Hamlet im Comic


Seminararbeit, 2000
13 Seiten, Note: 2-

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Michaela Mielke

Hamlet im Comic

1. Einleitung

In den letzten Jahrzehnten wurden Comics häufig belächelt, manchmal sogar verdammt. Heute hingegen haben sich Comics als ein ernst zu nehmendes Medium etabliert. Dieser Wandel zeigt sich auch daran, daß ab den 80er Jahren eigene Comic-Buchhandlungen entstanden und sogar in vielen renommierten Buchhandlungen neben Büchern auch Comics angeboten werden. Früher erschien dies überhaupt nicht denkbar, war der Verkauf von Comics fast ausschließlich Zeitungskiosken zugeschrieben und vorbehalten. Selbst zur Wissensvermittlung werden Comics inzwischen genutzt, wie vor allem jene wissen, die eine Fremdsprache in der Schule erlernen - ein weiteres Indiz für eine geänderte Betrachtungsweise von Comics.

Diese Arbeit untersucht eine Comic-Adaption von William Shakespeares Hamlet. Dabei wird im ersten Teil auf die Geschichte der Comics allgemein eingegangen und dann die Geschichte der Reihe Classics Illustrated, in der der Comic erschienen ist, speziell untersucht. Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Textadaption in dem Comic. Eingegangen wird darauf, ob und inwieweit der Text Shakespeares gekürzt wird, was dabei aufgefallen ist, ob die Adaption dem Text Shakespeares noch gerecht wird oder sich der Inhalt verliert. Außerdem wird die zeichnerische Gestaltung des Comic betrachtet. Der Schlußteil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob der Comic ein geeignetes Medium für die Adaption von William Shakespeares Hamlet ist.1

2. Comics: Eine kurze Definition

Comics sind Erzählungen, bestehend aus einer Folge zumeist gerahmter Zeichnungen (englisch: "strips "), die in der Regel mit begleitenden Texten in Untertiteln oder Dialogen in Sprechblasen versehen sind.

Comics erscheinen in gedruckter Form als Hefte oder Bände, in Zeitschriften und auch in Büchern. Die Sequenzen eines Comics reichen von einer einzigen, meist waagerechten Zeile in einer Tageszeitung bis zu komplexeren Zusammenstellungen, die über mehrere Seiten gehen.

Der Begriff Comic leitet sich zwar von den ursprünglich nur komischen Inhalten ab, heute umfaßt das Genre aber auch Abenteuer-, Kriminal-, Science-Fiction- und historische Stoffe (Fuchs 1977: 10).

2.1. Die Ursprünge der Comics

Die Anfänge reichen zumindest zurück bis ins 17.Jahrhundert. In England verwendete Francis Barlow bereits um 1682 auf seinen Propaganda-Blättern The Horrid Hellish Popish Plot häufig Spruchbänder - Vorläufer der heutigen Sprechblasen. 1732 schuf William Hogarth Bildfolgen (A Harlot ´ s Progress), die in chronologischer Abfolge zeitgenössische Themen, wie auch soziale Ungerechtigkeiten und Laster satirisch aufgriffen. Die Bildfolgen bestanden aus mehreren zusammengehörenden, kunstvollen Radierungen, die wie eine Geschichte gelesen werden konnten. 1827 begann Rodolphe Töpffer, ein Lehrer aus Genf, inspiriert durch Hogarths Drucke, seine eigenen Romane in Bildern zu schreiben und zu zeichnen; zuerst in privatem Rahmen für seine Schüler und Freunde, ab 1833 jedoch veröffentlichte er, ermutigt durch Goethes Lob, mit Histoire de Mr. Jabot die erste seiner Genfer Novellen. Töpffer gebührt der Verdienst, die Bilderzählung erstmals als Prinzip angewandt zu haben.

Der bedeutendste "Erbe" Töpffers war Wilhelm Busch - jedem dürften seine Geschichten von Max und Moritz bekannt sein. Wie viele andere europäische Künstler arbeitete er für die damals neuen humoristischen Zeitschriften. Die Texte, häufig in Versform abgefaßt, waren maschinengeschrieben und standen unter den Zeichnungen. Sein sprachlicher Stil, seine Art zu zeichnen sowie seine beiden Hauptdarsteller wurden später oft imitiert (Fuchs 1977, 14; Surman, 1).

Die Einführung der Drucktechnik und deren Neuerungen ermöglichten nach und nach eine größere Verbreitung der Werke der Künstler.

2.2. Comic Strips in Zeitungen

1895 erschien in den von Richard Felton Outcault kreierten Abenteuern aus dem Alltag detailliert gezeichneter Mietskasernen ein, die er regelmäßig in der Zeitschrift New York World veröffentlichte, erstmals ein kahlköpfiger Bengel mit abstehenden Ohren. Schon Anfang 1896 war der Bengel im gelben Hemd, The Yellow Kid, zum Mittelpunkt der Serie geworden und wandte sich in irischem Slang, der auf sein Hemd gekritzelt war, an seine Leser. Als Nächstes beauftragte Hearst den in Deutschland geborenen Rudolph Dirks damit, eine Comic-Version von Wilhelm Buschs Bildergeschichte Max und Moritz unter dem Namen The Katzenjammer Kids (1897) für seine Zeitschrift New York Journal zu gestalten. Es folgte eine Experimentierphase, in der sich neue Kastengestaltungen und die Verwendung von Sprechblasen in den Sonntags-Comics etablieren konnten. Das Amerika der Jahrhundertwende bot das geeignete Umfeld für die Entwicklung der Comics zu einem kommerziellen und künstlerischen Phänomen. Die Bevölkerung suchte preiswerte Unterhaltung und neue identitätsstiftende Legenden oder sie benutzte Comics als Englischkurs für Erwachsene und Kinder. Die bekanntesten Comics dieser Zeit sind Little Nemo (1905) von W. McCay und Lionel Feiningers Kinder-Kids (1906). Einer der größten Erfolge in der Geschichte der Comics überhaupt ist der 1930 entstandene Strip Blondie ( Fuchs/Reitberger 1971, 10-19; Fuchs 1977, 14-20; Burgdorf 11-29).

2.3. Die Anfänge der Comic-Hefte

Die ersten Comic-Hefte , "comic books" genannt, entstanden 1933. Sie wurden als Werbegeschenke bestimmten Produkten beigegeben. Die Comics in Zeitungen waren ursprünglich Gratisbeilagen, aber 1934 zeigte sich mit dem Band Famous Funnies, daß die Leser bereit waren, die Nachdrucke ihrer Lieblings-Comics auch zu kaufen. Nachdem die Comic-Hefte des Texters Jerry Siegel und des Zeichners Joe Shuster fünf Jahre relativ erfolglos geblieben waren, verkauften sie ihren Helden Superman als Titelbild des neuen Heftes Action Comics, das 1938 erstmals erschien. Die Popularität von Superman führte ein Jahr später zu The Batman von Bob Kane und Bill Finger, gefolgt von einer ganzen Propaganda-Armee mit übermenschlichen Kräften ausgestatteter Figuren, die für Amerika gegen Deutschland und Japan immer mit Erfolg kämpften. Nach dem Ende des Krieges kamen die "Superhelden" allmählich aus der Mode und andere Themen erschienen in den Comics: lustige Tiergeschichten (Walt Disneys Comics and Stories), umgearbeitete Fassungen von Filmen und literarischen Klassikern, Western, Dschungelabenteuern, Kriminal- und Liebesgeschichten, des weiteren Kriegs- und Horrorerzählungen (Fuchs/Reitberger 1971, 18f).

Nach einer Phase der Zensur in den fünfziger Jahren (vor allem in den USA), in der viele Verleger ihre Arbeit einstellen mußten, kam es in den sechziger Jahren zu einer Renaissance der Superhelden-Comics. In den Marvel-Comics erfanden der Texter Stan Lee und die Zeichner Jack Kirby und Steve Ditko ein ganzes, miteinander verbundenes Universum von tragischen Helden wie The Fantastic Four und Spider-Man, denen ihre Kräfte nur Schwierigkeiten bereiteten Fuchs/Reitberger 1971, 106-110).

Ausgehend von den liberal gesinnten Universitätsstudenten entstanden in den sechziger Jahren entstanden in den USA Underground-Comics für Erwachsene, die sich gegen die amerikanische Gesellschaft richteten. Vor allem die heftig mit Sex und Drogen experimentierenden, anarchistisch angehauchten Figuren von Robert Crumb (Fritz the Cat ist die wohl bekannteste ) wurden - auch in Deutschland - populär (Fuchs/Reitberger 1971, 218ff; Melzer, 39).

In Europa fanden neben übersetzten amerikanischen Heften auch eigene Produktionen zunehmend Interesse und viele Leser. In Deutschland gelang es Rolf Kauka, Fix und Foxi zum ernst zu nehmenden Konkurrenten für Disneys Branchenführer Mickey Mouse werden zu lassen (Fuchs/Reitberger 1971, 179ff). Französische und belgische Hefte wie Asterix von Goscinny und Uderzo, Lucky Luke von Morris oder Spirou und Fantasio von André Franquin erfreuen sich seit den siebziger Jahren großer Beliebtheit bei Kindern und Erwachsenen (Fuchs/Reitberger 1971, 186-191).

Pop-Art-Künstler wie Roy Lichtenstein und Andy Warhol wurden in den sechziger und siebziger Jahren von Comics als neuem, faszinierenden Masenmedium ebenfalls beeinflußt (Fuchs/Reitberger 1971, 233f).

Mit Art Spiegelmans Maus, dem Bericht darüber, wie sein Vater den Holocaust überlebt hatte, entstand in den achtziger Jahren ein Beispiel dafür, daß auch ernste Themen in ComicForm umgesetzt werden können.

3. Die Geschichte der Classics Illustrated -Comics

1941 startete Albert L. Kanter mit den Classics Illustrated eine Serie, die Comic-Geschichte schreiben sollte. Diese Serie brachte jeweils in einer Ausgabe eine in sich abgeschlossene Adaption einer literarischen Vorlage, - eines "Klassikers" - , wobei jedoch einige Adaptionen in Comic-Fassung zum ersten Mal als solche apostrophiert wurden. Die Spannweite reichte dabei von unbekannten Abenteuerschriftstellern und Jugendbuchautoren wie G.A. Henty, Jules Verne, über Goethe und Shakespeare bis hin zu Xenophon.

Albert L. Kanter war kein Freund von Comics. Ich beschäftigte aber, wie man Kinder und Jugendliche zur Beschäftigung mit Büchern anhalten könnte, was schließlich mit ausschlaggebend für die Gründung seines Comic-Verlages Gilberton Publications war. Damit wollte Albert L. Kanter die Comics in einem fairen Wettbewerb vom Markt drängen: "the bad comics should be conquered with their own weapons, with even better comics" (Czerwionka, 2). Nach Beratungen mit Publizisten und Pädagogen veröffentlichte er im Oktober 1941 den ersten seiner Comics: The Three Musketeers. Kanter war nicht der erste mit dieser Idee; schon in den zwanziger Jahren hatte es Adaptionen von Ivanhoe und Treasure Island gegeben, jedoch in Form eines Zeitungsstrips, also nicht abgeschlossenen Geschichten. Kanter war jedoch der erste, der mit jedem Comic eine in sich abgeschlossene Geschichte veröffentlichte. Er verzichtete bewußt auf die Fortsetzung als ein damals typisches Comic-Merkmal. Classics Illustrated begann nun mit seinem Siegeszug um die Welt. Man schätzt, daß insgesamt über eine Milliarde Classics Illustrated verkauft worden sind - Argentinien, Chile Japan, Hongkong, die Philippinen, Australien, fast alle europäischen Länder2 und sogar Indien, Pakistan, Israel und Marokko druckten fremdsprachige Ausgaben.3 Das Konzept der Classics Illustrated erregte die Gemüter. Fast immer auf Ablehnung stieß dabei die Verwendung der Adaption einer "höherwertigen" literarischen Vorlage, weniger die edukative Absicht der Reihe, die meist nicht erkannt wird. Die Classics Illustrated versteht sich nicht als eine gleichwertige Übertragung eines Werkes in ein anderes Medium, sondern eher als Vorstufe zum eigentlichen Werk, was das Motto "Classics Illustrated will help you to open the door to good literature" (Czerwionka, 9) unterstreicht. In einem Vorwort in der deutschen Ausgabe heißt es:

Wenn auch der Text dieses Buches dem Originalwerk entnommen wurde, so hoffen wir doch, dass Sie später den Klassiker selbst lesen werden, um die Schönheit seiner Sprache zu geniessen, die schon Millionen vor Ihnen so viel Freude gemacht hat. Nur wenn Sie unserem Rat folgen, werden Sie die wahre Freude am Lesen empfinden. Wir wissen, dieses Buch wird Ihnen viel Schönes geben, und wir wünschen, auch Sie mögen zu dieser Überzeugung kommen (Illustrierte Klassiker, Vorwort).

In der amerikanischen Ausgabe heißt es: "Now that you have read the Classics Illustrated Edition, don't miss the added enjoyment of reading the original, obtainable at your school or public libary" (Fuchs/Reitberger 1971, 144).

Der Verlag orientierte sich bei seiner Titelauswahl eng an die Leselisten in amerikanischen Schulen - Klassiker machen dort nur einen Bruchteil der Lektüre aus. Die vorrangige Stoffquelle der Classics Illustrated bildeten international bekannte Erzählungen, Reise- und Abenteuererzählungen der europäischen und nordamerikanischen Literatur. Der Verlag suggerierte außerdem noch, daß die Adaptionen sehr eng an der literarischen Vorlage angelehnt sind.4 Zu bedenken, ist dabei, daß man mehrere hundert Seiten umfassende literarische Vorlage wie Moby Dick schwerlich in 48 Seiten zusammenfassen kann, - umfangreiche Kürzungen und Auslassungen deshalb nicht zu vermeiden.5 Das Adaptionsverfahren der Classics Illustrated beruhte im wesentlichen darauf, die äußere Handlung der jeweiligen Quelle zu straffen und in ihren Grundzügen wiederzugeben. Dabei wurde aus Platzgründen der Darstellung in relativ knapp gehaltenen Blockkommentaren zumeist der Vorrang gegenüber dem aufwendigeren Verfahren der Dialogisierung eingeräumt, - eine Prozedur, die dem epischen Charakter des überwiegenden Teils der Vorlagen angemessen schien. Das Resultat solch sprachlicher und bildnarratischer Kürzungen ist allerdings von Ausgabe zu Ausgabe recht unterschiedlich ausgefallen (Dolle-Weinkauff, 142).

Die Frage nach der Berechtigung von Adaptionen, um die sich die Kritiker in diesem Fall streiten, konnte und kann nicht beantwortet werden. Zwei Grundpositionen stehen sich gegenüber. Die einen lehnen eine Adaption mit der Begründung ab, daß ein "Klassiker" ein Werk sei, das die Grenzen seines Mediums voll ausnütze oder sogar erweitere und neu definiere - und damit auch an das Medium gebunden sei. Dem halten andere entgegen, daß es eine ganze Reihe von Adaptionen gäbe, die ihrerseits selbst schon wieder als "Klassiker" gelten. Derartige, zwar auf einer Vorlage basierende, aber in sich wieder eigenständige Adaptionen zeichnen sich immer durch Ausnützen der ihnen in ihrem neuen Medium zur Verfügung stehenden Möglichkeiten aus. Es ist jedoch eine Tatsache, daß durch die enorme Verbreitung der Classics Illustrated das Medium Comic in die Öffentlichkeit gerückt wurde zu einer Zeit, in der Comics aktiv bekämpft worden sind, und in Ländern, deren Comic-Szene noch in den Kinderschuhen steckte (Czerwionka 9-12).

4. Hamlet im Comic

Der Hamlet-Comic wurde als 4. Band der Reihe Illustrierte Klassiker 1956 in Deutschland herausgebracht und damit die erste Shakespeare-Edition dieser Reihe. In Amerika war es der 8. Band und ebenfalls die erste Shakespeare-Adaption. Die Shakespeare-Adaptionen zählten zu den ambitioniertesten Stücken der Classics Illustrated. Die Zeichnungen stammen von Alex Blum, der zu den bedeutsamsten Mitarbeitern der Classics Illustrated gehörte. Er gestaltete 15 der 169 amerikanischen Comics der Reihe.

Seine Fassung von Shakespeares »Hamlet« (Heft 4), einer der herausragendsten nicht nur unter den Dramenadaptionen sondern unter den Heften insgesamt, erliegt nicht der naheliegenden Versuchung, die einschlägigen numinösen Auftritte und Begegnungen mit den Klischees zeitgenössischer amerikanischer Horror-Comics zu füllen, sondern findet dezentere Lösungen. Indem Blum durch einfühlsame Raumdarstellung den Bühnencharakter der Vorlage wahrt, gelingt ihm eine Art illustriertes Theater. Wie auch die anderen Adaptionen theatralischer Vorlagen innerhalb der Reihe gehalten, die Sprechblasentexte mit Orginalversen zu besetzen, gelingt Blum durch geschickte Bildregie und überlegtes Layout die Verknüpfung der ausgewählten Passagen zu einer recht konsistenten Erzählung (Dolle- Weinkauff 143ff).

Leider weiß man nicht mehr, welcher Autor das Skript für den Text in Hamlet geschrieben hat. Fest steht jedoch, daß er die Texte mit Hilfe der Vorlage der Schlegelschen Übersetzung geschrieben hat.

Hamlet wurde jedoch von den bundesdeutschen Kritikern als "jugendverwirrende Geschmacklosigkeit" (Dolle-Weinkauf, 144) bezeichnet.

5. Die Textadaption in Hamlet

Die Hamlet-Adaption der Illustrierten Klassiker umfaßt 44 Seiten. Es ist klar, daß man in einem 44-seitigem Comic, so nahe man auch an der literarischen Vorlage arbeiten will, nicht den gesamten Text von Shakespeares Hamlet unterbringen kann, deswegen gibt es in dem Comic zahlreiche Kürzungen, viele Auslassungen, eine Szenenumstellung und drei Szenen werden überhaupt nicht erwähnt oder umgesetzt. Im folgenden soll Akt für Akt und Szene für Szene darauf eingegangen werden, welche Textstellen den Kürzungen zum Opfer gefallen sind und mögliche Gründe dafür, warum gerade diese Textstellen gekürzt worden sind.

5.1. Chronologische Untersuchung des Textes der einzelnen Akte und Szenen: Ein

Vergleich zwischen Shakespeares Hamlet in der Übersetzung von A.W. Schlegel von 1798 und dem Hamlet -Comic der Reihe Illustrierte Klassiker 6

5.1.1. Akt I

Die Szene 1 ist im Comic verhältnismäßig lange dargestellt, wenn man vergleicht, daß diese Szene bei Shakespeare nur über 181 Zeilen geht. Die Szene umfaßt 19 Einzelbilder im Comic, und 70 Zeilen der Schlegelschen Übersetzung werden in den Sprechblasen der Figuren wiedergegeben. Ausgelassen wird der Dialog zwischen Horatio, Bernardo und Marcellus über den Krieg zwischen Fortinbras und dem toten König Hamlet, der in diesem Krieg gestorben ist und in dieser Szene als Geist erscheint. Auf Seite eins im Comic wird in einem erklärenden Einführung an der Seite des 1. Bildes im sogenannten Erzählkästchen nur erwähnt, daß der Vater von Hamlet plötzlich verstarb. Wie auch später in anderen Szenen, wird bis auf eine Ausnahme alles was mit Fortinbras zu tun hat ausgelassen. Die Auslassung der Fortinbras- Handlung wurde auch in einigen Film-Adaptionen praktiziert, so daß die ganze politische Dimension des Stückes wegfällt. Die Handlung des Stückes bleibt aber dennoch verständlich, da der Erzählstrang mit Fortinbras zum größten Teil unabhängig vom Rest des Textes steht. Dadurch läßt sich der Gesamttext gut kürzen - ohne das wesentliches fehlt. Die Szene 2 wird im Gegensatz zur ersten Szene im Comic relativ kurz behandelt, in zwei Bildern. Von 265 Zeilen im Shakespearetext bleiben 38 Zeilen im Comic übrig. Die Figuren des Königs, der Königin, Kornelius, Voltimand, Polonius und Laertes treten nicht auf. Die erste lange Rede des Königs handelt von Fortinbras, deswegen wird dieser Erzählstrang - wie in Szene 1 - weggelassen. Der größte Teil dieser Szene bei Shakespeare dient der Erklärung der momentanen Verhältnisse in Dänemark. Dort wird die Wiederverheiratung Gertrudes mit Claudius und Hamlets Verbitterung darüber geschildert. Der erklärende Inhalt dieser Szene wird im Comic an den Anfang auf Seite eins gesetzt und dort kurz zusammengefaßt, damit der Leser von Anfang an über die Verhältnisse Bescheid weiß. Hamlets erster Monolog dagegen wird ungekürzt wiedergegeben in einer riesigen Monumentalsprechblase. Sicherlich hätte man diesen Monolog auch kürzen können, aber durch den selbstbestimmten Bildungsauftrag der Reihe Illustrierte Klassiker ist es wahrscheinlich, daß der Autor diesen nicht kürzen konnte und vielleicht auch wollte, ohne diesen Auftrag zu verletzten. Der folgende Dialog zwischen Hamlet, Horatio, Bernardo und Marcellus über das nächtliche Auftauchen des Geists wird mit einem Erzählkästchen zusammengefaßt, der Leser des Comics weiß durch Szene 1 was geschehen ist und braucht deswegen keine Wiederholung der Geschehnisse mehr. Allein Hamlets Gedanken über "arge Ränke", die Spannung beim Leser aufbauen werden wiedergegeben. Szene 3, die relativ kurz ist, wird ebenfalls in zwei Bildern dargestellt. Von 136 Original- Zeilen bleiben 8 übrig. Die Szene, welche im Shakespeare-Original Polonius Ratschläge und Ermahnungen an Ophelia und Laertes beinhaltet, sowie einen Dialog zwischen Lartes und Ophelia über Hamlet wir im Comic zusammengefaßt und nur die Hauptaussagen von Polomius Rede mit seinen Kindern werden erwähnt. Der Dialog von Laertes und Ophelia wir in einem Erzählkästchen zusammengefaßt. Diese Szene läßt sich gut kürzen, in den zwei Bildern wird alles wissenswerte für den Leser zusammengefaßt.

Die 4. Szene wird wiederrum in zwei Bildern gezeigt. Hier bleiben von 93 Zeilen bei Shakerspeare im Comic nur 11 übrig. Dafür geht jedoch eins der Bilder über eine ganze Seite und zeigt die erste Begegnung Hamlets mit dem Geist auf der Terrasse. Für den Leser ist so ein übernatürliches Wesen natürlich spannend, deswegen wird dieses Bild so groß dargestellt, wie auch später beim zweiten Auftauchen des Geistes. Das restliche Gespräch zwischen Horatio, Marcellus unf Hamlet ist unwichtig für den Fortlauf der Handlung, deswegen wir er gekürzt.

Für die relativ kurze Szene 5 sind 7 Bilder und 30 Zeilen, 197 im Original, im Comic vorgesehen. Drei von den Bildern sind für die Schilderung des Mordes reserviert. Diese Schilderung kann im Comic sehr gut dargestellt werden, durch gewellte Bildumrahmungen, die u.a. für etwas stehen können, daß in der Vergangenheit passiert ist. Der geschulte ComicLeser merkt sofort, daß dies kein normaler Text ist. Die Schilderung des Mordes in Bildern ist anschaulicher als die bloße Erzählung des Tathergangs im Text oder auf der Bühne - und der hauptsächlich jugendliche Leser findet dies natürlich aufregend.

5.1.2. Akt II

Die 1. Szene des II. Aktes hat bei Shakespeare einen Umfang von 119 Zeilen während die Szene im Comic fünf Bildern und 25 Zeilen umfaßt. Polonius Gespräch mit Reinhold wird dabei ganz ausgelassen, und damit auch die Charakterisierung Polonius als Ränkeschmied und besorgter Vater. Dieser Erzählstrang ist wohl als unwichtig eingestuft worden für den Fortlauf der Handlung. Ophelia erzählt ihrem Vater von Hamlets Auftauchen in ihrem Zimmer - wieder anschaulich in einer gewellten Bildumrahmung verdeutlicht. Die Verrücktheit Hamlets wird hier als gegeben hingestellt, es kommt kein Hinweis darauf, daß sie vielleicht nur gespielt sein könnte. "Hamlet's Zorn steigert sich immer mehr. Schliesslich verschafft er sich Eintritt in Ophelias Zimmer und ängstigt sie mit seinem seltsamen Auftreten" (11).

Die 2. Szene ist die einzige Szene im Comic die geteilt wird. Der Teil mit den Schauspielern wird an die Stelle nach Akt III, Szene 1. gesetzt. Insgesamt umfaßt diese Szene 9 Bilder, wobei sechs Bilder zum ersten Teil gehören. 49 von 715 Zeilen werden gesprochen. Im ersten Bild dieser Szene werden Rosenkranz und Güldenstern eingeführt. Ihr Handlungsstrang wird wie bei anderen Adaptionen jedoch sehr gekürzt wiedergegeben. Das spätere Gespräch in dieser Szene zwischen den beiden und Hamlet wird vollkommen ausgelassen. Der Grund dafür ist wahrscheinlich ähnlich wie die Auslassung der Erzählstrangs mit Fortinbras, außerdem ist die ausgefeilte Charakterisierung dieser beiden Charaktere - wie z.B. auch die Charakterisierung von Polonius vorher - für das Verständnis der Haupthandlung des Stückes nicht notwendig, und kann in der Textkürze nicht geschehen. Voltimands Bericht von Forinbras wird ebenfalls ausgelassen, genauso wie Hamlets Gespräch mit Polonius, die eigentlich Hamlets "Verrücktheit" verdeutlichen soll - diese wird dem Leser des Comics sowieso als gegeben präsentiert - deswegen lohnt es sich nicht diese zu vertiefen. Dahingegen wird der Dialog zwischen Polonius und dem König über die Beziehung von Ophelia und Hamlet in fünf Bildern ausführlich dargestellt. Die letzten drei Bilder dieser Szene zeigen Hamlets Gespräch mit den Schauspielern, welches sich auf den Kern des Gespräches beschränkt: ob die Schauspieler die "Ermordung Gonzagos" spielen und eine Rede auswendig lernen können. Danach wird Hamlets Schlußmonolog dieser Szene stark gekürzt, seine Gedanken die seine Unentschlossenheit charakterisieren würden werden ausgelassen und nur der entschlußfreudige und tatkräftige Hamlet gezeigt.

5.1.3. Akt III

Der berühmten 1. Szene des III. Aktes hat Classics Illustrated sieben Bilder gewidmet. Von 190 Zeilen bleiben 63 Zeilen übrig, darunter der gesamte "Sein oder Nichtsein"-Monolog Hamlets, welcher wiederum in einer großen Monumentalsprechblase abgedruckt ist und das Bild während er den Monolog spricht eine ganze Seite ausmacht. Klar konnte man diesen Monolog nicht kürzen, ohne den Anspruch den man an sich stellte zu verlieren. Der Leser sollte auf jeden Fall einmal den berühmtesten Monolog Hamlets ganz gelesen haben. Der Leser wir in dieser Szene wiederum vor vollendete Tatsachen gestellt - Hamlet weiß nicht, daß sein Gespräch mit Ophelia belauscht wird - der Leser weiß nun nicht so recht, warum

Hamlet so grob mit Ophelia umgeht, da er ja eigentlich Ophelia nicht vorzumachen bräuchte. Ophelias und Hamlets Gespräch wird in vier Bildern dargestellt, die Shakespeares Text gut zusammenfassen. Ophelias folgender Monolog lädt den Leser wiederum dazu ein zu denken, daß Hamlets Verrücktheit echt ist. Die anschließende Rede von Claudius läßt die Zeile im Originaltext "Und was er sprach, obwohl ein wenig wüst, war nicht wie Wahnsinn" (43) aus, so daß bei dem Leser keinerlei Zweifel mehr an Hamlets labiler Gemütsverfassung bestehen. Szene 2 kommt trotz der vielen Bilder - 16 an der Zahl - mit wenig Text aus, nur 25 der 377 Zeilen werden abgedruckt. Acht der Bilder zeigen ein Pantomime von der Ermordung des Königs, ähnlich der Bilder die vorher schon einmal aufgetaucht sind. Das erneute Schauspiel mit Text wird nicht mehr in Bildern dargestellt, der Leser hat ja nun schon zum zweiten Mal den Tathergang geschildert bekommen, so daß eine erneute Wiederholung nur kostbaren Platz besetzen würde. Claudius wird gezeigt, als er aufspringt, zu dem Zeitpunkt an dem die Schauspieler erneut die Vergiftungszene spielen. Nun ist für den Leser die Schuldfrage eindeutig zu Ungunsten von Claudius geklärt.

Szene 3 wird in fünf Bildern dargestellt, 46 der 100 Originalzeilen bleiben bestehen. Die Rosenkranz- und Güldenstern-Handlung wird, wie vorher, wieder stark gekürzt wiedergegeben. Der Monolog von Claudius wird um circa die Hälfte gekürzt, aber trotzdem gut zusammengefaßt, so daß die Kürzung nicht auffällt und trotzdem Platz gespart wurde. Szene 4 hat trotz seiner Länge von nur 206 Zeilen im Shakespeare-Text die meisten Bilder im Comic, insgesamt 23 Stück. In diesen 23 Bildern werden 82 Zeilen Text abgedruckt. Die Handlung dieser Szene wird so dargestellt, daß die Königin von dem lauschenden Polonius nichts weiß, ihr Anfangsdialog fällt weg. Der Dialog zwischen Hamlet und Gertrude ist anfangs fast wortgetrau der Schlegelschen Übersetzung entnommen. Ab der Ermordung von Polonius - Hamlet wird in dieser Szene seht entschlossen dargestellt - wird jedoch wieder viel gekürzt. Die Königin erklärt im Comic nicht, daß sie Hamlet glaubt und ihm helfen will, sie denkt er ist verrückt, was durch das Auftauchen des Geistes noch unterstützt wird. Gertrudes Charakterisierung ist dadurch sehr eintönig ausgefallen und der Autor gibt ihr keine Chance sich dem Leser zu erklären. Das Bild mit der Erscheinung des Geistes in Gertrudes Zimmer geht über zwei Seiten, die man eigentlich für mehr Originaltext hätte nutzen können, aber wahrscheinlich wieder ein Zugeständnis an die Betrachter, übernatürliche Wesenheiten werden gerne vom Betrachter gesehen.

5.1.4 Akt IV

Die 1. Szene wird im Comic ganz ausgelassen, nur ein Erzählkästchen vermittelt dem Leser, daß die Königin Claudius die Vorgänge in ihrem Zimmer geschildert hat - was im Shakespeare-Text nicht ganz so ist, dort erzählt sie nichts von Hamlets Überlegungen, im Comic dem Leser etwas rätselhaft bleibt. Eine Wiederholung des Geschehens würde wieder unnötigen Platz einnehmen, der Leser braucht ja nur zu wissen, daß Claudius jetzt auch über Hamlets Gefühle Bescheid weiß.

Die 2. Szene des Aktes wird noch nicht einmal in einem Erzählkästchen erwähnt, wahrscheinlich, weil Rosenkranz und Güldenstern die Hauptakteure sind. Szene 3 kommt mit einem Bild und vier Zeilen von 72 aus, es werden nur Claudius Absichten geschildert, Hamlet nach England zu schicken und dort töten zu lassen. Claudius Gespräch mit Hamlet und Rosenkranz und Güldenstern wird nicht erwähnt, wahrscheinlich wieder wegen des Erzählstrangs von Rosenkranz und Guildenstern.

Die 4.Szene wird ebenfalls ausgelassen, da sie wieder die Fortinbras-Handlung weiterverfolgt, die für den Autor, wie vorher geschildert, der Illustrated Classics unwichtig war. Elf Bilder umfaßt Szene 5 mit insgesamt 52 von 197 Zeilen des Originaltextes. In zwei Bildern wird Ophelias Wahnsinn dargestellt und ein Bild widmet sich dem bekümmerten Königspaar. Der Rest widmet sich dem Gespräch zwischen Laertes, Claudius und Gertrude. Die Szene wird gut zusammengefaßt.

Die kurze Szene 6 von 31 Zeilen wird fast 1:1 übernommen, insgesamt bleiben 23 Zeilen übrig im Comic, welche in drei Bildern dargestellt werden. Der Text des Briefes vom Hamlet an Horatio ist wortgetreu wiedergegeben. Im Comic ist die Möglichkeit der Darstellung des Lesens dieses Briefes besser umzusetzen als in einem Theaterstück, man sieht den Text des Briefes und bekommt ihn nicht laut vorgelesen, wie im Theater.

In Szene 7 werden von 210 Originalzeilen 62 Zeilen im Comic gedruckt, mit insgesamt elf Bildern. Dafür wird aber auch ein Großteil der Rede des Claudius über den Plan Hamlet zu töten in gewellten Einzelbildern mit fiktivem Text und Erzählkästchen erläutert - das Medium Comic ist für die Schilderung des Planes wiederum besser geeignet als der Text oder das Theaterstück. Die restlichen sieben Bilder sind der Schilderung von Ophelias Tod gewidmet - wobei der Comic diesen wiederum besser als der bloße Text darstellen kann und auch das Theater hat wahrscheinlich seine Schwierigkeiten dabei eine Wasserleiche zu zeigen.

5.1.5. Akt V

53 von 298 Zeilen werden in Szene 1 gesprochen - die Szene ist in 17 Bildern dargestellt. Der Dialog der beiden Totengräber wird ausgelassen, sowie beinahe das ganze Gespräch Hamlets mit dem Totengräber - wohl auch, weil das Makabre dieser Situation den jugendlichen Lesern nicht zugemutet werden konnte, zu einer Zeit als die Zensur Comics stark verfolgte. Die folgende Trauerfeier für Ophelia wird gut zusammengefaßt wiedergegeben, alles wesentliche wird dem Leser mitgeteilt.

Die Schlußszene umfaßt 20 Bilder. Von 533 Zeilen Shakespeare-Text, werden 65 Zeilen abgedruckt. Die Erklärung Hamlets an Horatio wird in drei Bildern zusammengefaßt. Das Gespräch zwischen Osrick, Horatio und Hamlet über die Qualitäten Laertes wird komplett ausgelassen, der Leser weiß ja schon durch die vorhergehende Schilderung des Komplotts wie Claudius bei der Ermordung Hamlets vorgehen will. Das Erzählkästchen im Comic erklärt nur, daß feindliche Luft zwischen Hamlet und Laertes herrscht und sie in einem Duell diese Feindschaft beseitigen sollen. Der Rest der Bilder erzählt die Schlußhandlung ausführlich, nur die Fortinbras-Handlung der Erstürmung des Schlosses wird wieder ausgelassen. Das Fechtduell wird sehr ausführlich in zehn Bildern dargestellt, mit wenig Text in den Sprechblasen, so daß bei dem Betrachter eine gewisse Dynamik entsteht.

5.2. Die Funktion der Erzählkästchen

Im Comic wird ein Teil der Handlung durch Erzählkästchen geschildert die entweder neben dem Einzelbild stehen oder in ein Einzelbild am Rand eingefügt ist. In diesem Comic übernehmen diese Erzählkästchen eine wichtige Funktion - dadurch, daß der Text stark gestrafft werden muß wird ein Teil der Handlung in diesen Kästchen zusammengefaßt oder erklärt. Sie werden vom eigentlichen Text durch eine normalerweise gelbe Hintergrundfarbe abgesetzt, es sei denn sie beißt sich mit der Farbe des Einzelbildes. Es gibt insgesamt 68 Erzählkästchen in Hamlet, bei insgesamt 170 Einzelbildern. Ihre Hauptfunktion ist die Zusammenfassung von im Einzelbild nicht erwähnten Textes, daß beste Beispiel ist das Erzählkästchen auf Seite 1. In Vergangenheitsseqenzen schildern sie Originaltext. Manchmal faßt das Erzählkästchena auch Texte, die im Einzelbild gesprochen werden zusammen, wahrscheinlich um sie dem Leser verständlich zu machen. Ein Beispiel dafür ist der "Sein oder Nichtsein"-Monolog Hamlets. Im Erzähltext heißt es: "Er ist in Gedanken versunken und hat Selbstmordgedanken". (13) Dreimal werden Örter im Erzählkästchen erklärt, die der jugendlich Leser vieleicht nicht verstehen würde, z.B. das Wort "Pantomime" auf Seite 16. Manchmal erklärt das Erzählkästchen auch ein Bild, z.B. auf Seite 20 "Hinter dem Vorhang steht Polonius uns lauscht auf jedes Wort", obwohl der aufmerksame Leser das eigentlich wissen sollte. Oft dienen die Erzählkästchen auch der Überleitung mit Wörtern wie "Kurz darauf" (41) oder "Währenddessen" (31).

Die Erzählkästchen sind ein wichtiger Teil des Comics und ohne sie wäre der Inhalt nicht mehr verständlich. Ihre Auslassung würde bedeuten, daß sich die Seitenanzahl des Comics - um noch verständlich zu sein - stark vergrößern würde. Die Zusammenfassung der Handlung in den Erzählkästchen ist gut gelungen und die Handlung bleibt für den Leser einfach zu erschließen.

5.3. Die Darstellung der Dialoge und Monologe in den Sprechblasen

Das wichtigste Mittel zu Darstellung von Text sind Sprechblasen. Es gibt insgesamt 252 Sprechblasen auf 173 Bilder. Der Text innerhalb dieser Sprechblasen reicht von einem Wort bis hin zu 235 Wörtern in Hamlets "Sein oder Nichtsein"-Monolog. Die Darstellung der Sprechblasen ist allerdings nicht sonderlich geglückt. Es gibt Sprechblasen die die Hälfte eines Einzelbildes einnehmen, wie z.B. auf Seite 11, Bild 3. Zwei Monologe Hamlets sind in riesige Monumentalsprechblasen gedruckt, zu deren Lesen der Betrachter wenig animiert wird. Das Schriftbild innerhalb der Sprechblasen ist viel zu monoton gehalten, es gibt keine Änderung die auf die Gemütsverfassung der Sprecher hinweist, wie z.B. Fettdruck für sehr laut gesprochene Äußerungen. Außerdem wird nicht immer auf Anhieb klar in welcher Reihenfolge man die Sprechblasen lesen soll. Normalerweise werden Sprechblasen von oben nach unten leicht versetzt angeordnet. Hier stehen sie oft nebeneinander, was den Leser - angenommen er hat schon einige andere Comics gelesen - sehr verwirrt. Insgesamt kann man sagen, daß die Anordnung, nicht der Inhalt, der Sprechblasen, wohl das schlechteste am ganzen Comic sind. Dies ist für den Leser sehr fatal, da man die Lust verlieren kann, weiterzulesen.

5.4. Die Darstellung der Charaktere im Bild

Wenn man sich die Zeichnungen ansieht, muß man bedenken, daß sie aus den 40er Jahren stammen, wo die Drucktechnik noch nicht so weit entwickelt war wie heute und noch ein ganz anderer Standard bei Comic-Zeichnungen vorlag, man kann sie auf keinen Fall mit den heutigen Comic-Zeichnungen vergleichen. Es wird an verschiedenen, nuancenreichen Farben gespart. Die Hauptfarben sind blau, rot gelb, grün und schwarz ohne viele Abstufungen. Die Kostüme der einzelnen Figuren sind meist in einer Farbe gehalten, oft die ganze Figur. Die Mimik der einzelnen Charakter ist meist sehr schlecht zu erkennen, eine großartige Differenzierung von Gefühlsausdrücken ist hier auch kaum möglich. Es gibt wenige Nah- oder Großaufnahmen, die einen das Gesicht zeigen, und wenn es sie gibt, sind sie in einem zu kleinem Einzelbild. Detailaufnahmen, z.B. von Augen, gibt es gar nicht. Die beliebteste Einstellung ist amerikanisch, d.h. Der Körper ab den Knien aufwärts wird gezeigt, ansonsten gibt es auch viele Halbnah-Einstellungen, die den Körper ab der Taille zeigen und einige Halbtotalen für den Überblick. Die Beschränkung auf die amerikanische und halbnahe Einstellung hängt wohl damit zusammen, daß viele Charaktere in den Einzelbildern im Dialog abgebildet werden und um die Sprechblasen noch im Bild unterzubringen, die Figuren möglichst klein gezeichnet werden mußten, aber noch so, daß die Umgebung erhalten bleibt und nicht einfach nur zwei Köpfe nebeneinander stehen.

Man kann sagen, daß für diese Zeit die zeichnerische Umsetzung gut gelungen ist, die Kostüme sind für die Epoche des Dramas zeitgemäß sowie die dargestellte Umgebung, obwohl die Darstellung unseren heutigen Ansprüchen nicht mehr genügen würde.

6. Zum Problem der Hamlet -Adaption im Comic

Nach der Analyse der Hamlet -Adaption der Reihe Illustrierte Klassiker kann man sagen, daß das Medium Comic auf jeden Fall geeignet ist literarische Klassiker adäquat umzusetzen. Dieser Meinung sind auch Fuchs und Reitberger (1971: 143): "Classics Illustrated sind sowohl originale Kunstwerke als auch Adaptionen. Beide Begriffe gehen hier fluktuierend ineinander über". Dabei muß man jedoch bedenken, daß sich wohl nicht jedes literarische Werk zur Umsetzung eignet. Bücher mit mehreren hundert Seiten Text lassen sich eher nicht auf ein in sich abgeschlossenes Heft zusammenfassen. Theaterstücke sind dafür aber sehr gut geeignet, da sie in Hinsicht auf einen möglichen Betrachter geschrieben worden sind, die Handlung läßt sich deswegen relativ gut in Bildern darstellen. Der Zeichner Alex Blum hat dies gut verwirklicht, die Ähnlichkeit mit einer Theaterinszenierung ist gegeben, der Betrachter hat einen ähnlichen Ausblick auf die Bilder wie der Zuschauer auf die Bühne. Viele Stellen im Text lassen sich auch viel besser im Comic darstellen, als auf der Bühne, z.B. Ophelias Bericht von Hamlets Eindringen in ihr Zimmer, Ophelias Tod oder die Darstellung der Erzählung des Geistes von seiner Ermordung.

Allerdings mangelt es dem Comic natürlich an Tiefgang. Viele Textstellen, z.B. die die sich mit Hamlets "Verrücktheit" oder Unentschlossenheit beschäftigen sind einfach nicht vorhanden. Es wird vieles einfach als Tatsache hingestellt, obwohl viele Aspekte des Stückes verschieden interpretierbar sind - und auch in der Geschichte der Text-Rezeption interpretiert worden sind. Von daher besteht die Gefahr, daß der Leser nur eine Art "Schmallspur"-Hamlet kennenlernt.

Insgesamt ist der Comic jedoch gut gelungen und besonders für ein jugendliches Publikum interessant, daß sich erst mal einen kurzen Überblick über die Geschichte verschaffen will.

Literaturverzeichnis

Primärtexte:

Shakespeare, William. Hamlet: Prinz von Dänemark. 1623. Hg. Dr. Alexander von Weilen. Wien: Karl Graeser, 1925. Nach einer Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel, 1798. N.N.. Hamlet. 1942. Illustrierte Klassiker 4. Mönchengladbach: Hethke, 1991.

Sekundärliteratur:

Burgdorf, Paul. 1976. Comics im Unterricht. Weinheim/Basel: Beltz.

Czerwionka, Marcus. 1991. Lexikon der Comics. Meitingen, Corian.

Dolle-Weinkauff, Bernd. 1990. Comics: Geschichte einer populären Literaturform in Deutschland seit 1945. Weinheim/Basel: Beltz.

Fuchs, Wolfgang J., Reinhold C. Reitberger. 1971. Comics: Anatomie eines Massenmediums. München: Moos.

Fuchs, Wolfgang J. 1977. Comics: Im Medienmarkt, in der Analyse, im Unterricht. Opladen: Leske.

Melzer, Helmut. 1975 . Trivialliteratur 2: Comics und triviales Jugendbuch in der Sekundarstufe I. München: Oldenbourg.

Surmann, Martin. 1999. "Geschichte der Comics". <http://www.artgate.de/museen/ comic- museum>.

Anhang 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Leider habe ich zu diesem Thema wenig Sekundärliteratur finden können. Gespräche mit Dan Malan per E-Mail, eine Autorität auf dem Gebiet der Classics Illustrated, sowie mit einigen Comic-Fanzines haben dies bestätigt. Das Problem ist, daß in Amerika zwar einiges zu diesem Thema veröffentlicht wurde, diese Bände jedoch in sehr kleinen Auflagen gedruckt wurden und nicht mehr im Buchhandel erhältlich sind, bzw. in hier schwer erhältlichen amerikanischen Tageszeitschriften veröffentlicht wurden.

[2] Die skandinavischen Länder, Deutschland, die Niederlande, Großbritannien (inklusive Neuseeland und Australien), Griechenland und Mexiko schlossen sich zusammen und druckten die Comics gemeinsam und tauschten nur die Textrollen aus, so daß die Kosten gesenkt wurden (Czerwionka, 6)

[3] In einigen Ländern war der Bedarf so groß, daß man zusätzliche Ausgaben anfertigen ließ, so allein in Griechenland 546 Titel (Czerwionka, 6)

[4] Verlage und Adapteure nahmen den nach außen hin vertretenen Anspruch selbst nicht ganz ernst was der Umstand beweist, daß The Buccaneer nach einem Filmskript und From Earth to the Moon gar nach einer Kinderhörspielfassung adaptiert wurden (Czerwionka, 11).

[5] Vor allem sozialkritische Aspekte eines Buches wurden weggelassen (Czerwionka, 10f))

[6] Zur genauen Aufstellung der einzelnen Akte, Szenen, Seiten und Bildern siehe Anhang 1.

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Hamlet im Comic
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2-
Autor
Jahr
2000
Seiten
13
Katalognummer
V97608
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Shakespeare mal ein bisschen anders
Schlagworte
Hamlet, Comic
Arbeit zitieren
Michaela Mielke (Autor), 2000, Hamlet im Comic, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97608

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