulation der Kosten-Nutzen oft als problematisch dar aufgrund der Schwierigkeiten bei der Antizipation oder Erwägung aller Alternativen und der Informationslage. Gesellschaftlich tradierte Werte werden als positive oder negative Erfahrungen internalisiert und beeinflussen in der Valenz der Erfahrung die Kosten/Nutzenfunktion in einer Wahlentscheidung.

Weitere Unwägbarkeiten sind in den Problemen der Relevanz, Priorität, Klarheit, Kohärenz und Stabilität von individuellen Zielen zu sehen. In einer Theorie der dominanten Struktur der individuellen Entscheidung von Montgomery (1983,1989) werden die folgenden Phasen vorgeschlagen:

1) Screening - , hier werden Möglichkeiten, die in wichtigen Kriterien nicht der Erwartung entsprechen, eliminiert
2) Wahl einer vielversprechenden Alternative, wobei die temporäre Attraktivität einer Alternative dies als vielversprechend erscheinen lässt
3) Dominanz-Bildung durch die Anwendung kognitiver Manipulationen und Beinflussung wird eine Wahl vorgestellt
4) Im Falle einer unbefriedigenden Dominanzbildung die Wahl einer neuen Möglichkeit

Die Kriterien der subjektiven Dominanzbildung belasse ich hier unbestimmt als Objekt der Bewertung: "Die Frage lautet nicht mehr welche Ursache welche Wirkung hat, sondern wie eine Zuordnung von Wirkungen auf Ursachen und von Ursachen auf Wirkungen konstruiert wird; und vor allem: wer bestimmt, was dabei unberücksichtigt bleiben kann." (Luhmann 1996, S. 5 des Artikels)- siehe weiter *1

Die knappen Ressourcen der menschlichen Informationsverarbeitungsprozesse haben die Notwendigkeit der Komplexitäts-/Reiz(= Umweltwahrnehmung)-Reduktion gezeigt. Hier lassen sich die Gründe für die Akzeptanz überindividueller Werte bei der Wahlentscheidung des Individuums vermuten. Dies entspricht dem Prinzipal-Agent-Verhältnis von dem Tausch der Kontroll- und Handlungsrechte mit Übertragung der Wertdefinitionen an eine Institution, die der Kommunikation nach Luhmannn entspricht Sinn/Vernunft solange prozessiert, wie er von den Akteuren noch wahrgenommen wird.

4. KRITIK PUNKTE

Aktuelle Vertreter strukturalistischer Theorien wie Haller oder forschungsverwandte Nachfolger wie Münch kritisieren die im folgenden genannten Punkte an der RC- Theorie. Gegenübergestellt zu diesen Kritiken erlaubt ein kommunikativ erweiterter RC-Ansatz neue Perspektiven.

4.1 Kritik Normen:

Contra: Das faktisch Bestehende wird als das normativ richtige dargestellt, Normen gelten nur als abhängige, nicht als unabhängige Faktoren.

Perspektivsicht: Auch bei der erweiterten RC bleibt diese Kritik aufgrund der konstruktivistischen Grundlage der Theorie(n) bestehen, ist ihr sogar gemeinsam mit Kritiken der Systemtheorie. Die Frage nach Existenz und Herkunft von überindividuellen Werten lässt sich von RC nicht beantworten, jedoch mit dem Informationsangebot für die Handelnden in einer untersuchten Situation dem evtl. vorhandenen Nutzenkalkül analysieren und dessen Motivationslage bestimmen.

Contra: Recht kann auch als Befehl für allemal angesehen werden.

Perspektivsicht: Der Neubewertungsprozess findet immer statt, damit kein ewig besteht kein unveränderliches Recht, sondern ein dem Zeitkontinuum entsprechendes Rechtskontinuum, dass sich durch Autopoiesis ausdiffenziert, wird durch die aktuelle Rechtslage aus der Historie definiert und durch wechselnde Präferenzen verändert.

Contra: Gewissen als fehlt als universelles Moment.

Perspektivsicht: Wird von der innerpsychischen Kommunikation im Rahmen des Screenings je nach Situation zur Wahlentscheidung stärker oder weniger stark herangezogen.>Gewissen stellt einen Kostenfaktor in der Wahlentscheidung dar, ist damit auch je nach Situation mehr oder weniger immanent.

Contra: Normen entstehen nicht allein durch Vertrags- und Tauschhandlungen, sie brauchen allgemein zustimmungsfähige Moralprinzipien

Perspektivsicht: Normern werden im Kommunikationssystem neukonstruiert, in der Menge der Kommunikationen werden Zustimmungsfähigkeit von Handlungsprinzipien (=Kostenfaktoren - ,,Ist es das wert?) immer wieder neu ausgehandelt

4.2 Kritik Handlungsbegriff

Contra: Eingeschränkter Handlungsbegriff

Perspektivsicht: Normen fliessen zwar nach den vorgestellten Betrachtungen der RC als Kostenfaktor in Selektionsvorgaben der Handlungen ein, dennoch stellt diese Kritik Schwierigkeiten der Colemanschen RC-Theorie dar. Sich stark im Innern eines Menschen abspielende Prozesse wie die wissenschaftliche Forschung, künstlerisches Schaffen oder das Verlassen der geltenden Handlungsnormen in Form von Psychosen u.ä. finden keine ausreichenden Erklärungsansätze. Durch die Erweiterung des Handlungsbegriffes in Kommunikation kann dieses Problem gelöst werden.

In einer weiteren Kritik des Handlungsbegriffs der RC nach Coleman von R. Stichweh schließt greift dieser die Definitionsbeschränkungen auf. Indem er den Handlungsbegriff des RC, der bis zum Moment der Übertragung der Kontrolle von Handlungsrechten reicht, gegen den von NL 1978 formulierten Unterscheidung von Handeln und Erleben stellt, dass innerpsychisch auch 'autistische' Wertmassstäbe an Handlungen entwickelt werden, die sich selbst im eigenen Erleben bestätigen:,,Auch hier scheint mir, daß Luhmann mit der Unterscheidung von Handeln und Erleben einen weit konsequenteren Vorschlag entwickelt hat .."(Stichweh, 1995, S.402)

Contra: Sinn des Handelns wird ausgeklammert

Perspektivsicht: Sinn wird aufgelöst in der Kommunikation und nach der dort entsprechende Rationalität weiterprozessiert.

Kritik Machtbegriff

Contra: Die Grundannahme in einer Machtbeziehung, sie sei vergleichbar mit einer marktförmigen Ökonomie, trifft in der Realität nicht zu. Häufig hat die schwächere Partei keine Möglichkeit zur ,,Exit-Option". Dazu sieht Münch auch die Unterdrückung als kein durch Rational-Choice-Theorie zu erfassendes Phänomen. Hier werden auch die Deutungsbedürfnisse sowohl in der Anwendung der RC-Theorie klar, die durch die Nutzendefinition des Betrachters und des Akteurs entstehen wie auch auf Seiten des Kritikers Münch der wertende Systembetrachtungen vornimmt.

Perspektivsicht: Das Erleben einer Machtbeziehung als Verlust formt erst das Bewusstsein der fehlenden "Exit-Option". Also wird durch Marktförmigkeit der Rechte die Frage nach Stärkeren und Schwächeren diesen als Handlungsgrundlage gestellt. Die situativen Handlungsbewertungen - gerade auch bei historischer Rückbetrachtung - zeigen durch kommunikativ herausgebildete Werte zeitgenössische Typen von Machtbeziehungen. Auch die Bedeutung des Erlebens spielt hier eine besondere Roll, da schon das Nicht-Handeln (bei Unterdrückung) als Verlust empfunden wurde/wird und regelmäßig zur Beendigung unausgewogenener Machtbeziehungen führt.

Contra: Unterdrückung ist in der Handlungsebene einer der Entscheidungsfaktoren, keine gesellschaftliche Fehlentwicklung mehr. Ist von Seiten des Machthabenden keine Sanktionierung des Machtmissbrauches zu erwarten und die Gruppe der Machtlosen kontrollierbar wie auch mit den essentiellen Lebensbedürfnissen zu versorgen und die Aufrechterhaltung des Machtsystems für die Kontrolleure von Nutzen, so ist es wahrscheinlich, das die Akzeptanz dieses Gesellschaftsystems größer ist als die Möglichkeit einer Revolutionen mit vielen potentiellen (Verlust-)Risiken für die Gesellschaft. Der Mächtigere muss nicht notwendigerweise die Kosten seiner Handlung kalkulieren oder Alternativen entwickeln. Desgleichen bindet sich auch der Mächtigere an den Schwächeren, wenn die Kosten für den Austritt auch für Ihn zu hoch sind.

Perspektivsicht: Der Nutzen des Akteurs steht immer wieder zur Disposition und wird durch die Handlung kondensiert. (Anm.: Sog. Grenznutzenbetrachtungen äquivalent zu betriebswirtschaftlichen Analysen können durch speziellen Beziehungscharakter nicht bei jeder Handlung durchgeführt werden)

Für diesem Zusammenhang läßt sich die aktuelle Entwicklung der Informationsgesellschaft als Beleg anführen. Informationen über gesellschaftliche Zugewinne (mehr Arbeitsplätze, höheres Bruttosozialprodukt usw.), die sich in individuellen Gewinnen summieren, erhalten so auch in Politik und Medien immer wieder einen hohen Stellenwert = hohe Kommunikationsfrequenz. Sie stehen dem Akteur u.a. zur Verfügung als Prämissen für (politische ) Wahlentscheidungen, mit denen künftige Gesellschaftsentwicklungen individuell beeinflussbar werden. So ist schon die Kommunikation wie auch die Wahlhandlung ein Gewinn des Akteurs. Ein Wahlparadox nach Coleman ist also bei der Berücksichtigung der Grundannahmen einer beschränkten Rationalität sowie der oben angedeutete Einführung weitere Aspekte von konstruktiven Entwicklungen nach Luhmann nicht feststellbar.

Desweiteren spielen bei politischer Macht nicht nur das Verhältnis der erwartbaren Regierungsleistungen auf Individualebene, sondern auch die Formulierung der Parteiziele im Handlungsprozess eine wichtige Rolle. Es gibt Kernpunkte für alle Parteien, über die sie nicht verhandeln können. Je weniger Festlegungen vorhanden sind, desto mehr Handlungsspielräume (=Gewinnmöglichkeiten) des Einzelnen offenbaren sich. So begeben sich Parteien in Ihrer Programmatik immer auf Strategien, die genug Offenheit für den Nutzen vieler Individuen haben und die durch die Vertrauensbeziehungen zu Einzelpersonen (Spitzenkandidaten) immer öfter zudem symbolisiert werden.

Contra: Eine nach RC handelnde Regierung, würde Ihre Ausgaben nicht mehr kontrollieren, da Sie auf Steigerung der öffentlichen Ausgaben bedacht sein sollte.

Perspektivsicht: Entstehen in der Kommunikation Verlustvermutungen, führt dies zu (vermuteten) hohen zukünftige Kostendes Einzelnen, wodurch (auch öffentlich kommuniziert)die Wahlchancen sinken, die Beliebtheit und Vertrauenswürdigkeit eines Kandidaten/Regierenden/Machthabenden sinkt.

Contra: Der nichtpolitische Faktor von Macht ist die Handlungsgrundlage von Körperschaften: Hilfe, Solidarität, Loyalität und Kooperation. Körperschaftsintern wird Macht durch deren Kontrollorgane (Behörden) vertreten: Justiz, Polizei, Militär, Finanz- und Sozialbehörden usw.

Perspektivsicht: Dieses geschieht in einem RC-gemässen direkten Entlohnungsverfahren. Doch die o.g. Verhaltensweisen werden durch Kommunikation zu Macht- und Politikfaktoren.

Contra: Die Kurzfristziele wie Profitmaximierung stimmen nicht überein mit langfristigen Grundüberlegungen (z.B.: Ausbeutung von Natur, Grundüberzeugungen, oder Integration von Zuwanderung) und müssen thematisiert werden, um als Wert anerkannt zu werden.

Perspektivsicht: Verluste werden (wie auch Gewinne) nach öffentlich kommunizierter Schadenswahrnehmung auch thematisiert und an Institutionen verwiesen durch Ausweitung der Geltungsbereiche oder neu institutionalisiert. In diesem Bereich kann man sicher nocher in einer Nutzenfunktion das persönliche Risiko mit Unterfaktoren wie Größe der Katastrophe bestimmen. So lassen sich Phänomene wie Anti-Atom-Bewegung (und deren nachlassende Integrationskraft aufgrund neu hinzugekommener Handlungsmöglichkeiten) im Rahmen von Medienanalysen thesenbildend betrachten.

4.3 Kritik Vertrauen

Contra: Bei vielen Handlungen ist Vertrauen eine Grundvoraussetzung.

Perspektivsicht: Dieses Verhalten wird familiär erlernt. Je geschlossener eine Familie, desto mehr Vertrauen innerhalb und mehr Misstrauen für ausserhalb liegenden Systeme. Vertrauensbeziehungen in die Aussenwelt werden in der Regel durch schon vertraute Personen vermittelt (Bsp.: Arztsuche).

Auch über moderne Politik sieht Münch vertrauensvermittelte Entscheidungen über Zustimmung oder Abstimmung durch Medien und Freunde. Setzt man also den Wert des Wert Vertrauens als mitenthalten in der Kommunikation, kann man Münch nur zustimmen.

Contra: Oft werden Vertrauensbeziehungen schon beim Erstkontakt gerichtet ( Vertrauen erzeugt Vertrauen & Vice versa). Diese Prozesse liegen vor RC-Kosten-Nutzen- Betrachtungen auf einer Gefühlsebene, die zwar auch teils ,,rationalisiert" werden kann, aber dennoch in RC keine Rolle spielen.

Perspektivsicht: Vertrauensvoll vermitteltes Handeln ist auch bei Normen RC-Anwendungen vorgelagert. Normen werden in der Familie grundlegend erlernt und existieren meist unbewusst . Je mehr Aussenwelteinflüsse eine Rolle spielen, desto größer wird die Bedeutung, wie intensiv Normen durch gute oder schlechte Vorbilder erlebbar sind. Sollten alle Normvorstellung erst marktförmig vom Individuum erarbeitet werden, würden die Kosten für den einzelnen zu hoch. Zugehörigkeit zu Gruppen bestimmt oft normgerechtes Verhalten. Mit o.g, Erweiterung von RC fliesst ein in Modell beschränkter Rationalität

Contra: Kostenbetrachtungen in sozialen Handlungen spielen zwar eine Rolle , werden meist mit Entscheidungen über Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit berechnet (Bspl. Neue Freunde suchen & finden)In Bevorzugung Colemans für direkte Rückkoppelungen für normun-/gerechte Handlungen sieht Münch Anknüpfungspunkte für dieses bindungstradierten Normen, Coleman geht damit aber nicht weit genug.

Perspektivsicht: Die eingeschränkte Handlungsorientierung der Coleman 'schen Lesart wird kommunikativ erweiterte RC aufgelöst.

5. Schlußbetrachtung:

Der Stein der Weisen ist auch eine erweiterte RC-Theorie nicht. Die subjektiven Dimensionen sind schwer zu messen und neigen hinsichtlich der Voraussage zur Beliebigkeit.

Reizvoll sind sie RC-Ansätze in kommunikativ erweiterterten Ansatz sicher bei Betrachtungen des Entstehen von öffentlichkeitswirksamen Themen, dort, wo Kommunikationen auch durch Nennungen in den Medien zählbar sind. In der Individualebene wird jeder Betrachtung der fade bei Geschmack des "Heisenbergschen Faktors" bleiben, schon durch die Messung ist das Ergebnis ein anderes.

Bewertungen, Beurteilungen fliessen immer in Handlungen mit ein, leiten diese. Den Ruf von RC als reaktiver/reaktionärer wie auch mindestens konservativer Theorie kann man also so nicht stehen lassen. Die Unterschiedlichkeit der Bewertungen könnte man fast schon als Grund für die Relevanz von RC gelten lassen Durch den wie dargelegt konstruktivistischen Moment bleibt dies jedoch dem Betrachter offen.

Literatur:

Beck, Ulrich, 1988: Gegengifte. Die organisierte Unverantwortlichkeit. Frankfurt/M.

Coleman, James S, 1995.: Grundlagen der Sozialtheorie, R. Oldenbourg, München

Esser, Hartmut, 1993: Soziologie. Allgemeine Grundlagen. Frankfurt/M.

Esser, Hartmut: Die ,Definition` der Situation und die Rationalität des Handelns, in: T.

Luhmann, N., 1970: Gesellschaft , in : Soziale Systeme Niklas Luhmann, Soziologische

Aufklärung, Band 1: Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Opladen

Luhmann, N., 1996: Kausalität im Süden, in: Soziale Welt 2/96, Bielefeld

Luhmann, N., 1997: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt/M.

Meleghy, H.-J. Niedenzu, M. Preglau, F. Traxler, B. Schmeikal (Hrsg.): Soziologie im Konzert der Wissenschaften, Opladen 1997

Montgomery, H. :Decision rules and the search for a dominance structure: towards a process model of decision making, in P. Humphreys, O. Svenson and A. Vari (Hrsg.): Analyzing and aiding Decision Process, Amsterdam 1983

Montgomery, H.: From cognition to action: the search for dominance in decision making, in : H. Montgomery and O. Svenson (Hrsg.): Process and Structure in Human Decision making, Chichester, Wiley 1989

Münch, R.,1992: A Critical Assessment of ist Explanatory Power, in : Rational Choice Theory: Advocacy and Critique, Hrsg. J.S Coleman/T.J. Fararo, Newsbury/California Stichweh, R., 1995: Systemtheorie und Rational Choice Theorie, in: ZfS, Jg. 24, Heft 6, s.395-406, Stuttgart

[...]


*1: Hier lässt sich auch die Frage der Lebenslaufforschung wiederfinden, wohin sich die Richtung einer Linie im "life-chart" bei einem Wendepunkt - so er denn eingegrenzt ist" bewegt. In den Seiten 99-11 des Aufsatzes "Kausalität im Süden" führt Luhmann implizit ein Konzept für den Wendepunktbegriff aus: den Verlust oder Hinzugewinn von Wahlmöglichkeiten.

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Kritik und kommunikative Perspektiven der Rational-Choice Theorie nach J. Coleman
Note
3
Autor
Jahr
2000
Seiten
14
Katalognummer
V97601
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Erweiterung von RC zum Theorieansatz mit Kommunikation nach Luhmann
Schlagworte
Kritik, Perspektiven, Rational-Choice, Theorie, Coleman
Arbeit zitieren
Thomas Wehrbein (Autor), 2000, Kritik und kommunikative Perspektiven der Rational-Choice Theorie nach J. Coleman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97601

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