Der Sozialstaat als Auslaufmodell? Krisensymptome des Sozialstaates


Facharbeit (Schule), 2020

40 Seiten, Note: 15 Notenpunkte (1+)

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Sozialstaat
2.1. Die Geschichte des Sozialstaates
2.2. Der Aufbau des Sozialstaates, dessen Funktion und Ziel

3. Die Krisensymptome des Sozialstaates
3.1. Der Demografische Wandel
3.2. Die Abhängigkeit zum Arbeitsmarkt
3.3. Die andauernde Reduktion von Leistungen und die Schuldenbremse
3.4. Die Globalisierung und die Migration
3.5. Die Zunehmende Zentrierung hin zur Europäischen Union

4. Szenarien der potentiellen Entwicklung des Sozialstaates
4.1. Das Ist-Szenario
4.2. Das Best-Szenario
4.3. Das Worst-Szenario
4.4. Das Trend-Szenario

5. Mögliche politische Reformen
5.1. 1. Reform
5.2. 2. Reform
5.3. 3. Reform

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Einwohner Deutschlands haben wir das Privileg in einem politisch und wirtschaftlich stabilen Sozialstaat zu leben. Wir genießen ein Leben lang beachtliche soziale Vorteile, ohne ein explizites Bewusstsein dafür zu entwickeln. So ist es für uns selbstverständlich bei Beschwerden jeglicher Art einen differenziert spezialisierten und hochqualifizierten Facharzt, welcher eine Koryphäe auf seinem Gebiet ist, zu besuchen, ohne uns Gedanken über die Finanzierung der Behandlung zu machen. Wir sehen es als Selbstverständlichkeit an, dass die Therapie durch die Krankenkasse bezahlt wird. Konträr dazu kann lediglich ein einfacher Krankenhausaufenthalt in den Vereinigten Staaten von Amerika den Weg in die Privatinsolvenz, aufgrund einer fehlenden Krankenversicherung, ebenen.1 Wir genießen nicht nur im Bereich der Sozialversicherungen solch signifikante Vorteile. Das Handeln des Sozialstaates spiegelt sich auch in der Bekämpfung von Armut und sozialer Disparitäten wider. Trotz dieser plakativ schier unglaublich wirkenden Prinzipien des Sozialstaates gerät dieser in immer stärkere Kritik. Er besitzt, aufgrund diverser gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Faktoren, eine Vielzahl von Defizienten, welche es zu stopfen gilt, bevor er kentert und untergeht. Um es einmal mit den Worten des ehemaligen Bundesministers des Auswärtigen Amtes zu sagen: „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.“2

Wie allgemein bekannt, führte die spätrömische Dekadenz zum Untergang des Weltreiches. Daher möchte ich im Folgenden den Sozialstaat mit all seinen Prinzipien und Defizienten evaluieren, um der Frage auf den Grund zu gehen, ob der klassische Sozialstaat ein Auslaufmodell ist.

2. Der Sozialstaat

2.1. Die Geschichte des Sozialstaates

Die erste Manifestation des Sozialstaates geht auf das 19. Jahrhundert zurück und lässt sich in die preußische Kaiserzeit datieren. So segnete der Reichstag 1883 das erste Krankenversicherungsgesetz, ausgearbeitet unter Kaiser Wilhelm I., ab. Nur ein Jahr später folgte das Unfallversicherungsgesetz und 1889 das Invaliditäts- und Altersschutzgesetz. Durch diese Versicherungen entstand erstmalig in der Geschichte eine übergeordnete, staatliche und soziale Verwaltungsinstanz, als institutioneller Mechanismus, welcher die neu entstandene Solidargemeinschaft regelte. Diese war durch die Gesetzgebung obligatorisch und von nun an omnipräsent. So ist die Quintessenz des heutigen Sozialstaates ebenfalls die Kombination der diversen Sozialversicherungen. Die Gründe für die Entstehung solch eines Staatsmodelles sind bipolar. Einerseits taten sich durch die lauffeuerartige Verbreitung der Industrialisierung neue Gefahren und Risiken auf, welche es zu mildern galt, andererseits schaffte diese Sozialpolitik eine gewisse gesellschaftliche Abhängigkeit zu dessen Vertretern. So profitierten die Arbeitnehmer signifikant von den neu eingeführten Versicherungen, was wiederrum Bismarck Sicherheit bezüglich seiner politischen Machtposition, als Kanzler verschaffte. So war die Sozialpolitik ein politisches Mittel zur Abschwächung der Opposition.

Im Jahre 1927 etabliert man die Arbeitslosenversicherung als weiters Standbein zur Stabilisierung der Gesellschaft in der Weimarer Republik. Unter Führung der NSDAP entwickelte sich das Sozialsystem weder weiter noch zurück. Die Partei proklamierte hierbei ein massives Desinteresse an den vorhandenen Strukturen, da sich die Sozialversicherungen schlecht für propagandistische Zwecke instrumentalisieren ließen. Die vorherrschenden Strukturen überdauerten die NS-Zeit. Nach Ende des zweiten Weltkrieges fand neben der wirtschaftlichen Expansion auch eine Erweiterung und Ausdifferenzierung des Sozialstaates statt. Hierbei erfolgte die Priorisierung sozialer Tätigkeiten, beispielsweise im Bereich der Jungend-, Kinder- und Sozialarbeit. Einer der fundamentalsten Änderungen unserer heutigen Sozialsysteme geschah unter der Regierung Konrad Adenauers im Jahre 1957. Das Finanzierungsverfahren der Rentenversicherung wurde grundlegend geändert. So wurde das konventionelle Kapitaldeckungsverfahren, wobei jeder Versicherte individuell sein Deckungskapital anspart, um so seine soziale Sicherung zu bezahlen3, durch das Umlageverfahren, welches die Einzahlungen der Erwerbstätigen direkt an die leistungsbeziehende Generation der Rentner weitergibt, ersetzt.4 Dieses Verfahren wird auch als Generationenvertrag bezeichnet. Mit dem Amtsantritt Kohls 1982 und der eine Dekade zurückliegenden Öl- und Wirtschaftskriese verschärften sich die Reduktionen innerhalb des Sozialsystems. Trotz dieser wirtschaftlichen Rezession fand eine essentielle Erweiterung des Kindergeldes sowie die Einführung der Pflegeversicherung statt. Die rot-grüne Koalition nach 1998 leitete die Strukturreform ein, so wurde die Riester-Rente, als Möglichkeit der privaten, kapitalgedeckten Vorsorge sowie die Hartz-Reformen am Arbeitsmarkt etabliert, um die andauernde Leistungsreduktion zu kompensieren.5

2.2. Der Aufbau des Sozialstaates, dessen Funktion und Ziel

Der Sozialstaat Deutschlands ist in Artikel 20 des Grundgesetzes festgehalten. Hier heißt es, die Bundesrepublik Deutschland sei ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Der Artikel 20 wird durch Artikel 79 Abs. 3 des Grundgesetzes geschützt, ist somit immun und kann, solange Artikel 79 besteht, nicht abgeschafft werden. Das Grundgesetz sichert zwar die Existenz des Sozialstaates, gibt jedoch keinerlei Auskunft über dessen Umsetzung oder Erscheinungsform. Dennoch lassen sich die Ziele des heutigen deutschen Sozialstaates recht gut formulieren. Der moderne Sozialstaat hat es sich zum Ziel gesetzt, die soziale Gerechtigkeit, egal ob auf regionaler oder bundesweiter Ebene, zu gewährleisten und somit den sozialen Frieden aufrecht zu erhalten. Darüber hinaus dient er zur aktiven Prävention von Notlagen und gegebenenfalls zur Beseitigung dieser menschlichen Nöte. Um dies zu realisieren, beinhaltet der deutsche Sozialstaat ein gewisses Leistungsspektrum, bestehend aus verschiedenen Prinzipien. Diese Prinzipien umfassen das Versicherungs-, Versorgungs-, Fürsorge-, Solidaritäts- und Subsidiaritätsprinzip. Das Versicherungsprinzip manifestiert sich in der Absicherung der Bürger gegen bestimmte Risiken des alltäglichen Lebens mittels gesetzlicher oder privater Sozialversicherungen. Die Sozialversicherungen lassen in fünf Einzelne differenzieren. Jeder dieser Versicherungen deckt mittels konstanter Beiträge ein gewisses Spektrum der Risiken ab. So existieren die Renten-, Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- und Unfallversicherung. Bis auf die Unfallversicherung werden die allesamt paritätisch in Kooperation mit dem Arbeitgeber gedeckt. In ihrer Gesamtheit sollen diese Schutzmechanismen gegen den Einkommensausfall, durch bspw. Alter, Arbeitslosigkeit, Invalidität, Krankheit, Mutterschaft, Pflegeabhängigkeit oder Unfälle schützen. Das Versicherungsprinzip arbeitet hierbei über das bereits erwähnte Umlageverfahren bzw. den Generationenvertrag.

Das Versorgungsprinzip bietet Unterstützung für diejenigen, welche für die staatliche Gemeinschaft eine besondere Leistung erbracht haben oder einer fatalen wirtschaftlichen Belastung erliegen. Dazu zählen Hinterbliebene von Kriegsopfern, Eltern oder auch Beamte. Dieser Ausgleichsprozess erfolgt über Zuschüsse, steuerliche Entlastungen oder eine erhöhte zugesicherte Rente. Diese Zusatzleistungen werden den Steuergeldern entzogen.

Unter dem Fürsorgeprinzip versteht man einen Schutzmechanismus, welcher greift, sobald eine Person in eine lebensunwürdige Situation abrutschen könnte. Hierbei erfolgt die staatliche Hilfe über bspw. Arbeitslosengeld II. Diese Leistung ist jedoch nicht bedingungslos, so ist die Bedürftigkeitsprüfung die Voraussetzung für diese Art der Leistungen.

In Deutschland wird zwischen zwei Arten der Versicherten differenziert. So ist ein Großteil der Bevölkerung gesetzlich versicherungspflichtig. Für den anderen Teil existiert die Möglichkeit einer freiwilligen privaten Versicherung. Der Sozialstaat folgt noch zwei weiteren Prinzipien. Die Pflichtversicherungen basieren auf dem Solidaritätsprinzip. Das heißt, Lasten und Leistungen werden zu Gunsten der materiell schwächer gestellten Bevölkerung umverteilt. Explizit gesagt zahlt jeder, unabhängig von der Inanspruchnahme in die Versicherung ein, sodass diejenigen, welche größere Leistungen in Anspruch nehmen müssen, durch die Solidarität der anderen Einzahler abgesichert sind. Die Beiträge in den Versicherungen sind individuell und richten sich nach dem Einkommen des Einzahlers. Dies gilt nicht für die Rentenversicherung, hier herrscht das Äquivalenzprinzip, welches besagt, dass die ausgezahlte Leistung von den eingezahlten Beiträgen abhängig ist.

Das letzte Prinzip des Sozialstaates ist das Subsidiaritätsprinzip. Dieses soll die Eigenständigkeit der Menschen fördern, wobei betroffene Personen erst einmal selbst das Problem ohne die Unterstützung des Sozialstaates lösen sollen. Darüber hinaus wird bei Misserfolg eine Rückfallebene geboten.

Das Subsidiaritäts- und das Fürsorgeprinzip weisen eindeutig antithetische Tendenzen auf. So sichert das eine Hilfe zu, bevor man in eine lebensunwürdige Situation abrutschen zu droht, und das Andere fordert die Eigenständigkeit der betroffenen Person, um sich selbst zu helfen. Äquivalente, operationelle Tendenzen liegen ebenfalls bei dem Solidaritäts- und Versorgungsprinzip vor. Hierbei fordert das Eine die Solidarität der Bevölkerung und im gleichen Zuge bevorteilt das Andere kleinere Bevölkerungsschichten. Wie man sieht verhalten sich schon die abstrakten Prinzipien des Sozialstaates antithetisch. Aber welche Probleme resultieren ebenfalls aus der Konstruktionsweise des Sozialsystems?6

3. Die Krisensymptome des Sozialstaates

3.1. Der Demografische Wandel

Unter Demografie versteht man die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Bevölkerung und ihrer Struktur innerhalb eines präzise lokalisierbaren Raums. Die Quintessenz der Demografie eines Landes wird durch die Fertilität und die Mortalität, welche zusammengefasst die Gesamtfertilitätsrate ergeben, gebildet.7 Bevor man nun die Probleme, hervorgebracht durch die Demografie Deutschlands, lokalisieren kann, muss man die momentane Bevölkerungsentwicklung näher betrachten. Momentan hat Deutschland eine Gesamtbevölkerungszahl von 83,2 Millionen Menschen bei einem Ausländeranteil von 12,5%. Die Gesamtfertilitätsrate liegt bei 1,54 Kinder pro Frau. Diese Gesamtfertilitätsrate ist der ausschlaggebende Indikator für den heutzutage vorliegenden demografischen Wandel. Um diese Zahl für ihre Aussagekräftigkeit in Relation zu setzen, betrachtet man das sogenannte Ersatzniveau. Dieses liegt bei einer Gesamtfertilitätsrate von 2,13 Kinder pro Frau. Das heißt ab diesem Wert werden genügend Kinder geboren, um die Elterngeneration zu ersetzten, sodass die Bevölkerungszahl stagniert. Da die Gesamtfertilitätsrate in Deutschland jedoch unter 2,13 Kinder pro Frau liegt, resultiert eine sinkende Gesamtbevölkerungszahl. Zumal die Lebenserwartung, aufgrund des medizinischen Fortschritts kontinuierlich ansteigt und momentan bei 80,99 Jahren liegt, altert die Bevölkerung zunehmend.8 Diese Verschiebung der Altersstruktur in die Höhe führt zu früh prognostizierten Problemen innerhalb des deutschen Sozialsystems. Dabei ergab eine umfassende Analyse der Enquete-Kommission vier Trends. Zuallererst werde die Gesamtfertilitätsrate auf dem jetzigen, geringen Niveau verharren. Parallel werde der medizinische Fortschritt zu einem stetigen Wachstum der durchschnittlichen Lebenserwartung führen. Zweitens resultiere aus einer abnehmenden Bevölkerung eine abnehmende Bevölkerungsdichte, welche regionale Disparitäten nach sich ziehen werde. Diese Disparitäten beziehen sich beispielsweise auf das Angebot am Arbeitsmarkt. So genießen Menschen in urbanisierten Gegenden signifikante Wettbewerbsvorteile in Bezug auf ihre Arbeitswahlmöglichkeiten gegenüber Menschen in ländlichen Regionen. Diese Disparitäten werden sich aber nicht nur auf dem Arbeitsmarkt wiederfinden, sondern auch in der generellen Infrastruktur des Landes, so ist ein Ausbau ländlicher Gegenden hinter die Modernisierung einer urbanen Stadt anzustellen. Drittens werde sich die Altersstruktur, wie ich bereits evaluierte, immer weiter erhöhen. Dies könne nicht durch ein positives Wanderungssaldo negiert, sondern lediglich abgemildert werden. Und viertens werden immer weniger junge Menschen immer mehr älteren Menschen gegenüberstehen, wodurch das Durchschnittsalter der erwerbsfähigen Bevölkerung rasant ansteigen werde. Diese demografischen Veränderungen werden sich dann in der Alterung der Gesellschaft manifestieren. Diese Entwicklung hat die Nichtfunktionalität des Umlageverfahrens zur Finanzierung des Sozialstaates zur Folge. Das heißt, immer weniger junge Menschen sind nicht mehr in der Lage die Kosten der immer stärker alternden Bevölkerung zu tragen, sodass Leistungen fortlaufen reduziert werden, bis der Sozialstaat kollabiert. Eine Statistik der Bundeszentrale für politische Bildung prognostiziert die immer stärkere Annäherung der Gesamtzahlen von Erwerbstätigen und Rentnern. So gebe es 2020 noch rund 50 Million Erwerbstätige und rund 17 Millionen Rentner. Die Zahl der Erwerbstätigen werde bis 2060 auf 34 Millionen absinken und die Gesamtzahl der Rentner auf 20 Millionen ansteigen. Mit der Annäherung beider Kurven schnürt sich die Schlaufe um den Hals des Sozialstaates immer weiter zu, bis ihm die Luft zum Atmen entfällt.9 Ihm wird die Finanzierungsgrundlage schleichend entrissen und ohne Finanzierungsgrundlage wäre seine Existenz nichtig. Darüber hinaus stellt der demografische Wandel das Gesundheitssystem unter immensen Druck. Die Lebenserwartung der Bevölkerung kann vor allem durch teure und andauernde Therapien gesteigert werden. Mit einer Alterung der Bevölkerung steigt ebenfalls der Bedarf an solch expensiven Behandlungen. Da nun ältere Menschen durchschnittlich mehr Leistungen in Anspruch nehmen als durch die zahlenmäßig kleine junge Bevölkerung in die Krankenkassen eingezahlt werden kann, entsteht eine Pattsituation. Die gesetzlichen Krankenkassen können sich selbst und somit die Behandlungen nicht finanzieren, wodurch eine existenzielle Bedrohung für den Sozialstaat entsteht.10

3.2. Die Abhängigkeit zum Arbeitsmarkt

Eine Abhängigkeit zum Arbeitsmarkt besteht daher, dass die Versicherungen, primär die Rentenversicherung, durch sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse finanziert werden. Somit hat die Veränderung der wirtschaftlichen Situation einen direkten Einfluss auf den Sozialstaat. Hierbei betrachtet man vor allem die Arbeitslosigkeit in Deutschland als aussagekräftigen Indikator. Im Jahr 2019 lag diese bei 5% der Gesamtbevölkerung. Die Quote hat insofern Einfluss auf die Sozialversicherung, dass jede, bis auf die Unfallversicherung, paritätisch finanziert werden. Gibt es nun eine exorbitante Zahl an Arbeitslosen, wie beispielsweise 2005 mit einer Arbeitslosenquote von 11,7%, fehlen potenzielle Einzahler in die Versicherungskassen. In solchen Phasen des Konjunkturzyklus, beispielsweise der Rezession oder der Depression, übersteigen die Ausgaben der Versicherungen ihre Einnahmen. Sollte sich der Zyklus nicht rapide weiterbewegen, sondern auf solch einem Niveau stagnieren, wird den Kassen ihre wirtschaftliche Rentabilität und somit Daseinsberechtigung entzogen. Im konträren Fall, in der Zeit der wirtschaftlichen Expansion oder des Booms, übersteigen die Einnahmen der Krankenkassen ihre Ausgaben, sodass für fallende Konjunkturen eine Art Puffer geschaffen werden kann.11 Dazu kommt ebenfalls die tendenzielle Reduktion der Vollzeitbeschäftigung. Das heißt, dass wiederrum mehr Menschen in Teilzeit arbeiten. Da die Einzahlungen in die Versicherungskassen nicht durch einen stagnierenden Beitrag, sondern auf der Basis des Einkommens prozentual erhoben werden, resultiert, dass geringere Gesamtbeiträge in die Kassen eingezahlt werden. So ist der Bruttolohn in Teilzeit signifikant geringer als in einer Vollzeitbeschäftigung. Dieser liegt bei rund 29.400 Euro im Jahr 201912, wohingegen der durchschnittliche Vollzeitlohn bei 47.928 Euro im Jahr 2019 lag.13 Ein noch präsenteres Problem als die Beschäftigung in der Teilzeit manifestiert sich in immer beliebteren prekären Beschäftigungsverhältnissen. Unter diesen versteht man Beschäftigungen ohne jegliche soziale Absicherung, mit einem geringen Lohn und eingeschränkter Zukunftsperspektive für den Arbeitnehmer. Hierbei werden keine Sozial abgaben getätigt, wodurch ein zur Teilzeit äquivalentes Problem entsteht.

Insgesamt besteht dennoch ein ambivalentes Verhältnis zwischen dem Arbeitsmarkt und dem demografischen Wandel. Einerseits muss die gesellschaftlich benötigte Leistung durch einen zahlenmäßig kleineren Teil der Bevölkerung bewältigt werden, andererseits steigt die Nachfrage nach Arbeitskraft bei einem geringeren Angebot auf dem Arbeitsmarkt, was in der Senkung der Arbeitslosigkeit und in der Steigerung der Löhne resultiert. Diese beiden Faktoren führen dazu, dass die Einzahlungen in den Sozialstaat erhöht werden. Dennoch stellt die Abhängigkeit zum Arbeitsmarkt eine für das Sozialsystem ernstzunehmende Bedrohung dar.14

3.3. Die andauernde Reduktion von Leistungen und die Schuldenbremse

Die Schuldenbremse des Sozialstaates manifestiert sich in der schwarzen Null. Diese bezeichnet die Ausgeglichenheit des öffentlichen Haushaltes von Bund und Ländern, sodass die Ausgaben die Einnahmen nicht übersteigen und eine neue zusätzliche Verschuldung vermieden werden kann.15 Das heißt, dass Investition, egal in welchen Sektoren, langfristig vertagt werden. Da der demografische Wandel dem Sozialsystem seine Finanzierungsgrundlage entreißt, muss Abhilfe geschaffen werden. Diese kann nicht oder nur geringfügig über staatliche Subventionen realisiert werden, da die Schuldenbremse solche Investition als imaginäre Mauer unterbindet. Zumal es dem Sozialsystem dennoch an Geld mangelt, kommt es zu einer Reduktion der Leistungen, um dies überhaupt noch gerecht verteilen zu können. Mit dieser Reduktion wird die Rentenlücke proportional immer größer, wodurch sich Gefahr der Rentenarmut exponentiell steigert, so werde das Rentenniveau bis 2035 bei lediglich 50% der eingezahlten Vorsorge ankommen. Daher wird die Eigenvorsorge immer essentieller. Diese will der Staat mittels der Riester-Rente für sämtliche Bevölkerungsschichten zugänglich machen. Die Riester-Rente ist eine kapitalgedeckt konstruierte Eigenvorsorge, hierbei wird das eingezahlte Volumen an den Kapitalmärkten angelegt. Das Problem dieser Privatvorsorge manifestiert sich in den Dimensionen der Ungleichheit in Deutschland. So ist es für einen Großteil der Bevölkerung nicht möglich privat, aufgrund des Einkommens, vorzusorgen oder sich ein Vermögen aufzubauen. Dieses repetitive Phänomen tritt primär in den niedrigeren sozialen Schichten oder Milieus, je nach dem auf welche Art und Weise man die Gesellschaft klassifizieren möchte, auf. Hier ist die Arbeit im Prekariat weit verbreitet und reicht trotz des Mindestlohns nur für ein Leben am Existenzminium. Solche Menschen besitzen keine Möglichkeit, ihr ohnehin schon rares Geld für die private Altersvorsorge zu nutzen.

Darüber hinaus ist die Riester-Rente teuer und vergleichsweise wenig rentabel. So weisen die häufig genutzten Fond- und Banksparpläne hohe laufende Kosten für die Verwaltung und das benötigte Personal auf. Diese Kosten kann man potentiell umgehen, sofern man die Altersvorsorge selbst in die Hand nimmt und sich beispielsweise autodidaktisch fortbildet. Dann ist es mittels eines online Brokers, welche häufig geringe oder im Ausnahmefall keine aktiven Kosten verursachen möglich, in einen nicht aktiv-gemanagten thesaurierenden börsengehandelten Fond (exchange-traded-fond), welcher einen Index der Wahl abbildet, zu investieren. Solche Produkte besitzen ein geringes Chancen-Risiko-Verhältnis, welches sich in einer Rendite von Rund 5-7% pro Jahr manifestiert.16

[...]


1 Vgl. Dr. Bellut, Thomas (2020): Armes reiches Amerika – Leben im Schatten des Wohlstandes, Mainz, Deutschland, ZDFmediathek, [https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/armes-reiches-amerika--leben-im-schatten-des-wohlstands-100.html] (Stand: 02.12.2020 um 14.54 Uhr), Seite 1

2 Beitzer, Hannah (2016): Zitate von Guido Westerwelle, München, Deutschland, Süddeutscher Verlag, [https://www.sueddeutsche.de/politik/zitate-von-guido-westerwelle-es-gibt-kein-recht-auf-staatlich-bezahlte-faulheit-1.2914515] (Stand: 30.11.2020 um 17.05 Uhr), Seite 1

3 Vgl. Krüger, Thomas (2012): Glossar, Bonn, Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung, [https://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138404/glossar?p=82] (Stand: 24.11.2020 um 18.16 Uhr), Seite 1

4 Vgl. Krüger, Thomas (2012): Glossar, Bonn, Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung, [https://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138404/glossar?p=180] (Stand: 24.11.2020 um 18.18 Uhr), Seite 1

5 Vgl. Schmidt, Josef (2012): Historischer Rückblick, Bonn, Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung, [https://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138744/historischer-rueckblick?p=1] (Stand: 24.11.2020 um 18.25 Uhr), Seite 1

6 Vgl. Krüger, Thomas (2013): Der deutsche Sozialstaat, Bonn, Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung, [https://www.bpb.de/politik/grundfragen/24-deutschland/40475/sozialstaat] (Stand: 30.11.2020 um 19.03 Uhr), Seite 1

7 Vgl. Alter, Steve (2020): Demografie, Berlin, Deutschland, Bundesministerium des Inneren für Bau und Heimat, [https://www.bmi.bund.de/DE/themen/heimat-integration/demografie/demografie-node.html] (Stand: 25.11.2020 um 16.38 Uhr), Seite 1

8 Vgl. Willand, Ilka (2020): Demografischer Wandel, Wiesbaden, Deutschland, Statistisches Bundesamt, [https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/_inhalt.html] (Stand: 25.11.2020 um 17.01 Uhr), Seite 1

9 Vgl. Schmidt, Josef (2012): Probleme und Zukunftsperspektiven des Sozialstaates, Bonn, Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung, [http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138845/probleme-und-zukunftsperspektiven-des-sozialstaates?p=all] (Stand: 25.11.2020 um 17.35 Uhr), Seite 1

10 Ebd. Vgl. Schmidt, Josef (2012b), Seite 1

11 Vgl. Elsing Christina (2020): Arbeitslosenquote in Deutschland im Jahresdurchschnitt von 2004 bis 2020, Hamburg, Deutschland, Statista, [https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1224/umfrage/arbeitslosenquote-in-deutschland-seit-1995/] (Stand: 25.11.2020 um 18.19 Uhr), Seite 1

12 Vgl. Dr. Dettmers, Sebastian (2020): Teilzeit-Mitarbeiter/in Gehälter in Deutschland, Düsseldorf, Deutschland, StepStone Deutschland GmbH, [https://www.stepstone.de/gehalt/Teilzeit-Mitarbeiter-in.html#:~:text=Teilzeit%2DMitarbeiter%2Fin%20Geh%C3%A4lter%20in,27.400%20%E2%82%AC%20und%2031.500%20%E2%82%AC.] (Stand: 25.11.2020 um 18.42 Uhr), Seite 1

13 Vgl. Dr. Döpfner, Mathias (2020): So viel verdienen die Deutschen, Berlin, Deutschland, Welt-Redaktion, [https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/article206799501/Durchschnittsgehalt-Deutschland-Gehalt-und-Einkommen-im-Vergleich.html#:~:text=Ein%20vollzeitbesch%C3%A4ftigter%20Arbeitnehmer%20in%20Deutschland,Euro%2C%202008%20bei%203103%20Euro.] (Stand 25.11.2020 um 18.56 Uhr), Seite 1

14 Vgl. Oschmiansky, Frank und Berthold, Julia (2020): Aktivierender Staat und aktivierende Arbeitsmarktpolitik, Bonn, Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung, [https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/arbeitsmarktpolitik/305858/aktivierende-arbeitsmarktpolitik] (Stand 25.11.2020 um 19.25 Uhr), Seite 1

15 Krüger, Thomas (2016): schwarze Null, Bonn, Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung, [https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/240511/schwarze-null] (Stand: 26.11.2020 um 16.10 Uhr), Seite 1

16 Holthoff, Christine (2020): Wie viel Rendite werfen ETFs ab?, Köln, Deutschland, t-online, [https://www.t-online.de/finanzen/geld-vorsorge/geldanlage/id_88295396/etfs-wie-viel-rendite-werfen-indexfonds-wirklich-ab-.html] (Stand: 26.11.2020 im 16.50 Uhr), Seite 1

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Der Sozialstaat als Auslaufmodell? Krisensymptome des Sozialstaates
Note
15 Notenpunkte (1+)
Jahr
2020
Seiten
40
Katalognummer
V976494
ISBN (eBook)
9783346330888
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialstaat, Probleme des Sozialstaates, Aufbau des Sozialstaates, Zukunftsperspektive des Sozialstaates, Ist-Szenario, Best-Case-Szenario, Worst-Case-Szenario, Trend-Szenario, Reformen des Sozialstaates
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Der Sozialstaat als Auslaufmodell? Krisensymptome des Sozialstaates, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/976494

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