Forschen im Archiv - Projekttage in Neumuenster


Skript, 1998

12 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Worte

2. Der theoretische Rahmen des Projekts

3. ,,Forschen im Archiv" - Projektvorstellung und möglicher Ablauf

4. ,,Forschen im Archiv" mit Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf?

5. Anhang

1. Einleitende Worte

Entsprungen ist das Projekt ,,Forschen im Archiv" der Idee, im Rahmen des Geschichtsstudiums die praktische Umsetzung theoretischer Gedankenspiele zu erproben. Nur zu wissen, wie man ,,etwas" machen kann ohne dieses ,,etwas" auch nur einmal in die (Schul- )Realität umgesetzt zu haben, reicht als Vorbereitung auf die zweite Ausbildungsphase an einer Schule meines Erachtens nicht aus. Fachdidaktik darf an dieser Stelle neben Wissenschaftlichkeit das Erfahren praktischer Erlebnisse nicht aus den Augen verlieren. Das fachwissenschaftliche und -didaktische Hauptseminar ,,Industrialisierung im 19. Jahrhundert: Schleswig-Holstein und Sachsen im Vergleich" führte uns im Frühjahr 1997 in stillgelegte Textilfabriken in Neumünster, Crimmitschau und Chemnitz, aber auch in die dortigen Stadt- und Landesarchive. In allen drei Städten erwuchsen zur Zeit der Jahrhundertwende in der Arbeiterschaft revolutionäre Kräfte, die eine Veränderung ihrer Arbeits-, Wohn- und Lebensbedingungen herbeisehnten und dafür zu kämpfen bereit waren. Vor diesem Hintergrund beschäftigten wir uns intensiver mit der Sozialen Frage in Neumünster und der Geschichte des Textilarbeiterstreiks 1888.

Im Stadtarchiv Neumünster erwartete uns ein hochmotivierter, energiegeladener Archivar, der uns sogleich die Vorzüge der Arbeit im Archiv darstellte: Die Zeiterfahrung beim Erleben eines Originaldokuments und ihr Einfluß auf die Bildung von Geschichtsbewußtsein. Nun lag es an jedem einzelnen von uns, aus der Gesamtheit der Impressionen und der bereits vage bekannten Fachliteratur ,,etwas" zu machen. Eine methodisch-didaktisch aufbereitete Ausstellung von Archivmaterialien im Textilmuseum Neumünster? Oder ein thematischer Stadtrundgang?

Ich entschied mich dafür, einem Schulprojekt einen theoretischen Rahmen zu verpassen und eine Projektwoche für eine Schülergruppe in Neumünster zu entwerfen. Meine Überlegungen hierzu bilden den Kern dieser schriftlichen Ausarbeitung, die ich mit Gedanken an die Möglichkeit des Transfers in die Unterrichtspraxis an Schulen für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf abrunden möchte. Meines Erachtens bietet das Modell hierfür interessante Anregungen - auch auf theoretischer Ebene - und somit neue Perspektiven.

2. Der theoretische Rahmen des Modells

Wie jede Unterrichtsvorbereitung bedarf auch das Schulprojekt ,,Forschen im Archiv" einer theoretischen Hinführung, die nicht selten als Rechtfertigung dient. In diesem Fall werde ich ein Modell entwickeln, das didaktische und methodische Prinzipien und Verfahren eines ,,modernen" - vor allem hinsichtlich der Interpretation des ,,Lehrens" von Geschichte muß dieses Attribut hervorgehoben werden1 - Schulunterrichts aufgreift und sie zu verbinden versucht.

Den weitesten Rahmen bildet das didaktische Prinzip eines demokratischen Geschichtsunterrichts, das sich über Jahre hinweg mit der Problematik konfrontiert sah, methodische Verfahren bestimmen zu müssen2, die die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Geschichtsunterrichts schließen und somit den didaktisch-theoretischen Erkenntnissen der zurückliegenden Jahrzehnte Rechnung tragen sollten.

Handlungsorientierung, Mitplanung und -gestaltung des Lernprozesses durch die Schüler sowie entdeckendes Lernen - methodische Verfahren, deren Einsatz dem Geschichtsunterricht ein neues (und kritischeres) Gesicht geben sollten und die schülerorientierten Aspekten wie Lebensweltbezug, Individualisierung oder Differenzierung nachkommen.3 Projektarbeit - unter der sowohl der reine Projektunterricht als auch projektorientiertes Arbeiten zusammengefaßt ist - vereint und fördert die aufgeführten methodisch-didaktischen Ansprüche des ,,modernen" Geschichtsunterrichts. Das Projektmodell orientiert sich an den Ausgangspunkten Gesellschaftsbezug und Lebenspraxis und nennt mit Produktorientierung und Kommunikabilität abschließend seine Zielvorgaben. Seine wesentlichen Arbeitsformen sind selbstbestimmtes, ganzheitliches und interdisziplinäres Lernen4. Hierbei sei angemerkt, daß wohl kaum ein Projekt alle Kriterien in vollem Ausmaß integrieren kann, auch nicht das vorliegende.

Die Öffnung des Geschichtsunterrichts, z.B. durch projektorientiertes Arbeiten, kann sowohl nach innen, also innerhalb des Komplexes Schule, als auch nach außen geschehen. Damit sind (vielleicht noch nicht didaktisierte) Lernorte wie die Wohnung eines Zeitzeugen oder aber ein Archiv gemeint.

In der Tat beinhaltet Archivarbeit - das ,,Forschen im Archiv" - den Versuch, einem Gegenstand eine neue Dimension zu verleihen: die der Zeiterfahrung. Der Erlebnis- charakter der Begegnung mit dem Original spielt die (motivierende) Rolle, die zur Bildung von Geschichtsbewußtsein beitragen kann5. Detektivisches Recherchieren und auch Geschick, handlungsorientierte (Lern)Erfahrungen und/oder die Eigen- initiative zur Formulierung von Fragestellungen sind Aspekte, die eng mit Archivarbeit verbunden sind.

3. ,,Forschen im Archiv" - Projektvorstellung und möglicher Ablauf

In der Vorbereitung der Projektwoche an der IGS Faldera/Neumünster knüpfe ich an die oben genannten Vorüberlegungen an. Das Prinzip der Mitgestaltung und Mitplanung des Projekts vonseiten der Schüler setzt bei allen Beteiligten eine hohe zeitliche und inhaltliche Flexiblität voraus. Ein ins Detail gehendes Programm würde dem widersprechen. Daher kann und darf hier nur von einer ,,Vorstellung" gesprochen werden.

Dennoch bleiben gewisse Konstanten erhalten: So müssen die ,,Entdeckungsreise" durch das Stadtarchiv Neumünster koordiniert sowie gewisse Archivalien, die eine wesentliche Rolle bei der Bearbeitung der zu erforschenden Themenbereiche spielen, aufgrund der zeitlichen Enge vorsortiert sein.

3.1 Erster Projekttag

Der erste Tag dient der Annäherung an den noch ungewohnten Lernort Archiv, die im Rahmen einer ,,Entdeckungsreise"6 vor Ort geschehen soll. Den Schülern sollen die Aufgaben und Arbeitsweisen der Institution Archiv nähergebracht werden, und sie sollen die ,,Spielregeln" für die Benutzung der Archivmaterialien erkennen und ausprobieren. Der Rundgang durch das Archiv umfaßt sechs Stationen, die nun näher erläutert werden. Der zeitliche Rahmen umfaßt mit kurzen Pausen gut eineinhalb Stunden.

3.1.1 Die ,,Entdeckungsreise" durchs Stadtarchiv Neumünster

In einer Fragerunde stellt der Archivar sich und seinen Arbeitsplatz vor und gibt Hinweise zu seinen Aufgabenschwerpunkten. Zudem soll geklärt werden, welche Dinge in einem Archiv überhaupt gesammelt werden, und weshalb? Wie zeitintensiv diese erste Station gestaltet wird, hängt von den Schülern und dem Archivar ab, der in seiner Einführung auch die Lebenswelt der Schüler berücksichtigen soll. Knapp 15 Minuten Zeit sollte man sich aber schon nehmen.

In der Besucheranmeldung des Stadtarchivs Neumünster wird mithilfe eines Rollenspiels geklärt, wer dort überhaupt nach Informationen suchen darf. Der ,,Forscher" (gespielt von einem Schüler) muß den sog. Benutzerantrag ausfüllen, aus dem das persönliche Interesse oder das Forschungsvorhaben ersichtlich und zudem sichergestellt wird, daß der Benutzer die Datenschutzbestimmungen anerkennt. Gegen Ende des Rollenspiels soll der Archivar noch darauf hinweisen, nach welchen Informationen vor Ort gesucht werden kann und welche Hilfsmittel, z.B. Findkarteien oder -listen, eine Orientierung ermöglichen. An der zweiten Station verweilen wir zehn Minuten.

Werkräume oder Magazine sind nur in Ausnahmefällen allgemein zugänglich. Warum dies so ist und welche spezifischen Funktionen sie haben, soll an der dritten Station in einer Diskussion (zeitlicher Rahmen ca. 10 min) thematisiert werden. Zudem werden Hinweise zur Nutzung der Archivbücherei gegeben.

Die Werkstatt ist unsere vierte Station, bei der wir etwa 15 Minuten bleiben. Hier sollen die Schüler mit dem Restaurator ins Gespräch kommen. Defekte Gegenstände und deren Schäden - sowie die unterschiedlichsten Ursachen für die Schädigungen - können von den Schülern analysiert werden, zusätzlich können Vorschläge zur Reparatur vorgebracht und diskutiert werden.

An der fünften Station dreht sich alles darum, wie man Inhalte eventuell bereits ,,angefressener" Unterlagen mithilfe technischer Mittel erhalten kann. Jeder Schüler soll die Gelegenheit bekommen, seine Geburtsanzeige oder das Zeitungstitelblatt seines Geburtstages per Mikrofilmlese- und Kopiergerät zu finden. Auf diesem Wege wird der Umgang mit diesen technischen Hilfsmitteln eingeübt, und außerdem könnte sich die Frage ergeben, ob alles aus dem Stadtarchiv kopiert werden darf? Da sich an dieser Station alle Schüler beteiligen - was natürlich bei allen Stationen der Fall sein sollte -, werden wir hier bestimmt 25 Minuten verbringen.

Um einen Eindruck von der ungeheuren Archivalienmasse zu bekommen, sollen die Schüler an der letzten Station im Aktenmagazin schätzen, wieviel Tausende von Akten wohl insgesamt im Stadtarchiv Neumünster lagern. Ebenso kann abschließend die Frage nach der Lesbarkeit alter Schriftstücke aufgegriffen werden7. Anhand zweier alphabetischer Schriftsysteme können sich die Schüler an die Übersetzung einiger Wörter machen.

Zur Abrundung der ,,Entdeckungsreise" haben die Schüler die Gelegenheit, Lob und Kritik zu äußern und in der Diskussion mit dem Archivar auf noch nicht behandelte Fragen Antworten zu bekommen.

Als zweiten Schwerpunkt des Vormittages werden wir uns vor Ort der Projektthematik annähern. Da von meiner Seite nicht vorausgesetzt werden kann, daß die Soziale Frage zur Zeit der Industrialisierung sowie das Erwachsen von Arbeitskampfpotential im regulären Unterricht bereits behandelt worden sind, erarbeiten wir gemeinsam einen knappen Einblick in die Problematik, den wir uns meines Erachtens anhand eines Vergleichs aussagekräftiger Bild-, Film- und Textquellen zu den Bereichen Wohnen, Frauen- und Kinderarbeit, die Bedingungen von Arbeit sowie aufkommende Konfliktsituationen zwischen Unternehmern und Arbeitern am ehesten erschließen. Aus jenen Gebieten könnten sich, bezogen auf die Neumünsteraner Verhältnisse, Fragestellungen für die Projektgruppen entwickeln.

3.2 Zweiter Projekttag

Angeknüpft an die Quellenarbeit des ersten Projekttages formulieren wir gemeinsam die Untersuchungsschwerpunkte der Projekttage, wobei sich zwar oben genannte Bereiche anbieten würden, diese allerdings keineswegs verpflichtend sein dürfen. Sollten sich Schüler dafür interessieren, wie denn beispielsweise Schule und Bildung zu dieser Zeit in Neumünster strukturiert waren und sie zudem begründen können, welchen Beitrag die Untersuchung dieses Bereiches zur übergeordneten Thematik leisten könnte, dann werden wir uns innerhalb der Gruppe Indikatoren und eine Fragestellung überlegen, anhand derer mit ausgesuchten Archivalien Ergebnisse erzielt werden könnten.

Wie eine Fragestellung entwickelt werden könnte, zeigen wir exemplarisch an einem Themenkomplex (beispielsweise Schule und Bildung). Meine Angebote, die ich an die einzelnen Projektgruppen machen könnte und die bereits von mir etwas vorbearbeitet wurden, sind die Untersuchungsgebiete

- Wohngebiete in Neumünster - Wo haben Unternehmer, Angestellte und Arbeiter gelebt? Eine Analyse mithilfe des Adreßbuchs von 1897 und des Stadtplans von 1890 (siehe Anhang)
- Frauen- und Kinderarbeit - Bestimmungen über Frauen- und Kinderarbeit anhand von Fabrikordnungen und persönlichen Berichten8
- Streikgrund Mittagspause: der Textilarbeiterstreik 1888 - Ursachen, Verlauf9 und Auswirkungen. Gewinner und Verlierer des Streiks: vielfältige Materialien und Möglichkeiten, z.B. Ablaufen des Wegs von der Fabrik zu den Wohnhäusern mit Zeitnahme, Zeitungsberichte etc.
- Fabrikordnungen10 im Vergleich - Waren die Unternehmer immer die ,,Bösen"? Anhand von mehreren unterschiedlichen Fabrikordnungen kann herausgearbeitet werden, daß es schon sehr fortschrittlich denkende Arbeitgeber gab und daher Pauschalurteile nicht gefällt werden dürfen.

Mit einem ersten kleinen Fragenkatalog machen wir uns auf den Weg ins Stadtarchiv, wo mit meiner Unterstützung und der des Archivars recherchiert, der Umfang und die ,,Machbarkeit" der Fragestellung eingegrenzt und relevantes Archivmaterial vorsortiert wird. Die Schüler sollen folgende Fragen im Hinterkopf haben:

- Was ist überhaupt machbar? Wo müssen wir Abstriche machen?
- Welche Archivalien sind vorhanden und welche benötigen wir, um unsere Fragestellung überhaupt bearbeiten zu können?
- Wer hilft uns, wenn wir etwas nicht finden oder nicht lesen können?

3.3 Dritter und vierter Projekttag

Das ,,Herzstück" des Projekts ,,Forschen im Archiv" bildet die detektivische, analysierende und interpretierende Arbeit an den Archivalien. Selbstbestimmtes, entdeckendes und handlungsorientiertes Lernen bzw. Forschen stehen im Vordergrund. Während dieser Zeit könnten/sollten die Schüler - unter Umständen unter Anleitung - folgende Schritte zurücklegen:

- Suche nach den für ihre Fragestellungen relevanten Materialien; Wichtiges und Unwichtiges unterscheiden und aussortieren
- Erschließen und Verstehen der Texte, Bilder oder der Länge des Arbeitsweges etc.
- Diskussion innerhalb der Projektgruppen und Sicherung erster Ergebnisse · Versuch, die Arbeitsergebnisse vor dem Hintergrund der Fragestellung zu interpretieren
- Reflexion des eigenen Handelns und Diskussion in der gesamten Projektgruppe

Da der enge zeitliche Rahmen des Projekts kaum Platz für eine intensive praktische Beschäftigung mit Darstellungsmöglichkeiten lassen wird, sollen sich die ,,Forscherteams" im Hinblick auf den letzten Tag Gedanken darüber machen, mit welchen (begrenzten) Mitteln sie ihre Ergebnisse präsentieren könnten.

3.4 Letzter Projekttag

In den Überlegungen der ,,Forscherteams" soll die Form der Gruppenpräsentation eine wichtige Rolle spielen, aber vor allem auch die Art und Weise, wie an die Fragestellung herangegangen und mit den Materialien gearbeitet worden ist. Die Aufgabe des Teams wird es sein, Verständnisfragen zu beantworten, die angewandten Methoden zu beschreiben und in der Diskussion ,,rechtzufertigen" sowie Ergebnisse anschaulich darzustellen. Die Form der Ergebnispräsentation wird bewußt offengelassen, damit sich hier kreative Gedanken entfalten können. Für meine vorbereiteten Untersuchungsbereiche würden sich die Gestaltung von Stellwänden, einer alten Zeitung, Flugblättern oder Postern, Schaubildern, Rollenspiele oder Stadtpläne anbieten. Ich könnte mir vorstellen, die Dokumentation des Gesamtprojektes als Teilnehmer durch eine Dia-Show oder eine Fotocollage abzurunden. Ebenso scheint es für mich von Bedeutung zu sein, daß die Schüler die Gelegenheit haben, zum Abschluß des Projektes ihre Gedanken, Anregungen und Kritik zu äußern. Inwieweit einige Schüler bereit sind, ihre Ergebnisse in der Weiterführung des Projekts einer größeren Öffentlichkeit (Schulausstellung?) zu präsentieren, liegt in gleichem Maße an ihrem - hoffentlich geweckten - Interesse, ihre Ergebnisse anschaulich ,,aufzuarbeiten" wie an der Bereitschaft, Besucher durch ihre Ausstellung oder Dokumentationen zu führen.

4. ,,Forschen im Archiv" mit Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf?

Das Projekt ist konzipiert für Schüler der 8. und 9. Klasse an der Integrierten Gesamtschule Faldera in Neumünster. Die gesamte Projektgruppe setzt sich aus Schülern zusammen, deren Neugier durch den Arbeitstitel ,,Forschen im Archiv" geweckt worden ist. In meinem Falle sollte ich davon ausgehen, daß das Spannungsmoment das einzige Element ist, das ich bei allen Schülern voraussetzen kann. Die Projektgruppe sehe ich als eine äußerst heterogene an. Daraus erwachsen im allgemeinen meist Schwierigkeiten in der Planung: Unter anderem ergibt sich aus dieser Konstellation auch, daß unterschiedliche Leistungsniveaus in der Vorbereitung zu berücksichtigen sind. Diese Ausgangssituation mit der einer Schule für Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf in bezug auf die Lerngruppen zu vergleichen, erscheint mir daher durchaus möglich. Die Durchführung der Projekttage müßte unter anderem einen anderen inhaltlichen und zeitlichen ,,Zuschnitt" bekommen.

Weshalb könnte nun ausgerechnet dieses Projektmodell ,,Forschen im Archiv" für den Heimat- und Sachunterricht bzw. den Geschichtsunterricht an der Schule für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine ,,neue" methodisch-didaktische Orientierung darstellen und einen Beitrag zur Bildung von Geschichtsbewußtsein leisten? Meinen Gedanken zu dieser Frage möchte ich nicht den Anspruch von Vollständigkeit anlasten. Sie sollen eher darlegen, wie ich das Modell interpretiere und wo ich darin Vorteile für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf sehe: Die spezifischen motivationssteigernden Lernzugänge11, seinem Beitrag zur politischen Mündigkeit von Schülern, die Möglichkeit zur differenzierten Bewertung von Fähigkeiten unter Berücksichtigung des Lernprozesses sowie die Stärkung von sozialer Kompetenz.

,,Forschen im Archiv" bietet die Möglichkeit, eine Vielzahl an unterschiedlichen Zugangswegen zum Lerngegenstand auszuprobieren. Im Archiv kann an den originalen Dokumenten oder Tonband- und Filmaufnahmen sinnorientiert gelernt werden. In vielen Fällen muß sich der Lernende nicht ausschließlich auf der stark kognitiv geprägten symbolischen Repräsentationsebene bewegen, sondern nutzt die Nähe des erfahr- und erfaßbaren Gegenstandes, um ihn für sich auf der enaktiven und/oder ikonischen Ebene zu sichern. Ebenso entzieht sich der Vermittelnde in gewisser Weise der Verpflichtung, für die Motivation der Lernenden allein zuständig zu sein. Zu einem Teil erwächst die Motivation (hoffentlich) aus den Lerngegenständen sowie dem neuen Lernumfeld. Meinen Erfahrungen zufolge hat es den Anschein, als hätten viele Schüler aller Schularten aus unterschiedlichsten Gründen enorme Defizite in ihrer politischen Mündigkeit. Das methodische Verfahren Mitgestaltung und -planung des eigenen Lernprozesses kann beim Aufbau von mündigem und selbstverantwortlichem Handeln hier fördernd wirken, wenn die Selbstbestimmung und Verantwortlichkeit für eigenes Handeln innerhalb der Schule und des Klassenverbands tatsächlich praktiziert und nicht nur als Worthülse gebraucht wird. Diskussionsforen vor jeder neuen Unterrichtseinheit, in denen sowohl die Thematik angesprochen, vor allem aber die Vermittlungsmethodik auf die Lerngruppe zugeschnitten wird, sowie Schülervertretungen auf Schul- und Klassenstufenebenen sollten zum Alltag an Schulen gehören. Ebenso sollten meiner Ansicht nach einige Lehrer, Lehramtsanwärter und auch Studierende, ihre ,,Machtposition" und ihre Rolle im Klassenverband grundlegend überdenken. Sollte dieser Prozeß soweit fortgeschritten und verinnerlicht sein, daß man schülerische Akzente in der Vermittlungsform und der Entwicklung von Entscheidungswillen und -fähigkeit erkennen kann, müssen auch die außerschulischen Bedingungsfaktoren wie Familie oder Freundeskreis, die häufig keineswegs von demokratischen Strukturen durchdrungen sind und somit starke Gegenpole darstellen, Mündigeit zulassen. Ein weiterer Aspekt, den man im Zusammenhang mit dem Projektmodell nicht außer acht lassen sollte, ist - wenn es denn sein muß - die Bewertung von Leistung. Noten dürfen hier keine Rolle spielen. Das handlungsorientierte, selbstbestimmte und auf Entdeckungen ausgerichtete Arbeiten und Forschen, soziale Kompetenzen sowie die schrittweise Entwicklung eines ,,Endproduktes" könnten bewertet werden. So wird man eher der Forderung nach der Berücksichtigung individueller Fähigkeiten und Fertigkeiten gerecht.

Einen wichtigen Beitrag leistet das Modell auch in bezug auf das Lernen und Erfahren von Konfliktregelungsmechanismen, Sozialformen wie Gruppen- oder Partnerarbeit, Meinungsbildung und -darstellung in einer Diskussion sowie Kritikfähigkeit. Die bewußt eingestreuten Reflexions- und Diskussionsphasen sollen diese Aspekte berücksichtigen und Anregungen für das Miteinander nicht nur in der Lerngruppe geben. Der Projektleiter ist hier Vorbild, Mediator und Berater zugleich.

Quellen- und Literaturverzeichnis

Clausnitzer, Heidi (Hg.): Demokratischer Geschichtsunterricht - eine uneingelöste Forderung? Bielefeld 1991.

Edelmann, Walter: Lernpsychologie. Weinheim 1994 [4].

Emer, Wolfgang/Horst, Uwe (Hg.): Praxis eines demokratischen Geschichtsunterrichts. Perspektiven - Lernorte - Methoden. Bielefeld 1995.

Lange, Thomas (Hg.): Geschichte - selbst erforschen. Schülerarbeit im Archiv. Weinheim, Basel 1993.

Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes SchleswigHolstein (Hg.): Lehrplan für die Sekundarstufe 1 der weiterführenden allgemeinbildenden Schulen Hauptschule, Realschule, Gymnasium. Kiel 1997.

Pohl, Karl-Heinrich (Hg.): Regionalgeschichte heute. Das Flüchtlingsproblem in Schleswig-Holstein nach 1945. Kiel 1997.

Schleswig-Holsteinische Zeitung (SHZ), Nr. 113 vom 16. Mai 1888, Nr. 134 vom 10. Juni 1888, Nr. 137 vom 14. Juni 1888, Nr. 154 vom 4. Juni 1888, Nr. 172 vom 25. Juli 1888 und Nr. 202 vom 29. August 1888.

Tidow, Klaus: Neumünsters Textil- und Lederindustrie im 19. Jahrhundert. Fabrikanten - Maschinen - Arbeiter. Neumünster 1984.

[...]


[1] Vgl. hierzu das Referat von Klaus Bergmann ,,Geschichtsunterricht für eine demokratische Gesellschaft", in: Clausnitzer, Heidi (Hg.), demokratischer Geschichtsunterricht - eine uneingelöste Forderung, S. 18 ff

[2] Vgl. hierzu die einleitenden Worte von Klaus Bergmann bei der Tagung vom 25. - 27. Februar 1993 in Bielefeld, in: Emer, Wolfgang/Horst, Uwe, Praxis einen demokratischen Geschichtsunterrichts, S. 3 ff

[3] Vgl. hierzu die Ausführungen von Wolfgang Emer und Uwe Horst ,,Grundlegende methodische Verfahren eines demokratischen Geschichtsunterrichts", in: Emer, Wolfgang/Horst, Uwe, Praxis einen demokratischen Geschichtsunterrichts, S. 9 ff

[4] Vgl. hierzu die Ausführungen von Wolfgang Emer und Uwe Horst ,,Zukunftweisende Perspektiven regionaler Projektarbeit für einen demokratischen Geschichtsunterricht", in: Pohl, Karl Heinrich (Hg.), Regionalgeschichte heute. Das Flüchtlingsproblem in SchleswigHolstein nach 1945, S. 47 ff

[5] Vgl. hierzu den einleitenden Text von Thomas Lange ,,Geschichte - selbst erforschen: was Archive und Geschichtsunterricht zu tun haben haben (können), in: Lange, Thomas (Hg.), Geschichte - selbst erforschen. Schülerarbeit im Archiv, S. 7 ff

[6] Vgl. hierzu den Aufsatz von Urs Justus Diederichs ,,Abschied vom Ärmelschoner - Entdeckungsreise durchs Stadtarchiv, in: Lange, Thomas (Hg.), Geschichte - selbst erforschen. Schülerarbeit im Archiv, S. 28 ff; meine ,,Entdeckungsreise" orientiert sich an Diederichs Ideen, die wohl mit wenigen Ausnahmen für alle Archive gelten können

[7] Vgl. hierzu den Aufsatz von Dieter Degreif ,,Schrift muß keine Schranke sein - kleine Einführung in die Entwicklung und das Lesen alter Schriften", in: Lange, Thomas (Hg.), Geschichte - selbst erforschen. Schülerarbeit im Archiv, S. 128 ff

[8] Vgl. hierzu die Untersuchungen von Klaus Tidow zur Frauen-, Kinder- und Jugendarbeit, in: ders., Neumünsters Textil- und Lederindustrie im 19. Jahrundert, S. 40 ff

[9] Vgl. hierzu die Untersuchungen von Klaus Tidow zu den Streiks in Neumünster sowie die abgedruckten Zeitungsartikel der Schleswig-Holsteinischen Zeitung zum Streik von 1888 (16. Mai - 29. August 1888), in: ders., Neumünsters Textil- und Lederindustrie im 19. Jahrhundert, S. 31 ff, 68 ff

[10] Vgl. hierzu unterschiedliche Fabrikordnungen, in: Tidow, Klaus, Neumünsters Textil- und Lederindustrie im 19. Jahrhundert, S. 70 ff

[11] Vgl. hierzu den lernpsychologischen Ansatz von Bruner, Olver und Greenfield zur inneren Repräsentation, in: Edelmann, Walter: Lernpsychologie, S. 195 ff

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Details

Titel
Forschen im Archiv - Projekttage in Neumuenster
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Veranstaltung
Seminar "Fächerübergreifender Heimat- und Sachkundeunterricht in leistungsheterogenen Klassen. Schwerpunkt: Geschichtliche und sozialkundliche Themen - Lernort Museum"
Autor
Jahr
1998
Seiten
12
Katalognummer
V97621
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Forschen, Archiv, Projekttage, Neumuenster, Seminar, Fächerübergreifender, Heimat-, Sachkundeunterricht, Klassen, Schwerpunkt, Geschichtliche, Themen, Lernort, Museum
Arbeit zitieren
Tobias Herrmann (Autor), 1998, Forschen im Archiv - Projekttage in Neumuenster, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97621

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