Radikalisierung des Wahnsinnsdiskurses in Alfred Döblins "Die Ermordung einer Butterblume" und Georg Heyms "Der Irre". Ein psychoanalytischer Ansatz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

10 Seiten, Note: 1,7


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Inhaltsverzeichnis

1 Die Radikalisierung des Wahnsinnsdiskurses

2. Georg Heyms Der Irre
2.1. Psychoanalytische Interpretation

3. Alfred Döblins Die Ermordung einer Butterblume
3.1. Psychoanalytische Interpretation

4. Fazit und Deutungsmöglichkeiten

5. Literaturverzeichnis

1. Die Radikalisierung des Wahnsinnsdiskurses

Die Thematisierung des Wahnsinns in der Literatur ist stark mit der Zeit verbunden, in wel­cher die jeweiligen Texte entstanden sind. Bereits zu Ende des 18. Jahrhunderts beschreibt Christian Heinrich Spieß in Das Hospital der Wahnsinnigen zu P einen Rundgang durch ein zeitgenössisches Irrenhaus.1 Die Ursachen für den Wahnsinn der einzelnen Patienten sind un­terschiedlich, es handelt sich aber zumeist nicht um gewalttätige Psychopathen, sondern um Personen aus der Mitte der Gesellschaft, die häufig ein tragisches Schicksal erlitten haben und Mitleid erwecken. Im 19. Jahrhundert thematisiert Georg Büchner in seiner Erzählung Der Lenz einen jungen Mann, der zunehmend verrückt wird und unter Wahnvorstellungen leidet.2 Dieser behauptet zwar, seine Frau aus Eifersucht getötet zu haben, Gegenstand der Handlung ist allerdings viel mehr seine stetig voranschreitende, mentale Dissoziation. Die Annahme die­ser Tat ist zudem nicht mehr als ein Produkt seines eigenen Wahnsinns, weshalb auch er mehr kläglich als gefährlich wirkt. In beiden Erzählungen ist der Zustand der psychisch Kranken von den Beteiligten leicht identifizierbar und äußert sich zu keiner Zeit durch gewalttätige Handlungen - zumindest werden diese höchstens angedeutet und nicht explizit beschrieben. Der Fokus liegt verstärkt auf der Frage nach einer möglichen Behandlung der vermeintlichen Verrücktheit, beispielsweise durch Ärzte oder den Glauben an Gott und nicht zuletzt darauf, wie man mit Personen umgehen soll, die von der sozial anerkannten Norm abweichen. Diese Annahmen sind eng mit dem Entstehungszeitpunkt der beiden Werke und der zeitgenössi­schen Sicht auf psychische Erkrankungen verbunden.

Ein klarer Wandel diesbezüglich ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Auftreten des Expressionismus zu beobachten. Der Wahnsinn galt hier als beliebter ästhetischer Anknüp­fungspunkt, weil er sich insbesondere durch die Sicht auf das Innenleben einer Person von den neu entstandenen Medien abgrenzen ließ.3 In Alfred Döblins Die Ermordung einer But­terblume und in Georg Heyms Der Irre stehen die Handlungen und die Gedanken der Prot­agonisten stark im Vordergrund. Die Motive für den entstehenden Wahnsinn sind augen­scheinlich grotesk, banal oder unerklärlich. Die daraus resultierenden, gewalttätigen Fantasien und Handlungen werden detailreich und auf brutalste Art und Weise geschildert, wodurch die Texte zweifelsfrei als anstößig empfunden werden konnten. Es kann behauptet werden, dass der Wahnsinn konkretisiert und zunehmend als Gefahr für Leib und Leben beschrieben wird.

Es stellt sich deshalb nicht die Frage, ob man hierbei von einer Radikalisierung des Wahn­sinnsdiskurses sprechen kann, sondern worin diese begründet liegt. Um dies beantworten zu können, ist es zunächst sinnvoll, den Protagonisten der jeweiligen Erzählung genauer zu be­trachten und in seinem historischen Kontext zu verstehen. Ziel soll es sein, eine mögliche Be­gründung dafür zu finden, weshalb die Verhaltensweisen der Irren verstärkt mit animalischem Verhalten gleichgesetzt und dahingehend umschrieben werden. Interessant könnte aus diesem Grund Sigmund Freuds Psychoanalyse sein, welche zu dieser Zeit großen Anklang fand aber auch kontrovers diskutiert wurde. Die Theorie einer Dreiteilung der Psyche in Ich, Über-Ich und Es war sowohl Döblin als auch Heym bekannt, wodurch sie maßgeblich zur Erschließung der beiden Texte im Kontext eines Wahnsinnsdiskurses beitragen kann.

2. Georg Heyms Der Irre

In Georg Heyms der Irre sieht sich der Rezipient mit einem Protagonisten konfrontiert, der gerade aus einer Anstalt entlassen wurde, in welcher er sich aufgrund von Gewaltanwendung gegenüber seiner Ehefrau befand. Anstatt seine Taten zu bereuen, empfindet er seine Bestra­fung allerdings als „Schikane“4 der Polizei. Er hätte als Ehemann schließlich das Recht, seine Frau zu tadeln - ein Vergehen das zu Beginn des 20. Jahrhunderts erst nach und nach als sol­ches behandelt wurde. Es lässt sich also nicht zweifelsfrei behaupten, dass der Protagonist tat­sächlich irre war, bevor er „drei oder vier Jahre“5 in dieser Anstalt verbringen musste. Seine natürliche Gewaltbereitschaft ist zwar offensichtlich, die eigentliche Befeuerung geschieht al­lerdings erst durch die „Ungerechtigkeit [und] Unverschämtheit“6 seiner Bestrafung. Er hegt deshalb offensichtlich hasserfüllte Gedanken gegenüber allen Beteiligten und fantasiert davon, diese zu töten. Die Hauptschuld liegt seiner Meinung nach jedoch bei seiner Frau, da er durch sie erst zu dieser Strafe verurteilt wurde. Anstatt einen Neuanfang zu planen, sinnt der Protagonist nun nach Rache an ihr. Es folgen erneut zahlreiche Gewaltfantasien und be­reits bevor er bei der Wohnung seiner Ehefrau ankommt, tötet er auf unsägliche Art und Weise zwei kleine Kinder und eine junge Frau. Als er schließlich bei besagter Wohnung ankommt, trifft er seine Frau allerdings nicht an. Noch immer von seinem Plan überzeugt und wutgela­den, flüchtet er über die Dächer der Stadt vor den Männern, die er im Haus antrifft. Er kommt zu einem Einkaufszentrum, in welchem er ein regelrechtes Chaos auslöst. Auch hier tötet er eine junge Frau, flüchtende Menschen treten aus Angst und Panik „ein paar kleine Kinder“7 tot und die Erzählung endet schließlich mit einem Kopfschuss durch einen Wachmann, der den Irren letztlich zur Strecke bringt und von weiteren Gräueltaten abhält. Der Irre ist in die­sem Sinne „ein Suchender auf dem Weg zur absoluten Freiheit“8, der von der Gesellschaft von der Erreichung dieses Ziels abgehalten wird.

2.1. Psychoanalytische Interpretation

Der erste Mord, bei welchem der Protagonist zwei Kinder tötet, lässt sich klar von den weite­ren Morden abzugrenzen. Er tritt hierbei nämlich als psychopathischer aber dennoch mensch­licher Mörder in Erscheinung. Eine Handlung wie das Singen eines Liedes, sowie das Akzen­tuieren von einzelnen Takten, zu denen er „die beiden kleinen Köpfe [...] zusammenhaut“9, unterscheidet sich dabei entscheidend von seinen weiteren Taten, die zunehmend emotionslo­ser geschehen.

Insbesondere bei der zweiten Gewaltdarstellung, bei welcher der Irre eine Frau tötet, wird er bei der Ausführung der Tat als äußerst animalisch beschrieben. Er läuft dabei „auf allen vie­ren, [...], seine lange Mähne flog [...] und seine Krallen schlugen in die Luft“10. Es erfolgen zudem Vergleiche mit einer Hyäne und einem Schakal.11 Die Tat wirkt so, als hätte sie nicht ein Mensch sondern ein Tier begangen, dessen Jagdinstinkte geweckt wurden. Auffällig ist zudem, dass er nach seinen Taten immer wieder das Gedächtnis verliert und unter Orientie­rungslosigkeit leidet. Nach modernem Wissensstand könnte man vielleicht von einer Schizo­phrenie und einer zunehmenden Dissoziation sprechen. Im historischen Kontext des Werkes erscheint eine Bezugnahme auf die Psychoanalyse nach Sigmund Freud allerdings wahr­scheinlicher.

Das als Tier umschriebene Es steht hierbei im Fokus der Betrachtung. Versteht man das Über- Ich als Glaube an die Werte und Normen der Gesellschaft, die Einhaltung der Gesetze, sowie die Fähigkeit sich sozial gerecht zu verhalten, so lässt sich beim Protagonisten hierbei gelinde gesagt ein beträchtliches Manko feststellen. Sein Glaube an Recht und Ordnung sind durch die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit zerstört und sorgen für ein Ungleichgewicht in dessen Psyche. Das Ich verliert metaphorisch gesprochen das Engelchen auf der einen Schulter, wo­durch das Teufelchen auf der anderen Schulter immer weniger im Zaum gehalten werden kann. Das Es übernimmt zunehmend die Kontrolle über das Ich, was dramatische Folgen nach sich zieht. Seine Zeit in der Anstalt, in welcher die Rachegedanken unterdrückt wurden und nicht in die Tat umgesetzt werden konnten, führen eventuell zusätzlich dazu, dass der Aus­gang umso bestialischer ist. Man solle schließlich in einem vernünftigen Einklang mit seinem Es leben und es nicht gänzlich unterdrücken, da andernfalls eine Art „Teufelsspirale“12 entste­hen kann. Diese äußert sich in der Erzählung durch das zunehmend als animalisch beschriebe­ne Verhalten und die entsprechenden Bewegungen des Protagonisten. Sie sind mit Voran­schreiten der Erzählung nicht mehr von denen eines Tier unterscheidbar, wodurch ein voll­ständiger Verlust der menschlichen Ratio impliziert wird.

Die Flucht vor den Männern wirkt ebenso animalisch wie seine sonstigen Taten. Er wird als „Orang-Utan“13 bezeichnet, der „mit ein paar großen Sätzen sprang“14 und auch auf dem Weg zum Einkaufszentrum tritt keine Besserung ein. Im Einkaufszentrum selbst wird er als Vogel beschrieben, der sogar seine „Arme in der Luft herum [rollt]“15 und damit einen Flügelschlag zu imitieren versucht. Hierdurch entsteht der Eindruck eines Ichs, das frei von sozial festge­legten Konventionen handelt und sich komplett von der Gesellschaft löst. Interessant ist des­halb auch das Ende, bei welchem der Irre von einem Mann getötet wird. Dieser Moment wird sehr friedlich und harmonisch beschrieben, sodass es eher nach einer Erlösung statt nach einer Tötung klingt. Interpretieren könnte man an dieser Stelle, dass das Es überwunden wurde und Recht und Ordnung wieder die Überhand gewinnt. Der soziale Störfaktor wurde beseitigt und die Gesellschaft kann wieder zur Normalität zurückfinden.

3. Alfred Döblins Die Ermordung einer Butterblume

Die Ermordung einer Butterblume beginnt mit der Darstellung eines Mannes, der an einem heißen Sommerabend einen Spaziergang unternimmt. Er hat dabei einen Spazierstock in der Hand, mit welchem er vergnüglich über den Wegesrand „wippt“16. Der Herr zieht „achtlos sei­nes Weges“17, sein Stock verfängt sich allerdings nach einer Zeit in Unkraut. Als leichtes Rü­cken nichts zu nützen scheint, löst er ihn mit Gewalt und schlägt anschließend auf die ver­wachsenen Blumen ein. Siegreich und verschämt lächelnd zieht er weiter und äußert zu sich selbst als Erklärung für seinen kurzen Ausfall, dass die Stadt ihn „nervös“18 mache.

Es stellt sich nach und nach heraus, dass es sich bei dem Mann um Herrn Michael Fischer handelt, der als Lehrmeister tätig ist und dementsprechend viel Zeit bei der Arbeit verbringt. Dies lässt annehmen, dass er ein pflichtbewusster Teil der Gesellschaft ist und auch ein gewis­ses Ansehen besitzt. Aus diesem Grund achtet er auch verstärkt darauf, dass ihn niemand da­bei beobachtet wie er immer mehr in Rage verfällt und er stellt sich häufig die Frage, welche Konsequenzen es hätte, wenn er ertappt werden würde. Herr Michael Fischer wird als sehr zwanghaft beschrieben, was vor allem anhand des Zählens seiner Schritte und seiner als „me­chanisch“19 dargestellten Motorik begründet werden kann. Der Spaziergang ist für ihn wie eine Flucht aus dem Alltag, auf die er sich mehr und mehr besinnt und ihr schließlich erliegt. Sie stellt allerdings auch eine klare Überforderung für ihn dar. Im Kontext der Zeit, insbeson­dere zu Beginn der Moderne, als die Gesellschaft zunehmend technisiert und beschleunigt wurde, trat der Begriff der Neurasthenie verstärkt in Erscheinung. Eine erhöhte Reizbarkeit - ebenso wie sie bei Herrn Michael Fischer in Erscheinung tritt. Sie könnte als Modekrankheit dieser Zeit beschrieben werden und ist eine Konsequenz der Reizüberflutung, die ihren Ur­sprung insbesondere im städtischen Leben als Zentrum der Modernisierung hatte.

Herr Fischer genießt dementsprechend seinen Ausflug in die Natur, bei welchem er sich völlig unbeobachtet gehen lassen kann. Er ertappt sich erneut dabei, wie er einen Mord an einer Blu­me begeht, was in ihm allerdings verstärkt Schuldgefühle aufkommen lässt. Alleine die Be­schreibung der Tat und die Vermenschlichung einer Blume lassen den Akteur dabei verrückt wirken. Dieser ambivalente Charakter, welcher einerseits den Rausch genießt, andererseits aber auch stets von Selbstzweifeln und absurden Fantasien geplagt ist, definiert seine Ver­rücktheit. Anstatt sich emotional von den Butterblumen zu distanzieren, verfällt Herr Michael Fischer in eine regelrechte Trauer. Er gibt der ermordeten Blume den Namen „Ellen“20 und denkt noch häufig an sie. Eines Tages kommt ihm schließlich die Idee, dass er eine weitere Blume vor einem ähnlichen Schicksal retten könne, um so seine Tat wiedergutzumachen. Er gräbt eine vermeintliche „Tochter der Toten“21 aus, setzt sie in einen goldenen Porzellantopf und kümmert sich liebevoll um sie. Dem Rezipienten erscheint der Protagonist dadurch zwar sonderbar und verrückt, mit seinem Verhalten könnte man allerdings durchaus sympathisie­ren. Wörtlich betrachtet handelt es sich schließlich nur um vermeintliches Unkraut, welches man bei vielen Spaziergängen selbst versehentlich zertritt. Der Respekt gegenüber der Natur und der Versuch einer Kompensation ihr gegenüber vermittelt allerdings zweifelsfrei eine sehr schöne Botschaft.

Der letzte Bruch in der Erzählung geschieht als die Wirtschafterin diesen Blumentopf beim Putzen versehentlich zerstört. Sie erzählt ihm beiläufig hiervon und zeigt keine emotionale Reaktion auf den Tod der Pflanze. Herr Michael Fischer schließt aus ihren vermeintlich ver­ächtlichen Aussagen, dass sein kompensatorisches Verhalten überhaupt nicht notwendig ge­wesen wäre und es fällt eine sichtliche Last von ihm. Man könnte diesen Moment durchaus als Heilung von seiner Verrücktheit verstehen, da er ab diesem Moment mit seinen Ansichten wieder in der Realität angekommen ist. Anstatt es nun aber dabei zu belassen, entscheidet er sich dazu, diese Macht auszukosten und plant, erneut gegen die „Butterblumensippschaft“22 vorzugehen. Seine vermeintliche Verrücktheit gilt somit als gesellschaftlich legitimiert und könnte auf den schmalen Grat zwischen Recht und Unrecht hinweisen.

3.1. Psychoanalytische Interpretation

Auffallend bei dieser Erzählung ist, dass im Text eine klare Trennung zwischen Herr Fischer, Herr Michael und Herr Michael Fischer stattfindet, obwohl es sich dabei um ein und dieselbe Person handelt. Herr Fischer repräsentiert dabei mutmaßlich das Es, welches in einen regel­rechten Blutrausch verfällt, Herr Michael das Ich als Spannungsfeld und bei Herrn Michael Fischer handelt es sich in diesem Kontext um das Über-Ich, welches schockiert auf diese Vor­kommnisse reagiert und die moralische Instanz bildet. Die gesamte Erzählung berichtet somit über das Dilemma, welches die vermeintliche Ermordung einer Blume in ihm auslöst. Herr Fischer findet Gefallen daran und Herr Michael Fischer äußert sich bereits nach Begehen der ersten Tat diplomatisch und mit aller Deutlichkeit, dass er sich weigert, „mit [dieser] Firma ir­gendwelche Beziehung anzuknüpfen“23. Damit ist wahrscheinlich gemeint, dass sich Herr Mi­chael Fischer davor fürchtet, ebenfalls zur Verantwortung gezogen zu werden, da er die Tat nicht verhindert hatte. Herr Michael scheint anfangs zwar mit seiner gewaltbereiten Seite zu sympathisieren, wird von der moralischen Instanz aber durch Bisse und Tadel davon abgehal­ten. Es lässt sich behaupten, dass sowohl Herr Michael Fischer als auch Herr Michael Angst vor den vermeintlichen Konsequenzen dieser Tat und der Gewaltbereitschaft des triebhaften Herrn Fischers haben. Die gesamte Interpretation mag zwar seltsam anmuten, lässt sich an­hand des Textes aber durchaus begründen. Insbesondere gegen Mitte der Erzählung wird deut­lich, dass Herr Michael Fischer versucht, die Kontrolle zu behalten. Er bezeichnet sich dabei selbst als „Chef‘24, was auf die Stimme der Vernunft hinweist. Problematisch ist allerdings, dass nichtjedem Abschnitt des Textes eine der drei Personen zugeordnet werden kann, sodass diese Grauzonen hinterlassen und eine Atmosphäre der Undurchschaubarkeit erzeugen.

Der Ausgangspunkt dieser grotesken Situation, dass der Mord an einer Butterblume überdra­matisiert wird, könnte der Respekt und die Achtung vor allen Dingen, die das Leben repräsen­tieren, sein. Es stellt sich die Frage, wo die Grenze gezogen werden soll und ob es eine Blume weniger verdient hat zu leben als ein Mensch. Diese verzerrte Wahrnehmung verdeutlicht, dass es sich bei der Moral um einen dynamischen Begriff handelt, derje nach Auslegung un­terschiedlich zu bewerten ist.

Aufgelöst wird diese Situation letztlich durch die Wirtschafterin, welche „beim Reinemachen“25 versehentlich den Topf der Pflanze zerstört und sie daraufhin in den Müll wirft. Sie spricht anschließend mit einer kompletten Selbstverständlichkeit über den Vorfall, sodass er scheinbar eine gesellschaftliche Legitimation darin sieht, Blumen zu „morden“26. Die Sorgen fallen von ihm ab und sofern es sich tatsächlich nur um zertretene Butterblumen handeln würde, womit eine phallische Interpretation außer Acht gelassen werden soll, wäre der Ausgang durchaus positiv. Im negativen Sinne lässt sich deuten, dass das Es schlussend­lich die Überhand gewinnt. Zwar ist Herr Michael glücklich und noch immer Teil der Gesell­schaft, die innere Zerrissenheit und die Tatsache, dass er sich von seinen Trieben leiten lässt, trüben diesen Eindruck allerdings.

4. Fazit und Deutungsmöglichkeiten

Es kann behauptet werden, dass die Radikalisierung des Wahnsinns in beiden Texten darin be­gründet liegt, dass die Autoren versuchen, ein Ungleichgewicht in der menschlichen Psyche zu verschriftlichen. Dabei lässt es sich nicht leugnen, dass die Psychoanalyse nach Freud in­teressante Deutungsmöglichkeiten eröffnet und sowohl bei Georg Heyms Der Irre als auch bei Alfred Döblins Die Ermordung einer Butterblume maßgeblich dazu beiträgt, den Wahn­sinn des jeweiligen Protagonisten besser verstehen zu können. Obwohl beide Erzählungen an­fangs undurchsichtig, grotesk und irrational erscheinen, kann durch die Übertragung auf das Modell der Psychoanalyse das Handeln der Protagonisten zumindest ansatzweise begründet werden. Beide Erzählungen thematisieren nicht zuletzt die Frage, wie sich ein psychisches Ungleichgewicht äußert und zu welchen Konflikten die Verhandlung des Ichs mit der natürli­chen Triebhaftigkeit des Es und der moralischen Instanz des Über-Ichs führen kann. Das Über-Ich ist in diesem Kontext stets eng mit den sozialen Werten und Normen der Gesell­schaft verbunden, die dem Protagonisten nicht oder nicht mehr schlüssig erscheinen. Der Irre bei Georg Heym sieht sich zu Unrecht verurteilt und empfindet es nicht als falsch, dass er sei­ne Frau körperlich gezüchtigt hatte. Dies führt unweigerlich zu einer Stärkung des Es, da ihm die Trennung von Recht und Unrecht nicht mehr möglich ist und das Über-Ich den entschei­denden Teil seiner Argumentationsgrundlage einbüßt. Es kann zudem auch von einer Unter­drückung seiner Rachegedanken ausgegangen werden, welche sein Verhalten zusätzlich ver­stärkt. Die Befreiung von allen Regeln und Normen lässt ihn schließlich zum Tier werden. Herr Michael Fischers falsche Wahrnehmung basiert auf der Tatsache, dass es ihm nicht mög­lich ist, den Mord an einer Pflanze rechtlich von einem Mord an einem Menschen abzugren­zen. Die gleichwertige Betrachtung führt zu Gewissensbissen und zu einem verzerrten Schuldbewusstsein. Auch hierbei liegt das Hauptaugenmerk auf der Differenzierung von Recht und Unrecht, wobei ihn erst die Einsicht, dass dieser vermeintliche Mord an einer But­terblume gesellschaftlich legitimiert ist und kein Verbrechen darstellt, zur Ruhe kommen lässt. Die Tatsache, dass er letztendlich jedoch plant, die rechtlichen Grenzen völlig auszukosten, wirft erneut Fragen auf. So bleibt unklar wie der Rezipient hiermit umgehen soll, da es sich bei seinen Taten um eine gesellschaftliche Grauzone handelt. Wörtlich genommen ist selbst die brutalste Handlung gegen die Natur, insbesondere im Kontext der zunehmenden Techni­sierung zu dieser Zeit, selten Gegenstand einer Verhandlung. Es erfordert neben der rechtli­chen Grenzen auch einer inhärenten Moral, um sich nicht negativ von außenstehenden Perso­nen beeinflussen zu lassen und die Umwelt um ihrer selbst willen zu achten.

Beide Werke thematisieren damit die Neuverhandlung der vorgegebenen und sozial anerkann­ten Normen durch das Über-Ich, was das Handeln des Es zum Teil relativiert. Selbstverständ­lich besitzt die Übertragung der Psychoanalyse auf die Erzählhandlung auch ihre Grenzen und sie genügt nicht, um beide Erzählungen vollständig zu erschließen. Sie zeigt aber vermeintlich eindeutig wie die Psyche des Menschen zu dieser Zeit verstanden wurde: Als ein Zusammen­spiel aus animalischen Trieben und gesellschaftlichen Normen, welche das Verhalten einer Person als Spannungsfeld zurücklassen. Das Individuum wird dadurch in seiner Komplexität anerkannt und es erscheint notwendig, sowohl die gesellschaftlichen Konventionen eindeutig zu definieren als auch die Triebhaftigkeit des Menschen mit einzubeziehen. Die Radikalisie­rung des Wahnsinnsdiskurses ist damit die unausweichliche Reaktion auf ein neu erworbenes Verständnis der Psyche, welches in eine literarische Form gebracht wird.

5. Literaturverzeichnis

Döblin, Alfred: Die Ermordung einer Butterblume. In: Alfred Döblin. Ausgewählte Werke in Einzelbänden. Hg. von Christina Althenu.a. Bd. 4. Düsseldorf2005, S. 56-67.

Heym, Georg: Der Irre. In: Georg Heym. Dichtungen und Schriften. Hg. von Karl Ludwig Schneider. Bd. 2. Hamburg 1962, S. 19-34.

Büchner, Georg: „Lenz“. In: Georg Büchner. Sämtliche Werke und Schriften. Hg. von Burghard Dedneru.a. Bd. 5. Marburg 2001, S. 31-49.

Kittler, Friedrich: Aufschreibesysteme 1800, 1900. München 2003.

Köhler, Thomas: Freuds Psychoanalyse. Eine Einführung. Stuttgart 2007.

Spiess, Christian Heinrich: Das Hospital der Wahnsinnigen zu P. In: Christian Heinrich Spieß. Biographien der Wahnsinnigen. Hg. von Wolfgang Promies. Darmstadt 1966, S. 271-317.

Sulzgruber, Werner: Georg Heym, „Der Irre“. Einblicke in die Methoden und Kunstgriffe ex­pressionistischer Prosa. Wien 1997.

[...]


1 Vgl. Christian Heinrich Spiess: Das Hospital der Wahnsinnigen zu P. In: Wolfgang Promies (Hg.): Christian Heinrich Spieß. Biographiender Wahnsinnigen. Darmstadt 1966, S. 271-317.

2 Vgl. Georg Büchner: „Lenz“. In: Burghard Dedner u.a. (Hg.): Georg Büchner. Sämtliche Werke und Schriften. Mainz 2001. S. 31-49.

3 Vgl. Friedrich Kittler: Aufschreibesysteme 1800, 1900. München 2003.

4 Georg Heym: Der Irre. In: Karl Ludwig Schneider (Hg.): Georg Heym. Dichtungen und Schriften. Bd. 2. Hamburg 1962, S. 19-34. S. 19.

5 Ebd., S. 19.

6 Ebd.,S.2O.

7 Ebd.,S.34.

8 Werner Sulzgruber: Georg Heym, „Der Irre“. Einblicke in die Methoden und Kunstgriffe expressionistischer Prosa. Wien 1997, S. 37.

9 Heym:DerIrre, S. 23.

10 Ebd., S. 25.

11 Vgl. ebd., S. 25.

12 Thomas Köhler: Freuds Psychoanalyse. Eine Einführung. Stuttgart 2007. S. 104.

13 Heym: Derlrre, S. 30.

14 Ebd., S. 30.

15 Ebd., S. 33.

16 AlfredDöblin: Die Ermordung einer Butterblume. In: Christina Althen u.a. (Hg.): Alfred Döblin. Ausgewählte Werke inEinzelbänden. Bd. 4. Düsseldorf 2005, S. 56-67. S. 56.

17 Ebd., S. 56.

18 Ebd., S. 57.

19 Ebd., S. 58.

20 Ebd., S. 61.

21 Ebd., S. 66.

22 Ebd., S. 67.

23 Ebd., S. 59.

24 Ebd., S. 58.

25 Ebd., S. 66.

26 Ebd., S. 67.

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Radikalisierung des Wahnsinnsdiskurses in Alfred Döblins "Die Ermordung einer Butterblume" und Georg Heyms "Der Irre". Ein psychoanalytischer Ansatz
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
10
Katalognummer
V976525
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Radikalisierung, Wahnsinnsdiskurs, Georg, Heym, Georg Heym, Alfred, Döblin, Alfred Döblin, Sigmund Freud, Psychoanalyse, psychoanalytisch, Gewalt, Moderne, Der Irre, Verrücktheit, Ermordung einer Butterblume, Butterblume, Irrenanstalt, Neurasthenie, Über-Ich, Es, Ich, Interpretation, Dissoziation, animalisch
Arbeit zitieren
Chris Zemmel (Autor), 2020, Radikalisierung des Wahnsinnsdiskurses in Alfred Döblins "Die Ermordung einer Butterblume" und Georg Heyms "Der Irre". Ein psychoanalytischer Ansatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/976525

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