Christlich-motivierte Reaktionen auf die sozialen Folgen der Industrialisierung in England


Seminararbeit, 2000
20 Seiten, Note: 2

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Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Die industrielle Revolution in England von 1770 bis 1850
2.1 Zeittafel zur technologischen Seite der industriellen Revolution

3 Soziale Folgen der industriellen Revolution in England
3.1 Landflucht und Verstädterung
3.2 Pauperismus
3.3 Wohnverhältnisse
3.4 Frauen- und Kinderarbeit unter erschreckenden Bedingungen und der Gesundheitszustand der Arbeiterschaft

4 Religiöse und kirchliche Entwicklung in Großbritannien zur Zeit der Industrialisierung
4.1 Herausragende Personen und Gruppen und ihr soziales Werk als Reaktion auf die Industrialisierung
4.1.1 John Wesley / Methodisten
4.1.2 Robert Owen
4.1.3 Thomas Chalmers
4.1.4 Charles Haddon Spurgeon
4.1.5 Brethren People (Brüderbewegung)
4.1.6 Heilsarmee

5 Die Industrialisierung, die Arbeiterbewegung und die Sozialreform

6 Schlußbemerkungen

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Diese Hausarbeit schließt sich an mein Referat ,,Die industrielle Revolution in England" im Seminar ,,Frauen und soziale Frage im 19. Jahrhundert" an.

Besonders die sozialen Folgen der Industrialisierung sind erschreckend, so dass sich die Frage nach christlich-motivierten Reaktionen darauf auftut. Diese beschreibe ich anhand der Lebenswerke herausragender Personen und durch Darstellung zweier Glaubensgruppen (Brüderbewegung, Heilsarmee), die sich während des 19. Jahrhunderts in England gründeten. Es erscheint mir hier sinnvoll die Betrachtung auf Schottland zu erweitern und so auch auf Thomas Chalmers einzugehen.

Abschließend skizziere ich kurz den weiteren Ablauf der Industrialisierung und die sozialen Reformen des 19. Jahrhunderts in England.

2 Die industrielle Revolution in England von 1770 bis 1850

Zwischen 1770 und 1850 änderte sich die ökonomische Situation in England als Resultat des technologischen Fortschritts in vielen Bereichen von der Landwirtschaft und dem Manufakturwesen hin zur Industrie. Zentral ist die Entwicklung von Fabriken und der Ausbau des Transportsystems, der wiederum einen vergrößerten Absatzmarkt für die industriell gefertigten Produkte erschloss. Günstige Voraussetzungen für die Industrialisierung waren zusätzlich die ausreichende Ausstattung Englands mit Rohstoffen und ein leistungsfähiger Geldmarkt (Ablösung Amsterdams durch London als Weltfinanzzentrum). Die radikale, wirtschaftliche Veränderung führte zu sozialen Schwierigkeiten, die vor allem die Unterschicht und damit die Arbeiterschaft trafen.

2.1 Zeittafel zur technologischen Seite der industriellen Revolution:

1764 Erfindung der Spinnmaschine (spinning jenny) durch James Hargreave

1769 Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt

1775 Adam Smith: ,,Inquiry into Nature and Causes of Wealth of Nations"

1779 Erste dampfbetriebene Mühlen

1784 Erfindung des mechanischen Webstuhls

1813 Erste Dampflokomotive für den Personentransport

1825 Erste Eisenbahnlinie zwischen Stockton und Darlington

Die Dampfmaschine oder auch die Entwicklung der mechanischen Werkzeugmaschinen am Ende des 18. Jahrhundert werden als Auslöser der industriellen Revolution betrachtet, die

sowohl von der Baumwoll-verarbeitenden Industrie als auch von den Kohlebergwerken ausging. Der Arbeiter wird in seiner Funktion degradiert. Während er zuvor noch als Handwerker direkt in den Produktionsprozess eingriff, fungierte er in den Fabriken nur noch als auswechselbares Triebmittel der Maschine.

3 Soziale Folgen der industriellen Revolution in England

Durch den Bevölkerungszuwachs von 1750 bis 1801 um 52 % (aufgrund besserer, ärztlicher Versorgung) standen der neuen Industrie ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung, er machte aber auch eine Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft durch Abschaffung veralteter Bebauungsweisen (open fields) notwendig. Durch diese Intensivierung (Vier-Felder-Wirtschaft) und ihre Kosten mussten immer mehr kleine Bauern ihre Felder aufgeben. Nach den vom Parlament beschlossenen Einhegungen, also der Zuordnung von bisher freiem Land zum Besitz der Landlords, waren sie gezwungen, Arbeit und Lohn in den Städten und damit in den Fabriken zu suchen. Allein in den Wollbetrieben Englands arbeiteten so 1833 237.000 Menschen. 46% der Arbeiter waren Frauen, 15 % Kinder unter 13 Jahren.

Die 1776 von Adam Smith in seiner Schrift ,,Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations" entwickelte liberale Theorie verlangt, die Preisbildung im Konsumgüter- und Produktionsgütermarkt dem Mechanismus des freien Marktes zu überlassen, der dann wie eine ,,invisible hand" Angebot und Nachfrage zum Gleichgewicht bringen würde. Die Einbeziehung des Marktes der Produktionsfaktoren -also auch des Arbeitsmarktes- allerdings führte zu Konsequenzen, die dem

Theoretiker damals wohl nicht bewusst waren, denn die Industrie schuf zwar täglich neue Arbeitsplätze, aber durch die stark wachsende Bevölkerungszahl waren immer wieder mehr Arbeitssuchende vorhanden. Die Löhne fielen ins Bodenlose (es gab schließlich noch keinerlei gesetzliche oder kooperative Regelungen der Industriearbeit), so dass in einer durchschnittlichen Arbeiterfamilie alle Familienmitglieder über 8 Jahren arbeiten mussten, um gerade einmal das sehr einfache Leben in den Slums zu ermöglichen. Der Arbeiter wurde zum Proletarier, denn für den Unternehmer war er ,,nur ein Betriebsmittel, von dem man erwartete, dass es möglichst billig und dabei wirksam, möglichst anpassungsfähig, möglichst sparsam im Gebrauch, möglichst `unsperrig´, in der Verwendung durchaus berechenbar, ohne unerwünschte Begleiterscheinungen und in jedem Moment auswechselbar sei."1

Die zentralen, sozialen Probleme sind somit relativ schnell zusammengefasst: Landflucht und damit Verstädterung, Pauperismus (d.h. Verarmung der Landarbeiterschaft), unzureichende Wohnverhältnisse in den entstehenden Slums, mangelnder Gesundheitszustand sowie schließlich Frauen- und vor allem Kinderarbeit unter erschreckenden Bedingungen.

3.1 Landflucht und Verstädterung:

Durch die entstehenden Fabriken in den Städten verschwanden die Manufakturen alten Stils großteils, die Produktion wurde in die Städte verlegt. Die kleinen Bauern und Pächter, die schon durch die Einhegungen einen Teil ihrer Existenzgrundlage verloren hatten, wurden damit auch noch der Heimarbeit beraubt, die ihnen den Lebensunterhalt sicherte, denn gegenüber den Maschinen lagen die Preise der Handweber und Handspinner, die ihre Produkte ja jetzt auch auf dem freien Markt verkaufen mussten, wesentlich höher.

Insgesamt kam es dadurch zu einem Stadt-Land-Gefälle und einer Trennung des arbeitenden Menschen von den Produktionsmitteln. Die Kluft zwischen den Produktionsmitteln Arbeit und Kapital riss auf und wirkt seitdem bis in heutige Tage hinein. Erhebliche Proteste gegen diesen Umschwung gab es von den Verlags- und Manufakturmeistern, denn sie waren an ihre handwerkliche Betriebsweise gewöhnt und stellten sich durch ihren Stolz über die einfachen Fabrikarbeiter. Die Stürmung von Fabriken und Zerstörung von Maschinen wurde allerdings unter Todesstrafe gestellt und somit die Protestwelle gestoppt.

Die gemischte Arbeiterschaft (Bauern, Tagelöhner, Soldaten, Frauen, Kinder) führte, entlassen aus den sozialen Bindungen der Familie, der Kommune und auch der Kirche, in der Stadt ein wildes Leben. Unter der Fabrikarbeiterschaft herrschte ein scharfer Moralverfall, Rohheiten, Alkoholismus und andere Laster breiteten sich aus. Den zivilisiert lebenden Arbeiterstand des endenden 19. Jahrhunderts war größtenteils der Verdienst der später aufkommenden Gewerkschaften.

3.2 Pauperismus:

Durch den Einsatz landwirtschaftlicher Maschinen sanken die Löhne der Landarbeiter teilweise bis unter das Existenzminimum, da es hier für die Landlords auch keine Vorschriften gab, wie sie ihre Leute bezahlen mussten. 1795 wurde statt eines einheitlichen Mindestlohnes von den Friedensrichtern in Speenhamland beschlossen, dass zu den bestehenden, zu niedrigen Löhnen zusätzliche Unterstützung aus Steuermitteln an die notleidenden Farmarbeiter gezahlt werden sollen, und zwar in der Höhe des Preises für ein Brot pro Familienmitglied. Dieses sog. Speenhamland- System bewirkte, dass sich die Landlords nun gar nicht mehr verpflichtet sahen angemessene Löhne zu zahlen und die Landarbeiter somit, obwohl sie in Arbeit standen, zu Pauperes wurden, d.h. zu Personen, die so arm waren, dass sie selbst nach den strengen Bestimmungen des 1601 kodifizierten Poor Law der öffentlichen Unterstützung bedürfen.

Dieser Pauperismus hatte für alle Beteiligten schlimme, vor allem moralische Folgen: Die Armen selbst, von denen sich lange Zeit viele gescheut hatten das Armengeld anzunehmen, verloren allmählich das Bewusstsein für die Unwürdigkeit dieser Lebensweise. Die Lohnherren hatten keine sittlichen Bedenken mehr, die Löhne unter das Existenzminimum zu drücken und die Kirchspiele konnten die Mittel für die zunehmende Armenlast trotz ständig steigender Armensteuer kaum noch aufbringen.

3.3 Wohnverhältnisse

Die Zunahme der städtischen Bevölkerung schuf das völlig neue Problem der Masse, das am deutlichsten bei den Wohnverhältnissen zu Tage trat. Die Unterkünfte der Arbeiterschaft wurden mit möglichst geringen Kosten gebaut, da die Unternehmer zumeist auf Kredite angewiesen waren. So entstanden mit der Zeit große Arbeiterviertel, die Slums. Hier waren die Häuser Rücken an Rücken gebaut (back-to- back-houses), was bedeutet, dass es weder Höfe zur Beseitigung von Abfällen gab noch Kanalisationen, hinreichende Wasserversorgung oder entsprechende Toiletten. Alle Abfälle und Exkremente wurde so auf die ungepflasterten Straßen geworfen und bildeten dort einen stinken den Schlamm, der Brutherd allerlei Bazillen und Epidemien war.

Zudem lebten die meisten Familien in nur einem Raum oder übernachteten immer häufiger direkt in den Fabriken, die dann Schauplatz der nächtlichen Feiern wurden.

3.4 Frauen- und Kinderarbeit unter erschreckenden Bedingungen und der Gesundheitszustand der Arbeiterschaft:

,,Sofern die Maschinerie Muskelkraft entbehrlich macht, wird sie zum Mittel, Arbeiter ohne Muskelkraft oder von unreifer Körperentwicklung, aber größerer Geschmeidigkeit der Glieder anzuwenden."2 Schon deshalb war Frauen- und Kinderarbeit sehr verbreitet. Zusätzlich fanden sich hier einerseits besonders billige

Arbeitskräfte, andererseits meinte man, vor allem Kinder könnten die Maschinen mit ihren kleinen Händen besser bedienen und schneller als die Erwachsenen in den engen Kohlestollen kriechen. Die Kinder wurden den Fabrikanten durch die Kirchspiele oder Eltern, die selbst Pauperes waren zugeführt. Für sie gab es als Lehrlinge statt Lohn nur eine freie Unterbringung und Verpflegung. Dies wurde den Unternehmern noch zusätzlich durch ein Gesetz erleichtert, dass jeden verpflichtete eine siebenjährige Lehrzeit (apprenticeship) durchzumachen, bevor er sich Meister nennen durfte, und die Kirchspiele sogar verpflichtete den Kindern eine solche Lehre zu ermöglichen. Die Kinder waren z.T. erst 6 Jahre alt, wenn sie in den Bergwerken zu arbeiten begannen. Dort schufteten sie dann 14 Stunden am Tag, zogen Kohlewagen, schleppten viel zu schwere Waren oder saßen den ganzen Tag an einer Spinn- oder Webmaschine. Da es keine schriftlichen Vereinbarungen gab, konnten Frauen und Kinder quasi als ökonomischer Faktor, praktisch als Zubehör der Maschine betrachtet werden und wurden deshalb - wenn überhaupt- nach Stückzahl entlohnt.

Die Arbeitsbedingungen waren den Wohnverhältnissen ähnlich schlecht.

In den Baumwollspinnereien klebte aller Orten Öl, Staub und Unrat, die Hallen waren dunkel und mit den verschiedensten Gerüchen durchzogen. Die Kohlegruben waren zum großen Teil nur unzureichend trockengelegt und belüftet. Auch hier gab es nur selten Licht, die Luft war erfüllt vom Kohlenstaub und die Gänge waren oft so niedrig, dass sich die Arbeiter nur kriechend fortbewegen konnten, während sie in dieser widernatürlichen Stellung noch zusätzlich die schweren Karren hinter sich herzogen. Neben den Epidemien waren somit Lungenkrankheiten, Rückenleiden und Überlastungen jeglicher Art an der Tagesordnung. Vollinvaliden waren im Durchschnitt 45 Jahre alt und hatten ca. 35 Arbeitsjahre hinter sich. Neben diesen rein physischen Problematiken griff auch in den Fabriken der Sittenverfall immer weiter um sich. Prügeleien und Vergewaltigungen (in den Kohlegruben arbeiteten fast alle völlig nackt) sind nur die Spitze des Eisbergs. Unter 20 % der Kinder besuchten eine Schule (zumeist die Sonntagsschulen), die meisten Prostituierten waren unter 20 Jahre alt, viele Arbeiter ertränkten ihr Leid im Alkohol. Augenzeugenberichte erschrecken noch heute, denn auch Kirche und Religion erfuhren oft nur erschreckende Geringschätzung. Dazu ein Zitat3 einer 8jährigen Grubenarbeiterin: ,,I have heard tell of Jesus many a time. I don´t know why he came on earth, I´m sure, and I don´t know why he died, but he had stones for his head to rest on."

4 Religiöse und kirchliche Entwicklung in Großbritannien zur Zeit der Industrialisierung

Schon seit der Reformation gab es in England ein recht vielfältiges, konfessionelles Bild mit anglikanischer Staatskirche, Baptisten und Presbyterianern4. Zusätzlich entwickelte sich seit Beginn des 18. Jahrhunderts als Kontraposition zu Aufklärung und Rationalismus die Erweckungsbewegung, die in ihrer Frömmigkeit besonders durch die Herzenserfahrung als Voraussetzung des Christseins sowie missionarisches und diakonisches Handeln auszeichnete. Die Erweckten vertraten kraftvoll die alten biblischen und reformatorischen Grundsätze und kämpften um die Erhaltung der alten Lehrsubstanz und gegen den Rationalismus, der sich in den Kirchen breit gemacht hatte.

Die Kirchen wiederum empfanden die Erweckten als zu radikal, womit es schließlich zu einer Abspaltung kam. Die neue Gruppe der Methodisten spaltete sich ihrerseits wieder, so dass es am Ende des 18. Jahrhundert einen calvinistischen und einen antiprädestinatianistischen Zweig (mit Wesley) gab. Auch in Schottland gab es ähnliche Abläufe, zentral ist hier Thomas Chalmers.

Insgesamt ging es allen Glaubensgruppen aber nicht um unüberwindbare, konfessionelle Unterschiede sondern vielmehr um die Glaubwürdigkeit der Organisation Kirche, die sich besonders unter den neuen sozialen Umständen bewähren musste.

Die daraus resultierenden Probleme bekämpften die verschiedenen christlichen Strömungen auf unterschiedliche Weise (s.u.). Insgesamt kam es dennoch zur Ausbildung von allgemeinen christlich-sozialen Gedanken, die sich später auch auf dem Kontinent durchsetzten. Diese Entwicklung wurde besonders vom noch jungen Methodismus getragen, während die Staatskirche (Church of England) nur sehr langsam auf die städtischen Massen und ihre Probleme reagierte. Schließlich standen die neuen Strömungen dem Staat viel freier gegenüber und konnten durch ihre vielen Laienprediger vor Ort zum einen eine größere Anzahl von Arbeitern und zum anderen diese auch direkter in ihrem Lebensumfeld erreichen. So ist es auch nicht wunderlich, dass die 1810 gegründeten "Ursprünglichen Methodisten" geradezu eine `Arbeitersekte´ bildeten.

In ihrem sozialen Engagement traten einige Männer und Gruppierungen besonders hervor; die im Folgenden mit ihrem Lebenswerk vorgestellt werden. Man sollte aber nicht vergessen, dass sie alle nur die Ideengeber der Bewegungen waren, die ohne die vielen Gefolgsleute und deren Einsatz sicher nicht so erfolgreich im Kampf gegen die sozialen Missstände gewesen wären. 5

4.1 Herausragende Personen und Gruppen und ihr soziales Werk als Reaktion auf die

Industrialisierung

4.1.1 John Wesley / Methodisten

John Wesley [5] wurde am 17. Juni 1703 in Epworth (England) als fünfzehntes von neunzehn Kindern geboren. Sein Vater Charles war Priester, seine Mutter Suzanna ebenfalls tiefgläubig. Schon ihren jüngsten Kindern erzählte sie biblische Geschichten und erzog sie recht konservativ. John wuchs so sehr glücklich und in engem Kontakt zur Kirche und Bibel auf. In Georgia wurden er und sein Bruder Charles zu Priestern ausgebildet und kamen mit dem Gedankengut der deutschen Brüderbewegung in Kontakt. John war beeindruckt von ihrem Gottvertrauen auch in den schwierigsten Situationen, vertiefte sich in entsprechende Studien und entwickelte sich somit zum kraftvollen Priester des Volkes.

In dieser Zeit stand er auch in engem Kontakt mit dem Calvinisten George Whitefield, dessen Verderbtheitsgedanken bezogen auf die gesamte Menschheit Wesley jedoch nicht mittragen konnte. Er glaubte vielmehr (und dieser Glaube ist auch heute noch für die Methodisten zentral), dass Christus nicht nur für Auserwählte sondern für alle Menschen gestorben sei und einige Christen sogar schon in ihrem irdischen Leben Vollkommenheit erreichten. Diesen Gedanken predigte er immer wieder auf städtischen Plätzen und in Dörfern, so dass er bald eine große Gefolgschaft, bestehend aus Mitgliedern vornehmlich unterer Schichten, hatte. Diese wurden aufgrund der Arbeitsweise und nahezu militärisch - perfekten Organisation durch Wesley bald Methodisten genannt.

Besonderen Wert legte der Methodistenpriester getragen durch den Gedanken an die mögliche irdische Vollkommenheit auf Sitte und Ordnung und setzte damit unter der Arbeiterschaft eine Revolution gegen die Verrohung und den Sittenverfall in Gang. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden diese Gedanken von William Wilberforce (1759 - 1833) verschriftlich und in großer Auflage an die Bevölkerung verkauft. Die unteren Schichten lasen sie mit Begeisterung, aber auch die Höfe und gehobenen Kreise erreichten seine Traktate. Gerade die Reichen erinnerte Wilberforce an ihre Pflichten gegenüber den Armen, während diese durch seine Schriften zur Solidarisierung und Selbsthilfe angeregt wurden.

Nicht rationale Gedanken sondern die Begeisterung und der Enthusiasmus Wesleys waren der Grundstock seines Erfolges. Die Organisation wurde getragen von örtlichen Gemeinden (societies) mit einer eigenen chapel (Versammlungshaus, wesentlich schlichter als die Kirchen). Die Gemeinden waren in kleine Sektionen (classes) mit jeweils bis zu 12 Gläubigen unterteilt, die sich regelmäßig zum Gebet trafen. Die Anonymität der Gläubigen in der

Staatskirche war hier somit keinesfalls für die Methodisten gegeben. Auch überregionale Treffen als Bezirksversammlungen oder Landeskonferenz bildeten so insgesamt eine straffe, zentralistische Hierarchie und stärkten den Methodismus, der so quasi zur Konkurrenz der Staatskirche wurde. So kam es auch entgegen den ursprünglichen Gedanken Wesleys zur Trennung von ihr.

1790 arbeiteten 313 Methodistenpriester in 119 Bezirken mit 77000 Gläubigen.

Ein Jahr später starb Wesley, aber die Bewegung setzte sich fort. Der Methodismus zeigte sich als Ausgangspunkt der Wende des sozialen Denkens, aus ihm entwickelten sich verschiedene Glaubensgruppen und Gedanken, die teilweise noch im folgenden behandelt werden.

4.1.2 Robert Owen

Robert Owen6 lebte von 1771 bis 1858. Er war in recht armen Verhältnissen aufgewachsen und hatte als Lebenswerk eine der bedeutendsten Baumwollspinnereien des Landes in New Lanark, Schottland, geschaffen. So beschäftigte er etwa 2000 Menschen, darunter auch mehrere Hundert Kinder. Diese waren ihm zumeist von den Kirchspielen oder den eigenen Eltern geschickt worden. Die Verhältnisse waren wie überall zunächst unbefriedigend. Es gab Gewalt und Dreck, aber keinerlei Schule oder Bildung. Owen war allerdings Philantrop und so verboten seine humanitären Ideen ihm Kinder länger als 10 Stunden am Tag zu beschäftigen.

Desweiteren schaffte er es durch seinen Einfluß und seine Ausstrahlung etwas Sauberkeit, Ordnung und Sitte unter den Fabrikarbeitern aufkommen zu lassen. Er öffnete Läden, in denen er die Waren nur knapp über dem Einkaufspreis anbot und in denen der Verkauf von Alkoholika streng kontrolliert wurde. Sein größter Erfolg lag allerdings auf dem Gebiet der Bildung: Owen schuf und überwachte die erste Grundschule in Großbritannien und ließ seinen Schutzbefohlenen somit auch eine gewisse Erziehung angedeihen. Die Unterkünfte für die Kinder waren sauber und auf einem ungewöhnlich hohen, sanitären Standard.

Zunächst betrachteten die anderen Unternehmer Owen als verrückten Außenseiter, aber dann gewannen die Anlagen in New Lanark Modellcharakter. Für die Arbeiterklasse schufen sie eine Hoffnung auf die Zukunft und so wurden sie von vielen Zeitgenossen besichtigt. Owen war insgesamt ein philantropischer Vorgänger des wissenschaftlichen Sozialismus, aber seine verworrenen, sehr teueren Ideen gipfelten in genossenschaftlichen Utopien, die niemals verwirklicht wurden.

1813 öffnete Owen eine neue Fabrik mit anderen Partnern, da den vorherigen die Ideen

Owens fern lagen und zu teuer erschienen. Neue Partner waren hier unter anderem Jeremy Bentham (1748-1832, Philosoph und Begründer des Utilitarimus) und der Quaker William Allen.

In den folgenden Jahren formulierte Owen in mehreren Essays seine Gedanken und Ideen. Obwohl er bereits früh den Glauben an einen großen Teil der Kirchenlehre verloren hatte, erdachte er für sich ein neues System, ein Credo, das durchaus mit christlichen Ideen vereinbar war. Seine Grundthese war, dass der Charakter eines Menschen durch Umstände geprägt wird, auf die die Person selbst keinen Einfluss hat, so dass niemand von Geburt an Schande oder Preisung verdiene. Diese Umstände schienen ihm in der Jugend am wirkungsvollsten zu sein und begründen somit sein besonderes Engagement im Bildungswesen. New Lanark wurde zum Treffpunkt für viele europäische Sozialreformer, Politiker und auch Personen des Königshauses, die an den Gedanken Owens teilhaben und sie weiterdenken wollten.

An diesem schöpferischen Ort entstand auch 1816 der "Report on Children employed in Manufactories", der die unerträglichen Zustände ans Licht brachte und somit schließlich - trotz erheblichen Widerstandes des House of Lords - den Factory act of 1819 (_ 5 Die Industrialisierung, die Arbeiterbewegung und die Sozialreform) bewirkte. Insgesamt klärte Robert Owen somit auf, erschuf neue Ideen und Werte, setzte sich entsprechend auch politisch für seine Arbeiter ein und handelte also christlich, auch wenn der Glaube an Gott nicht seine Motivation war.

4.1.3 Thomas Chalmers

Thomas Chalmers7 wurde am 17. März 1780 in Anstruther, einem kleinen Städtchen an der Küste Schottlands, geboren. Sein Vater war Kaufmann in bescheidenen Verhältnissen und frommer Calvinist, während seine Mutter, die die zwölf Kinder aufzog, sehr aktiv in der Armenfürsorge war.

Nachdem er an dem engen Gemeindeleben seiner Heimatstadt teilgenommen und auch die dortige Schule besucht hatte, trat Chalmers bereits 1791 als Elfjähriger in die kleine, unbekannte Universität St. Andrews ein. Nach seinen Studien zur Geisteswissenschaft und Theologie wurde er 1799 als Pfarrer auf Widerruf in der ,,Church of Scotland" angestellt. Trotz seiner schnellen Fortschritte in der Theologie galt Chalmers´ Leidenschaft vor allem den Naturwissenschaften, der er 1799 bis 1801 nachgab, indem er ein Physikstudium an der Universität Edinburg aufnahm. So widmete er sich auch ab 1802, als er Pfarrer in Kilmany wurde, weniger seinen seelsorgerischen Pflichten, sondern unterrichtete vielmehr als

Privatdozent Mathematik und Chemie in St. Andrews. Seine Pflichten als Gemeindepfarrer sah er als nur wenig mehr als der sonntäglichen Predigt an, so dass er noch reichlich Zeit für seine anderen Interessen hatte. Er strebte vielmehr eine Professur und eine Anstellung an der Universität an. Als jedoch beides fehlschlug, wandte er sich den Volkswirtschaften zu. Dort veröffentlichte er 1808 sein erstes, größeres Werk ,,An Inquiry into the Extent and Stability of National Ressources", in dem er Adam Smith´s Liberalismus in Frage stellt und sich für eine Verringerung der industriellen Entwicklung ausspricht. Doch kaum jemanden interessierte diese Schrift. Während dieser wissenschaftlichen Anstrengungen litt Chalmers Gemeinde weiter unter dem von ihm praktizierten Moderatismus.

Aber nach einer schweren Krankheit präsentierte sich Chalmers völlig verändert 1811 als eindringlicher evangelischer Prediger auf der Kanzel in Kilmany, denn er hatte während der Monate auf dem Krankenbett vor allem die Werke William Wilberforce gelesen und dabei seine Bekehrung erlebt. Er predigte von der sündigen Natur des Menschen, der Bedeutung des Todes, der Leere weltlicher Ambitionen und dem verzweifelten Bedürfnis des Menschen nach der Gnade Gottes und zog so schon bald große Massen an. Sehr schnell entwickelte er sich zur herausragenden Gestalt in der evangelischen Erweckungsbewegung und belebte damit das religiöse Leben Schottlands.

Auch seine seelsorgerischen Pflichten nahm er fortan bewusster war. 1813 begann er die Kinder seiner Gemeinde regelmäßig zu besuchen, um ihre Bedürfnisse kennen zu lernen, und gründete daraufhin eine Samstagsschule zu ihrer religiösen Unterweisung. Sein umgreifendes christlich-soziales Ideal gründete sich auf Güte und gegenseitige Verpflichtung und brachte als weitere soziale Werke eine Gemeindegemeinschaft zur Aufbringung von Mitteln für die Überseemissionen und eine besondere Armenfürsorge hervor, so dass Kilmany ein Schulbeispiel für eine christliche Gemeinde wurde. Chalmers war von diesem System begeistert, auch wenn es noch kein großer Erfolg war. 1814 wurde Chalmers als Resultat seines wachsenden Ruhms Pfarrer in der angesehenen Tron-Gemeindekirche in Glasgow, der damals größten Stadt Schottlands. Chalmers führte das städtische Elend der Industrialisierung auf den Mangel an christlichem Geist zurück. Die Gesellschaft war in egozentrische Individuen zersplittert, jegliche Wohltätigkeit wurde dem erniedrigenden System des Armenrechts überlassen. Dies mangelnde Verantwortungsgefühl führte er auf den Zusammenbruch des traditionellen, kirchlichen Gemeindesystems zurück. So bot er 1818 dem Rat und der Verwaltung Glasgows an, mit einer neuen Gemeinde St. John in einem Arbeiterbezirk der Stadt, das Gemeindesystem wieder auferstehen zu lassen, so die Lebensbedingungen der Arbeiter zu verbessern und jegliche staatliche Armengelder überflüssig zu machen, wenn ihm freie Hand gelassen würde. Sein Angebot wurde angenommen und das legendäre St.-Johns-Experiment begann 1819.

Grundsätzlich waren die Unterteilung der Gemeinde (10.000 Mitglieder) in 25 Bezirke und regelmäßige Hausbesuche durch freiwillige Laien. Jedem Bezirk wurde ein Kirchenältester und ein Diakon zugeordnet. Dem Kirchenältesten wurde die geistige Fürsorge und damit die Hausbesuche zur Aufgabe gemacht, während sich die Diakone um die materiellen Bedürfnisse der Gemeindemitglieder kümmerten, um die aus Steuermitteln getragene Armenfürsorge abschaffbar zu machen.

Desweiteren gründete Chalmers vier Gemeindeschulen für die Allgemeinbildung der Kinder und eine Gesellschaft von Sonntagsschullehrern, die die religiösen Unterrichte übernahmen, und richtete zusätzliche Gottesdienste und eine neue Kapelle mit einem weiteren Geistlichen ein.

Durch diese Maßnahmen, vor allem durch das Engagement der Diakone, die für z.B. für Kranke Geld bei Verwandten oder von den übrigen Gemeindemitgliedern erbaten, konnten die Ausgaben für die Armenfürsorge ganz erheblich gesenkt werden, während sich die Lebensbedingungen für die Arbeiter dennoch verbesserten. Somit stellte dies Experiment eine bedeutsame Entwicklung in der Sozialarbeit dar und war wegweisend für eine aktive Auseinandersetzung der Kirche mit den sozialen Problemen der Industrialisierung. In den folgenden Jahren unterrichtete Chalmers wieder an der St.Andrews-Universität und verbreitete so seine Gedanken und Ideen. Ebenso kämpfte er auf verschiedenen kirchlichen und staatlichen Ebenen um die Erschaffung von Sonntagsschulen und Gemeinden in ganz Schottland. Er erfuhr allerdings nur wenig staatlicher Unterstützung und schaffte es dennoch mit seinen Anhängern bis 1841 in großem Umfang Sonntagsschulen und Pfarrkirchen (insgesamt 220) zu errichten.

Derweil vollzog sich ein Streit zwischen der britischen Regierung und der Church of Scotland um die Unabhängigkeit der Kirche. Viele Mitglieder der Gemeinden nahmen das Eingreifen des Staates (Vetorecht) und damit dessen Herrschaft einfach hin, aber Chalmers konnte dies nicht akzeptieren.

So vollzog sich im Mai 1843 eine Spaltung der Kirche, Chalmers folgte ein großer Teil der Geistlichen und die Hälfte der Laienmitglieder in die entstehende Free Church. Trotz der großen finanziellen Opfer, die die Mitglieder bringen mussten, stellten sich beeindruckende Ergebnisse ein: In nur einem Jahr baute die Free Church 470 Kirchen und beschäftigte über 500 Gemeindepfarrer. 500 Free-Church-Schulen und ein Free-Church-College (mit Chalmers als erstem Leiter) wurden gegründet.

Die Free Church entwickelte sich jedoch entgegen den Vorstellungen Chalmers. Nicht mehr die evangelikale Mission stand im Vordergrund, die Mitglieder, die sich als Auserwählte Gottes ansahen zogen sich mehr und mehr von den Übeln der Welt zurück. So gab Chalmers 1845 seine aktive Führerrolle auf und versuchte in einem der Slums Edinburgs eine weitere Modellgemeinde zu gründen. Diesen Plan konnte er aber durch seine abnehmende Gesundheit nicht mehr realisieren.

Am 31. Mai 1847 starb Chalmers schließlich in Edinburg im Alter von 67 Jahren an Herzversagen. Er hatte die religiösen, moralischen und materiellen Verhältnisse seiner Landsleute und besonders der Arbeiterklasse trotz der widrigen Umstände der Industrialisierung zu verbessern und den traditionellen Gemeinschaftssinn Schottlands wieder aufleben zu lassen versucht. Mit dem St.Johns-Experiment und seinem Engagement für mehr Kirchen beeinflusste er die Sozialarbeit in Schottland und ganz Europa merklich. Obwohl er eigentlich ein starke Staatskirche angestrebt hatte, opferte er dieses Ideal der religiösen Unabhängigkeit der Kirche. Seine Free Church enttäuschte ihn aber schon bald, als sie seine Ideale von der Sozialreform verwarf.

Insgesamt weckte er in seinen Gemeindemitgliedern neben dem Wunsch nach göttlicher Gnade auch ein christlich-soziales Verantwortungsgefühl und war somit richtungsweisend für die Antwort der Kirche auf die sozialen Herausforderungen der Industrialisierung Großbritanniens.

4.1.4 Charles Haddon Spurgeon

Charles Haddon Spurgeon8 wurde 1834 in Kelvedon, Essex, England, geboren und starb 1892 in Menton, Frankreich. Er zählt als Baptist noch immer zu den berühmtesten Predigern der Welt. Schon sein Vater und Großvater waren kongregationalistische Prediger, Spurgeon wurde allerdings 1850 durch die Predigt eines Laienpredigers der ursprünglichen Methodisten bekehrt und getauft.

Ein Jahr später arbeitete er bereits als Hilfslehrer und Prediger in der kleinen Baptistengemeinde Waterbeach in der Nähe von Cambridge, bevor er 1854, also noch vor seinem zwanzigsten Geburtstag, Pastor in einer Londoner Gemeinde wurde. Dort predigte er oft und sehr direkt, was viele zum Baptismus bekehrte. Durch diese fast deftige Predigtweise sprach er vor allem die sozialen Unter- und Mittelschichten an, was ihm alsbald eine große Gemeinde einbrachte. Die alte, kleine Kirche in der Park Street in Southwark wurde zu klein und extra für ihn baute man den Metropolitan Tabernakel mit 6000 Plätzen für seine Zuhörer. Dort predigte Spurgeon dann von 1861 bis 1891.

Bereits 1857 als junger Mann von 23 Jahren gründete Spurgeon ein Priesterseminar, in dem er bis zu seinem Tod 900 Prediger ausbildete, die dann in anderen Teilen Großbritanniens nach seinem Stil predigten und lehrten.

Desweiteren gründete er 1867 ein Waisenhaus und eine Gesellschaft zur Verbreitung seiner und anderer christlicher Schriften, die unter anderem monatlich die Zeitschrift "The Sword and the Trowel" (Schwert und Kelle) herausgab.

Insgesamt war Spurgeon sowohl ein guter Calvinist wie auch Baptist, trennte sich aber dennoch 1887 von der Baptistenunion. Viele seiner Kollegen hielten sich seiner Meinung nach zu wenig an die lehrmäßigen Grundlagen, die er selbst streng befolgte. Trotz oder eben aufgrund dieser Strenge, die vielen Zeitgenossen schon starrköpfig erschien, gelang es ihm mit seinen Schriften, die von seinem Humor, gesundem Menschenverstand und treffendem Stil geprägt sind, eine breite Masse zu erreichen.

Sein größtes Werk ist der Psalmenkommentar "Die Schatzkammer Davids". Auch viele seiner Predigten, die bis 1917 wöchentlich in verschiedenen Zeitungen erschienen, findet man heute noch; sie wirken zum Teil erstaunlich aktuell. Durch seine überraschend direkte Art, seine Schriften und sein Wirken in den verschiedenen Gemeinden gilt Spurgeon als der bekannteste und größte Prediger seiner Zeit, der weniger durch seine konkreten Taten als vielmehr durch seine Predigten, Lehren und Schriften Einfluss auf die Entwicklung des Sozialsystems und der kirchlichen Armenfürsorge nahm.

4.1.5 Brethren People (Brüderbewegung)

Während der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts entstanden auch in England und Irland verschiedene, erste Brüdergemeinden9 (Dublin 1829, Plymouth 1831, Bristol 1832) und mit ihnen die sogenannte ,,Brüderbewegung". Christen aus den umliegenden Orten fanden sich hier zu Gebet, Verkündigung und Abendmahl zusammen. Alle suchten und sehnten sich aufgrund der furchtbaren Zustände im Wohn- und Arbeitsumfeld nach einer vom Geist Gottes geprägten Gemeinschaft. Diese Einheit wollten sie ohne jeden Zwang und ohne organisatorische Fesseln nur als ,,Brüder" praktizieren. Besonders hervor traten die PlymouthBrüder unter J. N. Darby (1800 - 1882), später auch Darbysten genannt. Sie sonderten sich von allen Staats- und Freikirchen ab und drückten dies durch die Feier des Abendmahls aus. 1848 trennte sich diese Gruppe von der übrigen Brüderbewegung, daraufhin gab es den sog. Offenen Zweig und den Exklusiven Zweig der Darbysten.

In den folgenden Jahrzehnten reisten die Brüder beider Zweige durch ganz Europa und

missionierten zu ihrem Glauben. Aber auch in England gewannen sie trotz der relativ geringen Anzahl an Mitgliedern an Bedeutung. Da sie noch immer den Zwang einer übergreifenden Organisation ablehnten, bildeten sich viele eigenständige Gemeinden, meist ohne festen Pfarrer. Lesungen, Predigten und Seelsorge wurden von verschiedenen, wechselnden Mitgliedern übernommen. Allein für übergreifende Aufgaben wie die Finanzierung der Gemeinde, den Bau einer Kirche oder anderer Gemeinschaftsgebäude (Bibelhaus, Schulen etc.) wurden Ausschüsse gebildet; diese waren aber weder zentral gesteuert noch mit hierarchischen Absichten versehen.

Viele der Brüdergemeinden richteten Schulen oder Waisenhäuser ein und fingen so die Bedürftigsten in ihrer Gemeinschaft auf. Das größte Heim für Waisenkinder entstand durch das Engagement von Thomas Barnado (1845-1905) Ende des 19. Jahrhunderts in London. Nächstenliebe allgemein war von hohem Wert unter den Brüdern, so dass jeder den anderen gab, was er konnte, und auch jeder auf die Hilfe seines Nächsten zum Beispiel beim Bau eines Hauses oder auch Alltagsgeschäften zählen konnte. Wer von einer Brüdergemeinde aufgenommen wurde, mußte so keinen Hunger mehr leiden und auch andere schlimme Nöte (kein Quartier, kein familiärer Anschluß) waren von ihm genommen.

Die Brüderbewegung hielt an der Bibel und ihren Grundsätzen als oberste Gebote fest und dies in einer Zeit, in der praktizierte Glaube an Christus an Mitgliedern und auch Ansehen verloren hatte.

Durch die o.g. Missionen breiteten sich beide Zweige der Brüderbewegung in Europa, Afrika und Amerika aus, so dass man auch heute noch viele dieser Gemeinden (bes. in den USA) finden kann.

4.1.6 Heilsarmee

Die Heilsarmee10 geht vor allem auf das Wirken von William Booth zurück. Booth wurde 1829 in Nottingham geboren und verstarb 1912 in London. 1852 wurde er Priester der methodistischen Gruppe ,,New Connection", von der er sich neun Jahre später trennte und in den folgenden Jahren als Wanderprediger durch England zog.

1865 gründete Booth dann die Heilsarmee im Londoner East End im Stadtteil Whitechapel . In dieser Zeltgemeinde wurden alternative Gottesdienste ohne Abendmahl, aber mit viel Gesang, Musik, freiem Beten und Fürbitten in einer sehr offenen Atmosphäre gefeiert. Aus dieser revolutionären Gemeinde entstand die heute internationale Heilsarmee gegen den Willen vieler einflußreicher Kirchenleute, die sie als `List des Teufels, um das Christentum lächerlich zu machen` bezeichneten. Aber nicht nur mit Worten sondern auch mit direkter Gewalt wurde gegen die Mitglieder dieser Gruppe gekämpft. So wurden im Jahre 1882 über

600 Offiziere (unter ihnen auch Frauen) von der durch Brauereien unterstützten ,,skeleton army" angegriffen. Das Interesse der Heilsarmee lag vor allem im geistlichen Bereich. So war auch ihre Grundthese, man müsse zuerst den Weg zu den Herzen der Armen finden, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Gegen die schlechten Bedingungen direkt oder die politischen Theorien, die dahintersteckten, wandte sich die Heilsarmee zunächst nicht.

Sie war im Gegensatz zur Brüderbewegung streng autoritär geprägt, es gab Uniformen, militärische Corps, Rangabzeichen und eine Zeitschrift namens ,,Der Kriegsruf". Jeder Soldat hatte somit einen gewissen Rang und war mit der Verantwortung für eine entsprechend große Menschengruppe betraut.

Mit dieser Struktur und den dahinterstehenden Aufgaben (besonders der Armenfürsorge) erreichte Booth´s Heilsarmee die breite Bevölkerung, weshalb sie auch als die Massenbewegung des 19. Jahrhunderts gilt. Die Heilsarmee setzte mit ihrer Arbeit so die Evangelisation fort und behalf sich dabei des militärischen Einschlages, der dem zeitgenössischen Nationalismus sehr entgegenkam.

In Zusammenarbeit mit dem sozial-engagierten Theologen J.B. Paton und W.T. Stead, veröffentlichte Booth 1890 sein Buch mit dem Titel: ,,In darkest England and the way out". Er postulierte darin, die unteren zehn Prozent der englischen Gesellschaft seien ebenso versklavt wie ein afrikanischer Stamm, und zeigte auf, wie diese Situation zu verbessern wäre. Sein Programm, das er entsprechend mit der Heilsarmee umsetzte, umfaßte Waisenhäuser, Obdachlosenheime, Frauenhäuser, Alkoholiker- und Gefangenenhilfe sowie eine Vorbereitung Ausreisewilliger auf das Leben in den Kolonien. Die Heilsarmee wurde bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges in ihrer Arbeit politisch und finanziell unterstützt und konnte so einen beträchtlichen Teil zur Linderung der sozialen Probleme beitragen. Heute ist die Heilsarmee weltweit in über 80 Ländern tätig, predigt in 112 Sprachen in über 16.000 Zentren und unterhält über 3000 soziale Einrichtungen, Krankenhäuser und Schulen.

5 Die Industrialisierung, die Arbeiterbewegung und die Sozialreform

Schon 1779 reagierten die Arbeiter auf das ihnen innerlich widerstrebende Fabriksystem, indem sie Aufstände gegen die Fabriken organisierten, bei denen sie die Maschinen zerstörten (sog. Maschinenstürmereien)11. In den Anfangsjahren des 19. Jahrhunderts waren es dann die Handwerker, die stürmten, da sie ihre Existenz durch die maschinelle Produktion (schneller, günstiger) gefährdet sahen. Daraufhin wurde die Maschinenstürmerei 1812 mit der Todesstrafe belegt, während auch berühmte Arbeiterführer sich gegen diese Aufstände stark machten, so dass die Arbeiterbewegung politischen Charakter bekam. 1819 dann machten sich die Arbeiter zu einem unbewaffneten Protestmarsch nach London auf, wurden allerdings auf einem Feld von den britischen Truppen niedergeschossen. Jegliche politische Aktivität war den Arbeitern untersagt. Lediglich ab 1824 wurden sehr ursprüngliche Gewerkschaften erlaubt.

In den dreißiger Jahren entstand dann die Chartistenbewegung, deren Grundsätze 1834 in der Charta der Menschenrechte formuliert wurde. Der Chartismus als proletarische Massenbewegung forderte politisch allgemeines Stimmrecht, die Abschaffung der Zensur, direkte und geheime Wahlen und einen jährlich Parlamentswechsel sowie sozialpolitisch eine festgelegte Höchstarbeitsstundenanzahl pro Tag, Arbeitslosenbeschäftigung sowie eine Verringerung der Kornzölle (und damit ein Sinken der Brotpreise). Politisch scheiterten die Chartisten bald, aber sie brachten dennoch zusammen mit einigen engagierten Personen im Parlament die Arbeiterbewegung erheblich voran. Kommissionen zur Untersuchung der sozialen Lage der Arbeiter wurden eingesetzt, aufgrund derer Berichte schon 1819 im First Factory Act die Arbeit von Kindern unter 9 Jahren verboten und (nur gültig für die Baumwollindustrie) die Arbeitszeit für unter 16-Jährige auf maximal 12 Stunden täglich reduziert wurde. 1833 folgte dann die branchenübergreifende Regelung der Arbeitszeiten: keine Nachtarbeit mehr für Jugendliche unter 18 Jahren, tägliche Höchstarbeitszeit für neun- bis 12 Jährigen 8 Stunden und für 13- bis 18-Jährige 12 Stunden.

1842 wurde jede Beschäftigung von Frauen und Kindern unter 10 Jahren in den Bergwerken verboten und 1847 die Arbeitszeit für Kinder und Jugendliche allgemein auf 10 Stunden täglich beschränkt.

All diese Gesetzte konnten nur gegen den Widerstand der Fabrikanten durchgesetzt, die auch versuchten sie mit allen Mitteln zu umgehen. In den 70er Jahren hatte sich dann aber das Gesicht der Industriellen verändert. Sie versuchten die Arbeitsbedingungen durch Rationalisierung, produktionstechnische Neuerungen, kürzere Arbeitszeiten sowie höhere Löhne zu verbessern und erkannten die Gewerkschaften als Verhandlungspartner an. Die Arbeiterschaft hatte sich ihren Platz rechtlich, politisch und gesellschaftlich erkämpft und wurde von den durch Staat und Gesellschaft getragenen Gewerkschaften im Kampf um die ökonomischen Rechte vertreten. Auch diese Bewegung war Vorbild, für die Entwicklungen in den anderen europäischen Ländern.

6 Schlußbemerkungen

Meine Aufbereitung des Themas zeigt einerseits die erschreckende Seite der sozialen Folgen der industriellen Revolution in England und andererseits aber auch die Wege, die gläubige Christen und auch viele andere Menschen einschlugen, um ihnen zu begegnen. Vielleicht erscheinen die Werke der Christen zunächst als zu gering, da nicht allen Arbeitern direkt geholfen wurde, aber sie waren insgesamt Wegweiser, ließen die Umstände für einen Teil der Bevölkerung erträglich werden und beschleunigten letztendlich auch die sozial-politische Revolution ( die aber hauptsächlich den neuen Gewerkschaften zu verdanken war ). Als weitere wichtige Entwicklung der englischen Kirchenwelt ist das Oxford-Movement mit Kardinal Newman (1801-1890) zu erwähnen, das aber mehr theoretischer als sozial- praktischer Natur war, und deshalb von mir hier ausgelassen wurde. Auch die komplizierten Verhältnisse der unterschiedlichen Kirchen in England aufzuzeigen, erschien mir in Bezug auf das Thema nicht sinnvoll.

Insgesamt gestaltete sich diese Arbeit für mich interessant, da praktische christliche Arbeit, wenn auch nicht die heutige, im Mittelpunkt stand. Die Grundsätze der verschiedenen Personen und Gruppen können meiner Meinung nach zum Teil auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch Leitsätze christlich-geprägter Sozialarbeit sein.

7 Literaturverzeichnis

Brakelmann, Günter (1981): Die soziale Frage des 19. Jahrhunderts. Bielefeld.

Brockhaus-Enzyklopädie (1989): Band 9, Got-Herp. Mannheim.

Brown, Stewart J. (1985): Thomas Chalmers. In: Greschat, Martin (Hrsg.) (1985): Gestalten der Kirchengeschichte - Die neueste Zeit I. Stuttgart. Dowley, Tim (1979): Die Geschichte des Christentums. Wuppertal. Dowley, Tim (1977): The history of Christianity. Bristol.

Friebel, Isolde / Händel, Heinrich (1982): Großbritannien - Band 2: Wirtschaft und Gesellschaft. München.

Gadille, Jacques u.a. (1997): Die Geschichte des Christentums - Bd. 11. Freiburg. Haan, Heiner u.a. (1982): Einführung in die englische Geschichte. München. Internet: http://www.britannica.com

http://landow.stg.brown.edu http://people.clemson.edu http://www.pomeraug.com

Marx, Karl (1867): Das Kapital - Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band.

Hamburg. 1993er MEW-Ausgabe, Bd.23.

Niedhart, Gottfried (1982): Einführung in die englische Geschichte. München. Niedhart, Gottfried (1987): Geschichte Englands im 19. und 20. Jahrhundert. München.

Ploetz Verlag (1980): Der große Ploetz - Auszug aus der Geschichte. Würzburg. Smith, Adam (1776): An Inquiry into the Nature and the Causes of the Wealth of Nations. London.

Timm, Wiebke (1993): Die Frauenarbeit. Kiel. (Studentische Hausarbeit im Rahmen eines Proseminars: Die industrielle Revolution in England)

Wende, Peter (1985): Geschichte Englands. Stuttgart.

[...]


1 Aus: Brakelmann, Günter (1981): Die soziale Frage des 19. Jahrhunderts. Bielefeld. S. 25.

2 Aus: Marx, Karl (1867): Das Kapital - Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Hamburg. MEW-Ausgabe, Bd. 23. S. 416

3 Aus: http://landow.stg.brown.edu/victorian/history/ashley.html

4 vgl.: Tim Dowley (1979): Die Geschichte des Christentums. Wuppertal. S. 510 -530.

5 Vgl.: www.britannica.com

6 vgl.: www.britannica.com und Friebel, Isolde / Händel, Heinrich: Großbritannien - Band 2: Wirtschaft und Gesellschaft. München. S. 26f.

7 vgl.: Greschat, Martin (Hrsg.) (1985): Gestalten der Kirchengeschichte - Die neueste Zeit I. Stuttgart.

S. 172 ff.

8 vgl.: Dowley, Tim (1979): Die Geschichte des Christentums. Wuppertal. S. 529. sowie www.britannica.com

9 vgl.: Dowley, Tim (1977): The history of Christianity. Bristol. S. 520f.

10 vgl.: Dowley, Tim (1979): Die Geschichte des Christentums. Wuppertal. S. 516 f. sowie www.britannica.com

11 vgl.: Brakelmann, Günther (1981): Die soziale Frage des 19. Jahrhunderts. Bielefeld. S. 29 ff. sowie Ploetz Verlag (1980): Der große Ploetz - Auszug aus der Geschichte. Würzburg. S. 797 ff.

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Christlich-motivierte Reaktionen auf die sozialen Folgen der Industrialisierung in England
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
20
Katalognummer
V97687
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit stellt da Lebenswerk einiger Engländer und Schotten sowie die Folgen der Industrialisierung für die Arbeiterklasse dar.
Schlagworte
Christlich-motivierte, Reaktionen, Folgen, Industrialisierung, England
Arbeit zitieren
Stephanie Dölling (Autor), 2000, Christlich-motivierte Reaktionen auf die sozialen Folgen der Industrialisierung in England, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97687

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